Pferd wieherte . Es war ein Fingerzeig , daß er handeln solle . - Und doch : warum zögerte er ? Schlug ihm das Gewissen ? - Ein Verrath an der guten Kameradschaft ? Aber wenn er es nicht that , wenn er zauderte , war das ganze Spiel vielleicht für ihn und die Andern verloren . Hans Jochem wollte aufspringen , als er einen empfindlichen Schmerz fühlte . Er fuhr mit der Hand nach dem Fuß ; aber am Halse , am Ohr stach es wieder . Sein ganzer Leib war zerstochen . Er hatte sich in einen Ameisenhaufen gelegt , und die kleinen Thiere vergebens abschüttelnd , machte er die Bemerkung , daß Schmerzen , welche ein so verächtliches Gewürm hervorbringt , groß genug sein können , den Entschluß eines Mannes wankend zu machen . Die Ameisen , die , soviel er rieb , tödtete und schüttelte , nicht weichen wollten , retteten seinen Kameraden ihren Anteil an der Ehre der That , und ihn trieben sie auf sein Pferd . Er gab ihm die Sporen . Da fühlte er einen Biß an der Pulsader , der Zügel entglitt ihm ; die Ameisen mochten vom Reiter auf das Pferd gekrochen sein . Es sauste mit vorgestrecktem Halse durch das Dickicht . Vergebens suchte der Reiter den Zügel wieder zu gewinnen ; es kostete alle Anstrengung , sich nur auf dem Sattel zu erhalten , da das wild gewordene Thier eigensinnig an alle Bäume streifte . So kam er herabgeflogen , mehr durch Zufall als inFolge seiner eigenen Lenkung nach dem Orte , wo er die Kameraden verlassen . Ein Reiter mit geschwärztem Gesicht hob den Arm . Beim Anblick desselben ward Hans Jochems Pferd scheu . Es bäumte sich , noch hielt er sich an der Mähne , aber das Roß war nicht mehr in seiner Gewalt . Der Ritter Lindenberg kam zu spät , den Zügel zu fassen ; Mann und Roß sausten vorüber in den tiefsten Wald . Die Beiden sahen sich an . » Warten wir auf ihn ? « fragte Peter Melchior . » Wenn Ihr Lust habt . Gute Reise ! « antwortete der Ritter und zog die Stahlhandschuhe fester . » Die Wipfel lichten sich , die Hähne krähen , in zwei Stunden kommen die Marktleute vom Werder . « » Vetter Lindenberg , wie Ihr auch seid ! Ich reite ja mit . « » Ich dachte , Ihr wolltet dem Jungen nachreiten . « » Ich meinte nur , wenn ihm nur kein Unglück geschieht . « » So holt einen Gelbschnabel der Teufel früher oder später . « - » Ist auch im Grunde besser , er ist noch zu jung . Wer weiß , ob er das Maul hält . « » Von Euch wird er ' s nicht lernen . « » Vetter Lindenberg , wenn was passirte , wenn was raus käme , ich meine nur - reinen Mund , Keiner weiß vom Andern ! « Der Ritter drehte sich im Sattel um : » Zum letzten , Herr von Krauchwitz , wenn Ihr Fieberschütteln habt , legt Euch in ' s Bett . - Ja oder nein ? « » Ja ! o ja ! « » Von der Spitze an , mäuschenstill , die Trense fest , den Fuß im Steigbügel wie angenagelt , die Sporen weitab , den Athem angehalten . « » Vetter ! « flüsterte er vor der verhängnißvollen Spitze . » Möchte nur noch einmal absteigen . « » Zur Hölle mit Euch , wenn Ihr nicht sitzen könnt . « » Ich sitze ja schon . Aber Vetter - « » Das Donnerwetter über Euer Gevetter ! « » Ich meine nur , zwei zugleich thut nicht gut . Er könnte Lunte riechen und schreien . Wenn Einer zuerst ' ran ritte , und ihm unter die Nase hielte , was er für ein Lump ist . « » Dann braucht es keines Zweiten , « brummte der Ritter und hob sich im Sattel . » Was wollt Ihr von mir ? « fragte der Junker , als der Ritter den Arm nach ihm ausstreckte . » Von Euch nichts als Euren Strick . « Er warf ihn über den Sattel , und ohne seinen Kameraden noch eines Blickes zu würdigen , gab er dem Pferde die Sporen und flog um die Ecke . Zehntes Kapitel . Knecht Ruprecht im Walde . Wir verließen Hans Jürgen , wie er ein Kreuz schlug , und der Schattengestalt , die ihm gefolgt war , ein : » Gelobt sei Jesus Christus ! « entgegen rief . Aber der lange , hagere Spuk war davon nicht entwichen , und nun sehen wir ihn sogar an der Seite des jungen Menschen durch den dunklen Wald schreiten . » Wo kommst Du her , Ruprecht ? « hatte Hans Jürgen gefragt , als das Blut ihm wieder durch die Adern schoß . » Aus ' m Schloß , Junker , « lautete die Antwort , die Hans Jürgen sich freilich selbst geben können . » Und wohin sollst Du ? « » In den Wald . « Das konnte Hans Jürgen sich auch sagen , aber er fragte nicht weiter , denn Ruprechts Anwesenheit war ihm nicht ganz unlieb , wenn er es sich auch nicht gestand . Wahrscheinlich ging der Knecht nach dem Dohnenstrich und ihr Weg führte sie da auf eine ziemliche Strecke zusammen . Hans Jürgen sprach nicht und Ruprecht auch nicht . Nun aber trennte sich der Weg . Hans Jürgen mußte links , rechts zogen sich die Dohnen hin . Eine » Gute Nacht , Ruprecht ! « rief er und bog links um . - » Ei sie könnte schlimmer sein , « antwortete der Knecht und folgte ihm . So konnte er nur nach den Holzschlägen gehen zum Mühlenbau . Dann mußte er aber jetzt links durch die Brüche sich wendet . Hans Jürgen winkte ihm einen Guten Morgen ! zu und ging raschen Schritts gradaus . » Ist weit vom Morgen , « murmelte der Knecht , und als Hans Jürgen sich umwandte , war er wieder hinter ihm . Es war ihm lieb , und es war ihm wieder nicht lieb . Knecht Ruprecht galt für einen finsteren , mürrischen Kumpan , der seine Schuldigkeit that , aber nicht mehr . Den Scherz liebte er nicht , auch bei andern , und manchem verdarb er ihn . Aber bös war er darum nicht ; wußte er doch die schönsten Märchen zu erzählen . Und wenn man ihn nur darauf brachte , da ging es wie ein Uhrwerk los , Abends in der Volkstube , wenn das Gesinde beim brennenden Kienspahn am Spinnrade saß . Da war kein grauer Stein , kein alter Baum , kein dunkler Winkel , von dem er nicht Geschichten wußte , daß den Zuhörern das Blut kalt wurde . Im Kreise von Vielen , beim warmen Feuer hört sich das hübsch an , aber wer allein mit ihm über die Haide ging , bei grauen Wettern , der war nicht sehr begierig , daß Ruprecht den Mund aufthat . Aber der Wald war auch unheimlich , und Ruprecht ein Mensch . Doch was sucht er hier ? Auch auf dem Fußpfad , der nach Brandenburg führte , ging er nicht ab . Kräuter suchen war nicht die Zeit . War er etwa Hans Jürgens wegen hier ? Wollte er ihm nachschleichen ? Doch in welcher Absicht konnte das sein ? Hans Jürgen wandte sich seitwärts in ' s Dickicht , rief dem Knecht ein Glück auf den Weg zu , und meinte , als er auf einem Umweg wieder auf derselben Stelle heraus kam , Ruprecht werde weit vorauf sein . Aber er stand noch da , auf seinen Stab gelehnt , und gaffte in ' s Blaue oder in die Krähennester . » Warum stehst Du noch hier ? « » Ich wußte doch , Ihr würdet hier wieder rauskommen . « » Woher wußtest Du ' s ? « » Weil Ihr da in ' s Moor geriethet . « » Und wohin gehst Du denn ? « » Ich meine da , wo Ihr . « » Hat ' s die Frau Dir geheißen , des Herrn Kleid suchen ? Bat Dich nicht drum , mir auf Schritt und Tritt zu folgen . « » Weiß es wohl . « » Wer hieß Dich ' s , Ruprecht ? « » Ach Ihr wollt ' s wissen , Junker ? « » Will ' s ! « Hans Jürgen meinte , es sei vielleicht die Vorsorge seiner Muhmen gewesen . Er hoffte , es sei so , aber Ruprecht sagte trocken : » Die Frau . « » Die Frau hat Dir gesagt - « » Lauf ihm nach , daß er sich nicht verirrt , und wenn ihm was begegnet , sieh zum Rechten , daß er nicht zu Schaden kommt ; er ist ungeschickt und weiß sich nicht zurecht zu finden . « Nun kam er sich erst recht gedemüthigt vor . Man traute ihm nicht einmal in den Wald zu gehen , gab ihm einen Aufseher mit ! Er schluckte an seinem Schmerz , aber dann und wann brach es aus den Augen , und er wischte mit der Hand das Feuchte fort . » Ich brauche Dich nicht , « sprach er plötzlich . » Will allein meines Wegs gehen . « Ruprecht blieb auch zurück , aber nur scheinbar . Hans Jürgen sah ihn immer wieder hinter den Büschen folgen , bis er selbst stehenblieb und ihn erwartete . » Bleib nur bei mir . ' S ist mir am Ende lieber , daß ich Dich sehe , als Dich heimlich um mich weiß . « Ruprecht nickte mit dem Kopf . » Ihr habt auch Recht , Junker . Wer da noch so heimlich geht , es schleicht ihm Einer nach , der alles aufmerkt . Aufseher und Aufpasser haben wir allzumal , bei allem was uns in den Kopf steigt . Die Priester sagen , das ist der liebe Gott und seine Engel . Die Priester wissen mancherlei , was wir nicht wissen ; aber ich meine so , der liebe Gott und seine Engel hätten mehr zu thun , und das Aufpassen überlassen sie anderen . Und so Jedermann immer an die dächte , die heimlich um ihn sind , und als wie Ihr mich ruft und ' s nicht mögt , daß ich Euch so heimlich nachschleiche , wie ' s eigentlich die Frau wollte , ich meine , wenn er sie sich so dächte , offenbar , wie sie um ihn heimlich sind , dann mein ' ich , wäre Manches besser als es ist . « » Wer sind die ? « fragte Hans Jürgen . Der Knecht warf ihm einen eigenen Blick zu : » Meint Ihr , Junker , Ihr wärt allein , wenn ' s um Euch schwebt und schwirrt ? Das trockene Blatt , das Euch der Wind nachfegt , das Reisig , das knistert , wenn Ihr ' s zertretet , der Leuchtwurm , der Käfer , der im Holze bohrt , die Luft , die in den Büschen spielt bei stiller Nacht . Ach du mein Gott , wo hätt ' s Worte , daß ich Euch all das nennte , was um Euch ist und Euch auf Schritt und Tritt begleitet . « Sie waren an die Stelle gekommen , wo vorhin die große Wäsche war , wo noch eben die Reiter still gehalten , und wo jetzt , so wenig als damals , die Elennshaut hing . Vergebens blickte Hans Jürgen in die Kieferbäume , schüttelte an den Stämmen und suchte auf dem Boden , während Ruprecht ruhig dabei stand und seine eigenen Betrachtungen anzustellen schien . » Gebt Euch nicht Mühe hier , Junker . Ich wußt es schon dort an der Koppelwiese . Wie ' s da durch die Stämme huschte , Ihr wart nur zu verloren in Eure Gedanken , und saht es nicht , die alte Frau mit der weißen Hucke . Wo die sich zeigt , ist ' s richtig . Da ist was gestohlen . « » Ich muß es finden , Ruprecht , und sollt ich - « Ruprecht war so schweigsam geworden . Er sah , die Arme auf seinem langen Stock , ruhig den hastenden Bewegungen zu , die Hans Jürgen machte ; er lief fast wie ein Hund im Kreis , der nach einer Fährte schnuppert . » Nun , ich denke , mich braucht Ihr nicht . Bis hier nur hieß mich die Frau gehen . « » Sagt Allen Ade im Schloß , wenn ich nicht wiederkehre . « » Da geht ' s nicht rüber , « rief der Knecht , als Hans Jürgen eine Stange ergriff und einen Ansatz nehmen wollte , um über das Fließ zu springen . » Die Spur führt falsch . « » Weißt du , wo sie zurecht führt , so sprich . « » Bin nicht der kluge Schäfer aus Spandow , aber wer mit Siebenmeilenstiefeln geht , kommt nicht von Jeserich nach Brandenburg . « » Ach Ruprecht , die Nacht ist so finster . Wo soll ich suchen ? « » Geht über die Brücke . Gott befohlen , Junker . « Ueber der Brücke lag Nacht und Wald . Hans Jürgen blieb auf der Mitte stehen und sah sich nach Ruprecht um , der auch noch stand . Es ward ihm schwer , es kam nur leise heraus die Bitte : » Willst Du nicht ein Stück Weges noch mit mir gehen ? « » So macht ' es Euer Ahn , der Wusso auch , « hub nach einer Weile , daß sie schweigend neben einander gingen , der Knecht Ruprecht an , » der meinte auch , er brauche Niemand und könne es allein finden , bis er den heiligen Johannes doch anrief , der hier zu Land der beste Führer ist . « » Sieh mal da Ruprecht , zwischen der Lichtung , da liegt was . « Ruprecht schüttelte den Kopf : » Das wird Euch noch oft so sein ; Ihr glaubt was zu sehen , und wenn Ihr hingreift , ist ' s eitel Trug . Das ist die Frau Harke . Wo die Frau Hucke vorauf ging und wittert , wo was genommen wird , da kommt die Frau Harke nach , das ist das tückischste Weib , die streut hin , daß die Leute , die nachsetzen , geblendet und getäuscht werden . Mancher sah schon den Beutel mit Gold liegen , den er verlor , und wenn er zugriff , war ' s Pferdekoth . Die sind noch glücklich , die ihr Zeug zu finden meinen , und ' s sind Kiefernnadeln oder ein Ameisenhaufen ; aber wie viele verlockt sie in Bruch und Sumpf , und je weiter sie gehen , um so tiefer versinken sie . Hier thäte es Noth , daß man immer mit der Lampe und denn Crucifix die Höhen suchte , weil allerwegs Sumpf ist und offenen See . Seht , da blitzt schon der Gohlitz durch . Trau Einer dem Wasser , so silberklar es aussieht . Jedes Jahr muß er ein Opfer haben , und ist ' s lange her , daß Keiner ertrank , so ruft und lockt ordentlich eine Stimme aus dem Wasser , und es währt nicht lange , so geht doch Einer hin , und sie sagen dann , er hat sich baden wollen , aber er ist ertrunken . Wen sie runter zogen , der plaudert nicht aus , was er sah . « Hans Jürgen hörte in der Ferne Glocken . Er glaubte sie wären von Kloster Lehnin . Der Knecht lächelte . » Habt Ihr sie auch gehört ? Ich hörte sie schon lange . Die Glocken von Lehnin dringen hier nicht herüber . Das sind die Glocken aus dem Gohlitz : doch das hat nichts Böses zu bedeuten . Die unten denken nur an ihre eigene Noth . « Hans Jürgen hatte wohl von dem versunkenen Dorf im Gohlitzsee gehört . » Die mußten mal ihre Hoffahrt büßen , « fuhr der Knecht fort , » die stolzen Bauern . So viel Brod hatten sie , und Waizenbrod , daß sie die Schweine mit fütterten , und damit nicht genug , nein , sie haben den kleinen Kindern mit der Krume den Schmutz abgerieben . So gingen sie mit der lieben Gottes Gabe um . Da ist denn eines Tages der kleine Spring an der Höhe losgezogen mit Gepolter , und goß so viel Wasser in einer Stunde als in Jahren nicht , daß der Boden weichte . Und das Volk sah noch nicht Gottes Finger , es lachte und meinte , es müsse endlich aufhören , und gingen nicht von ihren Häusern und Schätzen , bis es zu spät ward . Da sank bei Sonnenuntergang das ganze Dorf ein , mit Mann und Maus , mit Vieh und Gärten und kein Einziger ist entkommen . Das soll ein Schreien und Blöken gewesen sein , und die Glocken klungen dazu , daß man es bis über die Havel gehört . « » Das waren doch alles Heidenmenschen . « » Seht , Junker , das ist ' s , was mir nicht recht ein will . Den Pfarrer darf man nicht fragen . Wo kriegen denn die Heidenmenschen die Glocken her ? Denn das ist das Christenthum , daß wir Glocken haben . Wenn wir keine Glocken hätten , dann stünd es schlimm mit uns . Die Glocken verscheuchen die bösen Geister . Das fühlt auch jedes Kind , wenn ' s durch den Wald geht ; das ist so was eigenes , wenn die Luft zittert . Dann zittert die Seele mit , und man weiß doch , was man ist . « » Das sehnt sich nun alles nach der Erlösung « , fuhr der Knecht Ruprecht nach einer Weile fort . » Daher läuten sie um Mittag und Mitternacht ; es hilft ihnen aber nichts ; sie haben sich schon zu schwer versündigt . Manchmal zogen auch die Fischer , die im Gohlitz fischen , so schwer mit den Netzen , daß es gar kein Zweifel war , sie hatten die Glocken darin , die ' raus wollten ; doch sobald das Erz an ' s Licht kam , sank es unter . Da ist schon mehr als ein Netz verloren gegangen . An einem heiligen Weihnachtsabend , das ist aber schon sehr lange her , hat ein Fischer , der sie im Netz hatte , sie sprechen gehört . Die eine sagte zur andern : Anne Susanne , Willte mett to Lanne , als ob sie mit ihr zu Lande wollte ; aber die andere sagte : Anne Margrete , Wii willn to Grunne schete ! und da schossen sie gleich wieder zu Grunde . « Sie stiegen jetzt aus einem tiefen und weiten Sandkessel , in dessen Mitte nur ein schwarzes Moor mit einigen dürftigen Lehmhütten lag , wieder in den höheren Kieferwald . Im Sande hatte Ruprecht die Spuren gefunden , denen er folgte ; auf der Höhe verloren sie sich wieder in der Waldfinsterniß . Er richtete seine Blicke nur nach oben , wo der schmale Luftstrich zwischen den Wipfeln den einzigen Weg durch das Dickicht anzeigte . » Hier seht Euch vor « , flüsterte der Knecht zum Junker , » und betet drei Paternoster , das ist die schlimmste Stelle . Da haben die Unholden recht ihr Wesen , und wer nicht muß , geht nicht zu Nachtzeiten . « Und doch entsann sich Hans Jürgen , daß es ja der Weg nach dem Kloster sei . » Ihr habt schon Recht . Eine halbe Stunde nur ist ' s bis hin , und doch hört Ihr nicht mal die Glocken . In der Niederung verklingen sie , daß die Töne nicht bis her dringen . Der Weg , auf dem wir gehen , ist nur ein schmaler Bergkamm , und bald werdet Ihr ' s zu beiden Seiten flimmern sehen . So , da blickt links schon der Gohlitz vor , aber rechts kommt gleich der Mittelsee , und drüben liegt das Nest Schwina , Gott sei bei uns ! Wenn Ihr ein altes Weib seht , mit ' ner weißen Hucke auf dem Rücken , drückt die Augen zu und antwortet ihr nicht . Das ist die Frau Hucke , und ist der Korb braun , dann ist ' s die Frau Harke . Die treiben hier ihren Spuk ; aber wer thut , als merkt ' er sie nicht , dem thun sie nichts . Das ist noch kein Menschenalter her , daß ein Britzke und ein Hagen hier geritten kamen . Sie hatten einen reichen Kaufmannssohn aus Magdeburg bis auf ' s Hemd ausgezogen beim Würfelspiel ; dort im Kruge von Jeserich , und hatten noch nachmals beim Abt in Lehnin eingesprochen und stark getrunken . Der Abt hatte ihnen gesagt , sie möchten bei ihm nächten , weil ' s im Wald duster ist , und mit ihm , dem Abt , auch eins würfeln ; wenn es Sünde wäre , käme das auf eins raus , und am Morgen könnten sie zur Beichte gehen , dann wär ' s rein gewaschen , eins und das andere . Sie aber lachten , sie wollten sich ' s im Wald überschlagen , ob das bischen Sünde den Beichtschilling lohne . Eigentlich fürchteten sie sich mehr vor ' m Abt als vor ' m Walde , denn es hieß , er hätte ' ne glückliche Hand . Kaum waren sie ein Paar Hundert Schritt vom Kloster im Elsenbruch , so wußten sie schon nicht mehr , wo sie waren . Sie drehten sich links und rechts und dachten , nun wollen wir doch umkehren . ' S ist besser Geld lassen und beichten beim Pfaffen , als das Leben lassen im Sumpf . Da sahen sie ein Licht und meinten es wär aus dem Kloster , aber das Licht ging immer weiter , und endlich sahen sie , es war eine Laterne , die ein Weib vor sich trug und auf dem Rücken hatte sie eine Kiepe , die war voll weiß Zeug gepackt . Sie gaben ihren Pferden die Sporen , doch je schneller sie ritten , um desto schneller trippelte die Alte fort , und sie hörten sie keuchen und husten , bis sie mal stille stand , und rief : Herr Jemine , ich glaube , da ist Jemand hinter mir her . - Freilich du Wetterhexe , rief der Britzke , wir haben den Weg verloren . - Wo wollt ihr denn hin , gnädige Herren ? rief sie wie ganz erschrocken . - Nach Kloster Lehnin zum Abt . - Ach du meine Güte , sprach das Weib , da muß ich ja auch hin ; da können wir eines Weges gehen . - So führe uns , sagte der Hagen , und Du sollst den Lohn haben , den Du verdienst . - Da trippelte sie vor ihnen her , bergauf , bergab , und um sie her ward alles dunkel , daß sie nicht einen Schritt sehen konnten ; nur allein das Licht von der Alten . Nun riefen sie ihr zu , sie sollte doch nicht so schnell gehn , denn sie fürchteten sie zu verlieren . Da lachte sie - und schwor bei einem Heiligen , den beide Herren nicht kannten , das sei doch kurios : die Herren wären ja zu Roß , und sie zu Fuß , und sieben und achtzig Jahr alt ! Der Britzke rief ihr zu , sie möchte wenigstens nicht so springen , das Licht in der Laterne könnte ausgehen , dann säßen sie ganz im Dunkel . Ach , sagte sie , dann leucht ' ich mit meinen Augen , ich habe Katzenaugen . Den beiden Herren war ' s doch nun ein bischen unwirsch , zumal , da sie immer tiefer in die Elsen und in die Brüche mußten , und gar kein Weg mehr unter ihren Füßen war . Wer bist Du denn , wo kommst Du denn her ? rief endlich der Britzke , da die Alte sich auf eine der trockenen Palten im Moor niedergesetzt , und schnaufte wie nach Luft . Kennt Ihr mich denn nicht ? rief das Weib . Ich bin ja die alte Pracherfrau , die humpelt durch ' s Land , und sammelt , was die Leute zu viel haben . Wovon soll unsereins leben ? Gestern war ich in Kemnitz , da hatte die gnädige Frau Wäsche . Da hat mir der liebe Gott manch Hemde und manchen Strumpf bescheert . Sie hatten ja viel zu viel . - Warst Du nicht in Hohenauen auch ? fuhr der Hagen drein , denn er war von Hohenauen , wie der Britzke von Schloß Kemnitz , und dem Britzke war schon die Ader geschwollen bei der Frau ihren Worten , denn mit der Wäsche bei ihm zu Haus war ' s richtig , seine Frau durfte sich aber nicht unterstehen , auch nur ein Tüchlein fortzuschenken . Also hatte es die Alte aufgerafft . - Freilich war ich auch in Hohenauen , kicherte sie böslich . Ach da hab ' ich erst hübsche Sachen eingepackt . Das war ein gesegneter Tag . - Nun mußte der Hagen den Britzke ordentlich festhalten , daß er nicht lospolterte : Warte nur bis Lehnin , lieber Bruder . Hier hat sie uns , das Diebsmensch ; da haben wir sie . Ich lasse sie peitschen . - Mit den Hunden hetzen , kreischte der Britzke . - Das steht dann bei uns , meinte der Hagen . Jetzt aber laß nichts merken , bis wir raus sind . Aber die Alte hatte Alles gemerkt . Wie sie nun wieder vor ihnen lief , und die andern dicht hinter ihr her , warf sie ein Stück aus dem Korbe , und dann noch eins und so streute sie links und rechts in den Moor die feinsten Hemden , Tücher , Strümpfe und Laken . Dem Britzke kribbelte es in den Fingern , daß er ' s auflange . Das schönste , feinste Weißzeug ging so verloren . Aber der Hagen kniff ihn in den Arm : Bei Leibe nicht , das ist ja ihre Tücke . Wenn wir uns dabei aufhalten , entwischt sie uns . Nur darauf los ! Und so ritten sie darauf los , bis sie nicht weiter konnten , bis der Moor um ihre Augen spritzte , und das helle Wasser den Thieren bis an die Halfter ging . Ja ihr Schreien hörte Keiner als die Hexe . Die hielt ihre Laterne hoch : Nur ein bischen weiter noch , Ihr lieben Herren , da findet Ihr ' s wieder fest unter Euch . Der Britzke riß auch sein Pferd noch einmal los , bis Mann und Roß in ein tiefes Loch stürzten : Hilf mir , Bruder Hagen ! schrie er , bis am Hals im Wasser . Hilf Dir selber ! rief es wieder aus allen Waldecken , und es lachte wie zehntausend Teufel . Da seht Junker , das ist der Mittelsee . Dahin hatte sie die beiden Herren verlockt , und nun ging der Mond auf und mitten auf dem See fuhr ein Kahn , ohne Ruder und Segel , ganz von selbst , und drinnen ein weißer Bock , der meckerte . Und den Kahn und den Bock drin sieht man noch oft , Mittags , bei hellstem Sonnenschein über den See fahren ; kein Wind bläst , und kein Mensch rudert . « » Und die beiden Herren , Ruprecht ? « » Sind ertrunken und erstickt . Keine Seele hat sie wiedergesehen , und sie liegen noch im Moor . Da wagt sich auch kein Mähder hin , auf die falsche grüne Decke . Der Storch selber , wenn er sich niederläßt , wippt er sich erst mit den Flügeln , traut dem Frieden nicht . « » Mann und Roß , das ist schrecklich . « » Der Hagen hatte noch Zeit drei Vaterunser zu beten , und rief zum heiligen Rochus , seinem Patron , und davon mag ' s gekommen sein , daß sein Pferd sich durcharbeitete , nämlich in den See , es schwamm rüber , und dann fuhr es durch den Wald wie der Satan , und stand nicht eher still , als vor der Klosterpforte . Da wieherte es und schlug mit den Hufen dran , daß der Abt und die Mönche in Todesangst waren . Und davon erfuhren sie ' s , was vorgegangen war , und der Abt ließ Seelenmessen - « » Konnte denn das Pferd sprechen ? « Der Knecht Ruprecht sah ihn groß an : » Solch ein Pferd Junker ! - ein Pferd , mein ' ich - nun Junker , das mein ' ich , ist gottlos so zu fragen . « » Herr Gott , was ist das ! « rief Hans Jürgen . Es schnaufte heran , durch die Büsche knisterte es , und ein wildes Pferd mit schnaubenden Nüstern , funkelnden Augen und zottigen Mähnen fuhr wie im Nu an ihnen vorüber . Laub und Erde stoben unter seinen Hufschlägen . Ruprecht stand , die Arme auf der Brust gekreuzt , die Augen niedergeschlagen . Jürgen aber , so schnell es ihm auch aus den Augen war , hatte sich doch nicht enthalten können , dem Ungethüm nachzublicken . » Ruprecht , sahst Du ' s ? « Ruprecht nickte mit dem Kopf . » Das war Hans Jochem ' s Pferd .