ich habe gefunden ! « » Weil Sie ihr Wesen mit unfruchtbaren Grübeleien dermaßen unterminiren , Sibylle , daß Sie in krankhafte Unentschiedenheit und Verzagtheit verfallen sind , welche sich als geistiges Siechthum immer mehr in Sie einnisten und gleichsam Ihre Seele nervenschwach machen werden . « Mit dröhnender Wahrheit schlugen seine Worte an mein Ohr . Ich riß meine Hände aus den seinen , faltete sie angstvoll und rief in Thränen : » Ja so ist es , Otbert ! ach , retten Sie mich . « » Ich kann nur den retten , der mir vertraut , « sprach er ernst . Ueberwältigt , erschöpft , hofnungsdurstig , sehnend , zagend .... reichte ich ihm die Hand und ließ es geschehen daß er mich jubelvoll , selig in seine Arme schloß . Doch in seinen Freudenrausch vermogte ich nicht einzugehen und beklommen bat ich ihn mir zu erzählen wie er diese Jahre verlebt habe . Er that es . » Damals in Malaga verließ ich Sie sehr muthlos , sagte er , denn es gab Momente in denen Sie mir falsch , kokett und heuchlerisch - andre , in denen Sie mir tief unglücklich erschienen . Drum freute ich mich fast Ihrer Nähe entrückt zu werden , die für mich so viel hatte , was ich bald Bethörung , bald Beseligung nennen mußte . Solche gemischte Freude thut immer mehr weh als wol . Indessen .... ich mußte zu meiner kranken Mutter nach Genf , ich begleitete sie nach Nizza , ich ließ mich dort auf zwei Jahr mit ihr nieder , und machte , während sie sich häuslich einwohnte und leiblich genas , Excursionen nach Corsica und Sardinien , in die Pyrenäen , und wohin Lust und Drang mich führten . In diese Zeit fiel die Nachricht von der Geburt Ihrer Tochter . Paul machte mir diese Mittheilung durch einen gedruckten Brief , der mich vielleicht noch mehr verstimmte als das Ereigniß selbst . Ja , es verstimmte mich sehr , Sibylle ! Jezt wird sie vollends keinen Gedanken mehr für mich haben ! sprach ich zu mir selbst ; ihr Leben wird voller und befriedigter denn je - und daher ferner denn je von der Erinnerung an mich sein ! ich will doch auch sehen ob die Vorstellung eines häuslichen und Familienlebens keinen Reiz für mich gewinnt ! - - Meine Mutter hat immer glühend gewünscht mich zu verheirathen . Jezt fand sich eine wundervolle Heirath für mich ; sehr schön , sehr reich , sehr liebenswürdig , war ein junges Frauenzimmer , das eine lebhafte Neigung für mich empfand . Bei dem Besinnen wie ich sie aufnehmen solle , traf mich Ihre Anzeige von Pauls unerwartetem frühzeitigen Tod . Meine erste Empfindung war Postpferde zu bestellen und in einem Zug von Nizza nach Engelau zu fahren . Aber mir fehlte der Muth . Sie hatten mich nie zu solchem Vertrauen berechtigt . Ich verfiel der Ueberlegung , dann der Schwankung , dann der Furcht Sie kalt und mich selbst zudringlich nennen zu müssen - und ich beschloß Ihr Trauerjahr vorüber gehen zu lassen , ohne mich Ihnen zu nähern . Aber es war mir unmöglich jezt an eine andre Verbindung zu denken ; ich brach sie ab unter allerlei Schmerzlichkeiten für beide Theile , denn meine Mutter zürnte mir . Ich ging nach Deutschland zurück , arbeitete fleißig , schrieb viel , dachte an Sie und harrte mit brennender Ungeduld auf das Ende Ihrer Trauerzeit . Nun war es da .... und ich zagte nach wie vor . Sie liebten mich nicht , hatten mich nie geliebt , hatten in dieser einsamen Zeit , wo ein Freund Ihnen doch vielleicht ein Herzensbedürfniß hätte sein können , nie an mich gedacht , keinen Gruß , keinen Zuruf mir gesendet - - ja ja , Sibylle ! lächeln Sie nur , verwundern Sie sich nur daß ich so zaghaft war ! es war nun einmal so . Sie behaupteten sonst immer ich sei eitel ; glauben Sie nicht daß ein eitler Mensch mehr Selbstvertrauen gehabt hätte ? Mir war die Vorstellung daß Sie mich kühl empfangen , kühl ansehen , kühl behandeln könnten .... vernichtend ! Ich ging nicht , schrieb nicht , fragte nicht .... ich wollte mich nicht dieser Vernichtung entgegen drängen Aber Ihrem Arzt schrieb ich : er solle mir sagen wie Sie lebten und gegen Sie über diese Frage schweigen . Er beschrieb mir Ihr ernstes , thätiges , praktisches Leben in Engelau . Da verlor ich abermals alle Hofnung , und jene Heirathsepisode , von meiner Mutter nie ganz aufgegeben , wurde wieder ohne Zuthun von meiner Seite angeknüpft . Ich wollte mich von Ihnen losreißen , ich fand es unbeschreiblich albern meine Seele an die Ihre zu hängen , die nichts von mir wissen wollte ; ich war empfindlich , gereizt , traurig so ganz von Ihnen vergessen zu sein ; ich nannte Sie kalt , herzlos .... ich zürnte Ihnen und mir - aber es war mir unmöglich den entscheidenden Schritt zu thun der mich auf ewig von Ihnen getrennt hätte . Wieder schrieb ich Ihrem Arzt und erhielt mit namenloser Freude zur Antwort : Sie wären in Würzburg und auf dem Weg nach Italien . O wie rauschten die Flügel der Hofnung in mir auf ! ich jauchzte laut : Also will sie doch noch etwas Andres im Leben als ihre Tochter erziehen und ihre Geschäfte führen ! ! - Ich schrieb Ihnen und Ihre Antwort entmuthigte mich nicht . Ich beschloß mit dem finstern Geist zu ringen , dem Sie verfallen schienen ; ich folgte Ihnen hieher ; ich war als Nino in Ihrer Nähe « .... - - » Unmöglich ! « unterbrach ich ihn . » Fragen Sie Gino , entgegnete er . Und weshalb denn unmöglich ? ich wollte in Ihrer Nähe sein , mich in die wundersame Atmosphäre Ihres Wesens tauchen , die mich mit fabelhaftem Glück berauscht . Und ich hab ' es im vollsten und reinsten Maß genossen ! Da saßen Sie in der Gondel neben Sedlaczech , mit ihm redend , ihn anschauend , auf ihn hörend ; mir wendeten Sie den Rücken zu - denn ich hatte mit Gino ausgemacht , daß ich immer den Platz im Hintertheil der Gondel einnehmen könne . Oder Sie fuhren allein , und saßen stumm und unbeweglich da . In beiden Fällen dachte Ihre Seele nie an mich , hatte nicht die leiseste Ahnung daß ein magnetischer Zug von ihr ausgehend den Faden meiner Existenz in die Ihre hinüberspann . Nun sehen Sie : dennoch war ich selig , denn mich beschäftigte unablässig die Vorstellung wie süß dereinst Ihr Uebergang aus dem traumumfangnen Zustand zu dem Bewußtsein so geliebt zu werden , sein müsse . Zitternd daß durch die Erfüllung Ihrer kleinen Wünsche und Einfälle irgend ein Verdacht auf mich selbst oder auf Gino fallen könne , suchte ich Ihre Gedanken auf einen Fremden zu lenken , und ersann daher die geheimnißvolle Gondel . Als im Winter Ihre langen Gondelfahrten und mit denselben Ninos Dienst aufhörte , wurde ich Ihr Logen-Nachbar . Doch allmälig ward mir schwer , ja unerträglich was mir Anfangs süß gewesen : schweigen zu müssen in Ihrer geliebten Nähe . Allmälig ersehnte ich den Moment , der mich zu Ihren Füßen niederziehen und mir ein Geständniß gestatten würde - - - und ich hab ' es gethan : Sie sind die Herrin meiner Seele , die Königin meines Lebens ; und das sag ' ich Ihnen nicht blos mit Worten , die lügen könnten - sondern mit einer consequenten Reihe von Thatsächlichkeiten , die sich bis zum Anbeginn unserer Bekanntschaft erstrecken , und die unmöglich lügen können . « Ich fühlte mich in seltsamer Weise ergriffen , mehr überwunden als überzeugt , mehr gefangen als gerührt . Und doch war ich auch gerührt , aber mehr auf der Oberfläche als in der Tiefe meines Wesens . Ich mögte sagen daß der Kopf mehr als das Herz gefesselt war . Das Alles hatte Otbert für mich gethan , so lange ohne Hofnung an mir gehalten , o ! dann muß er mich lieben ! so räsonnirte ich .... allein ich fühlte es nicht ohne diese Beweise . Er drang nicht in mich mit Liebeswünschen und Liebesfoderungen ; er schien nichts zu begehren als seine Empfindung an den Tag zu legen . Diese Zuversicht war vielleicht das was ihn für mich unwiderstehlich machte . Ich willigte in unsre Verbindung . Denk ' ich jezt an ihn zurück , so muß ich sagen : er war ein merkwürdiger Mensch ! Er hatte in seiner Empfindungsweise die feine Glut , die bewegliche Reizbarkeit und den gewissen Eigensinn - was Alles man sonst den Weibern beizumessen pflegt , was aber vielleicht ebenso sehr mit einer nervenfeinen und sinnlich flammenden Organisation zusammenhängt , aus welcher wiederum die Dichternatur sich entwickelt . Diese feine lodernde anregende Liebe für alles Schöne , für jeden Genuß , ist für eine solche Dichternatur das , was die feuchtwarme , treibende Frühlingserde für den Pflanzenkeim ist : sie drängt ihn mächtig aus ihrem Schooß empor und hält ihn stets im innigen Zusammenhang mit sich selbst und ihren ahnungsreichen Geheimnissen und Symbolen . Aber sie bleibt nur die Basis seiner ferneren Entwickelung . Lüfte , Gestirne , Ungewitter , alle Elemente , alle Naturwesen , gießen ihren Segen und Unsegen über den zur Blume sich entfaltenden Keim aus ; und wird sie zu jener Wunderblume , die wir Genie nennen , dann stralen wiederum von ihr magische Einflüsse aus - Farbenspiele , Düfte , Stralen , welche Andere ihrer Art nicht üben und nicht haben , und welche die Essenz einer höhern Ordnung der Wesen verrathen . Allein es giebt manche Dichternatur und wenig , sehr wenig Genies . Otbert hatte schöne und reiche Gaben ; frage ich mich was ihm fehlte ? so muß ich sagen : eine gewisse Schwere , die ihn nach Innen gezogen und gesammelt hätte ; die Schwere , welche dem Diamant , der Perle , dem Golde eigen ist und sie so köstlich macht . Weil sie ihm fehlte , drum verflüchtigte er sich . In jener Zeit benahm er sich gegen mich in der anmuthig koketten Weise , welche man ebenfalls als Erbtheil der Frauen betrachtet . Wie er ging , wie er stand , wie er sprach , wie er sich kleidete , wie er sich bewegte - Alles war , ich will nicht sagen berechnet , jedoch bewußt . Es stand ihm so gut , und er vergaß nie was ihm gut stand ! Zuweilen warf ich ihm seine spielerische Eitelkeit vor . » Gefalle ich Ihnen oder nicht ? « fragte er . Dann mußte ich freilich eingestehen , daß er mir ganz außerordentlich und mehr als je irgend ein Mann gefalle . » Nun , dann lassen Sie mich doch gewähren ! entgegnete er . Ich gehöre nun einmal nicht zu jenen täppischen Gesellen , welche sich die Liebe der schönsten Frau der Welt plump gefallen lassen , und durch ihre Derbheit eine häßliche Folie zu der Anmuth des Weibes bilden . Ich kann mir den Adonis nicht als einen schönen aber brutalen Jäger - nicht den Endymion als einen schwerfälligen Schäfer vorstellen nachdem sich die Göttinnen zu ihnen geneigt hatten . Vorher - ja ! nachher - nein ! Zu mir hat sich die Göttin geneigt , Sibylle , und mich in die duftige Atmosphäre ihrer süßen Schönheit gehüllt ; - wie wollen Sie mir verbieten , daß ich mir nun selbst geweiht und verschönt erscheine ! - Komme ich Ihnen weibisch und verweichlicht vor ? - Bedenken Sie doch daß Nino in der gemeinen Tracht des Gondoliers Ihre Barke stundenlang gerudert , und stundenlang auf den Quadern des Quais , auf dem Strande von Torcello und Lido gelegen hat ! « Das war ebenso unbegreiflich als wahr ; und die Summe von dem Allen war endlich - daß ich mich heftig in Otbert verliebte . Er beschäftigte so sehr meine Phantasie , er schmolz in ihre Silberwogen die Bilder seines Wesens so anmuthig ein , er funkelte und gaukelte in so poetischem Licht um Sinne und Seele - daß ich langsam und leise von unbestimmten Mächten fortgezogen wie in ein Glutmeer von aufgelöstem Purpur , Gold und Rosen hinein schwamm . Ich vergaß meine gewohnten Zweifel , Fragen und Grübeleien . Sie sanken gleichsam in ein verborgenes Fach , in einen tiefen Abgrund meiner Seele hinein , während ich wähnte , daß sie sich in Nichts aufgelöst hätten . Ich vergaß den dunkeln Strom , der sein Bett an das Ufer meiner Existenz drängte und es zu untergraben suchte ; ich saß an dessen Abhang unter Blumen , Lauben und Kränzen und träumte von einem unvergänglichen Frühling . Dieser Mann , so flatterhaft , wankelmüthig und unstät in seinen Neigungen , hatte sich seit Jahren mit dem Herzen an mich gefesselt gefühlt , und keine Trennung , keine Hofnungslosigkeit , keine Entmuthigung , keine Lockung zu andrem Glück , hatte ihn von mir abgelöst : das war Treue ! - und aus dieser Treue hatte er zugleich süße Befriedigung und heimlich erkräftigende Zuversicht geschöpft : das war Liebe . Wie Jemand der sich körperlich überarbeitet hat und dem ein Wolthäter die Werkzeuge aus der müden Hand nimmt - oder wie Jemand der sich bei der Lösung eines Problems bis zum Schwindel angestrengt hat und endlich durch Intuition das Wort findet - so war mir zu Muth , so ruhte ich in süßer , auflösender Befriedigung , die als Reaction der unfruchtbaren und heftigen Anspannung über mich kam . - Nie hat mir ein Mensch besser gefallen als Otbert ! ging er durchs Zimmer , so sah es gut aus ; sagte er Ja oder Nein , so klang es gut . Mit seiner Meinung oder seiner Richtung war ich keinesweges immer einverstanden ; aber ich betrachtete es als einen Beweis , daß zwei Menschen in einer höheren Sphäre als in der des Verstandes sich harmonisch zusammenfinden konnten . Er war ein fascinirender Mensch wenn er es sein wollte ; man hatte jeden Augenblick Lust ihn zu tadeln oder Veranlassung zu Mißbilligung ; allein man brachte es nie dahin . Eine oberflächliche Ansicht , welche meint der Mensch sei derselbe heute wie vor zehn und wie nach zehn Jahren , dürfte in Erstaunen gerathen daß ich nicht früher Otberts Zauber verfallen sei . Ich kann darauf nur entgegnen : früher war der Augenblick nicht für mich gekommen . Das unbegreifliche und meistens unselige Wechselspiel unsers innerlichsten Lebens , hängt wie der Klang der Aeolsharfe von unberechenbaren und unbekannten Gewalten ab . Dieser Luftzug - sie tönt ! jener - sie schweigt ! und noch einer - sie braust ! Durch welche innere Umbildungen und Umwandlungen ein Mensch geht , den man doch vor fünf oder zehn oder zwanzig Jahren in derselben Lage und Hauptrichtung gekannt hat : das freilich weiß nur er und Gott allein ! Wären sie nicht - wie käme es denn daß die Menschen mit Freudenflaggen ins Lebensmeer hinaus segelnd nach kurzer Frist unter Trauerflagge heimkehrten ? Und der Eine hält doch das ersehnte und errungene Weib in den Armen - aber an einem erkalteten Herzen ! Und der Andre trägt noch seine stolze Krone - aber über einer geknickten Seele ! Und der Dritte hat noch all sein Gold und all seine Schätze - aber sie sind ihm ohne Werth ! Und der Vierte lächelt noch immer - aber aus Hohn ! Und der Fünfte hält noch immer so hoch und herrscherisch sein Haupt - aber heimlich verachtet er sich selbst ! - - - Du der mich liesest , sprich , ist es nicht so ? - - Einst kam etwas zur Sprache was ich nie geahnt . » Ich bin nicht reich , Sibylle , « sagte Otbert , bei ich weiß nicht welcher Veranlassung . » Nicht reich ? « wiederholte ich sehr erstaunt . » Warum erschreckt Sie das ? « » Es erschreckt mich gar nicht .... es überrascht mich nur ! denn wenn Sie es nicht sind , wie kommen Sie alsdann zu Ihren Nabobs-Allüren ? « » Theils durch Gewohnheit keinen Werth auf Reichthum zu legen - was zur Folge hat daß die Leute mich für einen Millionär halten und mir Geld geben so viel ich verlange ; theils spiele ich zuweilen sehr glücklich . « » Ich habe oft gehört daß das Spiel die Menschen arm - nie daß es sie reich gemacht habe .... außer - Spieler von Profession . « » Ich verachte ein wenig jede Sorte von Profession , weil sie den Menschen kriechend vor seinen Kunden macht . Aber zuweilen , Sibylle , bin ich in high spirit , glückerwartend , glücksgewiß : dann wag ' ich enorm auf einen Satz , und der gelingt mir alsdann immer . Ich hab ' auch mitunter Anwandlungen von Aberglauben , von Zeichendeuterei . Ich sage mir : Gelingt dir dieser Wurf , so ist das Glück dir hold und dir werden noch ganz andre Dinge gelingen . In solchen Stimmungen spiel ' ich auch immer glücklich . « » Und wenn Sie in low spirit sind - wie dann ? « » Dann suche ich überhaupt gar nicht zu spielen - wie ich im Allgemeinen zu nichts Gutem fähig bin , wenn ich mich matt und grundlos herabgestimmt fühle . « » Stellen Sie Glück haben und zum Guten aufgelegt sein in eine Linie ? « fragte ich lächelnd . » Zuweilen .... warum nicht ? Jedem Augenblick gewachsen und für ihn tüchtig sein ist - gut sein . Spiele ich , so will ich Glück haben , setze ich meinen Willen durch , so bin ich tüchtig « .... - » Ja , sobald Ihre eigne Kraft , Geschicklichkeit und Ausdauer Ihren Willen unterstützt und geregelt haben ! « unterbrach ich ihn . » O ! rief er , Sie können gar nicht wissen ob nicht der bloße Wille des Menschen ohne alle jene Stützen und Regeln von einem weit beherrschenderen Einfluß auf unsre Geschicke ist . « » Das meinte ich nicht , Otbert . Ich meinte nur daß wollen und das Gute wollen zweierlei sei . « » Leider ist es im Allgemeinen so ; denn der Mensch ist zugleich roh und beschränkt . Wenn er seinen Willen von seiner individuellen Bedürftigkeit abklärte und ihn über den Horizont seiner Persönlichkeit hinaus erweiterte - wenn er sich zugleich feiner und freier aus der Brutalität und aus der Sclaverei seines Ichs heraus schälte - so würde wollen und das Gute wollen immer zusammenfallen . « Das Gespräch spann sich leicht und angenehm mit Otbert fort , und ich vergaß gänzlich daß er mir zwei Dinge gesagt , die mich im Grunde höchst unangenehm berührt hatten : daß er enorm spiele und keine Vermögen habe . Ich , meiner Natur nach , legte kein Gewicht auf Reichthum , weil ich aus Erfahrung wußte wie leicht ich ihn entbehren könne ; denn ich hatte über zwei Jahr mit der größten Einschränkung in Engelau gelebt und mich nicht unglücklicher gefühlt als in Rom , Paris und London wo ich mit der unsinnigsten Verschwendung lebte . Allein grade jene zwei Jahr in Engelau hatten die Ansicht in mir gereift , daß ich das Vermögen meiner Vorfahren auch auf meine Nachkommen übertragen - daß es durch meine Hand gehen , jedoch nicht in derselben aufgehen müsse . Astraus Verfahren , welches ich sehr richtig mit Nabobs-Allüren bezeichnet hatte , beklemmte mich wie eine unheimliche Ahnung , und umsomehr als mir meine Besorgniß um Geld und Gut wie ein Zeichen gemeiner Gesinnung vorkam . Unbehaglicher noch als diese Entdeckung war mir die Eifersucht , die Astrau gegen Sedlaczech an den Tag legte , weil es mir unmöglich schien , daß er sie wirklich empfinden könne . Er hatte mich ja monatelang als Nino in der größten Zwanglosigkeit meines Lebens beobachtet - hatte wahrnehmen müssen , daß eine ernste , fast mögt ' ich sagen schüchterne Freundschaft zwischen mir und Sedlaczech walte , daß ich ihn nicht einmal in der vertraulichen Weise eines langjährigen Lehrers und Hausfreundes behandle , daß mehr Zurückhaltung als Hingebung , mehr Schweigen als Reden zwischen uns herrsche ; - woher denn der lächerliche Verdacht ? Das sagte ich ihm einmal - zwanzig Mal . Umsonst . Er blieb bei seiner Behauptung : Sedlaczech sei ein höchst gefährlicher Mensch , der mich liebe , und der eher sterben als mir seine Liebe gestehen werde , und ob ich glaube daß es ihm gleichgültig sein könne mich neben einem solchen unterirdischen Vulkan zu wissen . » Warum nicht , sobald Sie die Ueberzeugung haben daß nie ein Ausbruch kommen wird ? « fragte ich sorglos . » Sehen Sie wie sich Ihre geheime Ueberzeugung in dieser Aeußerung verräth ! « brach er aus . Ich besaß die Eigenschaft aller stolzen Seelen : dem Vorwurf und besonders dem ungerechten Vorwurf gegenüber , schwieg ich kalt . Meine Gedanken dabei waren : Hab ' ich den Vorwurf verdient , so darf ich nichts sagen ; hab ' ich ihn nicht verdient , so weiß ich nichts zu sagen . Und hier allerdings wußte ich gar nichts Beruhigendes anzuführen als mein Leben - und das sollte nicht gelten ! Auf seinen Knien bat Otbert mich endlich Sedlaczech zur Abreise zu veranlassen . » Wie eine finstre Wolke steht er in unserm Frühlingshimmel ! rief er ; lassen Sie ihn doch gehen ! Ich fühle mich so bedrückt durch ihn wie ehedem Venedig durch die Staatsinquisition ! Er ist mir nun einmal antipathisch und macht mein ganzes Nervensystem auf die peinlichste Weise vibriren . Verstehen Sie das nicht ? giebt es nicht auch für Sie Individuen bei denen es Ihnen unbegreiflich wol oder weh wird ohne daß Sie sich über das Warum Rechenschaft ablegen könnten ? Nun sehen Sie , er thut mir weh .... durch Nichts wenn Sie wollen .... d.h. durch Alles . « » Ein edler Sinn , ein hohes Herz , ein reicher Geist müßte sich durch das Gleichartige nicht abgestoßen sondern angezogen fühlen , Otbert , und sich hüten flüchtige Launen als unüberwindliche in der Essenz des ganzen Organismus wurzelnde Antipathie zu betrachten . « » Sibylle , glauben Sie nicht daß um jedes Geschaffne , heiße es Gestirn oder Grashalm , Mücke oder Mensch , eine ihm und nur ihm angehörende Atmosphäre schwebt , welche sich aus seiner Gesamt-Eigenthümlichkeit entwickelt ? Bei jeder Pflanze , jedem Baum ist sie wahrzunehmen : die Einen üben gedeihlichen Einfluß auf einander , die Andern schädlichen , gar vernichtenden . Die feine und reiche Organisation des Menschen ist dieser Eigenthümlichkeit aller Naturwesen nicht enthoben . Im Gegentheil ! die Uressenz seiner Individualität macht sich um so stärker geltend je mehr diese ausgeprägt , je origineller sie geblieben ist - und der Duft , der Aether , das Unfaßbare und Unnennbare welches sich aus ihrer ganzen leiblichen und geistigen Beschaffenheit entwickelt , übt auf andre Organismen eine ebenso entschiedene Anziehungs- und Abstoßungskraft , wie der Magnet nur das Eisen , wie die Erde nur den Mond an sich zieht - wie das Glas springt wenn der Ton aus dem Instrument gelockt wird der in ihm schlummert . Warum zieht der Magnet nicht das Gold an ? warum rollt nicht der Sirius um die Erde ? warum springt von funfzig Gläsern nur dies eine ? - weil da der Zusammenhang in der Uressenz fehlt . « » Das sind Phänomene über welche die Natur einen Zauberschleier wirft , den die plumpe sinnliche Hand nicht heben kann , unterbrach ich ihn ; allein der Mensch kann mit dem Licht des Bewußtseins diesen dunkeln Gewalten Widerstand leisten . « » Er kann es wenigstens versuchen , und er soll es - entgegnete Astrau . Aber bei diesen Versuchen ereignen sich Phänomene andrer Art. Hier sehen Sie ein Paar Eheleute , dort Mutter und Tochter , da zwei Brüder sich abarbeiten in dem Bestreben zu einem zufriedenstellenden erträglichen Verhältniß zu gelangen . Wäre ein Theil lasterhaft und der andre tugendhaft - der eine ein Spitzbube , der Andere ein Ehrenmann : so erklärte sich die Unvereinbarkeit der Naturen . Aber nein ! es sind Beides brave Menschen , Beide geben sich redlich Mühe - doch umsonst ! sie reiben sich auf in unfruchtbaren Bestrebungen , fühlen sich gedrückt , gehemmt , elend , oft ohne die Ursach zu wissen oder sich selbst eingestehen zu wollen . Es kommt eine unwillkürliche Erstarrung über sie , eine Lähmung ihrer edelsten und feinsten Fähigkeiten ; und das schwindet und zerschmilzt sobald sie dem feindlichen Einfluß enthoben und unter einen wolthätigen gebracht sind . Dann kommen sie zu Athem und zu Besinnung , und müssen dennoch zugeben , daß die Menschen bei denen sie sich wol fühlen nicht besser , nicht klüger , nicht tüchtiger als Jene sind ; allein sie haben einen gemeinsamen und homogenen Lebensäther . Sedlaczech und ich - wir haben einen heterogenen . « » Otbert ! Otbert ! es ist unleugbar viel Wahrheit in dem was Sie sagen und Jeder von uns hat gewiß dergleichen Erfahrungen gemacht . Aber man muß behutsam zu Werk gehen , wenn man diese Richtschnur brauchen will ; man muß sich möglichst partei- und leidenschaftlos , möglichst menschenfreundlich und unselbstsüchtig erhalten ; - man muß eine Seele von der sensitivsten Zartheit haben : sonst wird man in die schneidendsten Ungerechtigkeiten und in die wunderlichsten und traurigsten Irrthümer verfallen . Der Mensch - durch Cultur der Sphäre seiner primitiven Begabung entrückt - durch Civilisation zu einer künstlichen ausgearbeitet - durch Erziehung noch ganz speciel soll ich sagen gebildet oder zugestutzt - durch Gewohnheit der Gesellschaft abgestumpft gegen die Erscheinung des Menschen - durch persönliche Erfahrungen bald mißtrauisch bald blindvertrauend gemacht : der Mensch aus unsrer Zeit und unsrer Welt , ihren Einflüssen , Regeln und Gesetzen unterthan , durch sie gesäugt , von ihnen gewiegt - sollte eine solche clairvoyance der Erkenntniß haben , daß dieselbe mit seinem dunkeln Instinct zusammenfiele , und ihn sicherer führte als Beobachtung und Prüfung ! ? « » Meine arme Sibylle , entgegnete Otbert mitleidig , Beobachtung und Prüfung führen uns meistentheils so verkehrt und in die Irre , daß der Instinct wenig zu thun braucht um es besser zu machen ! - Ich für meine Person halte es , wenn es auf ein Urtheil ankommt , in den meisten Fällen mit dem Ergebniß der unwillkürlichen , unräsonirten Regung ; denn unser mehr oder weniger sophistisches Räsonnement , durch das zweifelnde Dämmerlicht unsers Verstandes mehr beleuchtet als erleuchtet , ist ganz dazu geeignet um uns an der Wahrheit selbst irre zu machen . « » Das ist richtig ! entgegnete ich traurig . Ach , wie er es auch beginne , dem Menschen vom Mittelschlag ist Irrthum und Täuschung gewiß ! Unsre unvollkommnen Fähigkeiten werfen ihren tiefen Schatten über die flüchtige Erkenntniß die zuweilen in uns auftaucht um wie eine himmlische Vision in dem Nebel der Alltäglichkeit zu verschwinden . « » O mein Engel ! nichts von diesem Rückfall ins Schattenreich ! rief Otbert , kniete vor mir nieder und umspann mich mit dem eindringlichen warmen Blick seiner glänzenden schwarzen länglichgeschnittenen Augen . - Sieh , ich bin wie Orpheus ! ich habe die geliebte Eurydice in jenem Reich gesucht , gefunden , befreit - - ich trage sie in meinen Armen zum goldnen Tageslicht , zum süßen Liebesleben empor - ich bin freudezitternd über meinen Sieg und meine Seligkeit ; - o jezt keinen Rückblick mehr , keine Gemeinschaft mit den Schatten der Vergangenheit . Sieh ! Sedlaczech gehört ihr an ; er ruft jene empor , unabsichtlich , nur durch sein Dasein . Laß ihn gehen , Sibylle ! o ich mögte Dich von der ganzen Welt isoliren , alle früheren Eindrücke aus Dir verwischen , damit Du mit mir und durch mich das Leben kennen lerntest . « Mit welchen Gründen sollte ich diese Bitten und Wünsche abweisen ? Ich hatte keine . Wir waren im Mai ; im hohen Sommer wollten wir nach der Schweiz gehen und uns dort verheirathen . Wollte Otbert in seiner jungen Häuslichkeit keinen Dritten haben - ich begriff das ! allein jezt einen Mann zu entfernen , meinen Lehrer , Freund und Gast , den ich eingeladen hatte , das schien mir tyrannisch gegen mich und roh gegen Sedlaczech . Und dennoch erfüllte ich Astraus Wunsch ! - - So wie ich den Entschluß gefaßt ihn zu heirathen , hatte ich denselben gegen Sedlaczech ausgesprochen . Er antwortete mir nichts als : » Gott segne Sie in all Ihrem Thun . « Seitdem hielt er sich noch ferner als sonst von mir und war auch noch schweigsamer und zurückhaltender in meiner Gesellschaft . Zuweilen in Otberts Gegenwart , angeregt durch dessen Gespräche , wurde er lebhaft und mittheilend , und dann gab es keinen größeren Contrast als diese beiden Männer sowol in der äußeren Erscheinung als in dem Ausdruck ihrer inneren Richtung . Astrau - ein Sohn der Sonne , glänzend , prächtig , herrschend , siegesgewohnt und bewußt , ein heitres süßes Spiel aus dem Leben und dessen ernstesten Gaben machend , die Schatten fliehend , also auch Wehmuth , Kampf und Schmerz fast ängstlich vermeidend - ein verzogenes Kind des Schicksals und der Menschen , dem Alles geglückt war was er sich je in den Kopf gesetzt , und daher von einem Selbstvertrauen ohne Gleichen , das ihn zu seinem eignen Gott erhob . Sedlaczech - eine Mondscheingestalt , die von Millionen unbeachtet lautlos zwischen ihnen dahin glitt ; ein Verstoßener aus den Reihen der sogenannt Glücklichen der Welt ; von der größten Schüchternheit , wie der Mangel an Erfolg und vielleicht herbe Erfahrungen das mit sich brachten ; von der nachhaltigsten Ausdauer , die aus dem unabweislichen Instinct seines Genies hervorging ;