Jahre genießen . Er kauft sich Staatspapiere und lebt von ihren Zinsen . Um diese Zinsen auf hohem Fuße zu erhalten , werden in Paris alle Heiligthümer des Himmels und der Erde verrathen . Ein plötzlicher Sturm kann den Rentenfuß herabdrücken , man wird soviel lügen , soviel verrathen , soviel preisgeben von Dem , was vielleicht die Menschheit aus ihren Nöthen hätte herausbringen können , bis wieder die alte trügerische Windstille da ist und zur Beglückung aller in Europa lebenden Gesellschaftsdrohnen , die vom todten Ertrage des Capitals leben , die Renten hinaufsteigen . Die französische Börse , die Vertreterin der lungernden , arbeitsmüden oder arbeitsscheuen Genußsucht , regiert die Welt . Die Capitalisten werden , dazu sind sie zu feig , sich einem großen Sturm nicht mit Gewalt widersetzen , aber sie werden Alles aufbieten , allmälig wieder die Zügel in die Hand zu bekommen und der Politik eine solche Wendung zu geben , bis sie wieder auf ihrem Lebensthermometer , auf dem Courszettel das Quecksilber der Rente auf dem Grade sehen , wo es in den Tagen stand , wo ein Bankier auf dem Throne Frankreichs saß . Fügen Sie aber noch Etwas hinzu , sagte Dankmar , ergriffen von der wahren Schilderung dieses gebildeten Mannes , der ihm plötzlich wie verklärt vor Augen stand .... Fügen Sie noch Eins hinzu ! Das Unglück der Welt verschuldet Paris auch dadurch , daß das Princip der Genußsucht dort auch Die ergreift , die eine Zeitlang im Dienste der Ideen gestanden haben . Möchte man , wenn man sieht , wie dort die Dinge jetzt gehen , nicht glauben , alle diese tonangebenden Charaktere wären nur so lange ehrlich und heldenmüthig , bis sie sich eine Stellung erobert haben und an der Quelle der Gewalt sitzen ? Dann schöpfen sie diese Quelle rasch ab . Sie ahnen , daß ein Windstoß morgen sie wieder ins Nichts stürzen kann . Nun soll es im Fluge gehen , daß sie sich bereichern und dem steilen Felsen der Existenz einen californischen Goldklumpen fürs ganze Leben abgewinnen . Nun wird gelogen , betrogen , die alte Gesinnung Lügen gestraft . So kamen die Heerführer der Franzosen einst als Herolde einer neuen Zeit , und diese alten Republikaner waren nur beutesüchtige Genußmenschen , die für ihr Alter Vorräthe sammeln wollten . So haben jetzt in Paris alte Demokraten conservative Bedenklichkeiten , ja sogar junge Wüstlinge , Spieler von Baden-Baden , die mit einem kindischen Napoleoniden in Strasburg und Boulogne eine Emeute versuchten , die durch Theatercoups lächerlich wurde , sprechen jetzt vom Jahrhundert , von der Mäßigung , von der Philosophie des Bestehenden , von der Grenze der Freiheit . Nein ! Die Genußsucht ist ihre wahre Philosophie . Ihre Maitressen sind die wahren Egerien dieser neuen , meist militairischen Numas in rothen Hosen . Der Wanderer in der blauen Blouse nickte beifällig . Dankmar ersah daraus , daß er auch feinere Anspielungen vollkommen verstand . Welche Mittel gibt es aber dagegen ? fragte der Wanderer , dem auch Dankmar zu gefallen schien . Ich sinne täglich darüber nach . Wo soll man die Besserung suchen ? Ich finde sie in der Heiligung der Arbeit , sagte der Fremde nicht ohne Feierlichkeit ; in der alleinigen Bekränzung Dessen , der sich beschäftigt und reelle Werthe erzeugt . Es gibt zu viel Geistesarbeiter und zu wenig wahre Handarbeiter . Die Handarbeit muß in den Vordergrund aller unserer politischen Beziehungen treten , ihr müssen die größten Belohnungen zufallen ; denn nur durch die spartanische Erziehung der Menschen zur Arbeit kann sie von Grund aus gebessert werden . Ich bin kein Socialist . Ich werfe gerade den Communisten vor , daß sie die Arbeit viel zu sehr als eine Last , als einen Fluch hingestellt haben , als einen Jammer , der einmal die Menschen drücke und den man ihnen versüßen , erleichtern müsse . Ist Das nicht wiederum Genußsucht ? Ist Das nicht wiederum dasselbe Übel , an dem wir die ganze Gesellschaft kranken sehen ? Nein ; gerade im Gegensatze zu den Communisten muß die Arbeit als eine Quelle der höchsten Freuden dargestellt werden , und Institutionen müssen auftauchen , die die Arbeit und Alles , was mit ihrer Förderung zusammenhängt , in den Vordergrund aller Politik stellen . Verstehen Sie darunter Belohnungen ? fragte Dankmar gespannt und tief ergriffen von diesen Worten , die aus dem Munde eines Denkers kamen . Belohnungen , Auszeichnungen , Erhöhungen des Lohnes , Sorge für die Angehörigen der Arbeiter , unmittelbare Beziehung der Staatsformen nur zu der Arbeit , Vertretung der Gewerbe im Vorzug gegen alle andern Stände , die , sei es Kaufmanns- , sei es Gelehrtenstand , nur die Diener Dessen sein können , der arbeitet . Wenden Sie mir nicht ein , daß die Bildung immer den Vorsprung vor dem Arbeiter gewinnen wird , auch da , wo jene vielleicht nur eine und dieser zwei Stimmen hat ! Ich will , daß auch der Arbeiter gebildet ist . Ich will ihm nichts entziehen von Dem , was sich der Bevorrechtete zum Schmucke seiner Seele verschaffen kann . Der Staat soll es ihm geben . Der Staat soll aufhören nur die Garantie des Besitzes zu sein , er soll einzig und allein eine Schutzwehr und Garantie der Arbeit werden . Die Franzosen haben mit ihrer Garantie der Arbeit nur einen halben Schritt gethan . Für die Arbeiter zwar Summen aussetzen und die Arbeit erleichtern , dabei aber die ewige Rente behalten und die Staatspfründen und das Militair und die ganze Maschinerie der künstlichen Arbeit , der sogenannten Geistesarbeit , und die Repräsentationsarbeit der Beamten im alten Bestande zu lassen , Das ist es nicht , was helfen kann . Auf einen Arbeiter müssen zwei Müßiggänger aufhören müßig zu sein ; Das nur kann helfen . Machen Sie die Arbeit zur einzigen Garantie der Rente , und Sie werden sehen , wie Alles die Arbeiter umschmeicheln , wie man bedacht sein wird , ihre Arbeit ertragsfähig zu machen und in dieser Eigenschaft zu erhöhen . Sie sehen an solchen Eisenbahnen , die einen niedern Curs ihrer Actien haben , wie das dabei betheiligte Publicum Alles aufbietet , um diesen Curs zu heben und den Werth der Schienenlinie zu erhöhen . Dies ist nur ein ungefähres Beispiel jener organischen Verschmelzung , in der ich mir die Arbeit in das allgemeine Leben des Staats aufgenommen denke . Die Arbeit muß endlich aufhören , eine Ausgesetzte , ein Paria der Gesellschaft zu sein . Dankmar war entzückt . Er theilte diese Meinung theoretisch nicht ganz ; ihn ergriff nur der Contrast der Blouse und dieser geistreichen Worte . Übrigens zweifelte er nicht , daß er hier doch wol einen jener socialistischen Schwärmer vor sich hatte , der sich Handwerker nannte , weil er es wirklich einmal war , längst aber in einen höhern Bildungsstand übertrat und nur die alte Weise beibehielt , um den Arbeitern näher zu stehen und ihnen Vertrauen zu erwecken . Nach einigem Bedenken entgegnete er : Ich habe lange Zeit , um den gewaltsamern radicalen Mitteln zur Besserung der Welt auszuweichen , mich mit diesen linderen beschäftigt , die Sie andeuten . Oft habe ich mir die Menschheit als einen kranken Organismus gedacht , wo der rasche , vielbeschäftigte und ungeduldige Arzt sogleich Eisen und Feuer verordnet , der tieferblickende , wohlwollende und prüfende aber nur eine Umstimmung der Functionen . Wenn ich dann aber zuletzt doch sah , daß zur Umstimmungsmethode Jahrhunderte gehören würden und vor allen Dingen solche Staatsformen , wie wir sie eben von dem Status quo nicht erlangen können , so bin ich immer wieder darauf zurückgekommen , daß wir bei der alten Methode der Französischen Revolution , bei der Zerstörung des Feudalstaats , zur Zeit noch leider müssen stehen bleiben . Wir müssen - es hilft doch nichts - nivelliren . Die Fürsten und der Adel müssen durchaus dem Vorrecht des Bluts entsagen , der Begriff der Gewalt muß in die Souverainetät des Volks gelegt werden und alle bisherigen Stützen der Macht in den Dienst der neuen Staatskräfte treten . So nur finden wir Zeit und Gelegenheit , jene größern , anfangs vielleicht nationalen Naturprocesse durchzumachen , die in der Triebkraft aller solcher Völker liegen , denen die Geschichte die Einwurzelung in ihre Heimatlichkeit und den Glanz und die Größe dieser Heimatlichkeit raubte . Dann können nach den nationalen Wiedergeburten die Völker jene noch größern Beglückungen der Gesellschaft anbahnen , die in einer veränderten Gliederung des Menschengeschlechts überhaupt liegen und in jenen Neuerungen , die Sie andeuten . Ich verkenne keineswegs , wie gefahrvoll die Entwickelung jener Zustände ist , die man die Herrschaft des Volks , Demokratie , nennt . Allein die Reformation hatte auch ihre Bauernkriege , ihre Bildersturmexcesse und ihre Wiedertäufer . Ihr besserer Kern erhielt sich und ließ nicht einmal dasjenige Gute verkennen , das auch in jenen gräuelvollen Misverständnissen noch theilweise lag . So muß es auch mit der Demokratie werden . Oder glauben Sie wirklich , daß unter der Alleinherrschaft der Könige das Alles sich ausführen läßt , was Sie sich unter der Heiligung der Arbeit gedacht haben ? Ich glaube an die Monarchie , als an eine in der menschlichen Natur begründete Staatsform ; aber die edle ideelle Monarchie ist die Monarchie der Zukunft , nicht die der Gegenwart . Mit der Monarchie der Gegenwart , die sich aufs Mittelalter , auf den Adel , das Militair , die Beamten , die gottbegnadete Berufung stützt , ist nichts Derartiges anzufangen , wie Sie sich ' s als heilsam denken . Blicken Sie um sich ! Die deutschen Fürsten haben plötzlich aus der demokratischen Frage eine nationale und nun aus der nationalen gar eine Cabinetsfrage gemacht ! Dynastie wetteifert mit Dynastie , und die alten verjährten Vorurtheile der Völker und Stämme werden aus der Trödelkammer der Geschichte wieder hervorgesucht , abgestäubt , mit dem Firniß neuer Redensarten überputzt und so zum Gefechte geführt . Kommen wir da weiter ? Werden da , wenn diese nutzlosen Kämpfe , die nur Blut , Geld und frivole Gedanken kosten , vorüber sind , nicht wieder dieselben alten Schäden bald zum Vorschein kommen ? Oder ist es nicht gleich besser , zu sagen - Fort mit allen Fürsten und reinen Tisch gemacht ? fiel der Fremde lächelnd ein . Dankmar schwieg , weil ihn der satirische und durchdringende Blick seines Gefährten jetzt plötzlich befremdete . Es spielten ihm um die zusammengekniffenen feinen Mundwinkel soviel pikante Schattirungen , daß er sich plötzlich vornehmen mußte , in seinem Vertrauen nicht zu weit zu gehen . Der Fremde strich seinen schönen Kinnbart , der sich rund um das längliche Oval seines edlen Gesichts zog und ihm viel Ähnlichkeit mit Dankmarn selbst gab , und sagte : Ich muß lachen , wie ich als einfacher Tischler dazu komme , Ihnen , einem studirten Herrn , so ernst entgegnen zu wollen , und doch bin ich nicht Ihrer Meinung .... Sie wirklich ein Tischler ? sagte Dankmar , fast verletzt darüber , daß der Fremde noch jetzt sein Incognito in dieser Weise aufrechterhalten wollte . Ja ! Ja ! Ich bin ein Tischler , sagte der Fremde . Warum denn nicht ? Ich könnte Ihnen manchen eleganten Stuhl zeigen , den ich zusammenleimte , und noch viel mehr hab ' ich mich geübt , Meubles zu zeichnen , hübsche Formen zu erfinden . Doch gesteh ' ich Ihnen sehr gern , daß ich auch , wenn ich will , auf meinen Arbeiten selbst sitzen darf und sie nicht zu verkaufen brauche . Ich bin ein Tischler , aber ich trage diese Blouse nur , weil es , wie Sie sehen ... stäubt . Fürchten Sie da aber nicht , daß man Ihnen einen Paß abfodert und Sie ein Incognito , das Sie zu bezwecken scheinen , lüften müssen ? fragte Dankmar . In diesen Zeiten fodert man keine Pässe ; antwortete der Fremde ; ich gehe auch nur bis Hohenberg . Bis Hohenberg ? sagte Dankmar . Hohenberg ist auch mein Reiseziel . Sie werden früher dort ankommen als ich . Von hier werd ' ich noch zehn Stunden zu gehen haben und Sie wol nur noch sechs zu fahren . Sie sollten mit meiner schlechten Kalesche vorlieb nehmen , bemerkte Dankmar . Er that Dies nicht ohne Zögern , da eben Hackert hinter ihnen ungeduldig und lärmend mit der Peitsche klatschte . Der Fremde sah sich den Wagen an und blieb mit den Worten : Der Staub ist allerdings sehr lästig ! stehen . Hackert rührte sich nicht vom Platze , öffnete auch den Schlag nicht , sondern schien ruhig abzuwarten , ob Dankmar ihn ganz als Kutscher behandeln und jetzt sogar zwingen würde , einen wandernden Handwerksburschen zu fahren ..... Beide Fälle , ob nun die blaue Blouse zu Dankmar oder zu ihm gesetzt wurde , waren seinem empfindlichen Ehrgefühl peinlich . Er schnitt die grimmigsten Gesichter , sprach von Ermüdung des Gauls , schlechtem Wege , engem Platz . Der Fremde , erstaunt über die Unhöflichkeit eines Menschen , den er nur nach dem Bock , auf dem er saß , beurtheilte , schien einen Augenblick zu vergessen , daß er diesem doch auch nur ein wandernder Tischler sein konnte , und über die von Hackert ' s Mienenspiel ihm gegebene Andeutung , sich , wenn er aufstieg , vorn zu ihm zu setzen , schoß ihm fast das Blut ins Gesicht ; doch schien er sich sogleich zu fassen , als Dankmar , alle weitern Erörterungen mit dem widerwärtigen , ewig nergelnden Hackert abschneidend , diesem den Zügel und die Peitsche aus den Händen riß , sich selbst auf den Bock setzte , Hackerten und den Tischler auf den Wagen verwies und mit den Worten : Ich fahre gern einmal selbst ! vorn Platz nahm und selbst das Rößlein des Pelikanwirthes nun zu rascherm lustigen Trabe anfeuerte . Neuntes Capitel Die Visitenkarte des Tischlers Der Wald war zurückgelegt . Zu dem Städtchen Dassel hinab ging es im raschen Trabe . Einige Regentropfen fielen schon , ohne jedoch sehr zu belästigen . Dankmar , wie er so dahin jagte über die staubige Straße , schüttelte über sich selbst den Kopf . Er suchte einen Schatz , der ihn , wie er vielleicht scherzte , zum Millionair machen sollte , und um ihn zu finden , fuhrwerkte er eben eigenhändig einen Handwerksburschen und einen elenden abgedankten Schreiber ! Es ging ihm wirklich unwirsch und ärgerlich im Kopfe hin und her . Auch der Umstand , daß er das Gespräch mit dem geheimnißvollen und ihm jetzt wieder zweideutig gewordenen Fremden gerade da abgebrochen hatte , als er - ohne das vernünftige granum salis hinzugefügt zu haben - sämmtliche deutsche Fürsten wie alten Sauerteig ausfegen wollte , drückte ihn .... Es ist so lästig , in extremen Behauptungen ohne Vermittelung dazustehen . Wir Alle leiden ja überhaupt mehr darunter , daß man uns nicht ausreden läßt , als darunter , daß man uns absichtlich misversteht . Man glaubt uns so oft zu verstehen und Das eben erscheint uns so gefährlich ! Man unterbrach uns nur oder das Schicksal unterbricht uns in Augenblicken , die uns gerade die wichtigsten waren . Der Tod , welche schreckliche Unterbrechung für einen Menschen , der sich noch aussprechen , seine Gefühle rechtfertigen , seine Gedanken erläutern möchte ! Und doch ist der Tod noch der geduldigste unserer Zuhörer . Selten , daß er uns mitten in einer Periode einer Auseinandersetzung für unser ganzes Leben überrascht . Die ungeduldigsten und quälendsten Störer sind aber gerade die , die uns immer vortrefflich verstanden haben wollen und gleich in die Rede fallen . Sie verlassen uns wie in schönster Übereinstimmung und wir bleiben mit dem Gefühle stehen : Der geht doch mit einer Voraussetzung von uns fort , die nicht zutrifft ! Es sind doch nicht meine Gedanken , die er da als die meinen mit fortnimmt ! Himmel , er wird sie verbreiten , er wird mich nach ihnen beurtheilt machen , er hat mich nicht ausreden lassen und macht mich unglücklich . So lagen auch offene Gewaltthätigkeiten Dankmar ' s politischen Meinungen ganz fern . Er wollte immer nur das Nothwendige und Vernunftgemäße und hier fühlte er nun , daß er doch weit mehr noch hätte sagen müssen , um ganz verstanden zu sein . Diesem drückenden Gefühle half etwas die Ankunft in Dassel ab . Es zerstreute doch , durch eine kleine gewerbfleißige Stadt zu fahren , und wenn auch nur im Vorüberfluge hier und da von einem freundlichen Gesichte begrüßt zu werden . Hinter Dassel belustigte Dankmarn , der sich eine Cigarre angezündet hatte und um zu gleicher Zeit fahren und rauchen zu können , schweigen mußte , ein Gespräch , das Hackert mit dem Fremden anfing . Hackert hielt diesen für Das , was er gleich anfangs vermuthet hatte , einen Spion , redete ihn aber für Das , für was er sich ausgab , an und sagte ganz dreist : Tischlergesell bist du ? Tischlergesell - wiederholte nach einigem Zögern der Fremde . Wo bist du her ? Hier aus dem Hohenbergischen . Wo standest du zuletzt in Condition ? In Paris . Donnerwetter , Das ist weit . Von da kommst du direct und verlegst dich nicht aufs Fechten ? Hast wol in Paris geschafft ? Ich seh ' es . Deine Mütze ist bei Noack in der Fischerstraße ganz neu gekauft und deine Blouse , glaub ' ich , hab ' ich schon ' mal auf dem Maskenball im Opernhause gesehen . Diese Wendung frappirte den Fremden . Dankmar lachte in sich hinein : Siehst du ! dachte er ; du kommst da an den Rechten . Tischler ist kein übles Handwerk , fuhr Hackert behaglich fort . Aber immer Wiegen zu machen , wäre mir zu läppisch , und immer Särge , zu schwermüthig . Wobei hast du denn am meisten den Hobel angesetzt ? Ich bin ein Kunsttischler , mehr zum Luxus .... Aha ! Luxus ... Mahagony ? Nicht wahr ? Drum gefiel dir auch wol die neue Dreschmaschine beim Heidekrüger ? Der Fremde ließ sich durch diese verschmitzte Frage nicht irremachen , sondern setzte umständlich das Getriebe einer solchen Maschine auseinander , trotzdem , daß sie nicht von Mahagony war . Er wollte eben zeigen , daß er die Praxis verstand . Dankmar , der aufmerksam zuhörte , mußte fortgesetzt lachen ; denn Hackert verstummte plötzlich über die Schrauben , Ventile , Stempel , von denen der Fremde sprach . Sein Plan , den verkleideten Regierungsassessor Müller aufs Glatteis zu führen , war gescheitert . Das darauf eintretende Stillschweigen währte längere Zeit . Dankmar rauchte . Hackert schickte sich zum Schlafen an . Der Fremde sah auf die Gegend und notirte sich zuweilen Etwas , was ihm plötzlich einzufallen schien , in einem kleinen zierlichen Buche . Das dauerte so fort , bis er hinter einem Dorfe , das sie wieder zurückgelegt hatten , Namens Helldorf , zu Dankmar sagte : Da sind wir jetzt in einem Lande , wo ja mit einem Fürsten , wie wir vorhin sagten , reiner Tisch gemacht worden ist ! Es ist wahr , es lebt sich darin nach wie vor . Die Menschen gehen und wandeln , die Bäume tragen schwer an den Ästen , die Ernte ist reif , das Gras schon zum zweiten male gemäht . Es hat sich nichts verändert . Wo wären wir denn da ? wandte sich Dankmar um . In dem Fürstenthume Hohenberg , sagte der Fremde ; hier beginnt die kleine Herrschaft , die so verschuldet ist , daß selbst eine Lotterieanleihe sie nicht mehr retten konnte . Heben Sie den Glanz und das Glück der kleinen Herrscher auf und sie gehen von selbst . Und die großen ? fragte Dankmar , der nicht abgeneigt schien , das begonnene Gespräch fortzusetzen . Halten Sie es für möglich , sagte der Fremde , unbekümmert um den in politischen Dingen schweigsamen und nun schlafenden Hackert ; halten Sie für möglich , daß jemals Staaten wie Preußen , Österreich , Baiern ganz aufhören können ? Diese Sondergeschichte ist nicht auszulöschen und in den Fürsten erhalten sich die Erinnerungen der Völker und werden durch sie getragen . Dankmar antwortete ironisch : Ich bewundere , wie Sie glauben , die Hebel der Gesellschaft , die Organe der Menschheit in Bewegung setzen , neue Sitten , neue Gesellschaftsformen bilden zu können und doch an dem Bestande von Dynastieen wie an etwas Ewigem haften ! Wie gern auch söhnt ' ich mich mit diesem Bestande aus , wenn ich darin nur die Fortbildung unserer Freiheit gesichert sähe ! Wissen Sie , was mir durch diese Monarchieen allein gesichert scheint ? Ein Übel , das mir noch gefährlicher dünkt als die von Ihnen gerügte allgemeine Genußsucht . Es ist Dies die allgemeine persönliche Eitelkeit , begründet auf eine durchgreifende Erniedrigung des Menschengeschlechts . Wir hörten ja gestern vom Reubunde . Wie erscheint der Ihnen ? Ein wenig lächerlich , war die Antwort . Mir scheint er gefährlich , sagte Dankmar . Gefährlich deshalb , weil er mit einigen guten Eigenschaften des civilisirten Menschen ein unverantwortliches Spiel treibt . Liebe und Hingebung sind himmlische Thätigkeiten der menschlichen Seele , aber sie haben ihre Grenzen . Sagen Sie selbst , ob nicht in jener Monarchie , zu deren Erhaltung und Unterstützung der Reubund gestiftet wurde , das eigentliche Hinderniß freier Entwickelung die tief in den Institutionen und den Erinnerungen des Volks wurzelnde Eitelkeit das Hinderniß der wahren Freiheit ist ? In diesem Staate entwürdigt sich der Mensch als Gattungsbegriff , um sich als bürgerliche Person hochzustellen . Das Individuum will bedeutend sein auf Kosten des Geschlechts . Oder woher denn sonst dieses rastlose und die Menschenwürde beschämende Drängen nach Auszeichnung ? Eine Unzahl von Ehrenzeichen und Titeln wird in Massen verschleudert , die allgemeine Militairpflicht untergräbt das kräftige Selbstgefühl der Heimat und ordnet Jeden einer abstracten Ehre , der Soldatenehre , unter . Wo Sie im Bereich dieser Monarchie hinkommen , überall bilden sich die Menschen ein , in unmittelbarer Beziehung zum Fürsten zu stehen . Jeder glaubt sich von ihm persönlich gekannt ; Jeder drängt sich vor , um irgendwie zur Notiz der hohen Behörde genommen zu werden . Wie eilt nicht Alles zu Unterschriften , zu namentlicher Nennung bei jeder Gelegenheit ! Streiten Sie mit diesen Menschen , so hat Jeder eine Meinung für sich , Jeder weiß es besser als der Andere , und wenn man sich unterordnet , so ist es nur einem hochgestellten und betitelten Manne . Einer Berühmtheit die Schleppe zu tragen , die Kundschaft einer Excellenz zu genießen , von einer erlauchten Person angeredet zu werden , Das ist dort wie in Rußland der Bindekitt des öffentlichen Geistes und die Bedingung seiner Formen . Wenn Montesquieu die Ehre als das Wesen der Monarchie bezeichnete und er es aufrichtig meinte und nicht etwa damit seinem Souverain ein leeres Compliment machen wollte , so kommt dieses Merkmal , das nur aus Mangel eines tiefern Begriffes erfunden zu sein scheint , in jenem Staate zu seiner kleinlichsten , aber auch gefährlichsten Anwendung . Der Fremde schwieg eine Weile . Dann nahm er , als er Hackert wirklich schlafend fand , das Wort und sagte : Auch ich hasse die gedankenlose Hingabe an den flüchtigen Glanz des Bestehenden , nur um an diesem Glanze theilzuhaben ; besonders ist mir , trotz meiner conservativen Gesinnung die Coquetterie mit dem Heere unerfreulich . Es ist Dies ein Stolz , der denn doch auf nur höchst unglückliche , den großen Menschheitszwecken widerstrebende Anomalieen sich begründet ! Nie wird ein Staat eine Zukunft haben , der sich nur auf die Institutionen der Gewalt stützt und darauf hinarbeitet , im Volke das Staatsleben nur wie einen Formel- und Götzendienst zu begründen . Auch das Beamtenwesen ist eine solche morsche Stütze des dauernden Bestandes . Eine einzige verlorene Schlacht stürzt alle diese blankgeputzten und zierlichen Götzen und was nicht unendlich Wichtigeres mit ihnen ! Aber dennoch sind Sie ungerecht , wenn Sie glauben , daß die Dynastie von dieser Hingebung allein zehren will . Ich hoffe doch , sie strebt nach der Befestigung durch jene tiefer wirkenden Hebel der Industrie , des Handels , der Ackerbauerleichterungen . Freilich auf gewöhnlichem Beamtenwege wird hier nichts bewirkt . Solange nicht die Arbeit selbst an den Thron für sich redend tritt und die Bureaukratie aufhört , der Dolmetscher der Interessen der Arbeit zu sein , kann es nicht besser werden . Es fehlen uns Staatsmänner , die ihre Schule im Volke gemacht haben . Dankmar fühlte sich durch die Ideen seines Reisegefährten oft so angezogen , daß er sie für die seinen erkannte , oft aber auch wieder ganz von ihnen abgestoßen . Er schwieg eine Weile und überlegte das Gesagte . Als ihn darauf der Fremde ersuchte , anzugeben , wie er sich ' s denn möglich dächte , jenen Geist der eitlen ehrsüchtigen Selbsterniedrigung in der Monarchie zu dämpfen , antwortete er : Dadurch , daß man diesen falschen und unwürdigen Royalismus auf seine wahren Quellen zurückführt , die Quellen der Eitelkeit und der speculirenden Selbsterhaltung . Denn leider auch deshalb wird jetzt ein so übertriebenes Spiel mit monarchischen Formen getrieben , weil man einen Damm sucht gegen die drohenden Fluten der allgemeinen Zerstörung , gleichviel aus welchem Material gebaut . Ehrlich sind unter den Reubündlern nur Die , welche sich einbilden , vom Glanz der Monarchie falle etwas auf sie selbst , und unehrlich alle Die , welche zum Royalismus aus Angst für ihr Eigenthum flüchten oder die sich , wie dieser Schlurck , vor dem Auffallenden fürchten und der Mode folgen , weil sie Mode ist . Es muß Etwas erfunden werden , mein ' ich , was das Individuum vernichtet , ohne die Person zu zerstören . Das ist ein tiefes , aber dunkles Wort ! unterbrach ihn der Fremde . Das Individuum vernichten , ohne die Person zu zerstören ? Wir müssen , erläuterte Dankmar , eine andere Gleichheit predigen als z.B. die der Volksversammlungen . Gleichheit mit dem Pöbel ist die Sehnsucht der Denkenden nimmermehr . Gleichheit der Ansprüche auf die große Ehre , die in einem Allgemeinen , uns Alle Bindenden liegt , Ehre , zurückstrahlend auf Alle von einem Begriff aus , der Ehre verdient , da ist Etwas zu suchen , zu erfinden , was uns rettet vor dem Rückfall in die Barbarei , daß wir aus Furcht vor Revolutionen der Anbetung des Bestehenden verfallen . Als Schlurck ' s Name genannt wurde , erwachte Hackert . Die beiden Andern schwiegen , und die Nothwendigkeit , dem Pferde einige Ruhe zu gönnen , trennte vor einem am Wege gelegenen Wirthshause auf einige Zeit die drei Gefährten . Als der Fremde , um nach einem Mittagsimbiß zu fragen , ins Haus getreten war , winkte Hackert Dankmarn und zeigte ihm ein Taschentuch , das Jener hatte liegen lassen . Mit geheimnißvoller Miene bedeutete er ihn näher zu treten und hielt ihm verstohlen den Zipfel des Tuches hin . Es war sehr fein eine Krone mit dem Zeichen 100 und dem Buchstaben E darin gestickt . Das heißt , sagte Hackert , der Mensch , von dem er dieses Taschentuch gestohlen , hatte deren hundert , war mindestens kein Tischler und fängt in seinem Vornamen mit einem E an . Oder es gehört ihm wol selbst , sagte Dankmar . Das ist auch möglich , antwortete Hackert trocken und rief einen Knecht , für das Pferd zu sorgen . Dann knöpfte er sich den Rock zu , streifte Beinkleider und Rockärmel glatt und benahm sich affectirt genug wie ein Gentleman . Schneiden Sie kein so schlimmes Gesicht ! sagte er zu Dankmar ; jetzt , wo wir Hohenberg näher kommen , wird ' s mit meinem Fahren freilich nicht mehr viel werden . Wenn Sie indessen in Ihrem eleganten Costüm fahren , weiß man , daß Sie es nicht nöthig haben und es nur aus Vergnügen thun . Wenn ich es aber thue , so sagt jede Canaille , Das wäre mein Beruf . Wenn wir in Hohenberg sind und Sie leichten Herzens , aber schwerer im Wagen mit Ihrem Schrein zurückfahren , so sag ' ich Ihnen , warum das Alles so sein muß , wenn Sie nämlich Lust haben , es zu hören . Es ist eine verkehrte Welt , meinte Dankmar kopfschüttelnd nachgiebig und steckte das Tuch zu sich . Wir wollen sehen , ob wir da auch Etwas zu essen finden . In der Wirthsstube trafen sie einen Jäger . Ein stattlicher Fünfziger , wie es schien . Seine Jagdtasche hing ihm mit langen Troddeln um die Schultern . Sein grauer Rock mit grünen Aufschlägen war von leichtem Sommerzeug und wohlerhalten . Das gebräunte mit fuchsrothem Barte umschattete Antlitz trug einen unverkennbaren Ausdruck offenster Ehrlichkeit und treuherzigsten Vertrauens . Seine großen wasserblauen Augen grüßten die Ankömmlinge ebenso freundlich , wie er schon unterhaltend und unterhalten im Verkehr mit dem schöngewachsenen jungen Mann in der Blouse war . Eine Menge kleiner Kinder tobten um ihn her , spielten mit seinem Hunde , zupften an den Troddeln und dem Netzwerk seiner Jagdtasche und während er mit der Blouse , ja schon mit Dankmar und Hackert sprach , ging er doch dabei zu gleicher Zeit freundlich auf die Scherze der Kinder ein , die er hinterwärts mit den offen gelassenen Fingern haschte und neckte . Sie sind hier im Gelben Hirsch ! erklärte er den Ankömmlingen . Ihr Mittagsmahl müssen Sie nehmen , wie Sie ' s finden . He da , Lenchen ! Jungfer Drossel ! Ein junges hübsches Mädchen , die die Wirthstochter schien , brachte schon für den jungen Mann in der blauen Blouse einige Teller von ihrem eigenen Mittagsmahle . Nun mußte aber auch noch genug für die beiden Andern da sein . Ja , sagte der Jäger , wenn der Drossel nicht immer im Busch säße und