Dich störe ! der Vater schickt mich mit einer Frage . « Regina ließ das Buch , worin sie las , auf ihre Knie sinken und sah ihn an , so unbefangen - so entsetzlich unbefangen diese Frage erwartend , daß es dem armen Uriel unmöglich war , eine andere über die Lippen zu bringen , als die : » Welch ' ein Buch liest Du ? « » Will der Vater wissen , was ich lese ? « entgegnete sie . » Es ist die Philothea , vom heiligen Franz von Sales ; - sieh ' ! « Sie reichte ihm das Buch . Uriel nahm es und sagte , indem er in das Buch blickte : » Ich möchte Dich um etwas bitten , Regina . « » Was wünschest Du , lieber Uriel ? « fragte sie sanft . Er schloß das Buch , legte es auf den Tisch und sagte , indem er zum erstenmal Regina ins Auge schaute : » Dein Herz und Deine Hand . « Sie errötete , legte die Hand über ihre Augen und entgegnete mit gepreßter Stimme : » Nach allem , was ich dem Vater gesagt habe , hoffte ich , daß er Dir und mir diesen Augenblick ersparen und Dir meinen Entschluß mitteilen würde . « » Er hat es getan , Regina . « Sie ließ die Hand sinken und sagte mit ihrer gewohnten freundlichen Ruhe : » Warum fragst Du mich denn ? « » Weil ich Dich liebe , Regina ! « erwiderte er aus voller Seele . Sie schwieg ; denn sie fühlte , daß das für Uriel ein giltiger Grund sei . » Und weil ich hoffe , « wollte er fortfahren . » Nein ! « unterbrach ihn Regina , » hoffe nicht ! « Sprichst Du von Liebe , Uriel , so kann ich nur Gott bitten , daß er sie Dir aus Deinem Herzen nehme . Sprichst Du aber von Hoffnung - die kann ich Dir selbst nehmen ! « » So laß mich von Liebe sprechen , « entgegnete er ; » vielleicht lernst Du sie verstehen . « » Ich verstehe sie wohl - und gerade deshalb weiß ich , daß sie nicht für mich ist . « » Weshalb willst Du Dich seitab von uns allen stellen und Dich zu jenen Ausnahmen halten , die mehr zu bewundern , als nachzuahmen sind ? Denke an unsere Mütter ! Gab es frömmere , liebevollere , edlere Seelen ? hätten sie im Kloster vollkommener sein können , Regina ? « » Nein , sie nicht ! denn Gott rief sie nicht dahin ! « » Oder glaubst Du , daß eine Frau , wie Deine Mutter - mit einem so großen Herzen , daß sie einer Schar verwaister Kinder Mutter wurde - und mit einem so demütigen Herzen , daß ihr Leben ein beständiges Opfer gewesen war - nicht sehr wohlgefällig vor Gott gewesen sei ? « » Möchte ich dereinst so wie sie vor Gott bestehen ! « sagte Regina , und zwei große Tränen fielen von ihren Wimpern . » Nun , was fürchtest Du denn , Regina ? Fürchtest Du , ich könnte Deine religiösen Überzeugungen nicht teilen ? aber Du weißt ja das Gegenteil ! Oder ich könnte Dich in Lebensverhältnisse einführen wollen , die Dir nicht zusagen ? aber ich kann sie ja so gestalten , wie sie Deiner Neigung entsprechen , und das würde zugleich immer die meine sein . « » Ich fürchte das alles gar nicht , Uriel , aber ... ich liebe Dich nicht und werde Dich niemals lieben . « » Und ich liebe Dich so , daß ich Deinen Worten keinen Glauben schenke . « » Ein seltsamer Beweis von Liebe ! « rief sie lächelnd . » Denn ich traue mir zu , in die Schranken zu treten und Dich Gott abzuringen , ohne das Heil Deiner Seele zu gefährden . Im Kloster kannst Du Dich allein heiligen ; in der Ehe auch mich , und zwei Seelen sind mehr wert als eine . Das bring ' in Anschlag bei Deinen egoistischen Projekten , die Du gewiß in aufrichtiger Frömmigkeit , aber im Mangel eines gründlichen Verständnisses gemacht hast . Du bist nicht vereinzelt auf der Welt und hast folglich auch kein Recht , Dich und Dein Glück in der Vereinzelung zu erfassen . Das tut nur die Blüte des Egoismus : blinde Leidenschaft . « Regina hörte ihn ruhig an : » Es geht mir wie dem großen Freund Gottes , dem armen Job , « sagte sie endlich : » ich kann Dir auf Tausend nicht Eins antworten . Alles , was Du sagst , ist richtig ; aber innerhalb gewisser Schranken irdischer Glücksbedürftigkeit , irdischer Lebensauffassung und der Annahme , daß man Gott nicht ausschließlich lieben könne , ja kaum dürfe und daß das Geschöpf ein höheres Recht an uns habe , als der Schöpfer . Diese Annahme ist aber nicht in göttlicher Wahrheit begründet , was uns das Evangelium durch den heiligen Apostel Paulus lehrt , der ausdrücklich den jungfräulichen Stand über den ehelichen stellt , und zwar deshalb , weil dieser seine Richtung auf das Wohlgefallen des Geschöpfes , jener auf das des Schöpfers nehme . Wer das Verlangen nach irdischem Glück spürt , wähle den Stand , der es ihm durch das Geschöpf und durch menschliche Verhältnisse darbietet ; das tun viele Millionen , und wir wollen ihnen von Herzen wünschen und hoffen , daß sie sich heiligen . Diese in ' s Ordensleben zu versetzen , wäre grausam und unsinnig . Wer aber sagt und mit dem Herzen sagt : Solo Dios basta , und die jungfräuliche Gottesmutter und den heiligen Apostel Paulus , und Tausende von Heiligen und von frommen Ordensleuten , und den ganzen Priesterstand der heiligen Kirche für sich hat und leben will wie sie : der faßt es nicht , lieber Uriel , wie man ihm ein solches Leben als Egoismus vorwerfen könne , weil , so lange die Welt steht , der egoistische Mensch sein Glück nicht in Gott gesucht hat , sondern in allem anderen , was Gott nicht ist . « » Das geb ' ich zu , Regina ; aber das opferwillige Herz findet in allen Verhältnissen Veranlassung zu Entsagung . « » Ja , « sagte sie , » es wird sich mannigfachen Entsagungen unterziehen ; aber es macht nicht , wie das Ordensleben , seinen Stand und seine Pflicht aus der vollkommenen Weltentsagung . « » Es ist schwerer zu entsagen inmitten großer Versuchungen , als hinter Klostermauern . « » Das zu entscheiden ist nicht meine , sondern Gottes Sache , bester Uriel . Ich denke ja nicht daran , eine Heldin zu werden , nur eine demütige Braut Christi . Das hab ' ich dem Vater gesagt und das wiederhole ich Dir . « » Du beraubst den Vater seiner liebsten Hoffnung und zerreißt ein Band , welches zwei Familien in zärtlicher Übereinstimmung geknüpft haben . « » Ich weiß es , Uriel ! « rief sie schmerzlich , » und gäbe es nichts Höheres als den Wunsch der Eltern , o glaube mir , ich gehorchte . Nun aber geht es mir , wie dem heil . Pionius bei seinem Martertode , als er sagte : Ich fühle wohl die Wunden und den Schmerz , aber mein Gott ruft mich zu sich . « » Du bist eine himmlische Schwärmerin , « sagte er , in ihren Anblick verloren ; » aber die Erde hat auch Rechte an Dich . « » Ich entziehe mich ihnen nicht , Uriel ; denn ich leide und werde noch viel mehr leiden . Das ist mein Anteil an den Rechten der Erde . « » Leid ohne Liebe , das ist fürchterlich ! « rief er in heftiger Bewegung . » O Du Tor ! « sagte sie lieblich und mit einem seligen Lächeln , » kannst Du wähnen , daß der göttliche Vielgeliebte keine Liebe zu seiner Braut hat ? « Uriel schüttelte leise den Kopf und erwiderte : » Regina , Du machst mir den Eindruck einer Nachtwandlerin , die mit leichtem und sicherem Schritt am Rande eines Abgrundes geht , wohin kein menschlicher Fuß sich wagt . Sie geht sicher , so lange sie nicht sieht ; schlägt sie aber ihre Augen auf und wird den Abgrund gewahr , so ergreift sie Schwindel und sie stürzt hinab . Deshalb ist es wohl recht wunderbar , sie wandeln zu sehen ; aber man erschauert vor Angst . « » Lieber Uriel , die Mondsucht ist eine körperliche Krankheit , durch die ich weiß nicht was für Kräfte im Menschen geweckt , hingegen seine Willensfreiheit gefesselt wird . Daher entsetzt sich der Mondsüchtige über seine Wege und Stege , wenn er plötzlich geweckt wird , denn er hat sie nicht mit Bewußtsein gewählt . Dein Vergleich paßt also nicht auf mich . « » Doch ! « sagte er traurig ; » Du wandelst in Nacht ; die Sonne der Liebe ist Dir nicht aufgegangen . « » Du hast so ganz nicht Unrecht mit der Nacht ; « erwiderte sinnend Regina . » Ja , Uriel , ich wandele in Nacht , in der heiligen Sternennacht des Glaubens , und Du wirst wohl wissen , daß dessen Gestirne lichter und treuer sind , als die Sonne der Welt . « Mit einer trostlosen Bewegung bedeckte Uriel sein Gesicht mit beiden Händen und seufzte beklommen : » Ich fasse es nicht , daß ich Dich verlieren soll . « » O nein ! « rief sie lebhaft , » nicht verlieren , Uriel ! ich bleibe mit Euch allen in süßer Verbindung . « » Mit uns allen ! « sagte er bitter . » Hättest Du doch wenigstens gesagt : mit dir , Uriel ! Sag ' es , Regina , sage wenigstens das ! « Regina schwieg . Er ließ seine Hände vom Gesicht sinken und sah sie an . Seine schönen Züge voll Adel und Empfindung wurden noch schöner und seelenvoller durch den Ausdruck von Trauer und Bitte in seinen Augen . » Nun ? « sagte er , » sind drei Worte zu viel für mich ? « » Auch mit Dir , Uriel , « sagte Regina leise . » O schweige ! « rief er heftig ; und nach einer Pause setzte er hinzu : » Regina , Du bist allzu vollkommen ! Lassen wir das ; aber hör ' mich an . Du glaubst mir keine Hoffnung , auch nicht die allergeringste , geben zu können ; doch ich , ich lasse sie mir noch nicht nehmen . Du bist erst siebenzehn Jahre alt : ich warte . Bei siebenzehn Jahren kann jeder Tag sowohl eine Revolution in der inneren Welt machen , als auch eine allmälige Umgestaltung derselben bewirken . Und darauf wart ' ich . « » Uriel , « sagte Regina beängstigt , » wenn Du vergebens wirst gewartet haben , so gib dereinst nicht mir die Schuld für die verlorenen Jahre . Ich weiß nicht , wann ich des Vaters Einwilligung bekomme . Hab ' ich sie aber , so gehe ich in ' s Kloster . Ach Uriel , warte nicht . « » Laß mich warten , « sagte er , » das ist schon eine Art von Glück . « » Welche Qual bereiten sich die Menschen unter der Firma : Liebe ! « seufzte Regina aus tiefster Brust . » So jung und schon so weise ! « rief er mit einem Anflug von Spott . Sie verteidigte sich nicht ; als ob sie wisse , daß sie in seinem Herzen ihren sichersten Verteidiger habe . Er setzte auch gleich zärtlich hinzu : » Du bist bei den Engeln in die Schule gegangen und hast bei ihnen so viel Himmlisches gelernt , daß Du wohl die Dinge der Erde richtiger betrachten magst , als wir . « » Sage das dem Vater , lieber Uriel ! « sagte sie . Er wollte sie nicht verstehen . Er wollte da bleiben , in dem stillen Zimmer , wo er nichts sah , nichts hörte , nichts dachte , nichts wußte , als sie ! gleichviel ob mit Schmerz , mit Leid , mit Freude , mit Wonne , nur sie ! das war genug . Er liebte sie eben . Da stand Regina auf , legte ihre Hände bittend zusammen und winkte so leise mit ihrem Blick nach der Türe , daß man ihr recht tief in ' s Auge sehen mußte , um sie zu verstehen . Uriel gehorchte der leisen Bewegung ihrer Augenwimpern ; er ging ; aber er sagte : » Weil Du meine Königin bist , Regina . « Der Graf hörte Uriels Bericht gelassen an und sprach tief seufzend : » Wir müssen uns mit Geduld waffnen . Es ist eine gute Vorschule für Deinen Eintritt in den Ehestand . Welch ein Maß der Geduld man der Frau gegenüber haben muß , davon weiß nur der Eheherr ein Lied zu singen ! Heute Migräne , morgen Nervenweh , übermorgen ein Raptus für eine höchst gleichgiltige Sache und übermorgen gegen eine sehr wichtige ! Bald Enthusiasmus ohne Ziel , bald Abneigung ohne Grund ! Jetzt Tränenströme um ein Nichts , dann Skrupel um ein Garnichts ! Zur Ehre der Wahrheit muß ich sagen , daß ich von dem allen bis jetzt keine Spur bei Regina gefunden habe ; allein der Trotz , der Eigensinn , die bei ihr zum Vorschein kommen , zeigen deutlich , daß es Dir an einem Hauskreuz nicht fehlen wird , was freilich kein Verliebter glaubt ! Nun wollen wir aber ihrem Trotzkopf einen so weiten Spielraum öffnen , daß er vor Ermüdung zusammenbrechen muß . Ich werde ihr erklären , daß ich ihre Klosteridee auf eine zehnjährige Prüfung setze . Das hält sie nicht aus ! Nichts macht die gespannten Kräfte so gründlich morsch , als langes Warten in ' s Blaue hinein . Ein Jahr , auch zwei und sogar drei Jahre warten auf die Erfüllung des Lebensglückes , das hat etwas Reizendes , davor schreckt niemand zurück ; allein zehn Jahre .... « - » Lieber Onkel ! « unterbrach ihn Uriel , » ich warte mit Freuden zehn Jahre auf Regina . « » Die Freuden werden doch wohl mit einiger Ungeduld vermischt sein , « entgegnete der Graf . » Uebrigens findest Du denn doch am Ende von zehn Jahren in Regina eine Realität ; aber was würde sie bei ihren Karmelitessen finden ? eine Chimäre , vor der sie selbst sich entsetzen würde . Das wird sie auch schon einsehen und zu rechter Zeit Kehrt machen . « Er kündigte ihr seinen Entschluß an . » Zehn Jahre sollst Du Dir die Welt und die Menschen ansehen und Dich besinnen über Glück und Pflicht , « sagte er . » Und dann darf ich mit Deiner Einwilligung zu den Karmelitessen ? « fragte Regina gespannt . » Ja , « sagte der Graf ; » wenn Du uns allen während zehn Jahren das Leben verbittert hast , anstatt es , wie eine gute Tochter , zu verschönern : dann will ich Dir erlauben , Deine Verkehrheit in einem beliebigen Kloster zu beweinen . « Regina sank vor dem Grafen auf die Knie und bedeckte seine Hände mit Küssen und Tränen , indem sie rief : » O , mein lieber Vater ! wie dank ' ich Dir ! so ist es recht ; so muß es sein : über allerlei Dornen geht mein Weg ; aber ich komme zum Ziel .... ich danke Dir . « Was war mit einer Person anzufangen , die sich für jedes rauhe Wort bedankte und in jeder Strenge eine Gnade sah ! Dieser Charakter ging über des Grafen Maßstab und Erfahrungen so weit hinaus , daß es ihm manchmal ganz unheimlich war , der Vater einer solchen Tochter zu sein . Er teilte inzwischen der ganzen Familie die Parole aus , um einen Chor der Klage über Regina ' s Entschluß zu bilden : die Baronin Isabelle , Corona , Orest , Florentin , sogar einige der alten treuen Dienstboten , deren Leben mit dem Leben der Familie zusammen gewachsen war , und die mit einem rührenden Gemisch von Stolz und Zärtlichkeit die Kinder des Hauses » unsere Kinder « nannten ; alle sollten bei jeder passenden Veranlassung ein Klagelied anstimmen über die Kalamität , welche Regina über ihre ganze Familie verhänge , was natürlich ihrem Herzen sehr wehe tun mußte . Und mit seltener Übereinstimmung gingen alle auf die Absicht des Grafen ein , jeder in seiner Weise . Niemand machte ihr Vorwürfe , aber niemand - Levin und Hyazinth ausgenommen - sympathisierte mit ihr . Wie mit einer Kranken , deren elenden Zustand man beweint und auf deren Genesung man sehnlichst hofft , ging man mit ihr um . Und keineswegs auf Befehl des Grafen , sondern aus eigenem Antrieb ! Er hatte nur die allgemeine Gesinnung gleichsam organisiert und in eine und dieselbe Richtung gewiesen . Das vollkommene Opfer ist eben die Sache , von welcher der göttliche Heiland gesagt hat ; » Wer es fassen kann , der fasse es . « Damit ist ausgesprochen , daß wenige es verstehen werden , und eine Sache , die kein Verständnis findet , leidet Widerspruch . Nur für Hyazinth wurde sie die Veranlassung , seinen Entschluß zur Reife zu bringen und auszusprechen . Er wollte in den geistlichen Stand treten und bat den Onkel Levin , dem Grafen diese Mitteilung zu machen . Es geschah . » Mein Gott ! « seufzte der Graf tief niedergeschlagen , » welch ein Geist übertriebener Frömmigkeit fährt denn gerade in meine armen Kinder und fanatisiert sie ! .... Hyazinth geistlich ! der blutjunge Mensch ! Es ist ein wahrer Jammer . « » Tröste Dich , « sagte Levin lächelnd ; » ich glaube nicht , daß Du um Hayzinth großen Jammer wirst auszustehen haben ! « » Lieber Onkel , das verstehen Sie nicht ! der gute Junge tut mir unaussprechlich leid . Zu Ihrer Zeit galt der geistliche Stand noch etwas . Da fing man mit dem Domherrn an und wurde Churfürst , Erzbischof , Bischof , wenigstens Weihbischof ; aber jetzt ! wie gering sind die Aussichten für eine Karriere ! der arme Junge muß mit dem Kaplan anfangen und mit dem Pfarrer enden . Schrecklich , lieber Onkel , schrecklich ! Sagen Sie mir aufrichtig , aber nehmen Sie die Frage nur nicht übel : ist Hyacinth einfältig ? « » Ich glaube , daß er einen klaren , feinen Verstand hat , « entgegnete Levin . » Oder hat er nichts gelernt ? mag er nicht studieren ? « » Ich glaube , daß er mehr Neigung und Talent für ernste Studien hat , als seine Brüder . « » Was in aller Welt bringt ihn denn zu dem desperaten Entschluß ! Sollte er vielleicht eine unglückliche Liebe haben ? eine Neigung für Regina z.B. , und geistlich werden wollen , weil sie in ' s Kloster will ? Er ist freilich sehr jung , um eine so formidable Leidenschaft zu empfinden ; aber er muß doch einen Grund haben . « » Lieber Damian , sein Grund ist der : Christus ruft ihm zwei Worte zu : Folge mir nach ! und : Weide meine Lämmer ! Orest will Soldat werden , Florentin Arzt ; sie wählen ihren Beruf , wie er ihren Neigungen und Fähigkeiten zusagt . Hyacinth tut dasselbe ; nur mit dem Unterschied , daß jene in ihrer Laufbahn sogenanntes irdisches Glück zu finden hoffen und daß er darauf verzichtet . « » Das macht aber einen ungeheuren Unterschied aus ! « » Allerdings , die Kluft ist groß , ist so groß , wie sie eben besteht zwischen Seelen , die Gott lieben und Gott nicht lieben . « » Man kann recht sehr Gott lieben , « sagte der Graf empfindlich , » ohne geistlich zu werden . « » Gewiß ! « entgegnete Levin . » In dem Maß aber , wie man Gott mehr liebt , widmet man sich ihm auch mehr ; und wer ihn ausschließlich lieben will , widmet sich ihm ausschließlich . Das tut Hyazinth . Er sagt auch : Solo Dios basta . In ihm , wie in Regina , ist das übernatürliche Leben , welches aus der Gnade fließt , so stark , daß die Bestrebungen und Wünsche absterben , welche auf dem natürlichen Leben und den irdischen Daseinsbedingungen beruhen . Bei Orest und Florentin ist es umgekehrt : das Gnadenleben tritt bei ihnen in den Hintergrund und das natürliche Leben in den Vordergrund . Sie fragen nicht , was gottgefällig sei : sondern leben nach Lust und Laune , und haben , um ungestört mit allen Segeln der Leidenschaften fahren zu können , Gott als unbequemen Ballast über Bord geworfen . Hyacinth und Regina fragen hingegen , was am allergottgefälligsten sei und am allervollkommensten das himmlische Ebenbild in ihnen herstelle ; und da das die Nachfolge und Nachahmung des Gottessohnes , die opferfreudige Wahl der Entsagung aus Liebe , die Demut der Krippe und das Leiden von Golgatha ist : so verschmähen sie das , was ihnen von den Freuden und Genüssen der Welt erlaubt wäre , weil dadurch ihre Vereinigung mit Gott gewiß nicht gefördert , aber sehr leicht gemindert , wohl gar ganz aufgehoben wird . « » Könnte der arme Junge sich in seinem kaplanischen Elend wenigstens damit trösten , daß er heiratete ; « sagte der unverbesserliche Graf . » Dann dürfte er eben nicht Priester werden , « erwiderte Levin . » Es ist die Glorie der Kirche , daß sie die unirdische geheimnisvolle Feier des unblutigen Opfers nur denen anvertraut , welche freiwillig den Stand der Virginität aus Liebe zu Gott gewählt haben , und es ist ein Zeichen ihrer göttlichen Weisheit , daß sie diese freiwillige Wahl , als einen Prüfstein , der nicht umgangen werden kann , vor die Stufen des Altars legt . Der zweifelhafte Beruf , der irdische Sinn , der schwankende Charakter schrecken vor ihm zurück . Das reine Herz nicht . Die reinen Herzen aber , mein lieber Damian , sind , so lange die Welt steht , auch die starken Herzen , und starke Herzen braucht die Kirche in ihren Priestern , in den Stellvertretern des ewigen guten Hirten . « » Es ist freilich nicht schwer einzusehen , « sagte der Graf , » daß das Entsagungsleben in Permanenz , wie der Priester es führt , ihn zu den größten Opfern fähig und tüchtig macht . Allein ich beklage unseren armen Hyazinth , daß er ein solches Leben führen soll . « » Nun , Du würdest doch nie wünschen , « entgegnete Levin lächelnd , » ihn als einen mit Weib- und Kindersegen erfreuten Priester zu sehen . Das Leben der Kirche ist all ' ihren Kindern , wenn dieselben auch nicht übermäßig eifrig sind , nicht wahr , lieber Damian ? doch zu sehr in ' s eigene Leben übergegangen , um ihnen nicht Mißtrauen und Widerwillen gegen die Priesterehe einzuflößen , die nur ganz verkommenen Subjekten , gleichviel welchen Taufscheines , und den Radikalen in der Politik , so wie den Rationalisten in Glaubenssachen erwünscht wäre ; den einen , damit der Weltsumpf , der ihr Behagen und ihr Ziel ist , sich um so mehr ausbreite , als die Tradition von Opfer , von Hingebung , von Lauterkeit , die durch den Cölibat in jedem Priester auf ' s neue in ' s Leben tritt , aus der Welt verschwände ; den anderen , damit ein Eckstein aus dem Bau der heiligen Kirche gebrochen werde , die in ihren ehelosen Priestern freie Männer zu Dienern hat , welche nicht zu beugen und nicht zu knechten und nicht in armselige Abhängigkeit von irdischer Macht hinein zu ängstigen sind . Den Männern des modernen freien Denkens sind solche Männer des freien Willens verhaßt und zwar deshalb , weil diese mit ihrer unverwüstlichen Selbstständigkeit in dem unverwüstlichen Fundament des Glaubens an eine geoffenbarte Religion wurzeln , ein Fundament , welches von jenen gerade bestritten , geleugnet , bekämpft wird , nicht gelten soll , nicht da sein soll , und dennoch sich nicht hinweg räsonnieren und revolutionieren läßt . Der ärmste und verlassenste Priester in dem ärmsten und entlegensten Dörfchen macht durch sein schlichtes Dasein alle Theorien falscher Wissenschaft zu Schanden . Er lebt ein übernatürliches Leben , dessen Quell und dessen Ziel der Gottmensch Christus ist , wie der Glaube ihn offenbart , und das ohne diesen ganzen , vollen , gewaltigen Glauben nicht gelebt werden kann . Wer nun dies himmlische Prinzip leugnen will , der wird ungemein in seinen Theorien gestört , wenn er dasselbe in voller Triebkraft wirksam sieht . Was bleibt ihm übrig ? Von zwei Dingen eines ; entweder die Verleugnung aufgeben , das himmlische Prinzip anerkennen und sich unterwerfen ; oder es hassen , wie nun einmal die Finsternis das Licht und Belial - Christus hassen muß , muß - weil das Böse , die freiwillige Abwendung vom Guten , den Haß des Guten in sich schließt . So lange noch ein frommer Priester auf der Welt ist , der mit reiner Hand das ewige Opfer darbringt , fühlt sich der Unglaube als Lüge gebrandmarkt . Daher seine Neigung , den Priesterstand zu verdächtigen , zu unterdrücken , zu verfolgen , wo möglich zu ersticken und auszurotten . Dazu ist ihm jedes Mittel willkommen , wie eben die Umstände es gestatten ! Bald wird er verleumdet , bald lächerlich gemacht , bald guillotiniert . Dazwischen sucht man ihn durch heuchlerisches Mitleid zu gewinnen und ihm das Bild eines Familienvaters als höchstes Ziel alles Glückes hienieden vorzuhalten , damit er von selbst versinke in die Niedrigkeit der Leidenschaften und in die Gemeinheit des Alltagslebens . « » Bester Onkel , es gibt in anderen Religionsgesellschaften äußerst achtbare Männer unter den Geistlichen und sie leben , mit wenigen Ausnahmen , sämtlich im Ehestande . « » Lieber Damian , wir sprechen aber nicht von anderen Religionsgesellschaften , sondern von dem Priesterstand der heiligen katholischen Kirche , dem unser Hyacinth sich anschließen will . Außerhalb der Kirche wird , wie Du weißt , nirgends die Feier unserer heiligen Geheimnisse des Altars begangen , nirgends in heiliger Messe das unblutige Opfer , diese Fortsetzung jenes blutigen auf Golgatha , in lebendiger Wesenhaftigkeit dargebracht . Wo das Opfer fehlt , kann es keinen Priesterstand geben , denn der Priester ist eben der unmittelbare Darbringer des Opfers . Was also außerhalb der Kirche geschieht oder nicht geschieht , ist für uns nichts weniger als maßgebend , denn sonst könnte man Uriel mit dem Vorschlag der Vielweiberei beglücken wollen , welche die Sekte der Mormonen lehrt , was Dir nicht sehr wünschenswert im Hinblick auf Regina erscheinen würde . Also was draußen geschieht , lassen wir auf sich beruhen . Aber wir , wir haben das heilige Opfer und dies Opfer ist das Lamm Gottes und der Darbringer dieses Opfers ist der Priester , der glückselige , der begnadete Priester , der täglich in die unmittelbare Vereinigung mit dem Allerheiligsten eingeht , in seiner Hand den heiligen Fronleichnam hält , mit seinen Lippen ihn berührt , in seinem Herzen ihn aufnimmt . Lieber Damian , für einen solchen Priester ziemt es sich wohl , sollte ich meinen , daß er im Heiligtum bleibe , die Kraft und Wärme seines Herzens dem Dienste seines göttlichen Meisters widme und die Behaglichkeit des häuslichen Herdes denen überlasse , die ihm den Altar überlassen haben . « » Gott hat auch den häuslichen Herd durch das Sakrament der Ehe zu einer heiligen Stätte erhoben , « wendete der Graf ein . » Das ist schon wieder eine Verteidigung , wo kein Angriff geschah , « erwiderte Levin lächelnd . » Du wirst mir nicht zutrauen , daß ich die heilige Berechtigung des häuslichen Herdes unterschätze . Aber ich muß abermals sagen : wir sprechen vom Priester . Die Kirche zwingt niemand geistlich zu werden und geht nicht voreilig bei der Aufnahme zu Werk . Sie sagt dem Adspiranten : Überlege und besinne dich . Sie erteilt ihm die niederen Weihen und sagt abermals : Prüfe dich , denn du kannst noch umkehren , und lockt dich die Welt , so wende dich ihr zu . Hat er sich aber entschieden und ist er in ' s Heiligtum eingetreten , so verlangt sie , daß er in demselben so diene , wie er gewußt hat , daß er dienen müsse : frei von jenen Leidenschaften , die das , was am Höchsten im Menschen ist - seine Liebe , zu Gunsten dessen , was am Niedrigsten in ihm ist , in Sklaverei bringen . Nun wirst Du mich gewiß verstehen , wenn ich wiederhole , was ich vorhin sagte : für den Priester wäre die hausväterliche Existenz ein Versinken in Erniedrigung , denn er würde himmlische Verpflichtungen aufgeben , um irdische einzugehen ; ein göttliches Joch , das Christus mit ihm trägt , abwerfen , um ein menschliches anzunehmen . Er steht nun einmal am Altar , d.h. um ein paar Stufen höher als die Weltlichen . Was bedeutet das ? Glaubst Du etwa , das bedeute , daß er auf sie herab blicken und sich um so viel höher schätzen soll ? O nein ! es bedeutet das , was er täglich in der heiligen Messe betet : Sursum corda ! Empor die Herzen ! empor du mein glückseliges Herz und reiße alle die , welche auf dich als ihren Hirten sehen , mit dir aufwärts zu Gott , der dich in seine gnadenvolle Nähe gestellt hat