war keine solche Macht , die ihn nur zum Widerstande hätte reizen können . Ein seiner Reize selbst unbewußtes , sich vertrauensvoll an ihn schmiegendes Kind war es , was nicht des eigenen Genusses wegen , sondern aus Liebe zu ihm , sich ihm überließ , auf seinen leisesten Wunsch lauschte , um ihn , kaum ausgesprochen , erfüllen zu können . - Darauf war er nicht gefaßt . - Seine Stimme zitterte fast , als er auf ihre Frage erwiederte : » Ich glaube , daß Du ein gutes Kind bist , Lydia . « » So hältst Du mich also nicht für eitel ? « - sagte sie heiter lächelnd , ohne Ahnung von dem Sturme , der in diesem Augenblick seine Brust durchwühlte . » Das freut mich , Richard . Denn ich glaube , daß Du das besser wissen mußt , als ich selbst . « Nachdenklich fuhr sie fort : » Man weiß wohl eigentlich selten , wie es im Grunde hier aussieht ; meinst Du nicht auch , Richard ? « - Sie legte den Zeigefinger auf dieselbe Stelle , auf der vorhin Gertruds Hand gelegen . So stürmisch es damals dort pochte , so ruhig war es jetzt . Landsfeld wußte nur noch zwei Mittel , um den künstlichen Damm , welchen er um seine Empfindung gezogen hatte , vor dem Durchbruch zu bewahren . Das eine war schleunige Flucht . Aber er schämte sich vor sich selber , als er daran dachte . » Ich will ' s wagen « - sagte er zu sich , das andere Mittel erwägend . » Das ist der ewige Widerspruch im Menschen « - sagte er ernst . » Die Gegenwart ist gerade das , wovon man am wenigsten weiß . Daher fürchtet man sich vor der Gefahr und selbst , nachdem sie schon verschwunden ist , in der Erinnerung weit mehr , als in dem Moment , wo man mitten darin ist . Wie mit der Furcht , so ist ' s auch mit der Hoffnung , mit der Erwartung überhaupt , sei ' s des Glücks und der Seligkeit , sei ' s des Schmerzes und der Trauer . Wie war Dir , Lydia , vor jenem Augenblicke , wo ich an Deine Thüre klopfte ? Jetzt bist Du ruhig , warst Du es damals auch ? - Bist Du es jetzt , da Du daran denkst ? « » Es ist wahr , Richard « - sagte sie erglühend . » Welches Gefühl es war , welches es auch jetzt ist , ich weiß es nicht , ich kann es nicht beschreiben - unnennbar , - überwältigend - tief beseligend - angsterfüllend . - - - - Richard ! « - Das letzte Wort sprach sie mit einem zugleich flehenden , zugleich hingebenden Tone . Landsfeld hielt mit der Rechten ihre Taille umschlungen . Mit der Linken zog er die Busennadel , welche ihr Nachtkleid über der Brust zusammenhielt , heraus . - » Bist Du nicht mein Weib ? « - flüsterte er , sich fester an sie schmiegend , mit jenem Vibriren der Stimme , das sie nur in der tiefsten Leidenschaft anzunehmen im Stande ist . » Fühlst Du nicht selber Sehnsucht , mein zu sein , Lydia - ganz mein zu sein ? « - Mit ängstlicher Erwartung blickte er ihr in das Auge , beobachtete er jede Muskel ihres Gesichts , während in seinem Innern der Kampf gegen die Macht der eigenen Leidenschaft fortwühlte . Ein feuchter Glanz schimmerte in ihren Blicken , aber es war nicht jenes verschwimmende , in eigener Gluth erstickende Feuer des Verlangens , nein , es war eine reine Thräne , die das ungewisse Bangen der Jungfräulichkeit , die Angst der mädchenhaften Schüchternheit ihr entpreßte . » Bin ich nicht ganz Dein « - sagte sie bebend - » Dein Weib ? Kann ich es mehr sein , als ich es bin ? Gehöre ich nicht ganz Dir , bist Du mir nicht Alles , mein Himmel , meine Seligkeit ? « Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und preßte sein Haupt an ihren Busen . Landsfeld fühlte sein Wogen , er hörte die verdoppelten Schläge ihres Herzens , und er konnte zu sich sagen : » Ist das nur Liebe ? Sollte kein sinnliches Verlangen in diesem ungestümen Pochen sprechen ? « - Der Gedanke machte ihn kalt . Er glaubte das richtige Mittel gefunden zu haben . - Sanft löste er ihre Arme und schaute sie lange , lange an . » Nicht wahr , Lydia , « - sagte er - » Du gewährst mir Alles , warum ich Dich bitte - und gern ? « » Alles , mein Geliebter , Du weißt es ja . Was hätte ich Dir zu versagen ? « - » Und gern ? « - fragte er dringend . Eine flüchtige Ahnung durchflog ihre Seele , daß sie noch mehr gewähren könnte , als was sie schon gewährt hatte . Unter tiefem Erröthen senkten sich ihre Blicke . - » Und gern ? « - fragte er noch dringender . - » Und gern « - antwortete sie kaum hörbar , ohne recht zu wissen , was sie damit sagte . - Er erblaßte , ein Zweifel stieg wieder in ihm auf . Aber er wollte Ueberzeugung . Seine Hand zitterte , als er leise die ihrige faßte , womit sie die keusche Brust bedeckte , deren stürmische Wellen das entfesselte Nachtkleid fortgeschoben . Sie zögerte . Aber ein Blick aus seinem Auge , worin eine tiefe innige Bitte glänzte , zwang sie fast wider Willen zum Nachgeben . Sie nahm die Hand von ihrer Brust und deckte sie vor das Auge . Er beugte sich nieder und drückte einen langen , glühenden Kuß auf ihren Busen . Eine nie geahnte Seligkeit durchzuckte ihn . Er hätte weinen mögen vor unnennbarer Lust . Und was er nie sich geträumt , vielweniger erlebt : es mischte sich in dieses Gefühl , das ihn bis in seine innersten Tiefen erschütterte , keine unreine Empfindung , kein sinnliches Verlangen . Wie geläutert durch diesen Kuß , aber vor unsagbarer Wonne erbebend , blickte er empor . Eine edle Freude lag in seinen Zügen , denn ihm war , als sei er selbst wieder zum reinen Jünglinge geworden . Und Lydia ? - Als sie seinen heißen Athem auf ihrem Busen fühlte , durchrieselte ein Fieberfrost ihren ganzen Körper . Sie war sich keines bestimmten Gefühls bewußt , sie fühlte auch seinen Kuß nicht mehr - nur eine Empfindung hatte sie , die eines anhaltenden , ihr ganzes Wesen erschütternden Schauers . Als er aufblickte , lag noch immer die Hand vor ihren Augen und zwischen den Fingern hindurch tropften einige brennende Thränen . Als er mit sanfter Gewalt ihre Hand von dem Gesichte herabzog , erschrak er über ihre Blässe . Mit einem halblauten Schrei sank sie an seine Brust . » Was ist Dir , Lydia ? « - fragte er weich . - » Jetzt bin ich Dein « - antwortete sie endlich , unter Thränen zu ihm aufblickend . » Keine Macht der Erde , keine Gewalt des Himmels kann mich von Dir reißen , Richard ! - O Richard , sag ' mir , welche geheime Macht in Dir ist , die mich so Dir zu eigen machen kann ? Geliebter , weißt Du , welchen Wunsch ich in diesem Augenblick habe ? « » Nun ? « - fragte er , ihre Locken aus dem Gesicht streichend , erwartungsvoll . Wieder that der Zweifel einen Griff nach seiner Brust . » Mit Dir , an Deiner Brust zu sterben « - sagte sie leise , indem sie schwärmerisch lächelnd zu ihm aufblickte . » Und weißt Du « - sagte er athemschöpfend - » welchen Wunsch ich habe ? « » Vielleicht denselben ? « - » Im Gegentheil : Mit Dir , an Deiner Brust zu leben « - erwiederte er , sie küssend . - » Jetzt aber « - setzte er schnell hinzu , als sie lächelnd die Augen niederschlug , als fürchte er in dem Kampfe , in dem er diesmal glücklich Sieger geblieben war , zu erliegen : » Jetzt wollen wir uns trennen . Vorher aber muß ich doch die Ordnung , die ich selber gestört , wieder herstellen . « Er versuchte , das Nachtkleid wieder mit der Nadel zusammenzustecken . » O - Du stichst mich ja , Unartiger « - rief sie , ihm auf den Finger klopfend . » Siehst Du , wie es blutet ? « Sie öffnete jetzt selber mit rührender Unbefangenheit das Kleid . In der That quoll an der Stelle , worauf sein Mund so lange geruht , ein Purpurtropfen . » Laß ihn mich aufküssen « - bat er . Sie erlaubte es lächelnd , indem sie sein Haupt umschlang und einen Kuß darauf drückte . » Gute Nacht , Geliebter « - sagte sie endlich , ihn fortdrängend . Noch einen Blick warf er auf sie . Dann entfernte er sich schnell und eilte nach seinem Zimmer . Zehntes Kapitel Je tiefer das Gefühl durch eine Idee bewegt wird , desto energischer ist natürlich auch der Enthusiasmus , desto lebendiger das Interesse für dieselbe , aber auch desto leichter die Gefahr der Einseitigkeit im Urtheil über dieselbe . Denn Unpartheilichkeit im Urtheil ist selten ein Beweis von Energie und Interesse , wogegen Einseitigkeit häufig das Merkmal eines energischen , kraftvollen Charakters ist , und nur ein angeborener Takt des Gefühls kann einen solchen vor dem Extrem darin bewahren . Kälte und Klarheit des Urtheils stehen sehr häufig in Wechselbeziehung , daher gehört ein gewisser Fond von Egoismus dazu , alle Gegenstände , selbst diejenigen , welche uns selbst alteriren könnten , in der gehörigen Entfernung und Sehweite festzuhalten , damit sie nicht verhältnißmäßig zu große Dimensionen annehmen . Landsfeld war Egoist , aber sein Egoismus war von der Art , daß er den Enthusiasmus für die Idee nicht nur nicht schwächte , sondern daß er mit ihm völlig zusammenfloß . Alle Siegeszeichen , die er in dem Kampfe für die Idee erworben , hing er in dem Tempel auf , in welchem sein eigenes Ich als Gott thronte . Seine Schwärmerei für Lydia - denn es war noch bloße Schwärmerei , was ihn zu ihr hinzog , noch keine Liebe - hatte indessen seit jener ersten Nacht nach und nach einen so individuellen Charakter angenommen , daß er selbst fühlte , wie das Verhältniß , in dem er bisher das ideale Streben zu seinem Ich gesetzt hatte , auf dem Punkte stand , sich umzukehren , so daß nämlich in Kurzem er nicht mehr die Idee seinem egoistischen Selbstgefühl , sondern vielmehr dieses der Idee zum Opfer darbringen werde : kurz er war auf dem besten Wege , dem Glauben , dem Vertrauen hingebungsvoll seine Brust zu öffnen . Von Tage zu Tage wurde sein Benehmen gegen Lydia aufrichtiger , herzlicher und wärmer , obschon er es vermied , Scenen gleich der am Ende des vorigen Kapitels beschriebenen herbeizuführen . Ja , er ertappte sich jetzt auf dem Gefühl eines leisen Vorwurfs , wenn er , seinem Plane gemäß , zuweilen sein Auge beobachtend auf ihren reinen Zügen ruhen ließ , um nach irgend einer Nahrung für seine Zweifelsucht zu spähen . Lydia hing mit einer wahrhaft überirdischen Liebe an ihrem Gemahl . Die völlig inmaterielle Liebe , welche das Wesen dieses unnatürlichen Verhältnisses zwischen den beiden Gatten ausmachte , übte indeß einen Einfluß auf ihr Gemüth aus , der demjenigen auf Landsfelds Empfindung ganz entgegen gesetzt war . Während der Letztere durch Beschränkung seines Egoismus , welche eine natürliche Folge von Lydiens reiner Weiblichkeit war , zur Ruhe , zur Einheit mit sich selbst und zur Versöhnung mit der Welt zurückgebracht wurde , versetzte der feine Aether jener platonischen Seelengemeinschaft Lydia in einen Wechsel nervöser An-und Abspannung , der zuletzt nachtheilig auf ihre Gesundheit wirkte . Ihre Gesichtsfarbe wurde allmählich bleicher , der frische Glanz ihres schönen Auges schwächer : ihr ganzes Wesen erhielt den Ausdruck einer tiefen ihres eigenen Ursprungs unbewußten Schwermuth , die sich in unbewachten Augenblicken zuweilen sogar in Thränen Luft machte . Frau von Dornthal beunruhigte sich nicht allzusehr über diese Veränderung in Lydiens Wesen , da sie sie aus ganz natürlichen Gründen sich erklärte , und Lydia überdies , wenn sie von ihrer Mutter gefragt wurde , ob sie sich glücklich fühle , stets von Verehrung und Liebe für Landsfeld überströmte . Landsfeld hätte wohl am ersten durch Lydiens Verstimmung beunruhigt werden können , in so fern er darin einen Beweis gegen ihre weibliche Reinheit und vollkommene Unschuld hätte finden können . Allein er fühlte selber zu fein , um sich nicht sagen zu müssen , daß , wenn sein Zweifel sich im Geringsten gerechtfertigt halten dürfte , Lydiens Wesen ein ganz anderes hätte sein müssen . Denn es lag weder unwilliges Erstaunen darin , noch konnte er eine Spur von Stolz an ihr bemerken , wodurch er zu der Vermuthung hätte veranlaßt werden können , sie habe ein klares Bewußtsein , ja nur eine unbestimmte Ahnung über die Art seiner Vernachlässigung . Vielmehr blieb ihre mädchenhafte Zärtlichkeit und rührende zutrauensvolle Hingebung zu ihm nicht blos gleich , sondern nahm täglich an Tiefe und Leidenschaftlichkeit zu . Und fragte er sie zuweilen , ob sie sich unwohl fühle , daß sie so bleich und niedergeschlagen aussähe , so pflegte sie nur lächelnd und seufzend zu erwiedern : » Es muß wohl sein , weil ich Dich zu sehr liebe , Richard . Es ist mir manchmal , als ob diese Liebe von meinem Herzblut sich nähre . « - » Sollte man an Liebe sterben können , Richard ? « - fragte sie einmal , statt auf seine Frage zu antworten . » So ist mir zuweilen . « Landsfeld machte ihr den Vorschlag , häufiger in Gesellschaften zu gehen . » Vielleicht wird Dich das etwas zerstreuen « meinte er . Da sie in Alles willigte , was er über sie bestimmte , so hatte sie auch hiergegen Nichts einzuwenden . Aber das Uebel nahm dadurch nur eher zu als ab . Selbst ihre Freundinnen aus der Pension , von denen einige ebenfalls verheirathet , und ein » Haus « machten , konnten in ihr die frühere Sympathie nicht wieder erwecken . Häufig ereignete es sich auch , daß sie Abends , wenn sie mit Landsfeld in ihrer Behausung wieder angelangt war , noch in sich gekehrter erschien als gewöhnlich . Wenn er sie dann fragte , was der Grund ihrer nachdenklichen Stimmung sei , so antwortete sie entweder ausweichend oder sie bekannte selber den Grund davon nicht zu wissen . » Was ist Dir begegnet , Lydia ? « - sagte er , in ihr Schlafzimmer tretend , als sie einmal von der glänzenden Hochzeitsfeier einer ihrer Freundinnen zurückgekehrt waren . » Du bist heute wieder so einsylbig und niedergeschlagen . « » Ich weiß es nicht - und suchte eben selbst darüber klar zu werden . - Hilf mir , Richard . Ich verstehe mich selbst nicht mehr und die Andern noch weniger . « » Die Andern ? « - » Ja , ich komme mir zuweilen recht albern vor . Ist denn die Welt eine andere geworden , oder habe ich mich nur so verändert ? « - » Erkläre Dich deutlicher , Lydia . - Ich verstehe Dich nicht . « - » Das ist ' s ja eben , was mich drückt . Aber Du , Richard , solltest mich doch eigentlich verstehen . « - Sie blickte ihm fast bittend in ' s Auge . Er verstand sie recht gut , aber sie über sich selbst aufzuklären , wagte er kaum noch . Mit einer wahren Angst hatte er schon oft daran gedacht , wie er in der Schranke , die er willkührlich zwischen sich und Lydia gesetzt , sich eine Macht geschaffen , deren Besiegung ihn vielleicht noch größeren inneren Kampf bereiten würde , als ihm ihre Aufstellung gekostet hatte . War er vor drei Monaten - - so lange waren sie jetzt verheirathet - in Verlegenheit um die Mittel gewesen , seiner eigenen Leidenschaftlichkeit zu widerstehen , so war er es jetzt vielleicht noch mehr um die Mittel , diesen Widerstand , der für ihn fast zu einem moralischen Zwange geworden war , auf geeignete Weise aufzuheben . Und gerade diese ganze Umkehrung der Verhältnisse hatte seiner allmählig erwachenden wahrhaften Liebe zu ihr eine Intensität gegeben , die ihm jene Schranke zu einer drückenden Fessel umschuf . Landsfeld war in der That unglücklicher noch als Lydia . » Sprich , mein theures Kind « - sagte er , sich wie an jenem ersten Abende an sie schmiegend - » sprich , ist Dir irgend etwas aufgefallen heute Abend , hast Du irgend etwas gesehen oder gehört , was Dir ein peinliches Gefühl erregt hätte , oder was Dir auch nur unklar geblieben wäre ? « » Das ist ' s , Richard - ja , unklar geblieben ist mir Manches , schon früher , aber ich habe es immer meiner eigenen Unwissenheit zugeschrieben ; und da es meistens Dinge betraf , die ich nicht gut - die ich möglicherweise ganz falsch verstanden - um die ich Dich nicht fragen wollte , aus - « » Nun ? aus - - « » Aus Furcht , etwas Unpassendes zu sagen , Richard . « » Daran hast Du unrecht gehandelt , Lydia . - Wie kannst Du so etwas fürchten bei mir ? Ich weiß ja , daß Du Vertrauen zu mir hast , nicht wahr ? « - » Unbegrenztes , mein Richard . « » Nun , also - « » Heute zum Beispiel - ich sprach mit Theresen über unsere häusliche Einrichtung - Du erinnerst Dich wohl , daß sie ungefähr eben so lange verheirathet ist , als ich , etwas länger noch - da sie jetzt in Potsdam mit ihrem Manne wohnt , so hatte ich sie seitdem nicht gesehen - heute also fragte sie mich , ob - ob - - « sie verbarg ihren Kopf an seiner Brust . Landsfeld erschrak . » Es ist die höchste Zeit « - dachte er . - » Wenn eine indiskrete Freundin den Schleier lüftet , den ich selbst noch nicht gehoben , dann ist mein ganzes Werk vernichtet . « - » Warum solltest Du mir nicht sagen können , was eine Freundin zu Dir zu sagen wagte ? « - fragte er laut . » Mißverstehe mich nicht , Richard ; Therese meinte es gewiß nicht böse . - Sie fragte , ob - wir ein und dasselbe Zimmer bewohnten ? « - Eine flammende Röthe überdeckte ihr Gesicht , als sie nach einem kurzen aber heftigen Kampfe diese Worte herausgebracht hatte . Landsfeld athmete etwas freier . » Und was weiter ? « - fragte er mit einem Lächeln , das ihr neuen Muth gab . » Als ich ihr mein Mißfallen über das Unzarte ihres Benehmens zu erkennen gab , erwiederte sie : das wäre bloße Ziererei und ich thäte gerade so , als ob ich noch ein Mädchen wäre . Das kränkte mich , Richard , da ich nicht begreifen kann , warum eine Frau weniger Zartsinn haben sollte , als ein Mädchen ; ich stand auf und verließ Theresen , um mich zu ihrer älteren Schwester zu setzen . - Aber diese war mir gefolgt und trug nun wie zu ihrer eigenen Rechtfertigung unser ganzes Gespräch mit einer mir räthselhaften Unbefangenheit ihrer Schwester vor . Letztere hörte aufmerksam zu und meinte dann , als ich die Wahrheit der Erzählung bestätigt hatte : entweder sei ich selbst ein kleiner Schelm , oder mein Herr Gemahl - wie sie sich ausdrückte - ein großer . - Was sagst Du dazu , Richard ? « - » Sie mag wohl nicht ganz unrecht gehabt haben - doch lasse sie reden und kümmere Dich nicht darum « - setzte er schnell hinzu . - » Sie haben sich wohl nur einen Scherz machen wollen . « » Das dachte ich auch anfangs , aber - - « Lydiens Stimme drückte von Neuem eine so mädchenhafte Zaghaftigkeit aus , daß Landsfelds Besorgniß wieder rege wurde . » Noch mehr ? « fragte er aufmerksam . Lydia wollte eben antworten , als sie plötzlich , nach dem Fenster zeigend , ausrief : » Mein Gott , was ist das ? Sollte die Mutter kränker geworden sein ? Was bedeutet das Licht auf dem Korridor ? « » Bleibe hier , liebe Lydia « - sagte Landsfeld , sie sanft zurückdrängend , da sie das Zimmer verlassen wollte . » Du bist so leicht bekleidet . Ich werde selbst nachsehen . « Bei diesen Worten verließ er das Zimmer und ging leise den Korridor hinab . Am Ende desselben traf er Gertrud , welche eben im Begriff war , das Zimmer der Forsträthin zu öffnen . » Was giebt ' s , Gertrud ? « fragte er . » Ach , gnädiger Herr - ' s steht gar nicht gut mit der Frau Mutter , glaub ' ich . « - » Still , Gertrud « - wir wollen dem Himmel nicht vorgreifen . Und vor allen Dingen lassen Sie meiner Frau nichts von Ihren Befürchtungen merken ! « - » Behüte der Himmel , gnädiger Herr . « Landsfeld kehrte zu Lydia zurück , die in ängstlicher Spannung am Fenster seiner harrte . Nachdem er sie mit einigen Worten beruhigt hatte , drang er von Neuem in sie , ihre Mittheilungen fortzusetzen . Lydia war durch diesen Zwischenfall zu sehr aus ihrer früheren Stimmung gebracht , als daß sie seiner Bitte mit der nöthigen Unbefangenheit hätte genügen können . » Morgen « - sagte sie bittend . » Wie Du willst , liebes Kind . Morgen Abend dann ; ich reite schon früh fort und werde nicht zu Tische kommen . Du weißt , daß ich morgen zur Jagd geladen bin . « - Er drückte einen warmen Kuß auf ihren Mund und eilte nach seinem Zimmer . Als Karl dem ihm gewordenen Auftrage gemäß gegen fünf Uhr an die Thüre seines Herrn klopfte , fand er denselben bereits angekleidet am Sekretair mit dem Siegeln eines Briefes beschäftigt . » Dies Billet « - sagte er - » giebst Du an Gertrud , um es meiner Frau zu überreichen , sobald sie aufgestanden . « » Sehr wohl , Herr Baron . « » Jetzt hole mir das Frühstück und dann mach ' Dich selbst und die Pferde fertig . « Als der Diener das Zimmer verlassen , nahm Landsfeld das Licht vom Tische und begab sich mit leisen Schritten nach dem Schlafzimmer Lydiens . Behutsam öffnete er die Thüre und schloß sie eben so . Es rührte sich nichts . Dann stellte er das Licht auf die Console , und verdeckte es durch einen Lichtschirm , um seinen hellen Schein etwas zu dämpfen . Darauf trat er vor das Lager seiner Gattin , und versank in eine lange und stumme Betrachtung . Lydiens Schlaf schien nicht ruhig gewesen zu sein . Ihr linker Arm hing unbedeckt über die Bettlehne heraus , während der andere eine Hand breit unterhalb ihres Busens ruhte . Der kleine weiße Fuß von vollendeter Schönheit hatte die rothseidene Bettdecke von sich gestoßen . - - Landsfelds Blicke ruhten mit stiller Wehmuth auf diesen Reizen , ohne daß sich in ihm ein Verlangen irgend einer Art regte . Fast schmerzlich war der Ausdruck seines Gesichts , als er , in tiefes Sinnen verloren , vor dem Lager stand . Plötzlich wurde er aufmerksam . Lydia bewegte die Lippen . Er bog sich sanft über sie . » Richard « - sagte sie leise . - » Geliebter ! warum fliehst Du mich ? « - Vielleicht war es nur im Traume , ohne Bezug und deutungslos . Und dennoch veränderte sich der Ausdruck in Landsfelds Gesicht ; ein freudiges Lächeln erheiterte seine düsteren Züge . » Diese Qual soll enden « - sagte er halblaut theils zu sich , theils zu Lydia . - » Ja , Lydia , ich werde Dich nicht mehr fliehen . Denn ich glaube an Dich mit voller Brust , in tiefster Seele . - Nein , unter diesem schönen Busen kann kein unreiner , kein falscher Gedanke geboren werden . « Er hatte wie in Selbstvergessenheit bei diesen Worten die Hand auf ihr Herz gelegt . Sie zuckte einen Augenblick zusammen . Dann zog ein lächelndes Erröthen über ihre Wangen und Lippen . » Ich wußte es ja « - sprach sie im Schlafe fort - » Du konntest mich nicht verlassen . « Landsfeld war niedergekniet und drückte einen Kuß auf ihr Herz . Dann stand er leise auf , hob die herabgefallene Decke vom Boden und breitete sie leicht über den schönen Körper der holden Schläferin . Auch den herabgesunkenen Arm legte er vorsichtig auf die Decke und verließ dann , nachdem er noch einen Kuß auf ihre Stirn gedrückt hatte , eben so behutsam , als er gekommen war , das Zimmer . - Rasch verzehrte er sein Frühstück und eilte , als ihn Carl benachrichtigte , daß Alles bereit sei , hinunter . Es war ein kalter , aber heller Dezembermorgen , obgleich die Sterne noch an dem tiefblauen Himmel funkelten . Landsfelds Schritte knarrten auf dem festgetretenen Schnee , welcher sich über Nacht mit einer leichten , frischen Flockenschicht bedeckt hatte . Er schwang sich auf ' s Pferd und ritt , gefolgt von seinem Diener , dem Anhaltischen Thore zu . » Hier ist ein Brief vom gnädigen Herrn , Lydchen « - sagte die alte Gertrud , als sie einige Stunden später in das Zimmer ihres geliebten Pflegekindes trat , die eben die Augen aufgeschlagen . » Gieb schnell « - sagte diese , mit der Hand sich über das vom Schlaf geröthete Gesicht fahrend - » was mag er mir schreiben ? Er ist wohl schon lange fort , Gertrud ? « - fragte sie , mit dem Eröffnen des Briefes beschäftigt . » Was schreibt er Dir denn , Lydchen ? « fragte die neugierige Alte . » Daß er erst spät wiederkommen werde , wahrscheinlich erst morgen . Ich möchte mich deshalb nicht ängstigen und die Zeit benutzen , einige Besuche zu machen , die ich mir schon lange vorgenommen . Sonst nichts von Bedeutung . Was macht die Mutter , Gertrud ? hat sie gut geschlafen ? - Ich will gleich hinüber zu ihr . Wir wollen zusammen frühstücken . « Gegen Mittag , als Lydia mit ihrer Mutter plauderte , trat Gertrud wiederum mit einem Briefe in der Hand , der abermals an ihre junge Gebieterin gerichtet war , herein . » Er ist von Theresen « - sagte die letztere , zu ihrer Mutter gewendet . Sie durchflog das , wie es schien , eilig geschriebene Blatt und sagte dann : » Sie bittet mich , heute nach Potsdam zu kommen . Sie sei unwohl und sehne sich sehr nach mir . - Was soll ich thun , liebe Mutter ? Das geht doch unmöglich ; auch habe ich seit gestern alle Lust verloren , unser früheres Freundschaftsbündniß zu erneuern . « Auf die Frage der Forsträthin , was der Grund dieser plötzlichen Kälte sei , erwiederte Lydia ausweichend und im Allgemeinen , sie habe ihr gar nicht mehr gefallen ; denn sie konnte sich aus einer ihr selbst unerklärlichen Scheu nicht überwinden , ihrer Mutter das Gespräch mitzutheilen , dessen Anfang sie sogar ihrem Gatten nur mit großer Selbstüberwindung erzählt hatte . » Glaubst Du denn , daß es Landsfeld nicht angenehm sein würde , wenn Du allein hinführest ? « fragte die Forsträthin . » Du kannst ja Gertrud mitnehmen . « » O , ich fürchte mich nicht , liebe Mutter . Und Richard hat mich ja selbst zu Besuchen aufgefordert . Auch schreibt mir Therese , daß am Bahnhofe ihr Wagen mich erwarten werde , und daß sie darauf rechne , daß ich die Nacht bei ihr bleiben werde . Aber gerade das möchte ich nicht gern . « » Ich sehe wirklich keinen Grund , warum Du diese freundliche Bitte ablehnen willst , liebes Kind . Ich bin ganz wohl , wie Du siehest , Landsfeld kommt auch erst morgen . « - » Wahrscheinlich « - verbesserte Lydia . » Nun , das heißt wohl diesmal so viel als bestimmt . Es ist auch nicht gut möglich , daß er nach einer ermüdenden Jagd noch den weiten Ritt nach Hause macht , und nicht lieber auf dem Gute seines Freundes bleibt , der ihn eingeladen . « Lydia gab zuletzt der Ueberredungskunst der Mutter nach und fuhr in Begleitung Gertruds nach dem Potsdamer Eisenbahnhofe , ohne eine tief verschleierte und in einen Pelz gehüllte Dame zu bemerken , die ihr mit ängstlicher Sorgfalt auf dem Fuße folgte , und , nachdem der Zug in Potsdam angelangt war , schnell ausstieg und ohne erst zu suchen , auf eine der eleganten Equipagen zuging , welche auf dem Bahnhofe hielten . Sie pochte darauf dreimal an das herabgelassene Seitenfenster des Wagens , worauf es von Innen herabgelassen wurde . » Ist sie da ? « - fragte eine männliche Stimme . » Ja , - aber nicht allein , « war die Antwort . » Steigen Sie schnell aus . « » Nicht allein ? doch er nicht ? « » Nein , ein altes Weib . - Ich sehe sie eben auf den Perron treten . Beeilen Sie sich ! « Der Mann war indeß ausgestiegen und befahl dem Kutscher vor dem Perron vorzufahren , während er