der hochschlagenden Brust falten , weil der innere Jubel , die tiefe , selige Dankbarkeit gegen Gott sie überwältigte . Ach , ich bin ' s ganz gewiß nicht werth ! seufzte sie erröthend , und dann lachte sie wieder über alle die vielen Schneelöcher , in die er noch fallen werde beim Berzelius , und schalt , daß er noch immer nicht da sei ; bis ihn die Hausklingel verkündigte und ihr der Schreck in alle Glieder fuhr : er kam ja , um Abschied zu nehmen ! Mit drückender Schwere schlich den Andern der Tag hin . Die plötzliche Wendung in Aller Geschick war , obschon jedem Einzelnen bewußt , dennoch keinem in ihrem ganzen Umfange deutlich . Vrenely sogar fühlte mitten im Glück den heimlich ritzenden Dorn der Rose . Sie hätte Otto um keinen Preis aufgeben und dennoch ihm volle Freiheit lassen mögen ; es drängte sie ein unbekanntes Etwas , ihm Zeit zu gönnen , das Krankenlager hatte ihr nur allzuklar gezeigt , mit welcher schmerzlich-leidenschaftlichen Hingebung er Annen anhing , aber eben so gewiß war sie dessen , daß diese ihn nicht wieder liebe . Anna ' s erwachende Neigung für Gotthard war des Mädchens scharfem Blicke nicht entgangen , doch eine leise Scheu ließ sie vor ihr das Seelenauge niederschlagen , ihr Herz wollte nicht darum wissen , daß die verheirathete Anna ein anderes Bild in sich trage , obschon sie ihr , Otto zu lieben , vergeben hätte . Stand er aber selbst ihr gegenüber , sah sie ihn so fest und kräftig ihrem zweifelnden Blicke begegnen , dann war ihr wieder , als sei alles gut , was er gewollt , als könne er gar nicht irren , als müßte gerade sie ihn aus dieser Schlucht glühender Qual herausziehen , wie aus der eisigen Tiefe . Otto sprach sich über seine Verlobung ernst und würdig aus . Leontine wünschte ihm mit bezaubernder Freundlichkeit Glück ; ihre Wangen glühten fieberisch , aber sie blieb völlig Herr ihrer selbst und jeder Aeußerung . Die große Welt gewöhnt ja auch die heftigste Natur , die Erregungen des Gemüths und der Leidenschaft zu bergen . Der gute Professor , der sehr willkommen Abends sich einfand , vermochte es indessen auch nicht , den Stunden eine heitere Färbung zu geben . Otto war mit Vrenely übereingekommen , ihre Verlobung bis zu seiner baldigen Rückkehr zu verschweigen , weil er am nächsten Morgen in aller Frühe abzureisen gedachte . Der Professor , der sich halb und halb im Vertrauen fühlte , war schalkhaft und leicht wie ein bleierner Vogel . Sophie und Duguet wurden den ganzen Abend mit Reiseanstalten und wiederholten Befehlen gequält . Sophie sah abwechselnd Annen und Leontinen an und schüttelte betrübt den Kopf , aber sie beugte sich jeder ihrer Launen und war unermüdlich in Herbeischaffung des Verlangten . Plötzlich entstand ein Tumult auf der Straße , der Lärm schien aus einem am Ende derselben gelegenen Kaffeehause heraufzudringen ; es war ein mistönendes , wüstes Geschrei , man unterschied französische und italienische Flüche , deutsches Schelten und Drohen . Ein dichter Menschenknäuel schien sich in einer Ecke der Gasse um etwas herum zu winden und zu drängen . Anna klingelte heftig . Duguet war in Otto ' s Angelegenheiten ausgeschickt , der Kutscher trat ein . Die Gräfin befahl , sogleich die Ursache des Auflaufs zu erfragen . Nach wenigen Minuten kehrte er zurück und brachte die Antwort : die gnädige Herrschaft möchte unbesorgt sein , es wären nur eben ein paar italienische Spitzbuben und Maleficanten arretirt worden , die Aufruhr stiften und die Schweiz verrathen wollten . Die traurigen Maßregeln , zu welchen im Jahre zweiundzwanzig die Verfälschung einer ministeriellen Note Veranlassung gab , sind allgemein bekannt . Einem Lauffeuer gleich durchflogen beängstigende Gerüchte einer drohenden Umwälzung des bis dahin friedlich erhaltenen Zustandes die ganze Schweiz ; in krassester Entstellung verbreiteten sich die seltsamsten Gerüchte durch die höheren und niederen Volksclassen . Unzählige , meist harmlose Fremde , denen die Cantone Genf , Waadt und Wallis bisher ein sicheres Asyl geboten , mußten plötzlich , des Carbonarismus verdächtig , dasselbe verlassen ; sie wurden polizeilich aufgehoben , gewaltsam entfernt , sogar gefänglich eingezogen . Der panische Schreck hatte jetzt auch in Bern der Gemüther sich bemächtigt und wirkte um so gewaltsamer , als er später denn in den anderen Städten erwacht war . Annens freiheitschlagendes Herz hatte schon Wochen lang mit den Unglücklichen gelitten , die , schuldig oder nicht , ein so unerwartet hartes Verhängniß in fremdem Lande traf . Sie ließ sich eben noch einmal die näheren Umstände des traurigen Vorfalls berichten , als Leontine und Otto zugleich eintraten , die in ihren gegenüberliegenden Zimmern von dem ganzen Lärm nichts gehört hatten . Der Kutscher wiederholte sogleich seine Erzählung . Kaum aber hatte Leontine die ersten Worte derselben vernommen , als sie todtenbleich und bebend , wie von einem heftigen Schwindel befallen , mit sehenden Augen blind , tappend den ersten Stuhl zu erreichen suchte , und unfähig , sich auf den Füßen zu erhalten , wie bewußtlos darauf niedersank . Anna , Sophie und Otto sprangen zu , sie zu halten ; es dauerte mehre Minuten , ehe sie den Anfall , gegen den sie sichtlich mit allen Kräften rang , gewaltsam überwand . Der Kutscher wollte sogleich zum Doctor laufen , Sophie wehrte es , Annen zuwinkend , ab ; sie versicherte , es wären Vapeurs , sie sei dergleichen am Fräulein längst gewohnt , und das englische Salz , das irgend auf Tisch oder Console liegen müsse , würde augenblicklich helfen . Alle Anwesenden , sogar der alte Professor , liefen , natürlich das Salz suchend , im Zimmer umher , nur Gotthard , der hinter Madame Sophie stand , blieb unbeweglich . Ce n ' est pas lui ! flüsterte ma bonne der noch halb Betäubten in ' s Ohr . Herr Gott , da ist das Salz in meiner Tasche ! Mille pardons ! fuhr sie , zur Gesellschaft gewendet , fort : Sehen Sie , es wird schon besser ! Leontine hatte sich wirklich erholt ; mit großer Anmuth entschuldigte sie den ihr selbst unbegreiflichen Zufall . O dear , o dear ! schrie im Eintreten Lady Frederic , die expreß von ihrem lieben Professor Abschied zu nehmen kam . Ist das da draußen ein Spectakel ! In ihrem Eifer bemerkte sie natürlich Leontinens Unwohlsein gar nicht . Da haben sie einen von meinen Landsleuten , das heißt , ich wollte gerade das Gegentheil sagen , einen von meinen Nichtlandsleuten , einen Engländer arretirt . Ein Irländer hätte sie nicht hier vier Wochen lang dazu erwartet . Der arme Mensch ist tipsy , ich glaube , sie nennen das hier ein wenig betrunken , und will sich durchaus mit der Polizei boxen . Sie suchen nach drei Andern , die aber nach dem enormen Lärm sich schwerlich finden lassen werden . Ich bitte Sie , Gotthard ! sagte Anna , was ist ' s eigentlich ? Landammann Wateville hat leider eine zweite und diesmal wirklich authentische Note österreichischer Seits erhalten , die allerdings auch die hier sich aufhaltenden Fremden bedroht . Man spricht von Stiftung einer neuen carbonarischen Freimaurerei ; auch der französische Minister scheint sehr ernstliche Maßregeln zu Entfernung ihm verdächtiger Personen zu nehmen . In dichtem Kreise umschlossen alle Anwesenden den Erzähler . Lady Frederic begann zu fragen . Leontine nahm jetzt lebhaft Theil am Gespräch , ihr Unwohlsein schien vergessen . Otto , Gotthard und der Professor arbeiteten das vorgeschlagene Thema nach allen Seiten durch . Draußen war es still geworden bis auf den Sturm , der an die Fenster schlug und den ein lustig gepfiffenes italienisches Volksliedchen durchtönte . Ah ! sagte Anna , nenna sta grazia toja ! und Venedig tauchte vor ihr auf . Gott sei Dank ! den haben sie nicht ! Leontine war jetzt brillanten Humors und zankte sich auf ' s Possirlichste mit dem alten Professor . Hätte ich Sie , mein gnädiges Fräulein , doch wahrhaftig nicht für eine solche Erzdemagogin gehalten ! Bitte , bitte ! erwiderte sie lachend , nur für mein Herz bitte ich um das Conservativ- oder , wie es jetzt heißt , Reactionssystem . Man reizt die Jugend zum bestimmtesten Widerspruch durch diese scharfen Maßregeln , perorirte Lady Frederic . Es hat einen eigenen zauberhaften Reiz , den Märtyrer einer Idee zu spielen . Hier ist von einer im Allgemeinen untergegangenen , im Einzelnen leider nur allzu wunder-lebendig erhaltenen Ueberzeugung die Rede , sagte Gotthard . In diesem Augenblicke variirte unten der Pfeifende und ging in wunderlich-kecken Modulationen in das Thema des bekannten Polenliedes : » Noch ist Polen nicht verloren ! « über . Da haben wir ' s , schmunzelte der Professor , unser musikalischer Demagog ist mit der Geographie brouillirt . Leontine lachte laut ; sie und Lady Frederic liefen an ' s Fenster , es war aber Niemand zu sehen . Aber , mein gnädiges Fräulein , sagte der Professor , wenn Sie mit dem Lichte in der Hand an ' s Fenster treten , zeigen Sie sich , anstatt den Gegenstand auf der Straße zu beleuchten . Oh ! Oh , yes , of course ! meinte Lady Frederic . Otto hatte sich still in eine Ecke gesetzt ; zuweilen sah er aus derselben Annen wehmüthig lächelnd an , als wollte er sagen : Das nanntest du Liebe ? Gotthard sprach schön und ernst über politische und Staatsangelegenheiten mit dem Professor und suchte die gescheiten , aber etwas schonungslosen Fragen der Lady , die sie wie Raketen in die Unterhaltung warf , abzupariren . Am Ende ging der Abend , wie viele seiner trüben Brüder , vorüber . Als am nächsten Morgen Anna mit ihrem bedrückten Herzen wieder allein war , überlas sie nochmals Kronbergs Brief . Der größte Theil desselben war vor Empfang der Todesnachricht geschrieben . Wie bei seiner Abreise , schien er einen verlängerten Aufenthalt seiner Familie in Bern zu wünschen ; wie sollte sie ihm sagen , daß dieser ihrer Empfindung nach unmöglich geworden ? Von der Liebe eines Andern mit einem Mann , der uns liebt , zu sprechen , ist schwer ; aber einem Gemahl , der uns nicht mehr liebt und doch als sein Eigenthum mit eifersüchtigem Blicke bewacht , das Gefühl dieses Andern als Hebel unserer Handlungen zu bezeichnen , scheint fast unmöglich . Sie fürchtete im besten Falle Spott , gleichgültiges Hinnehmen des ihr so Wichtigen , im schlimmern arges Misverstehen und kränkenden Verdacht . Ihr Verlassen Berns war Kronberg unbequem , und leider ist Unbequemlichkeit in unsern Tagen fast das Wichtigste , Verabscheuungswürdigste in den Augen unserer Männer geworden . Ich glaube , die Bequemlichkeitsliebe ist an die Stelle des Faustrechts getreten , wenigstens wirkt sie zuweilen eben so schonungslos und gewaltsam als jenes . Ich habe Freundschaft , Liebe , Vertrauen und vielgestaltiges Glück an dieser unserer fatalen Zeiteigenschaft scheitern sehen und nie begreifen können , warum man sie noch nicht zu den größten Leidenschaften zählt , die einzelnen Auserwählten das Leben zum Paradiese , den meisten aber zu einer sich täglich wiederholenden Qual und Sorge machen . Es wird ihm sehr unbequem sein ! wiederholte sich Anna und sann und sann , einen Vorschlag aufzufinden , der ihrem Gemahl die Mühe spare , ihr einen andern Aufenthaltsort anzuweisen . Im wiederholten Lesen des Briefes ward ihr immer deutlicher , daß des Fürsten Tod die ganze nur nach seinem Willen bestimmte Sendung nach Petersburg annulliren und daß sie vielleicht gar einem Andern zugetheilt werden könne - was dann ? Vielleicht kam dann Kronberg selbst , vielleicht berief er sie und Leontinen nach Berlin . Dann tauchte wieder Gotthard ' s Bild zwischen den Zeilen auf . Wie unwichtig erschien die eigene Sorge , dieser gehemmten gestörten Wirksamkeit gegenüber . Könnten wir nur etwas für ihn thun ! dachte sie weiter . Sie kam an einen gestern schon besorgten Auftrag , eine Summe Geldes einzucassiren . Die Rollen lagen vor ihr auf dem Tische . » Da ich , schrieb Kronberg weiter , über das Salaire des Herrn Gotthard nichts Bestimmtes mit ihm abgemacht , du aber , wie mir scheint , immer noch mit seiner Methode und seinem Betragen wohl zufrieden bist , so warte nicht das Ende des Jahres ab , sondern gib ihm funfzig Thaler in Gold und frage ihn zugleich , ob er mit hundert funfzig jährlich und freier Station zufrieden ist . Der arme junge Mann ist vielleicht in Geldnoth ohne daß wir es ahnen . « Mechanisch war Anna aufgestanden und hatte blindlings eine der Geldrollen ergriffen . Plötzlich durchzuckte sie der Gedanke , daß es Gotthard , Gotthard sei , dem sie dieselbe geben , den sie damit bezahlen solle . Eiseskälte durchrieselte ihre Glieder ; sie ließ das Geld fallen - es rollte auf dem Boden umher . Mit starrem Blick folgte sie dessen Bewegung ; sie zitterte mit jeder Secunde heftiger . Jetzt bohrte der entsetzliche Gedankenstrahl wie ein glühendes Eisen sich immer tiefer ihr ins Gehirn : Du sollst den Mann bezahlen , den du liebst - er steht in Kronbergs Dienst ! Wie zerbrochen knickte die hohe Gestalt zusammen . Und also ist es wahr , und also liebe ich ihn ? wirbelte in rastloser Hast das fragende Empfinden durch jede Fiber , durch jeden Pulsschlag ihres Wesens hin . Unwiderruflich elend - antwortete sie sich selbst . Lange vermochte sie durchaus nichts weiter zu fassen , noch dachte sie nicht entfernt an ein Unrecht gegen ihren Gemahl , sie fühlte nur den Moment und seine Pein , und daß ihr Geschick entschieden sei ; sie gehörte zu den Unglückseligen , die nicht weinen im Schmerz - die trocknen Thränen brannten ihr in den Augenhöhlen . Nach vielen Stunden fand sie Sophie in einer Ecke ihres Kanapees , wie von plötzlicher Krankheit ergriffen , stille liegen ; sie hatte heftiges Fieber und war , von der endlosen Gedankenjagd tödtlich erschöpft , in dumpfe Betäubung gesunken . Aber es wurde wieder Tag . Erbarmungslos schlangen sich die Stunden zur Kette in einander ; sie sollte , sie mußte weiter leben . Ihre Knaben kamen , ihr guten Morgen zu sagen . Als sie die Kinder sah , überflutete ein nie gekanntes Weh ihr Herz . Anna war fast immer gesund , und den Kleinen war es so ungewohnt , die Mutter leidend zu sehen ; sie brachten ihr schönstes Spielzeug , Früchte und Blumen mit , alles , was sie nur besaßen , und wollten , damit die Mama pflegen , wie sie es ihnen bei kleinen Uebeln gethan . Lange hielt Anna Beide fest in ihre Arme geschlossen und sah die lieben Züge wieder und wieder mit stillem Ernste an . Es war ihr sonnenhell in der Seele , daß , was auch geschehe , in welchen Abgrund von Qual oder Schuld dies gewaltige Gefühl sie stürze , nichts jemals von ihren Kindern sie trennen könne und dürfe . Wochen , Monate lang hatte sie sich zu täuschen vermocht . Otto , sogar Leontine hatten längst das trübe Geheimniß errathen ; jetzt , da auch sie sich dessen bewußt geworden , feilschte und marktete sie nicht , weder mit ihrem Herzen , noch mit ihrem Gewissen . Jede Selbstlüge blieb dieser starken , großen Seele fern , es lag vor ihr wie ein unermeßliches dunkles Unglück ; aber sie beschloß , ihre Leidenschaft zu tragen , elend zu sein , wenn es denn unvermeidlich , aber nie und nimmer das Gefühl des Verlustes ihrer Kinder auf sich zu laden . Ach ! auch in Annen lag der Drang nach Glück , der , mächtiger noch als der Instinct , den Lebensmüden im Schiffbruch zwingt , an den schwimmenden Mast des zertrümmerten Schiffes sich zu klammern und mit den Meereswogen ihn ums verhaßte Dasein kämpfen heißt . Dieser heiße quälende Durst nach Glück , den fast immer die Liebe in jeder Menschenbrust zuerst erweckt , der mit den dahinrinnenden Stunden immer riesiger alle Kräfte der Seele überwächst und den alles spätere Leben fast nie zu stillen vermag . Aber dem Weibe gab die erhaltende Natur ein ungeheures Gegengewicht , daß sie in diesem Ringen nach Glück nicht unbedingt zu Grunde gehen müsse : die heilige , aber so allmächtige Mutterliebe . Nicht umsonst erfanden die Alten das schöne Wunderbild vom Pelikan , der die eigene Brust aufreißt und mit dem Herzblut seine Jungen nährt ; nicht umsonst eint der Indier die zerstörende und erhaltende Kraft zu einer und derselben Gottesgestalt . Tiefer noch als die leidenschaftlichste Glut greift das Gefühl der Mutterliebe in alle Urbedingungen unseres Lebens ein und ruft schaffend und vernichtend zahllose unverstandene , unerklärbare Erscheinungen des Lebens hervor . Anna dachte von dem Allen nichts , sie fühlte es nur : die Lichtausströmungen der höchsten Ueberzeugungen berühren das ganze individuelle Leben , nicht die einzelne Kraft . Die Radien eines solchen unmittelbarsten Verstehens unseres Selbst fließen mit der tiefsten Empfindung in einen Brennpunkt zusammen . Sie sah ihn wieder . Alle Drei lebten das tägliche Leben so neben einander hin wie immer . Leontinen wurde das Reden am leichtesten ; sie barg ihren Kummer um Otto nicht , sie klagte sogar auf ' s Anmuthigste um ihn und verklärte diese zarte Klage mit jedem Reiz ihrer so reichbegabten Natur . Es lag eine so elegischliebliche Wehmuth in Allem , was sie that ; kein Geständniß der Liebe , nur ein Jammer um weit entrücktes und verlorenes Schöne . Vrenely saß viel bei ihr . Leontine ging sogar zuweilen mit in die Kirche , wenn das Mädchen für Otto beten wollte , sie hatte allmälig eine Art poetischer Frömmigkeit von jener angenommen und den Glanz ihres scharfen , spottenden Witzes in der Rückspiegelung einer so schönen Einfachheit von sich geworfen wie einen unnütz gewordenen Schmuck ; und in dem Allen war kein Falsch , es war die augenblickliche Gestaltung ihres Wesens . Nur Eins war sonderbar , Leontine , die stets Gesellige , war gern allein , als miede sie die grellen Widersprüche des Außenlebens . Anna mußte sie gewähren lassen , denn zum ersten Mal war sie der Freundin gegenüber nicht unbefangen ; zum ersten Mal hatte Anna ein Geheimniß . Obwol sie ahnte , daß es Leontinen längst keines mehr sei , konnte es ihrer Meinung nach niemals unter ihnen zur Sprache kommen . Man hat zuweilen im Traum das Gefühl des Fliegens , des Hinschwebens über schöne Gegenden und geliebte Menschen ; das Erwachen ist fast immer mit dem Schreck eines tiefen Sturzes verbunden . Ich glaube , das gab uns das Wort : aus dem Himmel fallen . So war es Annen ; wie im Traume hatte sie sich hoch erhoben über das eigene Leben , ihr ahnete ein schweres Erwachen . Aber sie war trotz dem Allen glücklich und insgeheim sich dessen bewußt . Wenn Gotthard sprach , empfand sie es als ein Glück , und wenn er schwieg und sie seine edeln Züge ansah , war ' s nur ein anderes ; in seinem Gehen , Kommen , Bleiben , vor Allem aber , wenn er seine ernsten Lieder sang , die sein Wesen , wie seine Verhältnisse rückspiegelten , durchwogte sie ein Gefühl der Seligkeit , das sie nicht einmal mit dem Gedanken zu berühren wagte , um nicht aus dem Himmel zu fallen . Thöricht , thöricht , daß man sagt : Unschuld und Jugend - die Frühlinge der Menschenbrust - kehren nie wieder ! Anna war eine Frau von vierundzwanzig Jahren , und die Liebe machte sie zum vierzehnjährigen Mädchen . Gotthard war unter ihnen der einzige wahrhaft Unglückliche ; auch er wandte den Blick ab vom eignen Innern , um nur auf Annens und ihrer Kinder Leben hinzublicken und in der ihm vielleicht nur karg gemessenen Zeit des Beisammenbleibens noch alles ihm Mögliche für sie zu thun . Mit Briefen Kronbergs war auch ein Schreiben des Ministeriums an Gotthard eingelaufen . Nicht nur fanden seine Arbeiten die vollste Anerkennung , es ward ihm zugleich die Aussicht zu einer umfassenderen Thätigkeit eröffnet . Wie es schien , hatte der Fürst selbst noch vor seiner Abreise die eingesandten Berichte dem Cabinet , für welches Gotthard arbeitete , vorgelegt und die Klarheit der Darstellung , die ernste Genauigkeit derselben , die Genialität der Combinationen bei größter Tüchtigkeit der Auffassung hatten die Blicke des Ministeriums auf deren Verfasser gezogen . Ueberrascht , ihn nicht schon früher bemerkt zu haben , schien man höheren Orts entschlossen , ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren . Seine Bahn war gebrochen . Gotthard theilte der Gräfin die günstige Wendung seines Geschickes mit und bat , ihm zu vergeben , wenn er sich öfters dem unverdienten Vorzug - das Wort Glück wagte er nicht - in ihrem engeren Familienkreise zu weilen , entziehe . Es war ihm ein tiefer furchtbarer Ernst um die Bekämpfung der ihn schwächenden Leidenschaft , darum mied er sie oft ; ein Vergessen , ach , nur ein Verschmerzen seiner Liebe fiel ihm längst nicht mehr ein . Unerwartet kündete jetzt Kronberg seiner Gemahlin seine Rückkehr an ; er befahl , ein paar Gastzimmer in Stand zu setzen , und bat Annen , seine Abreise nach Bern Allen , selbst Leontinen , zu verschweigen . Es schien leicht zu errathen , daß Josephine ihn begleiten und ihre Tochter mit einem freundlichen , Alles ausgleichenden Besuch zu überraschen gedenke . Sie wird mir Leontinen entführen , seufzte Anna , den gelesenen Brief faltend , und wir gehen dann wol Alle nach dem Ort , den Kronberg als Aufenthalt bestimmt . Eben wollte sie in den Saal zurück , als Gotthard aus der Thür ihres Zimmers ihr begegnete und ernst und dringend sie um ein Gespräch weniger Minuten bat . Mit ehrerbietigen Ausdrücken entschuldigte er sein Einmischen in eine Angelegenheit ihres Hauses und schien dann verlegen , den Zweck desselben näher zu berühren . Kronbergs Befehl nach , hatte ihm Anna das unglückselige Geld zwar zustellen lassen , die Summe aber vergrößert und die Bitte ausgesprochen , die Auslagen für die Knaben davon zu bestreiten und später mit ihrem Gemahl das alles zu berechnen . Auf diese Weise war das Geld ein bloßer Vorschuß für die Kinder . Unwillkürlich suchten ihre Gedanken hierin einen Zusammenhang mit dem gewünschten Gespräch ; eine tödtliche Verlegenheit bemächtigte sich auch ihrer . Gotthard faßte sich endlich gewaltsam und bat sie , die nächste Vergangenheit ihrem Gedächtniß zurückrufen zu dürfen . Er erinnerte sie an Otto ' s unerwartete Rückkehr und an den Fremden , dem jener auf der Treppe begegnet , dann an den letzten Abend , an den Volksauflauf , an Leontinens Ohnmacht und an das vor dem Hause gepfiffene Lied ; er bekannte ihr , die dem Fräulein zugeflüsterten Worte Sophiens : » ce n ' est pas lui « gehört zu haben ; er erinnerte endlich an Leontinens Beleuchten ihrer eigenen Gestalt , als sie mit Lady Frederic an das Fenster getreten . Sprachlos starrte ihn Anna mit immer wachsender Angst an ; sie dachte , er werde ihr etwas über sich selbst entdecken , er aber schloß mit wiedererrungener Besonnenheit : Unbezweifelbar gewiß scheint mir , daß eines jener unglücklichen Opfer der Politik und eigener Ueberspannung hier im Hause verborgen ist , und daß Fräulein Leontinens Güte und Milde auf eine Weise misbraucht werden , die leider den Grafen Kronberg in seiner Stellung auf ' s Empfindlichste compromittiren , ja seiner Ehre gefährlich werden kann . Anna blieb einige Secunden sprachlos . Nein ! rief sie aus , wie könnte Sophie - - Das ist mir selbst ein Räthsel ; indessen wurden doch gerade ihre Worte der Leitfaden in meiner Hand . Ich vermuthe , daß im dritten Stockwerke eine über meinem Zimmer gelegene Bodenkammer dem Unglückseligen zum Versteck dient . Unter einem Vorwande habe ich von des Nachbars Hause herüberzusehen versucht , die kleinen Fenster sind verhangen , die Kammer gilt für eine Garderobe Sophiens . Weiß Duguet ? unterbrach ihn Anna . Ich glaube , nein ! Und gerade , um mit Ihnen zu besprechen , ob ich meine Vermuthungen Ihrem alten Diener mittheilen , mit ihm oder allein den Versuch wagen soll , dem Verborgenen zur Flucht behilflich zu werden , kam ich hierher . Wenn Sie es mir gestatten , Gräfin , so bekenne ich Ihnen , daß ich letzteres vorziehe . In der Hoffnung , daß Sie mir Ihre Erlaubniß nicht versagen , um die ich Sie herzlich bitte , habe ich - er legte ein versiegeltes Paquet auf den Tisch - hier ein paar Verfügungen getroffen , einige Andenken und vollendete Arbeiten zusammengerafft , die ich Ihrer Gunst empfehle . Im Fall eines Mislingens , das mich vielleicht in Unannehmlichkeiten verwickelt , oder auch zur Flucht mit dem Unbekannten zwingt , enthalten diese Papiere vielleicht meine Vertheidigung , jedenfalls aber nichts , was Ihnen oder den Ihren irgend Nachtheil bringen kann . Gotthard ! schrie Anna auf - Leichenblässe bedeckte ihre Züge - keine Uebertreibung , die mir - sie wollte sagen , das Leben kosten würde - aber sie streckte nur bittend die Hand aus und der Ton ihrer Stimme versagte , er brach an der Erinnerung ihrer Lage . Gotthard ergriff die bebende Hand und hielt sie einige Secunden in der seinen , mit abgewandtem Blick sagte er leise : fühlen Sie denn nicht , daß ich - gerade ich Ihn ( er nannte Kronberg nicht ) um keinen Preis einer solchen Entdeckung aussetzen darf ? In meinen heutigen Briefen ist von seiner Rückkehr die Rede , er ist Gesandter in Wien geworden - und ich - bin ihm als Regierungscommissarius für alles Juristische beigegeben - « Anna schlug die Augen mit einem unaussprechlichen Ausdruck auf , sie faltete die Hände bittend wie ein Kind : Ist ' s unvermeidlich ? Gotthard ging in tiefer Bewegung auf und nieder . Ich finde keinen Ausweg . Auch nicht Duguet ' s Hülfe ? Nein , im Hause könnte er mir nützlich sein , die Flucht wird er vielleicht sogar gefährden . Und Leontine ? Nein , o nein ! - Was auch geschehen mag , welchen Preis es auch koste , es muß unter uns bleiben ! Er hatte im Auf- und Niedergehen sich ihr zugewandt , seine Züge hatten das seltsame , ihm eigenthümlich Durchleuchtende bekommen . Was kann im schlimmsten Fall dem Grafen drohen ? fragte Anna etwas gefaßter . Eine entehrende Anklage der Duplicität . Und Ihnen , Gotthard ? Der Verdacht der Theilnahme an der Freimaurerloge , am Carbonarismus - - Großer Gott ! also Festung , auf lange vielleicht , im Augenblicke , da Sie dem Höhepunkt Ihres Strebens sich nähern ! - Nein , rief sie plötzlich im wildesten Schmerz , keine Pflicht auf der Welt kann mir das gebieten ! Gotthard stand wieder still vor ihr , das Leuchten seiner Züge war jetzt wie eine strahlende Verklärung über sein ganzes Wesen ausgegossen - ein bebendes Gefühl unsäglichen Glücks flutete in jeder Ader , jeder Fiber ; er sprach kein Wort , er sah sie kaum eine Secunde lang an , er berührte nicht einmal ihre Hand . Aber plötzlich floß der Glutstrom des Glückes auch durch ihr Herz und auch ihrer Seele wuchsen Riesenflügel : Beide wußten in diesem Augenblicke , daß sie grenzenlos geliebt wurden , grenzenlos liebten . Als sie wieder aufsah , war er fort . Indem öffneten die Knaben an Betzys Hand die Thür , sie waren schon in ihren weißen Nachtkleidchen und kamen , der Mutter gute Nacht zu sagen , um , wie sie es nannten , ihr Dämmerviertelstündchen durch bei ihr zu bleiben . Anna legte die Hände unbewußt auf ' s Herz , als habe sie Gott für eine große Gnade zu danken : ein schwerer Lebensaugenblick war schuldrein wie mit Engelsfittigen über sie hinweggeschwebt . - - Mutter ! sagte Egon , indem er rasch die Lehne ihres Fauteuils erkletterte und darauf rücklings seinen gewöhnlichen Platz einnahm , Betzy ist garstig , sie will nicht , daß ich das schöne Gebet spreche , das Vrenely die Tante Leontine gelehrt - Ich sage das vom kleinen , kleinen Englein , flüsterte schon halb im Schlaf sein Bruder Joseph , der seinen Kopf auf Annens Schoos gelegt hatte , das ist viel hübscher . Betzy wollte den Fall erörtern , Anna winkte ihr , zu schweigen . Alle Gebete , mein Egon , sagte sie liebkosend , die aus dem Herzen kommen , sind gut und schön . Aber nicht so schön ! meinte kopfschüttelnd Egon . Ich kann es recht gut verstehen und Tante hat es mir auch erklärt . Höre nur ! Er faltete , oben auf seiner Lehne sitzend , die Hände und betete mit tiefer Inbrunst : » Daß walte Gott In Schlaf und Tod , Wenn Leib und Seele scheiden ; Daß walte Gott In Glück und Noth Im Finden und im Meiden . Daß walte Gott In seiner Treu Auch über meiner Liebe ; Daß walte Gott , Bewahr ' vor Reu ' Die Tage hell und trübe . All meines Herzens Bangen , All meiner Seel ' Verlangen Geb ' ich in seine Hände , Es führe mich an ' s Ende . « Ist das nicht schön , Mutter ? Und das letzte hat Tante Vrenely immer gedacht , während sie Onkel Otto im Schnee suchte . Anna war tief ergriffen . Es gibt Lagen im Leben , in denen man an keinen Zufall glaubt . Sie schloß den Knaben inniger an ' s Herz und schlichtete den kleinen Streit mit bebenden Lippen . Als aber die Kinder fort waren , fiel die gedankenschwere Last des Augenblicks mit verdoppelter Gewalt auf ihre Seele zurück ; sie fühlte nicht den Muth , irgend etwas gegen Gotthards Willen zu thun , und eben so wenig die Kraft , unthätig ihn einer