bitten ? « » Laß uns erst ankommen , Vetter ! « sagt Lieschen , die auf dem ganzen Wege stets die Vorderste wäre , wenn nicht Gustav gleichen Schritt mit ihr hielte . - - Da sind wir ! Heda , da sitzt schon der alte Meister Frey mit der langen Pfeife hinter einer Flasche Wein , behaglich dem lustigen Treiben zuschauend und lächelnd das schwarze Käppchen auf den langen weißen Haaren hin und her schiebend . Schon aus der Ferne winkt er uns , als wir uns durch die Menge drängen , und ruft uns sein » Willkommen « entgegen . Hurra , da ist das » Atelier mit seinen Schwestern « , wie Gustav sagt , und die sechs Nichten des Professors . Eine lustige Gruppe : lange Haare , schwarze Sammetröcke , Kalabreser mit gewaltigen Troddeln , dann wieder weiße Kleider , bunte Bänder , Strohhüte und Gustav und Elise natürlich sogleich mitten dazwischen . Beim heiligen Vocabulus , ist das nicht der lange Oberlehrer Besenmeier , der da , aptus adliciendis feminarum animis , der dicken Frau Rektorin Dippelmann einen Stuhl erobert ? Wahrlich , er ist ' s , und da ist der Rektor selbst , der Ruten und Beile so vollständig abgelegt hat , daß ihn in diesem Augenblick jeder Sekundaner ohne böse Folgen um - Feuer für seine Zigarre bitten könnte . Wen haben wir hier ? Darf ich meinen Augen trauen ? Der königliche Professor der Gottesgelahrtheit , Hof- und Domprediger Dr. Niepeguck ! ? - Wirklich , er ist ' s ; mit Frau und Kindern steuert er durch die Menge . » Weg die Dogmatik ! « lautet das Studentenlied : warum sollte der alte Hallenser das an einem solchen prächtigen Abend nicht auch noch einmal in - das Doppelkinn summen dürfen ? Wie die Universität vertreten ist ! Professoren Privatdozenten und Studenten von allen Fakultäten und Verbindungen ! Dacht ich mir ' s doch , da sind auch die » unmoralischen Menschen « , die Freiwilligen ! Natürlich durften sie nicht fehlen ! - » Guten Abend , Cäcilie , Anna ! Guten Abend , Elise , Johanne , Klärchen , Josephine ! Das ist ja prächtig , daß ihr auch da seid ! « schwirrt und summt das durcheinander . » Gott , wo bleibt mein Tänzer ! Der abscheuliche Mensch wird mich doch nicht sitzen lassen ? ! « » Auf keinen Fall , mein Fräulein ! « sagt der Auskultator Krippenstapel , sein ambrosisches Haupt über die Schulter der erschrockenen Sprecherin streckend und etwas von » nur Personalarrest « murmelnd . » Lieschen , keinen Korb - bitte ! « ruft Gustav , ein Paar wundersame Handschuh anziehend und eine Rosenknospe ins Knopfloch steckend . » Nun , Vetter - wenn ' s denn nicht anders sein kann - so komm schnell , die Musik fängt schon an . « » Höre , Peter van Laar « , sagt Gustav schon im Rennen zu einem wohlbeleibten Kunstjünger , » wenn du mich wieder auf den Fuß trittst wie neulich , stecke ich dich morgen mit der Nase in dein Terpentinfaß ! Komm , Lieschen ! « - Prr - davon sind sie : » Mutwill ' ge Sommervögel . « Ich habe unterdessen mit der Tante Helene Platz am Tische des Meister Frey genommen , der eben unter schallendem Gelächter eine Schnurre aus seinem italischen Wanderleben beendet . Der Domprediger redet über die Wirkungen des Weißbiers auf seine Konstitution , während Petrus und Paulus , seine Sprößlinge , sich unter dem Tisch wälzen und balgen und die Frau Domprediger sich darüber aufhält , daß die Kellner sich mit der Hand schneuzen . » Es ist immer noch besser als in die Serviette ! « sagt der Rektor Dippelmann , eine Prise nehmend und in der Zerstreuung die Dose der Tante Helene anbietend . An ein und demselben Punkt werden nun zwei Gespräche angeknüpft : die Weiber plumpsen in die große Wäsche und der Domprediger mit dem Rektor Dippelmann in die - Theologie . » Kommen Sie , Wachholder « , sagt der Professor Frey , » wir wollen lieber den Kindern beim Tanzen zusehen ! Mir wird wässerig und schwül zugleich . « Da ich wirklich etwas Ähnliches in mir spüre , nehme ich den Vorschlag mit Freuden an , und wir wandeln durch die Gänge mit den bunten Lampen und Laubgewinden dem Tanzplatz zu . Da ist ein lustiges Treiben . » Welche prächtigen Reflexe ! « ruft der alte Maler ganz enthusiasmiert . » Sehen Sie , Wachholder , da kommt der Berg , aus dem ich Ihnen trotz seiner sporadischen Bummelei und Liederlichkeit doch noch einen echten Künstler mache . Nun , fanello « , wendet er sich an den Herbeieilenden , » ich hoffe , Ihr werdet meine Mädchen nicht dörren lassen - wie sie sagen ! « Der denkende Künstler grinst auf eine unbeschreibliche Weise : » Wir tun unser möglichstes , Herr Professor . Sehen Sie nur den Peter Laar ! Segelt er nicht wie ein wahrer Fapresto mit Fräulein Julie dahin ? Hier können Sie sich doch wahrlich nicht beklagen , daß er keine Fortschritte mache . Sehen Sie nur , wie er weiterkommt . Sehen Sie , wie - buff ! Dacht ich ' s doch ! Da bohrt er den Auskultator Krippenstapel mit seiner Donna zu Grund ! Alle Wetter ! Das gibt Skandal ! Da muß ich retten ! « » Herr ! « schreit der königliche Auskultator , wütend aufspringend und seine Tänzerin trostlos-lächerlich auf ihrem » séant « sitzen lassend . » Herr , können Sie nicht sehen , haben Sie keine Augen im Kopfe , Sie ... « » Halt , Krippenstapel ! « fällt hier Gustav ein , den gefallenen Engel des Juristen aufhebend . » Sie sollen fürchterlich gerächt werden , ich gebe Ihnen mein Ehrenwort ! Peter Holzmann , Bamboccio , Ungetüm ! Ein schreckliches Los harrt morgen deiner ! - Mein Fräulein , Sie haben sich doch nicht weh getan ? Wollen Sie eine kalte Messerklinge auflegen , das soll gut sein gegen Beulen ? - Fräulein Julie , gehen Sie doch gefälligst dem dicken Ungeheuer an Ihrer Seite einen tüchtigen Nasenstüber als Vorgeschmack ! Krippenstapel , sei ' n Sie ein guter Kerl und fangen Sie keinen Lärm an ; kommen Sie , lassen Sie sich von Ihrer Dame eine Stecknadel geben , ehe Sie weiterschweben . Vergessen Sie ' s nicht , es ist wichtig ; ich als Ästhetiker muß das wissen ! « Ein allgemeines Gelächter löst die Sache in Wohlgefallen auf . Krippenstapel schleicht mit seiner Stecknadel ingrimmig ins Gebüsch : seine Dame verkündet hinter ihrem Taschentuch , keine kalte Messerklinge anwenden zu wollen ; Peter Holzmann stolpert mit Fräulein Julie zu einem Sitz , und alle übrigen Paare ordnen sich zu einem neuen Tanz . Schon während des Verlaufs dieser Szene habe ich mich gewundert , nirgends Elisens Lockenkopf hervorlugen zu sehen , nirgends ihr helles Lachen zu hören ; als nun ein neuer Tanz beginnt und sie auch jetzt nicht erscheint , wird mir die Sache bedenklich . » Gustav , heda hier ! Wo hast du denn meine Liese gelassen ? « » Ich ? - Onkel , fragen Sie lieber : wo hat dich die Liese gelassen . Sie behauptet böse zu sein und ist mit Fräulein Henriette Frey weggelaufen , nachdem sie mich einen - einen Teekessel genannt hat . « » So ? - Was habt ihr denn wieder vorgehabt ? « » Ich kann mich auf Weiteres nicht einlassen ! « sagt der » denkende Künstler « , zieht ein wehmütig-sein-sollendes Gesicht und verschwindet unter der Menge . » Wenn die Sachen so stehen « , lacht der alte Frey , » so werden die Mädchen jetzt wohl bei der Wäsche und Theologie sitzen . Kommen Sie , wir müssen uns doch erkundigen , was der Friedensstifter ( machte er seine Sache nicht prächtig ? ) da für Unheil und Unfrieden angestiftet hat ! « » Ich kann ' s mir schon vorstellen « , brumme ich in den Bart , und so schlagen wir uns seitwärts ins Gebüsch und gelangen zu unserm Tisch zurück . » Richtig , da sitzen die Turteltäubchen ! « ruft der Professor . » Wie andächtig sie dem Oberlehrer Besenmeier zuzuhören scheinen und doch ganz woanders sind ! Kurre , kurre , kurre , Fräulein Elise , mein Täubchen , was hat Ihnen denn ein gewisser - hm - gewisser Teekessel getan ? « » Wer ? « fragt Lieschen , die sich dicht an die Tante gedrängt hat und von ihr mit einem gewaltigen Tuche umwickelt ist , während Henriette an ihrer andern Seite emsig sich mit ihrer Teetasse beschäftigt . » Wer ? fragst du ! « nehme ich das Wort . » Nun , wir begegneten eben jemand , der ziemlich nahe am - Überkochen war . « » Ach , du meinst den Vetter ! - Pah - der ! « » Nun , was hat ' s gegeben ? Tante Helene , hat sie Ihnen vielleicht schon ihr Herz ausgeschüttet ? « » Nein ! « sagt die Tante . » Haben sie sich wieder gezankt ? « » Es scheint so ! Fräulein Henriette , Sie wissen gewiß etwas Näheres davon ? « » Soll ich ' s sagen , Lieschen ? « fragt kichernd Henriette , ihre Freundin am Ohr zupfend . » Meinetwegen ! « sagt Elise , mit einem Gesicht wie Menschenhaß und Reue einen Nachtschmetterling verscheuchend , der ihr um den Kopf flattert und mit aller Gewalt sich in ihren Locken fangen will . » Er hat - Herr Gustav hat gesagt ; - wenn er ihr nicht die Tänzer schicke und Propaganda ( ich glaube , so heißt ' s ) für sie mache , so wurde sie - ihr Lebtag außer ihm keinen kriegen . Sie müsse daher hübsch dankbar und zuvorkommend gegen ihn sein und « Ein Ausruf des Entsetzens entringt sich allen . » Abscheulich ! « ruft die Tante Berg . » Finis mundi ! « lacht der Rektor Dippelmann . » Schändlich ! ächzt die Frau Rektorin : Gräßlich ! « die Frau Dompredigerin . » Beim Himmel , das ist stark ! « meint ihr Gemahl . » Das hätte ich nicht gedacht ! « brumm ich . » Das soll er büßen « , ruft der Professor Frey , » und ... « » Er büßt es schon ! « sagt eine Stimme , und der Übeltäter guckt durch das Gebüsch hinter Elisens Platze . » Teilweise hat er es sogar schon gebüßt ! « Mit diesen Worten windet sich der Blasphemist vollends hervor , schiebt sich ganz sachte zwischen seine Mutter und Elise , die schnell nach der andern Seite rückt , wohin er ihr ebenso schnell folgt . Seinen Arm um sie legend , hält er folgende Rede : » Lieschen , englische Kusine Ralff , ich beschwöre dich , höre mich ! - Glaubst du etwa , ich habe , nachdem du jenem Schauplatz eitler Freuden den Rücken gewandt , weitergewalzt ? Du irrst ! Du irrst ! Gute Werke habe ich getan , meine Schuld zu sühnen : den edlen Holzmann - Holzmann , komm mal her und gib mir die Schachtel mit den feurigen Tränen ! - , den edlen Holzmann habe ich aus den Klauen des racheschnaubenden Krippenstapels gerettet ; Fräulein Thekla Stichel habe ich aus der amüsantesten aller Lagen , oder vielmehr Sitzungen , emporgezogen ; als mitten im Contretanz dem Freiwilligen Breimüller der Steg riß und ihm die Unnennbare bis zum Knie hinaufschnurrte , habe ich ihm eine Droschke herbeigepfiffen ; kurz überall , wo Tränen zu trocknen waren , war auch ich - wie gesagt , nur um meine Schuld zu büßen . Und hier , Lieschen ( Holzmann , gib mir die Schachtel ) , nicht allein getrocknet habe ich Tränen , auch gesammelt habe ich welche ! - Sieh , Lieschen ! « Einen Ausruf der Verwunderung und Freude stößt Elise trotz ihrem Groll aus , als ihr der Bösewicht den Inhalt seiner Schachtel in den Schoß schüttet und unzählige funkelnde , leuchtende Johanniswürmer um sie herum kriechen und schwirren . Die Lampen sind weit genug entfernt , daß die Tierchen in ihrem ganzen Glanz erscheinen können , und es ist wirklich ein hübscher Anblick - diese besternte Elise ! » Das sind meine Reuetränen , und du - kriegst Tänzer leider zu viel - ohne mich ! - und ich bin ein Teekessel und et cetera - Lieschen ? ! - Lieschen , gucke mich mal an ! « » Taugenichts ! « sagt Elise , dem Sünder in die Haare greifend , und - der Friede ist geschlossen ! - War denn der alte Meister Frey an diesem Abend ganz aus Rand und Band ? Auf einmal verkündete er , daß er seinen morgenden 69sten Geburtstag ( es war der letzte seines Lebens ) jetzt feiern wolle , da bei solchen Gelegenheiten das Improvisieren den wahren Genuß und Jubel hervorbringe . Das halbe Atelier machte er halb betrunken , die ganze weibliche Welt ganz angeheitert . Ein Kranz wurde ihm aufgesetzt trotz allem Sträuben - ein Kranz , der nur so sein mußte . Der Domprediger hielt eine Rede , die » Verehrter Greis « anfing und ähnlich endete , und Reden wurden losgelassen und Toaste ausgebracht bis zwölf Uhr . Dann erhob sich das alte bekränzte Geburtstagskind , beklagte sich über Nachtkühle und Nachtfeuchte , und - das Fest war vorbei . Vorbei ! Wo sind heute alle die , welche es feierten ? Tot ist der alte Meister Frey , zerstreut in alle Welt sind seine Schüler . Peter Holzmann , genannt Peter van Laar oder auch Bamboccio , ist 1849 in einer römischen Villa von französischen Plünderern erstochen , als er eine Raffaelsche Madonna vor ihrer Zerstörungswut schützen wollte . Der Domprediger ist noch immer nicht zum Mormonentum übergetreten , und der Oberlehrer Besenmeier hat Fräulein Julie Frey geheiratet und steht - » mit dem Gürtel , mit dem Schleier reißt der schöne Wahn entzwei « - fürchterlich unter dem Pantoffel . Die Frau Rektor Dippelmann knüpft noch wie immer alle Morgen ihrem Gemahl die Halsbinde um , steckt ihm das Butterbrot , in die gestrige Zeitung gewickelt , in die Rocktasche und sieht ihm stolz nach aus dem Fenster , wie er über die Friedensbrücke nach dem Schimmelstädtischen Gymnasium wandelt . Und Gustav und Elise ? - - - Ich werde nachher dieses Blatt der Chronik hinübertragen zu jener schönen ältlichen Frau in Nr. zwölf der Sperlingsgasse , deren Fortepianoklänge sich schon den ganzen Nachmittag über in meine Gedanken verwoben haben . Dann werden wir von Gustav und Elise sprechen ! Am 14. März » Hören Sie , Wachholder « , sagte heute Strobel , mit den zusammengehefteten Bogen der Chronik aufs Knie schlagend , » wenn Ihnen einmal Freund Hein das Lebenslicht ausgeblasen hat , irgend jemand unter Ihrem Nachlaß diese Blätter aufwühlt und er sich die Mühe gibt , hineinzugucken , ehe er sie zu gemeinnützigen Zwecken verwendet , so wird er in demselben Fall sein wie der alte Albrecht Dürer , der ein Jagdbild lobte , aber sich zugleich beklagte , er könne nicht recht unterscheiden , was eigentlich die Hunde und was die Hasen sein sollten . Sie würfeln wirklich Traum und Historie , Vergangenheit und Gegenwart zu toll durcheinander , Teuerster ; wer darüber nicht konfus wird , der ist es schon ! Und wenn Sie noch Ihre Bilder einfach hinstellten wie ein alter , vernünftiger , gelangweilter Herr und Memoirenschreiber ! Aber nein , da rennt Ihnen Ihr Mitarbeitertum der Welken Blätter zwischen die Beine , da putzen Sie Ihre Erinnerungen auf mit dem , was Ihnen der Augenblick eingibt , hängen hier ein Glöckchen an und da eins , und ehe man ' s sich versieht , haben Sie ein Ding hingestellt wie - wie ein Gebäude aus den bunten Steinen eines Kinderbaukastens . Das ist hübsch und bunt , aber - es paßt nichts recht zusammen , und wenn man es genau besieht - puh ! - Nehmen Sie ' s nicht übel , aber manchmal gleicht Ihre Chronik doch dem Machwerk eines angehenden literarischen Lichts , das sich mit Rousseau getröstet hat : Avec quelque talent qu ' on puisse être né , l ' art d ' écrire ne s ' apprend pas tout d ' un coup . « Ich hatte dieser langen Rede des Karikaturenzeichners geduldig zugehört , jetzt sagte ich , während ich erbost meine Pfeife ausklopfte : » Sie haben vor einiger Zeit versprochen , ein Mitarbeiter meiner Chronik werden zu wollen , ich nehme Sie jetzt nach Ihrer so tief eingehenden Kritik sogleich beim Wort und - lasse Sie mit Dinte , Feder und Papier allein , daß Sie Ihren Beitrag derselben auf der Stelle anhängen . Der einst Konfuswerdende mag auch von Ihnen etwas mit aufwühlen . Guten Abend ! « Der Karikaturenmaler lachte , sagte » fiat « und begann eine Feder zu schneiden , während ich Hut und Stock nahm und abzog mit dem Gefühl eines Menschen , der eine belebte Straße hinabzieht unter der festen Überzeugung , daß ihm hinten ein ungreifbares , ellenlanges Band vom Vorhemde über den Rockkragen baumelt . » Und recht hat er doch ! « brummte ich , indem ich die Treppe hinabstieg . » Wenn nur die Liese erst wieder da wäre ! Komm zurück , Schlingel von Gustav , und bringe sie mit , daß euer alter Onkel ruhig wieder an seinem Werke de vanitate weiterschreiben kann ! « Damit trat ich aus dem Hause und zog eben die Handschuh an , als sich oben mein Fenster öffnete , der Karikaturenzeichner den Kopf heraussteckte und herunterrief : » Hören Sie , alter Herr , ich kann Sie so nicht weggehen lassen - ich habe Gewissensbisse und muß erst Öl in Ihre Wunden gießen ! Hören Sie , meine Tante teilt die Bücher in zwei Arten : gute , über welchen sie nach Tisch einschlafen kann , und schlechte , bei denen das nicht geht . Ihre Chronik würde sie unter die ersteren rechnen , wenn sie , aufgewühlt , ihr in die Hände fallen sollte . Adieu ! « Ich wandte dem unverschämten Gesellen lachend den Rücken und marschierte ab . Am Abend Ich bin zurückgekommen von meinem Spaziergang und sitze wieder allein und einsam vor den zerstreuten Bogen meiner Chronik . Der Karikaturenzeichner hat wirklich ein Blatt vollgekritzelt , alle meine Federn verdorben , einen Dintenklecks auf den Fußboden gemacht , meinen Siegellackvorrat zerbissen , zerdreht und zerbrochen und - eine Ecke von meinem Schreibtisch abgeschnitzelt . - Er hat mir fast die Fortsetzung der Aufzeichnung meiner Phantasien verleidet , und es war doch so süß , wenn der Blick an irgendeinen Gegenstand meines Zimmers , dort an jenes kleine leere Messingbauer , an jenen Sessel vor dem Nähtischchen , an ein altes Blatt , eine vertrocknete Blume , eine bunte Zeichnung in meiner Mappe sich festhing und allmählich eine Erinnerung nach der andern aufstieg und sich blühend und grünend darumschlang . Wir sind doch törichte Menschen ! Wie oft durchkreuzt die Furcht vor dem Lächerlichwerden unsere innigsten , zartesten Gefühle ! Man schämt sich der Träne und spottet ; man schämt sich des fröhlichen Lachens und - schneidet ein langweiliges Gesicht ; die Tragödien des Lebens sucht man hinter der komischen Maske zu spielen , die Komödien hinter der tragischen ; man ist ein Betrüger und Selbstquäler zugleich ! - Mit einem Kinderbaukasten verglich Strobel diese bunten Blätter ohne Zusammenhang ? Gut , gut - mag es sein - ich werde weiter damit spielen , weiter luftige , tolle Gebäude damit bauen , da die fern sind welche mir die farbigsten Steine dazu lieferten ! Ich werde von der Vergangenheit im Präsens und von der Gegenwart im Imperfektum sprechen , ich werde Märchen erzählen und daran glauben , Wahres zu einem Märchen machen und zuerst - die bekritzelten Blätter des Meisters Strobel der Chronik anheften ! Hier sind sie : Strobeliana 3 Uhr . - Ich habe mir eine Zigarre angezündet , den Bogen neben mich ins Fenster gelegt und beginne meine Beobachtungen . Zuerst bringe ich zu Papier natürlich das Wetter : das holdseligste Himmelblau , den prächtigsten Sonnenschein . Hätte ich nur einen Funken poetischen Feuers in mir , so würde ich mir beide durch ein junges , schönes Paar personifizieren , welches da hoch oben im Himmelszelt auf seinem weißen , weichen Wolkendivan tändelt und kost und total vergessen hat , daß noch soviel hunderttausend deutsche Hausfrauen auf - Märzschnee warten zum Seifekochen ! Wahrhaftig , da ist ja eine Fliege ! Welch ein Fund für einen Chronikenschreiber ! Summend stößt sie gegen die sonnebeschienenen Scheiben , die wir schnell schließen wollen , um das arme Tierchen zu seinem Besten vor dem heuchlerischen Frühling da draußen zu bewahren . Sie scheint auch jetzt ihre Torheit einzusehen , sie läßt ab und umfliegt mich . Halt , jetzt setzt sie sich auf meine Knie nach mehreren vergeblichen Angriffen auf meine Nasenspitze ; sie nimmt den Kopf zwischen beide Vorderbeine , kratzt sich hinter den Ohren und - - - kleiner ..... ! - Dahin geht sie , eine Spur hinterlassend auf meinem Knie und - in der Chronik der Sperlingsgasse . Ich wollte , es gäbe ein Sprichwort : » Schämt euch vor den Fliegen an der Wand . « Um wieviel menschliche Tollheiten und Torheiten schnurren diese winzigen Flügelwesen ! Wer weiß , was der Punkt , den der kleine Tourist da eben niedergelegt hat , eigentlich bedeutet ? Wer weiß , ob es nicht ein deponiertes Tagebuch ist , voll der geistreichsten Bemerkungen , ein Tagebuch , das man nur aufzurollen und zu entziffern brauchte wie einen ägyptischen Papyrus , um wunderbare , unerhörte Dinge zu erfahren ? Welch eine Revolution wurde es hervorbringen , wenn dem so wäre , wenn man sich vor den Fliegen an der Wand schämen müßte ! Wie würden die Fliegenklatschen in Gang kommen ! Arme Fliegen ! Kein » redlicher Greis in gestreifter kalmankener Jacke « würde euch mehr verschonen » zur Wintergesellschaft « . Wie den Vogel Dudu würde man euch ausrotten und höchstens einige , in Uniform gesteckt , mit einer Kokarde auf jedem Flügel , als Regierungsbeamte besolden . Es wäre schrecklich , und ich breche ab . - 3 1 / 4 Uhr . - Welche Reisegedanken dieser blaue Himmel schon wieder in mir erweckt ! An solchen Vorfrühlingstagen , wo der Geist die Last des Winters noch nicht ganz abgeschüttelt hat , ist ' s , wo die Sehnsucht nach der Ferne uns am mächtigsten ergreift . Es ist ein sonderbares Ding um diese Sehnsucht , die wir nie verlieren , so alt wir sein mögen . Da zupft etwas an unserm tiefsten Innern : Komm heraus , komm heraus , was sitzest du so still , du Tor , und hältst Maulaffen feil ? Hier findest du nicht , worüber du grübelst , wonach du dich sehnst , ohne es zu kennen Sieh , wie blau , wie duftig die Ferne ! Viel , viel weiter liegt ' s ! Komm heraus , heraus ! Bah , diese blaue , duftige Ferne : wie oft hab ich mich von ihr verlocken lassen . Die Erde läßt uns ja nicht los ; wir sind ihre Kinder , und sie ist nichts ohne uns , wir nichts ohne sie . - Folge jetzt der lockenden Stimme , deine Füße werden schon in den weichen Boden versinken ; närrische Sprünge wirst du mit den Erdklößen an den Stiefeln machen ! Fühle , daß zur Zeit , wo die Sehnsucht am stärksten ist , auch die Fesseln am stärksten sind ; kehre um , ziehe Pantoffeln an und nimm die gestrige Zeitung vor die Nase : das Glück liegt nicht in der ferne , nicht über dem » wechselnden Mond « ! - 3 1 / 2 Uhr . - Da höre ich eben unten in der Gasse eine merkwürdige Redensart aus dem Munde eines Tagelöhners , der einen andern , sehr übelgelaunt Aussehenden mit den Worten auf die Schulter klopft : » Man muß nie verzweifeln ; kommt ' s nicht gut , so kommt ' s doch schlecht heraus ! « In demselben Augenblick öffnet sich nebenan ein Fenster . Eine beschmierte rote Sammetmütze auf einem Wald schwarzer Haare beugt sich hervor ; es ist mein würdiger Freund Monsieur Anastase Tourbillon , seines Zeichens ein französischer Sprachlehrer . Er scheint die Redensart drunten auch gehört und - verstanden zu haben und gähnt : » Ah , ouf , quelle bête allemande ! Eh vogue la galère , jusqu ' à la mort tout est vie ! « Da habt ihr die beiden Nationen und ..... Wetter ! - da gebe ich nicht acht , und - meine Fliege von vorhin entschlüpft summend aus dem wiedergeöffneten Fenster ! Nie mehr wird sie wieder meinen Freund Wachholder umschwirren , nie mehr auf dem Rande der Zuckerdose umherspazieren oder gegen die Scheiben stoßen ! Sie hat , was sie wollte - unbegrenzte Freiheit , aber ach - heute abend - keinen warmen Ofen mehr , sich daran zu wärmen : in den Rinnsteinen der Sperlingsgasse fließt weder Milch noch Honig ! - Verflucht sei die Freiheit ! Amen ! - 3 3 / 4 Uhr . - Die meisten Dichterwerke der neusten Zeit gleichen dem Bilde jenes italischen Meisters , der seine Geliebte malte als Herodias und sich in dem Kopfe des Täufers auf der Schüssel porträtierte . Da pinseln uns die Herren ein Weibsbild , Tendenz genannt , hin , welches anzubeten sie heucheln und welches auf dem Präsentierteller hochachtungsvoll und ergebenst uns das Verzerrte Haupt des werten Schriftstellers selbst überreicht . Die Nützlichkeit solchen Treibens läßt sich nicht abstreiten , also - nur immer zu ! - Wie komm ich darauf ? - 4 Uhr . - Es ist merkwürdig ; seit ich dieses Blatt bemale , ist dieselbe Traumseligkeit über mich gekommen , die dieser Chronik ein so zerfetztes , zerlumptes Ansehen gegeben hat . Wachholder hat recht , es ist ein eigentümlich behagliches Gefühl , seinen Gedankenspielen sich so ganz und gar hinzugehen , ohne sich , Geist herausquälend , im Kreise zu drehn wie ein hartleibiger Pudel . Wo war ich eben , als das Kindergeschrei drunten auf der Straße mich aufweckte ? Ich will versuchen , es der Chronik einzuverleiben , worin zugleich für meinen ehrenwerten Freund Wachholder die größte Genugtuung für meine vorigen Reden liegen wird . Es war an einem Sonntagmorgen im Juli , als ich auf braunschweigschem Grund und Boden am Uferrand der Weser lag und hinüberblickte nach dem jenseitigen Westfalen . Früh vor Sonnenaufgang war ich , über Berg und Tal streifend , mit dem ersten Strahl im Osten in ein gleichgültiges Dorf hinabgestiegen . Ich hatte Kaffee getrunken unter der Linde vor dem Dorfkrug , hatte behaglich das Treiben des Sonntagsmorgens im Dorf belauscht und andächtig der kleinen Glocke zugehört , die in dem spitzen , schiefergedeckten Kirchturm läutete . Manchem hübschen , drallen niedersächsischen Mädchen , das sich über den sonderbaren , plötzlich ins Dorf geschneiten Fremdling wunderte , hatte ich lächelnd zugenickt ; ich hatte Bekanntschaft mit der gesamten Kinder- , Hühner- , Gänse- und Entenwelt des » Krugs « gemacht , dem weißen Spitz den Pelz gestreichelt und manche Frage über » Woher und Wohin « beantwortet . Mit meinem Wirt ( der zugleich Ortsvorsteher war ) hatte ich das Bienenhaus besucht , darauf die Gemeinde , den Kantor und Pastor in die Kirche gehen sehen und hatte mich zuletzt allein im Hofe unter der Linde gefunden , nur umgehen von der quackenden , piepsenden geflügelten Schar des Federviehs . Aus diesem dolce far niente hatte mich plötzlich das Schreien eines Kindes aufgeschreckt . Es drang aus dem Haus hinter mir und bewog mich , aufzustehen und in das niedere , vom Weinstock umsponnene Fenster zu sehen . Eine alte Frau war eben beschäftigt , einen widerspenstigen , heulenden , strampelnden Bengel von vier Jahren mit Wasser , Seife und einem wollenen Lappen tüchtig zu waschen , welcher Prozedur drei bis vier andere kleine » Blaen « angstvoll zusahen , wartend , bis die Reihe an sie kommen würde . » Nun , Mutter « , sagte ich , mich auf die Fensterbank lehnend ; » und Ihr seid nicht in der Kirche ? « Die Alte sah auf und sagte lachend : » Et geit nich immer ; ek mott düsse lüttgen Panzen waschen und antrecken - Herre - Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch ! « Ich nahm den Hut ab und trat unwillkürlich einen Schritt zurück . Welch eine wunderbar schöne Predigt lag in den fünf Worten des alten Weibes ! Eine Schwalbe beschrieb eben ihren Bogen um mich , ihrem Neste unter dem niedrigen Dachrande zu , und klammerte sich , ihre Beute im Schnabel , an die Tür ihrer kleinen Wohnung , begrüßt von dem jubelnden Gezwitscher der federlosen Brut . Ich konnte der alten Frau kein Wort mehr sagen . » Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch ! « murmelte ich leise , zu meinem Tisch unter der Linde zurückgehend . Ich riß ein Blatt aus meiner Brieftasche , schrieb darauf : Kinderschreien is ok een Gesangbauksversch , und zog es mit einem Strauß Waldblumen unter das Hutband . Träumend schritt ich dann durch die Tür des Dorfkirchhofs , vorüber an den bunten , geputzten Gräbern , zu dem offnen Kirchtor ( auf dem Lande braucht der Protestantismus seine Kirchen während des Gottesdienstes noch nicht zu schließen ) und lehnte andächtig an der Esche davor . Mit großer Freude