gegangen , als Hassan Khan uns die erste Nachricht von dem Leben unseres Freundes gebracht hatte , um zu suchen , wie ich ihn retten könne , und bin ich nicht bereit , in einer Stunde auf ' s Neue das Werk zu wagen ? « Die Frau legte freundlich ihre Hand auf seine Schulter . » Zürne nicht , Nicolas Grivas , über den Schmerz eines Weibes . Ich weiß , Du bist ein Junak , ein Tapferer , die Helden meines Volkes rühmen den Knaben der Juganen11 , der zu uns kam , mit uns für den Krieg zu streiten . Aber Du hast nicht das Auge der Adler von Czernagora , das auch im Dunkeln den Bultbruder bewacht . Auch ist es trübe und matt , seit Du von Skadar wiedergekehrt bist zu uns , als läge ein mächtiges Leiden auf Deinem Herzen . Dennoch vertraust Du uns nicht und mischest Deinen Kummer nicht mit dem meinen . « Der Grieche stützte finster das Haupt in die Hand und schwieg . Des Weibes Blicke ruhten aufmerksam auf ihm , aber sie wagte nicht , weiter zu fragen , bis Hassan der Arnaut , der mit unendlicher Seelenruhe alle Schmähungen auf seine Glaubensgenossen mit angehört hatte , den Rauch seiner Pfeife von sich blies und die Vermuthung aussprach : » Ich meine , der Giaur hat in die blauen Augen der Houri ' s von Scutari geschaut und sein Herz ist getroffen worden gleich dem Reh der Wälder . Bei Allah , die Weiber in meiner Heimath sind schön , und viele von ihnen haben den bösen Blick , der niemals den wieder verläßt , den er ein Mal getroffen hat . Nimmer hätte ich das Land gemieden , wenn mich nicht der Zorn übermannt hätte , daß ich den Aga Mehemet zu Tode schlug . « In Grivas Wangen stieg verräterisch das Blut während der gemächlichen Rede des Arnauten , indem er Aller Blicke auf sich gerichtet fühlte . » Ei wohl , Khan , « sagte Stephan , » Du magst Recht haben , und wenn der junge Junasch wirklich einer Taube begegnet ist , die sein Herz gerührt hat , ei , so mag er das Recht der Otmitza12 üben , wenn er glücklich heimkehrt , und sich die Braut holen . « Der Alte schaute sie finster von der Seite an . » Die Otmitza hat schon Unheil genug gebracht , denn sie führte den Sohn des Geschlechts , mit dem wir in Blutrache leben , in unsere Brastwo13 . Bei den Gebeinen des heiligen Märtyrers Basilius in Ostrog14 , ich weiß nicht einmal , ob ich Recht daran thue , zuzugeben , daß dieser junge Mensch , mein Gastfreund , in den Rachen des Wolfes geht , bloß um einen Mann zu retten , dessen Blut der Familie Martinowitsch eigentlich verfallen ist und längst hätte von uns vergossen werden müssen . « » Vater , « rief die Frau entsetzt , » was redest Du da ? Du sprichst von Deinem Eidam , dem Gatten Deines Kindes ! « Der Greis starrte vor sich hin , die fixe Idee seines Familienhasses schien in ihm wieder aufzusteigen und seinen Geist zu verdüstern . » Was Kind ! « murmelte er vor sich hin . » Die Blutrache hat seit hundert Jahren zwischen dem Geschlecht der Zagartschani und der Martinowitsch Zahn um Zahn genommen , so will es das alte Gesetz , und der Vater Deines Mannes hat unsern Djewer15 zuletzt erschlagen , ohne daß sein Blut bis jetzt gerochen ist . « » Aber es ist das Blutgeld gezahlt und der Streit ist ausgeglichen , als mich Gabriel heimlich davongeführt und Ihr auf des Popen Bitte dann Eure Einwilligung zur Heirath gabt und Gabriel zum Schwiegersohn nahmt . « » Blut ist Blut , « sagte der Alte , » und der Schatten des Vetters hat mich manch liebe Nacht gemahnt , wenn die Wila ' s draußen auf der Livada16 tanzten und der Vampyr umherging mit den blutigen Augen vor der Hahnenkräh . Iwo ist alt und hat einen Eid gethan , nur das Blut der Moslems noch zu vergießen , aber er hat einen Knaben , in dessen Adern das schwarze Blut der Familie rollt , und er wird die Pflicht seines Stammes nicht vergessen . « Der junge Mann , sein Sohn , der bisher geschwiegen und nur auf jedes Wort aus dem Munde der Aelteren gelauscht hatte , richtete sich funkelnden Auges vom Boden empor . » Befiehl , Vater Iwo , und Bogdan wird gehorchen , gält ' es auch das Blut seines nächsten Freundes . « Er zog wie betheuernd den Yatagan in seinem Gürtel halb aus der Scheide , doch die Schwester , wild erregt von der herzlosen Blutgier , die zur Sühnung einer alten Familienfehde selbst das Leben des eigenen Verwandten bedrohen konnte , sprang wie ein Blitz auf die Flinte des Alten zu und schwang die schwere Waffe gleich einem Rohr um das Haupt . » Seid Ihr Wölfe aus dem Epyrus , « zürnte sie , » oder die grausamen Tiger des todten Wüthrichs von Janina17 , daß Ihr das eigene Blut schlachten wollt , statt es zu retten aus Türkenhand ? - Bei allen Heiligen im Himmel , wer mir an den Gatten will , der hat es zuvor mit mir zu thun , und er wird sehen , ob die Tochter der freien Berge die Waffe zu führen versteht ! « Grivas war aufgesprungen . » Gebt Euch zufrieden , Stephana , Vater und Bruder haben es so schlimm nicht gemeint , und es ist nur der alte böse Geist , der zuweilen über den tapferen Sinn des Begs kommt . Du weißt , daß Keiner eiliger war , als er zur Tscheta18 , da uns die Kunde kam von Deinem Gatten . « Der Alte strich sich wohlgefällig lachend den Bart. » So gefällst Du mir , Kind , ich erkenne mein Blut in Dir wieder und weiß , daß das Weiß seinem Manne anhängen muß . Aber spute Dich jetzt , wenn die Sonne sinkt hinter die Berge , und wenn die Dämmerung naht , muß der Grieche im Kahn sein , um zeitig in Skadar zu landen . « Die Frau stellte die hölzerne Schüssel mit der Castradina vor sie hin und Alle setzten sich um das Mahl und stillten ihren Appetit . Dann löste der junge Martinowitsch die Schildwacht auf dem Felsen ab , um dem Gefährten , einem Vetter der Familie , gleichfalls sein Theil zukommen zu lassen . Während dessen beriethen die Männer den gefährlichen Zug des jungen Griechen zur Befreiung seines Freundes , mit dem er vor dem Heldenkampf von Grahowo die uralte Sitte der Blutbrüderschaft eingegangen war , ein Band , das zwei Männer zu jeder Aufopferung und Hingebung verpflichtet . Die Blutbrüderschaft wird nach den Gebräuchen des Volkes entweder für ' s Leben oder für eine gewisse Zeit , z.B. für die Dauer eines Krieges oder einer Fehde , geschlossen . Während dieser verlassen sich dann die so Verbundenen keinen Augenblick , Gefahr und Ruhe , Speise und Noth theilen sie gemeinschaftlich . Ein Lager umfängt sie , Schulter an Schulter stehen sie im Kampf , und nur der - gewöhnlich aber gemeinschaftliche - Tod scheidet den Einen vom Andern und legt dem Ueberlebenden die heilige Pflicht auf , den gefallenen Bruder blutig zu rächen und für seine Hinterlassenen , wenn er Familie hat , zu sorgen . Unauslöschbare Schmach trifft den , der seinen Blutbruder in der Gefahr verläßt oder , ohne ihn gerächt zu haben , aus dem Kampfe allein zurückkehrt . In ähnlichem Fall war Nicolas Grivas , der jüngere Stiefbruder der beiden Caraiskakis , gewesen . Die heldenmüthige Vertheidigung des befestigten Hauses des Wojwoden Jakob Wujatich von Grahowo gegen die Türken unter Dervish Pascha ist durch die Zeitungen bekannt . Am 19. Januar erstürmten die Türken das Haus , und der tapfere Wojwode fiel , nachdem er noch eine Felsengrotte lange gehalten und nur auf die drohende Gefahr der bereits begonnenen Unterminirung unter dem Versprechen ehrlicher Kriegsgefangenschaft die Waffen streckte , mit vierzig Gefährten - darunter Grivas und sein Blutbruder Gabriel , der Schwiegersohn des berühmten Beg Martinowitsch - in die Hände der Türken . Aber die Moslems , treulos und grausam wie in allen diesen Kriegen gegen die Montenegriner , hielten das gegebene Wort schlecht und unterwarfen die Gefangenen den furchtbarsten Leiden . An Pfähle gebunden , der Kleider größtentheils beraubt und bei dem Mangel an Lebensmitteln im Lager selbst oft die nothdürftigste Nahrung entbehrend , mußten sie die kalten Wintertage und Nächte zubringen . Der Brand trat bei Vielen alsbald zu den Wunden und endete ihre Leiden . Es ist historisch , daß einem Bruder des Wojwoden das Bein abfror . Der Wojwode selbst starb im März an den Folgen der erlittenen Behandlung . In einer Nacht war es jedoch vier der Gefangenen , darunter den beiden Freunden , gelungen , während eines furchtbaren Unwetters zu entfliehen und sie gelangten durch das österreichische Gebiet glücklich zu den Ihren , wo ihnen jedoch nur kurze Erholung gegönnt war ; denn der Kampf wüthete auf allen Seiten und sie nahmen alsbald wieder Theil an demselben und rächten die Leiden ihrer Gefangenschaft bei dem siegreichen nächtlichen Ueberfall an der Brücke Uzicki Most und bei Frutack , wo die Türken über 500 Gefangene , 400 Todte und eine große Beute mit der Kriegskasse selbst verloren . Im Gedräng des Kampfes waren hier jedoch die Freunde von einander gekommen , und Gabriel der Zagartschane , von seiner heimischen Pleme in der Katunska-Nahia also genannt , fiel auf der eifrigen Verfolgung der Feinde nach Spuz , am Bein verwundet , in ihre Hände und wurde von dem Heere auf dem Rückzug nach Scutari mitgeschleppt , während seine Waffengefährten glaubten , daß er im Kampfe geblieben . Grivas , dessen Suchen nach der Leiche des Freundes vergeblich gewesen , brachte die traurige Kunde seiner Frau , die während des Zuges nach Grahowo zu ihrer Familie in der Nahia Rietschka zurückgekehrt war . Nur der Ruf der bewiesenen Tapferkeit und Aufopferung schützte den jungen Griechen hier vor Schmach , da er ohne sichtbare Beweise vom Tode des Blutbruders und der für ihn geübten Rache heimgekehrt war . Dennoch sah er sich überall von mißachtenden Blicken angeschaut und kehrte bald zurück nach Cetinje , wo er im Stabe des Fürsten mit seinen auf der Militairschule zu Athen erworbenen Kenntnissen schon früher Hilfe geleistet . Plötzlich , gegen das Ende des Monats Juni , rief ihn eine Botschaft der Wittwe des Freundes zurück nach der im unwirthbarsten Gebirge belegenen Kula19 des alten Martinowitsch . Zu seinem freudigen Staunen vernahm er hier die Nachricht , daß ein aus Scutari wegen eines begangenen Todtschlags geflüchteter Arnaut der Familie , um sich bei ihr die Gastfreundschaft zu sichern , die Kunde gebracht hatte , daß Gabriel am Leben und unter den Gefangenen in Scutari sei . Die Familie hatte alsbald die heilige Pflicht geübt , dem Blutbruder als dem Nächstverpflichteten Kunde zu senden , und Grivas war sogleich bereit , das Werk der Befreiung zu wagen . Eine Tscheta aus den engeren Mitgliedern der Familie wurde hinab zum See von Skadar beschlossen und man lagerte bereits seit acht Tagen auf einer der von den Montenegrinern den Türken entrissenen Inseln des prächtigen Gewässers . Von hier aus hatte der junge Grivas bereits ein Mal sich nach Scutari gewagt , um das Terrain zu recognosciren , denn offenbar konnte hier zur Befreiung des Gefangenen nur List , nicht Gewalt helfen . In der That war es ihm auch durch die Andeutungen , die der Arnaut und der Beg ihm gegeben , gelungen , sich über das Gefängniß des Freundes zu orientiren , und glücklich kehrte er wieder zu den Genossen zurück , um mit ihrer Hilfe die Befreiung selbst zu versuchen . - Nachdem das Mahl eingenommen , waren die Vorbereitungen zur Abfahrt des verwegenen Abenteurers , der auch dies Mal die Fahrt allein unternehmen sollte , bald getroffen . Unter der Fustanelle20 trug er einen langen , mit Knoten und Haken versehenen Strick um den Leib , ein Feile und ein scharfes Messer in den Gamaschen der Füße eingeknüpft , im Gürtel die gewöhnlichen Waffen der Albanesen . Während der einäugige Greis mit dem Moslem hinunter ging zum Ufer , den schmalen Kahn vom Segelboot zu lösen , in dem die Gesellschaft gekommen war , trat Stephana zu dem jungen Mann . » Der heilige Johannes schütze und segne Deine Fahrt und Dein Unternehmen , Nicolas Grivas , « sagte sie feierlich . » Gern möchte ich an Deiner Seite stehen , und wahrlich , ich wollte Dir kein schlechter Beistand sein im Augenblick der Gefahr , aber ich fühle , meine Gegenwart könnte Alles verderben . Doch hilft List und Muth oft nicht allein , wirksamer als Kugel und Stahl ist das gelbe Metall . Hier , Freund meines Gatten , nimm , was mein davon ist . Ohne den Theuren nützt mir der Schmuck Nichts ; gewinne ich ihn wieder , so ist er mein bester Schmuck . Nimm ! « Sie drang ihm eine jener Schnuren von zusammengereihten kleinen Goldmünzen auf , welche die slavischen Frauen so häufig zum Schmuck des Hauptes benutzen und in die Haare flechten . Grivas fühlte die Wichtigkeit der Gabe für seinen Zweck und nahm sie dankend . » Noch Eines frage ich Dich , « fuhr Stephana fort und legte freundlich die Hand auf seine Schulter . » Vertraue mir , der Frau , was Dich sichtlich drückt , seit Du von Skadar zurückgekehrt bist . Hast Du Etwas Schlimmes von Gabriel , meinem Gatten , erfahren , oder ist die Vermuthung des Khan wahr und hat die Liebe Dein Herz getroffen ? « Der junge Mann bedeckte die Augen mit der Hand . » Liebe , Stephana ? ich weiß es nicht , aber wenn es die Liebe ist , so muß sie etwas Schreckliches sein . O , daß ich Dir diese Augen beschreiben könnte , die ich nur ein einzig Mal geschaut und die sich für ewig glühend in mein Gehirn gebohrt haben , daß ich nicht mehr fühlen und denken kann . Kennst Du die grauenvolle Sage Deiner Heimath vom Vampyr , Frau , der im Mondlicht bleich umherstreift und sich an die Herzen der Lebenden sangt , jeden Blutstropfen unersättlich verschlingend ? So saugt allnächtlich dies Bild mit den glühenden Augen an meinem Herzen . Stephana - ich liebe - einen Vampyr ! « Die junge Frau schlug das Kreuz . » Um der Heiligen willen , Mann , fasse Dich - Du redest ruchlosen Wahnwitz ! « » Wahnwitzig möcht ' ich werden , und der Wahnwitz hätte mich gen Skadar getrieben , auch wenn die Pflicht gegen den Freund mich nicht dahin geführt ! « Der Ruf des Alten ertönte vom Ufer herauf - der Nachen war bereit , die Sonne im Untergehen . » Bete für mich - bete für meine arme Seele ! Nur der Himmel kann retten , die den Unterirdischen verfallen sind ! « Wenige Worte noch mit den Gefährten , und die kräftigen Ruderschläge entfernten ihn vom Ufer . Es war nach Mitternacht , im Silberglanz des Mondes , als Nicolas Grivas eine halbe Stunde entfernt von den Wällen von Scutari , östlich vom Hafen der Festung , unter wildem Felsgestein und Gebüsch nach angestrengtem Rudern landete und den Nachen , so gut es die Gelegenheit bot , dort verbarg . Dann ging er eine Strecke landein , suchte sich einen vor den schädlichen Mondstrahlen geschützten Platz und legte sich nieder zum Schlaf . Mit Sonnenaufgang war er munter , nahte sich vorsichtig der Stadt und schlenderte dann mit den zahlreichen Gruppen der albanesischen Landleute und Arbeiter sorglos durch das geöffnete Thor . In einem der türkischen Caffeehäuser in der Nähe der Befestigungen des Hafens , in denen , wie er von Hassan wußte , Andreas gefangen saß , nahm er sein Morgenbrot und verweilte , bis ein regeres Treiben die Straßen belebte . Die rothe Tracht der Gueguen oder Myrditen mit dem Waffen-Arsenal im Gürtel , oder dem malerischen Harnisch , der an die Ritterzeiten und die Tscherkessen erinnert ; die Toja der Toxiden mit dem Waffenrock , dem Gürtel und den Sandalen aus der Römerzeit , während der schlanke , erhabene Wuchs ihrer Frauen , das rein griechische Profil und die großen , blauen , seelenvollen Augen unter den lang herabhängenden , blonden oder kastanienbraunen Haaren ein Bild klassischer Schönheit giebt ; die Frau von den Ufern der Drinna , die Flinte auf der Schulter , den Handjar im Gürtel und den Korb mit den Früchten oder Geflügel , die sie zu Markte bringt , auf dem Kopf ; dazwischen die kleine , dunkle Gestalt des Japis aus den Schluchten und Felsen am adriatischen Meere ; die Männer von Suli mit dem Adlerblick und der stolz emporgetragenen Stirn ; der türkische Soldat des Nizam in seiner dunkelblauen unkleidsamen Tracht mit dem flachen Fez ; der geschäftige Grieche und Jude und dazwischen der gravitätische Moslem , - alle diese hundert bunten Gestalten mit dem den Griechen-Slaven eigenen lebhaften Drängen und Schreien gaben ein überaus lebendiges buntes Bild , durch das sich Grivas zum Khan des Maltesers Girolamo drängte , in dem , nahe am Bazar gelegen , die Müssiggänger der Festung , die Fremden und die Offiziere der Besatzung zu verkehren pflegen . Gegenüber dem Khan war der Aufgang zur Citadelle , in deren Ringmauern sich die Gebäude des Paschalik befanden . Nicolas nahm vor dem Khan einen Sitz ein , und statt mit einem oder dem Anderen ein seine Zwecke vielleicht förderndes Gespräch anzuknüpfen , schaute er unverwandt nach dem Thor der Citadelle , an dem die Wachen müßig lehnten . So hatte er bereits zwei Stunden gesessen , als durch das Thor zwei Frauen in türkischer Kleidung die Festung verließen , die Gestalt in den verhüllenden Feredschi21 verborgen , während das Haupt unter dem weißen Schleier , Yaschmack genannt , verschwand , den , aus einem langen Streifen Mousselin bestehend , die muhamedanischen Frauen , sobald sie ihre Gemächer verlassen , um den Kopf wickeln und unter dem Kinn befestigen , so daß er das ganze Gesicht verbirgt und nur einen etwa drei Finger breiten Streifen für die Augen frei läßt . An der grünen Farbe des Mantels war leicht zu erkennen , daß die Eine die Herrin , die Andere eine Sclavin war . Die Gestalt der Ersteren erschien trotz der verhüllenden Kleidung groß und stolz und hatte nicht den durch die doppelten Pantoffeln gewöhnlich hervorgebrachten schleppenden und unsicheren Gang . Die Dame trug vielmehr unter den weiten türkischen Beinkleidern rothe mit Gold gestickte Stiefel , und jede ihrer Bewegungen zeigte eine bei den Orientalen ungewohnte Rastlosigkeit und Energie . Die beiden Frauen gingen allein , aber deshalb nicht unbegleitet . Ein seltsamer und schauerlicher Gefährte bewachte jeden ihrer Schritte , - ein gezähmter Wolf , der gleich einem Hunde , die rothe lechzende Zunge aus dem Rachen hängend , neben ihnen her trottete . Die Erscheinung war zu auffallend , um unbemerkt vorüber zu gehen , und obschon der Grieche eben nur Augen für sie hatte , konnte er doch wahrnehmen , wie die Besucher des Caffeehauses sich von ihr unterhielten , und mehrmals hörte er den Namen Fatinitza aussprechen . Er hatte sich vom Sitz erhoben , als er die beiden Frauen bemerkt , und stand dicht an der Straße , die sie vorüberführte . Schon von Weitem hatte ihn in dieser Stellung der Blick der Türkin getroffen , der mit einem seltsamen verzehrenden Ausdruck auf ihm haften blieb . Starr und ruhig , lag doch eine wahrhaft unheimliche Gluth im Hintergrunde dieses schwarzen Auges , das sich förmlich an ihn festzusaugen schien . Seine ganze Kraft und Selbstständigkeit schien unter dem Ausdruck dieses Blickes zu schwinden , und dennoch vermochte er nicht , den seinen davon abzuziehen . Wenn das unheimliche Auge dieser Frau wirklich eine Freude auszudrücken vermochte , so zeigte sie sich bei dem Erblicken des jungen Griechen . Man sah durch die Oeffnung des Schleiers den sichtbaren schmalen Theil des bleichen Gesichts lebhaft erröthen und ihre Hand ließ unwillkürlich den Zipfel des Mantels fahren , der zurückfallend eine der Tracht der Mirditen ähnliche Kleidung zeigte , in deren Gürtel ein leichter Handjar und eine zierliche Pistole von französischer Arbeit steckten . Der Mantel verhüllte sie im Augenblick wieder , und nur ein leises Neigen des Kopfes , als sie dicht an ihm vorüberging , und der Ausdruck des Auges zeigten dem nach orientalischer Sitte stumm und ehrerbietig grüßenden jungen Manne , daß er wiedererkannt sei . Starr und lange schaute er nach , als die beiden Frauen im Zugang des Bazars verschwanden , ohne daß er zu folgen wagte . » Bei Allah ! « sagte eine Stimme hinter ihm , » Du bist ein kühner Christ , daß Du Dich unterfängst , der Wölfin von Skadar so keck in die Augen zu schauen . Nur wenige der Moslems wagen , die Tochter Selim ' s zu begrüßen . « Als Grivas sich umschaute , sah er einen greifen türkischen Kaufmann in ärmlicher Kleidung vor sich , der ihm jedoch bekannt schien , denn er begrüßte ihn alsbald und lud ihn ein , neben ihm Platz zu nehmen . » Kennst Du die Frau , Ali Martinowitsch , « redete er ihn an , » so sage mir , wer sie ist . « Der Alte schüttelte den Kopf . » Laß Dich warnen , Jupane , « entgegnete er , » daß Du nicht in die Klauen dieser Wölfin fällst . Es ist Fatinitza , die einzige Tochter des Selim Pascha , der in Skadar gebietet , von einer Mirditin ihm geboren und der Apfel seines Auges . Aber ihr leibhaftiger Vater ist der Scheitan22 , denn sie liebt das Blut , gleich der Wölfin , die sie selbst in den Schluchten des Sutorman aus dem Nest geholt und gezähmt hat . Schon viele der jungen Männer , schön und kühn wie Du , haben ihr Ende gefunden durch diese Frau , und Niemand weiß , wo ihre Gebeine bleichen . Man sagt Böses und Geheimnißvolles von ihr , das die Lippe nicht wieder zu erzählen wagt . Es sollte mir leid thun um Dich , der mir das Zeichen des Begs , meines Blutsfreundes , gebracht hat . « In der That gehörte der Moslem zu dem Stamm des alten Czernagorzen . Als Stanischa , der Sohn Iwo ' s des Schwarzen , nach der abenteuerlichen Vermählung mit der Tochter des Dogen von Venedig und seiner Rache an dem schönen Wojwoden Djuro - wie sie die Piesmen so romantisch erzählen - zu den Moslems floh und zum Islam übertrat , waren ihm viele Tapfere seiner Heimath gefolgt . Obschon seitdem eine bittere Feindschaft zwischen den Nachkommen der Abtrünnigen und den christlichen Czernagorzen herrschte , hätte doch Keiner aus der Familie Buschatli - diesen Namen führen die Nachkommen Stanischa ' s in Skadar , wo dieser von den Moslems als Pascha eingesetzt worden , - einen der alten Blutsfreunde des Hochgebirges an einen Türken verrathen . Es bestand und besteht vielmehr eine gewisse , man könnte sagen Gastfreundschaft , die sie verpflichtet , in privaten und Familien-Dingen sich gegenseitig zu Dienst zu sein , unbeschadet der allgemeinen Feindschaft . So besaß auch der Beg in dem alten Kaufmann einen Stammverwandten und häufig schon hatten Beide in den gegenseitigen Kriegen sich Dienste erwiesen . An ihn hatte der Alte daher schon bei der ersten Fahrt nach Skadar den jungen Griechen gewiesen , und der Kaufmann hatte ihm versprochen , auf Grund der Mittheilungen Hassan ' s weitere Nachforschungen und Vorbereitungen zu treffen . Nicolas Grivas gedachte der ihm obliegenden Pflichten und ermannte sich aus seinem Brüten . » Fürchte Nichts , « sagte er zu dem Alten , » dieses Auge machte nur einen betäubenden Eindruck auf mich , gerade wie das erste Mal , als ich es umherstreifend in der Vorstadt der Gärten23 im Schatten der Kastanienbäume auf mich gerichtet sah und ihm unwillkürlich folgen mußte , bis die Thore des Kastells mir den Weg versperrten . Ich bin ein Mann und hier , um den Blutbruder zu retten . Hast Du erforscht , was ich Dir aufgetragen und wie eine Botschaft zu dem Freunde gelangen kann ? « Der alte Mann bejahte , forderte aber den Griechen auf , ihm nach seinem Hause zu folgen , da hier ihr Gespräch leicht belauscht werden könne . Nicolas schien sich zwar nur ungern von dem Platze zu trennen und die Rückkehr der Frauen aus dem Bazar abwarten zu wollen , Ali aber , der den scharfen Blick der Türkin scheute und nicht im Gespräch mit dem von ihr bemerkten Fremdling betroffen sein mochte , drang auf ihre Entfernung , und so folgte ihm der junge Mann durch die engen Straßen bis zu einem kleinen Häuschen , in dem die Familie des Alten wohnte . Hier theilte derselbe ihm mit , daß ihre ersten Nachrichten richtig und der gefangene Czernagorze in einem Kerker des alten Thurmes eingeschlossen sei , der als vorspringendes Werk der Citadelle seine dicken Mauern in die Wasser des Sees tauchte . Gabriel war von seinen Wunden zwar gänzlich wieder hergestellt , wurde aber streng bewacht und litt Entbehrungen aller Art. Das hatte Ali von einem der Kerkerdiener erfahren , den er als der Bestechung offenbar zugänglich schilderte . Seine eigene Armuth hatte ihm jedoch nicht gestattet , diese zu versuchen , und er stellte nun Grivas das Weitere anheim . Mit Dank erkannte jetzt dieser den Werth der Gabe Stephana ' s , und indem er sie dem ehrlichen Gastfreund einhändigte , bat er ihn , sein Heil alsbald damit bei dem Gefängnißwärter zu versuchen . Der Alte verließ ihn , indem er ihm auf ' s Dringendste anbefahl , nicht aus dem Hause zu gehen und durch sein Umherstreifen keinerlei Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen . Nach zwei Stunden kam er wieder ; er hatte den Mann gefunden und dieser war bereit , für die Schnur der Goldmünzen dem Gefangenen zur Flucht zu helfen . Doch gab es nur eine Weise , diese auszuführen , da die Ausgänge der Citadelle selbst stets von Wachen besetzt und gefährlich zu passiren waren . Der Kerker des Czernagorzen lag im dritten Stockwerke des Thurmes , das Fenster war deshalb nur leicht vergittert und der Mann hatte es übernommen , dem Gefangenen Feile und Strick zu bringen , um sich mit deren Hilfe durch die nach dem See zu schauende Fensteröffnung zu retten . Nicolas sollte mit einem Kahn sich um die zwölfte Stunde der Nacht in der Nähe des Thurmes halten und den Flüchtling aufnehmen . Die ganze Nacht blieb ihnen dann , sich in Sicherheit zu bringen . Grivas entledigte sich der scharfen Feile , die er im Leder der Gamaschen trug , und des Strickes um seine Hüften , und der Alte trug Beides gleich verborgen zu dem Helfer , der die Hälfte der besprochenen Belohnung im Voraus empfangen hatte und den Rest erhalten sollte , nachdem er seine Aufgabe erfüllt . Gegen Abend sollte Nicolas die Stadt verlassen , wie er gekommen war , und im Schatten der Nacht mit seinem Kahn dem Thurme nahen , um zur bestimmten Stunde bereit zu sein . Weitere Hilfe vermochte ihm der Gastfreund unmöglich zu leisten , und das Folgende blieb dem Muth und Glück der beiden Blutbrüder überlassen . Es war gegen Abend , als Nicolas Grivas von dem Gastfreund Abschied nahm , um die Stadt vor dem Schluß der Thore zu verlassen und sein Unternehmen zu beginnen . Mit seinen besten Segenswünschen entließ ihn der Moslem , der jedoch nicht wagte , in seiner Begleitung weiter sich sehen zu lassen . Der Grieche wandte sich zum Thor ; aber unwillkürlich zog es ihn noch ein Mal hin in die Nähe der Unheimlichen , die so eigenthümlichen Einfluß auf ihn zu üben begann . Er ging nach Ghirolamo ' s Khan und setzte sich wiederum dort nieder , nach den Mauern starrend , welche die seltsame Erscheinung bargen , die man die » Wölfin von Skadar « nannte . Plötzlich entstand ein Lärmen in seiner Nähe . Ein Tschokadar24 war in Streit mit einem Albanesen gerathen , im nächsten Augenblick blitzten , wie dies bei solchen Scenen gewöhnlich ist , die Handjar ' s , und ehe Nicolas den Platz verlassen konnte , sah er sich mitten in den Knäuel gerissen und in den Streit verwickelt . Tschauschi ' s25 sprangen herbei , und nach kurzem Gezänk ward er ergriffen und mit zwei andern der Gäste zum Thor der Citadelle geschleppt , wo ihnen die Hände gefesselt wurden . In Begleitung ihres Anklägers , des Tschokadars , wurden sie alsbald vor den Pascha geführt . Durch den Hof , der die Zenanah - die Wohnung der Frauen - von den öffentlichen Gebäuden trennte , gelangten die Gefangenen über mehrere Stufen in die Halle , wo Selim-Bey , der Pascha von Albanien , saß . Die Halle selbst bot ein seltsames Gemisch orientalisch-üppiger Ausstattung mit dem rohen Mangel des Kriegerlebens , da der Bey ein tapferer Soldat war und sich bereits in seiner Jugend in dem Kriege gegen die Kurden ausgezeichnet hatte . Später bekleidete er mehrere hohe Stellen in Epirus und Macedonien , und seit der Verbannung des rebellischen Mustapha ' s , des letzten Pascha ' s aus der Familie Butschali im Jahre 1833 , das Paschalik von Scutari , wo die fast ununterbrochene Fehde mit den unruhigen Nachbarn seine kriegerischen Talente und seine Thätigkeit in Bewegung hielt . Die seidenen Kissen der Divans wechselten als Sitzte mit gegerbten Wolfs- und Bärenhäuten oder den einfachen Kordgeflechten ab ; zwischen den zahlreichen Dienern und Müßiggängern aller Art strichen