uns Allen zu drohen scheint . Sie schellte darauf , und befahl dem eintretenden Diener , anspannen zu lassen und das Fräulein zu holen , weil Herr Hughes morgen früh verreisen wolle . Morgen ? Tante ! ehe ich kam , waren die Pferde bestellt , mein Diener bereitet mein Gepäck , und ich harre auf den Ton des Posthorns . Ich reise gleich ; jeder Augenblick , den ich zögere , kann mich um den Trost bringen , meinen Vater noch zu sehen , noch ein Wort von seinem Munde zu hören - nur in der höchsten Eile ist noch Hoffnung ! Das lag außer der Erwartung der Tante : sie klingelte nochmals und der Diener erhielt geschärfte Befehle . Er sollte dem Fräulein sagen , Herr Hughes reise gleich , weil sein Vater zum Tode erkrankt sei . Um Gottes willen , das nicht ! rief Hughes in großmüthiger Vorsorge , lieber reise ich , ohne sie zu sehen , ehe so furchtbarer Schreck sie unvorbereitet treffe . Ein Wink entfernte den Diener , und die Commerzienräthin ging unruhig im Zimmer umher , jeden Augenblick am Fenster spähend , ob der Wagen das Portal nicht schon verlasse ? Auch Hughes war in qualvoller Spannung . Dann , als das Rollen der Räder auf den Steinen hörbar wurde , schien es ihm Hoffnung zu bringen . Ein ängstliches Schweigen herrschte im Zimmer , Tante und Neffe hingen mit gespanntem Auge an dem Zeiger der Uhr , der sich ruhig und langsam von Sekunde zu Sekunde fortbewegte , während ihr Ohr ebenso ängstlich auf jeden Ton lauschte , der von der Straße heraufschallte . Ich begreife nicht , wo Clara bleibt , sagte nach einer Weile peinlicher Erwartung die Commerzienräthin . Die Zeit vergeht , die Zeit vergeht , und mein Vater stirbt ! fiel William , der nur den Einen Gedanken hatte , ihr tonlos ins Wort . Denken Sie , Tante , jede Minute Aufschub kann mir die Möglichkeit rauben , den Vater zu sehen , den ich mehr als Alles liebe , und trennt mich zugleich von Clara , ohne daß ich sie gesprochen habe , ohne daß sie weiß , wie ich sie liebe ! - Da athmete die Commerzienräthin tief auf , ein siegreiches Lächeln glitt einen Augenblick über ihre Züge - sie war am Ziele ! Aber schnell besonnen , trat sie mit dem Ausdruck inniger Theilnahme zu William , legte ihre Hand auf die seine und sagte beruhigend : Möchte Dir so sicher das Leben Deines Vaters erhalten werden , als Clara ' s Liebe und ihre Hand , die ich Dir von je bestimmte . - Wer sagt Ihnen , Tante ! rief der Jüngling - da schmetterte fröhlich und laut das Posthorn , und sich gewaltsam zusammennehmend , fügte er hinzu : Leben Sie wohl , Tante , grüßen Sie mir Clara ! Gehe mein Sohn , erwiderte mit Feierlichkeit die Tante , und kehre uns bald und glücklich wieder . Für Clara ' s Herz bürgt Dir ihre Liebe , für ihre Hand bin ich Dir Bürge , und sollte es Gott gefallen , Dir den Vater zu rauben , so findest Du hier einen Vater wieder , der den Gatten seiner Tochter mit offenen Armen empfangen wird . Hughes umarmte sie zärtlich und eilte hinaus ; dann kehrte er zurück , zog einen Ring von seinem Finger und reichte ihn der Tante . Für Clara ! sagte er und sie soll mein gedenken ! Dann eilte er davon . Und wieder erklang das Schmettern des Posthorns ; die Commerzienräthin trat an das Fenster und sah dem Wagen nach , bis einige Minuten später ihre Equipage sichtbar wurde und Clara bei ihr eintrat . Sie hatte trotz William ' s Verbot durch den Diener die traurige Nachricht bereits erfahren . Wo ist William ? fragte sie mit einer Lebhaftigkeit , welche die Mutter nur zu leicht für ein Zeichen der Liebe nehmen konnte . Auch hielt sie es für angemessen , die Rolle , welche sie bei Hughes mit so viel Glück gespielt , bei Clara fortzusetzen . Sie umarmte ihre Tochter mehrmals , küßte sie zärtlich und sagte : Beruhige Dich , mein Kind ! Du siehst ihn wieder . Wenn Du wüßtest , wie ihm das Scheiden schwer war ! Sein Schmerz war so groß , daß er mich , ohne es zu wollen , zur Vertrauten seiner Liebe machte . Er sendet Dir diesen Ring und ich habe ihm statt Deiner versprochen , daß er bei Dir Trost finden würde , falls es Gott gefallen sollte , ihm seinen Vater zu nehmen . Clara fuhr erschreckt zusammen ; das hatte sie am wenigsten erwartet . Nach ihrer Meinung mußte gerade Hughes um ihre Liebe für Eduard wissen , denn gegen ihren Vetter allein hatte sie sich stets offen über denselben ausgesprochen . Sie hatte in der Bereitwilligkeit ihres Cousins , ihre Bekanntschaft mit Jenny einzuleiten und ihren nähern Umgang zu befördern , eine Billigung ihrer Gefühle gesehen und sich dankbar dafür mit einer Zärtlichkeit an William angeschlossen , die ihr Bruder ihr einzuflößen niemals weder gestrebt , noch vermocht . Sie begriff es nicht , wie der Vetter dies Wohlwollen für Liebe nehmen könne , da sie wußte , wie himmelweit es von dem Gefühle verschieden sei , das sie für Eduard empfand ; und doch quälte sie der Gedanke , William , der vertrauende , großmüthige Mann , könne sie eines leichtsinnigen Spiels mit seinem Herzen beschuldigen . Es that ihr wehe , daß sie ihn , wenn auch ganz absichtslos , getäuscht , und sie bedauerte von Herzen , ihn nicht mehr gesprochen zu haben , um es zu verhindern , daß er Hoffnungen nähre , die sie nicht zu erfüllen dachte , Aber nicht Das allein war es , was sie beunruhigte . Sie wußte , daß ihre Mutter , nun sie endlich das Gelingen ihres Planes sicher vor sich sah , nicht so leicht davon abgehen würde , am wenigsten zu Eduard ' s Gunsten . Mitleid mit William , mit Eduard und mit sich selber , Furcht vor den Leiden , denen sie nothwendig durch ihre Liebe ausgesetzt war , und auch aufrichtige Betrübniß , dem Wunsche ihrer Eltern nicht folgen zu können , drängten zusammen auf sie ein , und weinend legte sie William ' s Ring von sich , den die Commerzienräthin ihr aufgezogen hatte . Recht so , liebe Tochter ! sagte die Mutter , als sie es bemerkte , auch ich finde es schicklicher , daß die Braut sich mit dem Ring ihres Verlobten erst dann schmücke , wenn er selbst ihn an ihre Hand steckt . Doch weine deshalb nicht . In wenigen Wochen kehrt William hoffentlich zurück , und die ganze Stadt soll es dann wissen , wie glücklich Du bist und wie glücklich Du mich durch die Erfüllung meiner langgehegten Wünsche machst ! Ich hatte nicht Unrecht , mein Töchterchen , zu behaupten , daß Dir einmal ein anderes Loos bereitet werden solle , als der kleinen Jenny ! fügte sie triumphirend hinzu , indem sie Clara nochmals umarmte und sie dann verließ . Was soll ich thun ? rief Clara , als sie sich allein sah . Die verschiedensten Plane und Möglichkeiten fielen ihr auf einmal ein . Sie wollte ihrer Mutter nacheilen und ihr Alles bekennen ; aber wozu sollte das führen , da ihre Mutter gerade die Heirath mit William wünschte und sich ihrer Liebe zu Eduard entschieden widersetzen würde ? Sich dem Vater anvertrauen ? Das würde die Mutter für eine Kränkung ihrer Rechte halten und doppelt erzürnt sein ! Dann wollte sie William schreiben und sich seiner Großmuth überlassen ; als sie indeß bedachte , wie ihr Brief den Sohn trauernd an der Leiche seines Vaters finden könne , fehlte ihr der Muth , seinen Schmerz noch zu erhöhen durch das Geständniß , sie könne ihn nicht lieben . Rathlos sann sie lange hin und her , bis die glückliche Schnellkraft der Jugend sie plötzlich das Ereigniß in besserem Lichte erblicken ließ . Sie fing an zu hoffen , die Krankheit ihres Onkels werde so gefährlich nicht sein ; William müsse ihn gewiß auf dem Wege der Genesung finden ; und es machte sie glücklich zu denken , Eduard werde ohne Zweifel William ' s Abwesenheit benutzen , sich gegen sie zu erklären . Dann , wenn es unwiderruflich sei , werde ihr Cousin es auch viel leichter tragen , besonders wenn Entfernung und die Freude , seinen Vater wiederzusehen , ihm zu Hülfe kämen . Als aber ihre Vorstellungen erst diese Richtung genommen hatten , waren bald alle Sorgen vergessen , so sehr , daß sie es sich vorwarf , nicht trauriger über ein Ereigniß zu sein , von dem ihr Vetter so tief ergriffen sein mußte . Ein Bote von Jenny , der abgesandt war , zu fragen , was Clara ' s plötzliche Nachhauseberufung veranlaßt habe , erhielt ein ruhiges Billet mit den nöthigen Erklärungen zur Antwort , der die Bitte hinzugefügt war , Jenny möge sie morgen recht zeitig besuchen . Zwei Dinge waren es besonders , die seit einigen Wochen Reinhard beschäftigten : die baldige Erlangung einer Stelle für sich , und Jenny ' s Uebertritt zum Christenthume , zu dem ein aufgeklärter Geistlicher sie vorbereitete . Mit freudiger Aufregung batte Jenny dem ersten Besuche des Pastors entgegengesehen ; es drängte sie , sich mit ihm über manches Bedenken auszusprechen , das sich in ihr gegen die neue Lehre erhob und dessen sie gegen Reinhard nicht zu erwähnen vermochte , aus Furcht , ihn zu beunruhigen und zu betrüben . Auch schwiegen thatsächlich vor dem Einfluß , den ihres Bräutigams Gegenwart und sein feuriges Wort auf sie ausübten , ihre Zweifel ; aber sie erwachten um so stärker , wenn sie allein blieb und der Zauber geschwunden war . Sie wähnte , wenn das Bekehrungswerk gelingen solle , müsse ihr Lehrer genau den Zustand ihrer Seele kennen , und stand nicht an , sich mit voller Offenheit darüber zu erklären . Ich habe , sagte sie , mein Leben lang an Gott gedacht ; ich habe seit meiner frühesten Kindheit , wenn mir etwas besonders Gutes oder Böses begegnete , geglaubt , das komme mir aus seiner Hand ; und da mir meine Eltern als seine sichtbaren Stellvertreter auf Erden erschienen , mich vollkommen ruhig und glücklich gefühlt , ohne nach einer besonderen religiösen Erkenntniß zu streben . Und Sie fühlen diese innere Zufriedenheit auch jetzt noch ? fragte der Geistliche . Nein ! erwiderte sie . Schon vor vielen Jahren hatte mich eine Freundin darauf hingewiesen , wie mir der rechte Glaube fehle . Ich dachte darüber nach . Ich stellte mir vor , welche Schicksals-Schläge das Leben mir bringen könne ; ich dachte an den Tod der Meinen und fühlte , daß ich solchen Leiden nicht gewachsen wäre , daß ich keine Kraft dagegen in mir fände . Therese , eben jene Freundin , sprach mir von der Unsterblichkeit der Seele . Ich verlangte Erklärung , und sie sagte mir : Glaube ! Das konnte ich nicht . Ich wandte mich an meinen Vater um Aufschluß , und mehr als alle Gründe dafür beruhigte mich die Ueberzeugung , daß mein Vater , der klardenkende Mann , an die Fortdauer der Seele glaubte . Ein leerer Schein konnte ihn nicht täuschen . Er sagte mir , Alles was Du siehst , empfindest , bist , ist Gott ! Ein Unendliches belebt durch sich selbst , durch sein Dasein , die Welt . Die Sonne und das Sonnenstäubchen sind er selbst . In mir , in Dir , in jenem Moose ist er , belebend , wirkend , immer derselbe Eine Gott , gleichviel in welcher Gestalt er sich offenbart . Die Form kann vergehen ; unser Auge schließt sich ermüdet für immer ; der menschliche Körper zerfällt in Staub , wie jenes Moos , wenn seine Zeit vorüber , wenn sein Organismus abgenutzt ist , oder plötzlich zerstört wird ; aber der Strahl von dem Geiste Gottes , der uns belebt , durch den wir uns selbst bewußt werden , der das Moos die Nahrung aus der feuchten Erde ziehen lehrt , damit es wachse und blühe , der Geist bleibt , denn er ist ein Theil Gottes ! - Gott ! - Da der Pastor schwieg , fuhr Jenny fort : Als nun meine Gedanken einmal auf diesen Weg gelenkt worden , forschte ich weiter , bald bei meinem Bruder , bald bei meinem Vetter , vor deren Meinung ich große Achtung hatte . Ich fragte nach den Gesetzen Moses , der unsere Religion gestiftet . Man nannte mir die Gebote und sagte , Moses verlange nur die Erfüllung jener Pflichten , die jedem guten Menschen sein Herz von selbst gebiete , so lange er durch das Böse nicht verdorben sei . Dasselbe lehre auch Christus und alle Stifter von Religionen . - Und worin besteht , fragte ich , der Unterschied zwischen den Religionen , da er stark genug gewesen ist , Jahrhunderte hindurch Krieg und Unterdrückung hervorzurufen ? In Formen , antwortete man mir , welche die Leute in ihrer Blindheit höher schätzten als den Geist . Strebe darnach , dem Beispiel des Guten zu folgen , das man Dir gibt , und Dich so rein zu erhalten vom Bösen als möglich . Denke Dir , hatte einst mein Vater gesagt , ein kleines zartes Gefäß , in das eine unsichtbare Hand den kostbarsten Samen gestreut : wie würde man es ängstlich hüten , damit es keinen Schaden nähme , es vor jedem Flecken bewahren , jedes Stäubchen davon entfernen , wenn man wüßte , daß nur in vollkommen reiner Schale die heilige Saat gedeihen könne ! Solch ein Gefäß bist Du und nur , wenn Du rein bist von bösen Gedanken , kann sich die Gottheit in Dir entfalten . Jenny mochte es den Mienen ihres Zuhörers ansehen , daß er diese Auffassung nicht billige , doch ließ sie sich dadurch nicht irre machen , sondern fuhr ruhig fort : Dieses Gleichniß erfreute mich , und - ich war damals noch ein Kind , Herr Pastor ! - ich fragte , ob nicht endlich , wenn die Saat zu einem mächtigen Baume geworden , dieser das kleine Gefäß zersprenge und sich frei mache , um frei die Wipfel zu dem blauen Himmel zu erheben , von dem das Samenkorn einst herabgekommen sei ? Ja ! sagte mein Vater , und dies Freiwerden nennt man Sterben ! Eine artige Allegorie , unterbrach sie der Pfarrer jetzt , aber das will Christus nicht . Wir sollen nicht spielen mit Dem , was das Heiligste ist ; wir sollen es mit Ernst erfassen , mit jenem Ernste , der Christus am Kreuze sterben machte für uns . Das sagt auch Reinhard , stimmte Jenny bei . Ich soll das Leben mit Ernst betrachten , und ich selbst fühle das Bedürfniß , seit ich Reinhard kenne und empfunden habe , daß es auch dunkle Stunden in unserm Dasein gibt . Glauben Sie mir , wenn ich an die Möglichkeit dachte , von Reinhard , dem ich so unauflöslich gehöre , für das ganze Leben getrennt zu sein , dann reichte der fröhliche Glaube meiner Jugend nicht aus . Ich verlangte danach , einen Ersatz zu finden , der mich schadlos halte für das Leiden auf dieser Welt ; und ich wünschte besonders , daß es mir möglich wäre , die heiligsten Interessen des Menschen auf dieselbe Art aufzufassen , wie mein Bräutigam . Mit Einem Worte , ich möchte Gott erkennen und das Leben begreifen , wie Christus es lehrt , ich möchte Christin werden dem Herzen nach . - Lehren Sie mich das , sagte sie , und ich werde es Ihnen ewig danken ! Der alte Mann gab ihr die Hand und sah sie lange an , ohne zu sprechen . Er erkannte in Jenny einen gut gebildeten Verstand , der dabei seine ursprüngliche Kindlichkeit behalten hatte und in dem sich das Streben nach Klarheit auf eigenthümliche Weise mit einem poetischen Gemüthe vereinte . Eben deshalb liebte Jenny es , Gedanken , die sie sich nicht ganz deutlich zu machen wußte , in einen poetischen Schleier zu hüllen , als ob sie sie dadurch vor der entweihenden Berührung des Zweifels behüten könne . Dem Pastor wurde ihre Richtung gleich in dieser ersten Unterredung klar . Er errieth , daß kein inneres Bedürfniß , sondern nur Liebe zu Reinhard der Beweggrund sei , welcher sie dem Christenthume entgegenführe , und er tadelte sie deshalb nicht . Ein langes Leben hatte ihn zu der Ueberzeugung gebracht , die er in früher Jugend mit orthodoxer Strenge bekämpft , daß man Christ sein könne ohne den Glauben an die christlichen Dogmen , und er war , einmal zu dieser Erkenntniß gelangt , ernstlich mit sich zu Rathe gegangen , ob diese Ansicht ihn nicht zwinge , sein Amt niederzulegen . Mit dem gewissenhaftesten Eifer hatte er die Lehre Jesu und sich selbst geprüft und sich dadurch in der Ueberzeugung befestigt , daß Liebe und Duldung bei fortschreitender geistiger Entwickelung die Grundzüge des Christenthums und besonders des Protestantismus ausmachten . In diesem Sinne hatte er sein Amt behalten und verwaltet . Er hatte von ganzem Herzen darnach getrachtet , unter seiner Gemeinde die Lehre Jesu in ihrer moralischen Reinheit zu verbreiten , und auch die Form heilig geehrt , in der diese Lehre uns übergeben worden ist , ohne jedoch Diejenigen fanatisch zu verdammen , die sich ausschließlich an den Geist hielten . Diese bekannte Gesinnung hatte den Vater bewogen , ihn zu Jenny ' s Lehrer zu wählen , womit Reinhard , nur auf Zureden seiner Mutter , sich einverstanden erklärt . Der Unterricht begann , und der Pastor mußte natürlich sein erstes Augenmerk gegen die pantheistische Weltanschauung richten , in der Jenny , ohne es zu ahnen , erwachsen , und in welcher die dichterische , gewissermaßen heidnische Vorstellung der Gottheit ihr lieb geworden war . Es freute sie , Gott zu sehen in Allem , was sie umgab , und obgleich sie sich zu der reinen Anschauung Gottes im Geiste zu erheben vermochte , hatte sie oft die heitere Zeit des griechischen Alterthums zurückgewünscht , in der es den Menschen möglich war , sich die Gottheit als unter ihnen wandelnd zu denken . Viel leichter als mit Reinhard konnte sie sich mit ihrem jetzigen Lehrer verständigen ; und es gewährte ihr in der ersten Zeit eine wahre Befriedigung , zu sehen , daß sich ihr Verstand mit Ueberzeugung den Lehren anschließen könne , die man ihr bot ; doch das sollte nicht allzulange währen . Hatte sie sich geistig spielend an den Göttern der Vorzeit erfreut , so widerstrebte der Gedanke an die Menschwerdung Gottes , nun sie ihn als Bekenntniß annehmen sollte , ihrem Verstande . Die Erlösung , Genugthuung und Versöhnung durch Christus kamen ihr wie grobe , sinnliche Begriffe vor , die weder auf einen Geist , noch auf das Verhältniß eines Vaters zu seinen Kindern Anwendung finden konnten , und die Dreieinigkeit erschien ihr unerfaßbar . Mit aller Kraft ihrer Seele hörte sie den Vorträgen ihres Lehrers zu ; sie wollte sich aus Liebe um jeden Preis überzeugen ; glauben , was Millionen Menschen , die es kaum so eifrig gesucht hatten , wie sie , zur beseligenden Gewißheit , zur Stärkung in Noth und Tod geworden war . Warum sollte gerade ihr das unerreichbar bleiben ? Warum gerade ihr , die ihn so eifrig erstrebte , der Glaube versagt sein ? Eine quälende Unruhe bemächtigte sich ihrer . Geistig unaufhörlich mit der Lösung ihrer Zweifel beschäftigt , auf der ihr ganzes Glück beruhte , erschien sie dem Geliebten zerstreut und theilnahmlos , und er drang in sie , ihm den Grund ihrer Verstimmung zu entdecken . Das aber vermochte Jenny eben nicht . Sie schützte körperliches Unwohlsein , Sorge um Eduard , den offenbar ein tiefer Schmerz bedrückte , und tausend andere Veranlassungen vor , und versuchte durch eine erzwungene Heiterkeit Reinhard zu beruhigen , dem diese plötzlichen Wechsel ihrer Stimmung als Launen erschienen und der sich mißbilligend über dieselben äußerte . Dazu kam , daß er , so oft sie allein beisammen waren , sich bei Jenny nach dem Fortgange des Religionsunterrichts erkundigte ; daß er zu wissen begehrte , was sie gehört und wie sie es aufgenommen habe . Und doch war es gerade Dieses , was sie zu vermeiden wünschte . Sie suchte es also einzurichten , daß Reinhard in den Stunden , die er gewöhnlich bei ihr zubrachte , bald Therese , bald Clara als Dritte fand ; und mit Scherzen mancher Art machte sie jeder ernsteren Unterhaltung ein Ende , aus Besorgniß , diese könne eine Richtung nehmen , die sie zu scheuen Ursache hatte . Wie natürlich setzte ein solches Betragen Reinhard in Verwunderung . Er konnte sich diese Leichtfertigkeit nicht erklären . Jenny hatte früher mit besonderer Vorliebe ernsthafte Unterhaltungen mit ihm geführt , und , um dieselben ungestört zu genießen , jede Gelegenheit benutzt , die Anwesenheit dritter Personen zu verhindern . Jetzt kam sie selbst zu seiner Mutter seltener und oft zu Zeiten , in denen sie ihren Bräutigam außer dem Hause beschäftigt wußte . Reinhard begriff das nicht . Er tadelte es als Achtlosigkeiten , er war verstimmt , die guten traulichen Stunden bei seiner Mutter wollten nicht mehr wiederkehren . Jenny schmerzte diese Unzufriedenheit ihres Verlobten ; aber sie tröstete sich über den Kummer , den sie ihm und dadurch sich selbst bereitete , mit der Hoffnung , daß es ihr endlich doch gelingen müsse , das Christenthum zu erfassen , und daß Reinhard erst dann erfahren solle , wie schwere Zweifel sie durchkämpft , wie wacker sie gerungen habe . In dieser Zeit begab sie sich eines Tages zur gewohnten Stunde in die Wohnung des Pastors , der jetzt mit ihr das Kapitel von der Dreieinigkeit verhandeln sollte . Nach einer einfachen Einleitung sagte er ihr , die ersten christlichen Philosophen , welche über die Dreifaltigkeit gedacht , hätten von ihr gesagt : Gott war ! aber außer ihm Nichts . Gott dachte sein Bild ; und da das Denken und Entstehen bei Gott eins ist , so war dies Bild Gottes vorhanden , ohne selbstständiges Wesen zu sein , denn es besteht nur in Gott . Dieses Wesen , für das die deutsche Sprache kein Wort hat , heiße in dem Urtext der Bibel Logos und sei in dem Menschen Jesus Mensch geworden , als die geistigen Geschöpfe der Erde , die Menschen , einer göttlichen Offenbarung gewürdigt werden sollten . Darum nenne sich Christus den Erstgeborenen . Das Band nun zwischen diesem Gedanken Gottes und Gott sei der heilige Geist . Man könne also Gott allein , ohne Jesus und den heiligen Geist denken , nicht aber die letzteren ohne Gott - denn nur in ihm sind sie . - Als Jenny diese Erklärung vernommen hatte , rief sie freudig : O ! Sie geben mir das Leben wieder , indem Sie mir sagen , ich dürfe Gott denken , ohne Christus und den heiligen Geist ! Das ist der Gott , den man mich von Kindheit an gelehrt hat , der uns Alle beschützt . So vermag ich ihn zu glauben . Nein , meine Tochter ! wendete der Greis ihr ein , erstaunt über die willkürliche Auslegung , welche Jenny seinen Worten gegeben . Nein , Sie täuschen sich selbst ! Ich habe Ihnen gesagt , daß wir Gott allein zu denken vermögen , aber es konnte unmöglich meine Absicht sein , Ihnen den Glauben an die Dreifaltigkeit Gottes preiszugeben , den unsere Religion lehrt . Das begehre ich auch nicht , sagte Jenny , noch immer in freudiger Erregung . Ich weiß , Gott ist - und er sandte Christus , der mehr als wir , mehr als Mensch , aber doch nicht dem Schöpfer gleich war , zu uns , um uns zu belehren ; und wenn ich an Gott glaube , und zu ihm und Christus bete , und ihnen vertraue , dann wird mir der Beistand des heiligen Geistes nicht entgehen . - Der Pfarrer schüttelte bedenklich das Haupt und sprach sehr ernst : Es mag Ihnen leichter werden , sich in diese Vorstellung hineinzudenken , als an die Verkörperung , das Menschwerden eines rein geistigen Wesens zu glauben . Und doch ist Ihre Ansicht verwerflich ; denn sie ist das erste Hinneigen zur Vielgötterei . Christus ist nach ihr ein Halbgott , und es werden zwei Wesen der Verehrung hingestellt , während die christliche Religion nur Ein Urbild kennt , den Schöpfer , von dem Christus und der heilige Geist nicht zu trennen sind , denn er ist der dreieinige Gott ! Das konnte Jenny zwar denken , aber sie vermochte nicht , es als eine Wahrheit einzusehen , die eben als Wahrheit Glauben gebiete . Sie begriff die Nothwendigkeit dieses Glaubens nicht . Es ist hier nicht der Ort , noch kann es unsere Absicht sein , eine Abhandlung über die christliche Religion zu geben , sondern es kommt nur darauf an , die Wirkung derselben in dem Gemüthe eines jungen Mädchens darzuthun , das nicht von Jugend an in dem Glauben an diese heiligen Symbole erzogen war ; und den Einfluß zu erzählen , den der Unterricht im Christenthum auf Jenny und auf ihr Schicksal übte . Wir dürfen deshalb die mehrstündige Unterredung des Pfarrers mit Jenny übergehen und nur bemerken , daß nach manchem vergeblichen Versuche , ihr ein Bild von der Dreieinigkeit zu geben , welches sie befriedigte , der Pfarrer sie endlich anwies , die Dreieinigkeit als ein Symbol aufzufassen , an das zu glauben Gott uns durch Christus geboten habe . Das stürzte aber Jenny auf ' s Neue in den alten Kampf hinein . Sie hatte versprochen , nach dem Unterricht zu Reinhard ' s Mutter zu kommen , und ging , da Reinhard sie damit neckte , wenn sie sich stets der Equipage bediente , langsam und sinnend der fernen Gegend zu , in der die Pfarrerin wohnte . Immer und immer wieder dachte sie an das Gehörte . Wenn sie sich die Gottheit unverändert und ungetheilt stark , in Gott , in Christus und dem heiligen Geiste dachte , so waren entweder Christus und der heilige Geist Eigenschaften Gottes , was der Pastor so nicht gedeutet haben wollte , oder sie waren Ausströmungen , Strahlen Gottes : und diese Deutung näherte sich in gewisser Art dem Pantheismus , vor dem der Pfarrer und Reinhard sie oft und ernst gewarnt hatten , der zu Hochmuth und Selbstanbetung führen sollte , da man nur zu geneigt wäre , den Gott in sich anzubeten und darüber den einzig wahren Gott zu vergessen . Vergebens rang sie darnach , zu einer klaren Vorstellung zu kommen , es gelang ihr nicht , und immer wieder tönte ihr das furchtbare » glaube « ins Ohr , auf das man sie verwies und das sie nicht in sich erzwingen konnte . Der Abend fing schon an hereinzubrechen und die Atmosphäre hatte jenen warmen , schwülen Duft , der in unserm Klima den ersten Tagen des beginnenden Frühlings häufig eigen ist und der Seele eine weiche melancholische Stimmung gibt . Jenny , der man früher niemals erlaubt hatte , ohne Begleitung eines Dieners die Straße zu betreten , wollte sich , um Reinhard zu gefallen , gern von Allem entwöhnen , was der Luxus den Reichen zum Bedürfniß macht , und hatte zu Hause erklärt , sie werde allein von dem Hause des Pastors zu ihrer künftigen Schwiegermutter gehen . Es war das erste Mal , daß sie den Versuch machen wollte ; und als sie nun bei einbrechender Dunkelheit - - denn der Unterricht hatte länger als gewöhnlich gedauert - allein durch die Straßen ging , überkam sie ein Unbehagen , wie sie es nie zuvor empfunden hatte . Sie fürchtete , daß irgend einer ihrer Bekannten sie so allein umhergehen sehen könnte , und wünschte doch sehnlich , Jemandem zu begegnen , der sie beschütze , da ihr bange war unter dem Gewühl der Männer und Frauen , die jetzt um die sechste Stunde von der Arbeit heimkehrten . Wenn die Mutter wüßte , daß der Unterricht so lange gedauert hat ; wenn sie wüßte , daß ich nun im Dämmerlichte , in der fernen Vorstadt ganz allein auf der Straße bin , in der mich Niemand kennt , fern von Reinhard und so weit von Hause , wie besorgt würde sie sein ! so sagte sie sich ; und - rief es in ihr - was will dies Verlassensein bedeuten , gegen die geistige Vereinsamung , in der ich mich befinde ? Durch einen Eid will ich mich in wenigen Wochen lossagen von dem Glauben meiner Väter , den ich begreife und heilig halte , und zu einer Religion übertreten , gegen welche meine Ueberzeugung sich noch immer sträubt . Das kann Gott nicht wollen , das wäre Sünde . Aber was konnte sie denn thun , sich zu befreien aus dieser Noth ? Sich Reinhard entdecken oder irgend Jemandem , hieße Reinhard verlieren ; denn nur als Christin konnte sie die Seine werden , konnte er ihr gehören . Sie erschien sich unglücklicher als jene Arbeiter , die in Dürftigkeit , aber gewiß ruhigen Geistes neben ihr herschritten . Was hatte sie verbrochen , um so schwer geprüft zu werden ? Die sorglose Freudigkeit , mit der sie an Gott gedacht und das Rechte gethan , hatte ihr Reinhard geraubt und sie auf Lehren hingewiesen , die ihr bis jetzt nicht die geringste Beruhigung boten und sie den qualvollsten innern Kämpfen preisgaben . Vater und Mutter sollte sie verlassen , sich von dem Bruder , von allen Freunden trennen . Sie sollte Reinhard