nicht zu verfehlen , ob man gleich von dem Fußweg abseits gehen mußte . Der Geruch des Meilers führte unfehlbar zu ihm . Wie singen die Vögel in den Bäumen und ein jammerndes Menschenkind wandelt drunter hin , und wie traurig muß es Dami sein , der das Alles wiedersteht , und es muß ihm hart gegangen sein , wenn er keinen andern Ausweg mehr weiß , als heim und sich an dich hängen und dich aussaugen . Andre Schwestern haben an den Brüdern eine Hülfe und ich ... Aber ich will dir jetzt schon zeigen , Dami , du mußt bleiben wo ich dich hinstelle und darfst nicht zucken . In solcherlei Gedanken ging Barfüßele dahin und war endlich beim Kohlenmathes angekommen . Aber sie sah hier keinen Menschen außer dem Kohlenmathes , der vor seiner Blockhütte beim Meiler saß und seine Holzpfeife mit beiden Händen hielt und rauchte , denn ein Köhler thut es seinem Meiler nach und raucht immer . » Hat mich Jemand zum Narren gehabt ? « fragte sich Barfüßele . » O das wäre schändlich ! Was thue ich denn den Menschen , daß sie mich zum Narren haben ? Aber ich krieg ' s schon heraus , wer das angestellt hat ; der soll mir ' s büßen . « Mit geballter Faust und flammenrothem Gesicht stand sie jetzt vor dem Kohlenmathes . Dieser hob kaum das Antlitz nach ihr , viel weniger daß er ein Wort redete ; er war , so lang die Sonne schien , fast immer wortlos und nur des Nachts , wenn ihm Niemand in ' s Auge sehen konnte , sprach er viel und gern . Barfüßele starrte eine Minute in das schwarze Antlitz des Köhlers und dann fragte sie zornig : » Wo ist mein Dami ? « Der Alte schüttelte mit dem Kopfe verneinend . Da fragte Barfüßele nochmals mit dem Fuße aufstampfend : » Ist mein Dami bei Euch ? « Der Alte legte die Hände aus einander und zeigte rechts und links , daß er nicht da sei . » Wer hat denn zu mir geschickt ? « fragte Barfüßele immer heftiger : » So redet doch ! « Der Köhler wies mit dem rechten Daumen nach der Seite , wo ein Fußweg sich um den Berg hinzog . » Um Gotteswillen , saget doch ein Wort , « drängte Barfüßele vor Zorn weinend , » nur ein einziges Wort . Ist mein Dami da oder wo ist er ? « Endlich sagte der Alte : » Er ist da , dir entgegengegangen , den Fußweg , « und gleich als hätte er viel zu viel gesprochen , preßte er rasch die Lippen zusammen und ging um den Meiler . Da stand nun Barfüßele und lachte höhnisch und wehmüthig über den einfältigen Bruder . » Er schickt nach mir und bleibt doch nicht an einer Stelle , wo man ihn finden kann ; und wenn ich jetzt den Weg hinauf gehe - wie konnte er nur glauben , daß ich den Fußweg gehe ? das ist ihm jetzt gewiß auch eingefallen und er geht einen andern und ist nicht mehr zu finden und wir laufen um ein ander herum wie im Nebel . « Barfüßele setzte sich still auf einen Baumstumpf und in ihr brannte es wie in dem Meiler , die Flamme konnte nicht ausschlagen , sie mußte still in sich verkohlen . Die Vögel sangen , der Wald rauschte , ach , was ist das Alles , wenn kein heller Ton im Herzen klingt ... wie aus einem Traum erinnerte sich jetzt Barfüßele , wie sie einst Liebesgedanken nachgehangen . Wie kommst du dazu , so etwas in dir aufkommen zu lassen ? Hast du nicht Elend genug an dir und an deinem Bruder ? Und der Gedanke dieser Liebe war ihr jetzt wie mitten im Winter die Erinnerung an einen hellen Sommertag . Man kann ' s nur glauben , daß es einst so sonnig warm gewesen , aber man weiß nichts mehr davon . Jetzt mußte sie lernen was » Warten « heißt : hoch oben auf einer Spitze , wo kaum eine Hand breit Boden ; und wenn du erst weißt wie es ist , bist du im alten Elend und in noch größerem ... Sie ging hinein in die Blockhütte des Köhlers , da lag ein Sack locker und kaum halb voll , und auf dem Sacke stand der Name des Vaters . » O wie bist du herumgeschleppt ! « sagte sie fast laut . Sie kam aber schnell über die Erregung des Gemüthes hinweg und wollte sehen , was denn Dami wieder mit zurückgebracht . » Er hat doch mindestens die guten Hemden noch , die du ihm von der Leinwand der schwarzen Marann ' hast machen lassen ? Und vielleicht ist auch ein Geschenk von dem Ohm aus Amerika darin . Aber wenn er noch etwas Ordentliches hätte , wäre er dann zuerst zum Kohlenmathes im Wald ? Hätte er sich nicht gleich im Dorf gezeigt ? « Barfüßele hatte Zeit diesen Gedanken nachzuhängen , denn das Sackbändel war wahrhaft kunstmäßig verknotet , und nur ihrer gewohnten Geschicklichkeit und Unablässigkeit gelang es , ihn endlich zu entwirren . Sie that Alles heraus was in dem Sacke war und mit zornigem Blicke sagte sie vor sich hin : » O du Garnichts ! da ist ja kein heiles Hemd mehr . Du hast jetzt die Wahl , ob du Bettellump oder Lumpenbettler heißen willst . « Das war keine gute Stimmung , in der sie den Bruder wieder begrüßen konnte , und dieser mochte es fühlen , denn er stand lauernd am Eingang der Blockhütte bis Barfüßele wieder Alles in den Sack gethan hatte . Dann trat er auf sie zu und sagte : » Grüß Gott Amrei ! Ich bringe dir nichts als schwarze Wäsche , aber du bist sauber und wirst mich auch wieder ... « » O lieber Dami , wie siehst du aus ! « schrie Barfüßele und lag an seinem Halse , aber schnell riß sie sich wieder los und sagte : » Um Gotteswillen , du riechst ja nach Branntwein . Bist du schon so weit ? « » Nein , der Kohlenmathes hat mir nur ein bischen Wachholdergeist gegeben , ich hab ' auf keinem Bein mehr stehen können ; es ist mir schlecht gegangen , aber schlecht bin ich drum nicht geworden , das glaub ' mir , ich kann dir ' s freilich nicht beweisen . « » Ich glaub ' dir . Du wirst doch das Einzige was du auf der Welt hast , nicht betrügen ? O wie verwildert und elend siehst du aus ! Du hast ja einen großen Bart wie ein Scherenschleifer . Das leid ' ich nicht , den mußt du heruntermachen . Du bist doch sonst gesund ? Es fehlt dir doch nichts ? « » Gesund bin ich und will Soldat werden . « » Was du bist und was du wirst , das wollen wir schon noch überlegen , jetzt sag ' , wie es dir ergangen ist . « Dami stieß ein Scheit halbverbranntes Holz , von den sogenannten unbrauchbaren Bränden mit dem Fuße weg und sagte : » Siehst du ? Grad so bin ich ; nicht ganz Kohle geworden und doch auch kein frisch Holz mehr . « Barfüßele ermahnte ihn , er soll ohne Klage erzählen , und nun berichtete Dami eine lange , lange Geschichte , wie er es beim Ohm nicht ausgehalten , wie hartherzig und eigennützig der sei , besonders aber , wie ihm die Frau jeden Bissen mißgönnt habe , den er im Hause genoß , wie er dann da und dort gearbeitet , aber immer mehr die Hartherzigkeit der Menschen erfahren habe ; in Amerika da könnte ein Mensch den Andern im Elend verkommen sehen und er schaut nicht nach ihm um . Barfüßele mußte fast lachen als in der Erzählung immer und immer wieder der Endreim vorkam : » Und da haben sie mich auf die Straße geworfen . « Sie konnte nicht umhin einzuschalten : » Ja , so bist du , du läßt dich immer werfen . Bist schon als Kind so gewesen : wenn du einmal gestolpert bist , da hast du dich fallen lassen wie ein Stück Holz . Man muß aus dem Stolper auch einen Hopser machen , drum sagt man ja im Sprüchwort : von Stolpe nach Danzig ( tanz ich ) . Sei lustig . Weißt , was man thun muß , wenn Einem die Menschen weh thun wollen ? « » Man muß ihnen aus dem Weg gehen . « » Nein , man muß ihnen weh thun , wenn man kann , und am wehesten thut man ihnen , wenn man sich aufrecht erhält und was vor sich bringt . Aber du stellst dich immer hin und sagst zur Welt : thu ' mir gut , thu ' mir bös , küss ' mich , schlag ' mich , wie du willst . - Das ist leicht . Du lässest dir Alles geschehen und dann hast du Erbarmen mit dir selbst . Wär ' mir auch recht , wenn mich ein Anderes da und dort hinstellte , wenn ich ' s nicht selbst zu thun hätte ; aber du mußt jetzt selbst Einsteher für dich sein , hast dich genug in der Welt herumstoßen lassen , jetzt zeig ' einmal den Meister . « Vorwürfe und Lehren werden einem Unglücklichen gegenüber oft zu ungerechten Härten und auch Dami nahm die Worte der Schwester als solche . Es war fürchterlich , daß sie es nicht einsah , wie er der unglücklichste Mensch auf der Welt sei . Sie mochte ihm noch so streng vorhalten , daß er das nicht glauben möge und wenn er es nicht glaube , so sei es auch nicht der Fall . Aber das Schwierigste von Allem ist : einem Menschen den Glauben an sich beizubringen ; die Meisten gewinnen ihn erst , nachdem ihnen Etwas gelungen ist . Dami wollte der herzlosen Schwester kein Wort weiter erzählen und erst später gelang es ihr , daß er ausführlich von seinen Fahrten und Schicksalen berichtete und wie er zuletzt als Heizer auf einem Dampfschiff nach der alten Welt zurückgekehrt sei . Indem sie ihm jetzt seine selbstquälerische Weichmüthigkeit vorhielt , ward sie inne , daß auch sie nicht frei davon war . Durch den fast ausschließlichen Verkehr mit der schwarzen Marann ' hatte sie sich gewöhnt , immer so viel von sich zu reden und an sich zu denken , und sie war in ein schweres Wesen gerathen . Jetzt , indem sie den Bruder aufrichtete , that sie es auch unwillkürlich mit sich selbst ; denn das ist die geheimnißvolle Macht des Menschenzusammenhanges , daß wir immer , indem wir Anderen helfen , uns selbst mit helfen . » Wir haben vier gesunde Hände , « schloß sie , » und da wollen wir sehen , ob wir uns nicht durch die Welt durchschlagen , und durchschlagen ist tausendmal besser als sich durchbetteln . Jetzt komm ' , Dami ; jetzt komm ' mit heim . « Dami wollte sich im Orte gar nicht zeigen , er fürchtete sich vor dem Gespötte , das von allen Seiten auf ihn losbreche , er wollte vor der Hand noch versteckt bleiben ; aber Barfüßele sagte ihm : » Jetzt gehst mit , am hellen Sonntag , und mitten durch das Dorf , und läßst dich ausspotten . Laß sie nur reden und deuten und lachen , dann bist du fertig und bist ' s los , hast den bittern Kolben auf einmal verschluckt und nicht tropfenweis . « Erst nach vielem und heftigem Widerstreben und erst nachdem der schweigsame Kohlenmathes auch sein Wort und Barfüßele Recht gegeben hatte , ließ Dami sich führen . Und in der That hagelte und regnete es von allen Seiten bald grob , bald spitz auf des Barfüßele ' s Dami los , der auf Gemeindekosten eine Vergnügungsreise nach Amerika gemacht habe . Nur die schwarze Marann ' nahm ihn freundlich auf und ihr zweites Wort war : » Hast du nichts von meinem Johannes gehört ? « Dami konnte keine Kunde geben . Und in doppelter Weise mußte Dami heute Haar lassen , denn noch am Abend brachte Barfüßele den Bader , der ihm den wilden Vollbart abnehmen und ihm das landesübliche glatte Gesicht geben mußte . Schon am andern Morgen wurde Dami auf ' s Rathhaus beschieden , und da er davor zitterte , er wußte nicht warum , versprach Barfüßele ihn zu begleiten und das war gut , wenn es gleich nicht viel half . Der Gemeinderath verkündete Dami , daß er aus dem Ort ausgewiesen sei ; er habe kein Recht hier zu bleiben , um vielleicht der Gemeinde wieder zur Last zu fallen . Alle Gemeinderäthe staunten , da Barfüßele hierauf erwiderte : » Ja wohl , Ihr könnet ihn ausweisen ; aber wisset Ihr wann ? Wenn Ihr hinausgehen könnt auf den Kirchhof , dort wo unser Vater und unsere Mutter liegt und wenn Ihr zu den Begrabenen sagen könnt : Auf ! geht fort mit Eurem Kind ! - Dann könnt Ihr ihn ausweisen . Man kann Niemand ausweisen aus dem Ort , wo seine Eltern begraben sind , da ist er mehr als daheim ; und wenn ' s tausend und tausendmal da in den Büchern steht ( sie deutete auf die gebundenen Regierungsblätter ) und anders stehen mag , es geht doch nicht und Ihr könnet nicht . « Ein Gemeinderath sagte dem Schullehrer in ' s Ohr : » Diese Reden hat das Barfüßele von niemand Anders gelernt als von der schwarzen Marann ' ! « Und der Heiligenpfleger neigte sich zum Schultheiß und sagte : » Warum duldest du , daß das Aschenbuttel so schreit ? Klingle dem Schütz , er soll sie in ' s Narrenhäusle stecken . « Der Schultheiß aber lächelte und erklärte Barfüßele , daß sich die Gemeinde von allen Ueberlasten , die ihr durch den Dami werden könnten , losgekauft habe , indem sie den größten Theil des Ueberfahrtsgeldes für ihn auslegte . » Ja , wo ist er denn jetzt daheim ? « fragte Barfüßele . » Wo man ihn annimmt , aber hier nicht und vor der Hand nirgends . « » Ja , ich bin nirgends daheim , « sagte Dami , dem es fast wohl that , immer noch mehr unglücklich zu sein . Jetzt konnte es doch Niemand läugnen , daß es keinem Menschen auf der Welt schlechter ginge als ihm . Barfüßele kämpfte noch dagegen , aber sie sah bald , hier half nichts , das Gesetz schien wider sie und nun betheuerte sie , daß ihr eher das Blut unter den Nägeln hervorfließen solle , ehe sie je wieder etwas für sich und ihren Bruder von der Gemeinde annehme und sie versprach alles Erhaltene zurückzuerstatten . » Soll ich das auch in ' s Protokoll nehmen ? « fragte der Gemeindeschreiber die Umsitzenden und Barfüßele antwortete : » Ja , schreibet ' s nur , bei euch gilt ja doch nur das Geschriebene . « Barfüßele unterzeichnete das Protokoll , aber als dies geschehen war , wurde Dami dennoch verkündet , daß er als Fremder die Erlaubniß habe : drei Tage im Dorfe zu bleiben , wenn er bis dahin kein Unterkommen gefunden , werde er ausgewiesen und nöthigenfalls mit Zwangsmitteln über die Grenze gebracht . Ohne weiter ein Wort zu sagen verließ Barfüßele mit Dami das Rathhaus , und Dami weinte darüber , daß sie ihn unnöthig gezwungen habe , in ' s Dorf zurückzukehren ; er wäre besser im Wald geblieben und hätte sich damit den Spott und jetzt den Kummer erspart , zu wissen , daß er aus seinem Heimathsort als Fremder ausgewiesen sei . Barfüßele wollte ihm erwidern , daß es besser sei , wenn man Alles klar wisse und sei es auch das Herbste ; aber sie verschluckte das , sie selber fühlte , daß sie alle Kraft brauche , um sich aufrecht zu erhalten ; sie fühlte sich auch ausgewiesen mit ihrem Bruder und sie empfand es , daß sie einer Welt gegenüber stand , die sich auf Macht und Gesetze stützte und sie selber hatte nur die leere Hand ; aber sie hielt sich jetzt aufrechter als je . Das Ungeschick und Mißgeschick Dami ' s drückte sie nicht nieder , denn so ist der Mensch : hat er ein Schmerzen das ihn ganz erfüllt , dann trägt er ein anderes , und sei es noch so schwer , oft leichter , als wenn es allein gekommen wäre . Und weil Barfüßele ein unnennbares Wehe empfand , gegen das sie nichts thun konnte , trug sie das nennbare , gegen das sie wirken konnte , um so williger und freier . Sie gönnte sich keine Minute der Träumerei mehr und ging immer mit straffen Armen und mit geballter Faust hin und her , als wollte sie sagen : wo ist denn die Arbeit und sei es auch die schwerste , ich nehme sie über mich , wenn ich nur mich und meinen Bruder aus der Abhängigkeit und Verlassenheit herausbringe . Sie dachte jetzt selber daran mit Dami in ' s Elsaß zu wandern und dort in einer Fabrik zu arbeiten . Es kam ihr schrecklich vor , daß sie das sollte ; aber sie wollte sich dazu zwingen . Wenn nur der Sommer vorüber war , dann sollte es fortgehen , und Lebewohl Heimath ! Wir sind ja auch daheim in der Fremde . Der nächste Annehmer , den die beiden Waisen in der Ortsregierung gehabt hatten , war jetzt machtlos . Der alte Rodelbauer lag schwer krank danieder und in der Nacht nach der stürmischen Gemeinderathssitzung verschied er . Barfüßele und die schwarze Marann ' waren diejenigen , die am meisten bei seiner Beerdigung auf dem Kirchhofe weinten . Die schwarze Marann ' sagte auf dem Heimwege noch als besonderen Grund : » Der Rodelbauer ist der letzte noch Lebende gewesen , mit dem ich einstmals in meinen jungen Jahren getanzt habe . Mein letzter Tänzer ist nun gestorben . « Bald aber hielt sie ihm eine andere Nachrede , denn es zeigte sich , daß der Rodelbauer , der Barfüßele so jahrelang darauf vertröstet , sie in seinem Testamente gar nicht erwähnt , viel weniger ihr etwas vererbt hatte . Als die schwarze Marann ' gar nicht aufhören wollte mit Klagen und Schelten , sagte Barfüßele : » Das geht jetzt in Einem hin , es ist nun einmal so , es hagelt jetzt von allen Seiten auf mich los ; aber die Sonne wird schon wieder scheinen . « Die Erben des Rodelbauern schenkten indeß Barfüßele einige Kleider des Alten ; sie hätte sie gern zurückgewiesen , aber durfte sie es wagen , jetzt noch mehr Trotz kund zu geben ? Auch Dami wollte die Kleider nicht annehmen , aber er mußte nachgeben . Es schien einmal sein Loos , in den Kleidern allerlei Abgeschiedener sein Leben zu verbringen . Der Kohlenmathes nahm Dami zu sich in den Wald zum Meiler , und Zuträger sagten dem Dami , er solle nur einen Proceß anfangen , man könne ihn nicht ausweisen , weil er noch an keinem andern Orte angenommen sei , das sei stillschweigende Voraussetzung beim Aufgeben des Heimathsrechtes . Die Leute schienen sich fast daran zu erlustigen , daß die armen Waisen weder Zeit noch Geld hatten , einen Rechtsstreit anzufangen . Dami schien sich wohlzugefallen in der Einsamkeit des Waldes . Es war so nach seiner Art , daß man sich nicht an- und auszuziehen brauchte , und jedesmal am Sonntag Nachmittag kostete es Barfüßele einen Kampf , bis sich Dami nur ein bischen reinigte ; dann saß sie bei ihm und dem Mathes , und man sprach wenig , und Barfüßele konnte ihre Gedanken nicht abhalten , daß sie in der Irre umhergingen in der Welt und Den suchten , der sie einst einen ganzen Tag so glücklich gemacht und in den Himmel gehoben hatte . Wußte er nichts mehr von ihr und dachte er nicht mehr an sie ? Kann denn der Mensch den andern vergessen , mit dem er einmal so glücklich war ? Es war am Sonntag Morgen gegen Ende Mai , Alles war in der Kirche . Es hatte am Tage vorher geregnet . Ein frischer erquickender Athem hauchte von Berg und Thal , denn die Sonne schien hell hernieder . Auch Barfüßele hatte in die Kirche gehen wollen , aber sie lag wie festgebannt unter dem Fenster , während es läutete , und sie versäumte die Kirche . Das war seltsam und noch nie geschehen . Nun da es zu spät war , entschloß sie sich , allein zu bleiben und daheim in ihrem Gesangbuch zu lesen . Sie kramte in ihrer Truhe und war überrascht von allerlei Sachen , die sie besaß . Sie saß auf dem Boden und las eben einen Gesang und summte ihn halb laut vor sich hin , da regte sich etwas am Fenster . Sie schaute sich um : eine weiße Taube steht auf dem Simse und schaut nach ihr , und wie sich die Blicke des Mädchens und der Taube begegnen , fliegt die Taube davon und Barfüßele schaut ihr nach , wie sie hinausfliegt über das Feld und sich dort niederläßt . Dieses Begegniß , das doch so natürlich war , macht sie plötzlich ganz froh , und sie nickt immer hinaus in ' s Weite nach den Bergen , nach Feld und Wald . Sie ist den ganzen Tag ungewöhnlich heiter . Sie kann nicht sagen warum , es ist ihr , als ob ihr eine Freude in der Seele jauchzte , sie weiß nicht woher sie kam . Und so oft sie auch am Mittag an die Thürpfoste gelehnt , den Kopf schüttelt über die seltsame Erregung die sie spürt : sie weicht nicht von ihr . » Es muß sein , es muß doch sein , daß so Jemand an dich gedacht hat ; und warum kann das nicht sein , daß so eine Taube der stille Bote ist , der mir das sagt ? Die Thiere leben doch auch auf der Welt , wo die Gedanken der Menschen hin und her stiegen , und wer weiß , ob sie nicht Alles still davon tragen . « Die Menschen , die an Barfüßele vorübergingen , konnten nicht ahnen , was für ein seltsames Sinnen sich in ihr bewegte . 13. Aus einem Mutterherzen . Während Barfüßele im Dorf und in Feld und Wald träumte und sorgte und kümmerte , bald von seltsamen Freudenschauern sich durchrieselt fühlte , bald sich wie ausgestoßen vorkam in der weiten Welt , schickten Eltern ihr Kind fort , freilich , damit es um so reicher wiederkomme . Droben im Allgäu , auf dem großen Bauernhofe , genannt zur » wilden Reuthe , « saß der Landfriedbauer mit seiner Frau bei ihrem jüngsten Sohne , und der Bauer sagte : » Hör ' einmal Johannes , jetzt ist mehr als ein Jahr um , seitdem du zurückgekehrt bist , und ich weiß nicht , was mit dir ist ; du bist damals wie ein geschlagener Hund heimgekommen und hast gesagt , du wollest dir lieber hier in der Gegend eine Frau suchen , aber ich sehe nichts davon . Willst du mir noch einmal folgen , dann will ich dir kein Wort mehr zureden . « » Ja , ich will , « sagte der junge Mann , ohne sich aufzurichten . » Nun gut , versuch ' s noch einmal ; Einmal ist Keinmal , und ich sage dir , du machst mich und die Mutter glücklich , wenn du dir eine Frau nimmst aus unserer Gegend , und am liebsten , wo die Mutter her ist . Ich kann dir ' s schon in ' s Gesicht sagen , Bäuerin , es giebt in der ganzen Welt nur Einen guten Schlag Weibsleut ' , und der ist bei uns daheim , und du bist gescheit , Johannes , du wirst schon eine Rechtschaffene finden , und dann wirst du es uns noch auf dem Todtenbett danken , daß wir dich in unsere Heimath geschickt haben , dir eine Frau zu holen . Wenn ich nur fort könnte , ich ginge mit dir , und wir Beide fänden schon die Rechte . Aber ich hab ' mit unserm Jörg geredet ; er will mit dir gehen , wenn du ihn darum ansprichst . Reit ' hinüber und sag ' s ihm . « » Wenn ich meine Meinung sagen darf , « erwiderte der Sohn , » wenn ich noch einmal gehen soll , möcht ' ich wieder allein . Ich bin einmal so . Das verträgt bei mir kein anderes Aug ' , ich möcht ' mit Niemand darüber reden . Wenn ' s möglich wär ' , möcht ' ich am liebsten ungesehen und stumm Alles erkundschaften ; und kommt man nun gar zu Zweit ' , da ist ' s so gut , wie wenn man ' s ausschellen ließ ' , und Alles putzt sich auf . « » Wie du willst , « sagte der Vater , » du bist einmal so aus der Art. Weißt was ? Mach ' dich jetzt gleich auf den Weg ; es fehlt uns ein Gespann zu unserm Schimmel , such ' dir einen dazu , aber nicht auf dem Markt ; und wenn du so in den Häusern herumkommst , kannst du schon viel sehen und kannst auch auf dem Heimweg ein Bernerwägelein kaufen . - Der Dominik in Endringen soll ja noch drei Töchter haben wie die Orgelpfeifen , such ' dir Eine aus , aus Dem Haus wäre uns eine Tochter recht . « » Ja , « ergänzte die Mutter ; » das Ameile hat gewiß brave Töchter . « » Und besser wär ' s , « fuhr der Vater fort , » du siehst dir einmal in Siebenhöfen die Amrei an , des Schmalzgrafen Tochter , die hat einen ganzen Hof , den könnte man gut verkaufen , die Siebenhöfener Bauern , die schlecken die Finger darnach , wenn sie nur noch Aecker kriegen könnten , und da ist baar Geld , da giebt ' s keine Zieler ; aber ich red ' dir weiter nichts zu , du hast ja deine Augen selber bei dir . Komm ' , mach ' dich gleich auf den Weg . Ich füll ' dir die Geldgurt ' voll . Zweihundert Kronenthaler werden genug sein , und der Dominik leiht dir , wenn du mehr brauchst . Gieb dich nur zu erkennen . Ich kann ' s noch nicht verstehen , daß du dich damals auf der Hochzeit nicht zu erkennen gegeben hast ; es muß dir was geschehen sein , aber ich will nichts wissen . « » Ja , weil er ' s nicht sagt , « ergänzte die Mutter lächelnd . Der Bauer machte sich nun gleich daran , die Geldgurte zu füllen . Er brach zwei gestößelte Rollen auf und man sah es ihm an , es that ihm wohl , wie er so die grobe Münze von der einen Hand in die andere laufen ließ . Er machte Häufchen von je zehn Thalern und zählte sie zwei- dreimal ab , um sich ja nicht zu irren . » Nun meinetwegen , « sagte der junge Mann und richtete sich auf - Es ist der fremde Tänzer von der Hochzeit in Endringen . Bald bringt er den gesattelten Schimmel aus dem Stall , schnallt noch den Mantelsack darauf und ein schöner Wolfshund springt dabei an ihm empor und leckt ihm die Hände . » Ja , ja , ich nehm ' dich mit , « sagte der Bursche zu dem Hund und erschien zum Erstenmal im ganzen Gesicht freundlich und er rief zum Vater hinein in die Stube : » Vater , darf ich den Lux mitnehmen ? « » Ja , wie du willst , « lautete von drinnen die Antwort aus dem Klingen der Thaler heraus . Der Hund schien Hin- und Widerrede verstanden zu haben . Er sprang bellend und sich im Kreise drehend im Hof umher . Der Bursche ging hinein in die Stube und indem er sich die Geldgurte umschnallte , sagte er : » Ihr habt Recht , Vater , es wird mir jetzt schon wohler , weil ich jetzt aus dem So-hinleben mich herausmache , und ich weiß nicht , man soll freilich keinen Aberglauben haben , aber es hat mir doch wohlgethan , daß der Schimmel sich nach mir wendet wie ich in den Stall komme und wiehert , und daß der Hund so auch mit will ; es ist doch ein gutes Zeichen , und wenn man die Thiere befragen könnte , wer weiß , ob die Einem nicht den besten Rath geben könnten . « Die Mutter lächelte , aber der Vater sagte : » Vergiß nicht , daß du dich an den Krappenzacher hältst und geh ' nicht voran und bind ' dich nicht , ehe du ihn befragt hast ; der kennt das Inwendige aller Menschen auf zehn Stunden Wegs im Umkreis und ist ein lebendiges Hypothekenbuch . Jetzt behüt ' dich Gott und laß dir Zeit , du kannst auf zehn Tag ausbleiben . « Vater und Sohn schüttelten sich die Hände und die Mutter sagte : » Ich geb ' dir noch ein Stück das Geleite . « Der Bursche führte nun das Pferd am Zügel und ging neben der Mutter her , still bis hinaus vor den Hof und erst bei einer Biegung des Weges sagte die Mutter zagend : » Ich möchte dir gern Anweisungen geben . « » Ja , ja