Und ... einen ... Greis dann noch dazu ? Halt ihn fest ... den Doctor mein ' ich ... Gleich auf der Stelle ! Hier ist der Schlüssel zum Keller ! Eßt , trinkt ! Laß deine Künste los , Zigeunerin ! Ich gönne ihn dir ... Sieh , Kind , wie er das Roß zügelt ! Daß dich ... Seine Mutter war schön ... Lucinde , höre - aber leise - sag ' ihm was ... hier , da ... auf dem Sopha ... sag ' ihm was ... Hol ' ihn dir ... halt ' ihn dir fest und plausch ' ihm ins Ohr ... hörst du ... ob er ' s denn noch nicht weiß ... nie gehört hat ... nie erfahren ... daß ... daß ... Na , was ? ... Ha , ha , ha ! ... Wer ihm den Riegel aufschob ... als er in die Welt gekommen ... Hm ? Verstehst du ... Lucinde , sag ' s ihm beim fünften , sechsten Glas Champagner ... Lisabeth ! Lisabeth ! Küche , Keller , alles geöffnet ! ... Sag ' s ihm ... drei Söhne hatte der alte Wittekind , einer ist Candidat zum Premierminister , einer Candidat zum Tollhaus ... und der da ? ... » Der Gott , der Eisen wachsen ließ « sangen sie damals - ha , ha ! - als sie den Tugendbund schlossen und in den Teutoburger Wald geheime Reisen machten und die Weibsen zurückließen ... ha , ha , ha ! ... Verstehst du , kleine schwarze unschuldige Schlange ? Ein tolles Lachen , ja , das ihr bekannte Lachen der Selbstzufriedenheit über seine plötzlichen Lichtblitze der Klugheit und Verschmitztheit , erstickte die Rede des wie wahnsinnigen Greises . Lucinde stand sprachlos und konnte um so weniger zu Worte kommen , als der Kammerherr , der seither unten gewartet hatte , jetzt zurückkehrte und eine Aenderung der ihm gegebenen Befehle zu hoffen schien . Lucinde verstand vollkommen das schreckliche Geständniß , das der Kronsyndikus gemacht hatte . Die Dazwischenkunft des Kammerherrn hinderte eine weitere Erörterung . Der Vater zog Lucinden mit sich hinunter . Wie er auf der Treppe sich auf sie stützte , raunte er ihr immer heimlich und mit emporgestreckten , zitternden Fingern Worte der frivolsten Enthüllungen zu ... Auf der Treppe noch , wo er sich am Geländer festhielt , sagte er der Beschließerin : Lucinde kriegt die Schlüssel ! Was die von jetzt an befiehlt , geschieht ! Verstanden ! Was hab ' ich gesagt ? Lisabeth , mit einem überraschten Blick voll Gift und Zorn , mußte wörtlich wiederholen , was ihr Herr gesagt hatte ; erst wollte sie ' s nicht und betrachtete Lucinden erstaunend , dann mußte sie ihr Verstandenhaben der Verfügung laut wiederholen und feierlich Unterwerfung geloben . Hierauf sah er fast mit Mitleid auf den wartenden Kammerherrn , drehte den Hirschfänger vor sich hin und stieg in die Kalesche . Lucinden flüsterte er noch aus dem Schlage ans Ohr : Sag ' es ihm ! ... Aber schweigt beide ... so wahr ein Gott im Himmel lebt ! Zur Lisabeth sich wendend , wiederholte er : Zeig ' auch du , was ich dich lernen ließ bei Wessel in Hannover ! Brate , koche ! Haltet ihn fest ! Trinkt auf mein Wohl ! » Um acht Uhr ist Verlobung oder sieben Schüsseln ! « ' s war ein altes Stück zu meiner Zeit ! Lustig ! Ich will die Augen zudrücken ... über alles ... will Frieden haben mit dem - Deichgrafen .. , Frieden ... Jesus aber , jetzt fort , Hannes ! Der letzte , fast tonlose Ruf galt dem Kutscher . Die Pferde zogen schon an , und nach der entgegengesetzten Seite hin , wo Heinrich Klingsohr herkam , rollte der Kronsyndikus aus dem Seitenthor und den Berg hinunter . Sein Sohn ahnte glücklicherweise Klingsohr ' s Nähe , die entscheidende Gefahr für seine Neigung nicht . Nur die äußere hatte er jetzt im Auge - den Hemmschuh , den der Kutscher anlegen sollte ! Von allen Schrecken war ihm der des Bergabfahrens einer der haarsträubendsten . Türck , der Calfacter , lief nicht , wie er sonst pflegte , dem ankommenden Wagen bellend und wedelnd entgegen , sondern schloß sich der Kalesche an , der er mit eingezogenem Schweife nachlief . Betrübt und zaghaft waren die Mienen , die der Kammerherr Lucinden noch beim Abschied zuwarf . Morgen ! sagte er kleinlaut ; aber der große Kasten fiel ihm auf , den noch der Kronsyndikus wie für eine längere Reise hatte in der Vache unterm Kutscherbock einschließen lassen . Nur daß sein Bedienter zurückblieb , schien ihm einige Hoffnung zu geben . Zum Besinnen über die Wahrheit dessen , was der Kronsyndikus ihr zugeraunt hatte , blieb Lucinden keine Zeit ... Heinrich Klingsohr , der natürliche Sohn des mächtigen Mannes , grüßte schon , da er zu seinem Jubel die davonfahren sah , denen er hier zu begegnen fürchten mußte . Bei einer plötzlichen Lebensgefahr , sagt man , schösse wie an einem elektrischen Leiter blitzesschnell die ganze Vergangenheit eines Menschen an seinem letzten Bewußtsein vorüber ... Umgekehrt übte die Fülle von Vorstellungen , die sich für Lucinden auf wenig Augenblicke jetzt zusammenzudrängen hatte , die Wirkung , daß sie ihr das Bewußtsein völlig nahm , ja , sie in einen traumähnlichen , bacchantischen , von höchster Freude , von Lust und Schmerz ebenso gehobenen wie wieder vernichteten Zustand versetzte . Diese räthselhaften Vorgänge mit dem Kronsyndikus , diese Feuersgefahr , sein Benehmen am Fenster , der verzweiflungsvolle Humor und die Furcht vor Heinrich Klingsohr , dann sein mit den dunkeln Gerüchten über ihn und eine große Anzahl illegitimer Kinder übereinstimmendes Geheimniß , die plötzliche Versöhnungslust , die sich beim Besteigen des Wagens auch noch in dem ausdrücklichen Befehl gezeigt hatte , daß die Lisabeth die Diener in Livree stecken und augenblicklich die ganze Größe des Wittekind ' schen Hauses entfalten sollte ... dann der heranrollende Wagen des wiederum seinerseits mit den unglaublichsten Ueberraschungen Erwarteten , alles das verursachte in seiner schnellen Aufeinanderfolge ihr einen fast physischen Schmerz , wie wenn sie wirklich den Tod des Ertrinkens erleiden sollte . Und doch rief auch wieder zu gleicher Zeit alles in ihr - wie die ersten rauschenden Accorde einer Ballmusik - zu Lust und Freude . 13. Während Lucinde das Staunen der Lisabeth auf die natürliche Voraussetzung einer Versöhnung mit dem Deichgrafen verwies , lief sie schon über den marmorgetäfelten Estrich des untern Schlosses an die hohe , schwere Thür , schloß diese mit dem immer von innen steckenden Schlüssel auf und trat auf den Perron hinaus , um Klingsohr ' n anzurufen . Dieser hatte auch seinerseits einen Blumenstrauß in der Hand und suchte sie , langsam fahrend , am Fenster . Wie erstaunte er , als sie selbst erschien , ihn anredete und aufforderte auszusteigen ! Sie werden alles erfahren , kommen Sie nur ! sagte sie . Der Kronsyndikus ist eben abgereist , der Kammerherr mit ihm , ich bin allein und ausdrücklich beauftragt , Sie zum Bleiben einzuladen ! Da geht ja die Welt unter ! sagte der Doctor , sprang vom Wagen und übergab sein Gefährt einem schon in Livree , die er eben noch zuzuknöpfen im Begriff war , herbeispringenden Gehilfen der Branntweinbrennerei . Es war auch inzwischen Feierabend . Der Hof war in voller Bewegung . Die Inspectoren und Arbeiter aller der verschiedenen hier zu beaufsichtigenden Branchen begriffen nicht , wie sie den Sohn des Deichgrafen konnten auf Schloß Neuhof einkehren sehen . Aber Lucinde zog den verwunderlichen Gast die große steinerne Stiege hinauf in die Staatszimmer , wo man bereits anfangen wollte einen Tisch zu decken , Lucinde sollte nur bestimmen welchen . Sie wählte einen der glänzendsten mit einer Decke von Lapis Lazuli , achteckig , mit geschweiften , vergoldeten Füßen , dicht vor einem Kanapee , das in der Nähe eines Kamins stand ... Dazu läuteten von allen Tiefen her die Glocken das Ave Maria ... der trübe Regenhimmel ließ im Westen vom Sonnenlicht einige rothe und blaue Streifen hindurch ... Klingsohr kannte aus seiner Knabenzeit alle diese Zimmer ... Wie konnte es geschehen , daß er seit Jahren und bei der jetzigen Lage der Dinge hier wieder so wie einst aufgenommen , ja , gerade von Lucinden , dem Wettpreis zwischen Vater und Sohn , ohne alles Hinderniß so empfangen wurde ! Er ahnte einen Hinterhalt und sprach sich auch dahin aus , daß er der bösen Tücke des Kronsyndikus alles zutraue . Ich wäre der Erste nicht , sagte er , den er wie ein Ritter des Faustrechts behandelt hat ! In seinen Kellern saßen schon Männer und Frauen aus aller Herren Ländern , und ich wette , daß es da unten aussieht wie in der Blaubartskammer ! Wie es in seinen Kellern aussieht , erwiderte Lucinde , werden Sie bald erfahren ! Sie sollen bewirthet werden wie ... wie ein Sohn des Hauses . Behandelt ihr mich hier , parodirte Klingsohr mit Stellen aus Shakspeare , nach » Verdienst « , so bin ich vor Schlägen nicht sicher ! Aber bitte , keine Unarten ! Das Mittelalter hat einige Schattenseiten , die ich nicht vertheidigen werde ! Lucinde suchte ihm die Furcht zu nehmen und zog ihn in ein Zimmer , wo sie unbelauschter waren . Wie im Traume folgte Klingsohr . Zum ersten male sah er auch seine Liebe in so prächtigem Rahmen . Sie trug ein leichtes dunkelblaues Kleid ; seidene Bänder von gleicher Farbe senkten sich in den braunen Nacken . Schwarze Florspitzen zierten das Haar und bedeckten ebenfalls , zu halben Handschuhen geformt , die jetzt sehr gepflegten Hände . Auf der Brust hatte sie sich den Rosenstrauß befestigt , den Klingsohr mitgebracht , während sie ihre eigenen Blumen theilte , seinen Rock , seinen Hut damit schmückte und noch für den Tisch übrig behielt , um eine kostbare Vase damit zu füllen . Sie erzählte ihm auf sein staunendes Schweigen alle soeben erlebten Vorgänge bis auf die letzte Enthüllung , die sie sich , weil sie ihr noch schwer zu formuliren war , vorbehielt . Sie kamen überein , daß der Kronsyndikus in dem Doctor einen Verbündeten gegen den Vater gewinnen wollte , einen Vermittler und Beileger des Streites . Lucinde unterstützte vorzugsweise diese Annahme und hatte die Freude zu hören , daß Klingsohr versicherte : Nun , was ich thun kann , dieser Voraussetzung zu entsprechen , soll geschehen ! Sie kennen meine Abneigung gegen meines Vaters Lehre vom Zollstock und der geraden Schnur , Lucinde ! Das Leben wird schon ohnehin täglich immer mehr so regelmäßig wie die manchmal recht monotone Natur ! Ihm Freiheit abzugewinnen , die Tyrannei des Gesetzes abzuschütteln , das ist unser schönes Ziel , und wenn ich ganz sicher wäre , daß nicht diese Thüren plötzlich aufgingen und einige Geharnischte hereinträten und mich als Geisel festhielten , so würde ich meine Sympathieen für den wilden Freiherrn ganz offen aussprechen . Darauf hin und vorausgesetzt , daß es bald alles , nur nicht Prügel gibt , will ich auf sein Wohl trinken und geloben , den Alten von der Buschmühle soweit es irgend möglich zur Raison zu bringen . Sie standen jetzt beim Durchschreiten der prächtigen Zimmer gerade an der Stelle , wo der Kammerherr den Türck gemalt hatte . Noch hing das Bild an der Staffelei und Klingsohr brach in komische Bewunderung des neuen » Hondekoeters « aus , wie er ihn nannte . Der ist mit verreist ? rief er aufs neue kopfschüttelnd . Und man weiß , daß Sie mich aufnehmen ? Was ist hier nur vorgefallen ! Der Kammerherr weiß nichts ! Nur der Vater ! Machen Sie sich ' s bequem ! Sie werden noch mehr , erleben ... Noch mehr ? Lucinde antwortete nur dadurch , daß sie hin und wieder rannte , ordnete und befahl . Nicht umsonst hatte der Kronsyndikus von einem Festgelage gesprochen . Sie ließ nun ein solches für den Doctor mindestens ebenso herrichten wie für die adeligen Gäste . Der Kronsyndikus selbst war im Essen mäßig , aber die häufigen Besuche des » schönen Enckefuß « hatten das Haus mit den Nothwendigkeiten eines schnellen und einladenden » Tischlein deck ' dich « eingerichtet . Geliebte Lucinde , sagte Klingsohr , wie er sie dann wieder plötzlich still stehen und über ihre eigentliche Aufgabe grübeln sah , es gibt eine Erbsünde und es gibt eine Erbtugend ! Man spricht davon , daß jene uns um unser Seelenheil gebracht hat und verketzert die vernünftigen Unvernunftslehrer , die diese tiefste und humanste aller Lehren vertheidigen ! Welche Sünde ? fragte Lucinde und dachte nur an das Ordnen des Tisches , über dessen acht Ecken längst ein blendend weißes Damasttuch gebreitet war , das sich schon mit Tellern , Gedecken , Gläsern , Flaschen , einem Champagnerkühler und Dessertaufsätzen füllte . Die Erbsünde , die mit dem ersten nicht verschmähten schönen rothwangigen Apfel in die Welt gekommen ! sagte Klingsohr . Wir können ja die Nichtigkeit dieser Erde gar nicht schöner erklären als durch unsere eigene Schuld ! Ihr jammert , daß der Frühling seine Blüten verwehen sieht , daß Blüte , Frucht und alle Schönheit der Erde , der Schmetterling und der Mensch , zu Staub verwehen ! Ist nur unsere Sünde schuld daran , so hat ja die Vergänglichkeit dieser Erde ihren erklärlichsten Grund in uns und nicht in der Schöpfung selbst ! Man kann ja dann immer noch hoffen auf die Sonne , auf die Gestirne , auf etwas , was jenseit dieser Bezirke , » von wannen niemand wiederkehrt « , liegen wird , Lucinde , und wären es nur Ihre Augen , die als Sterne an den Himmel versetzt werden sollen ! Lucinde sagte zu allem : Ja ! Ja ! Ja ! Ja ! Sie hörte kaum ; zu schön wollte sie alles machen . Der Doctor sollte wenigstens hinter dem Landrath nicht zurückstehen . Klingsohr musterte die nach französischer Auffassung in Alabaster ausgeführten griechischen Statuen des Zimmers , die Landschaften aus der Schule Claude Lorrain ' s und Berghem ' s ... Kein anderes Gnadenbild hier , sagte er , als Sie selbst , Lucinde ! Lucinde bestätigte , daß auf Schloß Neuhof die Religion nur in den Wirthschaftsgebäuden und den hintern Wohnungen vertreten sei , den Kammerherrn ausgenommen , der noch immer mit dem schwermüthigen und gewissenskranken Grafen Zeesen in Briefwechsel stand ... Beide reisten in Italien ! sagte Klingsohr . Jérôme hoffte schon lange durch Beten ein großer Maler zu werden wie Frâ Fiesole ! Nun waren alle Vorrichtungen des Abendimbisses aufs prächtigste getroffen . Klingsohr streckte sich mit Behagen in einem Fauteuil , vor dem eben von zwei über alles wie verblüfften Dienern angerichtet werden sollte . Bei jeder Gelegenheit , wo diese Zeugen fehlten , ergriff er Lucindens Hand , diese an sich ziehend , mit Küssen bedeckend und seine Unmöglichkeit , sich in die Märchenwelt zu finden , aufs neue versichernd . Eben kamen die Diener zurück , lauschend , horchend ... Lucinde fragte , nur um zu sprechen : Jetzt aber Ihre Erbtugend ? Was ist das ? Erbtugend , sagte Klingsohr in einem ihm beim Aussprechen von Gedanken und Versen eigenen singenden Tone ; Erbtugend ! Die ist der ewige Rückschlag des Geistes gegen die Natur ! Sie ist die Flut , wenn die Sünde die Ebbe ! Sie ist vielleicht auch nur das ewige Philisterium , an dem selbst die Titanen litten , wenn sie zu viel Kaukasuswein getrunken hatten ! Möglich , daß dieser Erbtugend jene eingeimpfte Furcht vor der Hölle zum Grunde liegt oder die Furcht vor einer Tracht Prügel , jene Furcht , von der bekanntlich die romantischsten Liebhaber Boccaccio ' s und Bandello ' s nicht frei sein konnten ... Ja ! Lucinde ! Ich weiß doch , daß ich hier ein Romeo bin , auf den plötzlich » zehntausend Tybalts « eindringen werden mit einigen Doubletten der allbekannten neuhofer Hundepeitsche ! Lucinde widerlegte jetzt ungeduldig werdend seine erneuerte Furcht und erklärte das festere Schließen aller Thüren durch das Wetter , da es unheimlich dunkel wurde . Der Abend schien ein Gewitter zu bringen . Dunkelbraune und rothe Wolken zogen immer dichter von Westen her . Zwischen dem Läuten der Abendglocken hörte man schon die fernher rollenden Donner . Klingsohr ergriff Lucindens Hand und sprach , da sie jetzt allein waren und nur noch das zu servirende Mahl fehlte , mit dem eigenen Aufschlag seiner großen , wenn er wollte , festen und bestimmten Augen : Wer in der romantischen Zeit nicht Frau Venus mied , Wol gar einem Eheweib sein Herz verschenkte , Dem geschah ' s , daß man ihn manchmal briet Oder an einen neuen Galgen henkte ! So hört sich noch jetzt , minnt man ein schönes Weib , Besonders vom Nachbarn Herrn Philister , Selbst im holdseligsten Zeitvertreib Ein feurig Geknatter , ein flammend Geknister . Gibt sie ein Löcklein zum Liebespfand , Und steckst du ' s zu bergen zur Tasche , Fühlst du doch dabei was wie Henkershand Und um den Hals die vergeltende Masche ! Das ist das Gewissen ! sagte Lucinde scharf betonend . Da er sie küssen wollte , hielt sie ihn zurück . Nein , Erbtugend - wollte Klingsohr in seiner gewohnten Phantastik fortfahren - Aber indem wurde das Nachtmahl hereingetragen . In dem noch allgemein nachdauernden Schreck vor dem Benehmen des Kronsyndikus geschah dies mit denselben Förmlichkeiten wie bei dem vornehmsten Besuche . Was ist das nur alles ? rief Klingsohr aufs neue , wie irr sich an die Stirn greifend ... Lucinde versicherte , daß allerdings irgendetwas Großes geschehen sein müsse , um den Kronsyndikus so für ihn einzunehmen . Nicht nur , daß er diesen Empfang angeordnet hätte , auch für die Entdeckung , daß beide schon lange sich sähen und sprächen - der buckelige Stammer hätte geplaudert - wäre seine Milde bewundernswerth gewesen . Er dächte daran , setzte sie hinzu , sie ganz so glücklich zu machen , wie er ... wie sie ... selbst es zu werden wünschte . Lucinde ! rief Klingsohr voll Entzücken und warf Gabel und Messer fort . Wann wirst du mein ? Bald ! Bald ! » Balde auch du ! « singt Goethe . Warum kommt mir das traurige » Ueber allen Wipfeln ist Ruh « in diesem Augenblick ! Nicht wahr ? Die Speisen - sind vergiftet ? Als Lucinde ein Ja ! nickte und dabei auffuhr , um nach der Fortsetzung des Mahles zu klingeln , verfolgte er sie . Hexen , sagte er , Giftmischerinnen gab es von je auf Neuhof ! Du selbst bist eine von diesen alten Alraunen , diesen Zauberweibern ... gerade so eine Hexe , wie meine Mutter von einer erzählte , die sie das Fräulein Gülpen nannte ... Au ! unterbrach er sich selbst mit einem leisen Schrei . Was ist ? fuhr sie doppelt betroffen zurück . Klingsohr hatte den Namen der Hauptmännin in dem Augenblick ausgesprochen , wo er seine röthlichen kurzen Locken an ihr Brusttuch drückte ... Er antwortete : Wenn ich dich küssen soll , mein Kind , was soll es taugen , Daß du mit Nadeln dir besteckst die Brust ! Den Liebenden war immer nur bewußt : Gott Amor sticht ins Herz und keinem in die Augen ! O ! rief Lucinde und sah ihr Vergehen ... An der Wange , dicht neben einer seiner vielfach schon zwischen ihnen besprochenen Narben , hatte eine Nadel ihm eine leichte Schramme gerissen . Lucinde riß die Nadel vom Tuche , griff nach der Krystallflasche voll Wasser auf dem Tische , goß Wasser in die hohle Hand , tauchte ihr Taschentuch ein und drückte es ihm auf die wunde Stelle . Dabei war ihr das Brusttuch entfallen und ihr langer dunkler Nacken schimmerte unbedeckt bis zu den Schultern , ihr bräunlicher Hals bis zu den hohen Wölbungen ihrer Brust . Eben brachte man zwei Leuchter , je drei brennende Kerzen . Als dann Klingsohr und Lucinde wieder allein waren und sich , auch um ruhiger zu werden , aufs neue zum Mahle gesetzt hatten , richtete sie eine Frage an ihn über Klingsohr ' s Mutter , über die Gülpen , ob er diese gekannt hätte und was er von ihr wisse ... Er beantwortete sie mit einer Apostrophe an die Speisen : Fräulein von Gülpen ? Ich kannte sie nicht . Aber sie nennen und fragen : Was mag in dieser Spargelsauce enthalten sein , ist eins ! Recht so , Lucinde ! Nehmen Sie nichts davon ! Diese jungen Erbsen haben eine grünliche Farbe , die über das Pflanzenreich hinaus sich in das Mineralreich verliert ; ich wette , man kochte sie in derjenigen kupfernen Pfanne , die seit dem letzten der unerklärten Todesfälle auf Schloß Neuhof noch immer nicht verzinnt worden ist . Diese Hühner hört ' ich noch vor einer halben Stunde im Hofe gackern ! Sie erwecken unwillkürliche Mordgedanken , und nur der Champagner weckt mir kein Jugendmärchen auf von der alten westfälischen und Tugendbundzeit , in der ich 1809 geboren wurde . Da gab es hier , während mein Alter im Walde geheim mit den Rächern dingte , Corinnen in griechischen Gewändern , die über Kassel aus den Spielhöllen Venedigs und Neapels kamen , Spanierinnen , die wie Amazonen ritten , Creolinnen , deren Männer ihren Kopf auf den Schaffoten der Französischen Revolution gelassen hatten und mit dem ihrigen doch noch den Bruder Bonaparte ' s , was sag ' ich , ihn selbst verrückt machten ... Aber die Gülpen ? Die soll an diesem Minnehof nur die Ceremonienmeisterin gewesen sein ! Der buckelige Landstreicher mit der Geige hat geplaudert ? Laß dir von dem erzählen oder von seinen Alten hinten ... nein , die sind seit den grauen Tagen stumm geworden ... Worüber ? Die Gülpen , oder wie sie sich von einem Jäger , der sie heirathen wollte , nannte , Buschbeck - Einem Jäger ? Jetzt einem Mönche ! Drüben im Franciscanerkloster Himmelpfort ! Hast du nie vom Bruder Hubertus gehört ? Die Mönche dürfen nicht auf Neuhof ... Der Jäger war ein Soldat in holländischen Diensten ... Hauptmann ... Feldwebel , Kind ! Vielleicht als Lieutenant entlassen ! Er ist Laienbruder drüben ... Und war nie verheirathet ... Mit wem ? Der Hauptmännin - Was sag ' ich ... Der Bruder Hubertus kam von den Wilden und ging zu den Wilden ! Hier galt keine Ordnung und kein Gesetz und kein Priester ! Hast du nicht gehört , daß der Kronsyndikus noch eine Frau am Leben hat ? Wie ? Wer ? Noch eine Frau ? Der Kronsyndikus ? In Italien ! Man sagt es ... Kinder gibt es aller Orten genug von ihm ... oder er spielte wenigstens ohne zu wissen den Landesherrn , in dessen Bildniß auf den Groschen sich alle Frauen in gewissen Umständen versehen müssen ! Sie essen ja nicht , Doctor ! lenkte Lucinde erröthend ein . Ich trinke ! antwortete Klingsohr . Stoß ' an , sagte er , wie immer je nach der Stimmung abwechselnd mit Du und Sie ; stoß an , Lucinde ! In Italien schickte er an Jérôme plötzlich einen Kurier , daß er nach Hause kommen sollte ... Graf Zeesen , sagte man , hätte ihn bereden wollen , in ein Kloster zu gehen ... Der Musikant meint , seine Alten hätten als Grund des Zurückmüssens immer etwas von der zweiten gnädigen Frau gemunkelt ! Die noch lebe ? Nein , der Freiherr ist nur einmal verheirathet gewesen ! Ganz recht ! unterbrach Klingsohr . Die Schwester vom Grafen Joseph drüben , dem Letzten des Hauses Dorste-Camphausen auf Westerhof ! Sie starb früh , nachdem sie zwei Söhne geboren ; sie starb , sagt man aus Gram über die Aufnahme jener Gülpen ins Haus . Diese regierte . Als die Baronin starb , genoß der Witwer seine Freiheit , bis plötzlich Ruhe kam mit dem Sturz Napoleon ' s. Doch bei alledem ist landbekannt , daß die Klöster und Beichtstühle hier ringsum über den Kronsyndikus die tiefsten Geheimnisse verschließen ... Auch mein Vater weiß manches , hält sich aber stumm drüber wie die alten Stammers hinten über die Gülpen . Lucinde wagte nicht , über letztere weiter zu forschen . Sie fürchtete , daß sie hätte sagen müssen , woher und aus welcher Situation sie die » Hauptmännin « kannte . Aber mit spähendem Blick stellte sie jetzt die Frage : Und Ihre Mutter ? Klingsohr erwiderte : Ich kannte sie wenig ! Sie starb , als ich sieben Jahre alt war . Nur daß sie ein Bild des Leidens gewesen sein soll , weiß ich . Als der Vater in Magdeburg saß , wurd ' ich in dies Schloß genommen und mit Jérôme erzogen . Lucindens Unruhe mehrte sich , je näher sie ihrer Eröffnung kam . Sie wußte nicht , was sie that , als sie fortwährend den Champagner trank , den ihr Klingsohr einschenkte . Unsere Zukunft , Lucinde ! Der Traum einer Sommernacht ! rief er . Die Gegend war inzwischen nachtdunkel geworden . Rabenschwarze Schatten hatten sich niedergesenkt , ein immer näher rückendes Gewitter entlud sich ... Das Nachtmahl war bald zu Ende . Nur dem schäumenden Weine sprach noch Klingsohr immer erregter zu . Er weckte dadurch in Lucinden die Erzählungen des Kammerherrn von seiner Unmäßigkeit und den Trinkwetten . Erzählen Sie von Ihren Knabenjahren ! sprach Lucinde . Klingsohr betrachtete lange die aufsteigenden Perlen des Schaumweins und erwiderte mit dem ihm eigenen halb künstlich , halb natürlich elegischen Tone : Wo seid ihr hin , ihr heilig hehren Tage , Wo mir ein Stern noch wie ein Engel sprach ! Wo ich geglaubt , ein Regenbogen sage , Daß immer noch des Himmels Langmuth wach ! Wo in dem Blitze , in der Donner Rollen Nur eines Vaters Zürnen lag , - der Liebe Grollen ! Der Regen schlug an die Scheiben . Der Sturm tobte ... Fenster und Thüren , die nicht geschlossen gewesen , schlugen klirrend und krachend an ... Aber Lucinde drängte : Nein ! Beginnen Sie anders ! Ihre Mutter ... Ha , ich weiß , sagte er , du willst von meiner ersten Liebe hören , Lucinde ! Ja , Wenn sie leicht und zierlich Mir vorüberflog - Und ich hübsch manierlich Meine Mütze zog - Nichts , nichts von dem - sagte Lucinde ... Das Lied ist nicht lang , Lucinde ! unterbrach er sie . Nur den Schluß will ich dir sagen . Diese Liebe endete , als Amanda eines Tages keine Hosen mehr trug ; das hübsche Ding war in dem Augenblick fünf Jahre älter geworden und kannte mich nicht mehr . Schülerliebe ! Gut ! Gut ! Aber wo sind Sie geboren ? In der Buschmühle ! Und Ihre Mutter ? Erzählen Sie von ihr ! Ein Donnerschlag erschütterte in diesem Augenblicke das Schloß , daß es bis auf den Grund erbebte . Die Diener kamen nicht mehr ... Klingsohr rückte seinen Sessel dem Divan näher und zog Lucinden an sich und streichelte ihr Haar und sah ihr in die scheu und ängstlich umblickenden Augen und hielt die Hand über ihre dunkeln Brauen , gleichsam als wenn er das Rollen der schwarzen Sterne in dem weißen Emailgrunde beruhigen , das Zucken der Wimpern beschwichtigen wollte . Jetzt begann er von seiner Mutter ... In einem langen weißen reinen Gewande , sagte er , muß diese Edelste ihres Geschlechts aus der Welt emporgestiegen sein ! Ringsum lag die Sünde - sie allein erhob sich aus ihr , sie , die einzig Reine ! Eine Natter klammerte sich noch an ihren Fuß , die zertrat sie ! Wie ich geboren wurde , verlor jene Gülpen die Herrschaft im Schlosse - Schon 1809 ? unterbrach Lucinde ... Sie sah , wie viel Jahre es gebraucht hatte , ihre Peinigerin so geistig und körperlich zu zerstören , wie sie sie gefunden hatte ! Wie das alles zusammenhängt , fuhr Klingsohr fort , weiß ich nicht ... Lucinde faßte sich jetzt Muth und sprach : Ich will es Ihnen sagen ! Klingsohr horchte auf . Lucinde erzählte noch umständlicher den Vorfall , den man heute mit dem Kronsyndikus erlebt hatte . Sie erzählte das Verbrennen von Papieren , seine Unruhe , seine eilige Abreise , den Eindruck , den ihm die Ankunft des Doctors gemacht , seine Eröffnung über die Art , wie sie ihn aufnehmen sollte ... Eben zuckte durch das Zimmer ein Blitzstrahl . Klingsohr erhob sich und wurde aufgeregter ... Wie Lucinde fortfuhr und das Ziel ihrer Eröffnungen immer leiser sprechend schon völlig verständlich angedeutet hatte , ergriff er ein Glas , schleuderte es wild zu Boden , daß es zersplitterte , rieb sich die Stirn und rannte zum Fenster , als müßte er mit dem Kopfe durch die Scheiben hindurch in die tobende Nacht und die Donner hinaus . Ihr seid wahnsinnig ! schrie er . Alle , alle hier seid ihr ' s ! Lucinde nahte sich , bat ihn , sich zu mäßigen ; sie sagte ihm , er möchte sich fassen , möchte ruhig hören ... Nein ! rief er und schleuderte nun auch sie zurück mit den Worten : Circe ! Machst du Menschen zu Eseln ? Zu Mauleseln ? Bin ich verrückt ? Jetzt riß er das Fenster auf , daß der Regen nur so hereinströmte . Lucinde ließ ihn erschreckt erst gewähren . Ich liebe meinen Vater ! rief er , und sog die Tropfen ein und bestrich sich mit dem Regen Stirn und Wange . Ich liebte ihn von jeher dann , wenn ich mich hassen mußte . Und nun vollends ... meine Mutter ! Lucinde schloß das Fenster . Klingsohr rannte auf und nieder ... O ich weiß jetzt , wozu ich hergelockt bin !