bald in einer Isolirung , die er nur mit dem Kummer um den theuren Verstorbenen ausfüllte , dessen feine Geistesbildung ihm stets das wahre Element für seine Neigung war . Wie seine Mutter vorausgesehen hatte , machten auch die Frauen , die er hier vorfand , und die in ihrer derben Natürlichkeit ihm so wenig wie Frauen erschienen , nur einen verletzenden Eindruck auf ihn ; sie setzten ihn mehr in Verlegenheit , als daß ihr Umgang ihm hätte wohl thun können - und er floh vor ihrem breiten , leeren Geschwätze fast noch ängstlicher , als vor den lauten Jagdzügen der Männer oder ihren lärmenden Trinkgelagen . Dabei erkannte er nur zu bestimmt , daß man ihn als ein völlig fremdes Wesen mit Neugierde und einem gewissen Mitleiden , wenn nicht mit Tadel , betrachtete ; und er selbst schien sich so ganz abweichend , so unbegreiflich bis auf Gestalt und Kleidung verschieden , daß er , unterstützt von seiner hypochondrischen Laune , sich für einen immerwährenden Gegenstand ihres neckenden Zeitvertreibes hielt ; er vergaß aber , daß sie ihn hierzu für viel zu unbedeutend hielten . Er war unter Menschen , die ein volles sicheres Vertrauen zu ihrer Bildung besaßen , weil sie ihnen eine tüchtige Auffassung des praktischen Lebens sicherte , das sie mit allen seinen materiellen Anforderungen vollständig beherrschten . Es hatte sich ihnen dadurch eine so stolze Ruhe des Daseins mitgetheilt , daß sie das darüber gehende Bedürfniß mit großmüthiger Gleichgültigkeit betrachteten . So kam es häufiger , als es beachtet ward , daß der junge Graf mit der Flinte und Jagdtasche mit dem lustigen Trosse auszog , und bald unbemerkt sich zu weiten einsamen Spaziergängen entfernte , und dann , in dem duftigen Moose des Waldes gelagert , den eigentlichen Inhalt seiner Jagdtasche leerte , welchen er der vergessenen und nur für ihn geöffneten Bibliothek des Schlosses entzogen . Er hatte einen schönen Herbsttag so in der wohlthuenden Ruhe verbracht , die er weniger seiner inneren Haltung verdankte , als der sorgfältigen Vermeidung äußerer Störungen , und schlug nun , den Stand der Sonne prüfend , den Rückweg ein , um zur Zeit der Tafel den Hausgenossen nicht zu fehlen . Er hörte bald aus der Ferne die einzelnen Signale der Jäger , erkannte , daß man noch irgend ein Hauptwild auf der Spur haben mußte , das man zu treiben suchte . Ohne des Weges recht kundig zu sein , sah er sich bald in einem bisher noch unbetretenen Theile des Waldes und blieb erstaunt über die Pracht und Majestät des hundertjährigen Baumwuchses stehen , der , wie eine riesenhafte Säulenhalle , bis an die Kronen von allem Unterholze entblößt , in einzelnen großen Kämmen die dichten Laubgewölbe in einander schlang . Sie bildeten so eng verzweigt , einen festen Dom , durch den das Licht der Sonne nur gebrochen , wie durch bunte Scheiben , blendende Lichter herein warf , und den kurzen , feinen Moosteppich , der theils den Boden , theils die hochgebäumten Wurzeln der herrlichen Weiß-Buchen bedeckte , golden grün färbte . - Vorschreitend sah er jetzt , daß er sich der Abtei genaht , daß dieser Wald die heilige Vorhalle der prachtvollen Kirche bildete , deren großartiger Unterbau sich jetzt zwischen den Stämmen gewahren ließ . Es fiel ihm ein , daß er seit der Beisetzung seines theuren Freundes , wo er die Kirche auf einem ganz anderen Wege erreicht und sich wenig um sie bekümmert , noch keinen Versuch gemacht hatte , sie wieder zu sehen , was für ihn als Katholiken auch nur geringes Interesse hatte . - Er nahm sich jedoch jetzt vor , diesen schönen Punkt zu der Unterhaltung des nächsten Tages zu wählen und Alles kennen zu lernen , was sich daran anschloß . Jetzt eilte er , die Nähe des Parkgeheges nach dem Stande der Kirche annehmend , dasselbe zu erreichen , immer von den näherrückenden Hornsignalen begleitet , als es ihm plötzlich war , als höre er einen ängstlichen Hülferuf - jetzt glaubte er ihn hinter sich zu hören - dann noch deutlicher vor sich . Er stürzte durch das erreichte Parkgehege in dasselbe hinein , denn es war ohne Zweifel eine weibliche Stimme , die ihm entgegen tönte ; auch drang er nur wenige Schritte vor , als er ein fliehendes Weib mit Pfeilesschnelle daher stürzen sah . Worin ihre Gefahr bestand , war nicht zu übersehn , aber ihr Angstgeschrei deutete jedenfalls auf solche hin , und Leonin eilte daher um so schneller auf sie zu ; doch sah er jetzt zu seinem Erstaunen , daß sie , so hoch sie vermochte , ein weißes Tuch in der Luft wehen ließ und , als sie ihn erreicht hatte , mit abwehrender Gebehrde an ihm vorüber lief , indem sie , hinter ihm zeigend , lebhaft rief : » O helft , helft doch ! « - Nun erst schien ihm , als verdoppelte sich das Geschrei hinter ihm . Er blickte um und sah , wie sich der eben vorübergeeilten Gestalt eine andere aus dem Waldwege entgegen stürzte , von einem wild gemachten , und von den Hornsignalen noch immer gereizten und getriebenen Eber fast auf dem Fuße verfolgt . Augenblicklich eilte Leonin jetzt den bedrohten Frauen nach , und da an Anlegung des Gewehrs nicht mehr zu denken war , riß er seinen Hirschfänger aus der Scheide , den zweifelhaften Kampf zu wagen entschlossen , wenn auch nur um den Fliehenden Zeit zu gewinnen . Doch ehe er hiezu kommen konnte , hatte das erste der Mädchen schon , mit der größten Entschlossenheit der Verfolgten sich entgegen stürzend , das wüthende Thier durch ihr wehendes Tuch verblödet und zum langsameren Trotte gebracht ; sie wendete sich mit Blitzesschnelle , eilte der Andern , die das Gehege indeß überschritten , nach , stieß den eben sich dem Eber entgegen werfenden Leonin zurück , und warf mit einer schnellen und geschickten Wendung das Gitter in das Schloß . » Gott sei gelobt ! « rief sie und schlug die Hände zusammen , » jetzt sind wir gerettet ! Doch , wir wollen hier fort - so lange uns das wilde Thier sieht , reizen wir seine Wuth , und lange traue ich dem Gitter nicht Widerstand zu - doch seht , da kehrt es schon um waldeinwärts : - Nun , so helft mir meine arme Emmy hier wegbringen , denn die Angst hat sie ganz umgeworfen . « Bei diesen Worten war sie schon neben die am Boden Liegende getreten , und bemühte sich , sie aufzurichten . » Hörtet Ihr denn gar nicht , « fuhr sie mit Emmy beschäftigt fort , » woher das Unglück kam ? - Was hätte uns wohl Euer kleiner Hirschfänger helfen können ? Ihr hättet doch an das Gitter denken müssen ! « » Gewiß , « antwortete Leonin , von Staunen und Verlegenheit über das Erlebte und den ruhigen Vorwurf des jungen Mädchens ganz überwältigt - » mein Betragen war thöricht und ungeschickt , und ich fühle mich tief beschämt , von Eurem Muth und Eurer Besonnenheit so weit überholt zu sein . « Als Leonin sprach , ließ das Mädchen von Emmy ab und erhob das Gesicht zu ihm , die dunkeln Locken zurückschüttelnd ; sie war dem gebildeten Tone seiner schönen Stimme gefolgt und blickte jetzt hold neugierig in sein Angesicht . Gewiß war dies für Beide eine angenehme Ueberraschung , denn tiefere blaue Augen hatten ihn noch nie angeblickt , und so viel die aus ihren Banden geflossenen Locken zuließen , glaubte er nie feinere und anmuthigere Züge gesehen zu haben . » Gehöret Ihr denn zu den Jagdherren des Schlosses ? « fuhr das Mädchen fort . » Ich bin allerdings ein Gast des Grafen Gersey , « antwortete Leonin - » doch nicht so leidenschaftlicher Jäger , diesen fröhlichen Waldzügen immer zu folgen . « » Das dachte ich wohl , « sagte das Mädchen , » aber es mag sein , wie es will , Ihr müßt mir Emmy führen helfen . « » Gewiß ! gewiß , « sprach Leonin , » werde ich Euch nicht eher verlassen , als bis Ihr in Sicherheit seid . « Sie schaute ihn wieder klug an , um ihren Mund zuckte ein Wort , aber sie schwieg und ergriff nun zärtlich Emmy ' s Hand , die sich noch bleich und halb ohnmächtig gegen einen Baum lehnte , unfähig , wie es schien , ihre Besinnung wieder zu finden . » Emmy ! meine liebe , gute Emmy ! « sprach sie zärtlich , wie ein Kind , » sieh mich doch an und fasse dich - Du bist ja gerettet ! komm ' doch nun nach Hause , zu Deinem Manne , zu Deinem Kinde - denn er könnte sich ja bangen um Dich ! Sieh , weit weg ist schon der böse Eber , den haben gewiß die Jäger schon erlegt , und er kann Dich nie wieder jagen ! « An den freundlichen Worten , so wohl berechnet das gestörte Bewußtsein der jungen Frau zu werden , richtete sich diese auch alsbald auf und ließ sich , dem fortdauernden Geplauder horchend , von Beiden fortführen . » Verletzt bist Du doch nicht ? « frug das Mädchen weiter , » und Gott wird ja geben , daß Dir die Angst nicht schadet ! « » Ach nein , teure Miß ! « erwiederte die junge Frau - » verletzt glaube ich nicht - aber denkt selbst , wie fürchterlich meine Lage war ; ich bin weit gerannt , bald rechts , bald links , ihm zu entgehen , aber gewiß , ich wäre unterlegen , denn mir fehlte schon alle Kraft und Besinnung , wäre das Thier nicht schwerfällig und alt gewesen , und hätte ich nich Hülfe bekommen . - Nicht wahr , « fuhr sie fort , » der gute Herr hier hat mich gerettet ? « So beschämend dieser Augenblick für Leonin war , hätte er ihn doch um die Welt nicht verlieren mögen , denn das Mädchen steckte den Kopf um die junge Frau ein wenig herum und sah ihm mit einem Lächeln in die Augen , das den reizendsten Ausdruck muthwilliger Neckerei trug und ein unschuldiges , kleines Einverständniß einleitete ; denn sie antwortete sogleich freundlich fortlächelnd : » Nun , geschrien haben wir beide genug , um die ganze Jagd zu Hülfe zu rufen , und es mochte dem wohl schwer sein , der zwischen unseren Stimmen , die rechte Stelle zu erkennen , wo Hülfe Noth that . « Leonin hielt seine Augen so lange auf ihr Antlitz geheftet , bis sie ihn noch ein Mal anblickte , und jetzt kostete es ihr ein schnelles , kleines Erröthen . » Ich war auf dem Vorsprung , « fuhr sie zu Emmy fort , » als ich das Treiben des Ebers sah , und daran dachte , wie Du des Weges warst , und schnell hinunter lief , um zu sehen , ob das Park-Gehege offen , im Fall Du in Angst kämest - aber die Unruhe , die ich schon fühlte , machte , daß ich so bald dein Geschrei erkannte . « » Ach , liebe Miß , wie danke ich Euch ! « rief Emmy gerührt , » Ich hätte selbst verunglücken können , aber daran denkt ihr immer zuletzt - was hätte dann Euer Vater gesagt ! « » Ja , der Vater , « antwortete das Mädchen nachdenkend , » Dem hat es recht geahnt , daß uns heute Unglück bedrohe - glaubst Du , daß er mich hinauslassen wollte ? Zur Zeit , da er weiß , daß ich spazieren gehe , kam er zu mir und setzte sich nieder , und trug und sprach so viel und lieb , daß ich ganz das Ausgehen vergaß ; als er abberufen ward und ich nun auch aufbrechen wollte , fragte er plötzlich : Willst du doch hinaus ? - Du kannst denken , daß ich verwundert war und ihn frug : ob er etwas dagegen habe ? Da sagte er : ich sollte ihn nicht auslachen , aber meine selige Mutter habe die ganze Nacht vor ihm geweint und ihn gebeten , er solle mich nur heute nicht hinauslassen , und habe mich ihm gezeigt , wie ich mit einem Kranze geschmückt dastand , und ein schwarzer Leichenschleier drüber hinsank und mich für immer verhüllte . Das habe ihn so erschüttert , daß er es gar nicht vergessen könne . « - » O mein Gott ! warum bliebet ihr denn nicht zu hause , Miß Fennimor ? « - » Weil der gute Vater es nicht leiden wollte , denn er meinte , es sei eine Schwäche , und er wolle sie sich nicht gestatten . Da mußte ich gehen und spürte auch keine Furcht , bis der Jagdzug nahe kam und an Dich dachte . « So waren die Frauen mit ihrem stumm aufmerkenden Führer die Richtung des Parkes durchgegangen , die sie nach der Abtei zuführte ; und jetzt riß sich Fennimor plötzlich los und rief : » Dort kömmt der Vater ! « Eine ehrwürdige , vom Alter gebeugte Gestalt mit silberweißen Locken , in einem einfachen schwarzen Hausleibe trat ihnen jetzt entgegen , und empfing die zu ihm eilende Tochter in seinen Armen . » Wer ist dieser Herr ? « frug der junge Graf seine langsamer folgende Gefährtin . » Es ist Sir Reginald Lester , der Kaplan von Stirlings , « erwiederte die junge Frau , und jetzt hatten sie sich der interessanten Gruppe genähert , ohne von ihr bemerkt zu werden . Der Vater hatte das geliebte Kind so fest an seine Brust gedrückt , daß das Mädchen , um ihn anblicken zu können , sich weit hinten übergebogen hatte ; die Locken ihres reichen Haares theilten sich dadurch von der weißen Stirn , und der Vater blickte mit dem unbeschreiblich rührenden Ausdruck innigster Befriedigung in dies schöne , offen vor ihm liegende Gesicht . » Da hast Du uns wieder , « sprach sie freundlich , » heil und gesund , wie wir Dich verlassen ; aber großer Gefahr sind wir alle nur kaum entkommen , ein gehetzter wilder Eber hätte uns gern alle verschlungen . « » Großer Gott , « sprach Sir Reginald - » so war meine Sorge doch nicht umsonst ! « » Nein , Vater , « sagte das schöne Mädchen heiter , » aber ich habe den Kranz wirklich gewonnen und den Leichenschleier von uns allen abgewehrt , denn glücklich kam ich dazu , das Gitter des Parkes vor dem bösen Gast ins Schloß zu werfen . « » Gott weiß , « sagte seufzend Sir Reginald - » was diese wilden Jagdzüge noch für Unheil veranlassen werden ! Das gescheuchte Wild , das doch unmöglich alles geschossen werden kann , entartet dadurch zu einer wahrhaft gefährlichen Wuth . « - Jetzt erst gewahrte der Kaplan , seine Augen von der sanft losgegebenen Tochter abziehend , den fremden , jungen Mann und trat ihm sogleich mit einer feinen , ruhigen Verbindlichkeit entgegen . Seine fragende Miene beantwortete Leonin , indem er ihm in einigen höflichen Worten , der Wahrheit nach , sein Zusammentreffen mit den beiden Frauen andeutete . » Und wem darf ich mich also verpflichtet halten ? « erwiederte der Caplan , freundlich ihn begrüßend . » Ich bin der Graf von Crecy , « erwiederte der junge Mann , » und ein Gast des Grafen Gersey - doch bin ich der Verpflichtete , da ich wenigstens des Schutzes theilhaftig ward , den Miß Lester ihrer Dienerin gewährte . « » Auch liebt der Herr Graf die Jagdzüge bei Weitem nicht so , wie die übrigen Herren , « setzte Fennimor ernst hinzu und betrachtete ihn forschend mit ihren großen blauen Augen . » Ruhet dann wenigstens von den bewegten Augenblicken ein wenig bei uns aus , « sprach Sir Reginald , und schritt sogleich voran durch die kunstreich verzierte Bogenthür , welche in das Innere der Abtei führte . Das letzte Stück eines abgetragenen Umganges machte hier den schönen , reinlich mit Binsendecken belegten Vorflur aus - und durch eine kleine gothisch-verzierte Thür trat man in ein großes Zimmer , welches seine frühere Bestimmung , Kapelle oder Sakristei zu sein , noch wenig verleugnete . Es war ringsum bis zur Mitte der hohen Wände , mit kunstreich geschnittenem Eichenholze bekleidet , wohinter , wie einzeln vortretende Verzierungen vermuthen ließen , sich Schränke befinden mochten . Die oberen Wände kränzten sich mit reicher Stuckatur bis zu den Spitzbogen der Decke empor , und enthielten in ihren Zwischenräumen große Gemälde , die offenbar noch einer früheren Bestimmung angehörten . Drei große Fenster , welche in die Spitzbogen der Decke hinaufreichten und mit bunten Scheiben geziert waren , nahmen die eine Seite des Gemachs ganz ein , da sie nur durch kleine Pfeiler getrennt waren , welche in Holz geschnittene Engel verdeckten ; die Seitenfenster erhoben sich erst über der Holzwand , die gleichmäßig das Zimmer unterhalb einkleidete , das mittlere dagegen durchbrach die Wand und reichte bis zu dem Täfelwerk des Fußbodens , denn es bildete zugleich eine Ausgangsthüre nach dem Buchenwalde , der die Vorhalle dieses zauberischen Aufenthalts ausmachte . - Gegenüber diesem Fenster lag der kollossale Kamin von schwarzem Marmor , und in der Mitte des Zimmers stand ein eichener Tisch , mit großen geschnittenen eichenen Sesseln umgeben , unter denen ein Teppich von feiner Stickerei ausgebreitet war . Eben so zeigten die Kissen der Stühle in purpurrothem Grunde Stickereien . Büchergestelle und Schreibtische in ähnlicher Art nahmen den hintern Theil des Zimmers ein , und sorgsam gepflegte Gewächse fingen an den Seiten des Mittelfensters die Sonnenstrahlen auf . Es war unmöglich , dies Zimmer zu betreten , ohne nicht das Element einer höheren , edleren Existenz zu ahnen , das die Bewohner mit ihren Beschäftigungen gelehrt hatte , den Raum mit seiner abweichenden Ausschmückung sich zum Bedürfniß anzueignen . Unsern jungen , unzufriedenen , gequälten Freund wandelte ein Gefühl an von Schüchternheit und Rührung ; er blickte zu den beiden herrlichen Gestalten , die diesen Raum vertraut beherrschten , mit einer Ehrfurcht empor , als bewahrten sie das Geheimniß des Lebens , nach dem seine krankhafte Seele seufzend und vergeblich umher gesehen . So kam es , daß der junge vornehme Graf Crecy , der seine ganze Schüchternheit hoffen konnte , an den verschiedensten Höfen Europas zurück gelassen zu haben , sie hier vor zwei Menschen wieder fand , die ohne Rang und Reichthum , von der Welt vergessen , nicht viel anders denn Einsiedler , nur ein stilles Naturleben zu führen schienen . Er hatte nicht Zeit , sich zu fragen , woher ihm dieser Eindruck kam ; fortgerissen , fühlte er ein Entzücken , ein Verlangen , sich hinzugeben und anzuschließen , das nur gemäßigt ward eben durch das Gefühl von Schüchternheit , womit er sich sagte : sie haben keinen Andern nöthig zu ihrer herrlichen Existenz , Jeder ist ihnen ' überflüssig oder störend , Jeder , der diese Schwelle überschreitet , muß sich für einen Bettler halten , der da harret , ob sie von ihrem Reichthum ihm mittheilen wollen . Wenig lag so hoher Anspruch in dem Verhalten von Vater und Tochter , und gewiß war es , sie ahneten nicht , ihn bei Andern für sich hervorgerufen zu haben , obwohl sie ein edles Selbstgefühl hatten , ein Bewußtsein und Vertrauen zu ihrer Gesinnung . Der Vater hatte die Tochter erzogen , indem er mit ihr lebte , und seine edle , sanfte und hingebende Natur die Atmosphäre bildete , in der sie sich von Jugend auf gerade und gesund aufrichten konnte , das schöne Haupt nach oben gewendet . Die Welt lag wie eine bunte Fabel hinter dem grünen Walde , dessen Ende sie nie fand . Was darin vorging , las sie aus großen Geschichtsbüchern , und glaubte davon , was sie konnte , und behielt auch nur das - denn die Geheimnisse der Natur begreifen wir auf jedem Isolirpunkte der Erde , die Geheimnisse des Lebens erst , wenn wir sie an uns selbst erfahren . Vor den kleinen Neckereien der Erziehung , mit denen die Jugend sich oft so schmerzlich vorarbeiten muß , hatte die Weisheit und die Liebe des Vaters sie geschützt - es war ihr Alles klar und verständlich geblieben , was für und gegen ihre Neigungen geschah , nichts hatte einen Dorn , einen falschen Blutstropfen hinterlassen . Man hätte sie ohne Formen nennen können , wären edle Menschen nicht eigentlich überall die Gesetzgeber der wahren Form , und , was in der Welt tausendfältigem , launenhaftem Wechsel unterworfen ist , nur bei denen unverkümmert wieder anzutreffen , welche die Ursache dazu in einer bewahrten menschlichen Würde finden . - Kleinlich konnte sie in nichts werden , denn ihre erwählten Helden und Heldinnen , denen sie allein glaubte , und ihr Vater , den sie eben so fand , und Emmy , die , um wenige Jahre älter , mit ihr aufwuchs , und einen starken , ernsten Sinn hatte , die wußten all ' davon nichts . - Wie vornehm oder gering sie war , konnte sie auch nie ganz unterscheiden , denn die Gersey ' s , die vornehm sein sollten , erschienen ihr gar nicht so , weil sie unter Vornehm die erhabenen Gestalten ihrer Bibel verstand , Beherrscher der Natur , die mit Gott redeten , und obwohl sie nicht anzugeben wußte , warum die Gersey ' s ihr so erschienen , schüttelte sie doch immer den Lockenkopf und sagte : die sind nicht vornehm . Von dem Stande ihres Vaters hatte sie einen hohen Begriff . Die Priester des alten Testaments , die Könige waren , die Bischöfe des Mittelalters , die Päpste , diese Weltbeherrscher , das waren alle dieselben Priester , wie ihr Vater , und die Schönheit , die hohe Würde des Greises , die kindliche Unschuld seiner Sitten trug dazu bei , ihr kein höheres Ideal fürstlicher Würde geben zu können , als sie bei ihm vorfand . - Da die Familie Gersey , gute fromme Menschen , auch ihrerseits nie anstanden , ihn ehrerbietig zu behandeln , so fehlte ihr jeder Maaßstab für eine solche Stellung in der Welt , und sie war längst mit ihren Gedanken einig , daß ihr Vater eigentlich das sei , was ein vornehmer Mann hieß . Sir Reginald Lester gehörte in der That einer solchen Familie an , obwohl ihm , als jüngstem Sohn , davon kein Vortheil zugeflossen war , als unter stolzen Ansprüchen erzogen worden zu sein , die wenig zu der Nothwendigkeit passen wollten , sich später in jeder Beschränkung des Privatlebens behelfen zu müssen . Er hatte sich jedoch zu früh aus der Welt zurück gezogen , um nicht ihren Widerspruch in der patriarchalischen Einsamkeit seines übrigen Lebens vergessen zu haben . - Auch war er mit seiner Familie gänzlich zerfallen , als er , von dem stolzen Erstgeburtsrechte aus jedem Besitze vertrieben , wenigstens versuchte , als Mensch glücklich zu sein , und ein schönes edles Mädchen ohne Geburtsadel zum Weibe nahm , deren beglückender Besitz ihm nur als Trost und Andenken zwei Kinder , einen bereits als Geistlichen versorgten Sohn und Fennimor , ihr schönes Ebenbild , zurück gelassen hatte . Während wir tiefer in den Grund des Eindrucks zu dringen suchten , der den jungen Grafen so mächtig ergriff , sehn wir ihn mit erhöhter Farbe , mit sanftgebeugtem Kopfe der Anweisung des Greises folgen , der ihn sogleich an die Tafel auf einen der Lehnstühle einlud , und mit ruhiger Würde seinem jungen Gaste gegenüber Platz nahm . Nicht so Fennimor - sie hatte zu thun mit der kleinen Estrade , wo ihre Blumen standen , und trieb dies mit einem Ernste und einer Wichtigkeit , als wenn diese stillen Gefährten in ihrer Abwesenheit Unordnung angefangen hätten . Einzelne Worte , die ihr entschlüpften , klangen , als ob sie die eine Staude lobe , die andere tadele , und danach in die Sonne kehre oder zurück schöbe . » So , « sagte sie endlich lauter , » nun habt ihr all ' euer Theil ! - Das soll euch wohl gefallen « - fuhr sie fort , so freundlich und herausfordernd , daß Leonce aufhorchte , ob sie ihr nicht antworteten . Aber sie mußte die Antwort schon empfangen haben , denn sie kehrte sich von ihnen ab , und blickte nun eben so zutraulich auf Leonin und ihren Vater hin , als überlege sie , was ihr mit ihnen zustehe . Der glückliche Vater sah mit einem kaum merklichen Lächeln dem entgegen , was er gleich zu vernehmen sicher war , ohne sein ruhiges Gespräch mit Crecy zu unterbrechen oder sie durch eine Anrede zu stören . » Der Graf könnte lieber hier zu Mittag essen « - hob sie auch sogleich in einem ruhig berathenden Tone an , und stellte sich dabei neben den Vater hin , ihn ernst anblickend , als ob sie dies beide allein zu besprechen hätten . » Das könnte er wohl , « lächelte Sir Reginald , » wenn er es nicht vorzieht , auf dem Schlosse zu essen , wo so viel muntere Gäste sind , daß es ihm dort vielleicht besser gefällt . « Sogleich wandte sich Fennimor zum Grafen und sagte eben so ruhig : » Wollen Sie lieber bei uns essen oder auf dem Schlosse ? « - Ehe er aber antworten konnte , fügte sie gegen ihren Vater hinzu : » Ich sagte Dir aber schon , lieber Vater , daß der Herr Graf gar nicht die Jagdzüge so liebt , als die andern Herren dort oben ! « Niemals glaubte Leonin eine verbindlichere Einladung erhalten zu haben , und er fühlte ein Entzücken , eine Beehrung durch dieselbe , die ihm seine kühnsten Wünsche zu erfüllen schien . » Nein , Miß Lester , « bestätigte er freudig das , was sie so schnell und , wie es schien , zu seinen Gunsten aufgefaßt hatte - » ich gehöre keinesweges zu diesen leidenschaftlichen Jägern ; es ist mir sogar nur ein aufgezwungenes Vergnügen , und ich passe daher sehr wenig in diese heitere Gesellschaft und werde mich für glücklich halten , wenn Ihr mich würdigt , mich hier zu lassen . « » Warum bleibt Ihr aber dort , « fuhr Fennimor fort , » wenn Ihr Euch nicht gefallt ? Ich habe auch einmal zugehört , wie die Herren zusammen sprachen , und habe seitdem etwas gegen die Jagd , denn sie gehen nicht redlich mit den Thieren um . Was sie von ihren Hunden erzählten , war abscheulich ; die thun das Meiste und so Grausames , daß die armen Waldthiere von ihnen zerrissen werden , wenn noch alles Leben in ihnen ist - die schönen Hirsche und Rehe ! und ein friedliches Thier auf das andere zu hetzen , daß es so wild wird , das ist auch gottlos ! « » Ja ! « rief Leonin lebhaft . - » Ihr sprecht es aus , jetzt fühle ich es , warum die Jagd mich stets zurückgestoßen hat , es ist etwas Unedles und Unredliches dabei . Ich liebe die Ruhe des Waldes und das friedliche Eigenthumsrecht , womit die schönen Thiere ihn bewohnen , und da haben mich diese lärmenden Züge und ihre rohe Freude über das Zerstören dieses friedlichen Zustandes immer aufgeregt , als müßte ich mich dagegen auflehnen . « » Also liebt Ihr auch so den Wald ! « erwiederte theilnehmend Fennimor und setzte sich neben ihn . - » Habt Ihr in Frankreich auch schöne Wälder ? Sind überhaupt recht viele Wälder in der Welt ? « » Ich besitze selbst sehr schöne Wälder , « erwiederte Leonin . » In wenigen Monaten bin ich majorenn , dann gehören sie mir ganz allein , und wahrlich , kein Schuß soll fallen , ihr Frieden soll erhalten werden , als wären sie ein heiliger Hain der Vorzeit , irgend einer Göttin zum unanrührbaren Besitze geweiht ! « » Ach das thut , das thut ! « rief Fennimor freudig - » da könnt Ihr dann die schönen langen Sommertage ganz ohne alle Störung herumgehen , und das Wild wird Euch kennen und alle werden kommen , wenn Ihr ruft , und Ihr könnt es füttern , und dann geht es Euch nach , und die Kleinen spielen mit Euch ; und wenn Ihr durstet , so müßt Ihr die Quellen besuchen , wo sie trinken , dies Wasser ist immer kühl und hell , denn die klugen Thiere wissen stets das beste zu finden . Da werdet Ihr mehr Freude haben , als all ' die lauten Jäger , zu denen sich kein einziges Wild freut , sondern vor denen sie alle flüchten - das könnt Ihr mir glauben ; und Ihr werdet dann noch oft an mich denken , und daß ich es Euch gesagt habe . « » Das glaube ich selbst , « erwiederte Leonin , plötzlich ernst nachdenkend , als habe sie ihm sein ganzes Geschick enthüllt - » ich werde von nun an immer an Euch denken , Euch nie mehr vergessen können . « Auch sie berührte das Leben in diesem Augenblicke mit dem ersten leisen Hauch einer ihr bis dahin fremden Empfindung - sie dachte noch mit innigem Wohlgefallen an den grünen Wald , in dem das Wild ungestört wandeln sollte , und war doch schon mit einem leisen Erschrecken von dem Gedanken berührt worden , daß er ihrer gedenken wolle , sie nie mehr vergessen . Wer das Leben kannte und dieses erste , leichte Berühren eines Gefühls zu verstehen vermochte , mit dem sie der mächtigsten Gewalt der Erde verfallen war , der hätte in unsäglicher