allen sogenannten Volksfreunden früher und jetzt habe nur noch jeder seinen persönlichen Vortheil im Auge gehabt . Der Eine verkaufe seine Grundsätze ein wenig theurer als der Andere - der Eine lasse sich seine Apostasie mit Geld , ein Zweiter mit Ehrenstellen , ein Anderer wieder anders bezahlen - das sei aber auch der ganze Unterschied . Damals widersprach ich natürlich lebhaft - es war gleich zu Anfang meines hiesigen Aufenthalts - ich weiß nicht , ob ich noch heut dazu den Muth hätte . Denn , mein Freund , ich denke an Marie Antoinette , und denke , wenn eine andere Frau , so schön und so geistreich , wie die unglückliche Königin , eine Frau mit den Augen und dem Schmelz der Stimme und dem Liebreiz , wie - nun wie mein Ideal , die Frau , die ich lieben könnte , lieben müßte - zu mir spräche : Das Abschwören Deiner Grundsätze ist der Preis meiner Gunst ! - Gott , sie wird es nicht sagen , sie kann es nicht sagen , denn ich will glauben , daß in dem schönsten Körper die schönste Seele wohne ; aber , wenn sie dennoch in den Vorurtheilen ihres Standes so befangen wäre - wie dann ? O , ich fühle , nein , ich weiß , daß ich ihren Worten , ihren Thränen nicht widerstehen könnte ; daß vor der Gluth ihrer Küsse , dem Feuer ihrer Blicke die stolze Kraft hinschmelzen würde , wie Wachs ; daß , wenn sie ihre weichen Arme um mich schlänge , ich nicht im Stande wäre , mich loszureißen ; daß aus der gepreßten Brust kein Wort des Zornes , kein Wort des Hohnes sich losringen würde , nein ! nur das eine Wort : ich liebe Dich ! Sie lächeln , o mein Freund , daß mich eine bloße Hypothese , ein bloßes Problema so in Aufregung versetzen kann . Sie denken , in der kühlen Luft der Wirklichkeit gedeihen dergleichen phantastische Treibhauspflanzen nicht . Nun wohl , das Ganze ist nur ein Problema , und wollte Gott , es bliebe problematisch ! ... Sechszehntes Capitel Gott zum Gruß , lieber Herr College ! Viele Empfehlungen von Frau von Berkow , und hier schickt sie Ihnen den Bemperlein und den Julius zur gefälligen Ansicht , aufgeschnittene Exemplare werden nicht zurückgenommen . So sprach lächelnd ein kleiner , blasser , schwarzhaariger , Brille tragender , etwas unmodisch , aber sehr sauber und nett gekleideter Herr von etwa dreißig Jahren , der am Nachmittag desselben Tages , einen Knaben an der Hand führend , in Oswalds Zimmer trat . Seien Sie bestens willkommen ! sprach dieser , sich hastig aus der Sophaecke erhebend , in welcher er , in Sinnen und Brüten versunken , gesessen hatte , und reichte dem Eintretenden nicht ohne einige Verwirrung die Hand . Mit unendlichem Interesse blieb sein Blick auf dem Knaben haften , dem Sohn der Frau , die er liebte . Julius von Berkow war eine reizende Erscheinung . Die Blouse von dunkelgrünem Sammet , die er mit einem breiten Riemen um den schlanken Leib gegürtet trug , gab ihm das Aussehen eines allerliebsten kleinen Pagen . Dunkle Locken wallten in weichen Ringeln von dem edelgeformten Kopfe , sein Gesicht war mädchenhaft schön und zart , und Oswald zuckte zusammen , als er die warme , weiche Hand des Knaben für einen Augenblick in der seinen hielt , und in die großen lichtbraunen , träumerischen Augen schaute . Es war ihm , als hätte er Melitta ' s Hand berührt , als hätte er in Melitta ' s Augen geschaut . Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen , Herr Bemperlein , sagte er , seine Verwirrung bemeisternd , daß Sie noch die Zeit gefunden haben , herüber zu kommen . Aufrichtig , ich habe Sie heute halb und halb erwartet , um so mehr , als Bruno es für eine Unmöglichkeit hielt , Julius könne abreisen , ohne vorher von ihm förmlichen Abschied genommen zu haben . Da sprang die Thür auf und herein stürzte Bruno , ein mächtiges Butterbrod in der Hand . Hurrah , Julius , Zuckerpuppe ! schrie er , Dein Glück , daß Du gekommen bist ! Ich wäre Dir sonst nach Grünwald nachgelaufen , Dich auf offener Straße durchzuprügeln . Hier , beiß ab ! Das letzte Butterbrot , das wir für lange Zeit mit einander theilen ! Und nun komm ! wir wollen noch einmal durch den Garten in den Wald laufen . Sie bleiben doch zu Abend hier , Herr Bemperlein ? Non , Monseigneur ! erwiderte hier , der sich auf einen Stuhl gesetzt hatte und sich den Schweiß von der Stirn trocknete ; unsere Augenblicke sind gezählt . Sie würden mich verbinden , wenn Sie Ihre Excursionen nicht über den Garten ausdehnten und vor allem , wenn Sie Julius nicht wieder in den Graben würfen , wie das letzte Mal . Julius , habe ich Dich in den Graben geworfen ? Nein , aber herausgezogen , nachdem ich hineingefallen war . Nun , so komm mein Zuckerpüppchen ! rief Bruno , hob den schmächtigen Knaben in seinen Armen empor und trug ihn zur Stube hinaus . Ist das ein Junge ! sagte Herr Bemperlein ; Herr meines Lebens , ist das ein Junge ! Wahrlich , Herr Colega , ich bewundere Sie . Weshalb ? Weil ich Sie in einen leichten Sommerrock gekleidet sehe , und nicht umhüllt mit dreifachem Erz , wie der erste Schiffer des Horaz , und wie , meiner Meinung nach , der Mann gepanzert sein muß , der es mit solch ' einem Seeungeheuer , so einem Hayfisch , so einem stachlichen Rochen - ich meine Bruno - zu thun hat . Um Himmelswillen , Herr Bemperlein , sagen Sie mir nicht , wenn wir Freunde werden wollen , daß Sie Bruno nicht leiden können . Ich ihn nicht leiden können ! Ich liebe ihn wie einen Sturm auf der See , den ich vom Ufer aus beobachten kann , wie ein wildes Pferd , das mit einem Andern durchgeht , wie ein Gewitter , das eine Meile von mir einschlägt . - Apropos ! das war gestern ein entsetzliches Gewitter . Wir sind erst um elf Uhr nach Hause gekommen . Frau von Berkow sagte mir , Sie seien vollständig eingeregnet gewesen in dem Waldhäuschen . Wollen Sie in der That schon morgen abreisen ? sagte Oswald , dem Gespräch eine andere Wendung zu geben . Ob ich will ? sagte Herr Bemperlein in weinerlichem Tone ; ob ich will ? durchaus nicht , Werthgeschätzter ; aber muß ! Das ist es ja eben . Ach , wenn ich könnte , wie ich wollte , ich ginge im Leben nicht weg von Berkow ; und auch im Tode nicht , denn ich würde mir als letzte Gunst erbitten , dort begraben werden zu dürfen . - Und wie es mit mir werden soll , wenn ich nun doch weggehe , daran , lieber College , mag ich gar nicht denken . Leben Sie einmal , wie ich , sieben Jahre an einem und demselben Ort , und lassen Sie diesen Ort Berkow sein , und wachsen Sie fest an diesem Ort mit allen Wurzeln Ihres Wesens , daß Sie jeden Spatz , der über Ihrem Fenster nistet , persönlich kennen , und mit jedem Pferde in dem Stalle auf Du und Du stehen ; und dann versuchen Sie , sich loszureißen - und Sie werden empfinden , wie weh das thut . Der gute Mann griff wieder nach seinem Taschentuche und fuhr sich unter dem Vorwande , den Schweiß von der Stirn abtrocknen zu wollen , ein paar Mal über die nassen Augen . Ich begreife das vollkommen , sagte Oswald mit ungeheuchelter Theilnahme . Sie können das nicht begreifen , lieber Collega ! Sehen Sie , da habe ich im vorigen Frühjahr angefangen , mir einen Epheu in meinem Fenster zu ziehen , und mich den ganzen Sommer und Winter darauf gefreut , wie hübsch es in diesem Herbst sich ausnehmen würde , wenn das Fenster von unten bis oben berankt wäre , und wir , das heißt ich , mein Kanarienvogel und mein Laubfrosch , uns hinter den breiten Blättern verstecken könnten - denn Sie glauben nicht , wie breite Blätter ich gezogen habe - so groß , wie Weinblätter - und in diesem Herbst wird mein Fenster mit grünen Ranken ganz vergittert sein ; aber meine Stube wird leer stehen , und die Sonnenstrahlen werden durch die Blätter schimmern und die Regentropfen daran herunterrinnen , und keine Menschen- und keine Thierseele wird sich darüber freuen . Ich glaube , ich kann Ihnen das nachfühlen , sagte Oswald . Unmöglich , lieber Collega , unmöglich ! seufzte der Andere . Ich sage Ihnen , so ein Fenster giebt es auf der weiten Welt nicht mehr . - In der tiefen Nische steht ein Lehnstuhl , mit schwarzem Leder überzogen , den mir Frau von Berkow vor zwei Jahren zu meinem Geburtstage geschenkt hat ; - eine Schlummerwalze , die sie mir zu meinem letzten Geburtstage selbst gehäkelt hat , hängt an der Lehne - na , das läßt sich eben nicht beschreiben . Aber da so zu sitzen an einem Sommerabend , wenn die Stimme von Frau von Berkow und Julius aus dem Garten zu mir herauf tönen und der Rauch meiner Cigarre in blauen Streifen durch die Blätter hinauszieht - Bei diesen Worten blies Herr Bemperlein zwei mächtige Rauchwolken aus seiner Cigarre durch das geöffnete Fenster , an dem er saß , und schüttelte wehmütig den Kopf , als wollte er sagen : das bringt hier nicht die mindeste Wirkung hervor ; das sollten Sie einmal von meinem Lehnstuhle aus sehen . Ja , ja , - schaltete Oswald ein . Nein , lieber Collega , Sie können sich unmöglich in meine Stimmung versetzen . Sie wissen nicht , welch ein liebenswürdiger Knabe Julius ist . Sieben Jahre bin ich nun bei ihm , aber wenn er mir in allen diesen Jahren auch nur eine böse Stunde , ja nur Minute gemacht hat , so will ich nicht Anastasius Bemperlein heißen . Und nun die Frau von Berkow - Sie kennen Sie nicht , lieber Collega - Oswald wandte sich ab , denn er fühlte , wie ihm das Blut in die Wangen schoß - Sie haben keine Ahnung , welch ein Engel von Güte diese Frau ist . Was verdanke ich ihr nicht ! Bevor ich nach Berkow kam , wußte ich von Luft und Sonnenschein , und allem Schönen auf der Welt gerade so viel , wie ein Maulwurf - ich war ein richtiger Bär , ein vollständiges Nilpferd , und daß ich jetzt einigermaßen einem Menschen ähnlich sehe , verdanke ich nur ihr . Und wie hat sie sich meiner in jeder andern Beziehung angenommen ! Einmal , erinnere ich mich , lag ich viele Wochen lang am Thyphus darnieder . Die ersten Wesen , die ich deutlich erkannte , als ich aus meinem Torpor erwachte , waren die gnädige Frau und der alte Baumann . Es war ein Sommernachmittag wie heute . Meine Bettvorhänge waren halb zugezogen , Baumann und die gnädige Frau standen ein paar Schritte entfernt am Tisch . Wenn ich nicht selbst krank werden will , so muß ich heute Nachmittag eine halbe Stunde spazieren reiten , Baumann , sagte Frau von Berkow , daß Er mir den Bemperlein unterdessen nicht sterben läßt . Zu Befehl , sagte der alte Baumann . Aber damit Sie nicht etwa glauben , lieber Herr Collega , daß ich in dieser Behandlung von Seiten der gnädigen Frau eine Bevorzugung erblicke , die meinen ganz besonderen Verdiensten zu Theil würde , so setze ich hinzu , daß ich Frau von Berkow dieselbe Huld und Gnade an viele Andere , zum Theil ganz gleichgültige Personen habe verschwenden sehen , so daß ich wahrlich glaube , das Herz dieser Frau ist aus durchaus edlerem Stoffe , als sonst die Menschenherzen sind , und daß sie Gutes thun und Andere beglücken muß , gerade wie ein Kanarienvogel singt und ein Eichhörnchen springt , weil ' s eben so ihre schöne Natur ist , und sie nicht anders kann . Verzeihen Sie , lieber Collega , daß ich mit diesen Dingen , die Sie nicht interessiren und nicht interessiren können , Ihre Zeit in Anspruch nehme , aber mein Herz ist wirklich zu voll , als daß es nicht überfließen sollte , und ich habe das Vertrauen zu Ihnen , daß Sie mich deshalb nicht für einen sentimentalen Gesellen halten werden . Ich kann Sie nur versichern , daß Sie Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen schenken , Herr Bemperlein , auch wenn Sie mir nicht erlauben , mit Ihnen zu sympathisiren . Ich Ihnen das nicht erlauben ? Es ist mein innigster Wunsch , daß Sie das vermöchten , um so mehr , als ich , offen gestanden , hauptsächlich in der ganz egoistischen Absicht herübergekommen bin , Sie in einer für mich hochwichtigen Angelegenheit um Rath zu fragen . Mich ? Ja , Sie ! Ich will Ihnen auch ganz offen sagen , wie Sie dazu kommen , bei mir die Stelle des weisen Einsiedlers im Walde , zu dem sich die vom Zweifel geplagte Creatur flüchtet , einzunehmen . Sie sind zu diesem verantwortlichen Amte durch eine Stimme erhoben , gegen die für mich kein Appell existirt ; ich meine durch die Stimme der Frau von Berkow . Ich versuchte ihr heute Morgen auseinanderzusetzen , was ich Ihnen alsbald mit Ihrer gütigen Erlaubniß mittheilen will ; sie hörte mich mit himmlischer Geduld von Anfang bis zu Ende an und sagte dann , ihre Hand für einen Augenblick auf die meinige legend : Lieber Bemperlein , sagte sie , wollen Sie meinen Rath hören . Natürlich , gnädige Frau ! sagte ich . Nun denn , sagte sie , lieber Bemperlein , gehen Sie hinüber nach Grenwitz , bringen Sie Herrn Doctor Stein eine Empfehlung von mir , und erzählen Sie ihm ganz ausführlich , was Sie mir eben gesagt haben ; und was er Ihnen dann antwortet , das nehmen Sie als meine Antwort . Auf Oswalds Lippen schwebte ein stolzes Lächeln . Er sah in dieser Demuth Melitta ' s eine ihm dargebrachte Huldigung ; er fühlte , daß sie ihrer Liebe keinen reineren Ausdruck geben konnte , als durch dieses Geständniß , wie fortan ihre Existenz in der ihres Geliebten aufgehe . Wie Sie sich aus dieser Verlegenheit ziehen werden , fuhr Herr Bemperlein fort , ist Ihre Sache : die Rolle des Vertrauten ist Ihnen einmal zugetheilt , und Sie müssen dieselbe herunterspielen , so gut Sie können . Die Sache ist nämlich einfach die , oder vielmehr gar nicht einfach , sondern sehr complicirter Weise , auf alle Fälle indessen ist die Sache die : Ich bin nämlich - ich habe nämlich - aber hier kann ich Ihnen das nicht erzählen , ich muß dazu den Himmel über mir haben , denn unter dem blauen Himmel sind mir die Gedanken gekommen , die eine solche Revolution in meinem Innern hervorbrachten . Sie thäten mir also einen Gefallen , Herr Collega , wenn Sie mir nach Berkow das Geleit geben wollten . Unterwegs lege ich Ihnen meine Beichte ab . Jetzt will ich gehen , Julius zu rufen , und mich bei den Herrschaften zu empfehlen . Machen Sie sich unterdessen zurecht ; aber lassen Sie mich um Himmelswillen nicht lange warten . Zehn Minuten reichen vollkommen zu , und länger halte ich auch ein tête-à-tête mit Ihrer Baronin nicht aus . Also à revoir in zehn Minuten , es schadet nichts , wenn es auch nur neun sind . Als Oswald nach unten kam , complimentirte sich gerade Herr Bemperlein vor dem alten Baron zur Thür der Wohnstube hinaus . Keinen Schritt weiter , Herr Baron ! Uff ! - Nun lassen Sie uns machen , daß wir wegkommen , Herr Collega . Wo ist mein Julius ? Auf dem Hofe fanden sie die Knaben . Bruno saß auf dem Rand des Brunnens der kopflosen Najade , und schlichtete Julius , der zwischen seinen Knieen stand , das lange lockige Haar . Wie willst Du denn ohne den Pony fertig werden , Julius ? Ja , ich will sehen , vielleicht lasse ich mir ihn nachschicken . Du Glücklicher , ich glaube , Du läßt Dir auch Deine Mama und Herrn Bemperlein nachschicken , wenn ' s ohne sie nicht geht . - Ich wollte , ich könnte mit Dir nach Grünwald , und sähe dies verdammte Nest im Leben nicht wieder . Mama sagte mir , Du hättest Herrn Stein so lieb , ist das wahr ? Ich ihn lieb ? sagte Bruno , den Kopf trotzig in die Höhe werfend ; weshalb sollte ich ihn lieb haben ? er ist mir ganz gleichgültig . Er bekümmert sich viel um mich ! Er ! Gestern ist er den ganzen Tag ohne mich umhergelaufen , und heute hat er mich noch keines Blickes gewürdigt - er ist mir ganz gleichgültig ; hörst Du ? sag ' das nur Deiner Mama , ganz gleichgültig ! - Und damit verbarg er sein Gesicht in Julius Locken und schluchzte . Was ist Dir , Bruno ? Mir ? nichts ! was sollte mir sein ! Bruno , ich begleite Herrn Bemperlein ! rief Oswald herüber . Herr Doctor , ich begleite Julius ! rief Bruno zurück . Wo ist Malte ? Soll ich Maltes Hüter sein ? Malte ist auf dem Zimmer des Barons , sagte Herr Bemperlein ; er ist von der Fahrt sehr angegriffen ; die Baronin meint , er fiebere etwas , und der Baron hat ihm auf dem Sopha ein Lager zurecht gemacht , wie einer jungen Katze . Welchen Weg nehmen wir ? Ich denke , wir gehen durch den Wald , sagte Oswald . Sie gingen über die Zugbrücke , die seit zwei Jahrhunderten nicht mehr aufgezogen werden konnte , durch die Lindenallee in den Wald , Herr Bemperlein und Oswald voran , Bruno und Julius folgten in einiger Entfernung . Bruno hatte den Arm um Julius ' Nacken geschlungen , er hatte heute , oder wollte heute für nichts Interesse haben , als für seinen Freund , den er immer sehr geliebt und auf dessen braune Augen er mehr als ein Gedicht gemacht hatte , und den er jetzt in der Trennungsstunde mit stürmischen Zärtlichkeiten überhäufte . Du wirst fortreisen , Julius , klagte er , und wenn Du drei Tage fort bist , wirst Du mich vergessen haben . Ich werde Dich nie vergessen , Bruno . So ? weißt Du das gewiß ? Da hast Du ein besseres Gedächtniß , als Oswald - ich meine Herrn Doctor Stein . Der hat mir auch gesagt , daß er mich lieb hätte wie einen Bruder , und seit vorgestern Abend weiß er nicht mehr , daß ich auf der Welt bin . Jetzt erzählt er wahrscheinlich Herrn Bemperlein , daß er ihn wie seinen Bruder liebt ; sieh nur , wie er ihm vertraulich den Arm giebt ! Nach mir sieht er sich nicht einmal um . O , ich hasse ihn , ich hasse Alle , Alle - nur Dich nicht , Julius ! Während so der unglückliche Knabe seine Liebe und seinen Kummer in den Busen seines Freundes schüttete und wohl fühlte , daß auch der ihn nicht verstände , und daß er allein , ganz allein sei auf dieser für ihn so freudelosen Erde , sprach Herr Bemperlein also zu Oswald : Siebzehntes Capitel Wie gesagt , lieber Collega , mein Vater war ein Pastor , mein Großvater , ja was sage ich : meine beiden Großväter waren Pastoren , denn meine Mutter war eine Pfarrerstocher ; mein Urgroßvater väterlicher Seits war wenigstens ein Küster , der die Tochter eines Schäfers , also auch eines Pastors heirathete . Weiter habe ich meinen Stammbaum nicht verfolgen können - aber ex ungue leonem ! Sie sehen , daß bis auf mich herab das eigentliche Geschäft meiner Vorfahren das Weiden von Heerden , - Menschen- oder Schaafherden - gewesen ist . Auch auf mir scheint der Geist meiner Ahnen zu ruhen . Thiere auf die Weide bringen , war von jeher meine Leidenschaft , und noch jetzt kann ich Stunden lang an das Gatter einer Koppel gelehnt stehen und den Kälbern und Füllen zusehen , - es ist ohne Zweifel etwas Paradiesisches in diesem Zustand behaglichen Genusses , der uns an die Urzeit der Menschen , mich zum wenigsten sehr lebhaft an meine Jugendzeit erinnert . Denn mein erster Freund war ein Gänsejunge , später war ein kleiner Schweinehirt mein Pylades , und der vertraute Umgang mit diesem Eumaeus posthumus hat mich aus der Lectüre gewisser Gesänge der Odyssee einen Genuß schöpfen lassen , der Anderen , welche ohne meine gründliche Vorbildung daran gehen , ganz unerklärlich sein muß . Als mein Pylades zum Rinderhirten avancirte , verließ ich weinend mein Heimathsdorf , um nach Grünwald auf ' s Gymnasium zu gehen , wo ich sogleich in die Tertia eintrat und von Lehrern und Schülern als ein kleines Ungeheuer angestaunt wurde , von Letzteren in Anbetracht meiner fabelhaften Toilette , in welcher ein Paar Hosen , die bis zum Knie hinauf aus gutem Rindsleder bestanden , noch nicht das merkwürdigste Stück war , - von Ersteren wegen meiner nicht weniger fabelhaften Gelehrsamkeit . Ich wußte den halben Virgil auswendig , las das neue Testament in der Ursprache so fließend , wie meine Mitschüler Luthers Uebersetzung - und das Alles mit dreizehn Jahren ! Mir graut jetzt selbst , wenn ich daran denke . Damals indessen kam mir das Alles sehr zu statten ; denn mein Vater , der eine zahlreiche Familie zu ernähren hatte , und so arm war , wie die Mäuse in seiner Kirche , konnte mir außer seinem Segen und sechs Empfehlungsbriefen an eben so viele mitleidige Familien , die sich jede zu einem Freitisch wöchentlich verstanden , - den siebenten Tag , an welchem ich keinen Freitisch hatte , setzte ich nothgedrungen zum Fasttage ein für alle Mal ein - so gut , wie nichts mit in die Stadt geben . Ich war also gänzlich auf mich angewiesen ; aber ich hatte durchaus keine kostbaren Gewohnheiten , statt dessen aber das Talent , von einem Butterbrode satt zu werden , bei einem Thranlämpchen lesen und mit zugespitzten Schwefelhölzern schreiben , meine sechs Schulstunden absitzen und noch eben so viele Privatstunden geben zu können , so daß ich nicht nur die Miethe für mein Dachstübchen und alles unumgänglich Nothwendige pünktlich bezahlte , sondern auch schon nach zwei Monaten meine ledernen Hosen mit einem Paar von städtischerem Stoff und Schnitt vertauschen durfte . Den Spitznamen Lederstrumpf indessen , den meine Mitschüler mir gegeben hatten , und den bei dieser Gelegenheit los zu werden , meine stille Hoffnung und die eigentliche Veranlassung meines Luxus gewesen war , behielt ich nach wie vor ; und das war meine gerechte Strafe . Daß mir es im Uebrigen in der Schule gut ging , verdankte ich besonders einer nicht ungeschickten Politik , die ich unausgesetzt verfolgte . Ich hatte nämlich bald herausgefunden , daß die Stärksten und Größten in der Klasse auch zugleich immer die Dümmsten und Faulsten waren . Ich verfehlte also niemals , mit ihnen ein Schutz- und Trutzbündniß abzuschließen , das hauptsächlich auf folgende zwei Bedingungen basirt war : ich mache Dir Deine Arbeiten und dafür prügelst Du mich weder selbst , noch giebst Du zu , daß mich ein Anderer prügelt ; und ich muß gestehen , daß dieser Vertrag stets unverbrüchlich gehalten wurde . Als ich siebzehn Jahre alt war , fand mein Lehrer , daß ich schon seit einem Jahre zur Universität reif sei , wenn darunter nämlich verstanden wird , daß man mit Schulkenntnissen aller Art angefüllt ist , wie ein Ei voll Dotter , im Uebrigen aber so unwissend und hülflos , wie ein Küchlein , das eben aus der Schale kroch . Daß ich Theologie studirte , stand natürlich für mich so fest , als daß ich einmal sterben müßte . Söhne von pensionirten Hauptleuten werden in ' s Cadettencorps gesteckt , und Söhne von armen Landpastoren in ' s theologische Seminar geschickt : das ist so selbstredend , wie irgend ein anderes Stück der Naturgeschichte . - Wohl ; ich studirte also Theologie , das heißt , ich ging fleißig in ' s Colleg und schrieb ganze Wagenladungen voll der abstrusesten Gelehrsamkeit . Im Uebrigen setzte ich so ziemlich mein Leben so fort , wie ich es von der Schule gewohnt war , selbst mein Dachstübchen hatte ich behalten und Privatstundengeben war mein Erwerbsquell nach wie vor , um so mehr , als jetzt einer meiner jüngeren Brüder bei mir lebte , dem ich das kleine Stipendium , das ich von der Universität erhielt - Sie wissen , daß in Grünberg ein Student ohne Stipendium eine rara avis ist - überließ , sowie die Freitische , die ich jetzt entbehren konnte , da die Caravanserei des Convicts mir ihre gastlichen Thore geöffnet hatte . So verging das Triennium in etwas monotoner , aber nicht unbehaglicher Weise . Ein Tag sah so ziemlich aus wie der andere ; nur der Mittwoch hatte für mich eine etwas finstere Physiognomie , weil es an demselben Erbsen mit Schweinefleisch im Convict gab , ein Gericht , an das ich mich , trotz meiner liberalen Grundsätze in dieser Beziehung , niemals haben gewöhnen können . Ich mußte jedesmal , wenn die Schüssel zu mir kam , an die schönen Sommermorgen denken , die ich im Eichwalde zugebracht hatte , wenn mein Eumaeus posthumus seine Heerde weidete , und ich die Eclogen des Virgil dazu las ; und dann blieb mir der Bissen im Munde stecken . Sie werden das wahrscheinlich sehr sentimental finden , aber es hat ja Jeder seine Schwächen . - Vom Leben sah ich während dieser Zeit ungefähr so viel , wie ein Kameel in der Menagerie von der Wüste . Mein Umgang war äußerst beschränkt , er richtete sich wesentlich nach meinen Mitteln ; wie ich denn überhaupt glaube , daß zwischen diesen Beiden eine Art Wechselverhältniß stattfindet ; wenigstens bemerkte ich , daß die wohlhabenderen Studenten immer heerdenweise angetroffen wurden , während die ärmeren einzeln durch die Gassen schlichen ! Ich weiß nicht , ob das im Leben auch so ist . Vor diesen wohlhabenderen Studenten - denn es giebt deren selbst in Grünwald , und in meinen Augen war ein Jeder , der einen sicheren Wechsel von fünfzig Thalern jährlich hatte , ein Krösus - empfand ich übrigens allen möglichen Respect . Diese schnurrbärtigen , gestiefelten Kater erschienen mir als sehr absonderliche Geschöpfe Gottes , und ich konnte nie recht begreifen , wie eine , doch sonst auf die Ruhe ihrer Unterthanen so eifersüchtige Regierung , sie in ihrer ganz uncivilisirten Freiheit umher laufen lassen könne . Ich muß gestehen , daß ich die drei Jahre hindurch in einer beständigen Furcht vor einer Herausforderung lebte . Nicht , als ob es mir an persönlichem Muth gebräche ! Ich habe glücklicherweise hernach ein paar Mal im Leben Gelegenheit gehabt , mich vom Gegentheil zu überzeugen ; ich fürchtete nur die Schiefheit der Lage , in die ich mich bei einer solchen Eventualität versetzt sehen würde . Den ganzen sogenannten Comment hielt ich nämlich von jeher für den abominabelsten Unsinn , verderblich für die Gesundheit , viel verderblicher aber noch für die Moral , denn er zwingt die jungen Gemüther ihr eigenes Denken und Fühlen heroisch dem Moloch eines barbarischen Ehrbegriffs , der lächerlichsten Carricatur eines Codex der Moral , der je erfunden ist , zu opfern , und gewöhnt sie auf diese Weise systematisch an jenes blinde , katholische Gehorchen , welches mir die eigentliche Sünde gegen den heiligen Geist zu sein scheint . Ich weiß nicht , ob wir hierin einer Ansicht sind , Herr Collega ? Vollkommen , antwortete Oswald . Und nun rechnen Sie zu den Uebelständen dieses modern-mittelalterlichen Studentenlebens , daß die Jünglinge gerade in einer Zeit , wo der Mensch am empfänglichsten ist für die Eindrücke der Außenwelt , sich hermetisch in ihrer leidigen Kneipe abschließen , anstatt die gute Gesellschaft aufzusuchen , die ihnen den Schliff geben könnte , der ihnen wahrhaftig so sehr fehlt , daß sie in den Jahren , wo selbst später sehr bornirte Aristokraten für Freiheit schwärmen , sich der exclusivesten Exclusivität befleißigen , und in dem Glanz ihrer bunten Kappen und kindischen Troddeln noch verächtlicher auf den Philister herabsehen , als der Gardelieutenant auf den Civilisten ; daß sie in der Periode , wo sie anfangen sollten , sich als Mitglieder eines großen Ganzen , als angehende Bürger zu fühlen , anfangen , einen Staat im Staate zu errichten : so haben Sie wahrlich beisammen , was einem nur halbwegs verständigen Jüngling den Geschmack an solchem albernen Studentenleben gründlich verleiden könnte . Ja , sagte Bemperlein , und es ist ganz auffallend , wie lange der Rausch , den sich die jungen Leute während ihrer glorreichen Studentenzeit trinken , anhält . Da ist hier in der Nähe unser Landrath - ein Herr von Sylow , ein Mann von vierzig Jahren - der seit mindestens zehn Jahren verheiratet ist . Gestern nun , als ich mit Julius dort meinen Abschiedsbesuch machte - die Kinder sind von jeher sehr viel zusammen gewesen - kam der Landrath nach dem Abendessen auf seine Universitätszeit zu sprechen , und gab uns , das heißt seinem Hauslehrer und mir , einen Abriß seiner studentischen Heldenthaten . Glücklicherweise war mein College seiner Zeit ein flotter Bursch in Halle gewesen , und konnte dem Landrath auf seine Fragen über den heutigen Stand des Comments die nöthige Auskunft geben . Und nun hätten Sie den edlen Herrn sich sollen ereifern