mit dem frischesten Ansehn der Gesundheit zeigte sich Marcello mit dem Bruder Flaminio . Die Braut erschien als ein Wunder , so groß und glänzend , daß der kleinere Bräutigam neben ihr sich als unmündig , und beinahe lächerlich zeigte . - » Ich werde es Euch gedenken ! « sagte eine Stimme halb leise hinter Vittoria ; » ein Ehemann , dessen Ihr Euch schämen müßt ! wir sprechen uns , trotz aller Verbote , doch wohl ein andermal wieder . « - Sie sah sich scheu um , der wilde Luigi Orsini stand hinter ihr . Der Zug stieg die Treppe hinab . Ein Tumult erhob sich auf der Straße . » Sie führen die Galeerensklaven vorüber « , sagte ein Bürger . Man hörte das Getöse und Klirren der Ketten . Alle verweilten , um den Zug vorüberzulassen . - » Ha ! Fluch ! Fluch euch ! « schrie eine laute Stimme in Verzweiflung . Virginia war einer Ohnmacht nahe , denn sie erkannte in dem Gefesselten Camillo . - » Du Braut ! « schrie dieser wieder : » Marcello neben dir mit Edelsteinen , und ich in Ketten ! Ja , der Himmel , alle Heiligen verfluchen diese sündliche Ehe ! Die Hölle jauchzt und die Teufel steigen frohlockend aus dem Abgrund , dir den Brautkranz , die süße Myrte aufzudrücken ! « Alle entsetzten sich . Die Geißel der treibenden Häscher schwirrte , und tosend , klappernd zog die gefesselte Bande vorüber ; viele in dieser lachten laut , schadenfroh , andere grinseten boshaft , und wiesen im tückischen Lächeln die weißen Zähne . Die Hochzeit begab sich nach dem aufgeschmückten Hause und zum festlichen Mahl . Drittes Buch Erstes Kapitel So war die Ruhe in der Familie der Accoromboni hergestellt worden . Der junge Gemahl fühlte sich glücklich , Vittoria lebte still und ruhig , den weiblichen Arbeiten , oder dem Lesen ihrer vielgeliebten Schriftsteller hingegeben , bald spielte sie auf der Laute und sang mit ihrer wohltönenden Stimme die zarten Lieder , von denen sie selbst viele erfunden hatte , bald dichtete sie und schrieb Briefe an ihre Freunde . Viele Sonette und Kanzonen oder Stanzen ließen damals ihre Freunde und Verehrer , denen sie sie mitgeteilt hatte , drucken , doch ohne ihren Namen ; manche ihrer Poesien liegt noch in den Bibliotheken Italiens als Manuskript verborgen . So schien sie vergnügt und ihres einförmigen , stets mit denselben Genüssen wiederkehrenden Lebens gewohnt , mit sich und aller Welt zufrieden . Das Haus der Accoromboni , jetzt Peretti , war von Fremden und Gelehrten , auch Vornehmen mehr als je besucht . Alle Welt sprach von der Wissenschaft , Tugend und dem Talent der schönen Vittoria , und diese Besuche von ausgezeichneten und vornehmen Frauen und Männern , die poetischen Akademien , die Improvisationen , Musik und Gesänge , zuweilen der Vortrag einer gelehrten oder philosophischen Untersuchung , scharfsinnige Streitfragen und zierliche Disputationen , alles dies hatte das anmutige Haus gleichsam zu einem Musenhaine umgeschaffen , in welchem sich der heitere Mann , wie der ernste Jüngling wohlgefiel . Der Kardinal Farnese besuchte wie sonst die Familie , ja fleißiger , weil er jetzt manche seiner Freunde , Bekannten und noch mehr Unterhaltung hier fand , als vorzeiten . Er war immerdar fein und artig , und kein Augenblick verriet mehr seine ehemalige Leidenschaft , so daß man glauben mußte , daß er von dieser gänzlich geheilt sei . Er nahm sich mit großer Freundschaft des jungen Peretti an , und dieser durfte ihn oft besuchen und an seiner Abendgesellschaft in seinem Palaste teilnehmen , welches noch öfter geschehn sein würde , wenn ihn nicht sein Oheim , der Kardinal Montalto , der ehemalige Frater Felix , vor diesem Umgang gewarnt hätte . Denn da dieser sich immer mehr dem Hause Medici und dem Kardinal Ferdinand anschloß , und die Medicäer und das Haus Farnese in offner Feindschaft lebten , so konnte Montalto nicht wünschen , daß sich sein junger unerfahrner Neffe zu genau mit ihrem mächtigsten Gegner verbände ; er warnte diesen daher vor jenes Treulosigkeit und Falschheit , die Farnese mit gewandter Klugheit sehr geschickt zu verbergen und durch seine Liebenswürdigkeit der Tücke und Bosheit den Anschein der Treuherzigkeit zu geben wisse . Die Mutter , Donna Julia , hatte sich seit der Vermählung von der Tochter auffallend zurückgezogen . Sie behandelte diese ganz anders , als vormals , denn sie fühlte wohl , daß Vittoria in dieser neuen Lebensepoche ganz selbständig und unabhängig sein müsse . Es schien auch , als sei durch jenen letzten gewaltsamen Sturm der Leidenschaft ein gewisses scheues Mißtrauen zwischen beide getreten , so daß sie sich ebensosehr vermieden , als sie sich gegenseitig beobachteten . Beide fühlten es wohl , ohne es sich zu gestehn , daß jenes frühere unbedingte Vertrauen , jene hingebende , rücksichtslose Mitteilung vorüber und erloschen sei : beide Geister waren voreinander erschrocken , und durch den Schreck , der sich zwischen sie geworfen hatte , waren sie sich fremd geworden . Waren sie allein beisammen , so sprachen sie über Gegenstände der Literatur oder gleichgültige Sachen , so daß nun in späten Jahren die Mutter an sich irre wurde , ob sie ihren Kindern auch die richtige Erziehung gegeben habe . Der Abt , welcher jetzt eine einträgliche Präbende durch Montaltos Bemühungen in Rom erhalten hatte , war in seinen Äußerungen fast feindselig gegen die Mutter und die mit Mühe durchgesetzte Vermählung seiner Schwester . Er sprach bei jeder Veranlassung geringschätzig vom Montalto , behandelte dessen Neffen , den jungen Peretti , mit unverhohlner Verachtung und machte ganz auffallend dem alten mächtigen Farnese den Hof , dem er oft aufwartete , und welcher ebenfalls den jungen Mann mit der größten Auszeichnung behandelte . Montalto , welcher fast alle seine Zeit den kirchlichen Pflichten und frommen Übungen widmete , besuchte nur selten die Familie , und wenn es geschah , so war es nur in jenen Stunden , von denen er wußte , daß er sie allein , und ohne Gesellschaft finden würde . Mit der Mutter unterhielt er sich am liebsten , deren Geist und Verstand er verehrte ; vor der Tochter , sosehr ihm ihre Schönheit auffiel , sosehr er sich über ihre scharfen Urteile verwunderte , schien er doch eine Art von Furcht zu fühlen , wie vor einem ihm ganz fremden Wesen . Lieber war ihm der schwache , unbedeutende Flaminio , den er gern zuweilen belehrte und ihn freundschaftlich auf dieses und jenes aufmerksam machte , was der leichtsinnige Jüngling noch niemals beachtet hatte . Geflissentlich vermied er dagegen , wo er nur konnte , den ungestümen Marcello . Er hatte selbst den Dank des jungen Mannes für die Lebensrettung nicht annehmen wollen , weil er sich dieser seiner Wohltat schämte . Er wollte sich überhaupt an diesen Punkt niemals erinnern lassen , weil diese Landplage der Banditen , sooft er nur von ihr hören mußte , ihn in Zorn versetzte , und leider wurde jedermann in Rom nur allzuoft , ja stündlich , durch Furcht , Missetat und erschreckende Nachrichten aus den Provinzen und Gebirgen an diese Pest des Staates gemahnt . - Marcello fühlte wohl , wie widerwärtig seine Gegenwart dem verehrten Alten war , er verließ daher in der Regel das Zimmer , sowie Montalto eintrat . - Welche Freude , sagte die Mutter in manchen Stunden zu sich selber , habe ich denn eigentlich nun an meinen Kindern , oder jemals an ihnen gehabt ? Wie war es nur möglich , daß Marcello mit diesen Gesinnungen an meiner Seite aufwachsen konnte ? Ihm vertraut keiner ; welche Stelle wird er in der Gesellschaft einnehmen können ? Sooft ich Vittoria betrachte , fließt ein leiser Schauer durch meine Nerven , wenn ich mich ihrer leidenschaftlichen Reden und Gedanken erinnere . Und warum will dieser Flaminio so gar nicht zum Manne werden ? Er ist gut , ja , weil gar keine Kraft in ihm ist , böse zu sein ! Und der Älteste ? Was ist es mit ihm , daß er so gar keiner Liebe fähig zu sein scheint ! Er hat es ganz vergessen , wie ich für ihn gesorgt , was er mir zu verdanken hat . - So quälte sie sich und machte sich Vorwürfe , da sie gegen eines ihrer Kinder zu strenge , gegen ein andres zu schwach und nachgiebig gewesen sei , daß sie durch ihre freie Gesinnung , die sie selbst immer geäußert , sie vielleicht unfähig gemacht habe , sich dem bürgerlichen , gewöhnlichen Leben zu fügen . Der alte mürrische Sperone hatte vor seiner Abreise auch noch einigemal die Familie besucht , sich aber in ihrer Umgebung nicht allzusehr gefallen , weil man ihm nicht unbedingt in allen Behauptungen recht geben wollte . Er äußerte zu seinen Freunden : » Diese Vittoria erinnert mich an jene ehemals berühmte Tullia Aragona , die ich in meiner Jugend wohl einigemal gesehn habe : nur erscheint mir diese neue anmaßliche Muse viel schöner , und ihr Ausdruck ist ein tragischer , als wenn ihr Schicksal nicht so gleichgültig und mittelmäßig , wie jener Tullia , ausgehen könnte . Bei solchen Gesichtern fällt dem gereiften Manne , der von den Reizen nicht mehr bestochen wird , vieles ein : sie kommen mir vor , wie jene Bildchen und großartigen Physiognomien , mit denen oft gute Künstler unsre Dichter in Andeutungen und Allegorien haben ausschmücken wollen : sind diese kleinen Werke in ihren Verbindungen und Gruppen auf dem Titel , oder den Blättern selbst anziehend , und gut geraten , so lieset man in ihnen selbst wieder ahnend ein Gedicht . « Caporale , sooft er sich in Rom aufhielt , besuchte das Haus sehr fleißig . Er war allen Mitgliedern der Familie notwendig geworden , denn jedes fand in ihm das Vertrauen belohnt und erwidert , indem er allen auf fast gleiche Weise mit unparteiischer Liebe zugetan war , wenn er auch Vittoria so auszeichnete , daß seine Freundschaft an unbedingte Verehrung grenzte . Über ihr eheliches Verhältnis sprach er niemals zu ihr , weil er es wohl gefühlt , wie sie es vermied , auch nur das kleinste Wort über diesen Gegenstand fallenzulassen . Er zwang sich , gegen den jungen Gemahl freundlich zu sein und ihn zuweilen mit einer gewissen Ehrerbietung zu behandeln : doch erschien es ihm in vielen Augenblicken als eine komische Begebenheit , daß dieser unreife Jüngling in einem Hause , in welchem Kunst , Poesie und Gelehrsamkeit herrschten , durch welche die beiden weiblichen Wesen allen Männern interessant waren , als Oberhaupt der Familie sich ziemlich unwissend zeigte , und es gern , wenn er konnte , vermied , an den literarischen Gesprächen oder poetischen Übungen teilzunehmen . Zwar war es nicht zu verkennen , daß der junge Mann sich eifrig bestrebte , nach allen Richtungen hin seine Kenntnisse auszubreiten , allein die Grundlage seiner Bildung war zu schmal , und es fehlte ihm ganz an jenem Enthusiasmus , der auf seinem kürzeren Wege den Geist mit Schätzen bereichert , und selbst ein weniges zu vielem machen kann . Als Caporale an einem Abend das Haus verließ , kehrte er in der Tür des Zimmers noch einmal um , und wendete sich zu Mutter und Tochter : » Ich muß euch , werte Freunde , doch noch ein kleines Abenteuer erzählen , welches mir vor wenigen Tagen begegnet ist . Ihr wisset schon , wie gern ich im Lande umherstreifte , am liebsten allein , wo die Straßen nur irgend sicher sind . So war ich nach Albano hin geraten , ganz meiner Laune und den Gedanken der Einsamkeit ergeben , indem ich in einem kleinen Hause vor der Stadt mein Quartier genommen hatte . Bei meinem Umherstreifen , auch im Hause selbst hatte ich zuweilen einen großen , starken Mann , von herrischem Aussehen , wahrgenommen , der mir durch sein Wesen , Miene , Anstand und Gebärde außerordentlich auffiel . Ich wollte endlich nach Rom zurückkehren , und siehe da , meine Geldbörse war mir irgendwo entwendet worden , oder ich hatte sie im Gebirge verloren . Der Wirt des Hauses , der mich nicht kannte , weil ich es liebe , ohne Titel und Würden auf meinen Zügen zu leben , fing in seiner Weise ein lautes Gezänk an , sprach von Landstreichern und Betrügern , und benutzte mein Phlegma , sich immer eifriger in seinen Komödienzorn hineinzuarbeiten . Plötzlich flog der Mann in einen Winkel seiner Stube , und ich begriff nicht , welche Gewalt ihn dahin gezaubert hatte , als ich in selbem Augenblick meinen Unbekannten vor mir stehen sah . Lump ! rief er jenem zu , der sich am Boden krümmte ; so einen Edelmann zu behandeln ! Siehst du nicht , wen du vor dir hast ? - Der bleiche Mensch empfing zitternd aus der Hand des Starken seine Bezahlung , und ein übriges , um ihm den Schreck zu vergüten . Als ich dem Fremden meinen Namen zugleich mit meinem höflichen Dank sagen wollte , rief er : Unnötig , laßt uns noch eine Weile , so namenlose Bekannte und Wandersleute bleiben . Erlaubt mir , ebenfalls für Euch ein simpler Reisender zu sein . - So streiften wir noch einige Tage umher , und als wir ankamen , sah ich , daß er ein Haus nicht weit von der Porta Capena besitzt , wo er nach seinem Eigensinn , fast ohne Bedienung lebt . Seitdem haben wir uns öfter dort im Felde wiedergesehn . Ich habe ihm viel von Euch erzählt , und er wünscht lebhaft , daß ich ihn bei Euch einführen möge . Aber er ist eine Art von Menschenfeind , besonders hat er , so scheint es , einen Haß auf die große Welt . Als er erfuhr , daß Euch der übermütige Farnese nicht selten besucht , gereute ihn schon sein ausgesprochener Wunsch , doch bittet er durch mich , wenn Ihr einmal allein seid , ihm zu erlauben , Euch zu sehen , und wenn ich nicht irre , seid ihr morgen abend ohne Gesellschaft . Darf ich den barschen Mann dann bringen ? « » Gern « , sagte Vittoria , » nur hütet Euch , Bester , daß ihr keinen von den berühmten Banditen in unsre Haushaltung führt die uns nachher wohl gar ausrauben und ermorden . « Caporale lachte laut und erwiderte : » Nein , schöne Freundin den Anschein hat er durchaus nicht : er eröffnete mir endlich , er sei ein wohlhabender Kaufmann aus der Lombardei , und habe sich von dort entfernt , weil die Pest , wie wir alle wissen , in Oberitalien auf eine furchtbare Art wütet . « » Du vergissest , Vittoria « , sagte die Mutter , » daß morgen der Celio Malespina hier sein wird , und Euer junger Freund Don Cesare , der redselige Boccalini . « » Die beiden werden ihn wohl nicht stören , oder ihm im Wege sein « , sagte Caporale : » doch will ich es ihm ankündigen , damit er kommen oder wegbleiben kann . Ihr seid aber auch von der Güte , alle andern Fremden zurückzuweisen . « So geschah es . Die Familie war am andern Abend versammelt , und der junge Boccalini , ein großer Verehrer des Dichters Caporale hatte sich zuerst eingefunden . Bald darauf erschien Malespina , der in Florenz bei dem Herzoge Francesco , welcher erst vor einigen Jahren die Regierung angetreten hatte , seit einigen Monden die Stelle eines Sekretärs bekleidete . Er war jung und wohlberedt und sein neuer Eintritt in die große Welt , wo er plötzlich blendende und mächtige Verhältnisse aus seiner Nähe in einem andern Lichte sah , schien ihn sehr glücklich zu machen . Er spottete mutwillig über viele Gegenstände , die ihm vor einem Jahr vielleicht ein ehrfurchtvolles Schweigen aufgelegt hätten . Er kannte außerdem die Literatur , und viele Gelehrte persönlich . - Jetzt trat Caporale mit seinem neuen Freunde ein . Dieser begrüßte sie alle höflich , mit den feinen Manieren eines Weltmanns sagte dann schmeichelnd , wie er seit lange gewünscht , die berühmte Accorombona näher und persönlich kennenzulernen , deren Ruhm durch ganz Italien verbreitet sei : er fühle sich überrascht , daß der Ruf der Schönheit von einem so zauberreichen Wesen noch zu wenig gesagt habe . Auch der Mutter war er verbindlich und vergaß oder übersah auch Peretti nicht , sowie die beiden Fremden , so daß er sich durch sein sicheres Wesen , und seinen gebildeten Ton , der ihn als einen Mann von tiefer Erfahrung und mannigfaltigen Schicksalen ankündigte , mit allen Gegenwärtigen sogleich in ein gutes Verhältnis setzte . Celio Malespina erzählte von Florenz , Boccalini spöttelte über einige römische Gelehrte und berühmte Staatsmänner , Caporale suchte die zu scharfen Urteile zu mildern und Virginia war so ausschließend mit der Betrachtung des Fremden beschäftigt , dessen Sonderbarkeit ihr auffiel und sie fesselte , daß sie fast nur mit einigen lachenden Antworten an dem Gespräch der übrigen teilnehmen konnte . Auch die Mutter beobachtete diesen und sie suchte emsig in ihren Erinnerungen umher , ob sie dem bedeutenden , großen und stark gebauten Mann , mit diesem feurigen gebietenden Auge , nicht schon früher in ihrem Leben begegnet sei . Peretti drückte eine gewisse Scheu und Furcht vor dem Fremden aus und war in seinen Äußerungen , wenn er an der Unterhaltung teilnahm , noch furchtsamer und blöder , als gewöhnlich . Malespina erzählte , daß jetzt einige unvollendete Gesänge des befreiten Jerusalems von Tasso nach Florenz gekommen seien , die den ganzen Hof in Entzücken versetzt hätten . » Es ist wohl gewiß « , fuhr er dann fort , » daß dieser junge Mann jetzt der größte Dichtergenius unsers Vaterlandes ist . Es erheben sich sogar hie und da einige Stimmen , die ihn schon über unsern großen Ariost erheben wollen . « » Über das ewige Streiten und Erheben und Subordinieren ! « rief Caporale unwillig aus . » In seiner Sphäre wird der göttliche Ariost niemals wieder erreicht werden ; Tasso betritt , soweit ich sein herrliches Gedicht kenne , eine ganz andere Region der Poesie . Diese beiden magischen Kreise können sich in keiner Gegend ihres Zauberbanns berühren . Die Kristallpaläste Ariosts sind vom strahlenden Lichte des Scherzes und der Lust umgossen , vom zarten Mutwillen durchströmt und der Ernst des Lebens ist in ein leichtes , wenn auch tiefsinniges Spiel verwandelt . Tasso wandelt mit den Gestalten seiner Sehnsucht und Poesie in einem grünen dämmernden Hain , die Liebe ist süß , doch ohne Schalkheit , Krieg und Abenteuer , Helden und Jungfrauen , alle sind von einer sanften Weihe durchdrungen , und eine freundliche Wehmut erfaßt und durchschauert unsern Geist , indem wir uns dem poetischen Taumel ergeben . Wie so ganz anders das blendende , verwirrende und verlockende Labyrinth unsers Ariost ! wo uns im innersten Gemach , wenn es in diesem neckenden Garten ein solches gibt , statt des Minotaurus ein Reigen scherzender und übermütiger Nymphen und Satyrn überrascht , die uns laut wegen unserer Erwartungen verlachen . « » O wie wahr ! « rief jetzt Vittoria aus : » mag Ariost für den Kenner , welcher die Waagschale in prüfenden Händen halten darf , der größte Dichter sein , unser zärtlicher Tasso wird sich immer neben ihn stellen dürfen . « Boccalini sagte : » Glaubt mir , auch die schönsten Werke müssen erst , den Mispeln ähnlich , eine Weile still und ungenossen liegen bleiben , bis sie für den Gaumen der Menge die weiche Reife erlangt haben , daß diese den Geschmack an ihnen finden . Der Enthusiastische versteht sie früher und gewissermaßen im voraus , so wie der wilde , leicht erhitzte Ungebildete bald dieses bald jenes wesenlose Gespenst als seinen Gott anbetet , und ihm einen Dienst weiht , der viel größer ist , als der nüchterne Götze selbst . « Der wohlbeleibte Fremde warf dem jungen Mann einen scharfen prüfenden Blick zu , indem er bemerkte : » Wahr ! Die Begebenheit aller Zeiten ; aber ist die Zeit selbst immer die Wurfschaufel , welche die Spreu links und die Körner rechts wirft ? Und hat selbst die Geschichte , die unbefangene Nachwelt niemals geirrt ? Ja , wenn diese sogenannte Zukunft nicht zerstreut und vergeßlich wäre ! Sie vergißt auch nur allzuoft an den neuen Schätzen , was sie schon früher an Juwelen besaß ; das Neue ist ihr oft nur das Bessere , weil die Politur die frischere ist , und das massive Gold voriger Tage von Staub unkenntlich gemacht wurde . Hat nicht der leuchtende Ariost und der spaßhafte Berni unsern edeln Bojardo zu früh in die Vorratskammer der Altertümer hineingestellt ? « » Gewiß ! « rief jetzt Donna Julia aus , » und es freut mich , daß ein edler Sinn einmal diese gehaltreiche Frage aufwirft . Der Erfindungsreiche hat uns diese Bahn geebnet , er war trunken im süßen Wein der schönen Fabel , und nun hat er doch Undankbaren die duftenden Trauben seines reichen Berges gekeltert . « Vittoria betrachtete mit Freuden ihre Mutter , von deren schönem Munde ein so poetischer Ausspruch gefallen war . Malespina erzählte wieder vom Tasso , wie er seinen Nachrichten zufolge , unzufrieden am Hofe von Ferrara sei , wie er sich fortsehne , und besonders mit dem florentinischen Fürsten , dem Großherzoge Francesco in heimlichen Unterhandlungen stehe . Auch sei ihm der Fürst geneigt , und vielleicht noch mehr dessen Geliebte , Bianca Capello . Nur sei der Poet so schwankend und unentschlossen , daß die Anfragen und Unterhandlungen niemals weiterrückten : und der florentinische Hof wolle natürlich auch nicht zu rasch und bestimmt entgegenkommen , um dem Herzoge Alfons , der schon seit Jahren die Medicäer hasse , keine Blöße zu geben . - » Überhaupt « , fuhr Malespina fort , » wird den armen , krankhaften Tasso früher oder später ein unglückliches Schicksal ereilen . Er ist verzogen worden , und zugleich gedemütigt , manche erheben ihn seines Gedichtes wegen zum Gott , andere tadeln eigensinnig und unermüdlich , und er ist schwach genug , alle , die für Kenner gelten , anzuhören und ihnen selbst das Richtschwert in die Hand zu drücken . Wollte er allen folgen , so bliebe kein Vers seines Werkes übrig , oder unverletzt ; das Notwendigste und Schönste würde ganz verworfen ; weil die pedantischen Kritiker diese herrlichen Zwischenhandlungen unter dem Namen der Episoden verdammen , welche nach ihrer Einsicht in keinem epischen Gedichte sein dürfen . Wehrt sich der Ärmste nun rechts und links gegen diese Vertilger , so muß er die alten Phrasen von der Poeten-Eitelkeit hören , von dem leicht erregten Zorn der Dichter , und dergleichen lateinische Sprichwörterchen . Er meint es ernst mit seiner Dichtung , vielleicht zu ernst , seine Splitterrichter aber pedantisch ; diese nun , zum Erbarmen , indem sie ihn schmerzlich verletzen , spielen die Gekränkten und Beleidigten , als wenn er ihnen noch großen Dank sagen müßte , daß sie das Werk , dem er Jahre von Fleiß , Studium und Liebe geopfert , das ihn so viele Nachtwachen gekostet hat , zerfleischen und vernichten . « » Ja , ja « , sagte Caporale , » ein solches Elend kann nur ein Dichter ganz mitfühlen . « » So soll der Unglückliche « , fuhr Malespina fort , » jetzt mit sich und der ganzen Welt unzufrieden sein . Er wünscht zu reisen , je weiter , je lieber : der Herzog Alfons aber will ihn nicht entfernen ; manche der Hofleute , die ihm neidisch sind , möchten ihn vertreiben , falsche Freunde halten ihn wieder fest , um sich schadenfroh an seinem Kummer zu weiden , daß derselbe Mann schon so tief gesunken ist , den sie eine Zeitlang so sehr über sich erhoben sehen mußten . « » Man möchte weinen « , rief jetzt Vittoria mit bewegter Stimme aus , » wenn man es sieht , wie in unserm armen Vaterlande der Genius , fast wie ein Hofhund , an den Ketten fürstlicher Gnade gefangen liegt . Ein Spielwerk der Launen , ein Putz für den Hochmut , ohne wahre Achtung und noch weniger Liebe : wie das Talent nicht erkannt , und dennoch in Knechtespflicht gehalten wird , dann zufällig aufgeopfert , oft dem gemeinsten Interesse sogar geschlachtet . - Oh , das wäre ein Gegenstand für unsere Tragödie , viel ergreifender und durchdringender , als jene kalten Exerzitien eines Sperone und Trissino . « » Ja wohl « , erwiderte Malespina . » Aber er selbst , unser Torquato , ist allzu schwach . Selbst seinen gutgesinnten Freunden zwingt er durch manche Dinge ein halbverachtendes Lächeln des Mitleidens ab . Könnt Ihr es glauben , Verehrte ? Er hat sich neuerdings so weit erniedrigt , daß er sich zum Inquisitor begeben , und sich über seine Rechtgläubigkeit hat examinieren lassen . Dieser hat ihm ein Zeugnis ausstellen müssen , daß er ganz mit ihm zufrieden sei , so wie man es wohl Kindern oder jungen Kandidaten gibt . Aber das ist ihm nicht genug , auch nicht , daß gelehrte , ihm wohlwollende Bischöfe ihn einen orthodoxen katholischen Christen nennen : dringend liegt er immerdar seinem Herrn an , daß er ihn nach Rom schicken soll , damit hier sein Glaubensbekenntnis untersucht werde . Er ist auch wiederum , sagt man , zu einem andern Inquisitor gewandert , der wiederum auf sein Flehen seinen ungefälschten Glauben hat bestätigen müssen . Dieser große Mann , der den Plato und Aristoteles liest und kommentiert , der selbst so schöne , tiefsinnige Dialogen schreibt dieser fällt so ganz von seiner Würde - oh , nicht wahr , man weiß nicht , ob man weinen oder lachen soll . - Es ist doch zu erbärmlich um diese unsere menschliche Schwäche . « Als diese Worte ausgesprochen waren , stand Vittoria in der heftigsten Bewegung auf und wandelte mit großen Schritten durch den Saal ; dann stellte sie sich hoch aufgerichtet vor Malespina hin und sagte mit Tränen im feurigen Auge : » Mann ! Don Celio ! Wo kommt Ihr denn her , aus welchem einsamen Winkel des wilden Kalabriens ? Wie seht Ihr die Welt und die Menschen an , wie leset Ihr die Geschichte ? « Don Celio erschrak sichtlich vor dieser Anrede ; die schöne Frau erschien ihm in diesem Augenblicke furchtbar . » Ihr ein Hofmann ? « fuhr sie mit lauter Stimme fort , » ein Menschenkenner ? O wahrt Euch , wahrt Euch , daß Euch dieses Lächeln über Tasso nicht einmal den Hals bricht . Ihn verlachen , den Ärmsten ? Ja , wären noch die Zeiten des Julius und Leo des Zehnten , als witzige Lästerer selbst Präbenden für ihren lustigen Atheismus erhielten , als Bembo , der galante , eben wegen seiner Feinheit , Kardinal ward , als Peter , der Aretiner , von Priestern , Päpsten und Kaisern geehrt wurde . - Aber jetzt ! habt Ihr es denn gar nicht erfahren ( und es ist doch noch nicht so tief in die Vergangenheit entrückt ) , wie Euer wahrhaft großer Fürst , der erst vor zwei Jahren gestorben ist , damals dem fromm-wütenden Papst seinen Tischfreund , seinen Vertrauten , den gelehrten Carnesechi aufopferte ? Den edlen Mann , der hier in Rom enthauptet und verbrannt wurde ? Und weshalb ward dieser Busenfreund , den der große Cosmus , der so viel Edles und Schönes ausgerichtet hat , so schnöde auslieferte , preisgegeben ? Um jenen alten Präzedenzstreit endlich zu schlichten , daß Cosmus vor Ferrara und andern ginge , die Hoheit erhielte , und statt Herzog Großherzog tituliert würde . Weshalb der Haß Ferraras und der übrigen Fürsten noch fortbrennt . Kann nun Alfons , wenn er sich von seinem Hofdichter beleidigt dünkt , diesen den Religionswächtern in die Hände spielen , glauben diese in blindem Eifer wirklich , oder auf höhern Befehl an Tassos Ketzerei , so darf sich der Fürst von Ferrara ohne weitere Bemühung oder Zorn zurückziehen , und nur unsere liebende Kirche walten lassen Möglich , daß Tasso zu ängstlich ist , aber ihn deshalb zu verlachen ist wahrlich keine Ursache . « Der Fremde , der sich nur Don Giuseppe nennen ließ , stand auch wie in Begeisterung auf , ging hin und faßte die schöne junge Frau bei der Hand , führte sie zu ihrem Sessel zurück , und sagte mit bewegter , aber sehr wohlklingender Stimme : » Ihr habt da ein sehr wahres Wort über die Fürsten gesprochen , und noch mehr , als diese Einsicht , verehre ich Eure Ketzerei . Oh , was wären wir Italiener , wenn viele Tausende so dächten , und diese Million denselben heroischen Mut hätte , es so laut und dreist auszusprechen ! « Die Mutter war erst über die heftige Rede der Tochter erschrocken , jetzt war sie es noch mehr über die Bemerkung des fremden Mannes , und über die Art und Weise , wie er gleichsam , als wenn es so sein müsse , den ganzen Kreis ihrer Familie regierte . Vittoria sah den kecken Mann mit einem ganz eigenen Blicke an , dann senkte sie das Haupt , ward auf ihre seltsame Weise rot und dann viel blasser als gewöhnlich , und man bemerkte , sosehr sie es auch verbergen wollte , daß sie Tränen vom Auge trocknete . Dem jungen Peretti war alles , was sich jetzt zugetragen hatte , nicht aufgefallen , er sprach eifrig mit Flaminio über eine Stadtneuigkeit . Marcello , dem alle diese Gespräche langweilig waren , hatte sich schon längst entfernt , um irgendeine seiner Gesellschaften aufzusuchen , in denen es lauter , wilder und lustiger herging . Um wieder in die gleichgültige und