erneuern ! « Elisabeth seufzte . Seit ihr Bruder ausgezogen war , um neue Welten zu entdecken , seitdem Celtes das Studium schöner Menschlichkeit den vertrockneten Lehren der Kirchenväter siegreich entgegen gestellt , seit der Bruder wie der Dichter ihre Lehren ihr verdeutlicht , war sie gleich ihnen mit der ganzen Inbrunst einer sehnenden und ahnungsvollen Frauenseele zu einem schönen Zukunftsglauben begeistert worden , und der König , der ihr als das Ideal eines Helden und Volksbeglückers erschien , wenn jemals einer auf einem Thron gesessen - der sprach nun von der Rückkehr zu der Herrlichkeit der alten Zeit ! Aber er deutete ihr Seufzen anders und sagte : » Ihr hab ' t noch etwas auf dem Herzen - sprech ' t es aus ; hab ' t Ihr denn keinen eigenen Wunsch , den Euer König erfüllen könnte ? « Er sah sie dabei so zärtlichglühend an , daß sie nach einigem Bedenken erröthend sagte : » Nun denn : wenn Ihr wieder einmal nach Nürnberg kommt und die Veste vielleicht nicht würdig bereitet ist Euch aufzunehmen , so betrachtet das Haus Christoph Scheurl ' s als das Eurige . « » Seid versichert , ich werde Eure Einladung annehmen ! « rief Max , reichte ihr zum Versprechen die Hand und küßte die ihrige . Damit verabschiedete er sich zugleich von ihr , denn der Tanz war zu Ende , und mit dem nächsten erfüllte der König Elisabeth ' s erste Bitte : er winkte den Narren herbei , damit er ihm Ursula zuführe . Die bescheidene Jungfrau war nicht wenig erstaunt über die ihr erwiesene Ehre , und wagte vor sittiger Verschämtheit und Bescheidenheit kaum die Augen aufzuschlagen zu dem ritterlichen König . In immer größere Verwirrung gerieth sie , als dieser sie mit Stephan Tucher neckte und an ihrer Verlegenheit sich weidete . Zuletzt aber sagte er zu ihr : » Verlaßt Euch auf Euren König ! Ein wenig Prüfung müssen alle liebenden Paare bestehen , denket Ihr nur unter den Eurer an mein Wort : daß ich nicht anders denn zu Eurer Hochzeit mit Stephan Tucher nach Nürnberg zurückkehren will , wenn Ihr in rechter Treue für einander beharrt ! Das möge Euch trösten ! « » O Majestät ! « rief sie und suchte doch vergebens nach weitern Worten ihren Dank zu schildern . Aber da der Tanz beendigt war , eilte sie zu Elisabeth , denn sie ahnte , daß sie es war , der sie dies Glück verdankte . In ihren strahlenden Augen glänzte für Elisabeth der reichste Lohn eines Dienstes , den uneigennützige Freundschaft geleistet . Ihr Zweck war doppelt erreicht , denn außerdem , daß Ursula das königliche Wort als besten Trost empfangen , waren auch die Nürnberger , die ihr die Schande ihres Großvaters nachtragen wollten , durch die Auszeichnung beschämt , welche der König selbst ihr zu Theil werden ließ . Unter mancherlei Festen ähnlicher Art war der dritte September herangekommen , den der König zu seiner Abreise bestimmt hatte . Das Abschiedsmahl hatte Markgraf Friedrich auf der Veste veranstaltet und dazu nur eine ausgewählte Gesellschaft eingeladen , die , das Gefolge des Königs ausgenommen , aus zwanzig Frauen und fünfzehn Männern bestand , sämmtlich den vornehmsten Nürnberger Geschlechtern angehörend . Gleich nach dem Mahl wollte der König zu Herzog Otto von Baiern nach Neuenmarkt reiten , der ihn dahin zu sich eingeladen , und von da nach Linz gehen zu seinem Vater , um die habsburgischen Erblande wieder zu erobern . Noch einmal hatte Elisabeth das Glück , an der Seite des Königs ihren Platz angewiesen zu erhalten . Mit Staunen sah sie auf ihrem Teller eine kunstvoll gearbeitete Rose von in Gold gefaßten Rubinen mit Blättern von grünen Smaragden an eine goldene Nadel befestigt . Sie warf einen fragenden Blick auf den König , und dieser sagte : » Die Rosen , die Ihr mir bei meinem Einzug zuwarfet , habe ich Euch zu Ehren getragen , bis sie verwelkten ; aber ich werde sie immer als Angedenken an Nürnbergs edelste Frau bewahren - verschmähet dafür nicht diese Rose mir zu Ehren an Eurem schönen Busen zu tragen , sie ist von ewiger Dauer . « Sie nahm das kostbare Geschenk erröthend und mit tiefem Verneigen und sagte : » Nicht Euch - mir selbst zu Ehren gereicht solch ' bleibend Zeichen Eurer königlichen Gnade . Eines Angedenkens daran , wie sie mir jetzt zu Theil geworden bedarf es nicht ! « » Sag ' t Verehrung ! « flüsterte er ihr mit süßem Lächeln zu ; » und wenn Ihr einmal etwas zu bitten hab ' t , am liebsten für Euch selbst oder auch für Andere : so laßt mich die Rose wieder sehen ; sie wird mich an glückliche Tage mahnen , und ich werde jeden Wunsch erfüllen , den Ihr an die Rose knüpf ' t. « Im Anfang fehlte diesmal die fröhliche Stimmung , die in den vergangenen Tagen geherrscht . Der König war stiller als sonst . Ward es ihm wirklich schwer , von der anmuthsvollen Nürnbergerin zu scheiden , oder dachte er nur daran , daß er nach dieser Ruhezeit voll harmloser Unterhaltung nun wieder in ' s Gewühl des Kampfes müsse , oder was ihm noch schlimmer dünkte , vergeblich dem Vater anliegen werde , sich zu Energie und That zu ermannen , um die angestammten Lande sich wieder zu erringen und König Mathias von dem angemaßten Thron zu stürzen ? Hallte in ihm etwas von den Worten wieder , die der Baubruder Ulrich und die schwärmende Elisabeth zu ihm gesprochen , die noch mehr von ihm zu fordern schienen als den Siegeskranz des Helden und die Herrscherwürde Karl ' s des Großen ? Wer lies ' t in den Seelen Derer , die das Schicksal auf den höchsten Platz gestellt , daß sie von Allen gesehen werden und doch von den Wenigsten erkannt ? Auch Stephan Tucher , der nun schon dem Gefolge des Königs beigezählt war und dann mit ihm aufbrechen sollte , saß still neben Ursula , nicht minder beklommen von der nahen Abschiedsstunde wie von der Gegenwart seines Vaters und Bruders , die zwar jetzt in der gewissen Zuversicht , das Stephan , wenn er nur einmal von Ursula getrennt sei , ihr auch nicht treu bleiben werde , jetzt seine Huldigungen für sie weniger mißfällig bemerkten , aber ihn doch immer beobachteten , was ihn noch mehr in der Seele der Jungfrau beengte denn in der eigenen . Ebenso schien der Ritter von Weyspriach zu beklagen , daß er von Beatrix Immhof scheiden mußte , für die er an seine Erzählungen aus dem Morgenlande manche Galanterie geknüpft ; und so gab es noch manchen fremden Herrn und manche für ritterliche Artigkeit empfängliche Nürnbergerin , die alle das Ende dieser harmlos fröhlichen Festtage bedauerten , und darum schon im voraus die gute Laune verloren hatten , so daß die ersten Gänge der auserlesenen Mahlzeit ziemlich still eingenommen worden waren , bis endlich Kunz von der Rosen sich in ' s Mittel schlug und in langer mit vielen Späßen und Seitenhieben » auf Männlein wie Weiblein « , wie er sich ausdrückte , gewürzten Rede sich für den einzigen Vernünftigen und Alle für Narren und Närrinnen erklärte , die mit dem Gedanken an die künftigen Entbehrungen sich schon die gegenwärtigen Genüsse verdarben und durch eigene Schuld in Gift verwandelten . Das half endlich und ebenso der massenhaft genossene Wein , der die Zungen löste zu freier Rede und fröhlichem Lachen , so daß die Unterhaltung bald die lebhafteste ward , die man je in diesen Tagen geführt . Da hob der König die Tafel auf . Es war das Zeichen zum baldigen Aufbruch . Kunz trat zu Elisabeth und Ursula und flüsterte ihnen zu : » Ich wollte Euch wohl einen guten Rath geben , wenn Ihr mir mit ein paar anderen Frauen hinausfolgtet in die anderen Gemächer . « Elisabeth hatte bis jetzt immer die Einfälle des Narren zu ihren Gunsten gefunden , warum sollte sie ihm jetzt nicht vertrauen ? Sie folgte ihm also mit Ursula , Beatrix , Eleonora Tucher und ein paar anderen Frauen . Er führte sie durch verschiedene Corridore und Säle bis in das Gemach des Königs . » Seht , « sagte er , » da liegt die Rüstung , die er zu dem Ritt anlegen wird - da liegen seine Stiefel und Sporen . Ich weiß aber , er gebe etwas darum , wenn er einen Grund fände , heute noch hier zu bleiben . Wer weiß , giebt es nicht ein Unglück wenn wir reiten , denn ich glaube , es wird Mancher von uns schief im Sattel sitzen . Nun aber nimmt der König nie einen einmal gegebenen Befehl zurück , es sei denn , er würde durch einen Scherz oder von den Fürbitten schöner Frauen dazu gebracht ; wäret Ihr nicht alle froh , wenn wir noch heute hier blieben und noch einmal zusammen tanzten , statt allein auf den schlechten Wegen zu Pferd die Balanze zu verlieren ? « Alle riefen : » O wenn das möglich wäre ! « Kunz hob Maxens Stiefel empor , legte den einen der gewaltigen Ritterstiefel von unbeschreiblicher Last auf Elisabeth ' s weiße Arme , den andern gab er Frau Tucher und sagte : » Nun wohl , hier habt Ihr seine Stiefel , versteckt sie , so kann er nicht fort ; aber eilt , damit er uns nicht bei der That erwische . « Wirklich hörte man draußen Tritte , und Kunz entfloh mit den Frauen durch eine kleine Tapetenthüre eine düstere Treppe hinab . Hier wurden die Stiefel in den finstersten Winkel gestellt , und auf einem anderen Weg kehrten die Nürnbergerinnen wieder in den Speisesaal zurück . Der König mit den Rittern hatte sich entfernt , sich zum Fortritt zu rüsten . Markgraf Friedrich , der nicht mit nach Neuenmarkt wollte , war noch da bei seinen anderen Gästen . Da meldete ihm ein Diener : es sei unbegreiflich , aber die Stiefel Sr. Majestät wären verschwunden und hätten doch vorhin bei der Rüstung gestanden . Der Markgraf wollte aufschäumen über die Fahrlässigkeit des Gesindes , da trat Elisabeth vor und sagte : » Wir wollen es nur gestehen : wir haben Sr. Majestät Stiefel und Sporen verborgen , damit er noch heute bei uns in Nürnberg bleibe . « » Und mit uns tanze ! « fügte Eleonora hinzu ; » da kann er der Reiterstiefel und Sporen entbehren . « Der Markgraf lachte und ging zum König . Es dauerte nicht lange , so brachte er ihn wieder ; fröhliches Jauchzen empfing ihn und die Trompeten schmetterten . » Sehet ! « sagte Elisabeth , als der König zu ihr trat : » schon habe ich nun bei Euer Majestät etwas für mich selbst erbeten - und ich hätte auf die Rose , nun mein höchstes Kleinod gedeutet , wenn Ihr ' s verweigert . « Max nahm den Scherz gnädig auf und war gern bereit noch zu bleiben . In die Stadt sandte man Boten , noch andere Herren und Damen zum Tanz zu holen , der noch die ganze Nacht durch währte . Noch einmal durfte Elisabeth die Huldigungen des Königs empfangen , noch einmal Ursula mit Stephan in trauter Nähe die Schwüre ewiger Treue tauschen - aber auch die plötzlich noch geschenkten Stunden verflogen und verrauschten , und endlich kam doch die letzte , die den Abschied brachte . - - Am folgenden Tage war es sehr still in Nürnberg . Der König war in aller Frühe und Stille mit seinem Gefolge zur Stadt hinausgeritten , als könne er sonst noch einmal zurückgehalten werden . » Die Gefangenschaft war weder so lang noch so langweilig wie die zu Brügge ! « flüsterte Kunz ihm zu . Die Nürnberger aber hatten Mühe , sich wieder in das alte Geleise ihres thätigen Lebens zurückzufinden . Zehntes Capitel Elisabeth Die frühe Dämmerung des Septemberabends brach schon herein , als eine vermummte Frau an dem » schönen Brunnen « vorüber schlich in die Winklerstraße , um von hier in das Hinterhaus des Pirkheimer ' schen Hauses zu gelangen , in dem sich des Goldschmieds Albrecht Dürer Wohnung und Werkstatt befand . Die Gesellen waren aus derselben entlassen , aber der Meister arbeitete noch allein in dem dumpfen Gewölbe bei einer kleinen Flamme , die ihm zugleich Licht und für seine Arbeit die nöthige Hitze gab . Eben hatte er ein Silberstäbchen an die Flamme gehalten , die sein ehrliches , von Sorgen und Arbeit gefurchtes Gesicht beleuchtete , als es draußen pochte Die Störung kam ihm ungelegen und sein Herein klang nicht etwa freundlich . Darauf trat eine weibliche Gestalt ein , von einem brauen Mantel umhüllt und über den Kopf ein großes schwarzes Tuch , das auf dem Kinn zusammengeknüpft , auch über die Stirn so weit vorstehend herunterhing , daß von dem darunter befindlichen Gesicht nicht viel mehr zu sehen war als eine spitzige Nase und ein großer Mund mit schadhaften Zähnen . » Guten Abend , Meister Dürer , « sagte die Eintretende ; » es ist wohl ein wenig spät , daß ich komme , aber ich hab ' versprechen müssen , meinen Auftrag nur an Euch allein auszurichten , darum wählt ' ich die jetzige Zeit . Aber ehe ich meine Bestellung mache , müßt Ihr mir versprechen auch keiner Seele weder jetzt noch künftig ein Wort davon zu sagen . « Der Goldschmied dachte : das wird auch eine rechte Bestellung sein , welche diese Frau für mich hat - vielleicht aus Silberhellern einen Ring zu machen , oder wer weiß , ist es nicht Schlimmeres ? ist es nicht vielleicht gestohlenes Gut , das sie bei mir verwerthen will oder umschmelzen lassen ? Er hatte oft solche Versuchungen zu bestehen , und hatte sie immer mit der ganzen Kraft einer redlichen Seele tapfer bestanden , wenn auch der verheißene Gewinn noch so groß und die Sorge noch größer war , wie er sein Weib und seine achtzehn Kinder vor Mangel und Noth behüten möchte . Darum sagte er auch jetzt : » Das Versprechen zu schweigen gebe ich nur dann , wenn ich es mit gutem Gewissen halten kann . Ist das bei Euch der Fall , so ist ein Wort so gut wie tausend , ich verspreche zu schweigen und schweige . Ist ' s aber keine ehrliche Sache , so sag ' ich Euch voraus , daß weder Furcht noch Gewinn , weder Bitten noch Drohungen mich abhalten werden , sie an ' s Tageslicht zu bringen . Ueberlegt es Euch also vorher , ob ich der rechte Mann für Euch bin oder nicht . « » Der seid Ihr ganz gewiß , Meister Dürer , « antwortete das Weib ; » ganz Nürnberg weiß , daß es keinen ehrlicheren Gold- und Silberschmied hier giebt denn Euch , Ihr werdet also schweigen ? « » Bei jedem ehrlichen Handel , ich bin keine Plaudertasche , « antwortete der Meister . » Nun denn , « begann die Frau , » nicht wahr , die schöne Rose von Rubinen und Smaragden in lauterm Golde gefaßt , die unser allergnädigster König Max der Scheurlin zum Geschenk gemacht , ist von Eurer Arbeit ? « » Allerdings , « antwortete der Goldschmied , » ich darf mich dessen rühmen . « » Hab ' t Ihr sie noch treu im Gedächtniß ? « fragte die Frau . » Gewiß , « antwortete Dürer ; » ich habe sie ganz allein selbst gefertigt , und vergesse nie , was meine Hände mit so viel Mühe gearbeitet . Mein Sohn Albrecht hatte mir die Zeichnung dazu gemacht und die habe ich auch noch . « » Desto besser , « antwortete die Fremde ; » nun denk ' t Euch das Unglück : die Scheurlin hat die Rose verloren - « Dürer ward blaß vor Schrecken und Aerger . » Wie kann man ein solches Kleinod verlieren ! « rief er entrüstet ; » diese leichtsinnigen Weiber ! Diese kostbaren Steine ! dieses Kunstwerk , an dem ich so viel Tage und Nächte mit Fleiß und Mühe gearbeitet , vielleicht im Staube zertreten ! « » Ich glaube , es ist noch schlimmer ! « sagte die Frau mit Achselzucken . » Sie hat sie in die Pegnitz fallen lassen , und darum keine Hoffnung sie jemals wieder zu bekommen . Darum verschweigt sie auch den Verlust , um sich nicht lächerlicher vor den Leuten zu machen , die ihr des Kaisers Gunst beneideten ; am ängstlichsten verbirgt sie ihn aber vor ihrem Mann , und damit er denselben nie entdecke , wünscht sie , Ihr möchtet ihr eine ganz gleiche Nadel machen . « Dürer schüttelte den Kopf . Er konnte sich lange nicht zufrieden geben weder über den Untergang seines Kunstwerkes , noch über den Leichtsinn einer Frau , die einen Gegenstand , dessen hoher Werth durch den Geber ihr noch verdoppelt sein mußte , nicht vorsichtiger zu bewahren verstand . Endlich sagte er : » Und was denkt denn die Frau Scheurlin , daß die Nadel gekostet ? « » Sie ist reich , sie zahlt denselben Preis wie der König , « antwortete die Frau . » Nennt den Preis . « » Zweihundert Reichsgulden . « » Und bis wann kann die Nadel fertig sein ? « » Unter drei bis vier Wochen ist ' s gar unmöglich ; ich muß erst sehen , daß ich die passenden Rubine bekomme . « » Gut , in drei Wochen werde ich wieder kommen . « » Ich kann sie ja der Frau Scheurlin schicken , so bald sie fertig ist , weil ich die Zeit nicht genau bestimmen kann . « » Um ' s Himmels Willen nicht ! « rief die Frau , » damit es nicht etwa Jemand von der Dienerschaft erfährt , und es mit Absicht oder aus Versehen dem Herrn Scheurl verrathen könnte , hat sie mich zu Euch gesandt , darum darf es keine Menschenseele weiter wissen , und darum nahm ich Euch ja das Versprechen des Schweigens ab , wie auch Ihr darauf rechnen könnt ' , daß ich schweigen werde . « » Aber wenn nun inzwischen Herr Scheurl die Nadel vermißt ? « » So wird seine Gattin sagen , daß sie Euch dieselbe zur Reparatur gegeben , weil sie ein Steinlein daraus verloren , « antwortete scheu die Frau . » Nun , dann könnte ja auch dasselbe gesagt werden , wenn ich ihr die neue Nadel schickte , und sie käme ja nicht gleich in die rechten Hände . « Die Frau war offenbar über diese Bemerkung bestürzt und suchte vergeblich nach einer Gegenrede . Endlich sagte sie : » Die Frau Scheurl hat es aber einmal so befohlen , wie ich sagte , daß die Nadel wieder bei Euch abgeholt werden soll . Ihr könnt ' ruhig sein , Ihr brauch ' t sie nur gegen baare Bezahlung abliefern . - Und was die erwähnte Lüge betrifft , so war sie ja nur für den äußersten Nothfall ausgesonnen , und Frau Scheurl hofft , daß sie derselben nicht bedürfen werde , infern Ihr nur keine Unklugheit begeht . « » Nun , so komm ' t in drei Wochen wieder , ich will mein Möglichstes thun , das Werk noch einmal zu vollenden . « So war Dürer ' s letzter Bescheid und die Frau entfernte sich endlich . Ein paar Tage darauf , am Sonntag Nachmittag , hatte sein Sohn , der Malerlehrling Albrecht , seine Freistunden , die er stets am liebsten im Elternhause zubrachte und auch da sich nicht immer Ruhe von der Arbeit gönnte , da es in diesen Mußestunden oft noch eine Zeichnung für den Vater zu fertigen gab . Eben saß er über einer solchen , aber nicht in der heute verschlossenen Werkstatt , sondern in der Wohnstube , in der die Mutter Barbara die Spindel drehte , dabei immer wohlgefällig nach dem Lieblingssohne blickend . Er war ihr drittgeborener ; der älteste , der das Handwerk des Vaters lernte , war schon fort auf die Wanderschaft nach den Niederlanden , wo auch der Vater , der aus einem ungarischen Dorfe stammte , sich seine größte Geschicklichkeit erworben hatte . Das zweite Kind war gestorben , und so noch mehrere , aber dennoch war es noch ein ganzes Häuflein braungelockter Buben und Mädchen , das die enge Stube bevölkerte . Alle waren sehr einfach , aber reinlich gekleidet , das kleinste Kind lag noch in einer hölzernen Wiege , deren abgenutztem Zustand man es ansah , wie viele Insassen sie schon gehabt ; und indem sie Frau Barbara mit dem Fuß in Bewegung setzte , indeß sie mit den Händen glatte Fäden zu neuen Gewändern spann , da begriff man unter dieser Umgebung wohl , daß auch am Sonntag die Hände und Füße dieser Mutter sich keine Ruhe gönnen durften , die für so Viele zu sorgen hatten . Mitten in dies Gewirr trat noch ein schlank- und zartgebauter Jüngling , der durch seine Kleidung und Manieren ausgezeichnet , wenig in diese fast ärmliche Handwerkerfamilie zu passen schien , Willibald Pirkheimer . Im Vorderhaus , das er mit seinen Eltern und Schwestern bewohnte , sah es freilich anders aus als hier ; da herrschte der ganze Luxus des Reichthums mit feiner Sitte und dem Sinn für das Schöne wie für die Wissenschaft gepaart , da hatte der eifrig studierende Sohn des Hauses ein Gemach ganz für sich allein , in dem reiche Bücherschätze ihn umgaben und Niemand ihn stören durfte ; aber die Freundschaft für Albrecht , mit dem er aufgewachsen , den er sich einst vor allen Knaben und jetzt vor allen Jünglingen zum vertrautesten Genossen ausersehen , zog ihn hierher und ließ ihn jede der Schranken überspringen , die hier die Besitzenden und hochangesehenen Geschlechter von den eigentlichen Bürgern , zumal den ärmeren Handwerkern trennten . Albrecht und Willibald hatten sich mit der ganzen Schwärmerei jugendlich begeisterter Gemüther aneinander geschlossen , und waren nicht nur zusammen aufgewachsen , sondern oft mit einander verwachsen , daß sie auch von ihren übrigens sich fernbleibenden Familien als zusammengehörig betrachtet wurden . Die Frau Pirkheimer erwiederte den bescheiden ehrerbietigen Gruß der Frau Dürer stets nur mit vornehmem Kopfnicken und vermied jeden Umgang mit der armen , vielbekinderten Frau ; aber so oft der Albrecht kam , ward er in Pirkheimer ' s Familie wie das Kind vom Hause angesehen , denn er war einmal Willibald ' s Kamerad , und trat wieder dieser aus seinen prächtigen Räumen in die engen der schlichten Handwerkerfamilie , so wurden auch auf ihn weiter keine Rücksichten genommen , denn er war einmal Albrecht ' s Kamerad . So war es auch jetzt . » Ei , es ist schön , daß Ihr kommt , « sagte Frau Barbara ihm traulich zunickend ; » Albrecht hat schon immer nach Euch ausgeschaut , und würde uns bald davon gelaufen sein Euch aufzusuchen , wenn er da nicht erst noch Etwas für den Vater zu zeichnen hätte . « » Ich wäre auch schon früher gekommen , « sagte Willibald , » aber die Frau Scheurlin kam zur Mutter und hielt mich noch ein wenig auf . « Er lächelte dabei Albrecht zu , ihn durch seinen Blick an das kleine Abenteuer auf der Hallerwiese zu erinnern , und sich über seine Zeichnung beugend fragte er : » Was zeichnest Du denn da ? « Albrecht antwortete : » Mein Herr Pathe , Anton Koberger , hat bei meinem Vater ein Bibelbeschläge bestellt , und da es gerade für ihn ist , wollt ' ich gern die Zeichnung machen ; ich bin gleich fertig . « » Das ist hübsch ! « sagte Willibald ; » ein paar gefaltete Hände und ein Schwert und eine Palme , die sich kreuzen . « » In Silber ausgeführt wird es gut aussehen , « bemerkte der Vater . » Albrecht wird mir fehlen , wenn er in einem halben Jahre fortgeht . Die Zeichnung zu der Nadel , die Se . Majestät der Scheurlin verehrt , ist auch von ihm . « » Danach wollt ' ich schon fragen , « sagte Willibald ; » ich habe das Kunstwerk eben in der Nähe an ihr gesehen und bewundert . « » Jetzt eben ? « fragte Meister Dürer . » Sie zeigte es meiner Mutter . « » Das ist sonderbar ! « sagte der Goldschmied und versank in Nachdenken . Dann ging er hinaus in die einsame Werkstatt , wie um zu überlegen , was nun zu thun sei . Hatte die Scheurlin die Nadel verloren und wiedergefunden , so würde sie doch die neue abbestellen lassen ; die Sache kam ihm erst sonderbar , dann verdächtig vor , die fremde Frau war es ihm gleich gewesen . Er hatte auch dem königlichen Diener , der die Nadel hatte anfertigen lassen , versprechen müssen , für Niemanden eine gleiche zu machen . Wie er auch geglaubt hatte , nach seinem Gewissen zu handeln , jetzt schien es ihm mit diesem Gewissen nicht verträglich , die Doublette zu verfertigen . Nach einer Weile reiflicher Ueberlegung rief er Albrecht und Willibald heraus , fragte diesen noch einmal , ob die Scheurlin die Nadel wirklich jetzt getragen , und da er entschieden bejahte , sagt er zu den Beiden : » Eilt hinüber und seh ' t , ob die Scheurlin noch da ist , und wenn sie es ist , so sag ' ihr , Albrecht , daß vor drei Tagen Jemand bei mir auf ihren Namen eine große Bestellung gemacht hätte , ich wisse aber nicht , ob es eine Betrügerei sei oder nicht , und ließe sie bitten , mir einen Augenblick Gehör zu schenken , damit ich mich mit ihr verständigen könne . Sie mag Dir sagen , wo und wann , wenn sie sich nicht in meine Werkstatt herüber bemühen will . « Die Freunde eilten den Auftrag auszuführen . Es war die höchste Zeit , denn Elisabeth schlüpfte schon in zierlichen Schnabelschuhen die teppichbelegte Marmortreppe hinab . » Ei , sieh da , meine beiden kleinen Ritter ! « rief sie den Jünglingen zu . » Noch verdienen wir diese Namen nicht , « sagte Willibald , » wenn wir sie auch noch einmal zu bewähren hoffen . Ich will dereinst versuchen , mir unter Kaiser Maxens Fahnen ein Ritterschwert zu erwerben . « » Und während Pirkheimer ihm dienen will mit Schwert und Feder , werde ich ' s nur mit dem Pinsel versuchen , « sagte Albrecht . » Ei , ich hörte schon neulich Aehnliches von Euch , « sagte Elisabeth , » und freute mich , wie Ihr wünschtet des Königs Bild zu malen . « » Wer weiß , thut er ' s nicht einmal , und auch für Euch , hohe Frau , « sagte Willibald ; » Ihr tragt da schon ein Werk von seiner Hand - die Rose , die aus seines Vaters Werkstatt hervorgegangen , hat er gezeichnet . « Albrecht erröthete verlegen , und Elisabeth sagte : » Das ist gewiß ein gutes Zeichen , wenn Ihr schon etwas für die edelste deutsche Majestät arbeiten durftet ; ich wußte bis jetzt nicht , daß Euer Vater der Künstler war , dessen Werk ich trage . « » Er hat mich eben an Euch abgeschickt , « sagte Albrecht und richtete nun den Auftrag des Vaters aus . Elisabeth war höchlich erstaunt und sogleich bereit , dem Sohn zu dem Vater zu folgen . Dies Erstaunen steigerte sich zur Entrüstung , als sie mit dem Goldschmied allein war und von ihm das Zwiegespräch mit jener fremden Frau erfuhr , während er nicht mehr an einem Betrug zweifelte , da er sein Werk , die Nadel , wiedersah . Aber was konnte der Zweck dieses Betruges sein ? » Wenn ich die Frau wieder zu Gesicht bekomme , so laß ich sie festnehmen , « sagte Meister Dürer . » Laßt uns einstweilen gegen Jedermann schweigen , « sagte Elisabeth , » und wenn die Frau in drei Wochen wiederkommt , so wird es Euch leicht sein , sich ihrer zu bemächtigen und vielleicht gesteht sie Euch gleich , wer sie zu dem Betrug gebraucht - dann laßt Ihr sie laufen ; außerdem hat aber die Justiz ja genug Mittel , Verstockte zum Geständniß zu bringen . Uebrigens danke ich Euch für Euer Verhalten , und da ich einmal hier bin , so möcht ich mir ein silbernes Kästchen mitnehmen - wie dies hier . « Sie deutete auf ein solches als den ersten passenden Gegenstand , den sie unter dem kleinen Vorrath fertiger Geräthe erspähen konnte , um durch dessen Ankauf wenigstens in Etwas den Meister für seine Ehrlichkeit zu belohnen . Der Handel war schnell geschlossen und sie fügte hinzu : » Euer Sohn giebt mir wohl das Geleit und nimmt das Geld dafür in meiner Wohnung in Empfang ? « » Es hat ja Zeit , « sagte der Meister . Da sie aber erklärte , daß sie das Kästchen , wie klein es auch war , nicht selbst tragen werde , so ward doch Albrecht zu ihrer Begleitung gerufen . Er wollte bescheiden hinter ihr gehen , aber sie unterhielt sich mit ihm von seiner Kunst und blieb an seiner Seite . » Euer Freund Willibald Pirkheimer , « sagte sie , » hat mir vorhin Euer Konterfei gezeigt , das Ihr schon vor fünf Jahren mit dem Stift auf Pergament gezeichnet hab ' t. Ich hätte es nicht geglaubt , daß Jemand dies von sich selbst im Stande wäre , wenn ich nicht die Unterschrift gelesen : Das hab ' ich aus einem Spiegel nach mir selbst konterfeiet im