Anhänglichkeit ganz in seinem Interesse aus . Wenn die Herzogin nämlich ihren Liebling einlud , so weigerte er sich gewöhnlich , ihrem Rufe zu folgen , unter dem Vorgeben : seine Vermögensverhältnisse zwängen ihn , den Luxus , den er als Er ( ! ) in Berlin machen müsse , zu vermeiden und auf dem Lande zu bleiben . Dies Argument konnte dann stets nur auf eine Weise aus dem Wege geräumt werden , nämlich durch bare Zahlung . Regelmäßig schickte ihm die Herzogin für eine vierwöchentliche Reise nach Berlin 20000 Taler ; allermindestens 10000 Taler . Die Herzogin war reich genug , um allen ihren wie allen Launen ihres Ritters genügen zu können . Denn , wie wir früher schon erzählten , hatte sie nicht nur , mit Ausnahme von 80000 Francs Revenue , welche an die Gemahlin des Grafen C. , die vermeintliche Tochter des alten T. , gingen , das ganze Vermögen jenes berüchtigten französischen Diplomaten geerbt , sondern auch noch seit 1839 den Besitz der sämtlichen Güter ihrer ältern Schwester angetreten . Diese ihre älteste Schwester , welche wir schon früher als die Erfinderin der berühmten schwarzen Haartinktur erwähnten , war nämlich plötzlich gestorben . Ob sie , wie die alte Mars , eben an der Tinktur starb : haben wir nie ergründen können . Die Mars , die viele Jahre lang an unsäglichen Kopfschmerzen litt , soll nämlich dadurch zugrunde gegangen sein , daß die Tinktur allmählich durch die Poren in das Innere des Körpers drang und diesen langsam vergiftete . Genug , die alte Herzogin starb , und ihr Tod erregte große Sensation , da man die Herzogin allgemein für unsterblich hielt . Es ist nicht zu verwundern , wenn die englische Aristokratie bei ihrer gesunden , vernünftigen Lebensweise in den meisten Fällen ein wahrhaft alttestamentliches Alter erreicht ; wenn aber der lasterhaftere französische oder deutsche Adel sich bis in die achtzig oder neunzig versteigt , so heißt dies wirklich , dem lieben Gotte einen Streich spielen . Die Herzogin hatte sich , wie gesagt , den Tod länger vom Halse zu halten gewußt , als dies die kühnsten Sterndeuter für möglich hielten . Ein fünfzigjähriges Genießen , im weitesten Sinne des Wortes , hatte vergeblich an ihrem schönen Körper gerüttelt . Vom Jahre 1800 bis 1819 zu drei verschiedenen Malen vermählt , wiegte sie nicht nur nebenbei die glänzendsten Persönlichkeiten der damaligen Zeit - darunter auch den damals jugendlich reizenden , jetzt gefallenen Fürsten M. - auf ihrem Schoße : nein , sie wußte auch noch bis in die dreißiger Jahre hinein eine solche Virtuosität zu behaupten , daß ihr endlicher Tod in der Tat durchaus unvermutet kam und als sonderbares Faktum in der galanten Welt betrauert wurde . Einmal mit ihren irdischen Resten unter der Erde , verfielen ihre irdischen Besitzungen über der Erde den hinterlassenen tiefbetrübten Schwestern , und zwar in der Weise , daß die zweite und die dritte Schwester auf jene Besitzungen als auf das Majorat des schon längst verstorbenen Vaters , des Herzogs von K. , noch vor der jüngsten Tochter , der von uns so genau geschilderten Herzogin von S. , Anspruch machen konnten . Die zweite Schwester , die Herzogin von H. , und die dritte , die Herzogin von A. , lebten aber in zu wenig vorteilhaften Umständen , als daß sie den Besitz des verschuldeten Majorats hätten antreten können , und verkauften ihre Ansprüche daher an die jüngste Schwester , an unsere Herzogin von S. , eine Abtretung , die gehörigen Ortes bestätigt wurde und durch ihre eigentümlich mittelalterliche Form seinerzeit viel Furore in der juristischen Welt machte . Die Freundin unseres Ritters , nachdem sie so alle Güter der Familie ihren sonstigen Besitzungen hinzugefügt hatte , richtete sich dann in S. eine Art von Hofstaat ein , die Crême der Aristokratie um sich versammelnd und abwechselnd da und in Berlin lebend , im besten Einverständnis mit einem Herrn und einer Dame , deren hohe Stellung es uns verbietet , mehr Worte über dieses Verhältnis fallen zu lassen . Die Erlebnisse unsres Ritters gewinnen inzwischen auch ein so allgemeines Interesse , daß wir ihm wirklich unsre ausschließliche Aufmerksamkeit schuldig sind . Nach der bei der Herzogin gemachten Eroberung , nach der italienischen Reise und nach der Wiedererlangung einer Stellung in der Berliner Gesellschaft beginnt nämlich , wie wir bereits bemerkten , die politische Laufbahn unsres Helden . Schnapphahnski : Politiker ! Sollte es möglich sein ! Aber unser Held ist zu allem fähig . Deswegen auch zur Politik . Die ewig denkwürdige Epoche der Provinzial-Landtage mit ihren großen Erfolgen , der Emanzipation der Nachtigallen usw. , ging zu Ende . Das Patent des 3. Februar 1847 erschien , und am 11. April eröffnete Se . Majestät der König von Preußen mit einer Rede » ohnegleichen « , » ohne Beispiel « den Vereinigten Landtag . Es verstand sich von selbst , daß der politische Ehrgeiz aller gesellschaftlichen Klassen durch dieses Ereignis in die lebendigste Bewegung geriet , und es konnte nicht ausbleiben , daß auch unser Ritter , von diesem Fieber angesteckt , das Bedürfnis fühlte , dem Vaterlande einmal als großer Mann gegenüberzutreten . Die Herzogin hatte unsern Helden oft darauf aufmerksam gemacht , daß er sich à tout prix in die Politik hineinstürzen müsse . Die Krautjunkerei pure et simple , die der Ritter bisher trieb , konnte natürlich der ausgezeichneten Dame wenig gefallen . Sie war geistreich genug , um zu begreifen , daß die kompakte , hausbackene Liebe erst dann ihren rechten Reiz erhält , wenn sie mit den » strong emotions « des öffentlichen Lebens Hand in Hand geht . Einen Krautjunker zu umarmen , einen harmlosen schönen Wasserpolacken , dessen Abenteuer , so wunderlich sie auch sein mochten , doch keineswegs den Horizont des schon oft Dagewesenen passierten : konnte ihr unmöglich auf die Dauer genügen . Die Herzogin war zu sehr an den Umgang mit weltgeschichtlichen Persönlichkeiten gewöhnt , als daß sie nicht in unserm Ritter außer dem bel homme auch noch den Politiker , den Staatsmann , den Redner zu umfangen gewünscht hätte . Ihre in diesem Sinne gemachten Andeutungen waren denn auch unserm Helden nicht entgangen , und wenn ihn schon seine eigne Eitelkeit zu einer politischen Karriere trieb , so sah er schließlich nur einen doppelten Nutzen , wenn er daran dachte , daß ihn auch der geringste Erfolg immer vorteilhafter mit der Herzogin verbinden würde . Du willst als Staatsmann auftreten - sagte Schnapphahnski daher eines Morgens zu sich selbst , indem er den Kopf auf die Hand stützte - , eh bien ! - und er besann sich auf alles , was er je von berühmten Rednern gehört , gesehen und gelesen hatte . Die Alten lagen unserm Helden zu fern . Ein Römer und Schnapphahnski - - der Ritter fühlte , daß er nie ein Römer werden würde . Ohne weiteres wandte er sich daher der neuen Zeit zu , und gewiß würde er sich der Heroen der Konstituante und des Konvents erinnert haben , wenn er nicht bei dem Gedanken an diese » blutdürstigen Ungeheuer « ein solches Herzklopfen bekommen hätte , daß er sich schleunigst der allerneuesten Zeit zuwandte - - da war unser Ritter zu Hause ! Denn bis in die kleinsten Details hinein war ihm das parlamentarische Leben der Franzosen und Briten gegenwärtig . Sollst du ein Montalembert werden , hinreißend durch Beredsamkeit , imponierend durch altadlige Kühnheit und unterjochend durch jene mystisch-katholischen Wendungen , die wie ein riesiger Trauerflor seiner Rede nachwallen ? Oder ein Larochejaquelin , lebendig , auf seinem Thema reitend wie auf geflügeltem Rosse , frech und herausfordernd , sarkastisch-witzig und erobernd durch die ritterliche Keckheit eines ungebändigten Edelmanns ? Oder sollst du Lamartine nachahmen , bald vornehm durch die Nase sprechen und bald in blumenreichen Redensarten dich ergießen , von der Vorsehung säuseln und durch den Namen Gottes Effekt zu machen suchen ; ja , historische und literarische Reminiszenzen auskramen und deine Zuhörer mit dir fortziehen in das rosenduftende Paradies der Rhetorik , wo da wenige praktische Wege und Stege sind , aber desto mehr weiche Mooshügel , Palmen , Trauerweiden und ähnliche wohlfeile dichterische Gegenstände ? Oder sollst du dir den Herrn Guizot zum Muster nehmen , den kalten , tugendhaften Mann , oder gar den kleinen betörenden Thiers , der sich wie eine Schlange auf die Tribüne hinaufwindet und so allerliebst von allem spricht , was er weiß und was er nicht weiß - - ? Unser Ritter wurde immer tiefsinniger . Aber auch die Geister des britischen Parlaments stiegen vor unserem Helden herauf . Sollst du dich naiv ausdrücken wie der alte Wellington ? Sollst du den Rufer im Streit , den Lord Stanley spielen ? Sollst du dich Lord Campbell nähern und behaupten , du seist ein großer Rechtsgelehrter ? Oder sollst du dir gar Henry , den unvergleichlichen Lord Brougham , zum Vorbild nehmen ? Das wäre eine Rolle ! Ja , und im Unterhaus , wen nimmst du dir da zum Muster ? Sollst du , ein Sir Robert Peel , in weißer Weste und im blauen Frack vor deine Zuhörer treten , jetzt die Rechte feierlich erhebend und jetzt rasselnd die grüne Papierdose schlagend ? Oder sollst du wüten wie Roebuck , der ewige Krakeeler , oder die Interessen der Torys vertreten wie ein Lord George oder ein Ferrand ? O göttlicher Lord George , der du aus dem Jockey-Klub kamst und im Parlamente dich erhobst als der Erste deiner Partei , oh , wenn ich dir nicht gleichen kann , so laß mich wenigstens deinem Freunde Disraeli ähnlich sehn , wenn er im Wirbelwinde der Beredsamkeit seine Feinde zu Boden wirft , ihren alten Ruhm entwurzelnd und tabula rasa machend mit ihrem ganzen Einfluß . Was sind die Lorbeeren der Literatur , was die Lorbeeren des Schlachtfeldes gegen die Lorbeeren der Tribüne ! Staunen soll man , wenn ich mich einst erhebe ! Schnapphahnski , o Schnapphahnski ! was steht dir bevor ! In wenigen Worten wirst du z.B. bei irgendeiner Debatte auseinandersetzen , wie es eigentlich gar nicht vonnöten sei , so vielen herrlichen Reden noch die deine folgen zu lassen , und wie nur die Wichtigkeit des vorliegenden Gegenstandes dich zu einigen einfachen Bemerkungen veranlassen könne - einfache Bemerkungen , die sich durch zwei oder drei Stunden hinwinden . Kurz und bündig ziehst du dann die Grenzen deiner etwaigen Rede - um natürlich nie innerhalb dieser Grenzen zu bleiben , sondern abzuschweifen und dich über Spanien und Portugal zu ergehen , über die Heilige Allianz zu sprechen und über die Not der arbeitenden Klasse , über deine Zuneigung zu Don Carlos und über englische Wettrennen und über alles , nur nicht über das , was ursprünglich zum Ziele gesteckt wurde . Bist du mit deiner Exposition fertig , so gibst du dich an die Argumentation und argumentierst mit Händen und Füßen , bis es deinen Zuhörern gelb und grün vor den Augen wird , ja , bis sie zu gähnen anfangen aus reinem Erstaunen vor deiner entsetzlichen Gelehrsamkeit . Dann aber brichst du plötzlich ab und rüstest dich zu der ersten Attacke auf deine Gegner , ein Übergang , der nie seine Wirkung verfehlt , der die Einschlafenden emporrüttelt und sie unwillkürlich in einen neuen Strom deiner Beredsamkeit hineinreißt . Mit Keulen schlägst du anfangs um dich , mit dem Morgenstern echt adliger Unverschämtheit ; dann ziehst du den krummen Säbel des Humors , und zuletzt spielst du mit dem Dolche des Witzes , der spitz die Herzen trifft und tötet , wo bisher nur verwundet wurde . Schrecken , Lachen und lustige Tränen folgen deinen Worten - doch da änderst du plötzlich deinen Ton , und wie du bisher als gewandter Gladiator deinen Gegenstand tief im Staube behandeltest : so schwingst du dich jetzt auf das stolze , hochtrabende Schlachtroß des Pathos und galoppierst zermalmend über die Kadaver deiner Feinde , die Posaune des Sieges an die Lippen drückend , um unter dem kaum verhaltenen Jubel der Versammlung in wenigen mystischen Worten den Schluß zu sprechen , wo die Stenographen sich den Schweiß von der Stirn trocknen , und das Haus » is ringing with cheers for several minutes « . Schnapphahnski sprach ' s. Er ging hin , und wenn er auch kein Montalembert wurde , kein Larochejaquelin , kein Lamartine , kein Guizot , kein Thiers , kein Redner des Unterhauses oder des Oberhauses , so wurde er wenigstens - - nun , was wurde er denn ? XXI Das Domfest Über die Zeiten des Vereinigten Landtags und der Revolution setzen wir uns rasch hinweg und springen mitten in die heilige Stadt Köln , wo eben der Dom am 14. August 1848 seinen sechshundertjährigen Geburtstag feiert . Große Erinnerungen ließ dies Ereignis zurück und manchen erhabenen Schnupfen . In der Tat , die Kölner konnten sagen , daß sie für ihren König zwar nicht ins Feuer gegangen seien , wohl aber ins Wasser . Gab es je ein trefflicheres Regenwetter als das , welches den Tag verherrlichte , wo der Protektor des Doms , König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen , und der Erzherzog Reichsverweser die riesige Säulenhalle gemeinschaftlich besuchten ? In die konstitutionellen Könige der Erde vertieft , hatte das Volk die absoluten Monarchen des Himmels vergessen , den Wolkenversammler Zeus , der , ärgerlich darüber , plötzlich seine Schleusen öffnete und die gottvergessene Menge in so nachdrücklicher Weise von aller Unsauberkeit reinigte , daß wirklich an den meisten Menschen kein einziger sündhafter Zoll mehr zu waschen übrigblieb . Man muß gestehen , das Schicksal hat den Göttern nicht nur den Nektar gegeben , sondern auch das Regenwasser , und das letztere in so großer Menge , daß es ihnen eben nicht darauf ankommt , sich gerade dann ihres Überflusses zu entledigen , wenn die armen trocknen Menschenkinder des Befeuchtens am allerwenigsten bedürfen . Leider sollte ich dem berühmten Festregen der Dombautage eben nicht aus einem sichern Versteck zusehen . Tollkühn genug hatte ich mich gerade vor das Portal des Domes gepflanzt , fest entschlossen , meinen Posten zu behaupten , denn ich sollte ja auf drei Schritt den Reichsverweser sehen und den König - ich muß gestehen , ich befand mich in einer eigentümlich schwarz-weiß und schwarz-rot-golden gemischten Stimmung . Der Regen floß hinab ; ich stand wie eine Mauer . Ich habe da zum ersten Male für einen König gelitten ; ich bin stolz darauf . Ich wartete eine halbe Stunde , im Regen nämlich . Ein Verliebter kann nur so töricht sein oder jemand , der einen König sehen will . Weder der König noch der Reichsverweser wollte indes aus dem Dome hinaus ins Freie treten . So gequält von banger Erwartung und gepeitscht vom Regen , legte ich mich auf den süßen Zeitvertreib des Gedankenspiels . Ist der König von Preußen nicht wirklich ein vortrefflicher König ? Ja wahrhaftig , er ist es ! Wenn je ein Fürst rücksichtsvoll und artig mit einer Stadt verfuhr , so war es Friedrich Wilhelm . War ich nicht selbst dabei , als ihm die guten Kölner in ihrer Naivität einst zur Karnevalszeit eine bunte Schellenkappe überreichten ? Gott weiß , wie man zu dieser Kühnheit kam ! Ein Nero oder ein Tiberius würde uns gleich haben köpfen lassen - Friedrich Wilhelm nahm die Narrenkappe aber lächelnd entgegen , und seit der Zeit bin ich fest davon überzeugt , daß er ein geistreicher Mann und kein Nero ist - Die kölnischen Funken setzen ihre Schellenkappen eigentlich nie ab , das ganze Jahr hindurch klingelt es ihnen in den Ohren wie Römergeklirr und » O Jerum ! O Jerum ! « Man ist verraten und verkauft , wenn man mit diesen Leuten in ernster Weise anbinden will . Der Spaß ist der Grundzug ihres Charakters , und dieser Spaß kitzelt sie auch bei jeder Gelegenheit , die ganze Welt existiert nur für sie , damit Späße darüber gerissen werden . Ein Kölner ist mit seinem alten holprigen Köln so liebend verwachsen wie ein Großvater mit seinem Schlafrock . Ein humoristischer Großvater und ein humoristischer Schlafrock . Ein Kölner ist ganz unglücklich , wenn er nicht außer seinem Karneval jedes Jahr wenigstens zwei oder drei recht gründliche Feste in seinen Mauern feiert . Ein Musikfest , der Empfang eines hohen Geistlichen oder eines Künstlers , eine Erinnerungsfeier vergangener Herrlichkeit , ein politisches Fest , die Ankunft des neuen Weißen , ein Bockessen usw. , man ist wahrhaftig nicht verlegen um irgendeinen denkwürdigen Gegenstand . Für alle möglichen Feierlichkeiten ist man vorbereitet . Wenigstens zwei- oder dreimal im Jahre läutet man zu irgendeiner Feier mit allen Glocken und mit allen Römergläsern ; wenigstens zwei- oder dreimal schießt man aus Kanonen und Böllern und läßt Raketen aufsteigen und steckt die Giebel der Häuser voll Fahnen und schmückt die Türen mit Eichenlaub und die eignen Rücken mit Sonntagsröcken ; wenigstens zwei-oder dreimal öffnet man die Kirchen , damit alle Welt die lieblichen Heiligenbilder sehe , und läßt die Wirtshäuser wagenweit offenstehen , damit jeder Fremde sich davon überzeuge , wie die Kölner so fromme und so lustige Leute sind ; wenigstens zwei- oder dreimal läßt man die Lokalgrößen ihre wundervollsten Reden halten , die Mädchen und Frauen ihre schönsten Kleider spazierenführen , alle Stadtmusikanten zu irgendeinem stillen Vergnügen ihre Waldhörner blasen , und zwei- oder dreimal im Jahre läßt man den alten Gürzenich bis in seine basaltenen Grundfesten zittern von dem Tanz oder dem Gelage seiner heitersten Bürger . So war es bisher , und so wird es in Zukunft sein ; der Feste wird es geben in Köln , solange Groß-Martin und der Bayenturm in den Rhein schauen und solange über dem Rhein das alte Banner weht mit den drei Kronen und den elf Funken und den Farben Weiß und Rot , die gewissermaßen das Sinnbild des vielen weißen und roten Weines sind , der in Köln getrunken wird . So mit Erinnerungen spielend und zitternd vor Nässe und süßer Erwartung , mochte ich eine halbe Stunde im furchtbarsten Gedränge gestanden haben , da entstand vor der Türe des Domes eine unruhige Bewegung ; die Mäuler flüsterten , die Hälse reckten sich , die Regenschirme wurden geschlossen , und Federbüsche und lange Schnurrbärte und kriegerische Figuren nickten in den Domhof hinaus . Voran der Erzherzog Reichsverweser und der König von Preußen . Der Reichsverweser ist ein kleiner alter Mann mit gutmütigem Gesichte und mit großem kahlem Schädel . In der Tat , dieser ernste Schädel hängt über dem freundlichen Antlitz wie ein Gletscher über einem friedlichen Alpentale . Der alte Herr nahm sich ganz liebenswürdig in dem grauen Soldatenmäntelchen aus ; nach der frommen Hitze des Domes schien es ihn in der feuchten Außenwelt zu frösteln ; er hielt die Krempe des Mantels fest aneinander und trippelte vorsichtig über die glatten Steine . Wenn ich nicht den tiefsten Respekt vor dem Reichsverweser hätte , so glaube ich , daß mir das Lachen näher gewesen wäre als das Weinen . Es ist nämlich ein Fehler meiner Einbildungskraft , daß ich mir einen Kaiser oder einen Reichsverweser noch immer wenigstens 7 Fuß hoch denke , mit furchtbaren Lenden , breiter Brust , schrecklichem Barte - mit einem Worte , ein Kaiser mußte meiner Meinung nach ein Eisenfresser sein , ein Mann , der bei jedem Ritt ein oder zwei Hengste zuschanden reitet , der die Türken lebendig frißt und , allezeit Mehrer des Reiches , mit einem Säbel über das Pflaster rasselt , bei dem einem alle Schrecken des Jüngsten Gerichtes einfallen . Wie freute ich mich daher , als ich das friedliche Antlitz des alten Johann erblickte . Es wurde mir ganz familiär zumute , ich würde den Hut vom Kopfe gerissen und ihn bewillkommend geschwenkt haben , wenn nicht meine Hände in den Taschen gesessen hätten und dergestalt von meinen schaulustigen Nachbarn zusammengepreßt worden wären , daß nur eine Herzensregung nicht zu den Unmöglichkeiten gehörte und an ein Schwingen des Hutes vollends gar nicht zu denken war . Se . Majestät den König von Preußen kannte ich schon von früher . Er ist noch immer derselbe wohlaussehende Mann mit den jugendlich roten Wangen und dem pfiffigen Lächeln . Manche meiner Nachbarn behaupteten freilich , er sei etwas mager geworden , man sähe Spuren der Sorge und der Betrübnis in seinen Zügen und sein Auge strahle nicht mehr so volksvertrauend wie früher - - Ich muß gestehen , ich halte diese Ansicht für grundfalsch . Ich habe noch nie eine so heitere Majestät gesehen - und ist nicht alle Ursache dazu vorhanden , geht nicht alles nach Wunsch ? » Es lebe der König ! « rief ich , und ich mäßigte erst meinen Jubel , als einige alte Generäle mit grausenerregenden Gesichtern den beiden Fürsten auf dem Fuße folgten und mich mit so komischen Augen ansahen , als merkten sie trotz meiner loyalen Jubelausbrüche einigen Unrat und als wollten sie sagen : » Kerl , du bist doch ein Kryptorepublikaner , und der Teufel soll dich holen ! « - - Da saßen die Fürsten in der Tiefe des schützenden Wagens , und hinter ihnen her wogte das Volk , lange Gymnasiasten und duftende Hofräte , Flegel vom Lande und gebildete Städter , Soldaten und Handwerker , Gemüseweiber und Taschendiebe , und in dem steinernen Laubgewinde des Domes fingen die Glocken an zu brummen und zu summen gleich riesigen Käfern in den Zweigen einer Linde , und unter Lachen und Fluchen , unter Boxen , Beten , Grunzen und Hurrarufen stürzte der Strom der Menge in die Gassen hinunter , daß man seinen besten Feinden auf die Hühneraugen trat und an den Wänden der Häuser hinaufzufliegen meinte vor lauter Lust und Begeisterung . Wer weiß , wie weit ich mit fortgerissen wäre , wenn nicht ein seltsames Ereignis meine Schritte aufgehalten hätte . An einer der nächsten Straßenecken hatte nämlich auf dem Rand einer Treppe ein fliegender Buchhändler Posto gefaßt . Wenig kehrten sich die vorüberstürzenden Fremden an den armen Gesellen . Da rollte plötzlich eine brillante Karosse hart an der Treppe vorüber ; der Junge erhebt seine Bilder und Zeitungen , und » Fortsetzung von Schnapphahnski ! Fortsetzung des Ritters Schnapphahnski ! « schreit er , und der Wagen hält , und empor richtet sich ein eleganter , hübscher Mann , der sich über den Wagenschlag hinaus in die Straße biegt . Das Wort » Schnapphahnski « scheint ihn zum Stutzen gebracht zu haben ; rasch greift er in die Tasche und wirft dem frohen Buchhändler ein Geldstück in den Hut ; noch hastiger streckt er die Hand nach der gekauften Zeitung aus , und wie er das Blatt auseinanderfaltet und hinunter auf den Titel des Feuilleton blickt , da schrickt er zusammen und - aber die Rosse schlagen schon wieder aufs Pflaster , und der Wagen rollt weiter , und verschwunden ist der schöne Fremde , und » Fortsetzung von Schnapphahnski ! Fortsetzung des Ritters Schnapphahnski ! « beginnt der Junge von neuem , und tönend verliert sich sein Ruf in dem Getöse der Gassen . In den Kölner Straßen wurde an jenem Tage die » Neue Rheinische Zeitung « verkauft . Als Feuilletonaufsatz enthielt sie ein Kapitel aus dem » Leben und den Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski « . XXII Der Gürzenich Es ist ein ergreifendes Schauspiel , wenn der Vesuv seine roten Feuerblöcke in die tiefblaue See wirft ; es ist ein erhabener Anblick , wenn die Lawine von den Alpen hinab in das Tal rollt , und es muß großartig aussehn , wenn der Niagara seinem Bette entgegenschäumt - aber noch viel ergreifender , erhabener und großartiger ist es , wenn auf dem Gürzenich-Saal der heiligen Stadt Köln zwölfhundert hungrige Gäste zur Feier des Dombaus über einen Heringssalat herfallen . Ich habe in meinem Leben nichts Imposanteres gesehen . Unvergeßlich wird mir diese Szene bleiben . Als ein Mann , der den Dom und den Heringssalat liebt , hatte ich mir für schweres Geld auf dem Sekretariate des Zentral-Dombau-Vereins eine Festmahlkarte gekauft . Ich habe nie eine Portion Heringssalat teurer und mit mehr Vergnügen gezahlt als diesmal ; ich bin sogar einen halben Tag lang dahinter hergelaufen , und wäre Herr Schnitzler nicht ein so überaus artiger Mann , ich liefe noch - und alles um eine Portion Heringssalat ! Man sollte sagen , daß ich den schrecklichsten Katzenjammer haben müßte . Aber wie meine Leser wissen , war dem nicht so . Ich hatte den ganzen Morgen mit meinem beschränkten Untertanenhumor an den Pforten des Domes gestanden und mich mehr des wohlfeilen Regenwassers als des kostspieligen Weines erfreut . Endlich war der Reichsverweser und der König erschienen , endlich hatte ich beide bewundert , und endlich konnte ich naß wie ein Pudel nach Hause gehen , um für das bevorstehende Diner Toilette zu machen . Schön wie ein Gott und hungrig wie ein Wolf trat ich in den Saal . Schon auf der Schwelle hätte ich vor Erstaunen fast einen Purzelbaum geschlagen . War das der Gürzenich ? O seltsame Ändrung ! Ach , ich kenne den Gürzenich aus meinen Jugendjahren , aus jener Zeit , wo ich in der Sternengasse nicht weit von dem berühmten Hause wohnte , von dem mir einst ein todernster Kölner erzählte , daß der Herr Peter Paul Rubens darin geboren und daß die Mediceische Venus darin gestorben sei ! - Ach , damals hatte ich noch meine fünf Sinne beieinander und hielt es für meine Pflicht , jedesmal um die Karnevalszeit Schulden zu machen und meine Uhr zu verkaufen , um hinter dem Rücken meiner alten , grausamen Freunde die schönste Maske zu machen , welche je durch die Straßen der heiligen Stadt Köln sprang . Hab ich nicht einmal den Don Quijote gespielt , in gelben Stiefeln , in schwarzer Trikothose , den Panzer vor der Brust , den Spitzenkragen um den Hals , das Barbierbecken auf dem Kopfe und den fürchterlichen Speer in der Rechten ? Zog nicht mein Sancho hinter mir her , mit weltkugelrundem Bauche , in ländlicher Tracht , und forderte ich nicht auf dem Gürzenich wenigstens ein Schock der holdseligsten Dulcineen zum Tanze heraus , bis mir zuletzt die Beine unterm Leibe fortliefen und bis ich , einer blassen Leiche ähnlich , an die Brust meines mir ewig teuern und unvergeßlichen , damals als Bär verkleideten Freundes Klütsch sank ? Oh , wie hatte sich alles geändert ! In demselben Saale , in dem ich früher nur der heiligen Stadt Köln vortrefflichste Narren in buntem Gemisch durcheinanderwogen sah , in demselben Freudensaale erblickte ich jetzt an unendlich langen Tischen , ach Gott , der Politik geweihte Köpfe , Deputierte aus Hessen , aus Österreich , aus Schwaben , aus Bayern , aus Ungarn , aus Oldenburg , und mitten zwischen ihnen nichts als kohlschwarze Pastöre , Geheimräte , Kaufleute und andere nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft - ich glaubte weinen zu müssen . Aus den Deckenfeldern des Saales , aus denen früher Rosen und Reben nickten , schauten jetzt grimmige schwarze Reichsadler ; an den Säulen , die früher die ausgezeichnetsten Geckenköpfe schmückten , hingen jetzt die Wappenschilde der verschiedenen deutschen Staaten , und an den Wänden des Saales hieß es statt » Es leben alle Narren ! « - » Ein einiges Deutschland « und statt » Allen wohl und Keinem weh ! « - » Eintracht und Ausdauer « . Eine unendliche Wehmut erfaßte mich ; ich fühlte zum ersten Male , daß die leidige Revolution , und noch dazu eine Revolution , die die guten Kölner gar nicht einmal gemacht haben , uns um allen Spaß zu bringen droht . Durch die Reihen der Tische , an den unheimlich unverständlich redenden Volksvertretern schritt ich so traurig vorüber , wie vielleicht der Geist eines alten verkommenen Griechengottes an den glattgerittenen Bänken einer protestantischen Kirche vorüberspukt , und ich konnte erst wieder recht herzlich lachen , als ich auf der Erhöhung des gewaltigen Raumes , an derselben Stelle , wo ich seinerzeit als Don Quijote meiner Dulcinea nachjagte , den edlen Gagern hinter der deutschen Einheit herlaufen sah und den Sancho Soiron erblickte , wie er seinem berühmten Ritter im purzelnden Eselstrab zu folgen strebte . Das Spaßhafte dieser Erscheinung tröstete mich in etwas ; ich überzeugte mich davon , daß wenigstens noch nicht aller Humor aus der Welt verschwunden ist , und da gerade an die Stelle des Heringssalates einige höchst einladende Salme auf die Tafel schwammen , so bemächtigte ich mich , nicht ohne Lebensgefahr , eines Kuvertes und drückte mich zwischen einige unbekannte Versammelte und stammelte mein Tischgebet . Wie immer betete ich aus dem Homer , in Hexametern : » Und die ehrbare Schaffnerin kam und tischte das Brot auf Und der Gerichte viel aus ihrem gesammelten Vorrat . Und ich erhob die Hände zum lecker bereiteten Mahle . « Mit den Gerichten und dem lecker bereiteten Mahle muß ich indes meine Leser erst noch genauer bekannt machen . Die Speisen sind keineswegs eine Nebensache bei einem Essen . Wie meine Leser wissen , folgte dem Heringssalat der Salm . Aber das war noch keineswegs alles . Ich greife daher zu dem Küchenzettel , den jeder Gast in Groß-Folio-Format neben seinem Teller fand und den ich wohlweislich mit nach Hause nahm , um mich noch nachträglich davon zu überzeugen , ob ich auch gewissenhaft das ganze Verzeichnis durchgekaut hatte . Ich tat dies zu meiner besonderen Beruhigung . Der Speisezettel heißt aber treu kopiert wie folgt : Das Ganze ist umringt von Arabesken und allegorischen Figuren : ein Küfer , ein unentzifferbares Wesen , ein Kerl mit einem höchst christlich-germanischen Gesichte mit dem Reichsadler und viertens ein dito mit dem preußischen Adler . Ich kann es mir nicht versagen , noch die Bemerkung hinzuzufügen , daß die guten deutschen Blätter und namentlich die » Kölnische Zeitung « in ihren sonst so reichhaltigen und schön stilisierten Berichten über die Festlichkeiten dieses Dokument nicht mit aufgeführt haben . Die Gründe