damit gemacht . » Gerechter Gott ! « rief er , den Stock auf die Erde stampfend , » wann wird das endlich mal ein Ende nehmen ! Giebt ' s denn keinen Fleck auf der Erde , wo man seine Tochter ruhig hinführen kann ! Giebt ' s denn Niemand , der dem Könige das sagt , denn er ist gütig und gerecht . « Die Frau Kriegsräthin wehrte still die Obristin ab , die beruhigende Worte auf der Lippe hatte , von Jugend und Tugend . » Um Gottes Willen , Frau Obristin , jetzt keine Sylbe , sonst bricht es los . « Es schien aber schon jetzt loszubrechen , wenn auch nicht in Worten , als er den Hut aufstülpte , den Rock zuknöpfte und rief : » Nun marsch nach Haus ! « Wir sehen die Familie auf dem Marsche . Es hatte Jeder seine eigenen Gedanken , darum war es heut Abend so still als es an manchem laut gewesen . Vergnügt war eigentlich nur die Kriegsräthin . Sie baute Schlösser in die Zukunft , und war ihr Wunsch nicht erfüllt , als ihr Mann der Obristin die Hand gedrückt und gesagt hatte : » Sie sind eine brave und praktische Frau . Ich freue mich , Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben . « Eigentlich war das etwas unschicklich zu einer so vornehmen Frau gesprochen , aber sie hatte es nicht übel genommen . Sie hatte die Hoffnung auf nähere Bekanntschaft ausgesprochen , aber nicht in der ordinären Weise , daß sie gleich zum Kaffee gebeten , sondern sie hatte gesagt , das würde sich ja schon alles finden und der liebe Gott es fügen , daß die zusammen kämen , die zusammen gehörten . Aber beim Abschied - denn sie wollte noch am Krug vorfahren und einen Blick hinein thun , weil sie Freunde ihres Mannes unter den Offizieren zu sehen geglaubt - hatte sie noch von dem rothen Umschlagtuch aus Malaya ein Wort fallen lassen , und daß sie nur wünsche , daß die Mamsell Adelheid es einmal um die Schulter nehme . Das Tuch würde ihr doppelt lieb sein , wenn es dem englischen Kinde gut stände . Der Weg ward so schwer , die Luft so drückend . Die Kinder waren müde . Nur der Kriegsrath schritt stramm voran . Da ging ein Lüftchen durch die Ulmen , aber kein erfrischendes ; es war der Vorbote eines nahenden Sturmes . Vom Templower Berge kamen dicke Gewitterwolken . » Wenn uns das noch träfe ! « sagte die Kriegsräthin . Es fielen die ersten Tropfen , einzelne , aber sehr schwere . » Herr Jesus , Mann , ob ' s nicht besser wäre , wenn wir umkehren ins Dorf ? Die Stadt erreichen wir nicht mehr . « - Der Kriegsrath wies schweigend mit dem Stock zurück : » Ich kehre nicht um . « Hinter ihnen war die dunkle Wetterwand aufgestiegen , von Blitzen schon durchzuckt und am sternenflimmernden Horizont näherte sich die Wand den beiden Wolken . » Wenn das zusammenstößt ! « - » Wenn das uns träfe . « - » Es trifft uns schon ! « Der erste Donner rollte dumpf über die Fläche . Der zweite , dritte war schon näher . Jetzt tröpfelte es nicht mehr , es prasselte . » Unter die Bäume ! Dicht unter die Bäume ! « rief die Mutter . Die Bäume halfen wenig , und bald hatten sie die letzte der breitwipfligen Ulmen erreicht , von wo ab das freie , weite Bachfeld vor ihnen lag , und kein Schutz vor dem Regen , der nicht mehr strömte , es schoß und goß . Sie standen unter der letzten Ulme , die dicht um ihren Stamm noch ein Wetterdach vor dem Wolkenbruch von oben gewährte , aber nicht vor dem Regen , den der Wind heranschlug . Sie standen auf den vom Erdreich losgespülten Wurzeln , um nicht im puren Wasser zu stehen , das schon über den Boden wallte ; Jette hatte sich im Gehen Strümpfe und Schuhe abgestreift , ihr Sonntagszeug nicht zu verderben . Die Frauen schürzten ihre Kleider ; schickte es sich aber auch für sie , die Schuhe auszuziehen ? - » Die Kinder aufgenommen ! « rief der Vater . Jette hatte den Kleinsten auf die Schulter gepackt , Adelheid dafür den von ländlichen Einkäufen schweren Korb aufgenommen . Der Vater wollte die Clara aufheben , das Wasser , das aus seinem dreieckigen Hute , wie aus einer Rinne goß , überschüttete das Kind . Das dritte nahmen sie zwischen sich . Es waren furchtbare Minuten . Das Wasser klatschte , mit blauen Blitzstrahlen gemischt , auf die Erde , vor ihnen nur ein wellender Spiegel vom Winde gepeitscht . Ein Todtenschweigen , nur durch das Gewimmer der Mutter einmal unterbrochen : » Und alles das , um acht Groschen zu sparen . Du rechnest auch nicht , was die verdorbenen Kleider werth sind ! « Die Antwort des Vaters übertäubte ein Aufschrei aus Aller Munde . Der Regen von den höher gelegenen Feldern zur Rechten ergoß sich in einen Graben , der in der Regel ganz trocken und verschüttet war . Das aufschwellende Wasser brach den Damm und wühlte , ein breiter Bach , den Fußsteg auf , dicht vor der Ulme , und ein immer tieferer und rauschender Strom schnitt der Familie den Weg nach der Stadt ab . » Seht nicht in die Blitze , das verdirbt die Augen ! « rief der Vater . » Wenn ' s nur nicht so gräßlich donnerte ! « jammerte die Magd . » Und unsere besten Sonntagskleider sind hin ! « - » Uns erwartet ein trocknes Haus und warme Betten , « sagte der Vater . » Denk ' Dir unsere armen Soldaten im Kriege , die haben kein Haus und keinen Mantel . « - » Aber ihre Monturen muß der König bezahlen , « entgegnete die Kriegsräthin . » Wer bezahlt der Adelheid das neue Kleid ? Und wenns sie ' s Fieber kriegt ! « - » O Gott , wir gehen alle unter , « schluchzte wieder die Magd , als ein stärkster Donnerschlag dicht über der Erde hinzurollen schien . » Wär ' ich doch nie in den Dienst gegangen ! « Da schien das stärkste Gewitter sich entladen zu haben . Die zusammengekeilten Wolken brachen . Es rauschte noch vom Himmel und er schien sein blaues Licht niederzugießen , aber man hörte auch schon wieder die Bäume rauschen und der Donner ward dumpfer . Man hörte auch einen Wagen . Die Pferde stampften im Wasser . Es war die Obristin mit ihren Nichten . Ein heller , lang andauernder Blitz - ein Schrei der Freude und des Schreckens . Hätte die Frau Kriegsräthin doch mögen in die Erde versinken , als der Kutscher hielt . Ach es war weder Zeit , sich zu schämen , noch Toilette zu machen . Die gute Obristin hätte so gern Alle mitgenommen ! Was an Platz war in der Kutsche , sie sollten nur kommandiren ; die Kleinen wollten sie schon auf den Schooß nehmen . » Mann , um Gottes Willen , Du wirst doch jetzt nicht Bedenklichkeiten machen ! « Hinsichts der drei Kinder machte er auch keine , sie waren rasch hineingeschoben . Aber wer sollte den leeren Eckplatz einnehmen ! Die Kriegsräthin hätte sich ja nimmermehr hineingedrängt . Sie war so stark und naß , und in solchem Aufzuge ! » Väterchen Du , « rief Adelheid . Konnte er Mutter und Tochter allein in Nacht und Regen lassen ? » Kommen Sie Adelheidchen , Sie erkälten sich ja ganz die Füßchen , « rief die Obristin . » Wenn für die Kinder gesorgt ist , für die Eltern sorgt der liebe Gott . « Der Kutscher entschied in letzter Instanz über alle Bedenklichkeiten . Er ließ mit einem » Donnerwetter , wenn ' s nicht bald wird ! « die Peitsche knallen , und ich glaube , er hätte sein Wort gehalten . Vierzehntes Kapitel . Wie es im Hause aussieht . Weshalb der Kriegsrath endlich nachgab , war , daß er in der Ferne die Gensd ' armerieoffiziere gallopiren hörte . Aber die Wagenthür klappte noch in der Luft , sie hatten sich noch keinen Abschied zugerufen , als die Räder schon durch den fluthenden Gießbach rollten . Entweder wollte er die Wagenthür zuschlagen , oder war es , um seiner Tochter Anweisungen zu geben , weshalb der Vater nachstürzte . » Der Herr Kriegsrath ertrinken ! « schrie die Jette ; aus der Kutsche wehten sie , er möge zurückbleiben . » An den Tag werden wir lange denken ! « entfuhr es dem Kriegsrath . Seine Frau drückte verstohlen seine Hand , er drückte sie wieder . » Und Mamsell Adelheid werden auch bald warm werden , « tröstete die Jette , » sie sitzen so eng zusammen . « Die Offiziere ritten vorüber , ohne von der Familie Notiz zu nehmen . Das Wasser war schon im Ablaufen und man versuchte die Passage . Sie gelang endlich nach der richtigen strategischen Maßregel , daß ein Fluß leichter an der Quelle als am Ausströmen zu forciren ist . Forcirt musste er aber doch werden ; und man versank nicht allein im Moor und Wasser , sondern auch im trockenen Sande , da ein Platzregen in sandigen Gegenden das Eigene hat , daß er nur die Oberfläche durchnässt . Die Sterne schienen wieder auf einen langen sauren Weg . Der Kriegsrath ging , Arme und Stock auf dem Rücken , vorauf , er schien in die Sterne zu sehen . Auf dem Berge erwartete er Frau und Magd . Sie gingen eine Weile neben einander , ohne zu sprechen ; ihre Gedanken schienen sich zu begegnen : » Wir kennen sie eigentlich nicht . « - » Wenn Du nur gefragt hättest , wo sie wohnt ? « sagte nach einer Pause die Frau . » Aber die Adelheid weiß , wo wir wohnen , und sie ist ja kein Kind mehr . « Eine neue Pause . Sie näherten sich schon dem Thore : » Wenn wir sie nun nicht zu Hause finden ! « Die Kriegsräthin hatte keine Antwort darauf . Es presste sie etwas auf der Brust . Sie strengte sich an , mit ihrem Manne Schritt zu halten . Da musste am Thor noch die Schildwacht ihnen Stillstand gebieten und der Thorschreiber den Korb der Jette untersuchen . Der Kriegsrath musste seine Börse ziehen , um einige Groschen Accise zu zahlen , und die Sohlen brannten ihnen unter den Füßen . Selbst über den schönen Stern in der Mitte des Platzes , der seine Strahlen von großen und kleinen Pflastersteinen ausgießt , eilten sie , ohne einen Blick dahin zu werfen , was der Jette unbegreiflich schien , denn es war doch die größte Merkwürdigkeit von Berlin , die jeder Handwerksbursche gesehen haben musste ; sonst war er nicht in Berlin gewesen . Der schöne Stern ist längst verschwunden . Auf seinem Kernpunkt steht die Friedensgöttin , die man aufgerichtet , als der Friede anfing aufzuhören . Auf einer spitzen Säule flattert sie in die Luft , wie der Vogel , der mit einem Fuß auf der Dachfirste Posto gefasst , und sich umschaut , ob es drüben geheuer ist . Die große Friedrichsstraße war ihnen nie so lang vorgekommen ; und doch eilten sie , daß der Kriegsräthin der Athem verging . Die Jette dachte mit dem schweren Korb : Ich bin doch auch ein Mensch ! - An den Fenstern zählten sie die Lichter . Würden sie ihre Wohnung dunkel finden ? » Wenn ' s um diese Ecke , das Haus da , hell ist , « sagte sich die Mutter , » dann finden wir ' s auch bei uns hell . « Einmal war es dunkel , dann wieder hell . Man muß an ein Orakel nicht zu oft dieselbe Frage stellen . Der Vater dachte an die Schwalben , die Schüsse gehört und Brannstgeruch gerochen , und mit gestreckten Flügeln schießen , ob sie ihr Nest noch finden . Aber er hatte keinen Schuß gehört , und keinen Brannstgeruch empfunden . Die Frau Kriegsräthin beruhigte sich auch : wie schrecklich hatte nicht die Obristin die Angst und das Unglück der armen Eltern gemalt , denen die Seiltänzer ihre Kinder stehlen . Beide sagten sich , sie wären beruhigt , aber Beider Herz klopfte , daß Jeder das des Andern hätte können schlagen hören , als sie um die letzte Ecke zum Gensd ' armenmarkt bogen . - Zwei Herzen und ein Schlag , ein freudiges Ah ! Ihre Fenster waren hell , sehr hell . - Die Hausthür offen . Die Magd des Wirthes kam ihnen entgegen : » Na , Gott sei Dank , daß Sie da sind . Die Mamsell und die Kinder haben sich schon zu Tode geängstigt . « - Auf der halben Treppe sprang ihnen Adelheid entgegen : » Ach , mein lieber Vater , meine liebe Mutter ! Gott sei Dank . « - Der Vater drückte sie an seine Brust , die Mutter riß sie an sich . » Ach , und Ihr seid ganz durchnässt . Schnell , schnell , oben liegt Alles schon bereit . « Die Kleinen waren schon umgezogen in trocknen Kleidern . » Das hat Alles die Adelheid gethan ! « - » Nicht alles , Mütterchen , die Jülli und die Karoline halfen , ach die gute Frau Obristin hat für uns gesorgt wie eine Mutter . « » Hat Euch im Wagen hergebracht ? « » Und war auch so naß und müde von der Reise . Aber Gott bewahre ! Anvertrautes Gut muß man eher zurückliefern , als man an seines denkt , sagte sie . Und Euer Vater ist ein guter Diener seines Königs . Und der König geht vor allem , und heut ist sein Geburtstag . Denkt Euch , als wir ausgestiegen waren , wollte sie die Kutsche zurückschicken , um Euch holen zu lassen . Aber der Kutscher war ein garstiger Mensch . Er fluchte , um solches Rackerzeug sollte er auch wohl noch seine Pferde ruiniren . Die gute Obristin wurde ganz erschrocken , und steckte ihm noch Geld zu , daß er nur ruhig wäre , denn es wäre ja des Königs Geburtstag und darauf sollte er trinken . « » Unverschämtes Volk ! « rief der Kriegsrath , seinen Stock erhebend . » O , das ist noch nicht Alles , « sagte Adelheid , » kommt nur herein und seht ! « Sie traten in das helle Zimmer . Eine Punschbowle dampfte über einem Kohlenbecken . » Das hat alles die Obristin für Euch besorgt , damit Euch die Erkältung nichts schadet . Die Karoline musste selbst zum Kaufmann , die Citronen und den Rum kaufen , und die Gustel unten kochte das Wasser , und dann erst gingen sie , und wollten nicht bleiben , um Euch nicht zu stören . Und so herzliche Grüße haben sie mir aufgetragen , daß ich sie gar nicht bestellen kann . « Mann und Frau saßen noch um Mitternacht am Tisch sich gegenüber , der Kriegsrath in seinem geblümten Schlafrock und Pantoffeln , die Kriegsräthin in ihrer Dormeuse . Die Kinder waren längst im Bett , die Bowle bis auf einen kleinen Rest geleert . Den goß der Kriegsrath , redlich theilend , in die Gläser : » Es wird zu viel , Alter ! « sagte die Frau . » Wir müssen doch auf ihre Gesundheit anstoßen ! « Der Mann setzte die Pfeife fort . » Mann , da sieht man , wie man sich täuschen kann . « » Aber ' s ist gut , wenn man ' s wieder gut machen kann . « Gläser mit Punsch klingen nicht so hell wie mit Wein , aber die Herzen klangen . Der Kriegsrath ging sehr vergnügt , aber nicht so kerzengrad wie am Tage , nach seinem Bett . Die Kriegsräthin leerte noch den Rest ihres Glases im Stillen . Sie trank auf das Glück ihrer Familie und auf die Aussichten , die sich mit einem Male ihr so reich und wunderbar eröffneten . » Uns kommt alles unverhofft ! « sagte sie und wischte eine Thräne der Rührung aus dem Auge . Im Bette hatten die Eheleute sich besprechen wollen , was sie thun müssten , um es der Obristin zu vergelten , Es hatten sich darüber Ansichtsverschiedenheiten gezeigt , die in Güte beigelegt werden sollten , aber man hörte bald nur eine vollkommene Harmonie - im Schnarchen . Die Gefühle der Dankbarkeit waren am andern Morgen nicht erloschen , aber etwas abgekühlt . Gestern wollte der Kriegsrath , sobald er aufgestanden , der Obristin seine Aufwartung machen . Heute fand die Frau , daß eine Visite so früh am Tage bei einer vornehmen Dame sich nicht schicke . Der Mann aber dachte , daß er ja ins Bureau müsse , und Herrendienst geht sogar dem Gottesdienst vor , sagen die Geschäftsmänner . Es war aber noch ein Grund , weshalb es nicht ging ; sie wussten ja nicht , wo die Obristin wohnte . Wohnungsanzeiger gab es noch nicht . Der Kriegsrath wollte sich im Bureau danach erkundigen . Der Kriegsrath kam heute spät nach Hause . Seine Nachforschungen nach der Obristin waren nicht glücklich gewesen . Man glaubte wohl den Namen gehört zu haben , wusste aber nichts Gewisses . Uebrigens hatte das nichts Auffallendes , denn es hielten sich jetzt viele vornehme Familien aus der Fremde in Berlin auf . Da wäre eine russische Fürstin hier , und Damen und Herren vom höchsten Stande aus Frankreich und England , von denen man wohl wisse , daß sie andere Namen führten , als ihnen zukämen , aber die Polizei kümmere sich nicht um ihr Incognito , oder drücke ein Auge zu , weil sie mit dem Hofe und den Ministern ins Geheim verkehrten , damit andre Mächte nicht aufmerksam würden , und plötzlich würde aus Einem oder dem Andern , der in einer Winkelgasse wohnt , der außerordentliche Ambassadeur eines hohen Potentaten . Denn ganz Europa blickte jetzt erwartungsvoll auf Preußen , » und wie es sich jetzt entscheidet , das giebt den Ausschlag . « Die Kriegsräthin hatte mit sichtlicher Ungeduld , ihm auch etwas mitzutheilen , zugehört , aber die Nachricht schien sie einzuschüchtern : » Ach Gott , das wäre ja viel zu vornehm für uns ! « » Die Allervornehmsten sind oft die Allerleutseligsten . « » Ja , und das war sie , « brach es heraus , » ihr Gesicht strahlte von Freude . Männchen , wir sind glücklicher gewesen als Du . Als wir eben dasaßen , die Adelheid und ich , und überlegten , was wir anziehen sollten , wenn wir sie besuchten , klingelte es , und wer trat ein ? - Sie selbst . Wir waren Beide einig , daß wir uns nicht sehen lassen konnten , aber sie sagte , sie müsste uns sehen , und sie hätte die ganze Nacht keine Ruhe gehabt , ob ' s uns auch bekommen wäre ? Ich sage Dir , nein , es war eine Liebenswürdigkeit , als wenn wir alte Freunde wären . « » Da seid Ihr gewiß schon heut zum Kaffee invitirt ! « » Nein , das bedauerte sie eben so sehr , daß sie uns in den ersten Tagen nicht bei sich sehen könnte , denn sie hätte das Haus voll Unruhe gefunden . Nichts wäre gemacht , wie sie ' s bestellt und sie müsste Tapeten runter reißen lassen und Gott weiß was . « » Aber wo wohnt sie ? « » Wir sollen ' s gar nicht wissen , bis sie in Ordnung ist . Aber bei uns wird sie ein Mal ansprechen und mit ' ner Tasse Kaffee verlieb nehmen . Doch ganz unter uns , wie wir sind , ohne Umstände , und wir sollten Niemand dazu bitten . Oder sie wird auch mal vorfahren und anfragen , ob einer von uns mit ihnen spazieren fahren will ? Alter , weißt Du , sie meint , Du säßest zu viel , Du müsstest Dir mehr Bewegung machen . Solche gute Staatsdiener wie Du , müssten sich ihrem Könige erhalten , das wäre ihre Pflicht und Schuldigkeit , und sie hätte so viel zu Deinem Lobe gehört , was sie in der Seele erfreut , und sie wisse auch schon , daß Dein Avancement vor der Thür steht . « » Da hat sie zu viel gehört , « unterbrach der Kriegsrath und ging auf und ab . » Damit ist es vorbei . Ich hörte - « » Hat sie auch gehört , Du solltest Dir aber keine grauen Haare darum wachsen lassen . Ein vornehmer Graf aus Schwaben oder Schweiz , oder was er ist , der möchte den Geheimrath Lupinus aus der Patsche ziehen , und es soll ihm schon gelungen sein , daß er die andern Gefangenen dazu rum gekriegt eine Schrift zu unterschreiben , daß sie schuld wären und nicht er . « » Und im Grunde soll ' s mir auch lieb sein , « sagte der Kriegsrath , » von wegen seines Bruders in der Jägerstraße . Die Brüder Lupinus lieben sich zwar nicht sehr , es wäre aber doch immer hässlich , wenn es hieße , daß ich ihn aus dem Dienst verdrängt . - Und wegen des Lehrers habe ich auch heut mit dem Herrn Geheimrath gesprochen . - Er ist ein junger Mann , aber wir sollten uns daran nicht stoßen , sagte der Geheimrath . Er kennt ihn seit Jahren , und er hilft ihm bei seiner Bibliothek . Ein Mann von admirablen Kenntnissen , und treibe gerade das , was ein junges Mädchen braucht , um in den Gesellschaften nicht den Mund zuzuhalten . Und wir würden schon zufrieden sein . Er wird sich heute Nachmittag uns präsentiren . « Diese Erwartung gab in der stillen Häuslichkeit wieder einige Unruhe . Adelheid hatte die meiste Besorgniß , sie fürchtete das erste Examen , und daß sie der Lehrer doch gar zu dumm finden würde . Die Unruhe nahm mit Verlauf des Tages zu . » Die Adelheid stellt sich wirklich vor , « sagte die Mutter , » als würde er sie mit dem Lineal auf die Finger klopfen . « Endlich klingelte es , kurz vor der Dämmerstunde , der Lehrer trat ein . Den Eindruck , den er auf den Vater machte , war ein guter . Er hatte sich einen excentrischen jungen Mann gedacht , laut und viel sprechend , wie ihm die jungen Männer von der Schule geschildert worden , zu der er gehören sollte . Aber er war von bescheidenem , ernstem , gehaltenem Wesen . An seinem Benehmen sah man , daß er die Welt kannte . Seine Anrede war bestimmt , fest und kurz . Auch der Mutter mißfiel er nicht , aber die Frau Kriegsräthin glaubte sich doch einem solchen bloßen Privatlehrer gegenüber ein Air geben zu müssen , und sie fragte ihn , womit er seine Lektionen anzufangen denke ? » Dazu gehört , daß ich meine künftige Schülerin kenne , « entgegnete er , die Handschuhe leicht in den Hut werfend , um den Stuhl einzunehmen , den der Vater ihm präsentirt . Aber die Schülerin präsentirte sich schon selbst . Adelheid , die bei seinem Eintritt abwärts gestanden , war unbefangen vorgetreten , und ohne die Vorstellung der Mutter abzuwarten , sprach sie , sich leicht neigend : » Ihre Schülerin ist schon hier , ich bin es . « Die Mutter wunderte sich über die plötzliche Dreistigkeit ihrer Tochter ; aber sie bemerkte , daß der Lehrer erschrak . Er wich einen halben Schritt zurück und erröthete . Adelheid meinte später , die Mutter könne sich wohl getäuscht haben , da es schon anfing , dunkel zu werden . Als die Jette das Licht gebracht , setzte man sich , und Herr van Asten schien so unbefangen als beim Eintritt . Man sprach über dies und jenes , Tagesereignisse und Naturerscheinungen , man ward über die Stunden einig , über die Bedingungen war man es schon vorher durch den Geheimrath . Er hatte gar nicht examinirt und doch sagte er beim Abschied zur Mutter : er wisse nun genau , wo er anfangen solle . Adelheid nahm das Licht vom Tisch und leuchtete ihm hinaus . Vom Treppengeländer aus wünschte sie ihm eine gute Nacht . Die Mutter begriff ihre Tochter nicht ; noch eben so bang und plötzlich so unbefangen . Adelheid erklärte , der Herr van Asten komme ihr gar nicht wie ein Lehrer vor , sondern wie ein gewöhnlicher Mensch . Er spräche ja so , daß ein Kind ihn verstehen könnte . - Das aber gerade machte die Mutter bedenklich , ob ihr Mann auch an den rechten gerathen . Sie hatte Achtung gegeben , ob er nicht einmal einen Dichter oder einen berühmten Schriftsteller citiren werde . Aber wenn sie das Gespräch darauf lenkte , brach er ab , oder vielmehr er lenkte es auf Dinge , die Jedem geläufig , und wenn nicht , gab er solche Erklärungen davon , daß sie Jedem verständlich wurden . Ein Lehrer muß doch da sein , um zu belehren , und doch wenigstens zuweilen in schönen Redensarten sprechen , dachte sie , die nicht Jedermann versteht , die aber so schön klingen , daß man neugierig wird und zum Lernen Lust bekommt . Ihr Mann meinte , wenn die Stunden anfingen , werde er wohl gelehrter sprechen . Die Kriegsräthin aber wollte ihre Freundin , die Obristin , bitten , einmal bei dem Unterricht zugegen zu sein , um ihr aufrichtig zu sagen , ob der neue Lehrer was tauge . Nur über eins war sie beruhigt . Bei diesem Manne war für ihre Tochter keine Gefahr , auch wenn sie einmal nicht in der Stunde zugegen wäre . Er war ja viel älter , als sie gedacht und blaß und hatte auch einige Pockennarben , und tanzen konnte er gewiß nicht . Sie meinte , es ginge ihm wohl kümmerlich , obschon sie sich entsann , daß er einen feinen Rock trug ; und , um ihm etwas Gutes zu erzeigen , dachte sie daran , ihm einen Freitisch anzubieten . » Das würde sich nun nicht schicken , « sagte der Kriegsrath , der andern Tages von Erkundigungen heim kam , die er im Interesse seines Kindes eingezogen . Zuerst hatten ihn die gescheitesten Leute versichert , der Herr van Asten wisse mehr , als in tausend Büchern steht , aber er habe den Tik , daß er das Sprüchwort zu schanden machen wolle : der spricht ja wie ein Buch . Das wäre überhaupt jetzt Mode , daß die gelehrten Leute nicht merken lassen wollten , daß sie gelehrt wären . Aber weit mehr verwunderte sich die Kriegsräthin , als sie erfuhr , Herr van Asten habe einen angesehenen Vater , den Prinzipal des alten Handlungshauses in der Spandauer Straße . Weil er jedoch zu der jungen ästhetischen Schule halte , die man Romantiker nennt , habe er sich mit seinem Vater überworfen , und sei aus dessen Hause gezogen , und nehme keine Unterstützung von ihm an , sondern er habe sich vorgesetzt , sich selbst fortzuhelfen . So knapp es ihm gehe , schlage er sich durch , und es könne ihm Niemand etwas nachsagen , als daß er stolz sei und andere nicht in seine Angelegenheiten blicken lasse . Die Kriegsräthin sah den jungen Mann schon ganz anders an , als er zur ersten Stunde kam . Er hatte neben dem feinen Rock auch ein feines Wesen . Nur gefiel es ihr auch heute nicht , daß er die Adelheid so viel sprechen ließ und selbst wenig sprach . Sie nahm sich vor , nachher ihrer Tochter zu rügen , daß sie ihre Unwissenheit so blos gegeben , aber wie war sie verwundert , als van Asten sie beim Fortgehen versicherte , daß Adelheid weit mehr aus sich heraus wisse , als er geglaubt , und daß sie sich selbst am besten unterrichten werde . Der Lehrer brauche nur wenig hinzuzuthun . Und wie unbefangen reichte sie ihm beim Abschied die Hand : » Auf Wiedersehen , Herr van Asten ! « Das schien der Mutter gegen den Respekt und nicht schicklich . Adelheid sah sie aber groß an : » Wenn ich ihm nun gut bin , soll es sich nicht schicken , daß ich ihm die Hand schüttele ? « Die Stunden hatten ihren Fortgang und Adelheid reichte jedes Mal beim Abschied dem Lehrer die Hand , als an einem schönen Tage die Obristin mit ihren Nichten vorfuhr , und die Mutter oder die Adelheid auffordern ließ , mit ihnen einen kleinen Abstecher ins Freie zu machen . Die Kriegsräthin entschied auf der Stelle für Adelheid . Mutter und Tochter wechselten jetzt die Rollen , indem die letzte fragte , ob es sich auch schicke , während die erste sagte , wenn ihre Tochter ein Vergnügen habe , sei es als ob sie selbst es genossen , und was sie denn für Bedenken haben könne ? Als Adelheid am Abend zurückkehrte , waren alle Bedenken verschwunden . In der Aufregung der Freude flossen ihre Lippen über . Liebenswürdiger konnten Nichten und Tante nicht sein . Wie anmuthig war die Unterhaltung geflossen während der Spazierfahrt , wie rasch der Wagen dahin gerollt durch den Thiergarten . Als sie nach Hause fuhren , hatten die Nichten sie so dringend gebeten , einen Augenblick bei ihnen hinaufzuspringen . Die Tante meinte , es sei noch nicht alles eingerichtet . Aber die Nichten sagten :