jetzt der Wagen , in welchem der Rittmeister von Waldow mit seinem Neffen und Jaromir sitzt , im weiten Hofe des Schlosses Hohenthal . Die Ankommenden wurden gemeldet , und in das Empfangzimmer geführt . Die Gräfin , eine sehr hohe Gestalt , mit edlen , feinen Zügen , welche noch im Alter Spuren einer stolzen Schönheit zeigten , saß auf dem Sopha - der Graf trat einige Schritte nach der Thüre den eintretenden Gästen entgegen . Jaromir ward vorgestellt , und mit besondrer Huld begrüßt . Bereits hatte man sich eine Weile ziemlich lebhaft unterhalten , und der Rittmeister dem Grafen fein zu verstehen gegeben , daß er ihn allein und in Geschäften zu sprechen wünsche ; man stand eben auf , um , weil jetzt gerade die Sonne noch so warm schien , einen Spazier gang in den Park zu unternehmen , als sich eine Seitenthüre öffnete , und Elisabeth eintrat . » Meine Tochter Elisabeth - Graf von Szariny - Herr von Waldow - « sagte die Gräfin . Elisabeth verneigte sich mit einem leisen Erröthen , und einem Ausdruck der Ueberraschung im Blick , als sie diesen auf Szariny richtete . Szariny verneigte sich tief , und warf einen seelenvollen , bittenden Blick auf sie , welcher zu flehen schien : verrathe unser Geheimniß nicht - laß es vor diesen gleichgiltigen Augen Niemand sehen , daß es heute nicht zum ersten Male ist , wo wir uns gegenüber stehen - - denn er hatte es auf ihrem Antlitz gelesen , daß sie ihn erkannt hatte . Ihn selbst hatte ihre plötzliche Erscheinung geblendet - er war nicht gleich eines Wortes fähig , aber er war zu sehr Weltmann , um länger , als durch einen Augenblick stummer Bestürzung sein Erstaunen zu verrathen . Der Rittmeister ging mit dem Grafen in dessen Zimmer . Die beiden jungen Herren begleiteten die Damen des Hauses in den Park . Jaromir wußte sich davon keine Rechenschaft zu geben - aber er war nicht im Stande , mit Elisabeth eine Unterhaltung anzuknüpfen , er ging an der Seite der alten Gräfin , welche in ihrer frühesten Jugend Jaromirs Mutter , ehe dieselbe nach Polen gezogen war , als Mädchen gekannt hatte , und daher mir warmer Theilnahme Jaromir nach derselben befragte . Dadurch kamen sie Beide in ein mit Innigkeit geführtes Gespräch , welchem Waldow wenig Aufmerksamkeit schenkte , und er schien an Elisabeths Seite schlendernd diese mit seinem seichten Salongeschwätz mehr zu langweilen , als zu unterhalten . Man nahm in einem sonnigen Bosquet Platz , da die Gräfin niemals weit zu gehen vermogte , als plötzlich hinter einem meldenden Diener eine lange , hagere Gestalt mit klapperdürren Beinen einhergeschritten kam . » Hofrath Wispermann « - ward angemeldet , und erschien auf einem leichten Wink der Gräfin unter tiefen Verbeugungen . » Mein Gott , « sagte Waldow , noch eh ' Jener herzutrat , halblaut zu Jaromir und Elisabeth , zwischen denen er saß , » da ist wieder dieselbe stereotype Gestalt von heute Morgen , welche ich nun nicht anders , als den Unvermeidlichen nennen werde - denn jetzt ist gewiß kein Haus und Schloß in unsrer Nachbarschaft , in welchem sein Schatten nicht erschienen . « Wie der Hofrath mit bei der Gesellschaft saß , war natürlich wieder die neue Wasserheilanstalt der Kern des Gesprächs . Elisabeth fand das sehr langweilig , und da sie in nicht geringer Entfernung ein Maiblümchen blühen sah , so ging sie hin und bückte sich , dasselbe zu pflücken . Jaromir stand auch auf und folgte ihr , indem er sich stellte , als sei er der Meinung , sie wolle etwas Verlorenes aufheben . » Ach , Sie wollten nur das arme Maiblümchen pflücken , das so silberschön aus dem feuchten Moose hervorschaut , « sagte er , wie sich berichtigend . Sie zog die Hand von dem zarten Stengel wieder hinweg , den sie noch nicht geknickt hatte , und sagte , zu ihm aufblickend : » Soll das eine Bitte sein , das Maiblümchen nicht zu pflücken ? Es ist das erste , welches ich blühen sehe in diesem Frühling . « » Das erste - ja alles Erste muß man schonen , « sagte Jaromir . » Dann freilich brechen Sie es wenigstens nicht eher , als bis alle seine kleinen Glöckchen aufgeblüht sind - morgen ist der erste Mai , den haben sie einläuten wollen . « » Alles Erste muß man schonen , « wiederholte Elisabeth sinnend . » Warum alles Erste gerade - warum nicht alles Letzte ? « » O , « sagte er , » weil alles Erste von hoher Bedeutung ist - eine erste Blume und eine erste Begegnung und ein erstes Wort . « Sie erröthete leicht , und sagte nur , auf den Rasen umschauend . » Es werden bald noch mehr nachfolgen . « » Das lassen Sie mich hoffen , « erwiderte er . Sie waren nur wenige Schritte von der sitzengebliebenen Gesellschaft entfernt gewesen , und traten jetzt wieder zu dieser zurück . Der Rittmeister und der Graf kamen jetzt auch in den Garten - Beide sahen sehr aufgeregt und verstimmt aus , und bemühten sich vergebens , diese Stimmung den Anwesenden zu verbergen . Der Rittmeister mahnte zum Aufbruch . Die Aufforderung der Gräfin , zum Abend zu bleiben , ward von ihm unter einem unbedeutenden Vorwand höflich abgelehnt . Man empfahl sich einzeln von einander . Jaromir sagte dabei zu Elisabeth : » Geben auch Sie mir die Erlaubniß , Sie öfter zu sehen , wenn ich hier bleibe ? « Und Sie antwortete leise : » Bisher waren Ihre Gedichte für mich eine angenehme Gesellschaft , warum sollte es nicht ihr Dichter sein . « Er blickte sie froh überrascht an - aber er antwortete weiter Nichts , denn Waldow trat eben hinzu , um auch Abschied zu nehmen . Jaromir wandte sich jetzt an den Wasserdoctor , welcher ihm seine Impertinenz , wie er die Zerstreuung und das daraus entstandene Mißverständniß von demselben Morgen nannte , noch nicht vergessen , ihn deshalb nur scheel und von der Seite angesehen hatte , und übrigens seiner Nähe ausgewichen war , und jetzt nur eine steife Neigung mit dem Kopfe machte , als der junge Graf auf ihn zutrat , dieser aber sagte freundlich : » Ich werde mir morgen erlauben , Ihrer Anstalt einen Besuch abzustatten , und wenn mir die Localitäten gefallen , auf einige Wochen mich dahin zurückziehen . « Da auf einmal heiterte sich das Gesicht des Hofrathes urplötzlich auf , es war , als hätten bisher lauter Gewitterwolken dasselbe verdunkelt , und ein einziger unerwarteter Westwind trieb sie alle auseinander , und machte sie spurlos verschwinden . Der Doctor erwiderte mit einem tiefen Bückling , und begann lächelnd und schmunzelnd einen langen Sermon zu halten , wie sehr ihn die Bekanntschaft des Herrn Grafen ehre und freue , und wie er dem Himmel nicht genug für den günstigen Zufall danken könne , diese Begegnung herbeigeführt zu haben . Eine zweite Rede , welche er über die vortreffliche Einrichtung seiner Anstalt halten wollte , ersparte Jaromir sich und ihm , indem er versicherte , sich das Alles lieber morgen am schicklicheren Orte erklären zu lassen , und sich mit den andern Herren , mit denen er gekommen war , entfernte . XII. Folgen eines Besuches » In jenen Räumen des lebendigen Todes Zeigt Deine Hand das Elend kalt und tief , Die Noth - die Kinder mordet , wie Herodes , In deren Schaar vielleicht ein Heiland schlief . « Alfred Meißner . Als die drei Herren wieder in dem Hause des Rittmeisters angekommen waren , zog sich Letzterer sogleich in sein Zimmer zurück , um nöthige Geschäftsbriefe zu schreiben , wie er sagte . Er hatte vorher eine lange Unterredung mit seiner Gemahlin , welche sich nach dieser bei den jungen Herren entschuldigen ließ , und wegen Kopfschmerzen auf ihrem Zimmer blieb . » Im Grunde ist es sehr langweilig hier , « sagte Waldow , als er bei dem einsamen Abendessen Jaromir gähnend gegenüber saß . » Wissen Sie , « begann dieser , » daß mir Ihr Wort von diesem Morgen nicht wieder aus dem Sinne will : es ist leicht , Hohenheim berühmt zu machen ? « » Gewiß eine göttliche Idee von mir ! « rief Waldow » Wir wollen den Ort in die Mode bringen - Sie brauchen sich nur zu entschließen und die Presse in Bewegung setzen , sie für diese Idee gewinnen , und wir erreichen unser Ziel - die Presse ist eine Macht - « » Ja , eine Macht , der man selten gestattet , etwas Großes und Gutes zu bewirken , und welche man dafür doch negiren mögte , der man aber ungestört gewähren läßt , wenn es ihr einmal gefällt , eine Narrheit zu erfassen - und es soll mir Spaß machen , dies den Leuten zu zeigen . « » Sie brauchen nur einige emphatische Artikel über Hohenheim zu schreiben , eine Novellette , welche dort spielt , und unser Ziel ist erreicht . « » Ich werde noch mehr thun - ich werde selbst nach Hohenheim ziehen . « » Sie scherzen . « » Mein voller Ernst . Ich habe mich bereits bei dem Wasserdoctor vorhin angemeldet . « Waldow hielt sich vor Lachen die Seiten , wie seine Gewohnheit war - und er hatte sie nöthig , denn er pflegte immer ungewöhnlich laut und lärmend zu lachen . » Das ist göttlich ! Ich an Ihrer Stelle würde das bis über ' s Jahr versparen , wo der Ort Mode ist - jetzt werden Sie sich mit dem Engländer allerliebst amüsiren , und das Spazierenlaufen zu dem einsamen Brunnen , die frugale Kost muß eine süperbe Sache sein . « » Die Narrheiten der Kur werde ich nicht mitmachen - was ich will , ist nur , mich in eine romantische Natureinsamkeit zurück zu ziehen , dort ungestört zu arbeiten , der tödtlichen Langeweile des Salonlebens mich zu entziehen , und was mir dabei Spaß machen soll , ist , nach und nach die Kurgäste ankommen zu sehen , von deren Kommen ich die einzige Ursache sein werde , und die doch niemals weder dies , noch überhaupt einsehen werden , daß sie doch eigentlich nur mystificirt sind . Man muß endlich raffinirte Mittel ersinnen , um sich die Langewcile zu vertreiben . « » Ein königlicher Spaß ! « rief Waldow ein Mal über das andere . » Sie verdienten dafür den rothen Adlerorden oder eine Civilverdienstmedaille . « » Scherz bei Seite , « sagte Jaromir , » vielleicht können wir Eines oder das Andere dem unvermeidlichen Hofrath verschaffen , der natürlich auch ein berühmter Mann werden muß - ein Glück , daß er bereits Hofrath ist - das empfiehlt sehr - wir wären sonst auch noch in die Verlegenheit gekommen , ihm einen Titel zu kaufen . - Morgen fahren , reiten oder gehen wir hin , und dann schildere ich sogleich mit poetisch begeisterter Feder den reizend gelegenen Ort als ein wahres Paradies . Die Anstalt wird als im ersten Erblühen geschildert , in der aber bereits ein reicher Graf , ein junger Pole , ein berühmter Schriftsteller und Engländer eingetroffen sind . Dabei ist nicht die geringste Lüge , denn die ersten drei Personen vereinige ich alle in einer , und ich werde da sein . Die Umgegend wird als eine von vielen der ersten aristokratischen Familien bewohnte geschildert - einige Sagen werden von den Schlössern , welche sie bewohnen , mit eingewebt . « » Und vergessen Sie nicht , einzuschalten , daß schöne Burgfräuleins und hübsche Fabrikkinder in dieser Umgegend zu sehen sind . - Apropos - es war also kein Fabrikmädchen , sondern Comtesse Elisabeth , welche wir diesen Morgen sahen ; indessen find ' ich es höchst sonderbar , daß sie so vertraut mit dieser Tochter ihres bürgerlichen , gemeinen Nachbars that . - Nun , und wie gefiel Ihnen Elisabeth ? Ich muß gestehen , mein Geschmack sind diese schlanken , kalten Damen nicht . Wie gefiel sie Ihnen ? « » Ich urtheile selten nach erstem , flüchtigem Eindruck , « sagte Jaromir ausweichend , und fuhr dann wieder , zu dem ersten Thema schnell zurückkehrend , fort : » Ich lasse meine romantische Schilderung von Hohenheim die Runde durch mehrere Journale machen - gefällige literarische Freunde ersuche ich , kleine Notizen daraus noch auszumalen , meinen Bekannten in meinem letzten Wohnorte und Berlin schreibe ich privatim - und es müßte in der That seltsam zugehen , wenn es nicht innerhalb weniger Wochen für viel fashionabler gälte , in die Wasserheilanstalt nach Hohenheim zu wallfahrten , als nach Gräfenberg , und selbst nach Teplitz , Baden , Kissingen u.s.w. « » Nun , und Niemand wird darüber erfreuter sein , als ich , da eigenthümliche Verhältnisse es für mich vortheilhaft machen , einige Monate bei meinem Onkel noch auszuhalten , wo man , wie Sie sehen , nicht immer auf ' s Beste unterhalten wird . « Während so diese Beiden frohgelaunt den Abend heiter verplauderten , befand sich der Rittmeister unterdeß in einer ganz andern Stimmung ; seine Laune war viel eher grau in grau zu nennen , als rosenfarben . Er hatte vorher im geheimen Zwiegespräch dem Grafen von Hohenthal den höchst unangenehmen Fall vorgetragen , welcher ihn nöthigte , entweder sogleich zehn Tausend Thaler zu schaffen , oder einen der besten Theile seiner Besitzung zu verlieren . Er hatte zuerst von dem Grafen die bittersten Vorwürfe erhalten , daß er , wie dieser sich ausdrückte , eher zu einer gemeinen Krämerseele seine Zuflucht genommen , als zu einem Genossen seines Standes , und daß er ihn wenigstens nicht früher von dem ganzen unglückseligen Contrakt unterrichtet habe . Es müsse ihm doch viel leichter werden , den Wald an einen adligen Besitzer abzutreten , als an einen Industrieritter , der ihn gewiß umhauen , und als Brenn- und Nutzholz verwerthen lasse , und das schöne Wild daraus vertreibe , so daß , wo bisher in der feierlichen Waldstille nur die Flinte eines herrschaftlichen Jägers geknallt , bald der elende Lärm irgend einer Fabrik sich werde hören lassen . Endlich fragte der Graf , was der Rittmeister denn nun zu thun gedenke ? Dieser meinte , wie ihm keine Wahl bliebe , als entweder noch vor Nacht dieses Geld an Herrn Felchner zu schicken , oder gewärtig zu sein , daß dieser morgen von dem Walde Besitz nehme . Dies war dem Grafen ein so entsetzlicher Gedanke , daß er sogar seine Ausführung für eine Unmöglichkeit erklärte - endlich öffnete er seinen Sekretär , sah viele Fächer und Papiere durch , und überreichte nach langem Suchen und Zählen dem Rittmeister fünf Tausend Thaler in Staatspapieren und Actien . Mehr war ihm für jetzt nicht zur Hand , in acht Tagen , sagte er , würde es ihm möglich sein , auch die andere fehlende Hälfte der Schuldforderung zu liefern . Er ließ sich darüber von dem Rittmeister eine Bescheinigung geben , und gab ihm selbst schriftlich das Versprechen , in wenig Tagen ihm fünf Tausend Thaler auszuzahlen , damit sich dieser dessen als einer Beglaubigung Herrn Felchner gegenüber bedienen könnte , da dieser Nichts mehr auf seinen Credit gab . Der Rittmeister mußte sich nun wieder zu einem höflichen Brief an den Fabrikherrn entschließen . Er legte die fünf Tausend Thaler und die Bürgschaft des Grafen Hohenthal für das fehlende bei , und bat nun , sich noch einige Tage zu gedulden . - Der Brief war ein seltsames Gemisch von höflichen Redensarten , kriechenden Bitten und aristokratischen Anmaßungen . - Er sandte diesen Brief sogleich durch einen erpressen Boten an Herrn Felchner . Dieser saß eben mit Pauline , Georg und den Factoren beim Abendessen , welches so hastig und schweigsam eingenommen ward , wie immer , als man ihm des Rittmeisters Brief überbrachte . Er riß das Siegel verdrießlich auf - » sollte er doch noch das Geld aufgetrieben , und mich so um den guten Handel , den ich so leicht mit dem Walde gemacht hätte , betrügen ? « Als er gelesen , und die Papiere durchgesehen , stand er halb ärgerlich , halb lächelnd auf , und ging in sein Comtoir . Hier schrieb er an den Rittmeister : » Euer Hochwohlgeboren haben mir kein baares Geld geschickt , sondern elende Papiere , zum Theil von sehr relativem Werth . Wer wird eine Schuldzahlung in Actien annehmen ? Die Bürgschaft des Grafen Hohenthal ist für mich ohne Werth , denn sie ist nicht gerichtlich . Ein Mann , ein Wort - ich habe sechs Wochen Geduld gehabt , und Ihnen heute erklärt , daß dieselbe zu Ende ist . Bemühen Sie sich ja nicht weiter , mit höflichen Redensarten mich andern Sinnes zu machen . Ich schicke Ihnen Ihre Papiere wieder , und übergebe morgen unsere Sache dem Gericht . « Er versiegelte Alles , und gab das Paquet dem Boten des Rittmeisters . Dann rief er seine Tochter . » Mein Kind , « sagte er freundlich , » ich habe heute in Deinem Namen einen Korb ertheilt , ist Dir das recht , oder hättest Du schon Lust , Dich zu verheirathen ? « » Nein , gewiß nicht , lieber Vater , « sagte Pauline halb erröthend , halb lachend . » Es kann auch nur ein Scherz von Dir sein , denn ich wüßte nicht , wer könnte im Ernst um mich angehalten haben . « » Ei doch , es ist gar kein Scherz - der junge Baron von Waldow , dessen Vater dadurch aus seinen Schulden kommen wollte - ein neues Mittel für einen Vater - in der That ein neues Mittel , sonst suchen nur die adligen Taugenichtse eine reiche Partie , um ihre Schulden zu bezahlen , und ihr faules und lockres Leben bequem fortsetzen zu können - aber der Speculationsgeist dieser Herren macht immer riesenhaftere Fortschritte - jetzt suchen die herabgekommenen adligen Gutsbesitzer für ihre Söhne die Goldfischchen zu angeln , um durch einen guten Fang zugleich sich selbst mit aufzuhelfen - eine sehr bequeme Art , sich zu bereichern , eine allerliebste Industrie ! - Wie , oder wärst Du etwa selbst gern gnädige Frau geworden , Pauline - auch wenn - - « Der Alte hatte sich selbst immer mehr in Heftigkeit geredet , so daß Pauline , um ihn zu begütigen , die kleine Hand auf seinen Arm legte , und sanft sagte : » Aergere Dich nicht unnütz , ich habe gar keine Lust , an ' s Heirathen zu denken , und die adligen Herren sind mir eben so uninteressant gewesen , als die bürgerlichen . « » Das ist gut , Kind , « sagte der Fabrikant , » denn ich sage Dir , wenn ein reicher Graf kommt und um Dich wirbt , ich werde es mir noch überlegen , aber das sage ich Dir , ehe ich zugebe , daß so ein herabgekommener Krautjunker , der Nichts hat , und Nichts gelernt hat , und Nichts verdienen will , eh ' ein solcher Tagedieb Dein Mann wird - eher gebe ich Dich lieber dem Geringsten meiner Leute , der seine Sache versteht , und redlich arbeiten gelernt hat . « Pauline wußte nicht , wie es kam , aber die letzten Worte ihres Vaters thaten ihrem Herzen wohl . Ein Factor trat ein , um eine Geschäftsangelegenheit mit Herrn Felchner zu besprechen , und das Zwiegespräch hatte ein Ende . Der Abend war noch schön , die Dämmerung brach nur langsam herein , und Pauline ging noch in ' s Freie . Sie war noch nicht lange im Garten , und hatte sich nur eben in die stille , knospende Hollunderlaube gesetzt , als Franz Thalheim leise in den Garten trat , und sich schüchtern näherte , und ehrerbietig grüßte . » Guten Abend , « sagte sie freundlich , » was bringen Sie mir ? « » Ja , Fräulein , ich komme schon wieder , « antwortete er traurig , » und immer nur mit Bitten - « » Lassen Sie die Bedenklichkeiten , « fiel sie ihm mild in ' s Wort , » ich habe es Ihnen ein für alle Mal gesagt : es ist nicht in meiner Mache , der allgemeinen Noth abzuhelfen , und dabei mein einziger Trost , wenn ich im Kleinen sie lindern kann . « » Und Sie werden Niemals müde werden , unser guter Engel zu sein , auch wenn Sie für uns leiden müssen : « sagte er flüsternd , fragend . » Ich verstehe Sie nicht recht , « antwortete sie , » aber sagen Sie mir , welche Bitte Sie herführt . « » Ein Kind , ein Mädchen von sieben Jahren , hat die Hand nicht zeitig genug unter der sägenden Dampfmaschine weggezogen , und dadurch ist ihm der Arm halb zersägt und abgerissen worden . « Pauline verhüllte ihr Gesicht und ward bleich . » O , mein Gott , ein Kind ! « seufzte sie leise . » Die Mutter hat die kleine , halb todte Lise mit zu Hause genommen . Einer von uns , der es mit angesehen , bat den Factor , er möge nach dem Chirurgen schicken , von welchem Herr Felchner seine Leute curiren läßt , denn die armen Eltern haben Nichts , wovon sie dem Chirurgen seinen Weg bezahlen könnten , und ohne Geld - Sie wissen ja - - « » Mein Vater wird gewiß - « begann Pauline . Aber Thalheim fiel ihr in ' s Wort : » Ach nein , leider kennen wir Herrn Felchner besser - wir haben zur Antwort erhalten , daß es eine lächerliche Zumuthung wäre , wenn er für jedes Kind , das rein aus bloßer Ungeschicklichkeit einen Schaden nähme , sorgen solle - dann würden wohl gar die Arbeiter ihre Kinder versichtlich verstümmeln , damit sie gut gepflegt würden , und faullenzen könnten - ach , Fräulein , so schlecht denken die Reichen von den armen Leuten . « Pauline warf einen flehenden Blick zum Himmel , aber sie wußte Nichts zu antworten . Franz fuhr fort : » In ihrer Verzweiflung lief die Frau zu dem Factor , um von seiner Frau nur ein wenig alte Leinwand zu erhalten , damit sie selbst das blutende Kind wenigstens reinlich verbinden könnte - der Factor stand selbst an der Thüre , er warf sie zum Hause hinaus , und sagte , daß die Bettelei jetzt gar nicht aufhörte - da kam ich dazu , ich sagte der Unglücklichen , ich könne ihr vielleicht Leinwand verschaffen - da bin ich nun , und bitte um weiter Nichts , als um ein paar Stücke alte Leinwand . « » Ich komme gleich wieder , « sagte Pauline , und lief schnell in das Haus . Monate sind vergangen seitdem Pauline in ihres Vaters Fabrik lebt und Franz Thalheim unter den Fabrikarbeitern als den gebildetsten und intelligentesten , ja zugleich als den besten und edelsten kennen gelernt hat . Sie hatten Beide einander ihr Versprechen gehalten - er , daß er ihr mittheilte , wo in den Familien der Fabrikarbeiter einer augenblicklichen größten Noth abzuhelfen möglich war - sie , indem sie dann Nichts unversäumt ließ , die beste Hilfe zu bringen . So war er mehrmals zu ihr gekommen , so hatten sie gemeinschaftlich gehandelt . Immer aber war er in ehrerbietiger Ferne von ihr geblieben , immer war sie ihm mit gleich unbefangener Freundlichkeit begegnet . Er hatte es immer so einzurichten gewußt , daß er in den Stunden zu Paulinen kam , wo er Herrn Felchner entweder fern , oder doch beschäftigt wußte , denn wie er ihn kennen gelernt , fürchtete er , daß er gewiß auch der Wohlthätigkeit seiner Tochter Schranken setzen würde , sobald er von derselben eine hinreichende Kenntniß erhielte - und aus gleichem Grunde , wiewohl ihn Pauline aus kindlicher Schonung für ihren Vater nicht auszusprechen wagte , hatte sie Thalheim gebeten , nicht immer zu sagen , woher die Hilfe kam . So bestand zwischen Beiden ein stillschweigendes Einverständniß , und der Schleier des Geheimnisses war über ihren Bund gebreitet - dies Alles trug dazu bei , denselben eine freilich nie ausgesprochene , aber größere Innigkeit zu geben , als er außerdem vielleicht für sie gehabt hätte . Jetzt trat Pauline aus dem Hause wieder in den Garten , einen schweren Korb am Arme , und sagte zu Franz : » Führen Sie mich zu der armen Mutter - ich will selbst hingehen . « Franz war im ersten Augenblick fröhlich überrascht - nach einer kleinen Pause sagte er aber : » Sie wurden schon vorhin blaß , wie ich Ihnen nur von dem zerrissnen Arm des Kindes sagte - es wird Ihnen widerlich sein , diesen Anblick wirklich zu haben - wer weiß , vielleicht halten Sie ihn gar nicht einmal aus . « » Halten Sie mich nicht für so schwach - und wird mir der Anblick weh thun - die andern Leute müssen ihn ja auch haben , und empfinden dabei gewiß dasselbe . « » Aber die Wohnung der großen Lise ist sehr schmuzig und schlecht , die Frau selbst ist roh , und war durch die Verzweiflung heute zur Wuth aufgestachelt - sie wäre im Stande - « er hielt plötzlich inne , und fügte dann bei : » ersparen Sie es sich . « » Was wäre die Frau im Stande ? Warum reden Sie nicht aus ? Sie wissen , daß Sie vor mir Alles sagen dürfen . « » Sie wäre im Stande , Sie verletzende Reden hören zu lassen , weil Sie heute Schlimmes erfahren . « » Sie würde Grund dazu haben , uns zu verurtheilen - es war in unserm Dienst , daß ihr Kind verunglückt ist - sie hat von meinem Vater harte Worte hören müssen , der Factor hat sie noch härter behandelt - sehen Sie , deshalb will ich hin , ich fühle , daß ich diesen armen Leuten eine Genugthuung schuldig bin . « » Mein Fräulein - Sie sind mehr als ein Engel der Armen ! « rief er mit Begeisterung . » Sie wissen , was die reichen Leute niemals glauben wollen , daß es auch für die armen Leute süßer ist , das Brod , um das sie betteln müssen , mit einem freundlichen Blick geboten , als mit einer zürnenden Miene vor die Füße geworfen zu erhalten - « er faßte ihre Hand , er hatte es nie wieder gewagt seit jenem Wintersonntagabend , wo er ihr Beschützer gewesen war , und sie ihm die ihrige gegeben hatte - aber jetzt konnte er nicht anders , er faßte sie mit raschem Drucke . Sie erwiderte diesen leise , sah ihn mit einem unbeschreiblich innigen Blicke an , und sagte sanft : » Wer hat mich denn gelehrt , die Gefühle dieser Unglücklichen zu verstehen ? « Beider Augen glänzten feucht - in diesem Glanz spiegelte Eines das Bild des Andern zurück - so standen sie einander still gegenüber , ihre Lippen schwiegen , nur diese Blicke sprachen , diese Blicke erzählten das ganze Geheimniß von zwei gleichschlagenden Herzen , und ihre Hände blieben sanft in einander . Nachdem so eine stille , feierliche Minute über sie hingezogen war , sagte Pauline : » Wir gehen zusammen - lassen Sie und nicht länger zögern . « » Ja , wir gehen zusammen ! « rief er fröhlich . » Ich widerspreche Ihnen nicht mehr . « Sie zog ihre Hand aus der seinen , er nahm ihr den Korb ab , welchen sie trug , und folgte ihr . Die Dämmerung brach immer schneller herein . Bald stand Franz vor einem kleinen aus Holz und Lehm erbauten Hause still , Die Hausthüre stand offen . Er wies auf eine kleine , schmuzige Treppe von Holz , welche hinauf führte , er bat Paulinen , hinauf zu gehen , und folgte ihr mit dem Korbe , der Druck auf eine verrostete , feuchte Thürklinke öffnete die armselige Kammer , in welcher die Frau wohnte , welche man in der Fabrik nicht anders , als » die große Lise « nannte . Auf einem Haufen von verfaultem Moos und Stroh , das ein alter Fetzen von grobem Zeug von vielen Schlitzen und Löchern nur wenig überdeckte , lagen zwei wimmernde Kinder , ein Knabe von etwa zehn , und ein Mädchen von sieben Jahren , in einem andern Winkel hockten noch zwei kleine Mädchen , die etwa fünf und vier Jahre zählen mogten . Alle diese Kinder sahen bleich und abgezehrt aus , und ihre Augen glotzten stumpf und blöde vor sich aus ; durch den matten Schein der düster brennenden , kleinen Oellampe wenig beleuchtet , ward ihr Ansehen noch unheimlicher , und sie glichen in den schmuzigen Lumpen , in welche sie gehüllt waren , mit den struppigen Haaren , die ungekämmt in die ausdruckslosen Gesichter hereinhingen , eher unheimlichen Kobolden , als lebenden Menschenkindern . Ein Tisch , auf welchem das rauchende Oellämpchen unter einigen andern halb zerbrochenen und berußten irdenen Geräthen stand , und daneben zwei alte hölzerne Stühle mit zerschlitztem Leder beschlagen , und eine alte Lade - das war der ganze Hausrath einer Familie . Zwei Frauen standen in dieser Stube ; die eine war hager , aber von riesenhafter Größe . Sie hatte mit einem bunten Tuch um den Kopf die schwarzen Haare aufgebunden ; ihr Gesicht war bleich und starr - aus ihren Augen und dem Zucken um ihren welken Mund sprach ein verwilderter Ausdruck . Das war die lange Lise , die Mutter dieser vier Kinder . Die andere Frau war eine Fabrikarbeiterin , welche Frau Martha genannt ward