, das sich in schweren Locken um ihr vornehm feines , regelmäßig edles , mehr schmerzens- als krankheitsblasses Gesicht ringelte ; die schmalen Lippen waren fest geschlossen , sie hatten selten gelächelt , nie geküßt ; die länglichen Augen fast immer gesenkt , doch wenn die Wimpern sich hoben , so brach hinter ihrem schwarzen Gitter ein geheimnißvoller Strahl an , der gleich einem feuchten , zitternden Mondlichtstreif zum Himmel stieg , oder vom Himmel kam . Faustine dagegen war wie der Tag hell , durchsichtig , ein Krystall , worin Purpur , Gold , Azur und Rosenroth sich schmolzen . Ihren Kopf konnte nur ein Dichter erfinden , Cunigundens - ein Bildhauer . Sie war die in Frauenform verhüllte Essenz einer halbromantischen , halborientalischen Poesie - Leidenschaft und Phantasie vorherrschend , zwei Dinge , die sich gewöhnlich einander ausschließen , und in ihr sich vereinigten , wie der Lucifer ins Morgenroth hineinstrahlt . Aber nicht die Nacht allein - auch der Tag hat seine Geheimnisse . Wer kann am hohen Sommermittag den Blick aufwärts kehren und in den Himmel hinein sehen , der wie polirter Stahl leuchtet und funkelt ? es wird stets ein zitternder Schleier , wie von durchsichtigen Goldflittern , vor den Augen hängen ; und diese Atmosphäre umgab Faustine , diese Atmosphäre war es , welche sie schied von der Masse der nüchternen Menschen und sie für Einzelne unwiderstehlich machte . Sie stand darin , wie die Palme in der tropisch blühenden Oase , wie die Peri in ihrem feenhaften Reich . Und diese Atmosphäre zerschmolz alle Fesseln an Cunigundens eingekerkerter Seele eben so plötzlich , wie sie die Schwingen von Marios freier Seele versengt hatte . Sie erzählte Faustinen ihre einfache , kurze , traurige Geschichte : wie sie vor vier Jahren mit Feldern sich willig und gern verlobt habe , wie es ihr aber trotz dessen jetzt eine Unmöglichkeit sei , seine Gattin zu werden , und wie sie als eine Kranke behandelt werde , weil sie keinen Grund für diese Umwandlung anzugeben wisse . Sie sagte mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Melancholie : » Hypochonder und nervenschwach nennt man mich ! Ach , nicht die Nerven - die Seele ist schwach ! die fürchtet eine Last auf sich zu laden , der sie nicht gewachsen ist . « » Nennen Sie Ihre Seele nicht schwach , sondern klar ! « rief Faustine . » Allen Zügeln , allen Lenkungen zum Trotz , läßt sie sich nicht durch die Verhältnisse bestechen , sondern erkennt den Weg , auf welchen ihr Heil nicht liegt . Haben Sie je so verständig , so überlegt mit Herrn von Feldern gesprochen ? « » Wie oft ! aber er versteht mich nicht . Ich denke , daß Männer nicht gleich uns Fühlfäden an ihren Seelen haben . « » In gewöhnlichen Zuständen mögen wir ihnen an Takt und Feinheit überlegen sein , « sagte Faustine , Andlaus eingedenk , mit tiefer Innigkeit ; » aber wenn ein Mann liebt - und das geschieht öfter , als die Frauen es eingestehen wollen - so umfängt er wie eine Sensitive das Geliebte , und fühlt früher , stärker jede dämmernde Regung , jede Wolke der Empfindung , jeden keimenden Dorn der Mißstimmung , jede schwellende Knospe des Glücks . Aber freilich - lieben muß er . Liebe ist ewig der Ring des Djemschid , welcher das Verständniß der Dinge verleiht . « » Feldern liebt mich .... sagt er « - » Ja ja , « sprach Faustine und ein Schatten von Cunigundens Melancholie legte sich auf ihre blütenweiße Stirn , Erinnerungen zogen wie finstre Träume ihrem innern Auge vorüber - » die Männer lieben auf allerlei Weise , und es giebt freilich eine , die uns elender macht , als je ihr Haß uns machen könnte . Von der rede ich nicht ; denn wenn ich von ihr redete - fügte sie mit dem leisesten , bebenden Ton hinzu , aber ihr Auge flammte und ihre Wange glühte - so könnte ich nicht anders als sie verfluchen . « Sie preßte krampfig beide Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf , daß ihre Locken wie Bäche die Hände überrieselten . Dann warf sie Kopf und Haar zurück , ihr Anblick tauchte beruhigt aus der Flut der Erinnerungen auf und sie strich lächelnd , träumerisch über die Stirn , als hätten Gespenster sie geneckt . » Erschrecken Sie nur nicht über mein rasches , heftiges Wesen , « bat sie lieblich . » Ich habe nun einmal eine Seele , deren Normalzustand ein fiebernder ist . Damit hat man goldenselige Phantasien oder grausige Phantasmagorien ; aber letztere kommen mir selten und immer seltner . Von Ihnen wollen wir sprechen . Sagen Sie mir , wie sich Ihr Schicksal in Ihrer Familie gestalten würde , wenn sie entschieden mit Herrn von Feldern brächen ? « » Ich glaube fast , daß ich zu gleicher Zeit mit meiner Familie brechen würde , denn meine Mutter ist nicht daran gewöhnt , daß wir ihren Wünschen entgegen handeln und sie wünscht meine Verheirathung . « » Nun ? « fragte Faustine gespannt , als Cunigunde nach diesen Worten schwieg . » Ich habe keine Aussichten , keinen Trost , keine Hoffnung . Meine Zukunft ist eine undurchdringliche Nacht . Was ich auch thun möge - Schmerz und Kampf sind mir auf jedem Wege gewiß ! doch Elend nur in der Verbindung mit Feldern . « » Gott ! « sagte Faustine , » welch unglaubliches Leid verzweigt sich durch anscheinend friedliche , einfach glückliche , harmlose Verhältnisse . Ueberall nagt und schleicht und brennt ein Gift , und Keiner kann den Andern retten , nicht einmal den Geliebtesten . Jeder muß seinen Kampf selbst durchfechten , und mit seinem Blut bezahlen , und für Jeden ist er immer so , als wäre noch nie etwas Aehnliches dagewesen ; denn immer sind die Umstände so verschieden , daß Niemand sein eignes Beispiel als einen Rath darbieten darf . « Sie sprachen viel miteinander , wie alte Freundinnen , und das erleichterte Cunigundens zusammengepreßtes Herz wenigstens von der beschämenden Qual , mit ihren tiefsten , heiligsten Empfindungen als eine beklagenswerthe Kranke dazustehn . Sie blieb den ganzen Tag bei Faustinen . Sie sang ihr vor - und nicht mit der kalten , seelenlosen Stimme , wie sie einst in Mengens Gegenwart auf Felderns Wunsch gesungen , sondern wie man eben singt , wenn das Herz überfließt . Faustine hörte ihr mit wahrer Andacht zu , denn sie war immer andächtig , sobald sie einen Herzschlag vernahm , und sann nach , ob sie nichts für Cunigunde thun könne , ihr einen Zufluchtsort schaffen , ihr Mittel zu einer selbständigen Existenz an die Hand geben ; und dazwischen fiel ihr ein , ob Andlau nicht unzufrieden sein würde über ihre Einmischung in so zarte Verhältnisse , und ob sie kein Unrecht gegen Feldern beginge , der ihre Vermittelung zur Vereinigung , nicht zur Trennung gesucht . Sie hatte ihn zwar gleich auf ihre Handlungsweise vorbereitet - - da kam Feldern . » Ich werde ihm gleich reinen Wein einschenken , « sagte sich Faustine heimlich . So wie er gemeldet war , veränderte Cunigunde sich augenscheinlich , wurde gezwungen , scheu und befangen . Sie verließ das Piano , die Kehle hatte keinen Ton , die Brust keinen Athem mehr , und als er eben in den Salon getreten war , sagte sie ängstlich : » Ich begreife nicht , warum mein Vater nicht kommt mich abzuholen ; es muß schon recht spät sein . « Zum Glück langte Herr von Stein bald darauf an , und hätte er auch recht gern Faustinens Einladung , den Abend bei ihr zuzubringen , angenommen , so kam ihm doch Cunigunde ablehnend zuvor . Sie bat Faustine um Erlaubniß , sie in ihren einsamen Stunden einmal wieder besuchen zu dürfen , erhielt sie gern , und schied dankbar . » Wie finden Sie Cunigunde , gnädige Gräfin ? « fragte Feldern erwartungsvoll . » Eben so schön als liebenswürdig - und verständig . « » Und verständig ? - dann hat sie nicht ehrlich zu Ihnen gesprochen . « » Sie hat ! warum sollte sie nicht ? « » Weil sie sich ihrer Thorheit schämt . « » Feldern ! « rief Faustine heftig , » die Thorheit dieses Mädchens ist tiefsinnige Weisheit . « » Hüten Sie sich , in der nebulösen Schwärmerei , in der vagen Exaltation wahren und kräftigen Schwung des Gefühls wahrnehmen zu wollen . « » Cunigunde ist ruhig und klar in sich , so weit es ein zwanzigjähriges Mädchen sein kann : sie will nicht einen Mann heirathen , den sie nicht liebt , und das nenne ich vernünftig . « » Aber während vier langer Jahre hat sie ihn heirathen wollen . « » Sagen Sie lieber , daß während dieser Jahre die Einsicht ihres Irrthums sich in ihr entwickelt hat . « » Wie oft soll es den Frauen erlaubt sein , solchen Irrthum zu begehen ? « fragte Feldern gereizt und bitter . » Erlaubt - nie ; zu vergeben - immer ; « sprach sie sehr sanft . Feldern schwieg eine Weile ; dann fragte er wieder : » Und was wird das Schicksal Cunigundens sein , wenn sie bei ihrem Willen beharrt ? Wird sie einen Mann finden , der ihren exaltirten Ansprüchen genügt ? wird sie ihr herrliches Wesen an einen Unwürdigen verschleudern ? « » Cunigunde sieht so ernst und fest aus , als brauche sie nicht die Stütze , welche ein Mann geben kann , um ihren Weg durch das Leben zu machen . Gewiß ist ' s , daß sie keine solche wünscht , da ist die Gefahr nicht groß , an einen Unwürdigen zu gerathen . « So begann Feldern allmälig die Möglichkeit einer Trennung zu fassen , und er war mit Faustine in ernste Ueberlegung dieses wichtigen Gegenstandes vertieft , als Clemens höchst unwillkommen Beide störte . Eintretend warf Clemens einen zornfunkelnden Blick auf Feldern und einen vorwurfsvollen auf Faustine , zog einen Lehnstuhl , setzte sich bequem zurecht und fragte hämisch : » Störe ich etwa ? « » Ja , « sagte Faustine sehr unmuthig . » Behüte der Himmel ! « rief der rücksichtvolle Feldern , » dies Gespräch kann ja in jeder Minute unterbrochen und wieder angeknüpft werden . « » Das ist schön ! « sagte Clemens . » Ich war heute zweimal vergeblich vor Ihrer Thür , Gräfin Faustine , Mittags um zwölf , Nachmittags um vier Uhr : beide Mal sagte mir der Diener , Sie wären nicht zu Hause . Jetzt ging ich wieder vorbei , und da ich Licht in Ihrem Salon sah , kam ich herauf , in der festen Ueberzeugung , dieselbe Antwort zu bekommen « - » Aber Sie täuschten sich , wie Ihnen das schon Millionen Mal passirt ist « , sagte Faustine kaltblütig , ohne seine Impertinenz zu beachten , für welche Feldern ihn sprachlos mit strafenden Augen ansah . Dann wendete sie ihm den Rücken und unterhielt sich mit Feldern über Vorfälle in der Gesellschaft und Erscheinungen in der Kunst und Literatur . Eine momentane Pause benutzte Clemens , um im veränderten , demüthigen Ton die Frage zu thun : » Sie waren doch nicht etwa krank heute , Gräfin Faustine ? « » Nein , ich war sehr wohl , « antwortete sie kühl und kehrte sich wieder zu Feldern mit einer gleichgültigen Bemerkung über die bodenlose Gesprächigkeit irgend einer Dame . » Es thut mir immer leid um all ' die schönen Worte , die sie so kreuz und quer und mit vollen Händen ausstreut . Man kann viel durch ein Wort ausrichten , wenn man nur nicht sich und andre daran gewöhnt hat , daß man die Worte mißbraucht . In ihrer Zusammenstellung kann eben sowol als in ihrer Betonung eine deutliche Nüancirung veränderter Zustände liegen . Wenn Jemand an mich schreibt : » meine theure Faustine ! « - der sonst schrieb : » liebe Ini , « oder kurzweg : » Ini « - denn in der bloßen Nennung des Namens ohne verherrlichende Adjectiva liegt die tiefste , koncentrirteste Innigkeit - so weiß ich , daß seine Zärtlichkeit eine retrogade Bewegung gemacht , welche sich im nächsten Brief , den ich vielleicht nach einem halben Jahr erhalten werde , in Hochachtung umgesetzt hat , was mir die : » verehrte Gräfin ! « ankündigt . « » Ist Ihnen das wirklich schon begegnet ? « fragte Clemens neugierig . Er suchte an der Conversation Theil zu nehmen , von der Faustine ihn so absichtlich ausschloß . Aber wenn sie auch erwiderte : » Ich spreche nur beispielsweise von mir « - so würdigte sie ihn doch keines Blicks , und Clemens verzweifelte innerlich , daß er sich von seiner kindischen Eifersucht hatte hinreißen lassen , die ihm jetzt so thörig und unpassend wie möglich erschien . Nachdem Feldern gegangen , sagte Faustine zu Clemens , der noch immer ganz unbeweglich in seinem Lehnstuhl verharrte : » Gute Nacht , Herr von Walldorf . « Er fuhr zusammen . » Herr von Walldorf ? « fragte er verwirrt . » Ja , ich meine Sie . « » Und was habe ich Ihnen gethan , daß Sie mich plötzlich so fremd behandeln , mich fortschicken , obgleich ich Sie heute den ganzen Tag nicht gesehen ? « - » Mir haben Sie nichts gethan ! merken Sie sich das ein für alle Mal : eine Unart trifft nicht mich , sondern den , der sie begeht . Ihr schlechter Ton verletzt mich noch mehr in Ihrer , als in meiner Seele , weil er von einer außerordentlich starken Indelicatesse zeugt . Ich müßte Sie wie ein Kind behandeln und Ihnen jedes unpassende Wort verweisen , wenn es mir nicht zu langweilig wäre als Bonne aufzutreten , einem vernünftigen Menschen gegenüber . Da ich das nicht mag , werde ich Sie fremd und förmlich behandeln , um Sie auf diese Weise an die Schranken zu erinnern , welche Sie stets geneigt sind zu überspringen . Aber ein Mann , der mich dazu zwingt , wird mir über kurz oder lang unausstehlich . Die Männer sind von Natur täppische Gesellen ! ward das nicht durch Erziehung und Sitte gesänftigt , so behüte mich der Himmel vor ihrem Umgang . « Clemens rang die Hände . » Wie kann ein scherzhaftes Wort - « » Niemand versteht besser den Scherz als ich , « unterbrach Faustine ; » darum habe ich auch sehr gut verstanden , daß Sie nicht scherzen , sondern sehr ernsthaft sein wollten , was wirklich bei dieser Gelegenheit nicht blos ins Gebiet des Scherzes , sondern in das der Lächerlichkeit fällt . « Sie lachte , und Clemens rief erleichtert » Gottlob ! « Faustine sagte mit ihrem gewöhnlichen sanften Ton und hellen Blick : » Ich bin ja so gern die Freundin meiner Freunde ! zwingen Sie mich doch nicht , Ihr Zuchtmeister zu sein . Dazu sind ja die Feinde gut . « » O , Sie sind eine Himmlische ! « rief Clemens beseligt und ergriff ihre Hand ; setzte aber langsam hinzu , als Faustine die Hand losmachte : » Nur aber grausam . « » Sehen Sie je , daß ein andrer Mann alle Augenblicke meine Hand anpackt ? « fragte sie ein wenig gelangweilt . » Nein ; aber es liebt Sie auch Keiner wie ich . « » Irrthum ! Alle haben mich lieber , als Sie . Alle vermeiden mir lästig zu werden und mir zu mißfallen . « » Aber für Einen könnten Sie doch eine Ausnahme machen ? « » Und warum das ? « » Eben weil er Sie liebt . « » Das genügt nicht ! ich muß ihn wieder lieben . « Er sah sie an . Sie saß auf dem Sopha , in die Ecke zurückgelehnt , das feine goldene Kettchen , woran ihre Lorgnette hing , nach ihrer Gewohnheit um die Finger schlingend und wieder ablösend , der Kopf seitwärts gesenkt , der Blick zerstreut , so zerstreut , daß Clemens , der auf dem Punkt gewesen war , ihr zu Füßen zu fallen und um ihre Liebe zu bitten und zu flehen , selbst ganz zerstreut wurde , und gleichsam beruhigend halblaut zu sich selbst sprach : » Sie kann wol nicht lieben . « - Und damit ging er . Mengen klagte auch am nächsten Tage über Faustinens Unsichtbarkeit , aber es geschah in einem andern Ton . Für ihn war es wirklich , als habe die Sonne nicht geschienen . Eine Stunde , oft nur eine halbe Stunde , bei ihr zugebracht gab ihm eine Freudigkeit , die dreiundzwanzig Stunden lang anhielt . Er konnte sie nicht so oft sehen , als er wünschte ; denn wenn auch eine einzige Minute schon ihm ein Glück war , so sehnte er sich doch immer nach ihrer Allgegenwart , und wenn er auch arbeitend und beschäftigt am Schreibtisch saß , so war es ihm doch oft , als beuge ihr Kopf sich lieblich über seine Schulter , als sehe sie mit ihrem magnetisch anziehenden Auge in das seine . Diese geträumte Allgegenwart verrieth genugsam seine Wünsche . Aber er besorgte allein die Geschäfte . Während der Abwesenheit des Gesandten , im Sommer , hatte er sie übernommen , und gern ; ihm war Arbeit eine Lust ; sie waren ihm geblieben . Der alte kränkelnde Chef hatte ihn lieb und nahm oft seine Gesellschaft in Anspruch . Die Welt desgleichen , mit der er sich eingelassen , ehe er Faustine gekannt . Jetzt waren ihm all ' diese Verhältnisse höchst lästig . Er mußte zwischen ihnen und ihr die Zeit theilen , die Zeit , welche bei ihr unschätzbar wurde ; denn in jeder Secunde gewahrte er einen neuen Reiz , eine neue Gabe bei ihr , und bei Andern nichts , als das tausendfältig abgehaspelte Einerlei der nach außen gerichteten Oberflächlichkeit . Ihr Wesen war so tief , daß er oft ihre Anmuth darüber vergaß ; aber die Form , worin sie sich hüllte , war so verschwebend leicht , so heiter , so süß und lieblich , daß es Thorheit schien , bei dieser Grazie den Ernst zu suchen . Gerade dies seltene Gemisch vom Höchsten und Einfachsten - da die meisten Menschen weder das Eine noch das Andre , und nur ausgezeichnete das Eine oder das Andre sind - war ihm anfänglich so überraschend und später so fesselnd entgegengetreten , wie er nie geglaubt , daß ein Weib es könne . Wenn er in ihr Zimmer trat und die Thür hinter ihm zufiel , wenn er sie immer ernst beschäftigt , lesend , malend , schreibend , nachdenklich wie eine Muse fand , und wenn sie dann so fröhlich , wie ein der Schule entronnenes Kind , Bücher und Pinsel fortwarf und ausrief : » Ein gesprochenes Wort ist mir lieber , als zehntausend gedachte ! jetzt wollen wir plaudern ! « - oder ein ähnlicher Ausruf , der immer einen Gedanken verrieth oder enthielt , und auf den , als Begrüßung , Niemand rechnen konnte : - so war er in eine Region entrückt , die sein Fuß noch nie betreten , und in der er sich doch heimisch fühlte , wie in seinem angestammten Eigenthum . Bisweilen fielen ihm die ersten Aeußerungen ein , welche er über Faustine gehört ; aber er schenkte ihnen keinen festen Glauben . Es wird so viel Wunderliches in der Welt geschwatzt ! Doch hatte er nicht den Muth , Faustine zu fragen . Es war , als fürchte er sich , etwas zu hören , was ihm weh thun müsse . Allein diese Furcht nahm eine Maske vor und sprach : » warum dies offne Wesen nach etwas fragen , was sie mir unfehlbar ungefragt sagen wird . « Doch von ihrem Verhältniß zu Andlau sprach Faustine nie . Sie hielt es nicht für nöthig , das Warum und Weshalb ihres Thuns darzulegen . Sie that . Mißfiel das , so ertrug sie es . Sich zu rechtfertigen , zu entschuldigen nur , war ihr nie eingefallen . » Andre müssen uns entschuldigen , « pflegte sie zu sagen ; » wer für sich selbst Entschuldigungen aussinnt , könnte ja lieber das Mittel aussinnen , ihrer nicht zu bedürfen . « - Auch von Andlau selbst sprach sie wenig , und nie anders als zufällig zu Personen , die ihn nicht kannten . Einmal kam Mengen zu ihr und fand sie umringt von Charten des Orients . Er fragte , was sie studiere . » Meine Reise in den Orient , « entgegnete sie und entwickelte ihm den Plan , dem sie die Frage anhing , ob er nicht von der Partie sein wolle . Er willigte mit Jubel ein , und Faustine rief alle historische und poetische Erinnerungen auf , welche gerade über diese Reise einen so mächtigen Zauber verbreiten . Auf einmal sagte sie : » Einer von Andlaus Freunden ist Consul in Alexandrien geworden . Das schrieb er mir heute , und dieser Freund nun ist der Grundstein zu meiner egyptischen Hoffnungs-Pyramide . « » Sobald Herr von Andlau Sie begleitet , bin ich überflüssig « - sagte Mengen sehr kalt , » und ich denke , Sie dispensiren mich dann gern . « » Weshalb wollten Sie sich um die Freude bringen ? « fragte sie lieblich ; » und kann ich denn je von zu vielen Freunden umringt sein ? « » Ach , Sie machen mich zu Ihrem Sclaven - nicht zu Ihrem Freund . « » Wenn ich das thue - so haben Sie Recht , sich von mir loszumachen ; aber ich thue es unbewußt . « » Es ist schöner , in der Sclaverei bei Ihnen , als in schwer erkämpfter Unabhängigkeit fern von Ihnen zu leben . « » Bilden Sie sich nur nicht ein , daß ich Ihnen für dies Compliment danken werde ; « rief Faustine lachend ; » denn erstens ist ' s eine Fadaise , und zweitens hasse ich die Sclaverei zu sehr für mich , als daß ich sie Andern auflegen möchte . Wer nicht aus freiem Willen bei mir ist , bei mir bleibt - der kann lieber heut ' als morgen gehn ; Rücksichten und Pflichten dürfen ihn nicht halten . Ich stürbe lieber vor Hunger , als daß ich ein Stück Brot von der Hand annähme , welche ohne überquellendes Erbarmen , ohne antreibende Liebe , nur aus dürrer Verpflichtung es mir darböte . - Gehen Sie doch , Graf Mengen , gehen Sie , wenn Ihre Freiheit durch mich beeinträchtigt wird - ich halte Sie nicht . « » Unbewußt - wie Sie selbst sagten . « » Nun , wenn Sie nicht gehen können , so müssen Sie auch nicht klagen . Man muß Fesseln brechen , nicht gegen sie rebelliren . « » Sind Sie wirklich im Besitz dieser seltenen Stärke in jedem Augenblick , zu jeder Epoche Ihres Lebens ? « » Mein Leben ist so unaussprechlich einfach und einfarbig gewesen , daß ich nur ein einziges Mal Gelegenheit hatte , einen unbesieglichen Entschluß zu fassen . Da revoltirte ich freilich , aber es war eine Revolution , aus der eine neue Aera für mich hervorging : deshalb hatte ich ein Recht dazu . Seitdem habe ich , Gottlob ! weder Kraft , noch Kämpfe , noch Entschlüsse nöthig gehabt , was alles sehr unbequeme Dinge sind . Aber der Mann sollte doch immer unter den Waffen stehn ! er ist von so verschiedenen Seiten anzugreifen . Leidenschaften , die wir kaum ahnen , beherrschen ihn oder versuchen es wenigstens ; er muß nach allen Seiten auf der Hut sein . Wir haben es immer nur mit der des Herzens zu thun , was aber freilich auch die Sturm- und Wetterseite ist . « » Charakter haben - Wort und That , Meinung und Handlung in die genaueste Uebereinstimmung , und beide dahin bringen , daß sie Eins , daß sie unsere Wesenheit , daß wir selbst Character werden : darin liegt die ganze menschliche Würde , und um sie stets zu behaupten , ist oft eine übermenschliche Kraft erforderlich . « » Mag sein übermenschlich ! « rief Faustine mit strahlendem Blick , » doch zweifle ich nicht , daß sie im entscheidenden Moment Ihnen zu Gebot stehen würde . O , Mengen , wenn Ihr klares , herrliches , entschiedenes Antlitz im Widerspruch mit Ihrem Wesen wäre , so wär ' es mir ein Schmerz . Sie dürfen nicht lügen ! nicht von der gemeinen Wortlüge rede ich , sondern von der feinen , welche im Sein nicht hält , was die Erscheinung verspricht . Nicht wahr , Sie werden immer ganz Sie , und so sein , wie ich Sie erkannt habe ? « Sie bog sich vor , und sah ihm fest ins Auge , und ihr Blick berührte den seinen wie der Strahl der aufgehenden Sonne das Meer . Am liebsten wär ' er vor ihr niedergekniet und hätte ihr ewige Huldigung gelobt . Aber er begnügte sich , ganz leise mit den Lippen ihre feine Hand zu berühren , die erst gegen ihn ausgestreckt , nun vor ihm auf dem Tische lag . Darauf sprach sie : » Ich habe das Gelübde verstanden und nehme es an . « » Doch nun , « rief Mengen , sich zusammennehmend , um nicht das Gefühl ausbrechen zu lassen , » nun müssen Sie mir irgend etwas geben , was mich stets daran erinnert , was mich nie verlassen wird . « » Das ist billig ! « sagte sie . » Herzog Christian von Braunschweig trug stets einen Handschuh von Elisabeth von der Pfalz am Barett . Ich denke , mein gelber Handschuh würde von sehr gutem Effect auf Ihrem schwarzen Hut sein . « Mario war aufgestanden und ging aus dem Salon in Faustinens Zimmer , an ihren Schreibtisch . Da stand eine kleine , sehr schöne , flache etrurische Schaale und in derselben lagen Ringe und Petschafte . Mario nahm diese Schaale und brachte sie Faustinen . Sie ließ den Inhalt durch ihre Finger gleiten und wählte endlich einen einfachen , starken Ring mit einer großen Perle und der Devise : » Qui me cherche , me trouve . « - Sie fragte : » Ist Ihnen der Ring recht ? « Statt der Antwort hielt Mengen seine Hand hin und bat sie , den Ring ihm anzustecken und zwar an den sogenannten Ringfinger . Sie wollte es schon thun , da besann sie sich plötzlich und sagte langsam : » Nein , der Finger wird dereinst einen andern Ring tragen , welchem der meinige weichen müßte . Gönnen Sie ihm einen Platz , von dem er nicht verdrängt werden kann . - Keine Einwendungen ! « rief sie lebhaft ; » ich bin eigensinnig ! ich will meinen eigenen Platz ! sei er so klein wie möglich - ich will meinen eigenen , unantastbaren Platz - oder gar keinen . Sie haben die Wahl . « » Sie haben zu befehlen , « erwiderte Mario . » Ich meine nur , daß Sie jeden Platz zu einem unantastbaren machen . « » O ja , wenn ich mich gleich auf einen solchen stelle , der nicht mit den Ansprüchen der Welt in Collision kommt . - Sehen Sie , an Ihrem kleinen Finger nimmt sich der Ring ganz hübsch aus , « setzte sie hinzu und schob ihn an . » Nun erzählen Sie mir auch seine Geschichte , « bat er . » Leider hat er keine « , entgegnete sie lachend . » Vor Jahren hab ' ich ihn mir ausgedacht , ihn machen lassen , ihn drei Tage getragen - dann bei Seite gelegt . Er bezeichnet nur meine damalige Seelenstimmung . Die Menschenherzen kamen mir vor wie versenkte Perlen , nach denen niemand fragt . Das war ein Irrthum - Taucher fragen wol nach ihnen ! darum gehören ihnen auch die Perlen . « Am Schluß des Gesprächs war Mario so glücklich , daß er ganz vergessen hatte , wie niedergeschlagen er am Anfang gewesen . Faustine aber fiel , nachdem er gegangen , die Frage aufs Herz : ob Andlau sehr mit diesem verschenkten Ringe zufrieden sein würde . In seiner Gegenwart hätte sie ihn gewiß verschenkt und seiner Einwilligung sicher sein können ; allein in seiner Abwesenheit ! .... Der Vorsatz , es ihm morgen zu schreiben , beruhigte sie . » Es kam ja ganz einfach « - sprach sie zu sich selbst , » ich bin nur so sehr daran gewöhnt , auch das Alltäglichste mit Anastas zu theilen , daß mir das Ungetheilte wie eine Last auf der Brust liegt . Ich kann ' s wirklich nicht ertragen , so einsam für mich zu existiren , und wenn Mengen nicht hier wäre ! .... Gottlob , daß er es ist . « Ob diese Freude an seiner Gegenwart Andlaus Rückkehr überdauern würde , ob sie kein Unrecht an Mario thue , wenn das nicht der Fall - das kam ihr nicht in den Sinn . Sie glaubte das Recht zu haben , sich aus voller Seele dieser ansprechenden Erscheinung freuen und ihr hingeben zu dürfen ; sie sah darin keine Gefahr . Wenn man dies nur Leichtsinn nennen wollte , so würde man dennoch Faustine Unrecht thun , obgleich wol in ihrem Wesen jene leichtblütige Mischung war , welche den Leichtsinn erzeugt . Aber das Leben war ihr eine Aufgabe , sich zur möglichsten Vollendung durchzuarbeiten , und jede Begegnung sollte ein neuer Hammerschlag sein , um das Götterbild aus der rohen Felsmasse befreien zu helfen