» Die Obrigkeit nimmt ja so etwas gar nicht mehr an « , sagte einer der Bauern , die in der Gesellschaft saßen , verdrießlich . » Da können alle Greuel geschehen , man fragt nichts darnach , und wenn einer das Maul drüber auftut , so wird er noch gestraft . Die Herren glauben ' s nicht oder tun wenigstens so , und man sagt , auch der Herzog hab ' s nicht gern . Wer weiß , was dabei im Spiel ist , daß man dem Teufel so den freien Lauf läßt . Vorzeiten ist das anders gewesen . « » Also wenn ' s nach Euch ging « , sagte Friedrich , » so müßt man die alten Weiber wieder schwemmen und an der Leiter aufziehen und verbrennen . Saubere Zeiten sind das gewesen ! Wenn ich irgend etwas an der Obrigkeit lob , so ist es das , daß sie solchem dummen Geschwätz kein Gehör mehr gibt . « » Was ? « schrien die in der Gesellschaft anwesenden Bauern zusammen , » das soll dummes Geschwätz sein ? Heißt ' s nicht in der Bibel : Die Zauberer und Greulichen sollst du mit Feuer verbrennen ? Und das soll ein dummes Geschwätz sein ? Soll ' s denn keinen Teufel mehr geben ? Wer das nicht glaubt , der glaubt auch nicht an die Ewigkeit und glaubt nicht , daß es selige und verdammte Geister gibt . « » Ich hab wenigstens noch keinen gesehen « , bemerkte Friedrich kalt . » Der glaubt gar nichts ! « rief einer , und die anderen sahen den Gegenstand dieses Verwerfungsurteils mit einem gewissen Abscheu an . » Oder « , sagte ein anderer , » ist er vielleicht - ? Ich weiß nur nicht , wie ich ' s angreifen soll , denn man wird ja gleich gestraft , wenn man seine Wort nicht auf die Goldwaag legt . « » Soll ich vielleicht selber ein Hexenmeister sein ? « lachte Friedrich . » Nur herzhaft raus mit der Farb ! Ich lauf deswegen nicht sogleich vor Kirchenkonvent , ich bin nicht so empfindlich , auch hat man seiner Lebtag keinen Esel einen Hexenmeister gescholten , denn dumme Leut kann der Teufel , scheint ' s , nicht brauchen . « » Was die alte Hammelayin betrifft « , sagte der Invalide , um das Gespräch von dieser Klippe ab wieder in ruhigeres Fahrwasser zu leiten , » so ist es gewiß und wahrhaftig , daß sie eine mächtige Raffel unter der Nas sitzen hat . « » Ja « , sagte ein anderer , » sie hat aber nicht bloß ein bös Maul , sondern es ließ sich sonst noch allerlei über sie sagen . Wißt ihr noch , wie ihre ältere Tochter , die jetzt den Schneider hat , wie die mit dem Diegelsberger hat Hochzeit gehabt ? Die Hochzeit ist im Hecht angestellt worden , und der Bräutigam , dem ' s schon um acht Uhr weh gewesen ist , nachts um zwölfe will er noch einen Tanz tun , - plötzlich stürzt er nieder und ist in Zeit einer Minut maustot . Es ist so schnell gangen , daß ein tanzendes Paar über ihn zu Fall kommen ist ; die haben einen Greusel davongetragen , daß sie ' s ein paar Tag lang geschüttelt hat . Man hat viel drüber gesprochen . « » Nun ja , was wird ' s gewesen sein ? « sagte Friedrich , » ein Steck- und Schlagfluß . « » Ja , so hat man bei Amt auch gesagt und hat ihn mit einer Leichenpredigt auf dem Kirchhof begraben . Ich weiß noch , wie sie angefangen hat : Hui , hui , sagt der Tod , der starke Held , ich kann auch mittanzen . Aber es gibt Leut , die wollen ' s besser wissen , die sagen - Nun , ich will nichts gesagt haben , aber so viel ist gewiß , daß der Alten die Heirat von Anfang an nicht nach ihrem Gusto gewesen ist . Die Junge hat erschrecklich getan und hat sich nicht trösten lassen wollen . Nachmals aber hat sie den Schneider genommen ; ich weiß noch , auf ihrer Hochzeit ist grad die Nachricht ankommen , daß ihr Schwager , der Goldstein , der sein Weib mit drei Kindern hier hat sitzen lassen , in Speier die Religion schangschiert hab und eine Katholische geheiratet und sei mit ihr nach Pennsylvanien gangen . « » Von der Alten erzählt man ein feines Stücklein aus ihren jungen Jahren , wo sie bei Seines Pflegers Vater im Dienst gewesen ist « , hob ein anderer , zu Friedrich gewendet , an . » Damals hat sie ' s mit einem Balbierersgesellen gehabt aus Adelberg . Er hat ihr zu Familie verholfen , eine Tochter ist ' s gewesen , ich glaub , eben die Schneiderin , die so unglücklich hat Hochzeit gehabt . Sie hat ihn aber verschont und hat ihn nicht angegeben , daß er der Vater zu ihrem Kind sei . Er hat ' s ihr nachher schlecht gedankt und ist von ihr wegblieben . Jetzt , was hat das leichtfertig Mensch getan , das nichtsnutzig ? Über einmal , wie ihr Herr in die Küche kommt , sieht er ein Paar Strumpf im Kamin hängen . Was sind denn das für Würst , fragt er , sollen denn die geräuchert werden ? Die Magd , nicht faul , reißt die Strümpf geschwind herunter und gibt vor , die Strumpf gehören ihr , sie hab sie schnell wollen trocknen , weil sie naß geworden seien . Er aber , ebenso flink , reißt ihr noch einen aus der Hand und sieht , daß es ein Mannsstrumpf ist . Wie er ihr nun das fürgehalten hat und sie hat nicht wollen weichgeben , so hat er sie beim Pfarrer angezeigt , und da hat sie endlich nach vielem Leugnen gestanden , ein Schäfer hab ihr geraten ( sie wird aber keinen dazu braucht haben ) , sie solle sehen , daß sie ein Kleid oder etwas , das der Mensch mit Salvene auf ' m bloßen Leib getragen hab , zur Hand kriegen könne , und solle es in den Rauch hängen , dann werd ' s dem Täter warm werden und immer wärmer und werd keine Ruh haben , bis er wieder zu ihr komme . « » Die Frag ist nur , ob der Barbier auch richtig wiederkommen ist « , bemerkte Friedrich . » Nein , kommen ist er nicht mehr « , sagte der Erzähler . » Dann will ich ' s gern glauben ! « rief Friedrich mit hellem Lachen . » So kann ich auch hexen . Ich sag nur : Kurrle , Murrle , dann muß der Krug dort auf dem Schrank tanzen . Aber wenn ich nicht dazu den Schrank mit den Händen schüttle , so tanzt der Krug eben nicht . Hexenwerk mag schon mancher und manche probiert haben , das will ich zugeben , aber die Frag ist nur , ob was dabei herausgekommen ist . « » Vielleicht ist der Balbierer doch innerlich verbronnen « , stammelte der Schütz . Friedrich lachte ihn aus . » Ja « , sagte er , » wenn er Schnaps gesoffen hat . « » Mir hat doch einmal ein Zimmermann erzählt « , fiel der Müllerknecht ein , » es hab ihn nachts eine Hex gedrückt und gepeinigt , daß er schier erstickt sei . Er sei dann aufgewacht und hab die Unholdin in Gestalt einer schwarzen Katz auf ihm liegen sehen . Da hab er mit der letzten Kraft nach der Axt neben seinem Bett gegriffen und hab nach der Katz gehauen . Die sei mit einem lauten Schrei davongefahren und hab ein Stück von der Vorderpfot dahinten gelassen . Morgens sei zwar nichts mehr davon dagewesen , wohl aber Blut auf ' m Bett und an der Axt . Drauf hab er seine Gedanken auf ein altes Spittelweib geworfen und sei in den Spittel gangen , um nach ihr zu sehen . Man hab ihm aber gesagt ; er könn sie nicht sehen , sie liege todkrank im Bett . Er sei aber dennoch zu ihr gedrungen und hab sie mit Gewalt aufgedeckt , und da habe sich ' s gezeigt , daß ihr die linke Hand gefehlt habe , die sei ihr von seiner Axt abgehauen gewesen . « » Hu , mir gräuselt ' s ! « rief einer um den anderen von der Gesellschaft , die sehr andächtig zugehört hatte . » O Peter , glaub doch kein so Ding ! « sagte Friedrich . » Was wird sich denn ein Weib in eine Katz verwandeln können ? Wenn du dir von jedem Zimmermann solche Spän aus ' m Verstand hauen läßt , so wirst bald so dumm , daß man Riegelwänd mit dir hinausstoßen kann . « Der Streit gegen den hartnäckigen Ungläubigen brach abermals aus , und diese Leute , die ein derbes Wort über Pfarrer und Kirche ertrugen , wurden ganz wild darüber , daß es mit Hexen und Gespenstern nichts sein sollte , und verteidigten mit einer wahren Glaubenswut ihr Dogma , daß der Teufel bösen Menschen die Macht verleihe , auf wunderbare Weise Schaden zu tun , und daß Gott abgeschiedenen Geistern , guten wie bösen , von Zeit zu Zeit aus dem Grabe an die Oberfläche der Erde heraufzusteigen erlaube . » Nun ja « , sagte Friedrich endlich einlenkend , » ich will ja nicht dawider sein , daß sich ' s andrer Orten vielleicht so verhält , wie ihr saget , denn das weiß ich ja nicht . Aber hier bei uns gibt ' s keine Hexen und keine Geister , das behaupt ich . « » Und warum denn nicht ? « rief einer . » Weil mir noch keine Hex beikommen ist , und es gibt doch ganz gewiß solche , die mich zu Tod drücken täten , wenn sie könnten , aber sie können eben nicht . « » Und warum keine Geister ? « fragte ein anderer . » Weil ich noch keine gesehen hab ! Und was ihr von euch erzählet , daß euch schon vorgekommen sei , das muß mir selber erst auch widerfahren sein , bevor und daß ich ' s glaub ; denn ich kann doch nicht einsehen , warum ich ein anderer Mensch sein soll als andere . « » Andere Leut sind aber doch anders beschaffen « , sagte der Müllerknecht . » Es gibt Sonntagskinder . « » Ich bin auch am Sonntag geboren « , erwiderte Friedrich , » und hab zeit meines Lebens nie was geschaut . Ich weiß ganz gewiß « , fuhr er mit wachsender Wärme fort , denn der Wein stieg ihm nach und nach in den Kopf , » wenn ein Verstorbenes wieder zu den Menschen kommen könnt , so wär ich so gut ein Geisterseher wie irgendeiner in der Welt . « » Warum das ? Woso ? « » Meine Mutter « , sagte der junge Mensch , indem er trotz seiner Lebhaftigkeit die Stimme dämpfte , » meine Mutter würde sich ' s nicht nehmen lassen , nach mir zu sehen , wenn das ihr gestattet würde . Und warum sollt ihr ' s nicht verstattet sein wie den andern Geistern ? Aber eben das , daß sie nicht zu mir kommt , ist mir ein Beweis , daß die anderen auch nicht können . « » Narr , sie will dich eben nicht erschrecken « , lallte der Kübler , dessen Augen allmählich gläsern wurden . » Sie weiß recht gut , daß ich nicht an ihr erschrecken kann , mit welchem Aussehen sie mir auch erscheinen mag . Oft « , fuhr er nachdrücklich fort , nachdem er einmal die Scheu überwunden hatte , von diesem Gegenstande zu reden , » oft hab ich um Mitternacht , wenn ich ganz allein gewesen bin , ihren Geist beschworen , leis und laut , und hab sie gebeten , wenn es ihr möglich sei , so möcht sie den Himmel auf einen Augenblick verlassen und zu mir kommen . Aber es hat sich nichts darauf ereignet , ich bin allein gewesen nach wie vor , und hab auch nichts um mich vernommen als das stille Sausen der Nacht , das aber nicht von Geistern kommt , sondern von der Luft , weil die Nacht gar gehörsam ist . « » Gott steh uns bei ! « hatten die anderen während dieser Erzählung gerufen , die ihnen fremd und seltsam deuchte . » Das ist ein grausamer Mensch ! « sagte der eine , womit er die Grauenhaftigkeit dieses Treibens bezeichnen wollte . » Der glaubt an gar nichts ! « wiederholte der andere . » Der kommt einmal in den Himmel , wo die Engel schwarz sind und Wauwau singen . « » Jetzt soll einmal die Beckin erzählen , ob sie schon einen Geist gesehen hat ! « rief der Invalide , fortwährend bemüht , das Gespräch in einem ungefährlichen Gange zu erhalten . » Ja , die Beckin soll erzählen ! « riefen ihm mehrere Stimmen nach . Die Bäckerin richtete den Kopf im Sorgenstuhle auf , worin sie den ganzen Disput verschlafen hatte . Man mußte ihr erst erklären , um was es sich handle . » Ha , daß es Hexen und Geister gibt « , sagte sie gähnend , » das leidet keinen Zweifel , aber zu mir ist noch keine Hex gekommen , weder bei Tag noch bei Nacht , und keinen Geist hab ich auch noch nie gesehen . « » Ihr habt eben ein ruhiges Gemüt , Bas « , sagte Friedrich lachend , » auf Euch könnt , glaub ich , eine Hex die ganze Nacht reiten , Ihr tätet nichts davon inn werden . Übrigens ist ' s nicht recht , in der Neujahrsnacht zu schlafen und Eure Gäst mit Gähnen anzustecken . Morgen ist ja Kirch , da könnt Ihr ' s reinbringen , was Ihr heut nacht am Schlaf versäumet . « » Ja , ja ! « rief der Müllerknecht . » Letzten Sonntag hab ich mich auch an der Beckin ihrem ruhigen Gemüt erbaut unter der Predigt . Der Herr Pfarrer hat geschrauen , daß man ' s in Reichenbach hätt hören können , aber die Beckin hat sich nicht verrührt , sie hat ganz klein ausgesehen in ihrem Stuhl , und der Kopf ist ihr zwischen den Achseln eingesunken gewesen wie ein Schnitz , der oben in einem Hutzelbrot steckt . « » Ach was ! « entgegnete die Frau unschuldig , » man muß sich die ganz Woch leiden , wenn man auch noch das bißle Kirchenschlaf nicht hätt , so wär ' s ja nicht zum Prästieren . « Die Gesellschaft brach in ein wieherndes Gelächter aus , das lange kein Ende nehmen wollte , bis endlich der Bäcker seine Frau aufmerksam machte : » Du , Weib , da klopft ' s am Küchenfenster . « Sie horchte hin , ohne daß etwas zu hören war ; nach einer Weile aber klopfte es wiederholt und vernehmlich . » Aha , das ist ein Geist ! « rief der Müllerknecht . » Machet mir nicht angst « , rief die Bäckerin . » Ich will ' s übrigens mit ihm aufnehmen « , setzte sie hinzu und ging in die Küche . » Ich glaub auch nicht an Hexen « , sagte der betrunkene Schütz . » Warum nicht ? « schrien die Bauern eifrig . » Weil mein Glas schon eine ganze Ewigkeit leer dasteht und sich nicht füllen will . Wenn ' s Hexenwerk gäb , so müßt ' s von selber voll werden . « Der Kübler , der kaum mehr die nötige Kraft zum Reden besaß , obgleich er unermüdlich zu trinken fortfuhr , schob dem Nimmersatt sein Glas hin . » Jetzt möcht ich aber doch nächstens aus der Haut fahren über die Hungermuck , die einem da den ganzen Abend hinhockt ! « sagte der Invalide leise zu seinem jungen Nachbar . » Wenn ich doch nur auch ein Mittel wüßt , wie man ihn fortbringen könnt , den Halunken . « » Da wird bald geholfen sein « , flüsterte Friedrich und wußte sich vom Tisch und zur Stube hinauszumachen , ohne daß sein Weggehen jemand in die Augen fiel . Der Invalide , der nichts von seinem Vorhaben ahnte , erdachte inzwischen gleichfalls einen Kunstgriff , um den beschwerlichen Schmarotzer fortzubringen . » In der Sonn ist ' s heut lustig « , sagte er , » der Sonnenwirt hat die Spendierhosen an und läßt eine Flasch um die andere springen ; ich hab gehört , er hab einen Fahnen auf ' m Hut wehen . « - Friedrich hatte ihm anvertraut , daß sein Vater den Wein etwas spüre und guter Dinge sei . » Das kommt selten vor , daß der Sonnenwirt ' n Spitzer hat « , sagte der Müllerknecht . » Wahr ist ' s aber : wenn er angestochen ist , dann spendiert er . Außerdem tut er ' s nicht . « Auf den Schützen wirkte die Mitteilung sichtbar beunruhigend . Er wußte nicht recht , wie er es angreifen solle , um alsbaldigen Gebrauch von ihr zu machen . Endlich siegte doch die Lockung über die Furcht , daß man seine Absicht merken könnte . Er behauptete stotternd , er müsse im Flecken nachsehen , ob keine Ungebühr vorgehe , wünschte umständlich gute Nacht und schwankte zur Türe hinaus , während der Invalide und der Müllerknecht einander heimlich anlachten . » Der hat auch schwer geladen « , sagte der Müllerknecht hinter ihm drein . » Der hätt nicht noch mehr nötig . « Kaum war er draußen , so kam Friedrich wieder herein . » Alle Teufel ! « flüsterte er dem Invaliden zu , indem er sich geschwind wieder zu ihm setzte , » warum habt Ihr ihn fortgelassen ? Wo ist er hin ? « » Ist er Ihm denn nicht begegnet ? « fragte der Invalide , der das sonderbare Benehmen seines jungen Freundes nicht begriff . » Ich hab mich hinter die Tür versteckt . Wo ist er denn hin ? « » Rechts hinunter , der Sonne zu . « » Ruft ihn , ruft ihn zurück ! « sagte Friedrich mit größter Hast , ohne zu bedenken , daß dazu ein hölzernes Bein nicht das tauglichste war . » Es ist zu spät « , murmelte er in kalter Bestürzung , » gebt acht , jetzt fliegt er . « Dem Invaliden ging ein Licht auf . Es war aber keine Zeit mehr , etwas zu ersinnen , das die Gefahr abwenden konnte , ohne den Täter zu verraten , denn in demselben Augenblick erfolgte auf der Straße ein furchtbarer Knall , der das Haus erschütterte . Alle sprangen vom Tisch auf , ausgenommen den Kübler , der stumm verwundert um sich sah . Friedrich war der erste , welcher hinausstürmte , da er glaubte , unmittelbar nach dem Knall , dessen Ursache ihm nur zu gut bekannt war , einen Schrei von einer weiblichen Stimme vernommen zu haben , der ihm das Mark durchschnitt . Draußen stand der Schütz unbeweglich wie eine Salzsäule . Er überließ es den andern , sich mit ihm zu beschäftigen , und eilte mit klopfendem Herzen weiter . Obgleich es hell war , sah er niemand und wollte eben wieder umkehren , als er nicht weit von sich schluchzen hörte . Er ging dem Tone nach . Im Schatten eines Hauses stand ein Mädchen angelehnt , das die Hände vors Gesicht hielt und heftig zitterte . » Um Gottes Jesu willen ! « sagte er , » ist ein Unglück geschehen ? « Er eilte auf sie zu und zog ihr die Hände vom Gesicht . Es war Christine . » Hat ' s dir etwas getan ? « fragte er verzweiflungsvoll . » Nein , es ist nur der Schreck « , antwortete sie . » Es ist mir in alle Glieder gefahren und hat mich so angegriffen , daß ich weinen muß . « » Gott sei Lob und Dank ! « flüsterte er . » Da hätt ich eine schöne Dummheit anrichten können . « » So ? « sagte sie , noch immer weinend , » jetzt weiß ich , wer mir das getan hat ; für solche Streich bedank ich mich . Vor so einem Mutwillen ist man ja seines Lebens nicht sicher . « Der Brauskopf , der soeben noch bereit gewesen wäre , sie fußfällig um Verzeihung seiner unsinnigen Torheit zu bitten , war plötzlich umgewandelt . » Du tust ja , wie wenn ' s dich mitten auseinandergerissen hätt « , sagte er kalt . » Sei du froh , daß dir ' s nichts getan hat , und lauf nicht rum bei der Nacht , dann widerfährt dir nichts . « » Ich kann ja heimgehen « , erwiderte sie tiefbeleidigt . » Den Gang hätt ich mir ersparen können . Ich will mir ' s merken . Gut Nacht ! « Sie bog um das Haus und war verschwunden . Er wandte sich trotzig und ging zurück . Die Gesellschaft hatte indessen den Schützen wieder in die Wirtsstube gebracht . Auch an ihm war die Gefahr glücklich vorübergegangen , und nur der Knall hatte ihn anfangs bis zur Sinnlosigkeit betäubt . Doch führte er noch etwas verwirrte Reden und versicherte , er habe einen Geist gesehen , einen weiblichen Geist , der ihn durch den Blitz des Feuers mit großen Augen angestarrt habe . Es wurde lebendig in der Wirtschaft . Die Scharwache kam , um vergebliche Untersuchungen nach dem Urheber der gefährlichen Mine anzustellen ; auch hatte der Lärm Gäste aus anderen Wirtshäusern hergelockt . Friedrich ließ Wein heraufschaffen , zunächst für den Schrecken , wie er sagte , den der Schütz gehabt ; aber es fanden sich auch noch andere Abnehmer . Man sprach und schrie über den Vorfall ; die einen schimpften auf den Täter , die andern lachten . Der Invalide spottete , daß man über einen Mordschlag ein so großes Aufheben mache ; in seinen Schlachten habe es anders gedonnert , sagte er und machte einen neuen Versuch , seine Kriegsgeschichten zu erzählen ; aber die Leute waren zu aufgeregt , um ihm zuzuhören . Gegen Friedrich wurde kein Verdacht laut ; die wenigen , die den wahren Täter erraten hatten , wußten zu schweigen . Mitten im Tumult zupfte ihn die Bäckerin am Arm und gab ihm ein Zeichen . Er folgte ihr in die Küche . » Es ist ein absonderlicher Briefträger dagewesen « , sagte sie und gab ihm einen Brief : » Das Christinele hat gesagt , es hab den ganzen Abend keinen Menschen finden können , der ihm den Brief fortgetragen hätt , und in die Sonne hab es nicht mit ihm gehen mögen ; da hab es eben versucht , ob das Briefle nicht hier an seinen Mann zu bringen wär , und richtig , es hat keinen Metzgergang getan . Ich bin nur froh , daß dem Kind nichts geschehen ist ; denn kaum ist es fortgewesen , so ist der teufelhäftig Knall losgegangen . Die Jugend wird immer schlimmer . Ich wollt , man tät den Malefizkerl , der den Mordschlag gelegt hat , an den Ohren kriegen und tüchtig schütteln , das wär ihm gesund . « » Dem Mädle ist nichts widerfahren « , sagte Friedrich etwas verlegen , » ich hab draußen nachgesehen , es ist kein Mensch verunglückt . Was steht denn in dem Brief ? « » Weiß ich das ? « entgegnete sie mit schlauem Lächeln , » kann ich wissen , was ihr für Geschäfte miteinander habt ? Nun , ich will nicht neugierig sein . « Sie ging in die Stube . Friedrich erbrach mit bebender Hand den Brief und las ihn bei der trüben Küchenampel . Christine bat ihn um Verzeihung und rief ihn zu sich zurück ! In seinem Entzücken dachte er nicht daran , daß seit der Ankunft dieses Briefes schon wieder eine neue Wolke zwischen ihn und sie getreten war , er stand wie von einer Flamme umgeben , drückte den Brief ans Herz und jauchzte laut auf . Zu gleicher Zeit erscholl auch in der Stube ein Jauchzen und Gläsergeklirr . Die Glocke vom Turm hatte den neuen Zeitabschnitt zu verkündigen begonnen , der eigentlich mit jeder Sekunde eintritt , der aber da , wo zugleich die Jahreszahl sich mit ihm verändert , einen tieferen Eindruck auf den Menschen macht , und nach alter Sitte stießen die Leute mit den Gläsern an und riefen einander Glückwünsche auf das neue Jahr mit seinen noch verschleierten Geschicken zu . Friedrich eilte in die Stube , ergriff sein Glas und stieß mit an . » Prosit ' s Neujahr ! « rief ihm der Invalide zu . » Es lebe das Jahr Siebenzehnhundertneunundvierzig ! « antwortete er . » Siebenzehnhundertfünfzig ! « schrie man ihm von allen Seiten entgegen , und der Rechnungsfehler wurde mit lautem Gelächter zurechtgewiesen . » Der will das Neujahr leben lassen und kann nicht hinein ! « spottete einer . » Fünfzig schreibt man jetzt , und das zehn Jahr lang , mußt dich dran gewöhnen « , sagte ein anderer . » Kannst nicht aus der Zahl heraus , wo das Jahrhundert in sein Schwabenalter gekommen ist ? « fragte ein dritter . » Mag leicht sein « , sagte Friedrich halblaut , so daß nur der Invalide es hören konnte , » in dem Jahrzehnt , das sich mit vierzig schreibt , hat meine rechte Mutter noch gelebt , und da ist es wohl zu begreifen , daß mir die Zahl wie eine alte Heimat ist , aus der man nicht gern heraus mag . Also das Jahr Siebenzehnhundertfünfzig soll leben ! « rief er , nochmals das Glas erhebend , und in seinem Herzen setzte er hinzu : » das Jahr , das mir Ersatz geben soll ! « Es war ihm , als ob er jetzt wieder eine Mutter hätte . Er hielt es nicht lange in der Gesellschaft mehr aus . Es war still und sanft in ihm geworden , und diese innere Glückseligkeit taugte nicht zu dem , was um ihn her vorging . Das Lachen und Johlen nahm überhand , und zwar um so ungestörter , als die Polizei sich selbst daran beteiligte . Der Schütz , der durch den Schrecken ziemlich nüchtern geworden war , hatte die neue Gelegenheit zum Trinken nach Kräften benutzt und machte schon wieder Riesenfortschritte in der Trunkenheit . Der Kübler hatte von seinen fünf Sinnen keinen einzigen mehr ganz beisammen und belustigte die Gesellschaft durch die grunzenden Laute , die er von sich gab . » Bringet die Noten im Kübel her , die S- will singen ! « rief der Schütz , aber während er sich über seinen Genossen lustig machen wollte , stürzte er auf einmal mitsamt dem Stuhl zu Boden und stand nicht mehr auf . Das wilde Gelächter über diesen Auftritt schallte noch lange hinter dem Flüchtling her , der die Herrlichkeit hinter sich ließ , ohne gute Nacht gesagt zu haben . Zu Hause fand er seinen Vater noch wach und noch immer von Gesellschaft umgeben . Er brummte über sein langes Ausbleiben , doch mehr , wie es schien , aus väterlichem Wohlwollen , daß er sich ihm an einem so heiteren Abend entzogen hatte , als aus Mißmut darüber , daß er seiner Pflicht nicht nachgekommen war . Noch in später Stunde waren Fuhrleute angelangt ; sie fluchten wacker über den langen Aufenthalt , der ihnen durch verschiedene Zufälle und am meisten durch den Eßlinger Zoll verursacht worden war . Friedrich widmete sich mit Eifer ihrer Bedienung , und ihre Scherzreden bewiesen , daß er von lange her bei ihnen wohl angeschrieben sei . » Er geht so leichtfüßig einher , als ob er in der Luft wandeln tät « , sagte einer derselben von ihm , und die Bezeichnung war richtig , denn das Gefühl , das ihn seit dem Empfang von Christinens Brieflein beseelte , hatte ihm gleichsam Flügel an die Sohlen geheftet . Er ging als ein glücklicher Mensch zu Bette , trunken von Liebe und auch ein wenig vom Wein . Da er nicht sogleich einschlafen konnte , so hörte er noch den Neujahrswunsch der armen Kinder , die , mit Lichtern umherziehend , vor den Häusern zu singen pflegten . Es war ein einziger Vers , der für jedes Mitglied der Familie , und wenn sich ihre Zahl noch so hoch belief , besonders wiederholt wurde . Zuerst traf die Reihe den Hausvater , dann die Mutter ; die Kinder , soviel ihrer waren , wurden jedes einzeln angesungen , dann kamen die Mägde , dann die Knechte und ganz zuletzt , wenn der Gratulationszug vor einem Wirtshause hielt , die bekannteren Gäste , die darin wohnten . Sie sangen , als die Reihe an Friedrich kam : Jetzt wünschen wir auch dem Herrn Johann Frieder ein gut ' s neu ' s Jahr , Ein gesundes Jahr , Ein glücklich ' s Jahr , An Fried und Freud ein reiches Jahr . Gott mach es wahr ! Gott gebe , daß es werde wahr ! » Gott gebe , daß es werde wahr ! « sprach Friedrich in seiner Kammer nach . 9 Der erste Gegenstand , mit welchem er sich bei seinem Erwachen am Neujahrsmorgen beschäftigte , war der Brief , der ihn gestern nacht so glücklich gemacht hatte . Er zog ihn unter dem Kopfkissen hervor und las