? Ich weiß , Durchlaucht , daß es Viele giebt , welche mich bei Ihnen zu verläumden versuchen werden . - Fürchten Sie nichts , Gilbert . Ich sehe klarer , als Sie glauben . - Das also war das wichtige Geschäft , was nicht aufzuschieben war . Er mußte Gewißheit über alles dies haben , nicht nur über die Stellung Alicens zu ihm , sondern auch über sein Verhältniß zur ganzen Partei , der er bisher - allerdings aus Privatrücksichten gedient hatte . Er war - wie alle Phantasiemenschen - von Natur Oppositionsmann , weil die Opposition die Politik der Möglichkeiten , die Diplomatie der Zukunft ist . Aber wenn diese Zukunft nicht seine Zukunft war , wenn er nicht im Stande war , diese Möglichkeit zu seiner Wirklichkeit zu machen , so hörte seine Opposition auf , denn er gönnte Niemandem die Früchte dieser Opposition als sich selbst . Er war ein Feind der Legitimität , weil diese Legitimität seinem Ehrgeiz Schranken setzte , aber er wurde zum wärmsten Freunde derselben , wenn auf ihren Trümmern nicht er und seine Diktatur , sondern die wahre Feindin der Legitimität , die Diktatur des Volks sich erheben sollte . Seine politische Gesinnung war eine rein persönliche . Noch glaubte er , daß es Zeit sei , sich zu entscheiden , da er noch in keiner Weise compromittirt war , weder nach der einen , noch nach der andern Seite hin . Die Entscheidung aber hing von der Ueberzeugung ab , die er über Alicens Pläne sich verschaffen mußte . Er begab sich deshalb direkt nach Alicens Wohnung . Es war indeß Abend geworden . Wie in den letzten Tagen , so zogen auch heute zahlreiche Arbeiterschaaren die Straßen hinab , welche theilweise mit Militair gesperrt waren . Alles drängte nach dem Schloßplatz zu . Der Fürst , welcher das Schicksal der meisten Spaziergänger getheilt hatte , nämlich mit fortgerissen zu werden , gewann endlich am Schlosse Gelegenheit , sich aus dem Strudel des Volks herauszuarbeiten und in das » Volpische Caffeehaus « zu flüchten . Von hier aus konnte er den Schauplatz übersehen . Die Menge hatte sich um den großen Candelaber in der Mitte des Platzes versammelt und verhielt sich dem äußern Anschein nach völlig ruhig . Da rückte Infanterie von der breiten Straße her und säuberte den Platz ; das heißt : die Menge stob auseinander , um an einem andern Orte wieder zusammenzufließen . Das Spiel dauerte einige Zeit hindurch , ohne daß es zu einem ernsthaften Conflikt kam . Da sprengten plötzlich vom Lustgarten Cürassiere und Dragoner auf den Platz , dessen Ausgänge nunmehr von allen Seiten besetzt waren . Die Helme und die breiten Brustpranzer der Cürassiere funkelten im Schein des Mondes , welcher sein volles Licht auf den Schauplatz ausgoß . Jetzt , da die Aufforderung , den Platz zu räumen , eine Ironie geworden war , da ihr zu folgen eine Unmöglichkeit geworden , sprengten die Cürassiere in die Menge und hieben wüthend auf die Wehrlosen ein . - - - Ein Schrei des Unwillens entfuhr den in dem Caffeehause anwesenden Gästen , welche sich an die Fenster gedrängt hatten . Der Fürst stürmte hinab , fand aber die Hausthür verschlossen . Unter den Colonaden der Stechbahn rannten einzelne Versprengte hin und wieder , vergeblich einen Ausweg suchend . Die elenden Bourgeois hatten alle Thüren gesperrt , weil sie die Eindringlinge lieber den Säbeln der Cürassiere Preis geben , als ihnen eine Zufluchtsstätte gewähren wollten . Nur der ernsten Haltung des Fürsten , welcher darin von fast sämmtlichen Gästen unterstützt wurde , gelang es endlich , den Besitzer des Caffeehauses zum Oeffnen der Thüren zu bewegen . Er eilte die Colonaden herab und stieß an ihrer Mündung sogleich auf eine Abtheilung Infanterie . - Zurück ! - tönte es ihm entgegen . - Ich melde mich als Gefangener und wünsche sofort zum commandirenden Offizier geführt zu werden . Dies geschah . Als er von diesem erkannt , wurde er sofort unter vielen Entschuldigungen frei gelassen . - - Nicht also , mein Herr - entgegnete der Fürst - ich werde die Freilassung ohne Weiteres nicht annehmen . Wer hat Ihnen das Recht gegeben , eine solche Hetzerei gegen waffenlose , harmlose Menschen , zu organisiren ? Der Officier zuckte die Achseln . - Wir haben nichts zu thun , als unserer Instruktion zu folgen . Die Verantwortung möge der übernehmen , der die Instruktionen erläßt . - Und wer ist das ? - Der General von P. - Ich verlange , ihn zu sprechen . - Das wird nicht gehen - sagte mit neuem Achselzucken der Officier . Er ist bei Sr. Majestät dem Könige . - Dann werde ich das Schicksal jener Unglücklichen theilen . - Auch das darf ich nicht zugeben . Dort hinaus können Sie ; hinein in den Kreis kann ich Sie nicht wieder lassen . Der Fürst mußte sich in sein Schicksal ergeben . Jetzt eilte er zu Alicen . Doch auch hier fand er das Haus verschlossen . So mußte er nach seinem Hotel zurückkehren . Träumerisch schritt er die Linden hinab , die fast menschenleer waren . Nur einzelne starke Patrouillen zogen mit einförmigem Schritt auf den Trottoirs auf und nieder . - Es fragte eine Dame nach Ihnen - sagte der Portier des Hotels , und übergab mir dies Kästchen für Eure Durchlaucht . Es wird Alice gewesen sein - sagte der Fürst zerstreut , das Kästchen zu sich steckend . Auf seinem Zimmer angekommen , warf er sich erschöpft aufs Sopha , sich seinen trüben Gedanken überlassend . Er ahnte , daß eine napoleonsche Kraft dazu gehöre , der Ereignisse , die man selber hervorzurufen die Macht hatte , Meister zu bleiben . Der Fürst war zwar eitel genug , sich einen Napoleon im Kleinen zu dünken , aber er erinnerte sich , daß auch Napoleon auf einer kleinen wüsten Insel an den Küsten Afrikas seine Tage geendet - und seufzte . Unwillkührlich richteten sich seine Blicke auf die Vergangenheit ; er dachte an seine abenteuerlichen Reisen in Frankreich - in Spanien . Ein leises Frösteln durchzuckte seinen Körper , als er an Spanien dachte . Mechanisch griff er nach dem Tische , da fühlte er etwas Hartes , es war das Kästchen . Er erbleichte . Aber im nächsten Augenblick schon lächelte er über die Gedanken , die eben in ihm aufgestiegen . Er öffnete es - - diesmal lächelte er nicht mehr . Ein Medaillon , welches ein Miniaturbild enthielt , das seine Züge trug , glänzte ihm entgegen . - Sie ists - stammelte er - sie ist in meiner Nähe , sie athmet dieselbe Luft mit mir . Wohlan , ich bin gerüstet . Mag sie kommen ! - - - - Dies Weib ist ein Dämon , der sich an meine Fersen klammert ! - Was will sie noch weiter von mir ? - Dein Herzblut , Verräther ! - tönte eine Stimme hinter ihm . Der Fürst drehte sich um . Ines , einen blinkenden Dolch in der Hand , stand vor ihm . Besinnungslos stürzte er zu Boden . So verharrte sie einige Minuten in ihrer drohenden Stellung , als erwarte sie das Wiedererwachen des Fürsten . Dann schritt sie auf den Tisch zu , ergriff eines der Lichter und leuchtete dem Ohnmächtigen ins Gesicht . Das Licht zitterte in ihrer Hand . Sie setzte es auf die Erde nieder , knieete vor dem Fürsten hin und senkte den Kopf auf ihre Brust herab . Nur ein krampfhaftes inneres Schluchzen kündete den Kampf an , der in ihr vorgehen mochte . Dann richtete sich ihr Haupt in die Höhe . Zwei große Thränen standen in ihren Augen . - Er ist schön wie ehemals , als ich ihn in dem blühenden Thale Valencias zum ersten Male sah . Ich kann ihn nicht tödten . Aber ewig soll er vor mir zittern . Sie drückte einen Kuß auf die kalte , bleiche Stirn und erhob sich . Als der Fürst die Augen aufschlug , war Ines verschwunden . Schon war er versucht , das Ganze für einen Traum zu halten , aber das Medaillon zu seinen Füßen und der Dolch , welcher neben seinem Herzen auf dem Boden lag , bewies ihm , daß er nicht geträumt hatte . VIII - Die Tia bleibt lange - sagte Salvador , von Alicen sprechend . Er saß auf einer Fußbank nicht weit von Lydias gewöhnlichem Platz , und hielt seine alte Zither im Arm . - Wird Dir schon die Zeit lang , Kind ? - fragte schwermüthig lächelnd Lydia , von ihrer Arbeit zu ihm niederblickend . - Ich bin kein Kind mehr , Donna - sagte mit zusammengezogenen Brauen der Knabe - und habe keine Langeweile . Ihr wißt recht gut , daß ich am liebsten zu Euren Füßen sitze und Euch meine spanischen Lieder singe . - Nun , so spiel ' und singe doch ! - Nein - sagte Salvador kurz . - Warum nicht ? - Weil ' s Euch traurig macht , und mich auch . - Nun , dann erzähle mir Etwas . - Gut , ich werde Euch Etwas erzählen . - Salvador rückte seine Bank näher zu Lydia heran und begann nach seiner Weise , wie er es früher bei seiner Mutter gethan , zu erzählen , von den duftigen Thälern und grünen Bergen seiner Heimath . Voll kindlicher Einfalt blickte sein Auge zu Lydia empor , als sähe er in das seiner Mutter . Und Lydia selbst fühlte sich wunderbar bewegt von dem Wesen des Knaben . Seine Erzählung bestand meist nur in einfachen Beschreibungen und Erinnerungen aus seiner Kindheit , aber die eigenthümliche Mischung von Sanftheit und Starrheit , von fast weiblicher Milde und männlichem Trotz , die in dem Ton seiner Stimme und in dem Glanz seines großen schwarzen Auges lag , übte einen Zauber auf das ideale Gemüth Lydias aus , dem sie nicht widerstehen konnte . Ihre Hände sanken unthätig in den Schooß herab und ihr Auge senkte sich tief in das des Knaben . Salvador hatte aus dem ihm angeborenen feinen Takt vermieden , viel von seiner Mutter zu sprechen , obgleich , wenn er zufällig nur ihren Namen erwähnte , sein Gesicht jedesmal hell aufleuchtete . Lydia war jene Zurückhaltung nicht aufgefallen . Sie glaubte ihm eine Freude zu machen , wenn sie ihn bäte , von ihr zu erzählen . - Du hast Deine Mutter wohl sehr lieb ? Des Knaben Auge funkelte bei dieser Frage , aber er antwortete nicht . - Oder hast Du Deinen Vater lieber ? Lydia sah an der Blässe , welche bei diesem Worte plötzlich Salvadors Gesicht überzog , daß sie eine unglückliche Frage gethan . - Ich habe keinen Vater gehabt - sagte finster der Knabe . - Du willst sagen : Du hast Deinen Vater nicht gekannt . Er ist so früh gestorben , nicht wahr ? - Nein , ich kenne ihn sehr wohl , und werde ihn nie vergessen . Lydia begriff dies Räthsel nicht , aber sie schwieg , weil sie sah , daß dies Gespräch den Knaben aufregte . Salvador ließ seinen Kopf sinken und schien eingeschlafen zu sein , denn er antwortete Lydia nicht , als sie ihn bat , ihr etwas vom Tische zu reichen . Aber sie erstaunte , als sie den Knaben leise schluchzen hörte . - Was fehlt Dir , Salvador ? fragte sie besorgt , ihre Hand auf seinen Kopf legend . Da warf sich der arme Junge , von dem Schmerz seines Schicksals zerdrückt , zu ihren Füßen , umklammerte ihre Kniee und brach in lautes Weinen aus . Und Lydia , den Schmerz des Knaben ahnend und dadurch ihm sich verwandt fühlend , hob ihn auf , legte seinen Kopf in ihren Schooß und weinte mit . Es ist bekannt , daß nichts mehr tröstet , als den Wiederschein unseres Leidens in den Thränen eines Leidensgenossen zu sehen . Alle möglichen freundlichen Worte hätte Lydia an Salvador verschwenden können , sie würden nicht vermocht haben , ihn zu trösten . Aber als er die erste Thräne in ihrem Auge sah , wurde er ruhiger ; zuletzt kam sogar eine solche Freudigkeit über ihn , daß er Lydia zu trösten versuchte . - Jetzt müßt Ihr nicht mehr weinen , Donna , sagte er schmeichelnd . - Und nun will ich Euch auch von meiner Mutter erzählen . Seht , als ich noch klein , recht klein war , da nahm mich meine Mutter auf den Schooß und sagte zu mir : Salvador , morgen wird Dein Vater kommen , da mußt Du Dich recht sehr freuen und artig sein . Ich klatschte in die Hände und plapperte in einem fort : der Vater wird kommen , der Vater wird kommen ! bis er endlich da war . Das kam aber so . Am andern Morgen ganz früh , ehe die Sonne aufging , nahm mich die Mutter aus dem Bett und zog mir mein Festtagskleidchen von schwarzem Sammet an , schlang mir den spiegelblanken Gürtel von Stahl um den Leib und setzte mir ein Barett auf , an dem zwei prächtige rothe Federn auf und ab wogten . Auch die Mutter war schön geputzt . Dann nahm sie mich an der Hand und so wanderten wir den Bergen zu , von denen man die Sonne über dem weiten blauen Meer aufgehen sehen kann . Ich wurde müde , da trug mich die gute Mutter bis zur Spitze des Berges hinauf , und wir setzten uns nieder und schaueten in das Meer hinab . So saßen wir eine lange Zeit , da sprang die Mutter auf und rief : » Salvador , Dein Vater kommt ! « Ich sah aber nichts . Da hob mich die Mutter in die Höhe und zeigte nach dem Hohlwege , der zwischen den großen Bergen durchführt . Da sah ich einen Reiter , der langsam um den Berg ritt . » Das ist Dein Vater , Salvador « - sagte wieder die Mutter . Ihr Herz klopfte ungestüm , ich fühlte es pochen , als sie mich in den Armen hielt . So erwarteten wir den Vater . Und als er den Berg herauf war und uns erblickte , sprang er vom Pferde , eilte auf uns zu - breitete seine Arme aus und rief : » Ines ! « Als die Mutter diesen Namen hörte , sprang sie in die Höhe und fiel mit dem Ausruf : » Felix , mein Felix ! « dem Vater in die geöffneten Arme . - Felix hieß Dein Vater ? - fragte Lydia , die sich an der kindlichen Darstellung des Knaben ergötzte - das ist kein spanischer Name . - Mein Vater ist aus Eurem Lande , Donna , er ist ein Deutscher - erwiederte Salvador und fuhr dann fort : Darauf nahm mich die Mutter bei der Hand und sagte : » Dies ist Salvador , unser Kind . « Der Vater hob mich in die Höhe und sah mir lange in die Augen , drückte mir einen Kuß auf die Stirn und den Mund , setzte mich aufs Pferd , nahm den Zügel in die Hand und so wanderten wir alle drei nach Hause . - Du hast ein gutes Gedächtniß , Salvador , sagte Lydia . - Ich werde den Tag nie vergessen - erwiederte er traurig - es war der letzte Tag , wo ich meine Mutter habe lachen sehen . Der Vater blieb zwar lange , es mögen wohl Wochen gewesen sein , bei uns . Aber schon am folgenden Tage war die Mutter nicht mehr heiter . Am dritten Tage sah ich sie weinen ; aber sie klagte nicht , wenn der Vater kam und zeigte immer ein freundliches Gesicht . Eines Abends , als ich mich im Garten umhertummelte , hörte ich plötzlich die Stimme meiner Mutter . Sie drang aus einer Laube her zu mir . Ich schlich mich näher . Mein Vater saß auf einer Bank und spielte mit der Reitgerte . Die Mutter stand vor ihm , ihr Gesicht konnte ich nicht sehen , aber ihre Stimme war sehr zornig . Endlich sank sie erschöpft nieder . Mein Vater erhob sich , er war sehr blaß und versuchte sie aufzuheben - aber sie stieß ihn von sich . Da lachte er laut und eilte hinaus . Jetzt konnte ich mich nicht länger verbergen , ich stürzte aus meinem Versteck hervor - warf mich bei der Mutter nieder und weinte mit ihr . Da brachte unser alter Diener der Mutter einen Brief . Hastig erbrach sie ihn - aber schon im nächsten Augenblick entfiel er ihrer Hand . Endlich führte sie mich in das Zimmer des Vaters , das leer war und sagte , mit trübem Lächeln sich umschauend : » Du hast keinen Vater mehr , Salvador . « Dann warf sie sich auf das Knie und betete lange . Als sie sich wieder erhob , - glänzte ihr Auge wunderbar . Sie gebot mir niederzuknieen und sagte darauf mit feierlicher Stimme : - Salvador , mein Knabe ! Du hast es gehört : Du hast keinen Vater mehr , Du hast nie einen Vater gehabt . Weine nicht , mein Sohn . Wenn Du keinen Vater mehr hast , so hast Du eine Mutter und die wird Dich nie verlassen . Er war ein Verräther , ein Elender , der meine Liebe mit Füßen trat . - Sie schwieg und ich weinte leise fort . Darauf wand sie diese rothe Schärpe mir um den Leib , steckte einen Dolch in die Schärpe und führte mich zu dem Kruzifix in der Ecke des Zimmers . Er hat mir den Himmel aus der Brust geraubt , Salvador , mir das Leben zur Hölle gemacht . Willst Du mich rächen an dem Verräther ? - Ich will es - antwortete ich fest . Meine Thränen waren von dem eisigen Hauch , der mich aus den Worten der Mutter anwehte , getrocknet . - Du wirst sein falsches Herz mit diesem Dolche durchbohren , Salvador . - Ich werde es thun . - Komm an meine Brust , mein Kind , schluchzte jetzt die Mutter , mich zu sich hinaufziehend . - - Der Name des Verräthers wurde zwischen uns nie mehr genannt . Lydia hatte mit wachsender Spannung , die zuletzt in Angst überging , auf Salvadors Erzählung gehört . Sie konnte den Rachedurst der Spanierin nicht begreifen , welche ihr eigenes Kind zum Vatermörder erzogen hatte . Aber sie wagte es nicht , ihre Ansicht hierüber mitzutheilen , aus Furcht , sein Vertrauen zu verlieren . - Und hast Du - sagte sie zögernd - Deinen Schwur gehalten ? Der Knabe sah fragend zu ihr auf . - Lebt Dein Vater noch ? - Er lebt noch - Donna ! Ihr kennt ihn auch . - Ich ? - Ja . Erinnert Ihr Euch noch des Abends in Wien , wo ich Euch zur Messe begleitete ? Als wir zurückkehrten nach Eurer Wohnung , da trat er Euch auf der Schwelle entgegen . - Der Fürst Lichninsky ? - sagte überrascht Lydia . - Was ist Fürst ? - fragte gleichgültig Salvador . - Und warum hast Du ihn damals nicht getödtet ? - - Es war noch nicht Zeit , hatte der Tio gesagt . - Der Tio ? Wer ist das ? - Das ist der Pater Angelikus . Lydias Ueberraschung war zum Entsetzen geworden . Der fromme Vater , dem sie mit Hingebung sich überlassen , dessen Munde sie oft Worte der Liebe und Verzeihung hatte entströmen hören ; er wußte um den verbrecherischen Plan des Knaben , unterstützte ihn vielleicht gar ? Ihr schwindelte vor diesem Gedanken . Da durchzuckte eine Idee ihre Brust , die sie plötzlich mit neuer Hoffnung belebte . - Mein Salvador - sagte sie mit dem weichsten Tone ihrer lieblichen Stimme - nicht wahr , Du hast mich lieb ? mein Kind . - Ja - sagte der Knabe mit Ungestüm , und ein Strahl blitzte aus seinen Augen , vor dem Lydia erröthend das ihrige senkte - ich habe Euch am liebsten auf der Welt ; aber ich bin kein Kind . - Nun , wenn Du mich lieb hast - fuhr Lydia , seinen Lockenkopf streichelnd , fort - so mußt Du das nicht thun . - Was nicht thun ? - Deinen Vater tödten . - - Ich habe keinen Vater . - Salvador , versprich mir , ihn nicht zu tödten - bat Lydia fast flehend in unschuldiger Koketterie ihre Hand auf seine brennende Stirn legend , denn sie fühlte , daß sie eine Macht über ihn besaß - die sie zum guten Zweck anwenden wollte . Des Knaben Brust arbeitete unter dem doppelten Einfluß zweier einander widerstrebender Gewalten . Lydia ' s Stimme tönte so süß in seinem Herzen , daß er fast nicht mehr widerstehen konnte . - - Da dachte er an den Schmerz seiner Mutter . Ihr herzzerreißendes Geschrei bei dem Abschiede von dem » Verräther « klang in seinen Ohren , durchdringend wie ehemals - er riß sich mit Ungestüm von Lydia los und sagte , mit flammenden Augen vor sie hintretend : - Nein ! Nein ! Nein ! Ich will Euch hassen , Donna , wenn Ihr das von mir verlangt , und wenn Ihr mich verrathet , werde ich Euch ermorden . Aber schon im nächsten Augenblick lag er zu ihren Füßen und bat um Verzeihung . Lydia war durch die ganze Scene in eine fieberhafte Aufregung versetzt . Sie beugte sich zu dem Knaben nieder und suchte ihn zu beruhigen ; aber selbst im Innersten bewegt , trug ihre Bemühung wenig zur Besänftigung der im Knaben erregten Leidenschaft bei . Der Schmerz im Andenken an die Qual seiner Mutter vermischte sich mit der Wonne , von Lydias Armen umschlungen zu sein , ohne daß er sich der Ursache klar wurde . Durch die Thränen , welche reichlich über seine Wangen strömten , glänzte die südliche Glut einer knospenden Liebe zu dem schönen Mädchen , das er umschlungen hielt , hindurch . Mit übermächtiger Gewalt zog es ihn hinauf an ihre Brust ; Lydia vermochte , sich in dem Gefühl Salvadors täuschend , nicht zu widerstehen . Im nächsten Augenblicke preßte sich sein glühender Mund auf den ihrigen , ihre Thränen vermischten sich , ihre Herzen schlugen stürmisch einander entgegen . Beschämt über ihre Schwäche , und die ihr selbst unerklärliche Hingabe an den Knaben - küßte sie sanft seinen Arm und sagte mit zitternder Stimme : - Nicht wahr , Salvador , Du wirst ihn nicht tödten ? Als hätte ihn eine Natter gestochen , so sprang der Knabe empor . - Sprich nicht davon , bei allen Heiligen , ich bitte Dich - sagte er düster - soll ich den Fluch meiner Mutter auf mich laden ? Nein , es darf nicht sein . Lydia seufzte . - So werde ich Dich nicht mehr lieb haben , Salvador . - - Der Knabe blickte sie wild an . Dann setzte er sich wieder auf seine Fußbank und begann ein altes spanisches Lied zu singen , als Alice mit glühenden Wangen und fliegendem Athem ins Zimmer trat . - - - IX Am Morgen des 18. März schien es , als ob plötzlich aller Zwist , der seine blutige Geißel die ganze Woche hindurch über die Hauptstadt geschwungen hatte , verschwunden , und das Berliner Volk seinen alten Charakter der Jovialität und Leichtfertigkeit wiedergefunden hätte . Man sah nur freudig daherwandelnde Gruppen und heitere Spaziergänger . Alles deutete darauf hin , daß der Hader beseitigt und das alte Verhältniß philiströser Anhänglichkeit des Volkes zum Könige wiedergekehrt sei . Die Bürgerwehr sollte errichtet werden . Die Menge strömte nach dem Zeughause , wo der nachherige Minister von Schreckenstein in höchsteigener Person die Vertheilung der Waffen vornehmen ließ . Alles war zufrieden . Man hatte so schnell seinen Groll vergessen , daß man sogar der angebornen Spottlust über die Ereignisse der letzten Tage freien Lauf ließ . Dennoch hätte ein aufmerksamer Beschauer selbst in der scheinbaren Harmlosigkeit des Volks eine große Veränderung wahrgenommen . Man witzelte , lachte , flanirte umher , wie vor zehn Tagen , aber die Witzeleien hatten eine politische Pointe , das Lachen glich dem Hohnlachen eines siegsgewissen Kämpfers , wie ein Ei dem Andern , und in dem schlendernden Gange der Spaziergänger lag eine Nonchalance , welche weniger das Gepräge eines absichtslosen Sich-Gehen-Lassens als einer übermüthigen Nichtberücksichtigung der Form trug , welche aus einem Gefühl der Nichtachtung des Gegners entspringt . Das Volk hatte offenbar das Bewußtsein , einen ersten Sieg errungen zu haben , und in diesem Bewußtsein die ahnungsreiche Hoffnung , daß dieser erste Sieg nicht der Letzte sein werde . Sämmtliches Militär war theils in den Kasernen , theils im Schlosse consignirt . Der König hatte , durch die Erfahrung der letzten Tage belehrt , am meisten aber durch die Wiener Revolution und deren Consequenzen erschreckt , ein anderes System eingeschlagen . Man versuchte es , das Volk sich selbst zu überlassen , um zu sehen , ob der angeschwollne Strom von selbst zu dem gewöhnlichen Niveau herabsinken werde . So wogte denn heute die Menge wie ein Meer nach dem Sturme auf und ab . Gegen Mittag hieß es plötzlich , der König werde um 2 Uhr vom Balkon des Schlosses herab dem Volke eine Constitution ertheilen und das gesammte Ministerium entlassen . Mit Blitzesschnelle verbreitete sich das Gerücht durch die ganze Stadt und setzte ungeheure Massen nach dem Schloßplatze in Bewegung . Auch Alice , welche mit dem Prinzen A. von einer Spazierfahrt zurückkehrte , überredete ihn , sich mit ihr der Menge anzuschließen . Bald waren sie denn auch dem Schlosse gegenüber fest eingekeilt . In diesem Moment erschien der König , sprach zu dem versammelten Volke einige Worte , von denen aber nicht einmal der Ton zu unsern beiden Freunden herabdrang , und entfernte sich dann wieder . Ein vieltausendstimmiges Lebehoch drang aus der Menge zu ihm empor und brach sich in mächtigen Echos an den grauen Wänden des altehrwürdigen Gebäudes . Abermals begann die Menge , sich in Bewegung zu setzen . Der Prinz gelangte mit Alicen glücklich zum Hauptportal . Doch bald wurde hier das Gedränge am stärksten . Den Eingang desselben hatten die neuerfundenen Friedensmänner mit weißen Binden um den Armen eingenommen . Hinter ihnen standen die Garden , deren Bajonette über die Köpfe ihrer Vordermänner hervorragten . Des Volkes hatte sich jetzt ein aus seiner momentanen Stimmung allein erklärlicher Enthusiasmus bemächtigt . Alle Schranken zwischen ihm und dem Könige sollten jetzt fallen . - » Soldaten heraus ! « tönte eine Stimme . Das war das Wort , das den Zauber löste und das Volk zum Bewußtsein brachte , was es eigentlich wollte . Preußen war ein Polizeistaat , noch mehr aber ein Militärstaat . Das fühlte in diesem Augenblicke die Menge , als ihrer Sehnsucht nach dem mit ihr ausgesöhnten Könige durch die Bajonette der Gardisten ein Zügel angelegt wurde . » Soldaten heraus ! « - schallte es jetzt aus tausend Kehlen . Man drängte nach dem Portale zu . Immer dichter und dichter schoben sich die Massen in- und durch einander . Da hörte man plötzlich den dumpfen Schall der Trommel . Infanterie rückte von der Schloßfreiheit her und schwenkte im Sturmschritt gegen die Menge um . In einem Augenblicke war der Schloßplatz durch Militär , welches von der Ecke der Breitenstraße bis nach dem Schloßgarten mit der Front nach der Kurfürstenbrücke aufgestellt war , in zwei große Hälften getheilt . Noch als der äußerste rechte Flügel den Bogen beschrieb , um seine Stellung einzunehmen , sprangen drei Soldaten aus den Reihen heraus und mit vorgestrecktem Bajonette auf die Spatziergänger ein , welche aus Neugierde auf dem Trottoir vor den » Fiscatischen Laden « stillstanden , um von fern dem Treiben am Schloßportale zuzuschauen . Alice stand nur zehn Schritte davon entfernt , sie war von der Seite des Prinzen gerissen und jetzt von ihm durch das Militär getrennt . Sie sah , wie die Soldaten auf die harmlos Dastehenden einsprangen und plötzlich - ob durch Zufall oder Absicht , konnte sie nicht entscheiden - sich ihrer Gewehre entluden . - - Einen Augenblick nach dem doppelten Knall trat eine Todtenstille ein . Im nächsten tobte der Ruf : » Rache , Rache ! das ist Verrath ! « - durch die Menge ; die Friedensmänner rissen die weißen Binden von dem Arme und traten sie mit Füßen . Vor einem Augenblicke allgemeiner Jubel , Enthusiasmus ohne Gleichen - im nächsten das Wuthgeschrei betrogenen Vertrauens . - Alice dachte in diesem Moment an die Worte , welche sie zu Herrn v. M. gesagt : » Ein kluger Mann versucht nicht eher zu vermitteln , als bis die Vermittelung unmöglich geworden . « - Sollte er nicht diesen Augenblick als den richtigen erkannt haben , um auf dem Schauplatze zu erscheinen - dachte sie bei sich und ihr Blick richtete sich unwillkührlich nach der Kurfürstenbrücke . Sie hatte sich nicht getäuscht . Herr v. M. , umgeben von der aufgeregten Menge , mehr getragen als gehend , nahte sich dem Schlosse . Sie eilte ihm entgegen und setzte ihn mit wenigen ruhigen Worten die Lage der Dinge auseinander . Er begab sich sogleich zum Könige hinauf . - - - - Es war zu spät - - - - Der General von Möllendorf hatte die Kurfürstenbrücke occupirt , und sah sich von hier aus den Bau der ersten Barrikade an der Ecke der heiligen Geist-und Königsstraße an . Alle Vermittlungsvorschläge wurden zurückgewiesen . Eine weiße Fahne , welche vom Schlosse herabgebracht wurde , und auf der mit großen Buchstaben zu lesen war : » Ein Mißverständniß ! Der König will das Beste