» Nein , Sigismund , « erwiederte der Knabe , » mir wär ' s gar nicht gleichgiltig . Denn ich sehe nicht ein , wo die Menschen alle hinsollten mit dem Kniebeugen , und wenn sie übereinander fielen , müßt ' s doch recht curios lächerlich sein im Himmel . « » Ist das Dein Ernst , Felix ? « » Ja , Sigismund , man darf ' s aber nicht laut sagen . « - Mir ward zu eng . Der dampfende Weihrauch erregte mir Schwindel , ich wandte mich dem Ausgange zu . » Mutter , « rief Felix leise , » wir gehen fort , ich mag den Leib des Herrn nicht räuchern sehen . « Rosalie lag in Andacht hingesunken im Betstuhl . Sie hörte die kindische Bemerkung ihres Sohnes nicht , sie war in der That noch glücklich ! Nur das Weib in der Reinheit seines geistigen Seins , auch hier die Empfangende , kann sich ohne Argwohn der Innigkeit einer künstlich erregten Begeisterung überlassen . Dem Manne , diesem suchenden , forschenden und zerstörenden Ableger der Gottheit , sind jene künstlich-stillen Freuden des Seelenlebens nicht mehr verstattet in der Gegenwart . Ich meines Theils glaube sogar , es gibt von Natur gar keinen religiösen Mann mehr , und was sich in ihm noch dafür halten läßt , ist zur Religion gewordene Gewohnheit oder ein Aufnehmen des Weiblichen durch Entsagung kräftiger Männlichkeit . Auch besteht die Religion des Mannes jetzt mehr in der That , als im Gebet , und nur , weil unsere Zeit zu weibisch geworden , ist sie zu schwach zur Production einer gewaltigen That . Der Mann , welcher den Dom zu Köln erbaut hat , ist gewiß kein Frömmler , kein religiöser Beter im Sinne der Gewöhnlichkeit gewesen . - Niedergeschlagen , schweigsam , und fast , möcht ' ich sagen , zerrissen , weil ich nicht glücklich sein konnte , wie Rosalie , kehrte ich an ihrer und Felix ' Seite nach Hause zurück . Es war gut , daß der Knabe mich durch sein kindisches Plaudern unterhielt . Des Nachts . Indem ich jetzt in heiliger Nachteinsamkeit das heut Morgen an Dich Geschriebene wieder überlese , beschleicht mich der Gedanke , ich sei zum Gotteslästerer , zum Heretiker geworden , ohne es zu wissen und zu wollen . Die Unergründlichkeit unserer geistigen Natur ist die Säugamme unseres Elends ! Wir Alle suchen umher in den verstecktesten Winkeln des Lebens nach einem Rettungswege aus diesen dunklen Labyrinthen , die Weltirrthum und Weltforschung über uns hingebreitet . Der Zorn über unsere eigene Ohnmacht zupft die liebe Vernunft bei der Nase , und im liebevollen Hingeben unseres Selbst an das vermeint Göttliche brechen wir die Säulen wie der blinde Simson und begraben uns unter ihren tönenden Trümmern . Es muß , scheint mir , noch viel gelästert werden , Raimund , ehe der Tag neuer Weltheiligung über unser unglückliches Jahrhundert heraufleuchten wird . - Wenn ich hinausschiele durch das Fenster und die graue Masse des Domes emporsteigen sehe in den sternenbesäten Nachthimmel ; so beugt sich der friedliche Gott meines Herzens vor dem Heiligenschreine , den sich eines großen Mannes Begeisterung ausgemeißelt hat für seinen Gott . Dieser Bau weckt große Gedanken ; der Angstruf einer verschütteten Welt stammelt wie ein Sterbender in mir , ich möchte gern helfen und retten in dem allgemeinen Unglück , aber die Kraft will sich nicht erheben , weil der Einzelne in sich zu keiner Selbstbegeisterung mehr emporwachsen kann . Diese Impotenz ist entsittlichend und verweichlichend , weil durch sie die Männlichkeit anschwillt zur trägen , phlegmatischen Fettmasse . Bleibt wol noch etwas anderes übrig , als Bardeloh ' s verzweifelnde Verachtung , Mardochai ' s auflösender Haß , des Mönches Wahnwitz , Friedrich ' s Blödsinn oder Gleichmuth ' s raffinirte Selbstentweihung ? Hier liegt der Todtschlag des Jahrhunderts , der Mord unserer Kinder , die Selbstentleibung eines müden , lebensmattenund satten Welttheils ! O mir stürzen die Thränen über die Jammergestalt unserer Zeit , über mich , ihr unseligstes Kind , in die überwachten Augen ! - Es ist an der Zeit , Dir wieder ein Bruchstück aus Gleichmuth ' s Lebensgeschichte mitzutheilen . Anatomischer hat noch kein Gelehrter sein Seelenleben zergliedert . Daß es mir vergönnt wäre , diese Biographie von Religion , Cultus und kräftiger Menschlichkeit aller Welt in die tauben Ohren zu schreien ! Vielleicht lernte sie wieder hören und bekäm ' ein helles Auge und besseren Geschmack . Eine Restauration der gesunden fünf Sinne könnte ihr nur von Nutzen sein . Bekenntnisse eines durch Zeit , Menschen , Lehre und Streben Irregeleiteten . ( Fortsetzung . ) » Das Verschwinden Eduard ' s stimmte mich anfänglich überaus lustig . Es war mir neu , zu sehen , wie ein Mensch , hingerissen von der finstern Macht einer fixen Idee , die heitere Welt mit ihren spielenden Freudenklängen verlassen und freiwillig einer funfzehnjährigen Sklaverei sich hingeben konnte , aus der die Rückkehr zu den größten Unwahrscheinlichkeiten gehörte . Viele meiner sonstigen Bekannten spotteten gleich mir über den bigotten Schwärmer , waren aber in ' s Geheim der Meinung , der Verschwundene werde einmal unversehens in unserm lustigen Kreise wieder erscheinen . Das Letztere traf nun zwar nicht ein , wol aber erhielten wir unsichere Nachrichten von Eduard , die uns seinen Eintritt in ein Kloster sehr wahrscheinlich machten . Die Jugend hält sich nicht gern an Vergangenes ; ihr größter Reiz liegt im Erfassen des Augenblicks , der sie hinweghebt über Angst und Sorge des Lebens . Nach einigen Wochen war Eduard vergessen , nur meine Wette trieb unruhig , wie ein Nachtvogel , in düstern Träumen um meine verdämmerten Sinne . Die Notwendigkeit oder , wenn man lieber will , ein ironisches Pflichtgefühl , zwang mich , dem Studium der Theologie Zeit und Kräfte zu opfern . Anfangs vermeinte ich noch immer , es würde sich , aller Widersprüche ungeachtet , die der wahrhafte Mensch in mir gegen die starre Inquisitionsmiene dieser und jener Lehre erhob , ein Weg stiller Vereinigung ausmitteln lassen , doch mein Hoffen blieb vergeblich und erfolglos . Die Lehrer waren zu sehr befangen in Engherzigkeit . Das , was ich das Urmenschliche nennen möchte , und was zugleich der glänzendste Abdruck der Gottähnlichkeit in uns ist , war längst erblindet von unablässigem Gebrauch , den die solide Gewöhnlichkeit davon gemacht hatte . Mangel an schöpferischer Gedankentiefe und ein Hang zur Bequemlichkeit , die jedem Gelehrten anhängt , ließen sie nicht den Zwiespalt erkennen , der zwischen dem Gelehrten und dem Angeborenen entstehen mußte . Freilich war auch die Mehrzahl derer , an die das todte - gewöhnlich sagt man das lebendige - Wort gerichtet ward , von zu gemeiner Constitution , um zu erkennen , woran es gebreche . Die Masse der Menschen , auch der gebildeten , will nichts , als sich Fremdes zu eigen machen . So Zugeeignetes , wenn es das Aussehen geistiger Färbung hat , nennt man Gelehrsamkeit , und wer die größten Schober davon um sich aufhäuft , erhält den Beinamen eines tüchtigen Kopfes , eines talentvollen Menschen . O , der Schmach und Verläumdung des Heiligsten in uns ! Als ob der Esel , welcher vermöge seines Knochenbaues im Stande ist , die größere Last zu tragen , dadurch auch befugt werde , einer höhern Ordnung der Geschöpfe anzugehören . Wahr ist es freilich , er bekommt weniger Püffe ! - Mir regte diese Art , Vorgetragenes als wahr hinzunehmen oder durch öfteres Betrachten dafür zu halten , die Galle auf , und je deutlicher ich sah , daß , wie fast in allen Wissenschaften - die Medicin etwa ausgenommen - nur das Mechanische als das Große und Wahre auch in der Theologie docirt , abgefragt und geachtet werde , desto heftiger ward die Opposition dagegen in mir . Da ich keinen fand , der mir Rede stehen wollte , meine Zweifel löste und die verzehrende Unruhe stillte ; so ging ich mit mir selbst zu Rathe . In stiller Einsamkeit fand ich nun geschieden den reinen Menschen von dem starren Theologen , und in wie fern dieser als bevorzugter Repräsentant aller christlichen Lehrsätze betrachtet ward , zugleich auch von dem gewöhnlichen Christen . Denn es konnte mich nicht beruhigen , daß Reinchristliches von dem Dogmatisch-Begründeten eben so weit abstehe , als die Sonne von der Erde . Ich empörte mich oft vor mir selbst , wenn ich meine gesunde Vernunft hinableuchten ließ in diesen Wust von Satzungen , wo jede Gesundheit des Geistes verkümmert . Ich konnte mich eines bitter-wehmüthigen Lachens nicht enthalten , wenn ich das Auge aufschlug zu dem blauen Himmelsgewölbe , das tiefsinnig wie das niedergeschlagene Augenlid der Gottheit über mir hing , sich schämend der Geschöpfe der Erde ! - Gern wäre ich umgekehrt und hätte einen Weg verlassen , der nach allen Seiten hin mich nur zu einem abgeschwächten , eingebildeten Glück , oder zu einem elenden Untergange führen mußte . Schon war ich entschlossen , ihm zu entsagen ; da bedachte ich , daß es wol größer und edler sei , darauf zu verharren , vielleicht wäre ich bestimmt , beizutragen zur Aufklärung dunkler Zustände . Der böse Geist eines zweideutigen Ruhmes umdüsterte mich , ich gab nach , ich sah mich als Märtyrer für das geistige Wohl einer halben Welt dastehen , und schwur Treue dem , was ich doch von ganzem Herzen nicht achten konnte . Dies war meine erste Ordination zum Geistlichen , zum Gottesgelehrten . Mein Entschluß stand fest - ich wollte ganz Mensch sein und ganz Theolog - wie sich beides bei meiner zerbröckelnden Characteranlage mit einander werde in Einklang bringen lassen , blieb mir noch unklar . In dieser Zeit innerer Zerrissenheit , in der die Unschuld des Menschen mit der Beflecktheit der geschichtlichen Theologie rang , trat der Jude Mardochai langsam meinen Kreisen näher . Es hatte dieser Mann mit der Jugendlichkeit seiner morgenländischen Phantasie etwas Bewältigendes für Alle , die in engere Berührung mit ihm kamen . Mardochai war voll geistiger Regsamkeit ; ich habe nichts gekannt , was seiner Fassungskraft zu schwer gewesen wäre . Er liebte die Kunst , namentlich die Poesie und Musik und wählte seine Freunde so , daß diesen mannigfachen Gelüsten durch die Wahl selbst schon eine Befriedigung erwuchs . Seine unablässigen Begleiter waren Friedrich , Casimir und ich ; doch schien er bei dieser Auswahl sein geheimstes Augenmerk nur auf mich gerichtet zu haben , während die andern Beiden mehr das aufflackernde Kunstmoment nähren und unterhalten mußten . Mardochai war bewandert in den heiligen Büchern seines Volkes , er kannte genau die Lehren des Talmud und hielt sich streng an die Vorschriften seiner Religion . Dies fiel mir auf , da ich wol bemerken konnte , daß nicht Ueberzeugung , sondern nur Gewohnheit , wo nicht gar schlaue Berechnung , ihn zu so widersinniger Pflichtübung vermochten . Seltsamer Weise deuteten einige Bemerkungen in unsern Gesprächen darauf hin und Mardochai berührte mit frivoler Grazie Gegenstände , die eine sinnliche , leicht erregbare Natur zu wilder Gluth entstammen mußten . Der beabsichtigte Eindruck blieb nicht aus ; er sah mich zittern , vernahm meine Seufzer , die mehr unterdrückten Flüchen als Gebeten um Abwendung der Verführung glichen . Seine Ruhe blieb dieselbe , nur einzelne , wie zufällig hingeworfene Fragen , mußten mich beredt machen und ihm das Geheimniß entlocken , an dem mein begehrerisches Leben freudlos verkümmerte . Wir hatten unsern gewöhnlichen Spaziergang angetreten , die dunklen Kastanienalleen entlang , die nach Poppelsdorf führen . Der Kreuzberg lag , gehüllt in sonnige Nebelschleier , vor uns , die Kapelle glänzte wie ein ins Grab stürzendes Kreuz . Wir stiegen den Berg hinan , immer tiefer in ernste Gespräche uns versenkend . Sind Sie ein wunderlicher Mensch , sagte Mardochai , als ich offen die Ursache meines gramvollen Lebens ihm enthüllt hatte . Nichts leichter , als hier Einigung und Befriedigung . Sie kennen gewiß die Geschichte ihrer Kirche besser , als ich , der Jude , Sie werden auch als Protestant nicht fremd sein in der Geschichte der katholischen Kirche . Sagen Sie mir doch offen , was Sie von den Heiligen dieses christlichen Bekenntnisses halten ? Die Frage war mit so liebevoller Harmlosigkeit gestellt , daß ich ohne Argwohn meine Meinung dahin gab . Ich erklärte die gesammte Geschichte für ein Denkmal bald aufrichtiger , bald erheuchelter Schwärmerei und bedauerte nur , daß bei so viel Poesie , die unbestritten darin liege , so wenig Erklekliches für die Menschheit daraus hervorgegangen sei . Wäre ich Dichter , fügte ich noch hinzu , so würde mein tiefstes Bemühen darin bestehen , das Weltpoetische in dieser Erscheinung menschlich zu lösen . Es gibt kein reicheres Feld , Ruhm zu ärndten , und Großes und Bleibendes zu wirken für den Dichter , als ein Aufsuchen und künstlerisch-poetisches Ordnen der seinen psychologischen Fäden , die verborgen liegen in der Geschichte der Heiligen . Daraus würde eine Geschichte des Menschenherzens sich gestalten , an der sich der sinnende Mensch eben so erfreuen als belehren könnte . Darin will ich Ihnen recht geben , versetzte Mardochai , nur glaub ' ich die Heiligkeit selbst auf ganz andere Gründe zurückführen zu müssen . Wir standen an dem Kloster , die Sonne neigte sich dem Untergange zu , der Rhein quoll , ein dunkelgrüner Königsmantel , aus der Schlucht des Siebengebirges in die freie Ebene , die wie ein Unterthan seinen Saum mit liebender Lippe berührte . In der Kapelle ward die letzte Messe gesungen . Da drin , fuhr Mardochai fort , lebt auch noch ein Rest aussterbender Heiligkeit . Was gibt ihnen das Vorrecht zu diesem Titel ? Ihr Gelübde . Freilich ! Wenn man nur nicht wüßte , warum das Gelübde dem Menschen verbietet , sein Herz als Herz schlagen zu lassen . Diese Bemerkung verstehe ich nicht . Sonderbar ! rief Mardochai , ein Theologe versteht nicht , was er selbst beklagt ! - Es trat eine Pause ein , ich versank über die Worte des Juden in tiefe Gedanken . Wir hatten uns auf die Treppenstufen gesetzt , die zur Klosterkirche führen . Vor uns lag das Siebengebirge mit den Ruinen des Drachenfels und Godesberg . Es war ein Abend , mit Wollustreiz überströmt , und wenig geeignet für Gespräche , wie das unsrige . Es muß ein eigener Kitzel sein , begann mein Begleiter , der den Geist in gänzlicher Scheidung von aller sinnlichen Erregung Befriedigung finden laßt . Ob nur diese Menschen keine Sinne besitzen ? Wer weiß , erwiderte ich , welch ' Unglück die Meisten zur Verläugnung irdischer Freudigkeit getrieben haben mag ! Ja , wer weiß es ! wiederholte Mardochai und schwieg abermals . Einige Zeit darauf fuhr er fort : Bei alle dem hat das Klosterleben doch mancherlei für sich , z.B. ist es gar nicht zu tadeln , daß dem Weltmüden ein Asyl geboten wird , wenn er , geschwächt vom Genuß , sich einem stillgeweihten Leben in Gott überlassen will . Und meiner Ansicht nach kann ein Leben in Gott , ja überhaupt ein theologisches Leben erst nach vorhergegangenem Schwelgen in allen Freuden der Welt wahrhaft fruchtbar werden . Glauben Sie das wirklich ? fiel ich dem Redenden mit einiger Heftigkeit in ' s Wort . Wahrhaftig ! Auch habe ich an mir selbst schon erfahren , daß Einigung des geistigen und sinnlichen Menschen nicht denkbar , Scheidung beider aber vernichtend ist . Sollte es da nicht weise sein , der Natur freien Lauf zu lassen und diese geschiedenen Elemente für das Leben aufzufassen jedes zu seiner Zeit ? Namentlich hart ist mir es erschienen , daß die Kirche von dem Gottesgelehrten eine immerwährende Enthaltsamkeit oder doch große Mäßigung fordert , die gewöhnlich nachtheilig selbst auf die freisinnige Entfaltung des Geistigen einwirkt . Ich habe immer gefunden , daß die unbedeutendsten kirchlichen Lehrer auch die enthaltsamsten waren . Sehr natürlich ! Es kann Einer leicht , was man sagt , fromm sein , wenn keine Leidenschaft ihn verzehrt und der Leidenschaftslose ist immer ein Simpler . Kommt es aber zufällig vor , daß ein geistig lebendiger , gedankenreicher Mensch sich dem heilig genannten Studium hingibt , so muß er auch dem sinnlichen Lebensreize auf irgend eine Weise den natürlichen Tribut zollen , oder es entstehen unnatürliche Laster . Mir als Juden werden Sie es verzeihen , wenn ich alle Klöster die versteinerte Lasterhaftigkeit der gegen den Willen der Natur unterdrückten Sinnenlust nenne . Diese Mauern sind stumm , aber ein geistiges Ohr kann sie seufzen hören . Was folgern Sie daraus ? warf ich ein , denn eine bange Scheu hielt mich zurück , das selbst zu sagen , wonach mein eignes Leben doch verlangte . Folgern ! lächelte Mardochai . Ich bin Arzt und verweise aus Gewissenhaftigkeit den Menschen immer an die Natur . Was die Natur verlangt , ist , jedem Sittengesetz oft zum Trotz , immer das Weltmoralische . Man versuche es und zwinge ihr Fesseln auf , sie rächt sich früher oder später ! Gibt es nun Satzungen in der Welt , die Klugheit und Politik für nothwendig erachteten , oder an deren Befolgung gegenwärtig das Geschick ganzer Nationen gebunden ist - gut : so befolge man sie als öffentlicher Mensch ! Die Natur hat ihren Tempel für sich , ihre Priester und Priesterinnen . Habt Ihr keine Scheu , dem Gesetz der Klugheit die verborgene Sittlichkeit Eures individuellen Menschen aufzuopfern , so sehe ich nicht ein , was Ihr anstehen wollt , im vollen Arm der Natur einen Freudenbecher zu leeren , der Euch die Leiden und Mühen eines erkünstelten , angelernten Lebens leichter ertragen läßt . Scheidet das Gesetz , sei ' s heilig oder profan , den Menschen in zwei Wesen , so ist es Pflicht der Natur , die Geschiedenen in neuer Schöpfung zu vereinigen . Als Theolog - das Bekenntniß wäre für mich kein Hinderniß - würde ich in den Jahren , wo es meine Kraft erlaubte , den Reiz der Weltlust , dem sinnlichen Leben geben , was es verlangt , um später desto freier , umsichtiger , durchlebter , der stillen Gottesbetrachtung obliegen zu können . Die Liebe ist das höchste Gesetz unserer Religion , seufzte ich laut in die dunkler herabstürzende Dämmerung . Das ist ' s , was mich von jeher zum Christenthum hingezogen hat , versetzte Mardochai . Wäre ich nur nicht ein wunderlicher Kauz , so würde ich mich taufen lassen , allein - ich halte nichts von Ceremonien bei einem Religionswechsel . Ohne Taufe will ' s nicht gehen , gut , so bleib ' ich Jude . Ich fürchte , Mardochai , Sie verwechseln den Begriff der christlichen Liebe mit dem der weltlichen . Diesen Einwurf konnte ich erwarten , ich will Sie aber beruhigen . Scheinbar mag ein Unterschied bestehen zwischen geistiger oder christlicher und weltlicher oder sinnlicher Liebe . Der Unterschied liegt aber nur in der Einbildung . Scheidet nicht , so habt Ihr Einigung , und wollt Ihr consequent sein in der Befolgung Eurer Vorschriften , so müßt Ihr auch sinnlich lieben können mit einer Andacht und Inbrunst , die der geistigen Liebe nichts nachgibt . Daraus würde eine wollüstige Religion entstehen . Nichts weniger , fuhr Mardochai fort . Liebt Ihr Euren Nächsten wie Euch selbst , so werdet Ihr doch wohl auch die Nächste nicht ausschließen von dieser demokratischen Gesinnung . Liebe ist Hingebung , Aufgehen des . Einen in den Andern , sei ' s im Geist , sei ' s in der Gluth sinnlich zitternder Andacht ! Und wäre ich ein christlicher Lehrer , ich würde mich hineinstürzen in die glühendste Woge der Liebe , um in der Lust bebender Sinne , in Kuß und Umarmung einen Maßstab zu finden für meine dereinstige geistige Liebe , die ich predigen soll dem Volke der Verblendung . O , daß ich kein Christ bin , ich Elender ! Daß ich nur die Eine Liebe kenne und nicht die Seligkeit der Andern , die erst emporsteigt aus dem Genuß , der ihre Mutter ist ! Das ist der Fluch Eures Gottes oder Propheten , der jeden Einzelnen meines Volkes verfolgt bis an das verachtete Grab . Danken Sie Ihrem Gott , daß er Sie zum Christen erschuf und Ihnen das Glück der Liebe eröffnete in all seinen entzückenden Reizen ! Während dieses Gesprächs waren wir langsam wieder herabgestiegen von dem Kreuzberge . Die gesunde Begehrlichkeit meiner Natur regte sich immer lauter und forderte ungestüm Gehör . Mardochai erbarmte mich , ich ließ mich hinreißen von unzeitiger Weichheit und forderte ihn mit fieberischzitterndem Händedruck auf , fortzufahren . Die Dunkelheit der Nacht verbarg mir sein Mienenspiel , ich hörte nur den Sohn des räthselhaften , ewig jungen Morgenlandes . Er sprach , was ich längst mir zu gestehen nicht gewagt , aber von einem Dritten zu hören sehnlichst gehofft hatte . Sie werden es erfahren in Ihrem spätern Leben , fuhr der Jude fort , daß beinahe alles Verbotene das Erlaubte ist , nur hingestellt , um den Muth des Menschen zu erproben . So war ' s schon zur Zeit der Schöpfung . Ohne den berüchtigten Apfelbiß fehlte uns alle Geschichte , mindestens alle Romantik des Lebens . Das für sündhaft Gehaltene ist das Poetische , die Schallheit der tagesflachen Wirklichkeit Heiligende . So auch mit der Moral . Versuch ' Einer erst , diese Moralität in schönen Leichtsinn seines göttlichen Bewußtseins einzuhüllen und mit ihr davon zu laufen ; glauben Sie wohl , es erfolge irgend eine Reue darauf ? Nur die Schwäche bereut , weil sie nicht productiv ist in sich und das Erschaffen eines Neuen weder begreifen noch ertragen kann . Wollten wir moralisch , tugendhaft , religiös sein im strengen Sinn dieser Worte ; so wäre jede Productivität des Geistes eine Sünde , weil sie immer eng verknüpft ist mit dem Zertreten eines Festen , Gegebenen . Jeder Fortschritt wäre dann unmoralisch , denn in ihm liegt die Verachtung des eben Geltenden ; jede neue That wäre eine Lästerung der Geschichte , weil sie so frei ist , ohne Compliment sich neben oder über das Vorhandene zu stellen . Es dürfte überhaupt nichts Gedankliches mehr geduldet , alles eigentlich Lebendige müßte todtgeschlagen werden , und heilig allein , tugendhaft und religiös wäre nur der Automat und die Maschine . - Dies führe ich nur an , um zu beweisen , daß jedes Verbot eine versteckte Aufforderung ist , es zu übertreten . Seid muthig , keck , dreist und Niemand wagt es , Euer Thun unmoralisch zu nennen ; wollen Sie mir aber Einwürfe machen , so bin ich so frei , Ihnen zu sagen , daß alsdann Ihre ganze Religion , das Christenthum mit seinen hundert Ablegern und Aesten , als die consequenteste Unmoralität in der Geschichte der göttlichen Schöpfung dastehen würde , weil grade durch diese größte That des Geistes alles früher für heilig Geachtete umgestoßen und vernichtet wurde . Es ist nichts leichter als dies , aber auch nichts wahnsinniger , als ein solcher Einfall . Nur im ewigen Umsturz des als absolut moralisch Hingestellten und von den Schergen des Verstandes , der Orthodoxie und Bigotterie , gehüllt in die aschgraue Livree der Bornirtheit , Vertheidigten , liegt die ewig wandelbare und eben nur im Wandel heilig bleibende Moralität der Weltgeschichte . Diese Deduction , mit der schlauen Unbefangenheit jüdischer Skepsis vorgetragen , entschied über mich . Mardochai dolmetschte meine Gedanken , Gefühle , Empfindungen . Die Sinnlichkeit brach wie ein Orkan in mir an und eh ' eine Stunde verging , lag ich zum ersten Male vor dem Altar einer Gottheit , dessen Namen zur Bezeichnung leiblicher Schönheit in allen Welttheilen bekannt ist . Vielleicht wäre ich nicht gefallen , hätte nicht Mardochai den Stachel der Lust listig zu schärfen verstanden durch die Poesie der Situationen . Als es längst zu spät war , begriff ich erst , mit welchem Vorbedacht mich dieser schweigsam zürnende Mensch verführt hatte . - Eine dämmernde Mondnacht zitterte über Flur und Stadt . Mardochai sprach mit so folternder Ruhe , daß ich ihn vor Ungeduld hätte ermorden können . Er führte mich in ein abgelegenes Haus . Ringsum die geheimnißvollste Stille . Ein Zimmer , klein , reinlich , von Ambraduft durchzogen , öffnete sich . Auf dem Ofen , der in Adlergestalt sich erhob , glommen noch die Ueberreste der Kohlen , von denen das Räucherwerk verzehrt ward . Kein Licht brannte , nur der Mond dämmerte still und heimlich durch die halbgeschlossenen Jalousien . Am Fenster stand ein Bett , mit weißem Seidenstoff überzogen . Treten Sie näher , sagte Mardochai , wenn es Ihnen hier gefällt . Mit sanfter Gewalt stieß er mich hin zum Lager . Eine geschickte Handbewegung schlug die Jalousien am Fenster zurück , das volle Mondlicht erleuchtete Zimmer und Bett , ich erblickte in stillem Schlummer eine schöne Frauengestalt . Eugenie ! rief Mardochai laut . Die Schlummernde regte sich , im nächsten Augenblick umschlang sie mich mit warmem Arm - ich erlag der Aufregung - Eugenie , das schönste Weib , das je mein Auge erblickte , gab mir den Himmel , um mein Herz der Hölle als Pfand zu überreichen . - Mardochai war verschwunden . Ich hörte seine Stimme erst wieder , als die Morgenröthe mich übergoß mit dem erborgten Purpur der Scham , die ich nicht mehr kannte . Eugenie ruhte neben mir ; - es hätte ein Gott straucheln können bei diesem Reiz der Schönheit ! - Mardochai ! rief ich , Mardochai , wo bin ich ! Wo Sie fortan immer sein können , wenn Sie in dieser Nacht gefühlt haben , daß ein muthiges Uebertreten weniger schmerzhaft ist , als ein feiges Folgen . Und von Stund ' an ward Eugenie , Mardochai ' s Geliebte , wie ich erst späterhin erfuhr , auch die Meinige . Die Eifersucht kannte Mardochai nicht , ob aus Klugheit , Diplomatie oder sonstigen Gründen , habe ich nie ermitteln können . - Das sinnlich glühende Fleisch ward nunmehr meine Speise , die ich von Stund an in weltheiliger Begeisterung mir reichen ließ von der schönsten Priesterin der Natur . Ich hing in süßer Verzückung an den Brüsten , die Weisheit spendeten in der Gluth ihrer schwellenden Bewegung . Ich betete an in Liebe die Schönheit fleischgewordener Göttlichkeit und suchte den Himmel mit seiner ätherischen Liebe zu begreifen in auflösender Umarmung . Ich ward ein Schüler Mardochai ' s und folgte doch nur meiner Ueberzeugung . Die Lehre der Ascese zu verstehen , das Geheimniß heilig gewordener Menschen zu fassen , lebte ich wie ein Bacchant in unstetem Rausche . Kein Gedanke der Reue warnte mich vor diesem gefährlichen Dasein . Es war Liebe und nur Liebe , die mich führte , trieb , geißelte von Genuß zu Genuß . Ich glaubte tief zu fühlen , daß nur derjenige das Leben verstehen könne , der es genossen habe wie ich ; ob ich nach solchen Wollustbädern auch ein Lehrer der Liebe würde sein können , daran dachte ich nicht , wenn die schäumende Fluth des Genusses in tausend scherzenden Perlen über mich zusammenstürzte . - Es lag eine hohe Poesie in diesem Leben . Keine spätere Zeit hat mich so duftig umhaucht , wie jene , ganz an die Unschuld der entfesselten Leidenschaft hingegebene . Mich riß nicht die Gemeinheit an den wollüstigen Leib der Schönheit , sondern eine Anschauung der Welt , die irrig sein mochte , aber mir doch erhaben schien . Erst später , als sich eine Art Besonnenheit , wie der Spion umherschleichender Satanstücke in den Rausch mischte , ergriff mich ein Schwindel der Feigheit . Ich sah mich umgeben von ähnlich Handelnden , aber anders Denkenden . Da schauderte ich , zog mich zurück , ward schwermüthig . Der Leichtsinn meiner Genossen suchte mich auf , es kam zu Erklärungen . Meine Fragen wurden mit bornirter Gutmüthigkeit beantwortet oder mit ekelhaft gemeiner Frivolität . Diese Rotte schnobberte am sinnlichen Leben umher , wie ein Hund , der die Küche wittert am Duft der Speisen . Das war keine Poesie , kein süßes zauderndes Entschleiern der Geheimnisse der Menschennatur - das war nur gemeines Schwelgen in grober , entarteter Sinnenlust . - Man muß sich ' s mitnehmen , weil es Gelegenheit gibt , später tritt die Ernsthaftigkeit und die Strenge der Lebensregeln ein . So sprachen Hunderte der Jünger des Herrn , unbewußt den Fluch ausstoßend über sich selbst und ihre Genossenschaft . Es war die nackte Wahrheit , nur in grasser Wirklichkeit hingestellt wie ein Skelett ! - Betäubung , Ekel , Widerwillen am Leben und Forschen hielten mich lange in tiefster Einsamkeit . Mardochai rüttelte mich endlich aus diesem dumpfen Hinbrüten auf . Geht Ihre Poesie schon zu Ende ? redete er mich mit derselben zurückgehaltenen , leidenschaftlichen Wärme an , die ihm eigen war . Sie fangen an zu karthäusern , ein unpassendes Spiel für einen Protestanten . Ich erzählte ihm meine Erfahrungen und legte offen und blos den mit Asche bedeckten Heerd meiner Gedanken . Das ist ein Gemälde unserer christlichen Welt , schloß ich , an solch wurmgefräßiges Holz lehnt sich die Kirche . Diese Entdeckung ist nicht neu , erwiederte Mardochai . Betrachten Sie die Sache jedoch ruhig , als Christ , mit Liebe , Duldung und unparteilichem Auge ! Gehen Sie Lehre und Leben durch und ziehen Sie Parallelen zwischen beiden . So lange Sie trennen , wird keine Einheit geboren . Das Leben im Genuß sinnlicher Lust , ist ' s etwas anderes , als die in heiliger Umzäunung verrückt gewordene Liebe ? Mögen Sie ' s dem Menschen verdenken , daß er an der Natur sich erheben will , wenn ihn zuvor die Unnatur herabgewürdigt hat durch Demuth zur Carikatur des Hundes ? Lieber Freund , ich finde , Sie sind ungerecht ! Harte Gesetze verlangen raffinirte Witze , um sie unschädlich