grauen Augen . » Ihr tragt ein geistlich Gewand « , sprach sie , » Ihr möget mir das sagen . Gegen Euch hat eine alte Waldfrau kein Recht . Es heißt sonst , das sei ein groß Scheltwort , was Ihr mir ins Antlitz geworfen , und das Landrecht büßt den Schelter129 ... « Audifax war indessen scheu an der Tür gestanden . Da kam der Waldfrau Rabe auf ihn zugehüpft , so daß er sich fürchtete ; er lief zu Ekkehard hin . Am Herde sah er den behauenen Stein . An einem Stein herumzuspüren , hätte ihn auch die Furcht vor zwanzig Raben nicht abgehalten . Er hob das Gewand , das drüber gebreitet war . Verwitterte Gestalten kamen zum Vorschein . Ekkehard lenkte seinen Blick darauf . Es war ein römischer Altar . Kohorten , die fern aus üppigem asischem Standlager des allmächtigen Kriegsherrn Gebot an den unwirtlichen Bodensee versetzt , mochten ihn einst in diesen Höhen aufgestellt haben - ein Jüngling in fliegendem Mantel und phrygischer Mütze kniete auf einem niedergeworfenen Stier : der persische Lichtgott Mithras , an den der sinkende Römerglaube neue Hoffnung anknüpfte , als das andere abgenutzt war . Eine Inschrift war nicht sichtbar . Lang ' schaute ihn Ekkehard an , sein Aug ' hatte außer der güldenen Vespasianusmünze , die Untergebene des Klosters einst im Torfmoos bei Rapperswyl gefunden , und etlichen geschnittenen Steinen im Kirchenschatz noch kein Bildwerk des Altertums erschaut , aber er ahnte an Form und Bildung den stummen Zeugen einer vergangenen Welt . » Woher der Stein ? « frug er . » Ich bin genug gefragt « , sagte die Waldfrau trotzig , » schafft Euch selber Antwort . « ... Der Stein hätte auch mancherlei antworten können , wenn Steine Zungen hätten . Es haftet ein gut Stück Geschichte an solch verwittertem Gebild . Was lehrt es ? Daß der Menschen Geschlechter kommen und zergehen wie die Blätter , die der Frühling bringt und der Herbst verweht , und daß ihr Denken und Tun nur eine Spanne weit reicht ; dann kommen andere und reden in andern Zungen und schaffen in andern Formen ; Heiliges wird geächtet , Geächtetes heilig , neue Götter steigen auf den Thron : wohl ihnen , wenn er nicht über allzuviel Opfern sich aufrichtet ... Ekkehard deutete das Dasein des Römersteins in der Waldfrau Hütte anders . » Den Mann auf dem Stier betet Ihr an « , rief er heftig . Die Waldfrau griff einen Stab , der am Herde stand , nahm ein Messer und schnitt zwei Kerbschnitte hinein : » Die zweite Beschimpfung , die Ihr mir antut ! « sprach sie dumpf . » Was haben wir mit dem Steinbild zu schaffen ? « » So redet « , sagte der Mönch , » wie kommt der Stein in Eure Hütte ? « » Weil er uns gedauert hat « , sagte die Waldfrau . » Das mögt Ihr nicht verstehen , die Ihr das Haupt kahl geschoren traget . Der Stein ist drauß gestanden auf dem Felsvorsprung , es war ein zugerichteter Platz und wird mancher in alten Tagen dort gekniet haben , aber itzt hat sich keiner mehr um ihn gekümmert , die Leute des Waldes haben Holzäpfel drauf gedörrt und Späne drauf gespalten , wie ' s kam , und des Regens Unbill hat die Bilder verwaschen . Der Stein dauert mich , hat meine Mutter gesagt , er war einmal was Heiliges ; aber die Knochen derer , die den Mann drauf gekannt und verehrt haben und den Stein , sind längst weiß gebleicht , - es wird ihn frieren den Mann mit dem fliegenden Mantel . Da haben wir ihn ausgehoben und an Herd gestellt : er hat uns noch kein Leids gebracht . - Wir wissen , wie es den alten Göttern zu Mut ist , unsere gelten auch nicht mehr . Laßt Ihr dem Stein seine Ruhe ! « » Eure Götter ? « fuhr Ekkehard in seinem Fragen fort - » wer sind Eure Götter ? « » Das müßt Ihr wissen « , sprach die Alte . » Ihr habt sie vertrieben und in See gebannt : in der Fluten Tiefe liegt alles begraben , der Hort alter Zeit und die alten Götter , wir sehen sie nicht mehr und wissen nur noch die Plätze , wo unsere Väter sie verehrt , eh ' der Franke kam und die Männer in den Kutten . Aber wenn der Wind die Wipfel des Eichbaums droben schüttelt , dann kommt ' s wie Stimmen durch die Lüfte , das ist ihr Klagen - und in gefeiten Nächten rauscht und brauset es und der Wald leuchtet , Schlangen winden sich an den Stämmen empor , da jagt ' s über die Berge wie ein Zug verzweifelter Geister , die nach der alten Heimat schauen ... « Ekkehard bekreuzte sich . » Ich sag ' s , wie ich ' s weiß « , sprach die Alte . » Ich will ' den Heiland nicht beleidigen ; aber er ist als ein Fremder ins Land gekommen , Ihr dienet ihm in fremder Sprache , die verstehen wir nicht . Wenn er auf unserem Grund und Boden erwachsen wäre , dann könnten wir zu ihm reden und wären seine treuesten Diener , und es stünd ' besser ums alemannische Wesen . « » Weib ! « rief Ekkehard zürnend , » wir werden Euch verbrennen lassen ... « » Wenn ' s in Euren Büchern steht « , war die Antwort , » daß das Holz des Waldes aufwächst , um alte Frauen zu verbrennen : ich hab ' genug gelebt . Der Blitz hat neulich Einkehr bei der Waldfrau genommen « - fuhr sie fort und deutete auf einen schwärzlichen Streif an der Wand - » der Blitz hat die Waldfrau verschont . « Sie kauerte am Herd nieder und blieb starr und unbeweglich sitzen . Die glühenden Kohlen warfen ein scharfes Streiflicht auf die runzligen Züge . » Es ist gut ! « sprach Ekkehard . Er verließ die Stube . Audifax war froh , als er wieder blauen Himmel über sich sah . » Dort sind sie gesessen ! « sprach er und deutete den Berg hinaus . » Ich werd ' s ansehen « , sprach Ekkehard . » Du gehst zum hohen Twiel zurück und bestellst zwei Knechte her mit Hacke und Beil und Otfried , den Diakon von Singen , er soll eine Stola mitbringen und sein Meßbuch . « Audifax sprang davon . Ekkehard stieg auf den hohen Krähen . In der Burg zu Hohentwiel war indes die Herzogin an der Mittagstafel gesessen . Sie hatte oft unstet herumgeschaut , als wenn ihr etwas fehle . Die Mahlzeit war kurz . Wie Frau Hadwig mit Praxedis allein war , hub sie an : » Wie gefällt dir unser neuer Lehrer , Praxedis ? « Die Griechin lächelte . » Rede ! « sprach die Herzogin gebietend . » Ich hab ' in Konstantinopolis schon manchen Schulmeister gesehen « , sprach Praxedis wegwerfend . Frau Hadwig drohte mit dem Finger : » Ich werd ' dich aus meinen Augen verbannen ob so unehrerbietiger Rede . Was hast du über Schulmeister zu lästern ? « » Verzeihet « , sprach Praxedis , » es ist nicht schlimm gemeint . Aber wenn ich so einen Mann der Bücher sehe , wie der ernsthaft einherschreitet und einen Anlauf nimmt , um aus seinen Schriften das herauszugraben , von dem wir ungefähr auch ahnen , daß es kommen muß , und wie er mit seinen Pergamenten zusammengewachsen ist , als wär ' s ihm angetan worden , und seine Augen nur für die Buchstaben einen Blick haben und kaum für die Menschen , die um ihn sind : so steht mir das Lachen nahe . Wenn ich nicht weiß , ob Mitleid am rechten Platze , so lach ' ich . Des Mitleids wird er auch nicht bedürfen , er versteht ja mehr als ich . « » Ein Lehrer muß ernst sein « , sagte die Herzogin , » das gehört dazu , wie der Schnee zu unsern Alpen . « » Ernst , ja wohl ! « erwiderte die Griechin , » in diesem Land , wo der Schnee die Berggipfel deckt , muß alles ernst sein . Wär ' ich doch gelehrt wie Herr Ekkehard , um Euch zu sagen , was ich meine . Ich meine , man sollte auch im Scherz lernen können , spielend , ohne den Schweißtropfen der Anstrengung auf der Stirn - was schön ist , muß gefallen und wahr zugleich sein . Ich meine , das Wissen ist wie Honig , verschiedene können ihn holen , der Schmetterling summt um den Blumenkelch und findet ihn auch , doch so ein deutscher weiser Mann kommt mir vor wie ein Bär , der schwerfällig in den Bienenstock hineingreift und , die Tatzen leckt - ich hab ' an Bären keinen Gefallen . « » Du bist ein leichtsinnig Mägdlein « , sprach Frau Hadwig , » und unlustig des Lernens . Wie gefällt dir denn Ekkehard sonst - ich meine , er sei schön ? « Praxedis sah zu ihrer Gebieterin hinüber : » Ich hab ' noch keinen Mönch drum angeschaut , ob er schön sei . « » Warum ? « » Ich hab ' s für unnötig gehalten . « » Du gibst heute sonderbare Antworten « , sprach Frau Hadwig und erhob sich . Sie trat ans Fenster und blickte nordwärts . Jenseits der dunkeln Tannenwälder schaute in plumper Steile der Fels von Hohenkrähen zu ihr herüber . » Der Hirtenbub war vorhin da , er hat Leute hinüber bestellt « , sprach Praxedis . » Der Nachmittag ist mild und sonnig geworden « , sagte die Herzogin , » laß die Pferde rüsten , wir wollen hinüber , reiten und sehen , was sie treiben . Oder - ich hab ' vergessen , daß du dich über die Mühsal beklagt im Sattel zu sitzen , da wir vom heiligen Gallus heimkehrten : ich werd ' alleine ausreiten ... « Ekkehard hatte sich auf dem Hohenkrähen den Schauplatz des nächtlichen Gelages betrachtet . Wenig Spuren waren übrig . Das Erdreich um den Eichbaum war rötlich angefeuchtet . Reste von Kohlen und Asche deuteten auf den Feuerplatz . In den Ästen der Eiche sah er mit Befremden da und dort kleine Wachsbilder von menschlichen Gliedmaßen versteckt hangen , Füße und Hände , Abbilder von Pferden und Kühen , - Gelöbnisse für Heilung von Krankheit an Menschen und Tier , die der bäuerliche Aberglaube damals noch am altersgeweihten Baume lieber löste als in der Kirche des Tales . Zwei Männer mit Haugeräte kamen heran . » Wir sind bestellt « , sprachen sie . » Vom Hohentwiel ? « fragte Ekkehard . - » Wir arbeiten der Herrschaft , unser Sitz ist drüben am Hohenhöwen , wo der Rauch der Kohlenmeiler aufsteigt . « » Gut « , sagte Ekkehard , » ihr sollt mir die Eiche hier fällen . « Die Männer sahen ihn verlegen an . » Vorwärts « , rief er , » und sputet euch ! Bis die Nacht anbricht , muß sie umgehauen liegen . « Da gingen die zwei mit ihren Beilen zu der Eiche hin . Mit offenem Munde standen sie vor dem stolzen Baum . Einer ließ sein Beil zur Erde fallen . » Kommt dir der Platz nicht bekannt vor , Chomuli ? « frug er seinen Nebenmann . » Warum bekannt , Woveli ? « Der Holzhacker deutete nach Sonnenaufgang , setzte die geballte Rechte an den Mund , hob sie , als wenn er trinke und sprach : » Darum , Chomuli . « Da sah der andere nach Ekkehard hinunter und zwinkte mit dem Aug ' : » Wir wissen von nichts , Woveli ! « - » Aber er wird ' s wissen , Chomuli « , sprach der erste . » Abwarten , Woveli « , sagte der andere . » Es ist Sünd ' und schade « , fuhr sein Gefährte fort , » um den Eichbaum , schon an die zweihundert Jahre steht er und hat manch lustig flackernd Mai- und Herbstfeuer erlebt . Ich bring ' s schier nicht übers Herz , Chomuli . « » Sei kein Tor « , tröstete der andere und tat den ersten Hieb , » wir müssen dran . Je schärfer wir dem Baum ins Fleisch hauen , desto weniger glaubt ' s der in der Kutte dort , daß wir selber in nächtlicher Andacht unter seinen Wipfeln saßen . Und der Strafschilling ? ! ... Klug muß der Mensch sein , Woveli ! « Das leuchtete dem ersten ein . » Klug muß der Mensch sein , Chomuli ! « sprach er und hieb auf den Baum seiner Verehrung . Zehn Tage vorher hatte er ein Wachsbild dran gehängt , daß ihm seine braune Kuh vom Fieber genese . - Die Späne flogen , in dumpfem Takt krachten die einschlagenden Hiebe der beiden . Der Diakon von Singen war auch herübergekommen mit Meßbuch und Stola . Ekkehard winkte ihm , daß er mit eintrete zur Waldfrau . Die saß noch starr an ihrem Herde . Ein scharfer Windzug erhob sich , da die beiden durch die geöffnete Tür eintraten , und verlöschte ihr Feuer . » Waldfrau « , rief Ekkehard gebietend , » bestellt Euer Haus und schnüret Euren Bündel , Ihr müsset fort . « Die Alte griff nach ihrem Stab und schnitt den dritten Kerbschnitt ein . » Wer beschimpft mich zum drittenmal « , sprach sie dumpf , » und will mich aus meiner Mutter Hause werfen wie einen herrenlosen Hund ? « » Im Namen der Herzogin in Schwaben « , fuhr Ekkehard feierlich fort , » spreche ich über Euch wegen Hegung heidnischen Aberglaubens und nächtlichen Götzendienstes die Verweisung aus Haus und Hof und Gau und Land aus . Euer Stuhl sei gesetzt vor die Tür Eurer Hütte , ziehen sollt Ihr unstet , soweit der Himmel blau ist , soweit Christen die Kirche besuchen , soweit der Falke fliegt am Frühlingstag , wenn der Wind unter beiden Flügeln ihn dahin treibt . Kein gastlich Tor soll sich Euch öffnen , kein Feuer am Herd brenne für Euch , kein Wasser des Quells rausche für Euch , bis daß Ihr Eures Frevels Euch abgetan und Euren Frieden gefestet mit dem dreieinigen Gott , dem Richter der Lebenden und Toten . « Die Waldfrau hatte ihm ohne große Erregung zugehört . » Ein gesalbter Mann wird dir dreimal Schimpf antun unter deinem eigenen Dach « , murmelte sie , » des sollt du ein Zeichen in den Stab schneiden und mit selbem Stab sollt du ausziehen gen Niedergang , denn sie werden dir nicht lassen , wo du dein Haupt niederlegest . O Mutter , meine Mutter ! « Sie raffte ihren Plunder in ein Bündel zusammen , griff den Stab und rüstete sich zu gehen . Den Diakon von Singen kam eine Rührung an . » Rufet Gott durch seine Diener um Verzeihung an « , sprach er » und tut eine christliche Pönitenz , daß Ihr in Gnade gesund werdet . « » Dafür ist die Waldfrau zu alt130 « , sagte sie und lockte ihren Specht , der flog ihr um die Schulter , und der Rabe hüpfte ängstlich hinter ihr drein ; schon war die Tür aufgerissen , noch einen Blick auf Wand und Herd und Kräuter und Pferdsschädel - sie stieß den Stab auf die Schwelle , daß die Steinplatten erdröhnten : » Seid verflucht , ihr Hunde ! « klang ' s vernehmlich den Zurückbleibenden ; sie wandte sich mit ihren Vögeln dem Walde zu und verschwand . » Und wir ziehen stumm , ein geschlagen Heer , Erloschen sind unsere Sterne - O Island , eisiger Fels im Meer , Steig ' auf aus nächtiger Ferne ! « tönte leis murmelnder Gesang durch die entlaubten Stämme herüber . Ekkehard aber ließ sich vom Diakon die Stola umhängen und das Meßbuch vortragen , er hielt einen Umgang durch Stube und Kammer , die Wände weihte er mit dem Zeichen des Kreuzes , auf daß das Getriebe böser Geister gebannt sei für immer , dann sprach er unter Gebeten den großen Exorzismus über die Stätte . Das fromme Werk hatte lang ' gedauert . Dem Diakon stand der Angstschweiß auf der Stirn , als er Ekkehard die Stola wieder abnahm , er hatte so große Worte noch nie gehört . Jetzt tönte Pferdegetrab durch den Wald . Es war die Herzogin , von einem einzigen Diener geleitet . Ekkehard ging ihr entgegen ; der Diakon von Singen trat seinen Heimweg an . » Ihr seid lange ausgeblieben « , rief die Herzogin gnädig , » ich muß wohl selber sehen , was Ihr geschlichtet und gerichtet . « Die zwei Holzhauer hatten indes ihre Arbeit beendigt und schlichen auf des Berges Rückseite von dannen ; sie fürchteten die Herzogin . Ekkehard erzählte ihr der Waldfrau Wesen und Haushalt , und wie er sie ausgetrieben . » Ihr seid streng « , sprach Frau Hadwig . » Ich glaubte mild zu sein « , erwiderte Ekkehard . » Wir genehmigen , was Ihr geordnet « , sprach die Herzogin . » Was fanget Ihr mit dem verlassenen Hause an ? « Sie warf einen flüchtigen Blick auf das steinerne Gemäuer . » Die Kraft böser Geister ist gebannt und beschworen « , sagte Ekkehard . » Ich will es zu einer Kapelle der heiligen Hadwig weihen . « Die Herzogin sah ihn wohlwollend an : » Wie kommt Ihr auf den Gedanken ? « » Es ist mir so beigefallen ... Die Eiche Hab ' ich umhauen lassen . « » Wir wollen den Platz besichtigen « , sprach sie . » Ich denke , wir werden auch das Umhauen der Eiche genehmigen . « Sie stieg mit Ekkehard den steinigen Pfad hinauf , der auf den Gipfel des hohen Krähen führt . Oben lag die Eiche gefällt , schier sperrten ihre mächtigen Äste den Platz . Eine Felsplatte , wenig Schritte im Umfang , ist der Gipfel des seltsam geformten Berges . Sie standen oben . Steil senkten sich die Felswände unter ihren Füßen abwärts ; es war eine schier schwindelnde Höhe , kein Stein oder Baum zum Anlehnen ; in die blaue Luft hinaus ragten die zwei Gestalten , der Mönch im dunkeln Gewand , die Herzogin , den hellen farbigen Mantel faltig umgeschlagen , Schweigend standen sie beisammen . Ein gewaltiger Anblick tat sich vor ihren Augen auf . Tief unten streckte sich die Ebene , in Schlangenlinie zog das Flüßlein Aach durch die wiesengrüne Fläche , Dächer und Giebel der Häuser im Tal waren winzig fern , wie Punkte auf einer Landkarte ; drüben reckte sich der bekannte Gipfel des Hohentwiel dunkel empor , ein stolzer Mittelgrund ; blaue platte Bergrücken erhoben sich mauergleich hinter dem Gewaltigen , ein Damm , der den Rhein auf seiner Flucht aus dem See dem Beschauer verdeckt . Glänzend trat der Untersee mit der Insel Reichenau hervor , und leise , wie hingehaucht , zeichneten sich ferne riesige Berggestalten im dünnen Gewölk , sie wurden deutlicher und deutlicher , lichter Glanz säumte die Kanten ihrer Höhen , die Sonne neigte zum Untergang ... schmelzend , duftig flimmerte die Landschaft ... Frau Hadwig war bewegt . Ein Stück großer weiter Natur sagte ihrem großen Herzen zu . Die Gefühle aber ruhen nahe beieinander . Ein zarter Hauch zog durch ihr Denken ; ihre Blicke wandten sich von den schneeigen Häuptern der Alpen auf Ekkehard . » Er will der heiligen Hadwig eine Kapelle weihen ! « so klang es immer und immer wieder in ihr . Sie trat einen Schritt vor , als fürchte sie den Schwindel , lehnte den rechten Arm auf Ekkehards Schulter und stützte sich fest auf ihn . Ihr Auge flammte auf die kurze Entfernung in das seine hinüber . » Was denkt mein Freund ? « sprach sie mit weicher Stimme . Ekkehard stand zerstreut . Er fuhr auf . » Ich bin nie auf solcher Höhe gestanden « , sprach er , » bei dem Anblick mußt ' ich der Schrift gedenken : Hernach führte ihn der Teufel auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Pracht und sprach zu ihm : Dies alles will ich dir geben , wenn du niederfällst und mich anbetest . Er aber antwortete und sprach : Weg von mir , Satan ! denn es steht geschrieben : Du sollst den Herrn , deinen Gott , anbeten und ihm allein dienen . « Starr trat die Herzogin zurück . Das Feuer ihres Auges wandelte sich , als hätte sie den Mönch hinabstoßen mögen in den Abgrund . » Ekkehard ! « rief sie , » Ihr seid ein Kind - oder ein Tor ! « Sie wandte sich und stieg schnellen , unmutigen Ganges hinunter . Sie ritt allein zur Feste Twiel zurück , sausend , im Galopp ; kaum mochte der Diener folgen . Ekkehard wußte nicht , wie ihm geschehen . Er fuhr mit der Hand über die Augen , als lägen Schuppen davor . Wie er in stiller Nacht auf seiner Hohentwieler Turmstube saß und den Tag überdachte , flammte ein ferner Feuerschein herüber . Er schaute hinaus . Aus den Tannen am hohen Krähen schlug die feurige Lohe . Die Waldfrau hatte der künftigen Kapelle zur heiligen Hadwig ihren letzten Besuch erstattet . Zehntes Kapitel . Weihnachten . Der Abend auf dem Hohenkrähen klang noch etliche Tage in der Herzogin Gemüt fort . Mißtöne werden schwer vergeben , zumal von dem , der sie selber angeschlagen . Darum saß Frau Hadwig einige Tage verstimmt in ihrem Saal . Grammatik und Virgilius ruhten . Sie scherzte mit Praxedis über die Schulmeister in Konstantinopel angelegentlicher denn früher . Ekkehard fragte an , ob er zur Fortsetzung des Unterrichts sich einstellen solle . » Ich habe Zahnweh « , sprach die Herzogin . » Die rauhe Spätherbstluft werde schuld daran sein « , meinte er bedauernd . Er fragte jeden Tag etliche Male nach seiner Gebieterin Befinden . Das rührte die Herzogin wieder . » Woher kommt ' s « , sprach sie einmal zu Praxedis , » daß einer mehr wert sein kann , als er selber aus sich zu machen weiß ? « » Vom Mangel an Grazie « , sagte die Griechin . » In andern Ländern hab ' ich das Umgekehrte wahrgenommen , aber hier sind die Menschen zu träge , mit jedem Schritt , mit jeder Handbewegung , mit jedem Wort auszusprechen : das bin ich . Sie denken ' s lieber und meinen , es müßte dann die ganze Welt auf ihrer Stirn lesen , was dahinter webt und strebt . « » Wir sind doch sonst so fleißig « , sprach Frau Hadwig wohlgefällig . » Die Büffel schaffen auch den ganzen Tag « , hätte Praxedis schier erwidert , aber in diesem Falle begnügte sie sich damit , es gedacht zu haben . Ekkehard war unbefangen . Es fiel ihm nicht ein , daß er der Herzogin ungeeignet geantwortet . Er hatte wirklich an das Gleichnis der Schrift gedacht und übersehen , daß es dem leisen Ausdruck einer Zuneigung gegenüber nicht zweckmäßig ist , die Schrift anzuführen . Er verehrte die Herzogin , aber mehr als den verkörperten Begriff der Hoheit , denn als Frau . Daß Hohes Anbetung fordert , war ihm nicht eingefallen , noch weniger , daß auch die höchste Erscheinung oft mit einfacher Liebe zufrieden ist . Frau Hadwigs üble Laune nahm er wahr . Er begnügte sich , seine Wahrnehmung in dem allgemeinen Satz niederzulegen , daß der Umgang mit einer Herzogin schwieriger sei als der mit Ordensbrüdern nach der Regel des heiligen Benedikt . Aus Vincentius ' nachgelassenen Büchern studierte er die Briefe des Apostels Paulus . Herr Spazzo ging in jener Zeit hochmütiger an ihm vorüber denn früher . Frau Hadwig fand , daß es besser sei , ins frühere Geleis zurückzukehren . » Es war doch ein mächtiger Anblick « , sprach sie eines Tages zu Ekkehard , » wie wir vom hohen Krähen nach den Schneegebirgen schauten . Kennt Ihr aber das Hohentwieler Wetterzeichen ? Wenn die Alpen recht klar und nah am Himmel sich abzeichnen , schlägt die Witterung um . Es sind wirklich schlechte Tage darauf gefolgt . Wir wollen wieder Virgilius lesen . « Da holte Ekkehard vergnügt seinen schweren metallbeschlagenen Virgilius und sie setzten die Studien fort . Er erklärte den Frauen der Äneïde zweites Buch , den Fall der hohen Troja , das hölzerne Pferd und Simons List und Laokoons bittres Verderben , den nächtlichen Kampf , Cassandras Geschick und Priamus ' Tod , die Flucht mit dem greisen Anchises . Mit sichtbarer Teilnahme lauschte Frau Hadwig der spannenden Erzählung . Nur mit dem Verschwinden von Äneas ' Ehegemahlin Kreusa war sie nicht ganz zufrieden . » Das braucht er vor der Königin Dido nicht so breit zu erzählen « , sprach sie , » die Lebende hat sicher nicht gern gehört , daß er der Entschwundenen so lange nachgelaufen . Verloren ist verloren . « Indessen zog der Winter mit scharfem Schritt heran . Der Himmel blieb trüb und bleigrau , die Ferne verhüllt ; erst zogen die Berggipfel rings die weiße Schneedecke um , dann folgte Feld und Tal dem Beispiel . Junge Eiszapfen prüften das Gebälke unter dem Dach , ob sie sich für etliche Monate ungestört dran niederlassen möchten ; die alte Linde im Schloßhof hatte längst wie ein fürsichtiger Hausvater , der die abgetragenen Gewandungen dem Hebräer überläßt , ihre welken Blätter dem Spiel der Winde hingeschüttelt - es war ein großer Bündel , sie zerzausten ihn in alle Lüfte . An ihre Äste kamen krächzend die Raben aus den nahen Wäldern geflogen , spähend , ob nicht aus der Burg Küche dann und wann ein Knöchlein für sie abfalle . Einmal kam einer mit den schwarzen Brüdern , dessen Flug war schwierig , die Schwungfedern verstümmelt - da ging Ekkehard über den Schloßhof , der Rabe aber flog schreiend auf und suchte das Weite , er hatte den Mönchshabit schon früher gesehen und war ihm nicht hold . Des Winters Nächte sind lang und dunkel . Dann und wann blitzt ein Nordlicht auf . Aber leuchtender als alles Nordlicht steht jene Nacht in der Menschen Gemüt , da die Engel niederstiegen zu den Hirten auf der Feldwacht und ihnen den Grüß brachten : » Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden allen , die eines guten Willens sind . « Auf dem hohen Twiel rüsteten sie zur Feier der Weihnacht durch freundliches Geschenk . Das Jahr ist lang und zählt der Tage viel , in denen man sich Freundliches erweisen kann , aber der Deutschen Sinnesart will auch dafür einen Tag vorgeschrieben haben , darum ist bei ihnen vor anderem Volk die Sitte der Bescherung eingeführt . Das gute Herz hat sein besonder Landrecht . In jener Zeit hatte Frau Hadwig die Grammatica schier beiseite gelegt ; es wurde im Frauensaal viel genäht und gestickt , Knäuel von Goldfaden und schwarzer Seide lagen umher , und wie Ekkehard einsmals unvermerkt eintrat , sprang Praxedis vor ihn hin und wies ihm die Tür , Frau Hadwig aber verbarg ein angefangen Werk der Nadel in einem Körblein . Da ward Ekkehard aufmerksam und zog nicht ohne Grund den Schluß , es werde etwas zum Geschenk für ihn hergerichtet . Darum sann er darauf , dasselbe zu erwidern und alles aufzubieten , was ihm an Wissen und Kunstfertigkeit zu Gebot stand ; er schickte seinem Freund und Lehrer Folkard in Sankt Gallen Bericht , daß ihm der zusende Pergament und Farben und Pinsel und köstliche Tinte . Jener tat ' s. Ekkehard aber saß manches Stündlein der Nacht in seiner Turmstube und besann sich auf ein lateinisches Reimwerk , das er der Herzogin widmen wollte - und sollten ihr darin etliche feine Huldigungen dargebracht werden . Es ging aber nicht so leicht . Einmal hatte er begonnen und wollte in kurzem Zug von Erschaffung der Welt bis auf Antritt des Herzogtums in Schwabenland durch Frau Hadwig gelangen , aber es hatte ein paar hundert Hexameter gekostet , da war er noch nicht beim König David angelangt , und das Werk hätte wohl erst Weihnachten über drei Jahre fertig werden können . Ein anderes Mal wollte er alle Frauen aufzählen , die durch Kraft oder Liebreiz in der Völker Geschichte eingegriffen , von der Königin Semiramis an mit Erwähnung der amazonischen Jungfrauen , der heldenmütigen Judith und der melodischen Sängerin Sappho , aber zu seinem Leidwesen fand er , daß , bis sein Griffel zu Frau Hadwig sich durchgearbeitet hätte , er unmöglich noch etwas Neues zu deren Lob und Preis vorzubringen vermöchte . Da ging er sehr betrübt und niedergeschlagen umher . » Habt Ihr eine Spinne verschluckt , Perle aller Professoren ? « frug ihn Praxedis einmal , wie sie dem Verstörten begegnete . » Ihr habt gut scherzen « , sprach Ekkehard traurig , - und unter dem Siegel der Verschwiegenheit klagte er ihr seine Not . Praxedis mußte lachen : » Bei den sechsunddreißigtausend Bänden der Bibliothek zu Konstantinopolis ! « sagte sie , - » Ihr wollet ja ganze Wälder umhauen , wo es nur ein paar Blümlein zum Strauß erfordert . Macht ' s einfach , ungelehrt , lieblich - wie es Euer geliebter Virgilius ausgedacht hätte ! « - Sie sprang davon . Ekkehard setzte sich wieder auf seine Stube . » Wie Virgil ? « dachte er . Aber in der ganzen Äneïde war kein