ausklopfen . Ich war gestern in Frankfurt , es war ein Herr Burckhard da , der uns viele schöne Bilder und Handzeichnungen zeigte , es waren meistens italienische Gegenden . Ich möchte nach Italien , ich möchte so gern reisen , die Sehnsucht ist gar zu groß ; ich beschwichtige sie damit , daß ich mir einbilde , Dich bald zu sehen , diese Freude ist doch noch größer ; ich will mittlerweile recht fleißig lernen . O Generalbaß ! - Werden wir uns je einander bezwingen ? - O Zeichenkunst , werde ich je weiter kommen ? Die Toni bekümmert sich recht viel um mich . - Ich habe mir ein kleines Kabinettchen eingerichtet , in dem ich studiere , links steht das Klavier , was die eine Wand des Kabinettchens ausmacht , rechts ist das Fenster , aus dem hör ich abends noch den Klavier-Hoffman gegenüber oft bis Mitternacht phantasieren und vor mir ist der Tisch und dazwischen noch ein kleiner Ausgang . Auf dem Tisch liegt Homer und viele andere Bücher , und denn mein Schreibkästchen mit allen Deinen lieben Briefen . Im Homer lese ich oft ; könnte ich Dir nur darstellen , was ich da für Erfahrungen mache - welche Rückerinnerungen einer früheren Welt in mir aufgehen . Diese Götter kenne ich , mein Clemens , die auf goldnen Sandalen die Wolken beschreiten . Sie machen ungeheuere Schritte und gleiten weit dahin wie auf Schlittschuhen , ehe sie ein Bein vors andre setzen , und wenn sie sich wenden , so prallen die Wolken vor ihnen zurück und versenken sich zwischen Geklüft , und wenn sie denn vorübergeschossen sind in ihrer Ruhe wie der Blitz , dann bricht ihr Zorn in Gewittern los . - Sieh da im Fenster steht noch eine Hyazinthe , die ich selbst früh aufzog , sie neigt sich zu mir , als wollte sie sehen , was ich schreibe . Ich bin heute so vergnügt und freue mich so auf alles . Jetzt werde ich ein wenig in den Garten springen und einen Grasplatz in meinem Gärtchen zurechtmachen , wenn Du wieder kommst , daß wir uns zusammen daraufsetzen . Ich will ihn so groß machen , daß man sich recht bequem drauf legen kann und träumen . Lieb mich . - Bettine Eben lese ich diesen langen Brief durch . - Ach , wie verwirrt sind doch meine Gedanken auf dem ersten Blatt ! Versteh ich denn , was ich hab gesagt ? - Wenn Du es vermagst , einen Sinn herauszudenken , das könnte mich noch bei mir rechtfertigen , denn gestern glaubte ich sehr deutlich , mich selbst zu verstehen . Ich hab auch so albern über dein Satirenbuch geschrieben wie ein altes Mütterchen . Und dann von der Revolution zu reden , haben meine Gedanken auch so ungebärdig sich angestellt . Wie klar und hell ist dagegen , was ich Dir von der de Gachet wieder gesagt habe , und doch hat sie ' s selbst noch einfacher und ganz mächtig ausgesprochen . - Und doch hab ich manchmal mich unterfangen , sie zu tadeln , oder Argwohn zu hegen gegen sie - die doch so viel größer und wahrer ist als alle andre Menschen . Gelt , Clemens , solche Naturen wie die Gachet sind keiner Kritik unterworfen , denn sie sind weit erhaben über die Gedanken , die wie ein ungeweihter Rauch aufsteigen aus Vorurteilen , die Gott nicht wohlgefällig sind . Hat mir denn der Ritter nicht danken lassen für meine Samtmütze ? - Und hat er sich nicht über den antiken Lorbeerkranz gefreut ? - Das hör ich so gern , wenn die Leute sich bedanken . - Wunderschöne Musik ist das meinen Ohren . Noch eine vergnügliche Stunde muß ich vor Abgang des Briefes Dir melden . Heute morgen , als ich den Brief schon zugemacht hatte und wollte ihn eben dem Juden Hirsch in seinen Schnappsack werfen , in der Meinung , er sei es , der an der Türe klingelt , so war es der freundliche Pfarrer Sch ... z , der die Großmutter und auch mich besuchen wollte , so sagte er mir wenigstens ; ich hab ' s geglaubt , obschon es mir was Neues war , daß mich jemand besuchen wollte , und nun noch dazu aus der Ferne will ein so gelehrter Mann bis nach Offenbach gekommen sein , um mir weiszumachen , daß er vorzüglich gekommen sei , mich zu sehen ! So ein Pfarrer kann lügen ! - Er hat mich geküßt auf die linke Wange und hat mich versichert , es sei wahr . - Und Du habest ihm schon lange meine Bekanntschaft machen lassen durch Deine Gespräche über mich ! - Ich wußte nicht , was ich dazu sagen sollte . - Clemente ; der Pfarrer ist ein guter Kerl , aber er ist , glaub ich gewiß , ein Aufschneider . - Er kann wohl nichts davor , er muß ja Sonntags immer himmeln . - Und er hielt mir auch eine allerliebste Zauberrede , die etwas Nachwehen von Kirchenduft hatte . Nein , Clemente , die Rede war wirklich schön ; - ach er war ja gar zu gut der Mann , wie kann ich doch dumm von ihm reden ; er hat mich später auch auf die rechte Wange geküßt und hat mir gesagt , wie schön und edel - ich weiß es gar nicht mehr , was er gesagt hat , denn ich war zerstreut , denn ich mußte an einen alten Töpfer denken , der gleicht ihm ; von dem Töpfer will ich Dir was erzählen , was sehr Hübsches , ich hab seine Bekanntschaft auf dem letzten Weihnachtsmarkt gemacht , er hatte einen ganzen Korb voll Tiere gebacken und bunt glaciert , die bot er zum Verkauf fürs Kindervolk , das seinen Korb umringte und mehr danach verlangte , als nach allen andern Spielsachen . - Es war auch nicht von ohne . Zum Beispiel einen Schlitten hat er gemacht , der einen Schwan vorstellt , weiß glaciert mit schwarzem Schnabel , ein Mohr steht hinten drauf , schwarzbraun glaciert mit einem grünen Kittel . Dieses Kunstwerk besitze ich selbst , es steht in meiner Kunstkammer , das heißt unter meinem Bett . - Dem Töpfer hatte ich damals seinen ganzen Tonkunstvorrat abgekauft für die Kinder , jedes ging mit einem Lamm oder Fuchs oder Wolf , Bär , Löwe usw. ab , ich behielt das Hauptstück , den Schlitten ; er wollte nun eiligst wieder Neues anfertigen , und ich wollte gern mit ansehen , wie er damit fertig werde . Und , liebster Clemente , ich hab drei Abende bei dem Mann zugebracht , Frau und Kinder saßen bei der Lampe und machten Tiere , die Gott nachträglich noch schaffen muß , wenn er gerecht sein will , oder seine Unendlichkeit bleibt unerwiesen , denn was die Phantasie der Töpferskinder erfunden hat , ist noch nicht im Naturreich geschaffen , dem Vater war aber alles recht , er gab diesen Geschöpfen einen Schneller und einen Drucker und setzte sie auf Postamente , sie wurden angemalt von einem Kittel mit einem breiten Schlapphut als Kopf , er saß in der Ecke beim Feuer am Herd und warf einen mächtigen Schatten . Wie ich nun sah , daß alles so fix ging , daß keiner zagte , seine Kunstwerke zu fördern , wie keiner eine Kritik übte , wie alles recht war , was da entstand , da schämte ich mich meiner Schüchternheit . Ich saß nun auch am Tisch und machte Tonkünste , ins Tierreich wollte ich mich nicht wagen , ich machte einen Baum , auf seinen Zweigen sitzen Vögel , so recht antik mit wenig Blättern , kannst Du denken . - Kaum fing er an zu werden , so hatte der Schlapphut eine Schlange drum geringelt , und der Töpfer Adam und Eva drunter gestellt . - - An Bettine Wer kann auf Deine Briefe antworten , mein Kind , da es so kalt ist hier und so einsam , wenn Dein liebes Bild nicht neben mir stände und alle Deine Liebe ruhig empfing , ich armer Bewußtloser , von mir selber und von Menschen Verlassner , wäre erschrocken über die vielen Herrlichkeiten , die Du um mich hervorzauberst ; eine Welt ist mit Deinen Blättern eingedrungen , und doch , ich bin ' s nicht würdig , denn was kann ich Dir wiedergeben ? - Etwas hat mich geärgert , aber es tut nichts , auch habe ich mit dem Fuß gestampft , das ist , weil Dich Sch ... z geküßt hat , der ein guter , freundlicher Mann , aber etwas sentimental und stark wie die Großmutter ist , leid das nicht wieder ; - und was mich angeht , macht er mir schreckliche Langeweile , er liebäugelt mit dem Universum , das noch nie an ihn gedacht hat , und meint immer , es meine ihn , wenn es ihn gar nicht meint . - So viel über diesen Freund , der über mich mit Dir spricht und mit mir sehr gern über dich sprechen würde , daran zweifle ich keineswegs , allein da hat er seine Mühe verloren , wenn er einen ganzen Milchkübel von Sentimenten aus mir melken will - und bin ich nicht ungerecht , wenn ich des Teufels über ihn werde : da ich doch grade so mit Savigny stehe , von dem ich wieder nichts losbringen kann , darüber nur folgende Worte : ich gehe nun schon lange mit Savigny um und ringe vergebens gegen seine Verschlossenheit , die mir zwar nichts verbirgt , weil ich durch lange Übung eine Sprache an ihm erfunden habe , die er nicht spricht , sondern die sich selbst spricht . Ich empfinde diese Verschlossenheit jetzt mehr als sonst , weil ich fauler geworden bin zu buchstabieren . Seine Äußerung über meine Bitte hierum war die , daß ich alles um mich herum eher verschließen als eröffnen könne ; dies befremdete mich nicht , weil mir es schon mehrmals geäußert wurde . Da ich nun keinen einzigen Menschen sehe als ihn und unser gegenseitiges Verstummen etwas Peinliches hat , solang es mit dem Lusten zum Sprechen kämpft , so will ich diesen Lusten , der von ihm in gleichem Maße erwidert werden dürfte , nach und nach aufheben . - Ich habe nun nichts mehr in der Welt , wovon ich gern rede als von Dir , und habe weiter auch niemand , mit dem ich ' s könnte . Savigny verstummt dann ganz , wenn ich von Dir rede , ist es eingeborne Antipathie gegen Dich oder gegen meine Art zu sprechen . - Wenn Dich ' s interessiert , so lege Dir ' s selber aus . Ach , ich sehe immer nach Deinem Bilde hin und bin unendlich einsam , da hab ich gestern zwei Lieder geschrieben für Dich . Wie sich auch die Zeit will wenden , enden Will sich nimmer doch die Ferne , Freude mag der Mai mir spenden , senden Möcht dir alles gerne , weil ich Freude nur erlerne , Wenn du mit gefaltnen Händen Freudig hebst der Augen Sterne . Alle Blumen mich nicht grüßen , süßen Gruß nehm ich von deinem Munde . Was nicht blühet dir zu Füßen , büßen Muß es bald zur Stunde , eher ich auch nicht gesunde , Bis du mir mit frohen Küssen Bringest meines Frühlings Kunde . Wenn die Abendlüfte wehen , sehen Mich die lieben Vöglein kleine Traurig an der Linde stehen , spähen , Wen ich wohl so ernstlich meine , daß ich helle Tränen weine , Wollen auch nicht schlafen gehen , Denn sonst wär ich ganz alleine . Vöglein , euch mag ' s nicht gelingen , klingen Darf es nur von ihrem Sange , Wie des Maies Wonneschlingen , fingen Alles ein in neuem Zwange ; aber daß ich dein verlange Und du mein , mußt du auch singen , Ach , das ist schon ewig lange . Am Berge hoch in Lüften , Da baute er sein Haus ; Am Tore liegt Gewitter , Nun kann er nicht hinaus . Die Wolken , sie wollen nicht ziehen , Der Pfad ist steil und schwer , O Lieber , Herzlieber in Lüften , O wenn ich bei dir wär ! Wohl bei dir über Wolken , Wohl bei dir über Wind , Wo fromme Vöglein schweben In Himmelsluft so lind . Meine Flüglein , die sind mir gebrochen Und heilen auch nicht eh , Bis ich zu der Herzliebsten Durch Tür und Tor eingeh ! Daß ich so stolz in Lüften Mein Haus gebauet hab , Das muß mich gar betrüben , Ich kann nicht mehr hinab ; Die Riegel sind alle verrostet , Die Tore , sie gehen so schwer O Liebchen , Herzliebchen im Tale , O wenn ich bei dir wär ! Wohl bei dir in dem Garten , Wohl bei dir in dem Wald , Wo dichte Bäume stehen Und Vogelsang erschallt . Ich kann kein ' n Kranz mehr flechten Und singen auch nicht eh , Bis ich zu dir , Herzliebste , Durch Flur und Wald eingeh . Sie dringt wohl durch die Wolken , Geht ein durch Tür und Tor , Die Flüglein schnell ihr heilen Und heben sie empor , Wohl über die Wolken und höher Zu Gott wohl in die Höh , Trägt sie das treue Herze , Ade , Herzlieber , Ade ! - Er dringt wohl durch die Wolke , Geht ein durch Flur und Wald , Ein Kranz wird ihm geflochten , Ein Lied ihm auch erschallt , Wohl unter dem Baum und wohl tiefer , Wohl unter grünem Klee Ruht nun sein stolzes Herze , Ade , Herzliebste , Ade ! - Mach doch eine Melodie darauf . Dein Clemens Und nun schließe ich den Brief , als ob ich das geringste Dir geantwortet hätte auf alle Liebkosungen Deines Geistes , die in Deinem Brief in so schöner Konsequenz einander folgen . Deucht mir doch , als habe Gott Berg und Tale und alle Schönheiten der Natur in so lieblicher Verwirrung untereinandergeworfen , als Deine Weisheit ihr gleicht , und die Gachet hast Du so warm in Deine Begeistrung eingebettet , als sei sie Dein Gast , dem Du den Ehrenplatz einräumst . Du machst mich dennoch reich , obschon Du mich auch marterst , denn ich verbringe viele Stunden einsamer Zeit mit Nachdenken über einzelnes . Deine letzte Erzählung vom Töpfer hat mich wieder auf alte Sprünge geführt , ob Dein Platz nicht auf eine Künstlerwerkstatt sich beschränken möge ! - Und doch könnte mich Deine Zukunft anklagen , Dich beschränkt zu haben mit diesem Begriff . Das Wort ist das allumfassendste Element , das den reinsten Genuß gewährt , aber auch ist es das gewagteste , aber wer kühn ist , der muß ein Feld dazu haben ; - Du bist zu allem zu lebendig , schreitest über alles hinaus ; Lernjahre kann ich Dir gar nicht zudenken , reflektieren . - Ach Kind , es ist was Trauriges , lies dies Blatt , was ich hier beilege , und was ich an meinem mondhellen Schreibtisch schrieb , gestern , als ich Deinen Brief in der Dämmerung zum zweitenmal überlesen hatte und über Kunst und Deine Verwandschaft zu ihr viel gedacht hatte . Sobald wir Geschichte der Kunst sagen wollen , setzen wir eine einzige Kunst voraus , die aber nur Idee ist und als Kunst nie existiert hat , denn es liegt eine historische Unmöglichkeit in der Totalbildung aller Menschen , und sobald diese eine Kunst soll dagewesen sein , müßte diese Totalbildung dagewesen sein , und nach meiner Meinung ist nur nach dem Ende der Welt eine solche einzige Kunst dagewesen . Es gibt keine einzige Kunst , denn die Kunst kann nie gewußt werden , und nur die Künste waren da . - Diese einzige Kunst kann nie gedacht werden , denn solange noch gedacht wird , ist die Kunst noch nicht bewiesen einzig , da das Denken in der Kunst aufgehoben sein und als Gedachtes erscheinen muß . Es gibt ein einziges Leben , denn alles Leben ist ein Gelebtes , die Kunst aber ist ein ungelebtes Leben und ist daher im Leben unmöglich . Das einzige Wissen ist das , dem eine einzige Kunst entgegengesetzt werden könnte ; da aber diese totale Kunst das ganze Wissen aufheben würde , indem diese sogenannte einzige Kunst das ungewußte Wissen ist , so kann diese einzige Kunst nur im allgemeinen Tode liegen oder im allgemeinen Nichtwissen , wir wissen von keinem Wissen als durch unser Dasein , unser Dasein ist unsere Trennung von dem Äußeren durch die Sinne . Unsere Sinne sind der Gegensatz der Kunst oder der Künste , und je höher unsre Sinne gebildet sind , je mehr Künste sind da , denn jedem Grade des Wissens ist eine neue Kunst entgegengesetzt . Die Kunst ist also nimmer da als lebendig , sondern als Tod . Denn bloßes vollendetes Dasein ist Tod , - Schönheit ist Tod - jede angenommene Kunst als einzige Kunst kann also nur ein verlornes sein und daher alle Erhebung , alle Rührung bei echten Kunstwerken nur religiös und nicht künstlerisch . Kunst ist daher Bedingung der Religion , wie Religion Unbedingung der Kunst ; und Kunstwerk ist Bedingung dieser Bedingung in der Erscheinung . Wie Erscheinung Bedingung einer gewissen Konstruktion des Wissens ist ; aber nie des totalen Wissens , denn dieses ist Nichtwissen , weil zum Wissen keine Gleichheit , sondern Sieg gehört . Es gibt also nur Künste , und Sterben ist nur der Sieg des größeren zu wissenden Tod oder der allgemeinen Unsterblichkeit . Freundschaft hat allein keine Gottheit , weil sie übersinnlich ist ! - Hier fielen mir die Augen zu ; grade im Augenblick , als ich Deinem Genius widersprechen wollte , der in einem Deiner früheren Briefe Dir diktierte , Freundschaft sei Brudermord . Ach , ich bin matt und müde und höchst traurig . - Der Geist Deines Briefes ist stark kompromittiert durch den meinen , daß er Dir nicht besser zu entgegnen weiß . Adieu , lieb mich und verzeih mir alle Schwächen , die ich heute so stark in mir fühle . Ich habe heute Morgen den Savigny persuadieren wollen , Dein Bild anzusehen und es schön zu finden , ich machte einen Versuch , ihn zum Sprechen zu bewegen , allein er sagt partout nichts . - Lieber Clemens ! Der Savigny kann wohl ruhig Dir zusehen , wie Du schwärmst für ein Bildchen , das zwar nur gemalt auf ein kleines Brettchen doch Deine Schwester Dir lieblicher ins Gedächtnis ruft , als sie wirklich ist . - Der Savigny sieht still dem zu , wie Du und andre ausgreifen nach Glück , und tausend Mißverständnissen dadurch begegnen ; seine Glückseligkeitslehre geht ungestört über dem Gewirr Eurer phantastischen Neigungen weg , er sieht Eure Freuden und Leiden wie Tag und Nacht wechseln , denn wie könnte er Anteil nehmen an dem neugefundnen Glück , daß Ihr jeden Augenblick aus dem großen Ozean der Zufälligkeiten herausfischet und gleichgültig wieder in diesen Ozean hineinfallen lasset , was Euch im ersten Augenblick geblendet hat . Ihm aber wächst im heimlichen Grund eine Blume , die nicht verblüht , Du nennst sie seine Studiermaschine , ich nenne sie seine Muse . Was er hört und sieht , das entgleitet seinen Sinnen wieder , sobald es nicht Bezug auf sie hat . Und das ist natürlich , was Dir unnatürlich deucht . Und wo er fühlt , mag er nur sich selber in diesem Wirken fühlen , seine Muse führt ihn mit freundlichem Anstand die Berge hinan , die andre unersteiglich finden , und bereitet ihm die Ordnung , die er notwendig fordert , wenn er sich einheimisch bei ihr fühlen soll , es muß ihr doch was an ihm liegen , sonst pflegte sie ihn nicht mit dieser Sorgfalt . Drum soll Dich auch sein Stillschweigen nicht verdrießen , denn Du und ich sind außer aller Ordnung . - Das nennt er nun Verschließen , - daß seine Ordnung mit Deiner Außerordnung die Grenzscheide zieht . - Du bist ungerecht , ihm das zu verargen , aber Dir ist ' s zu verargen , daß es Dich ungeduldig macht ; ich bitte Dich , was fragst Du danach , oder wie ist ' s möglich , daß Du nachträglich noch melancholisch darum sein kannst . - Welche Freude hab ich , wenn er mir schreibt , auch nur wenig Worte , seine Briefe sind mir Heiligtümer , aber welche Freude hab ich , auch wenn er nicht schreibt , an dem reinen Himmelsblau , das die schwarzen Schwalben durchjauchzen heute zum erstenmal , die alte Kordel freut sich und liest aus ihrer frühen Ankunft einen warmen Sommer , ihre neunzig Jahre sonnen sich gern . Wie schön ist ' s an ihr , daß sie an allem sich freut . Ja , es gibt viele Lesearten von dem , was die Seele begehrt . - Und alles tönt in die Wahrheit , die in Dir selber erklingt , und dazu kann Savigny immer schweigen . Was er Dir wörtlich sagen könnte , das ist nur Nebensache gegen diesen Hauptinhalt des Schweigens oder Nichtssagens , worüber Du klagst , dessen doch sein inneres Leben bedarf . Ich bin nicht neugierig , was innerhalb seiner Geistesburg vorgeht ; so wenig als auf das , was innerhalb von Klostermauern vorgeht . Wer einmal weiß , alles geht innerhalb der vier Wände der Ordnung , wie kann der noch Kunde davon haben wollen und sich kränken , wenn keine erschallt . Weißt Du , es ist heute der 7. Mai , geh in den Wald , lausch der Nachtigall , die drauf losschmettert , trotz dem » schweigenden Haine « , sie durchschallet das Revier allein , und allein hört sie begeistert sich zu . Schweigt , Ihr Nachbarn , denn sie antwortet eben ihr volles Leben dem Frühling , der hat sie darum gefragt . Mit Savigny und Dir ist solch Frag- und Anwortspiel nicht , wie der Frühling und die Nachtigall haben . - Was willst Du nun noch ? - Du bist im Unrecht , und er ist im Recht in seiner Stummheit . - Du aber , Clemens , darfst nicht verstummen , Du lockst wie ein Vogelsteller die zärtlichen Waldsänger ; o wer hat nicht Lust , ein Vögelchen in der Nähe zu sehen , zu haschen und zu liebkosen und dann wieder fliegen zu lassen . Du lockst mir sie herbei , die das Naturleben so glücklich , so ganz ergötzlich bevölkern . - Die Briefe Deines Ritter ! - Er singt ja zu mir ! - Und Du hast mir ' s ganz verschwiegen ? - Und jetzt bitte ich , schick ihm die beiliegenden Zeilen . - Clemens ! - Ich weiß , daß eine ganz eigne Polizei existiert , womit man die jungen Mädchen verfolgt . - Und das nennt man in der Ordnung . Und aber Ordnung umfaßt nicht das Außerordentliche , das sich reimt mit dem Göttlichen . Ordnung ist hölzern , sie kann sich nicht reimen ! - Aber Göttlich und außerordentlich reimt sich . Die Purpurröten ! Sie wogen , sie durchleuchten und färben reizend die strömenden Lüfte , lasse sie das freie Blaue in sich trinken ! - Lieber Ritter ! Dem Clemens zum Trotz zaubere Du doch ein wenig Rot mir in die blaue Ferne , ich schlürfe es wie das rote Blut der Traube , und wenn ich auch ein wenig trunken träume ! - Clemente , ich muß Deiner lachen ! - » Wie sie so sanft ruhn , alle die Seligen . « - Dies Lied fällt mir eben ein . - Ja , es ist in der Ordnung , daß sie ruhen , und es reimt sich nicht auf mich , die singt : Du , o Dionysos , umschlingst die Seele und trägst aus purpurtrunknen Gluten sie hinüber ins ewig frische Blau ! - Das ist nicht in der Ordnung ( denn wer Teufel versteht es ) , aber es ist doch unendlich schön und reimt sich mit meiner lebendigen Seele . Mir sind Ritters Briefe ein Zauberspiegel seiner Geistesnatur ! Nichts von Ordnung darin . Aber » jeden Nachklang fühlt mein Herz « reimt sich auf diese Außerordnung . Jeder Halm auf der Abendwiese wiegt sich in diesem Nachklang , und darauf reimt sich : » Es steht von goldnen Blumen die ganze Wiese so voll « , und es ist schön , wie sie aus seinen Briefen mir zunicken , und das ganze Seelengeheimnis ist nur ein ewig Blühen und Fruchtbringen der Natur , an dem der Vergleich des Herkömmlichen stumm vorübergeht ; - es hat keinen Teil an ihm . - Im Geheimnis ist der Mensch frei , er hat keinen Richter , sein Gewissen hält Wache für ihn auf der höchsten Höhe . Und übersieht und erkennt und erreicht alles , was dem Gewissen der Vorurteilsmenschheit ein furchtbarer Kampf ist . Wer Ewigkeit glaubt , hat die Unsterblichkeit . Wer dem Geheimnis nicht einverleibt ist , hat keine Existenz . - Ich hab das antworten wollen auf Deine kunstvertiefte Schauung ; und ich hab sie gar nicht verstanden und wieder gelesen und noch nicht verstanden . Und endlich hab ich aber gemerkt , daß ich mich immer zerstreuen ließ durch einen schmalen Lichtstreif , der durch ein Astloch des zugemachten Ladens fiel , quer über meinen Schreibtisch , in dem tanzte der Demantstaub des Lichtes , und ich sah ihren Kontertänzen zu , anstatt nachzudenken über das , was ich nicht gleich verstand . - Jetzt hab ich aber dem Astloch den Rücken gewendet . Und da hab ich mich besonnen , so scharf ich vermochte . Da sagst Du : » Es gibt nur ein einziges Leben , denn das Leben all ist ein gelebtes . « - Ja , Clemens ! - Ein gelebtes , wo jeder Atemzug ewig drin fortlebt . - » Die Kunst aber ist ein ungelebtes Leben und ist daher im Leben unmöglich . « - Ach , darauf hab ich mich stark besonnen ; und immer schwankt ' s. - - Und jetzt weiß ich ' s ! - Oder weiß ich ' s dennoch nicht ? - Ein ungelebtes Leben ! Mein Gott ! Meine Götter , zu denen der Geist alle Sinne alle Augenblicke die Tempelstufen hinanträgt . - Wie die Lichtstäubchen dort den Sonnenstrahl hinantanzen , - in denen aller Geist sich einwebt oder auflöst . Ist das die ungelebte Kunst , die nicht möglich ist im Leben , - so lebt doch der Geist einzig in ihr und steigt bis zur obersten Sprosse der Himmelsleiter mit starkem Willen ; - mir ist bang , sie muß ihm nachgeben . - Still ! Hier verwirrt sich ' s ! - » Das einzige Wissen ist das , dem eine einzige Kunst entgegengesetzt werden könnte . « Ich schäm mich , eine Antwort zu suchen . - Und doch hab ich sie : Das einzige Wissen ist der liebende Geist , die einzige Kunst ist das des zu liebenden Göttlichen , was des Geistes Streben an sich reißt durch seine magnetische Kraft . Die Kunst also ist ungelebte Magnetkraft , die alles Leben an sich reißt . - Ach ! - In der fernsten Ferne meines Lebens sehe ich , fühle ich diese Magnetkraft mich beherrschen , - sie ist Kunst in sich . Feuerkraft ist sie , dem Geisteswillen sich zu unterwerfen . Das Ungelebte zwingt das Lebende ! - Bist Du ' s zufrieden , Clemens ? - - Adieu . Bettine An Bettine Liebes Mädchen ! Hier ohne Dich zu wohnen , wenn ich das aushalte , so darf ich mich meiner Stärke rühmen . - Ach , wo ist ' s in der Welt wieder so schön als hier in diesem Frühling hoch in den Lüften zu schweben , dem Himmel so nah , daß jedes der sechs Fenster meiner Stube eine prächtige Landschaft unter Rahm und Glas bringt . Nur das Große der Stadt berührt mich ; die Türme sehen mir in die Fenster , und die Stadtuhren sind meine Wanduhren , ich kann nichts tun als an Dich denken , Dein Bild hinhalten . Der Frühling flieht von meilenweiten Bergen über die blühenden Felder und den sanften Strom und die klingenden , singenden , schwingenden Wälder her zu mir ; und bringt Blumendüfte , Farben und Klänge mit , all herein zu den sechs Fenstern , und da halte ich Dein Bild in die Mitte , daß es der Reichtum der Jugend umwalle . Ach , warum bist Du nicht da ? - Ich bin entsetzlich ungeduldig um Dich ! - Überall entbehre ich Dich , und selbst an Dich zu schreiben macht mir Schmerz , weil Du mir auch dazu fehlst ! Ja , zu den Gedanken an Dich , zu Dir selbst fehlst Du mir . Und wenn Du da wärst , so wärst Du überall in der Herrlichkeit . - Und alles Sprechen ist nicht wert , ein Wort darüber zu verlieren , so wie alles Schießen keinen Schuß Pulver wert ist . - Wenn ich Dir sagen soll , wie es hier ist , wie es mir ist , wahrhaftig ganz anders als beim de Gabrielli , der Sonn und Mond , Wald und Tal und Ferne und Sturm auf ölgetränktem Papier uns so deutlich vormalte , und wir uns beide freuten so herzlich darüber . Nein , es ist auf dem Papier nicht zu erschwingen , was ich brauchte , Dir zu sagen , was man hier in einer Minute empfinden kann , ich müßte in einer Minute wahnsinnig und gescheut , dichtend und