! O ! daß Ihr Alle die Seele dieser Frau besäßet , daß ihr die himmlische Liebe verständet , sprach Alfred sehr ernst , die sich in ihrer freien Hingebung verräth ! Ihr würdet nie verlassen , Ihr würdet angebetet werden ! So weit ist es gekommen , rief Caroline außer sich , daß Du mir , daß Du Deiner Frau eine verlorene Person zum Vorbild aufzustellen wagst ? Liebe , wen Du willst , aber beleidige mich wenigstens nicht durch solche empörende Vergleiche . Diese Verachtung verdiene und ertrage ich nicht von Dir . Aber können wir uns denn gar nicht mehr verstehen ? fiel ihr Alfred in die Rede . Willst Du Dich und mich denn absichtlich nur immer mehr verletzen , leiden wir nicht schon genug ? Wir können nicht neben einander leben , das fühle ich mehr und mehr ; aber laß uns wenigstens in Frieden scheiden . Wir haben nicht zusammengehört , wir werden uns trennen und doch einander nicht vergessen können . Laß unser letztes Beisammensein denn ruhig enden , laß uns von einander scheiden ohne Haß und Groll . Er schwieg , sie weinte . Alfred ! rief sie dann ganz plötzlich aus , schwöre mir , daß Du Sophie nicht liebst , daß Du nicht nach Berlin zurückkehrst , und ich will Dir alles Andre glauben , Alles soll vergessen sein , Alles soll gut werden , ich versprech es Dir . Was soll gut werden ? was war denn gut ? Hat Deine Eifersucht jemals geschwiegen ? Hat sie mich nicht gemartert , wo immer und wie immer wir auch lebten ? fragte Alfred . Ich will Dein Betragen vergessen aus Liebe für Dich , fuhr Caroline fort , ich will Alles verzeihen , aber - Was willst Du vergessen und verzeihen ? fragte Alfred nochmals ; den ungerechten Argwohn , den Du hegst , obgleich Du den Beweis dagegen in Händen hast ? - Du willst vergessen , daß Deine Launen , Deine Unliebenswürdigkeit mich aus der Heimat trieben ? Denn nur sie , nur unsere unglücklichen Zerwürfnisse zwangen mich dazu , das schwöre ich Dir ! - Du willst mir verzeihen , daß Du mich in Gegenwart unseres Sohnes mit niedrigen Vorwürfen überhäuftest ? - Das ist großmüthig von Dir ! Ich will vergessen , daß Du mich nicht liebst , daß Du Dich von der Mutter Deines Sohnes trennen willst , sagte Caroline erweicht und leise weinend . Alfred thue das nicht , denn - glaube mir - ich überlebe es nicht . Der Ton schlug an sein Herz und der schwere Kampf der letzten Tage erneute sich in ihm . Alte Erinnerungen sprachen für die alten Bande , für Frieden und Nachsicht ; aber Carolinen ' s falsche Begriffe von der Würde der Gattin zerstörten den guten Eindruck wieder . Sie hatte die bittenden Worte kaum gesprochen , als sie gleich wieder fürchtete , sich zu sehr gedemüthigt , ihren Rechten Etwas vergeben zu haben , und mit gewohnter Kälte und Heftigkeit fügte sie hinzu : Denn in die Scheidung , das weißt Du , willige ich niemals ; ich werde Rosenthal freiwillig nie verlassen , denn ich würde es für ein Verbrechen gegen Felix halten , meine und damit seine heiligen Rechte zu opfern , nur weil es Dir bequemer wäre , frei und zügellos zu leben wie der Präsident . Die Worte empörten Alfred . Ein neuer heftiger Streit entstand , und endete mit einer gegenseitigen Erbitterung , wie die Gatten sie in solchem Grade noch nicht gegeneinander empfunden hatten . Spät am Abende ließ Alfred seine und des Knaben Sachen packen , schrieb danach dem Domherrn , daß noch kein Vergleich zwischen ihm und seiner Frau zu Stande gekommen sei , und daß er ihn also bäte , auf einen solchen hinzuwirken . Dann setzte er die nöthigen Verhaltungsbefehle für den Inspektor der Fabriken und für den Wirthschafter auf und schickte seiner Frau folgendes Billet : » Ich räume Dir das Feld , da Du trotz meiner Bitte darauf beharrst in Rosenthal zu bleiben . Morgen früh fahre ich mit Felix nach Worben , dann nach Plessen . Ich habe an beiden Orten noch für mehrere Tage zu thun und verlange , daß Du nach keinem von beiden kommest , so lange ich dort verweile . Ich kann Dir nicht verwehren , Felix vor der Abreise zu sehen ; aber ich fordere , daß Du dem Kinde keinen ähnlichen Auftritt bereitest , wie der heutige es war . Ich habe ihm gesagt , daß ich ihn zu der Geschäfts-Reise mit mir nehme ; laß ihm den Glauben und beflecke seine junge Phantasie nicht mit den widrigen Bildern unseres Streites . Für ihn und für Dich verlange ich , daß Du ihm Dein Andenken rein erhältst . « XVI Der Morgen war regnerisch und kalt . Alfred blieb mit Felix in seinem Zimmer , wo sie allein das Frühstück eingenommen hatten . Das Kind war schlaftrunken und fröstelte . Als Alles zur Abreise bereit war , ging er mit ihm zu Caroline . Schon ? rief diese erbleichend , als sie bei ihr eintraten . Alfred , eben so erschüttert und bleich als sie , entgegnete : Ich wünsche zeitig nach Worben zu kommen . Sage der Mutter Adieu , Felix . Der Knabe that es mit gänzlicher Unbefangenheit . Er reichte der Mutter die Hand und drückte einen Kuß auf ihre Lippen . Da rang sich ein Schrei des Schmerzes aus ihrer Brust , vor dem Alfred erzitterte ; es war einer jener Naturlaute , die der Wilde mit dem civilisirtesten Menschen gemein hat . Sie preßte den Knaben an sich , als ob sie ihn für ewig halten wollte , und ihre glühenden Thränen flossen auf ihn herab . Auch Alfred ' s Augen schwammen in Thränen , aber er ermannte sich , sagte leise : komm , mein Sohn ! und schritt mit ihm davon . Caroline stürzte ihnen nach , kniete neben Felix nieder , prüfte , ob sein Anzug warm und fest sitze , zog ihm den Kragen des Mantels in die Höhe und knüpfte diesen mit einem Tuche fest , das sie sich vom Halse nahm . Alfred ' s Herz blutete ihm in der Brust . Mit abgewendetem Gesicht reichte er seiner Frau die Hand : Wie meinen Augapfel werde ich ihn behüten ! sagte er mit dem Tone , mit dem man einen heiligen Eid schwört . Sie hielt seine Hand fest , drückte einen Kuß darauf und rief : Lehre ihn nicht , mich zu hassen . Da sei Gott vor ! entgegnete Alfred und ging schnell mit Felix hinaus , der , vor Ueberraschung sprachlos , Alles mit sich geschehen ließ . Mit gerungenen Händen sank Caroline auf das Sopha ; dann eilte sie zum Fenster und blickte dem fortrollenden Wagen nach , so lange ihre Blicke ihn erreichen konnten . Zweiter Theil I Gegen das Ende des Octobermonates war die vornehme Gesellschaft von Reisen , aus den Bädern , und von ihren Landsitzen heimgekehrt und die Winterunterhaltungen nahmen in der Residenz ihren Anfang . Wie ein fröhliches Kind in eine blühende Wiese hineinspringt , jauchzend vor Lust und ungewiß , welche Blume es pflücken soll , weil alle ihm gleich schön und begehrenswerth erscheinen , so stürzte Eva sich in die Zerstreuungen , die sich ihr darboten . Theater , Concerte , Bälle und Gesellschaften wurden ihr zu reichen Quellen der Freude , und um so reicher , als ihre Anmuth und Fröhlichkeit einen großen Kreis von Bewunderern um sie versammelten . Da sie fast an jedem Tage in Gesellschaft oder durch andere Zerstreuungen in Anspruch genommen war , kam sie seltener zu Therese , brachte aber , so oft sie erschien , einen solchen Schatz von guter Laune mit , daß Julian sich höchlich daran ergötzte . Eines Abends kam sie früher , als sie pflegte , und ihr Diener trug ihr mehrere Päcke Bücher nach . Therese bewillkommte sie , und Theophil , der dabei war , sagte : Meine gnädige Frau ! was bedeuten die Folianten , die Sie uns mitbringen ? Sollten Sie die Absicht haben , sich den Wissenschaften zu widmen ? Komme ich Ihnen so alt und so häß ich vor , daß ich solch trauriger Zuflucht bedürfte ? entgegnete sie und fügte hinzu : aber eine ernste Angelegenheit ist es allerdings und Ihr Alle sollt mir Rath geben . Therese und Theophil boten bereitwillig ihre Dienste an und wünschten zu wissen , um was es sich handle . Das sage ich nicht eher , als bis Sie , Herr Assessor , mir eine Frage beantwortet haben . Könnten Sie sich entschließen , mir einen Dienst zu leisten , an dem mir sehr viel gelegen ist ? Von Herzen gern , wenn es in meiner Macht steht . O ! das ist schon eine Hinterthüre , durch die Sie entschlüpfen wollen , dies : wenn es in meiner Macht steht . Daß Sie es thun können , das weiß ich , sonst forderte ich es ja nicht . Etwas Ueberwindung könnte es Sie kosten , aber dafür wäre es Ihnen auch höchst heilsam . Und was ist es denn ? fragte Theophil . Sie sollen mit mir bei der Baronin Wöhrstein heute über drei Wochen in einer maskirten Quadrille tanzen . Sie erzeigen mir zu viel Ehre , sagte Theophil , indem Sie Ihre Wahl auf mich fallen ließen , aber ich verdiene sie nicht . Ich bin ein schlechter Tänzer , gehöre überhaupt zu derlei Festen nicht und habe das der Baronin selbst gesagt , die mich dazu eingeladen hat . Ach , das weiß ich ja Alles ! rief Eva ungeduldig , das hat mir die Baronin erzählt und doch müssen und werden Sie kommen . Erstens taugt Ihnen das ewige Studiren , das Lesen und wieder Lesen gar nichts . Aus all den gelehrten Büchern holen Sie sich Ihre Kopfschmerzen und aus den poetischen Romanen den Lebensüberdruß und was Sie sonst noch quält . Sehen Sie , Herr Assessor , ich nehme nie ein Buch in die Hand ; aber ich gehe aus , ich spreche mit vernünftigen Leuten , ich zerstreue mich alle Tage und davon bin ich gesund und zuletzt eben so gescheidt als alle Andern . So sollen Sie es auch machen . Dies war nur » Erstens « , sagte Therese lachend , willst Du uns nicht das Zweitens mittheilen ? Zweitens , rief Eva , wird kein Cavalier einer Dame solche Bitte abschlagen , drittens werden wir Beide zusammen vortrefflich sein und viertens will ich es so , und darum muß es geschehen . Dies ist allerdings so entscheidend wie der letzte Beweis der Könige , die Kanonen . Aber wollen Sie mir nicht wenigstens eine kurze Bedenkzeit gestatten ? fragte Theophil . Eva zog die Uhr aus dem Gürtel und sagte : Es ist jetzt sechs ein halb Uhr , um sieben , hat mir heute früh der Präsident gesagt , werde er zu Hause sein , um an der Berathung Theil zu nehmen ; so lange gebe ich Ihnen Frist , dann müssen Sie sich entschieden haben . Inzwischen erlauben Sie , daß ich mit meiner Freundin eine Privatverhandlung abmache . Nun denken Sie nach , edler Assessor ! rief sie und zog Therese an den Kamin , wo sie sich Beide niederließen . Auf Theresen ' s Frage , was Eva wünsche , sagte diese : Ach Gott ! ich möchte gern so praktisch sein als Du . Da ist in diesen Tagen eine alte Frau bei mir gewesen , deren Tochter Wittwe ist und sechs kleine Kinder hat . Der Mann ist schon vor vier Monaten gestorben und nun soll das siebente Kind geboren werden . Des Mannes lange Krankheit hat ihr ganzes Hab und Gut aufgezehrt , sie sind im höchsten Elend , haben nichts zu essen , keine warmen Kleider , nichts , nichts . Natürlich gab ich gleich Geld , damit sie Nahrungsmittel kaufen konnten und Holz . Ich wollte auch gern von meinen Kleidern geben , aber was für nutzlose Lappen besitzen wir in unserer Garderobe ! Ich fand kaum ein vernünftiges Stück , das die Leute brauchen konnten , nichts als elenden Atlas und Flor und solch dummes Zeug . Therese wollte wissen , wie die Frau heiße , wer sie an Eva gewiesen und wo sie wohne ? Eva antwortete : Das hatte ich Alles zu fragen vergessen , aber meine Werner hat es erkundet , weil sie unbarmherziger Weise der Unglücklichen nicht traute . Sie sagte , man müsse sich durch den Augenschein überzeugen . Ich fuhr also mit ihr hin . Du ahnst es nicht , Beste ! welch Elend ich da gesehen habe ! ich habe nie geglaubt , daß es solche Noth gäbe . Seitdem kann ich an gar nichts Anderes denken , als an diese Armen , und da ich so etwas gar nicht verstehe , sollst Du mir sagen , wie ich helfen soll . Ich möchte es gern recht gut , recht verständig machen ; ich habe nie gearbeitet und bin so glücklich , und die Leute , die so schwer arbeiten , sind so unglücklich , daß ich mich vor Ihnen schäme . Therese umarmte die junge Frau herzlich , erbot sich , selbst noch mit ihr zu der unglücklichen Familie zu fahren , um zu sehen , wie man dem Elende am besten steuern und den Leuten emporhelfen könne , und sagte : So , meine Eva , gefällst Du mir , darin erkenne ich Dein gutes Herz . Wenn ich Dich ganz und gar von den schalsten Zerstreuungen ausgefüllt sehe , bangt mir oft um Dich . Ich wollte doch , Du betrachtetest das Leben nicht ganz wie ein Spiel , Du dächtest auch an den Ernst desselben . Das kann ich nicht , rief Eva , das kann ich so wenig , als ein Schmetterling arbeiten kann . Ich werde traurig , wenn ich ernst sein muß , deshalb probire ich es gar nicht . Gott hat mir einen fröhlichen Sinn gegeben , mit dem ich das Leben genieße , weil ich jung bin . Werde ich alt und das Leben ist nicht mehr schön , dann wird sich der Ernst schon finden . Bis dahin laßt mich gewähren ! Bei Eva ' s letzten Worten erschien der Präsident und reichte ihr die Hand zum Willkomm . Sie schlug aber die Arme übereinander und wendete sich ab , ohne ihn anzusehen . Sind Sie noch böse , Eva ? fragte er leise . Was haben Sie denn gethan , Verzeihung zu verdienen ? entgegnete sie . Den ganzen Morgen haben Sie mir Vorwürfe gemacht über meine Verschwendung , über meine Koketterie . Sie waren grade so liebenswürdig als mein seliger Mann , wenn das Podagra bei ihm im Anzuge war und er üble Laune hatte . Bedürfte ich nicht Ihres Rathes für mein Costüme und Ihres Beistandes , um den Assessor zu überreden , ich wäre heute gar nicht hergekommen , das können Sie mir glauben . Der Präsident entschuldigte sich , so gut er konnte , Eva ließ sich begütigen und Jener sagte , nachdem Therese sich entfernt hatte : Sie sollen mich ganz zu Ihren Diensten finden , Eva ; nur das Eine gestehen Sie mir , daß Ihnen Theophil besonders gut gefällt , daß Sie ihn vor allen Männern auszeichnen . Das wäre eine Unwahrheit , wenn ich es gestände ! rief Eva . Theophil ist hübsch , er ist gut und er thut mir leid , weil er oft traurig und krank ist . Das Mitleid ist ein Vorläufer der Liebe , man könnte ihn darum beneiden ! Sie doch nicht etwa , Julian ? Sie , der mir heute bewies , die Liebe eines Mannes beruhe auf dem Grade der Herrschaft , den er über eine Frau ausübe ? Sie haben mir gesagt , Sie forderten von einer Frau nichts als Unterwerfung , Sie würden am meisten eine Frau lieben , die Ihnen Alles verdankte , und Sie könnten Theophil um das Mitleid einer Frau beneiden ? Um das Mitleid nicht , antwortete Julian , aber um die Neigung , aus der es entspringt . Sie lieben Theophil . Eva sah ihn lächelnd an , ward verlegen und rief , als des Präsidenten Auge durchdringend auf ihr ruhte : Und wer will mich daran hindern , wenn ich ihn liebe ? Ich gewiß nicht ! antwortete der Präsident mit einem leichten Anfluge von Spott . Eva schwieg eine Weile , dann wendete sie sich schnell von dem Präsidenten zu Theophil und fragte , ob er entschlossen sei , mit ihr zu tanzen . Er bejahte es und nun holte Eva die Folianten hervor , die sie mitgebracht . Es waren Werke über Nationaltrachten und Costüme . Eine lange Berathung begann , während welcher Eva ' s Heiterkeit unwiderstehlich war . Tausend Plane wurden gemacht und verworfen ; endlich blieb es dabei , daß sie als Oberon und Titania erscheinen sollten , da durch die Aufführung des Sommernachtstraumes auf der Bühne das Interesse für diese Dichtung lebhaft angeregt worden war . Die Costüme wurden gewählt , alle nöthigen Verabredungen getroffen , Eva war glücklich in der Aussicht auf den maskirten Ball . Nun sehen Sie nur auch ein wenig fröhlich aus , lieber Theophil ! sagte sie . Sie wissen gar nicht , was Sie mir für einen doppelten Dienst leisten . Einmal freut mich ' s , daß ich gerade Sie zum Partner habe , denn wir Beide passen ganz prächtig zusammen mit unserm blonden Haar ; Sie sind auch nicht so groß , als all die langen Gardeoffiziere , die sich mir zu Tänzern angetragen haben und gegen die man so gar klein erscheint . Sehen Sie nur , passen wir nicht gut ? rief sie und zog ihn nach dem Spiegel hin . Dann sagte sie : Ferner verhelfen Sie mir zu dem schönsten Armbande in Berlin . Frau von Wöhrstein und ich trafen uns bei dem Hofjuwelier und handelten Beide um dasselbe Armband , wollten es auch Beide sogleich besitzen . Inzwischen sprachen wir davon , daß Sie nicht auf den Ball kommen wollten , was der Baronin leid that . Da fiel ich auf einen Ausweg . Ich wette , sagte ich , daß ich Ihnen den Assessor für die Quadrille schaffe , wenn Sie das Armband zum Preise aussetzen . Das war sie lachend zufrieden und nun haben wir alle Beide unsern Willen und sind Ihnen Beide verpflichtet . Aber Sie scheinen sehr gleichgültig gegen meinen Triumph ! - Und in der That theilte Theophil die Freude der jungen Frau nicht , die sich bald darauf entfernte , um in eine Gesellschaft zu fahren , in die Julian ihr folgen sollte , denn der ganze Scherz mißfiel ihm . Das liebenswürdige Wesen bringt mich aus all meinen Gewohnheiten , sagte der Präsident , nachdem er Eva an den Wagen begleitet hatte . Es ist eine solche Lust , einen ganz glücklichen Menschen zu sehen , daß ich Eva in Allem nachgebe , ihr gern überall hin folge , um mich an der seltenen Erscheinung zu ergötzen . Sie lebt wie die glücklichen Wesen des goldenen Zeitalters , ohne Sorge , ohne Kummer , ohne Denken möchte man fast sagen , und eben so harmlos und rein , wie jene . Darin liegt ein hoher Reiz für den Betrachter . Sie erquickt mich wie Poesie nach einer ermüdenden Arbeit , und ich danke ihr das sehr gern durch Nachgiebigkeit in ihre Einfälle . Es ist mir unbegreiflich , daß Sie sie nicht ebenso reizend finden , Theophil ! besonders da sich Eva für Sie offenbar interessirt . Das wäre nun grade eine Frau für Sie ! die würde Sie schon erheitern , schloß der Präsident , während er die Brille zurechtrückte und den jungen Freund forschend betrachtete . Das ist mir auch eingefallen , während Eva neben Ihnen vor dem Spiegel stand bemerkte Therese . Sie passen wirklich gut zu einander . Ihnen ? Ihnen ist das eingefallen ? fragte Theophil im Tone schmerzlicher Ueberraschung . Ich hätte geglaubt , Sie kennten mich besser , Sie wüßten , daß Eva mir ganz gleichgültig ist . Während Therese sehr ernst wurde , schien Julian sich der Erklärung zu freuen . Beide schwiegen aber , und Jener fuhr fort : Sie glauben es nicht , wie ungelegen mir dieser Maskenball kommt . Ich liebe dergleichen gar nicht , und daß Frau von Barnfeld mich zum Gegenstand einer thörichten Wette macht , ist mir vollends so verdrießlich , daß ich am liebsten mein Versprechen zurücknähme . Es liegt für mich etwas Beleidigendes darin . Es sollte Ihnen schmeichelhaft sein , daß zwei so reizende Frauen an Sie denken , meinte Therese . Wie an ein Spielzeug ! fügte Theophil verdrießlich hinzu . Frau von Barnfeld wünscht mich zum Tänzer , wie sie das Armband begehrt , weil ihr die Erreichung des Wunsches unwahrscheinlich war . Verbirgt sich Eitelkeit oder gekränkte Liebe hinter diesen Worten ? fragte der Präsident . Nichts weiter als Langeweile . Ich hasse diese Maskeraden , die bei uns etwas Gemachtes sind . Wir Deutschen passen nicht dazu . In Italien , wo man sich gelegentlich wol noch hinter Schleier und Kapuze verbirgt und so verborgen durch die Straßen wandelt , ist eine Maskerade ein aus der Volksgewohnheit hervorgehender Scherz . Wir , die wir nicht gern mit Jemand sprechen , dessen Namen und Stand wir nicht kennen , wir taugen mit unserm Ernst nicht dazu , und sind gewiß in dem Domino oder im Panzerhemde eben so unbeholfen und ungesellig , als im schwarzen Frack . Sie sprechen ganz meine Meinung aus , sagte Therese . All diese Maskeraden , die lebenden Bilder , das Komödienspielen und Musiciren in unsern Gesellschaften sind nur Beweise , daß es an wahrer Geselligkeit fehlt . Wie selten findet man ein Haus , in dem die Wirthin ihre Gäste gewähren läßt , in dem die Gleichgestimmten sich von selbst zusammenfinden und mit einander in ungezwungener Unterhaltung verkehren dürfen ! Ueberall will man etwas bedeuten , man will einen musikalischen , einen besonders geistreichen , einen literarischen Kreis um sich versammeln . Da werden nun die unbedeutendsten Leistungen von Dilettanten präsentirt . Eine halbe Stunde geht mit Nöthigen und Zurüstungen hin , dann hört oder sieht man etwas sehr Unvollkommenes , muß sich mit lügnerischem Entzücken dafür bedanken und am Ende hat man sich gelangweilt . Man müßte es mit unserer Gesellschaft wie mit den Kindern machen . Gewöhnt man diese daran , ihre Spiele zu leiten , so lernen sie nicht allein zu spielen : man kann nichts Besseres für sie thun , als sie ganz sich selbst zu überlassen , dann helfen sie sich auch selbst . Und wie albern werde ich als Oberon aussehen ! wie paßt denn ein Mann , der Tage hindurch bei den Akten sitzt , zu solch luftigem Scherz ! sagte Theophil . Ich begreife nicht , wie Sie Frau von Barnfeld in dem Gedanken bestärken konnte . So lange Oberon und Titania nur als poetische Gebilde in unsern Seelen lebten , meinte der Präsident , mochte eine solche Wahl bedenklich sein . Seitdem man nun den Sommernachtstraum aber aufgeführt , ihn aus dem Reich des Ideals in die grobe Wirklichkeit gezerrt hat , scheint es mir weniger gewagt , und Sie Beide werden ganz gut aussehen als streitendes Elfenpärchen . Sie sind also auch gegen die Aufführung dieses Gedichtes gewesen ? Ganz und gar , sagte der Präsident . Es gibt Dichtungen , wie eben der Sommernachtstraum , der gestiefelte Kater , die so sehr in das Gebiet des Phantastischen streifen , daß man sie zerstört , wenn man sie festhalten will . Dem Menschen bleibt aus seiner Kindheit die Fähigkeit , sich ein Wunder , ein Märchen in der Seele lieblich auszuschmücken , mit der Phantasie alle Lücken auszufüllen , alle Zweifel zu beschwichtigen . Das schöne Gebild erfreut ihn , er mag es nicht zerstören , er hat es lieb , es ist für ihn wirklich da , so lange es nur in ihm ist . Will man aber den flüchtigen Wellenschaum fassen , will man ihn uns zum Ansehen hinreichen , so zerfließt er ; er wird gewöhnliches Seewasser und sein poetischer Reiz ist dahin . Ich glaube an Puck , ich glaube an den Weber Zettel , dem ein Eselskopf wächst , ich kann mir das lebhaft denken . Tritt aber Puck auf , so ist es allerdings eine reizende Schauspielerin , aber nicht mehr mein kleiner Puck ; an den Eselskopf von Papiermaché oder Leinwand glaube ich nicht , und das poetische Gedicht wird zu einer gewöhnlichen Zauberposse . Du pflegtest Aehnliches auch von der Darstellung des Faust zu sagen , bemerkte Therese . Gewiß ! sagte Julian , und ich werde jede Darstellung mißbilligen , in der man uns das Unkörperliche verkörpern will . Mephisto ist die Versuchung , die Verlockung des irdischen Reizes , die einen Menschen , gegen seine bessere Ueberzeugung , zu Handlungen verführt , welche von den gewöhnlichen Moralgesetzen , von der christlichen Religion verdammt werden . Mephisto ist das böse Princip im Menschen , das Goethe verkörpert darstellt , um sich damit dem alten Volksgedichte vom Faust anzuschließen . Mephisto enthüllt , wie der griechische Chor , was in der Seele des Helden vorgeht , seine Wünsche , seine Zweifel , seinen innern Kampf , das Unterliegen seines Gewissens und seine Reue . Hat nun das Auftreten des griechischen Chors immer etwas störsam Befremdliches für uns , so ist die Erscheinung des Mephisto für mich fast ebenso störend . Ich habe den Faust auf den verschiedensten Bühnen aufführen , den Mephisto von den verschiedensten Schauspielern darstellen sehen , und immer habe ich die Empfindung gehabt , daß man die Dichtung vom Himmel durch die Welt zur Hölle schleppe ! Und auch hier in Berlin haben Sie das gefunden ? fragte Theophil . Mich dünkt , daß man hier das Höchstmögliche dafür gethan hat , ihn würdig darzustellen . Nirgend habe ich die Darstellung plumper , materieller gefunden , als gerade hier . Ich halte Seidelmann ' s Talent in Ehren , das sich in vielen Rollen trefflich bewährte ; aber sein Mephisto war das widerwärtigste Zerrbild von der Welt . In dem Bestreben , jeden Charakterzug des Bösen zur Anschauung zu bringen , wurde er so garstig , sein höllisches Grinsen , Blasen und Zähnefletschen so entsetzlich , daß Gretchen ' s ahnungsvolles Grauen vor ihm einen viel natürlichern Grund hatte , als den geheimnißvollen Schauer einer reinen Seele , wenn sich ihr das Böse naht . Es bedurfte nicht ihrer instinktmäßigen Furcht , sie von ihm zurückzuscheuchen , er war so garstig , daß ihn Jeder geflohen hätte . Das Böse aber muß blendend sein , um uns zu verführen , und ich möchte wol einem geistreichen Schauspieler rathen , einmal den Mephisto als schönen , jungen Cavalier mit den feinsten Sitten darzustellen , soweit das mit dem Goetheschen Bilde vereinbar ist . Durch die schöne , gewandte Form müßte der teuflische Hohn durchblitzen , man müßte sich wundern , warum Gretchen , warum wir selbst uns vor dem feinen Ritter scheuen , der uns anzieht und gefällt . Mephisto soll eine Klapperschlange sein , der die Vögel schaudernd in den Rachen fliegen , nicht ein Unthier , vor dem Alles flieht , was gesunde Augen hat . Soll und muß der Mephisto durchaus dargestellt werden , so könnte es nur auf diese Weise mit einer Art von Wahrscheinlichkeit geschehen . Die Hahnenfeder auf dem Hut , das Mäntelchen von starrer Seide sprechen dafür , und der hinkende Fuß ist kein Hinderniß dabei , denn Lord Byron konnte hinkend alle Herzen bezaubern . Es ist wahr , sagte Therese , daß man im Faust auf der hiesigen Bühne der Phantasie zu wenig Spielraum läßt , daß man in dem guten Willen , Alles recht deutlich zu machen , manches Possierliche zu Wege bringt . So zum Beispiel verderben sie ganz und gar die wundervolle Scene im Dome , in welcher Gretchen von dem bösen Geist ihre Sünden vorgehalten werden , während vom Chore das » Dies irae , dies illa « ertönt . Diese Scene , die durchaus in die Kirche gehört , geht auf der Straße vor sich ; ein wirklicher böser Geist , ein Gnom von Fleisch und Bein , schießt aus der Erde hervor , hockt sich zusammengekauert Gretchen gegenüber und sagt ihr in ' s Gesicht , was ihr Gewissen innerlich bewegt . Das ist lächerlich und dergleichen kommt noch mancherlei in der Aufführung vor . Lächerlich darf aber eben im Faust nichts sein ! rief der Präsident . Es ist so hoher , heiliger Ernst in der Dichtung . Wer es empfunden hat , wie der Geist oft muthlos verzweifelt im Ringen nach dem Höchsten , wie man es für unerreichbar hält und sich verzweifelnd schadlos halten möchte an den Freuden der Erde , die allerdings ihre unleugbaren Reize haben und große Befriedigung gewähren , fügte er lächelnd hinzu , der wird mir zugestehen , daß Jeder sich seinen eignen Faust , seinen eignen Mephisto innerlich erschafft und daß es ein mißliches Unternehmen bleibt , solche Figuren darstellen zu wollen . Ich glaube auch , wir bringen den rechten Sinn nicht mehr in das Schauspielhaus mit , meinte Theophil , wir prüfen zu viel , wir beurtheilen zu viel . Darum muß man uns nur Dasjenige bieten , was die Prüfung , die Beurtheilung aushält , antwortete der Präsident . Unsere Gesinnung , unsere Anforderungen haben sich mit der Zeit geändert ; wir wollen noch unterhalten sein , wie früher , aber Das , was man uns als Unterhaltung vorschlägt , erfüllt den Zweck nicht immer . Wir sind