. Wenn meine Mutter einen Batzen wert wäre , hat er gesagt , so würde sie kein solch Lumpenmensch erzogen haben , denn keinen faulen Pfennig sei ich wert , und wenn ich schon einen Taler im Maul hätte ; von schlechten , verfluchten Leuten her müßte ich sein , daß ich so nichtsnutz geraten , zu einem Mensch , welches kein Bettler auf dem Mist auflesen würde , und dabei hat er mich nun geschlagen , bis ich aus dem Bette sprang , in die Kleider fahr und fortlief . Bringt mir nun nicht der Unflat von Magd das Kind nach und sagt , der Herr schicke es ! Was jetzt machen ? Fahren wollte mich niemand , gehen mochte ich nicht , zurück wollte ich nicht ; der könnte mich töten oder gar vergiften , ihm war das Schlimmste zuzutrauen . Endlich erbarmte sich Lugihausi meiner , er war früher auch ein vornehmer Mann und weiß jetzt , wie es jemand ist , dem niemand helfen und glauben will ; der spannte endlich an , und jetzt bin ich da und jetzt , Mutter , mußt du Fuhrlohn zahlen . « Das waren begreiflich keine erfreulichen Nachrichten und Aussichten ; gerne hätte Vreneli den doppelten Fuhrlohn bezahlt , wenn Elisi wieder weitergefahren wäre . Der Base war es wahrscheinlich ebenso , sie wußte , was das Fortlaufen für eine mißliche Seite hat , nämlich das Wiederkommen . Daß der Mann die Frau geprügelt , fand sie freilich sehr fatal , besonders für den geschlagenen Teil . Indessen mußte sie gestehen , daß ein Mann ungeduldig werden muß und wirbelsinnig , wenn die Frau für nichts sorgt , nichts denkt , immer nichts da ist , was man eben brauchen sollte , wenn sie ist , als wäre sie ohne Gehirn oder hätte höchstens das Gehirn einer Gänsin ; in einem solchen Gehirn steckt gewöhnlich noch die Unart , daß man es nicht einmal mahnen darf ; da soll eine Magd probieren und sagen : Frau , dies , Frau , jenes wäre nötig , sollte man holen ! , sie würde allemal einen Schnauz kriegen eine Elle länger als der längste Husarenschnauz . Da kriegt denn so eine Magd auch Bosheit in den Leib und denkt : Meinethalb ! , wird stumm wie ein Fisch , hat erstlich Freude , wenn man auskömmt mit einer Sache und die Frau merkt es nicht , und zweitens noch eine größere Freude , wenn der Mann darüberkömmt und mit einem Haselstecken am Gedächtnis seiner Frau herumflickt , wenn auch mit schlechtem Erfolg . Was die gute Großmutter dabei tröstete , war das Erbarmen mit dem armen Kinde ; so heillos verwahrloset war ihr die längste Zeit kein Bettelkind vor Augen gekommen , so mager , unsauber , gelb , blau und grau , es war ein Elend . Sie sagte Elisi , sie hätte gute Lust , noch nachzubessern , was ihm der Mann zu wenig gegeben , vor Gott sei es nicht zu verantworten , wie es mit dem Kinde umgehe ; sie müßte sich schämen , eine Tochter zu haben , welche nicht halb so viel Verstand gegen ein Kind habe als eine Katze gegen ihr Junges . Wenn sie mehr hätte , sagte Elisi , so sollte sie das Kind nehmen ; daß es nicht mehr habe , dafür könne es nichts , sie hätten ihns erzeugt und erzogen ; traurig genug sei es für ihns , daß man ihns so verwahrloset , daß es so dumm geblieben . Es trat gar deutlich hervor , daß Elisis ganze Lebenskraft im Maul sich zentralisiert habe . Es ist sehr oft der Fall , daß die geistige und körperliche Kraft eines Menschen sich in ein Glied oder ein Talent zusammenzieht , da Ausgezeichnetes leistet , im Übrigen aber schwach oder kreuzdumm ist . Man hatte ausgezeichnete Maler , und nebenbei waren sie einfältige Menschen , man hatte Menschen , denen alle Kraft in den Füßen lag , schlaff hingen die Arme am Leibe nieder , Hasenfüße nannte man sie , kommode Leute , besonders bei einer Retirade . Bei Elisi zogen alle geistigen und leiblichen Kräfte sich in einem Gliede zusammen , und zwar in der Zunge . Die Zunge ist ein klein . wunderbar Ding , » ein klein Glied , « wie der Apostel Jakobus sagt , » und erhebet sich doch gewaltiglich . Siehe ein klein Feuer , wie einen so großen Haufen Holz zündet es an ! Also ist auch die Zunge ein Feuer , eine Welt voll Ungerechtigkeit ; also stehet die Zunge unter unsern Gliedern , welche den ganzen Leib befleckt und zündet das Rad unserer Geburt an und wird angezündet von der Höllen . « Ja , das ist ein Ding , die Zunge , und zwar eines von doppelter Natur , ein geistig und ein leiblich Werkzeug , dem Geiste , dem Leibe unentbehrlich . Es ist aber nichts merkwürdiger als die Wahrnehmung , daß die Zunge , sobald sie zum herrschenden Gliede im Körper wird , sie sich in beiden Richtungen , geistig und körperlich , geltend macht und das große Wort führt . Das Wort » Kaffeeschwestern « ist ein altes , wohlbekanntes , und niemand , der es hört , ist so einfältig , wenn er es hört , zu glauben , es sei da die Rede von Schwestern , welche bloß den Kaffee lieben , er weiß alsbald , daß es zungenfertige Dinger sind , welche nebst Kaffee das Geschwätz lieben über alles . Es ist halt mit der Zunge akkurat wie mit einem Wagenrad , wird dieses viel umgetrieben , so muß es auch viel und gut gesalbet werden . Die Sache ist ganz natürlich ; wie Krieger mit dem Degen , fechten die Diplomaten mit der Zunge , sind aber auch allbekannte Gutschmecker , und diplomatische Mahlzeiten sind wohlbekannt von alters her . Wenn nun ein ganzes Volk sich auf die Diplomatie legt und mit Schwadronieren sich befaßt , Herrgott , was da gesalbet und geschmiert werden muß ! Man frage einen Waadtländer , der wird auch was erzählen können über diesen Punkt . Es wird also niemand ungläubig den Kopf schütteln ob unserer Äußerung über die Doppelnatur der Zunge , die zwei ist und doch eins , und also niemand sich wundern , wenn sie auch bei Elisi scharf hervortrat . Wir haben im Berndeutsch gar herrliche Worte , die verschiedenen Sorten und Abarten des Geschwätzes zu bezeichnen : dampen , dämperlen , klapperen , stürmen , schwadronieren , poleten , hässelen , giftlen , schnäderen , ausführen , kifeln , rühmseln usw. Hässeln und schnädern möchten die beiden bezeichnendsten Worte für die Richtungen von Elisis Unterhaltungen sein . Am liebsten salbete es seine Zunge mit was Süßem und was Rotem , doch verschmähete es auch Fische , Pasteten , Geflügel nicht , so wenig als weißen Wein vom Jahre 1834 und Muskatwein , welcher bekanntlich gelb ist . Von Arbeiten war gar keine Rede mehr , selbst nicht mehr von Korallenanziehen , zog es doch nicht einmal sein eigen Kind an , hätte es , wenn es niemand anders tat , tagelang liegen lassen . Die eilf ägyptischen Plagen sind bekannt , eben angenehm sind sie nicht zu nennen ; aber auf einem Bauernhofe , wo alles arbeiten soll , jeder sein angewiesenes Tagewerk hat , eine Person zu haben , welche nichts tut als allenthalben herumstehen , alle versäumen mit Schnädern und Befehlen , mit Gerede von allen Sorten , alle Augenblicke was wollen , welches nicht zu haben und zu machen ist , und dann ein Geschrei und einen Jammer verführen ärger als ein junges Schwein in eines ungeschickten Metzgers Händen , das ist eine Plage , an welche Moses nicht gedacht zu haben scheint . Mach , wie wenn du daheim wärest , so sagt man zu einem Menschen , wenn man wünscht , daß es ihm recht behaglich und heimlich werde . So brauchte man aber zu Elisi nicht zu reden ; es tat wirklich , als wäre es daheim , und nahm von dem neuen Verhältnis , nach welchem Uli und Vreneli im Hause Meister waren , keine Notiz . Es lief im Hause herum wie im Stock , es stellte sich bei Mägden und Knechten , nahm sie in Anspruch bald für dieses , bald für jenes , strich besonders Uli nach ; wenn es ihn irgendwo merkte , hatte es keine Ruhe , bis es bei ihm war . Bitterlich dagegen haßte es Vrenelis schönes Kind und zeigte das so unverhohlen , daß man es so wenig allein bei ihm lassen durfte , als man eine Katze bei einem Kinde läßt ; Elisi wäre imstande gewesen , es zu kneifen und zu kratzen , und da es das nicht durfte . grinste es ihns wenigstens an , so daß dasselbe allemal sich zu fürchten und zu weinen anfing , wenn es Elisi von weitem sah . Nun sollte auch sein eigen Kind auf einmal so hübsch werden , und dazu wußte es kein ander Mittel , als demselben den ganzen Tag zu essen zu geben oder geben zu lassen , es förmlich zu mästen , und zwar mit dem größten Unverstand ; gute Milch gab es ihm keine mehr , es mußte dicker Rahm sein , stopfte ihm den ganzen Tag Brei in den Leib , schüttete ihm Wein darüber , stieß Zuckerbrot oder so was nach , daß das Kind erst fast erstickte und dann Bauchweh oder so was kriegte , jämmerlich schrie , bis es himmelblau wurde im Gesicht . Wollte die Mutter wehren , dann schrie Elisi , die Mutter gönne ihm kein schönes Kind , sie halte es mit Vreneli und dessen Balg ; wenn es wüßte , wie dem vergeben , es täte es noch heute , sparte es nicht bis morgen ; sie sollten sich in acht nehmen , wenn es dasselbe einmal in die Hände kriege , wolle es ihm die Hübsche vertreiben für sein Leben lang . Dann kam Joggeli und begehrte auf über das fortwährende Geschrei ; es sei eine halbe Stunde in der Runde kein Winkel , wo man einen ruhigen Augenblick haben könne , höre Eines auf , so fange das Andere an . Daß es ihm in seinen alten Tagen noch so gehen könne , daran habe er nie gedacht , aber er wisse wohl , wer an allem schuld sei , man möge es glauben wollen oder nicht . Die gute Base hatte wirklich böse Tage , Tage von denen sie sagen mußte , sie gefielen ihr nicht . Sie sah alle Tage eine Sache heller ein , an welche sie früher nicht gedacht hatte ; sie war ihr nie so recht vor die Augen gekommen , und die Erfahrung ists , welche Wissenschaft und Weisheit bringt . Sie hatte nämlich nie gesehen , was eine Person von Elisis Schlage für eine Mutter wird . Man kümmert sich manchmal darum , welche Haushälterin ein Mädchen werde , aber was es für eine Mutter werde , daran denkt man nicht oder man meint , der Verstand dazu werde ihm schon kommen , es wer , de ihns schon lehren . Ja , daß Gott erbarm , lehren ! Mutter wird Manche , ungesinnet , aber eine rechte Mutter sein , das ist ein schwer Ding , ist wohl die höchste Aufgabe im Menschenleben . Schon alleine der bloße Anblick der Mutter ist von unnennbarem Einflusse auf das Kind , kann das Kreuz mit der Schlange sein , bei welchem die Juden in der Wüste Heilung und Sicherheit vor den Schlangen fanden . Was gewährt aber nun so ein grinsend , unfreundlich , unsauber Ding wie Elisi einem Kinde für einen Anblick ? Welche Eindrücke saugt es ein ? Oder was meint man , muß es dem Kinde nicht ganz anders werden im Gemüte , wenn ihm an seiner Wiege des Tages und in der Nacht ein holder , schöner Engel erscheint , der mit süßen Tönen tröstet , mit milden Händen die rechte Labung spendet , als wenn an der Wiege Rand ein häßlicher , grüngrauer , keifender Kobold auftaucht , ein unsauber Ding , von dem man lange nicht weiß , ist es eigentlich ein Mensch oder ein Affe , über die Wiege hereingrännet , häßliche Töne von sich gibt , heftig und krampfhaft reißt und stößt und schaukelt , daß Glied um Glied davonfahren möchten ? Was meint man , sollte man nicht solch grinsenden , keifenden , nichtsnutzigen , selbstsüchtigen Dingern , seien es meinethalb Gräfinnen , Bauerntöchter oder Stallmägde , das Heiraten verbieten von Obrigkeits wegen und jede , welche es doch versucht , einsperren lassen hinter Gitter , und zwar enge und eiserne , und bis zum dreiundfünfzigsten Jahre ? Die Base wäre sicherlich dieser Meinung gewesen , wenn man ihr den Fall vorgelegt hätte . Es lag ihr unendlich schwer im Gewissen , daß sie daran nicht gedacht oder geglaubt , es werde Elisi der nötige Verstand seinerzeit schon kommen , daß sie nicht mit Händen und Füßen sich jeder Heirat widersetzt . Es beelendete sie unendlich , wenn sie sah , wie Elisi das arme Kind mißhandelte , aus unverständiger Eitelkeit , wie eine Hoffartsnärrin ein beliebig Kleidungsstück , welches sie in die Form zwingen will , die ihr gerade in die Augen geschienen . Am wohlsten schien bei dem ganzen Handel der Baumwollenhändler zu sein , wenigstens nahm er Elisis Abwesenheit höchst kaltblütig , zeigte sich nicht nur nicht , sondern ließ auch kein Wörtlein von sich hören . Die Unbequemlichkeiten des Fortlaufens dagegen fingen nachgerade an , recht unangenehm sich fühlbar zu machen . Anfangs ärgerte sich Elisi bloß , daß der Unflat ihm nicht nachgelaufen kam , um ihm alles sagen zu können , was es ihm eingebracht hätte . Nach und nach stieg ihm die Eifersucht zu Gemüte , es nahm ihns bitter wunder , was der Unflat jetzt vornehme , da er keine Frau mehr habe ? Wenn nur einmal eine Frau auf diesen Punkt gekommen ist , dann kriegt die dickste Phantasie Leben , fängt sich an zu bewegen in den schauerlichsten Bildern und malt der Frau Dinge vor , daß sie das Zittern kriegt in alle Glieder . Noch ungeduldiger ward Joggli . Der Lumpenhund habe ihn geplündert , kein Spitzbub könne es besser ; jetzt schicke er ihm Frau samt Kind über den Hals , um ihn des Todes oder des Teufels zu machen . Aber das wolle er nicht so . Dem Schelm wolle er seine Familie nicht erhalten , in seinen alten Tagen noch Kindbette halten und dazu keinen Augenblick Ruhe , weder Tag noch Nacht . Endlich ließ Joggeli Bescheid machen dem Tochtermann , er solle seine Frau holen . Dieser ließ sagen : Er hätte sie nicht gehen heißen , er hieße sie auch nicht wiederkommen , sie werde den Weg wohl noch wissen , er werde ihr ihn nicht zu zeigen brauchen . Am liebsten sei ihm , sie bliebe , wo sie sei , sie dünke ihn dort am schönsten . Potz Blitz , wie gab das Feuer ! Auf der Stelle sollte Uli mit ihm fahren , meinte Elisi und dann müsse er ihm den Unflat prügeln in seinem Namen , bis derselbe kein Glied mehr rühren könne , dem wolle es zeigen , dem Hagel , wo es schön sei . Das wollten aber weder Vater noch Mutter tun . Es sehe jetzt , was Fortlaufen sei ein andermal möge es die Sache besser bedenken und denken auch an seine Fehler . Sei es so lange schon dagewesen , so könne es ein paar Tage auch noch warten . Elisi zeterte gewaltig , und wenn es gewußt hätte , wie zu Fuße gehen , es wäre gelaufen , aber eine halbe Stunde zu Fuße zu gehen , war ihm ein Greuel . Schuhe hatte es auch keine , welche einen solchen greulichen Feldzug ausgehalten hätten . Die Base hatte gewünscht , Joggeli wäre selbst zum Tochtermann gefahren und hätte ihn zum Verstand gebracht , denn sie waren Beide der Meinung , Elisi hätte ihm so viel zugebracht und noch so viel zu erwarten , daß Geduld haben und sich auch in etwas unterziehen ihm wohl anstehen würde . Wenn man den Geldsäckel in der Hand habe , so wüßte man nicht , warum man so mit einem Bürschchen nicht ein ernsthaft Wort sollte reden dürfen ? Sie waren Beide akkurat gleicher Meinung , bloß darin wichen sie ab , daß Joggeli dies nicht selbst ausrichten wollte , er war nicht der Mann , jemanden unter den Bart zu stehen . Er wollte den Johannes schicken , der tue es gerne , sagte er , und wenn er den Spitzbuben schon ein wenig in die Finger nehme , so werde es ihm wenig schaden , allweg schlechter werde er dadurch nicht . Gegen das sträubte die Base sich . Es könnte doch zu böse gehen , meinte sie . Sie hätte nichts wider Johannes , aber wenn es sei , um Frieden zu machen , so schickte sie lieber nicht ihn , sondern jemand anders . Elisi müsse doch alles wieder abbüßen , was von ihrer Seite dem Manne angetan werde . Die gute Alte hatte selbst eine Art von Mitleiden mit dem Tochtermann , so sehr er ihr sonst zuwider war . Sie müsse bekennen , sagte sie oft zu sich selbst , sie würde auch ungeduldig , wenn Elisi ihre Frau wäre , und wenn es dazu noch so böse sei wie hier , so könne sie sich nicht einmal verwundern , wenn es ihm zuweilen in die Finger käme , von wegen Mannevolk sei immer Mannevolk , und bekanntlich gehöre das Mannevolk nicht unter die geduldigen und sanftmütigen Kreaturen . Achtes Kapitel Wie Zögern wechselt mit Überraschen , aber ebenfalls nicht auf angenehme Weise So verzögerte sich die Ausführung einige Tage , bis endlich die Mutter nachgab und erkannt wurde , es müsse dem Johannes geschrieben werden , daß er die Sache alsbald verrichte . Aber wer sollte schreiben ? Die Mutter konnte nicht , Joggeli war eine Feder ärger zuwider als ein angezündet Schwefelholz unter der Nase . Elisi schmierte endlich einen Bogen voll , von dem aber erkannt wurde , den könne man nicht abgehen lassen , denn der gelehrteste Professor könne nichts daraus machen . Elisi heulte , aber damit entstund kein verständlicher Brief . Joggeli mußte endlich das Wort geben , er wolle morgen selbsten einen machen . Am Morgen fiel es Joggeli plötzlich ein , heute sei der Tag , an welchem der Lehenzins verfallen sei , und nun plagte ihn die Neugierde , ob Uli wohl zahlen werde oder nicht ? Er hatte gesehen , daß der Müller Korn geholt , hatte auch die Zahl der Malter gezählt , den Preis zu vernehmen gesucht und daraus geschlossen , Uli werde im Sinn haben zu zahlen . Joggeli hatte nicht Angst , er könne um seine Sache kommen , aber er freute sich auf das Geld . Kinder und alte Leute sind auch darin sich ähnlich , daß sie gerne mit Geld spielen , es zählen , es rollen lassen durch die Finger , Häufchen machen , es durcheinanderwerfen , es transportieren aus einem Sack in den andern Sack . Er vergaß den Brief ganz , sah gleich mit Tagesanbruch erst lange durch die Fensterscheiben , ob Uli nicht anrücke . Später träppelte er ums Haus herum , zeigte sich , in der Erwartung , Uli lasse sich dann auch hervor mit einem großen Bündel Geld . Da kein Uli erschien , trippelte er hinüber zum Hause , kam zu den Knechten , frug wie von ungefähr , ob der Meister daheim sei oder fort ? Sie wüßten nichts anders , sagten die Knechte , sie hätten ihn erst noch gesehen und gsunntiget sei er nicht gewesen . Er scheuet sich vor mir , dachte Joggeli , darf oder will sich nicht sehen lassen ; entweder hat er das Geld nicht oder er will mich nicht bezahlen , eins ist so schlimm als das Andere , aber wenn es vierzehn Tage geht , so schreibe ich Vetter Johannes , er ist Bürge , er kann zur Sache sehen . Doch trotz diesem Rückhalt hatte er den ganzen Tag keine Ruhe , er trappete herum , als ob er ein Wurmpulver im Leibe hätte , und trotz seinem Trappen sah er Uli den ganzen Tag mit keinem Auge . Uli lebte , er lebte einen großen Tag , er machte seine Jahresrechnung , zog seine Bilanz , verglich mit der Rechnung die Kasse . Das ist ein Stück Arbeit für einen Uli ! Zehn Jucharten Roggen säen in einem Tage ist Kinderspiel dagegen . Ja , Rechnen hat eine Nase , besonders wenn man es nicht wohl kann . Uli hatte begreiflich das Jahr durch schon gar oft gerechnet , vielleicht nur zu viel , doch so recht bis auf den Grund noch nie , und das sei notwendig , hatte er gehört , besonders für Anfänger . Es sei schon gar Mancher zugrunde gegangen , weil er nie nachgesehen , wie er stehe , ob er vorwärts oder rückwärts gehe . Am Jahrestag seiner Meisterschaft übernahm er nun diese Arbeit . Er zählte zuerst das Geld , welches er hier in einem Bündelchen , dort in einem Körbchen , anderwärts in einem Strumpfe hatte . Ein reicher Bauer hatte ihm gesagt , wenn man viel Geld im Hause habe , müsse man es verteilen ; kämen Diebe , so kriegten sie doch niemals alles , sondern nur einen Teil . Das Zählen schon trieb ihm den Schweiß aus , denn so oft er zählte , so oft gestaltete sich die Summe anders . Zu der Gewißheit kam er , daß jedenfalls über tausend Taler seine Kasse enthielt . Nun versuchte er die richtige Summe aus seinem Buche zu finden , das war aber erst ein Hexenwerk , aus welchem noch ein ganz Anderer als Uli nicht gekommen wäre . Uli hatte aufgemacht und hatte nicht aufgemacht . Größere Posten waren aufgeschrieben , aber kleinere begreiflich nicht . Verkaufte Kühe waren aufgemacht , aber von verkauften Kälbern fand man wenig Spuren , von verkauften Ferkeln gar keine ; so wollten im Buche sich nicht reimen Ausgaben und Einnahmen , und mit dem vorhandenen Gelde paßte die Bilanz im Buche erst nicht . Im Buche fehlten alle kleinen täglichen Ausgaben , nur die größern Summen stunden da . Wer aber einige Zeit hausgehalten hat , weiß , wie viel Kleines zu was Großem sich summiert . Kurz ins Reine brachte er es nicht , er kam bloß so weit ins Klare , daß er mehr als zweihundert Taler in bar gespart . Das Vieh im Stall war von geringerem Werte als das , welches er übernommen , dagegen besaß er noch ein ziemlich Quantum Korn , weit mehr als für den Hausbedarf bis zur Ernte . Vorräte von allen Sorten , wie sie einer Haushaltung wohl anstehen , hatte Vreneli doch gemacht ; seit der Bodenbauer seine Vorlesung über Hausökonomie gehalten , war es von Uli weniger gehindert worden . Was er an Vorräten harte , schätzte er zu ungefähr hundert Talern , so daß also sein Gewinn oder Arbeitslohn zum wenigsten dreihundert Taler betrug . Zuerst wollte er sich freuen darüber , dieweil das ein so schöner Anfang sei , aber nach und nach flogen ihn allerlei Mücken an . Er fand , daß dies doch eigentlich nichts sei . Es sei ein ausgezeichnet gutes Jahr gewesen , sagte er , und nur dreihundert Taler ! Jetzt habe er bar auf der Hand , daß er in ordinären Jahren nichts verdiene , nicht so viel als sein schlechtest Knechtlein . Sollte es aber Fehljahre geben , könne er nicht bloß dreihundert , sondern sechshundert Taler verlieren so gut als einen Batzen ! Wo dann die nehmen ? Und gesetzt , meinte er endlich , was seien doch dreihundert Taler für so viel Not und Mühe und so große Gefahr , um alles zu kommen ! Da müsse man es sein Lebtag böse haben und komme doch zu keinem Vermögen . Dann sei es nicht gesagt , daß man immer gesund bleibe und arbeiten möge wie ein Hund bis in das höchste Alter . Am Ende wäre es besser gewesen , er wäre Knecht geblieben , dachte Uli , so finster kam es ihm ins Gemüt . Der Uli , der vor Jahren dreihundert Taler für ein unerschwinglich Vermögen angesehen hatte , der achtete sie jetzt für nichts und hatte gute Lust , wirbelsinnig zu werden , weil er in einem einzigen Jahre bloß dreihundert Taler verdient . So kann der Mensch sich ändern , so wunderlich kann es ihm in den Kopf kommen . Vreneli sprach ihm zu und sagte ihm : Er mache ihm recht angst . Das sei Undank gegen Gott , und wo der sei , da zeige Gott gerne , daß die Sache an ihm liege , und wenn man nicht zufrieden sei mit seiner Güte , man sich fügen müsse in seine Strenge . Es wären Tausende , welche Gott auf den Knieen danken würden , wenn sie zu dreihundert Talern kämen . Es sei noch kein großes Vermögen , aber doch ein schöner Anfang , es decke den Rücken und um so getroster könne man der Zukunft warten . Daß es so viel sei , hätte es nicht geglaubt , und wenn nur Uli zufrieden sei , so habe es den festen Glauben , es komme alles gut ; aber zu viel auf einmal wollen , das sei vom Bösen , damit verderbe man es gerne bei Gott und bei den Menschen . Zur Beredsamkeit enfaltete Vreneli noch seine ganze Liebenswürdigkeit und brachte es wirklich dahin daß es aus Ulis Kopf die Mücken ausjagte und dieser , als er sich endlich aufmachte , um Joggeli den Zins zu bringen , ein ganz zufriedenes Gesicht hatte . Derselbe hatte wirklich schon alle Hoffnung aufgegeben , heute sein Geld zu sehen . Das sei Bosheit vom Uli , sagte er seiner Frau . Derselbe hätte es , er wisse es wohl , aber er wolle ihn nur plagen ; doch das solle ihn nichts nützen , je länger er mit dem Gelde warte , desto mehr schlage er ihm mit dem Zinse auf . Er tat noch viel nötlicher als drüben Uli , so daß auch hier das Weib das Mittleramt übernehmen mußte . Er solle sich doch schämen , so nötlich zu tun . Das wäre wohl gut , wenn sie kein Geld mehr hätten oder sonst nicht zu leben . Es könnte sein , daß ihm zuletzt noch lieber wäre , Uli sei ihm das Geld noch schuldig , als daß er es in Händen habe . Es sei heute der erste Tag , wo es verfallen sei , er solle doch denken , wie Viele froh wären , wenn sie den Zins im ersten Jahre erhielten . Selten einem komme es in Sinn , den Zins auf den ersten Tag zu bringen , und Mancher hätte es noch ungern , wenn sein Pächter am ersten Tage käme , als ob der Herr ohne das Geld nicht mehr auskommen könne . » Das ist mir hell gleich « sagte Joggeli , » wie es Andern dünkt , aber mir hat er versprochen an die Hand zu gehen , und wenn einer was verspricht , sollte er es halten , sonst halte ich nichts mehr auf ihm . « » Du hast mir auch manchmal schon was versprochen und es nicht gehalten , « sagte die Frau . » Ja , das ist was ganz anderes , « sagte Joggeli , » ich bin nicht dein Pächter und du nicht mein Lehenherr , « antwortete Joggeli . » Habe gemeint , Halten sei Halten , « entgegnete die Frau . Da klopfte es . » Sieh doch , Frau , lauf doch , kannst nicht vom Platz , vielleicht ist ers noch , wäre brav von ihm ! Aber vielleicht hat er falsches Geld und hat gedacht , wenn es Nacht sei , sehe ich es nicht . Muß die bessere Brille nehmen , wenn er es ist . « Richtig war es Uli . » Bin wohl spät , « sagte derselbe , » wenn man so viel Geld in allen Winkeln zusammenlesen muß , kann man sich darob versäumen . Aber ich wollte den guten Willen zeigen . Da wärs alles in einem Seckel , es ist ein großer Bündel ! Aber wenn es Euch wohl spät ist , so kann ich ja morgen wieder kommen . Es ist eine Zeit , wo man so viel nicht versäumt . « » Nein , nein , bleib , bleib ! « sagte Joggeli . » Hat man einmal Geld im Hause , wäre es ja dumm , es wie der forttragen zu lassen . So ein Zinschen ist bald gezählt , und wenn es auch größer wäre , könnte man daran machen , bis man fertig ist . « » Ja , « sagte Uli , » glaube , für Euch sei es nicht viel , Ihr würdet ihn auch noch größer nehmen , aber Geben ist nicht gleich wie Nehmen . Wenn Ihr ihn geben solltet und herausschlagen aus den Steinen , dann würde er Euch mehr als groß genug scheinen und billig und recht , wenn er kleiner wäre und abgemacht würde . « So zählten sie und fochten mit Worten , wie es üblich ist , wenn Pachtzinse gegeben und genommen werden . Joggeli brauchte die schärfere Brille , fand jedoch trotz derselben kein falsches Geld . Die Sache sei recht , sagte er , wie er es erkennen möge . Sollte aber am Tage sich was