Schulmeister in Disputationen ein , weil er die Bibelstellen anders wollte erklärt haben . - So was können die geistlichen Herren immer nicht leiden , ob es uns gleich , den Lutherischen , wie wir es hier noch alle sind , aufgegeben ist , in der Schrift zu forschen . Das Forschen aber , und soweit haben die Priesterleute recht , ist ein mißliches Ding , und ich habe darum von je an alles unserm lieben Gott anheimgestellt und bin ruhig dabei geblieben . Es traf sich , daß unser Schafhirt plötzlich erkrankte , und Daniel bot sich nun eifrig an , seinen Dienst zu versehen , bis sich ein anderer tüchtiger Knecht wieder gefunden habe . Und nun konnte er im einsamen Felde so recht ungestört seinen Grübeleien nachhangen und brauchte keinen Menschen Red und Antwort zu geben . So ging der Sommer hin . Im Herbst kam er eines Abends ganz zerstört und verwirrt nach Hause , er trieb die Schafe nicht ein , er lief in den Garten und sprach laut mit sich selbst , in der Nacht legte er sich nicht zu Bette , sondern rannte wieder nach dem Walde hinaus , und als der Morgen da war , kümmerte er sich gar nicht um seine kleine Herde und war gar nicht einmal da , als wir alle zum Frühstück zusammenkamen . Als das Haus leer war , und ich schon ausgehen wollte , um ihn zu suchen , kam er ohne Hut und mit fliegenden Haaren von seiner Wanderung zurück . Sowie ich ihn nur ins Auge faßte , sah ich auch schon , daß er ein verwirrter Mensch war . Er stotterte und war ganz außer sich , und als er endlich die Rede wiedergewann , erzählte er mir , daß er im Felde bei den Schafen Bekanntschaft mit Engeln gemacht hätte , die so gütig gewesen wären , sich zu ihm herabzulassen . Diese hätten ihm die Schrift und die schwersten Stellen in derselben ganz zur Genüge erklärt , und er wisse nun mehr , als alle Schriftgelehrten im Lande . Von nun an war der liebe Junge ein verlorener Mensch , und der Doktor , den wir aus der Stadt hatten kommen lassen , sagte auch , ihm sei nicht zu helfen , denn er habe auf zeitlebens den Verstand verloren und würde ihn auch bis zum Tode nicht wiederfinden . Nun lag er Tag und Nacht über dem Bibelbuche , er schlief wenig , und in den Nächten las er laut und predigte mit heftiger Stimme , so daß er oft am folgenden Tage ganz heiser war . Weil er Daniel heißt so studierte er auf seine Art den Propheten Daniel am meisten und bezog dabei alles auf sich . Er sagte oft , dieser Prophet sei der größte , und Ezechiel , vorzüglich aber die Offenbarung Johannis seien nur mißverstandene Übertreibungen , das wahre Wort und Geheimnis sei im Daniel ausgesprochen . Dieser sei auch wichtiger , als das ganze Neue Testament , und wer diesen Propheten recht innehabe , könne die späteren Bücher und die Lehre Christi entbehren . Bei diesen Meinungen wollte er auch nicht mehr unsere Kirche drüben im großen Dorfe besuchen , und wenn er ja einmal mit uns ging , so saß er während der Predigt murrend da und schüttelte zu allem , was der Priester sagte , den Kopf , so daß er oft großen Anstoß gab . Da er hie und da welche aus der Gemeine hatte bekehren wollen und sich gegen diese nicht undeutlich merken lassen , er sei selber der Heiland und der wahre Erlöser in unserer neuesten Zeit , so verklagte der Pfarrer den Unglücklichen beim Konsistorium in der Stadt . Die Sache machte viel Aufsehen , und etliche eifernde Geistliche wollten ihn mit Gewalt zum Widerruf , Pranger und Zuchthaus verdammt wissen . Der menschenfreundliche Arzt nahm sich aber der Sache an . Der Mann ging selbst zum Minister , und die Billigeren von der Geistlichkeit sahen nun auch wohl ein , wo es meinem armen Daniel fehle . So sprachen sie ihn denn los als einen Blödsinnigen , der über seine Reden nicht zur Verantwortung gezogen werden könne , und gaben ihm nur auf , sich alles Predigens und Bekehrens zu enthalten . Das nahm mein Daniel anfangs sehr übel und noch mehr , als er erfuhr , daß sie ihn seit seinem Prozeß hier und in der Umgegend nur den Dummen nannten . Doch forschte er so lange im Daniel und in den Briefen der Apostel , bis er sich überzeugte , ein solcher Ausgang wäre ihm schon vor allen Zeiten prophezeit worden . So treibt er nun sein unschuldiges Wesen , und ich kann ruhig wegen meines Todes sein , denn die Brüder lieben , ja ehren ihn so sehr , daß sie gern einmal seinen Unterhalt und seine Verpflegung übernehmen werden . « Elsheim und Leonhard hörten dem Alten mit Vergnügen zu , und der Baron sagte : » Es ist nicht ohne Grund , daß uns eine Art von sonderbarer Achtung in der Nähe solcher Wesen beschleicht ; wir fühlen die gestörte Harmonie und vermuten dabei , daß irgendeine Geisteskraft , wenigstens für Augenblicke , um so höher gesteigert werde . « » Das kann wohl sein « , sagte der Alte , » denn wirklich spricht der Kranke so in seinen Abwesenheiten manchmal recht nachdenkliche Sachen . Wenn er am Abend an seinem Tisch sitzt und liest , und wir sprechen dies und das vom Ackerbau , von Einrichtung und Verbesserung der und jener Sache , oder von Familienangelegenheiten ; wir alle glauben , er hört gar nicht hin , und mit einemmal wirft er dann ein paar Worte nur so hinein , und alle Schwierigkeiten sind gelöst , über die wir uns den Kopf zerbrechen . « » Hat er nie Lust bekommen , sich zu verheiraten ? « fragte Elsheim . » Niemals « , erwiderte der alte Bauer , » er hält im Gegenteil alle Weiber und Mädchen für viel geringere Wesen , als die Männer und läßt sich auch nur ungern in Gespräche mit ihnen ein . So ist er denn nun für unsere Feldarbeit und den Haushalt ein verlorner Mensch , das Wohl und Weh der Familie kümmert ihn nicht , er scheint auch alles vergessen zu haben , was er in der Jugend gelernt hat . Nur eine sehr merkwürdige Gabe hat sich seitdem an ihm gezeigt . Wir hatten vor vielen Jahren nur wenige Bienen ; jetzt bauen wir außerordentlich viel Honig und verkaufen ihn und das Wachs vorteilhaft . Diesen ungewissen Teil der Landwirtschaft verwaltet er nun ganz allein : er hat sich der Sache bemächtigt und sie in Flor gebracht , ohne gegen uns nur ein einziges Wort darüber zu verlieren . Und wunderbar ist er für diese Verrichtung begabt . Noch niemals hat ihn eine Biene gestochen , und doch zieht er weder Handschuhe an , noch trägt er die Kappe vor dem Gesicht . Die kleinen klugen Tierchen haben Vertrauen und Liebe zu ihm , und er kann alles mit ihnen anfangen , was er nur will . Er kann in den Körben hantieren nach Herzenslust , sie lassen ihn gewähren ; beim Ausnehmen des Honigs , bei allem , was er tut , stören sie ihn nie . Fast wunderbar ist es , wie sie ihm folgen , wenn sie schwärmen . Er kann sogleich jeden Schwarm , der sich verflogen hat , wiederfinden , und sie kehren mit ihm wie gehorsame Kinder zurück , wohin er sie haben will . Das wissen auch alle unsere Nachbaren und die Bienenwirte auf den anderen Dörfern . Sie kommen sehr oft und sprechen seine Hülfe an , und er schafft ihnen immer die Wegläufer wieder . In diesem Tun ist er auch unermüdlich und großmütig dabei , denn er nimmt von den Fremden nie was für seine Arbeit , wenn er auch Tage und Nächte darauf verwendet , die verschwärmten Bienen zu finden und einzufangen , unsern Honig verkaufen wir , und er fordert nie etwas davon , wenn wir es ihm nicht freiwillig geben . « Als der Greis sich wieder entfernt hatte , und den Freunden ein einfaches , kräftiges Mahl aufgetragen war , sagte Elsheim nach einer Weile : » Ist dieser Bauer nun in seiner Umgebung und Bestimmung nicht so glücklich , als der Mensch es nur sein kann ? Es gibt viel Unglück auf Erden - wer zweifelt daran ? - aber die Hälfte davon zimmern sich doch die Menschen selbst mit großer Mühe zusammen . « » Gewiß « , sagte Leonhard , » durch ihre stachelnden Leidenschaften ; aber doch sind uns diese wieder vom Schicksal verliehen , wir können und dürfen ohne sie nicht sein : und so dreht man sich doch wieder im Zirkel , denn von diesen Unglückstiftern rührt doch auch das Große und Edle her . « » Maßhalten ! « rief Elsheim , » freilich , das ist die oberflächliche Weisheit und Tugend , die so schwer zu finden ist . « Als die größte Mittagshitze vorüber war , kam der alte Bauer wieder und sagte : » Wollen die Herren vielleicht den Kaffee , oder noch ein Glas Wein jetzt auf der andern Seite des Hauses nach dem Garten zu trinken ? « Die Sonne war in der Tat näher gerückt und hatte die zauberhafte Dämmerung etwas gelichtet . Sie gingen durch das große Haus , und der Wirt sagte , als sie im Garten standen : » Die Einrichtung mit meiner Linde hat Ihnen dort wohl gefallen , daß ich Ihnen noch diesen zweiten alten Lindenbaum zeigen will . Hier auf dieser Seite ist es nachmittags am kühlsten und anmutigsten . Ich habe den Baum so künstlich verschnitten , daß er oben eine große dichte Blätterlaube macht . Nun gehen wir hier eine ziemlich hohe Treppe hinauf und sitzen oben im Schatten und sehen über den Garten weg in die weite Landschaft hinaus . « Oben war eine große Tenne , von glatten Brettern gefugt ; der Baum schützte gegen Regen , Luft und Wind , und der Blick nach den fernen Gebirgen , Wäldern und dem nahen Flusse war reizend . Der Alte freute sich , daß die Gäste überrascht und von der bequemen Anstalt , sowie von der Landschaft , entzückt waren . » Ja , ja « , sagte der Alte lächelnd , » wir gemeinen Leute haben denn auch unsere Einfälle und sozusagen besonderen Prachtanstalten . Sie glauben nicht , meine Herren , wie gern ich von hier aus die Sonne untergehen sehe ; sooft ich mich abmüßigen kann , sitze ich alsdann hier gegen Abend in meinem hölzernen alten Lehnstuhl . Nun ist es rührend , wenn nach und nach die Abendröte verschwindet , und ein Sterngebild nach dem andern aus dem dunkeln Himmel heraustritt . Da fällt mir vielerlei ein , Rührendes und Erfreuliches . Absonderlich ist es , wenn es nun immer stiller wird , und sie drin im Hause die Lichter anzünden . Zwischen den grünen Weinranken nehmen diese sich nun von hier und die helle Stube hinter dem Laub und die Schatten von meinen Kindern , die auf und abgehen , recht wunderbar aus . Ich habe manchmal gewünscht , ich könnte das mir alles so abmalen . « Es gibt eine stille Passivität , die , ohne zu beobachten und ohne sich des Eindrucks bewußt zu werden , in manchen Stunden die Natur wohl am würdigsten genießt . Der Weihe dieses Quietismus ergaben sich die Freunde , als der redselige Alte sie wieder verlassen hatte . Endlich besann sich Elsheim zuerst wieder und sagte : » Was hindert mich denn , diese bäuerliche Erfindung auf meinem Gute nachzuahmen ? Mögen die Enthusiasten der englischen Gartenkunst die Nase rümpfen , soviel sie immer wollen , ich werde es ganz gewiß tun . Hier sitzen wir wie Vögel in einem größeren Nest ; und ein Liebster mit seiner Braut , Mann und Frau , eine einträchtige Familie , für diese und poetisch gestimmte Menschen ist das ja ein himmlischer Platz . Und für zwei junge Freunde , wie wir hier vorstellen , ja wahrhaftig auch . Mir ist hier zumute , als wenn wir die Figuren aus einem dichterischen Märchen wären . Ich erinnere mich dunkel , einmal gelesen zu haben , daß eine trauernde Schöne den Leichnam ihres jungen Geliebten auf einer Linde hegt und betrauert : da muß sich der Dichter doch wohl einen solchen Luftsaal gedacht haben . « » Welch Entzücken « , sagte Leonhard , » würde wohl mancher ausrufen , um eine solche Alltäglichkeit ! Denn diese Anstalten , mein poetischer Freund , sind wirklich bei Bauern und Bürgern nicht so selten , als du zu glauben scheinst . Ihr vornehmen gebildeten Leute beachtet nur so was selten , und in den Reisebeschreibungen steht es nicht verzeichnet . « In der besten Laune fuhren sie bei eintretender Kühlung jetzt weiter . Der alte Bauer nahm einen so herzlichen Abschied von ihnen , als wenn er sie schon seit Jahren gekannt hätte , und die jungen Leute konnten sich auch bei dem Gedanken , diese Stelle vielleicht nie wiederzusehen , einer gewissen Rührung nicht erwehren . » Nun « , fing Leonhard an , » müssen wir doch wohl nach meiner Rechnung bald auf deinem Gute anlangen . « » Noch heut abend « , sagte der Freiherr , » laufen wir in den Hafen ein , wenn wir nicht noch vorher Schiffbruch leiden . « » Der Himmel verhüte böse Vorbedeutungen « , sagte Leonhard lachend ; » aber freilich , wer kann wissen , was uns bevorsteht , und besonders mir , da ich in ein fremdes Haus und unter lauter Unbekannte trete ? Ich bin so gar nicht daran gewöhnt , mit fremden Menschen zu verkehren , daß es mir sehr schwer ankommen wird , meine Verlegenheit zu überwinden . « » Sobald du dir vertraust « - antwortete Elsheim - , » sobald weißt du zu leben ; damit spricht eigentlich dieser gewandte Geist das ganze Geheimnis aus . - Die Menschen fürchtet nur , wer sie nicht kennt , und wer sie meidet , wird sie bald verkennen . - Dies lehrt uns auch unser Dichter bei einer anderen Gelegenheit , und es wäre unbegreiflich , wie die Menschen diese so naheliegenden Überzeugungen so oft nicht finden , wenn wir nicht wüßten , daß das Allernächste gerade das ist , was so oft nicht erkannt wird . « » Wen find ich nun dort ? « forschte Leonhard weiter . » Zuerst meine Mutter , « antwortete Elsheim , » eine stille , behagliche Frau , die dich in nichts genieren und hindern wird . Dann aber einen lieben Jugendfreund , der nur etwas älter ist , als ich , den Baron Mannlich . Sein kleines Gut liegt nur eine Stunde von dem meinigen , und er war kurz zuvor , ehe ich die Universität besuchte , mein täglicher Gesellschafter , ja in einem gewissen Sinne mein Lehrer . Mir ist es immer sehr merkwürdig gewesen , von Bekannten , sowie von berühmten Männern verschiedener Nationen diejenigen ihrer Freunde kennenzulernen , mit denen sie sich in der Jugend verbrüderten . Jeder Jugendfreund , auch wenn er jenen Bekannten völlig unähnlich erscheint , ist doch wie ein Glied von ihnen anzusehen , und keiner ist noch gewesen , der sich von dem Einfluß dieser Umgebungen hätte lossagen können . Die Erinnerung an das Wesen dieser Freunde , an ihre Gesinnungen und Meinungen wirkt noch spät fort , und sie bleiben ein Maßstab , um vieles Ungekannte , Seltsame , oder Lehrreiche zu erproben . Darum ist auch wohl schlechte Gesellschaft in der Jugend so gefährlich , weil es auch dem starken Charakter kaum möglich ist , alle Eindrücke , die sich in solcher Umgebung bilden , wieder auszutilgen . « » Auf mich « , unterbrach ihn Leonhard , » kann diese Beschreibung nicht passen . Denn , nachdem ich die Schule und die Lehrjahre überstanden hatte , trieb mich mein Beruf und die Neigung in die Fremde und auf Reisen . So knüpfte ich allenthalben nur wandelbare Bekanntschaften und Freundschaften an , und nur wenige junge Gesellen meines Standes sind mir so lieb geworden , daß ich mich noch jetzt ihrer gern erinnern sollte . « » Ist es mir denn nicht auf ähnliche Art ergangen ? « sagte Elsheim ; » auf der Universität fand ich nur selten einen Jüngling zu welchem ich Zutrauen fassen konnte , und als ich bald darauf meine Reisen antrat , erging sich mein flüchtiges Leben wie aus einem Schauspielsaal in den andern . Ich bin nachher nie wieder mit jemand so vertraut geworden , wie ich es mit dir auf der Schule war . Darum suchte ich dich auch gleich wieder auf , als ich von meinen Reisen zurückkam , um mich wahrhaft an deiner Jugend zu erwärmen , da mein Herz in den vielen vornehmen Zirkeln wie erfroren war . Deshalb müssen wir auch immer in wahrer Freundschaft vereinigt bleiben . « » Mir kann oft bange werden « , erwiderte Leonhard , » wenn ich in meiner kurzen Erfahrung so oft gesehen habe , wie engverbundene Menschen sich trennen , selbst hassen , zuweilen um Kleinigkeiten , oder weil sie Klätschereien zu leichtgläubig ihr Ohr liehen . « » Da kommen wir auf den Punkt « , fiel der Baron lebhaft ein , » daß es nur so wenige selbständige Menschen gibt . Zu diesen schwachen wollen wir aber nicht gehören . - Dieser Baron Mannlich , von dem ich dir sagte , ist eine schöne , schlanke Gestalt ; sein Blick ist frei , sein Betragen edel ; er hat in einem gewissen Zeitraum den allergrößten Einfluß auf mein Wesen und meine Bildung gehabt . Wenn ich oft verwirrt mich umtrieb , so zeigte er sich immer klar und fest . In meinen Ansichten über Literatur und Kunst hat er mir vorzüglich fortgeholfen und mich in meiner Liebe zur Poesie gekräftigt . Denn oft ist ein Fingerzeig eines stärkeren Geistes hinreichend , um uns auf lange Zeit in der richtigen Bahn fortzuhelfen . « » Wohl dem « , sagte Leonhard etwas kleinlaut , » dem das Schicksal solche Freunde zuführt ; es kann nichts Kläglicheres geben , als in seiner Umgebung immer der Klügste zu sein , und leider war das unter meinen Zunftgenossen nur zu oft mit mir der Fall . Man lernt auch wohl einmal vom Geringsten , aber das Schulgeld ist dann zu teuer . Der Verlust an Zeit und Stimmung in schlechter und mittelmäßiger Gesellschaft ist ein Kapital , welches die meisten Menschen viel zu gering anschlagen . « » Auf meinen Mannlich « , fing Elsheim wieder an , » habe ich bei unserm Komödienspiel am allermeisten gerechnet . Er besitzt ein herrliches Talent zur Darstellung , und seine Stimme ist die schönste , die ich jemals gehört habe ; darum ist er auch der beste Vorleser , den man finden kann , und die kleine Eitelkeit ist ihm zu verzeihen , daß er nicht leicht , wenn er zugegen ist , jemand anders in der Gesellschaft etwas laut vortragen , oder deklamieren läßt . Von den übrigen Menschen , die du wirst kennenlernen , will ich dir jetzt noch keine Beschreibung machen , du wirst sie selber zu würdigen wissen . Zwei schöne Mädchen finden wir , die Fräulein Charlotte Fleming und Albertine Fernow : die letzte wirklich , wie ihr Name , etwas albern . Sie sind uns weitläufig verwandt und wohnen im Sommer mit einer alten Tante oft bei meiner Mutter . Diese Albertine , so wünscht meine Familie , habe ich schon im vorigen Jahre heiraten sollen , und man ist mir böse , daß ich so bestimmt ausgewichen bin . O über die Ehen und über die Sucht so vieler guten Menschen , sie zu stiften ! Wer einem andern zu einer mißlichen Spekulation riete , und jener scheiterte daran und würde bankerott , der würde es bereuen und sich Vorwürfe machen ; darum hüten sich die Klügern , hierin zu überreden ; aber zu dem noch größeren Wagestück , die Menschen in die Ehe hineinzuschwatzen , sind so viele , besonders ältere Frauen , unermüdlich . « Als es Abend geworden war , rief Elsheim plötzlich : » Nun , siehst du , Kind , da liegt das Nest vor uns , in dem ich geboren bin und die ersten Kinderspiele trieb ! « Leonhard sah ein großes Gebäude vor sich , das mit großen Linden umgeben war , aus welchen die einzelnen Teile hervorschienen . Waldbekränzte Hügel zeigten sich in der Nähe ; die Häuser der Bauern waren geräumig , und Reinlichkeit schien Wohlstand zu verkünden . Man hielt an ; Bediente öffneten den Wagen , und ein kleiner alter Mann mit entblößtem weißgepudertem Kopf folgte ihnen ; er war in grauem Rock , schwarzseidenen Unterkleidern und weißen seidenen Strümpfen ; die zierlichen Manschetten hoben die Feinheit der kleinen Händchen noch auffallender hervor . Er verbeugte sich tief , als der Baron ausgestiegen war , und Leonhard , der nach dem Freunde den Wagen schnell verließ , erwiderte die Begrüßung mit einer ebenso tiefen Verneigung . » Ja « , sagte Elsheim , » das ist mein guter Joseph , ein altes , liebes Inventarienstück unseres Hauses , der Kammerdiener meiner Mutter . « - Leonhard folgte mit einiger Beschämung , weil er den netten geputzten Alten für einen Baron oder Grafen gehalten hatte . Dritter Abschnitt Leonhard saß am anderen Morgen angekleidet am Fenster und schaute über den Garten hinaus in das grüne Feld und zu den benachbarten Hügeln hinauf . Er war früh erwacht und fühlte sich wohl und erheitert , den erquickenden Duft des Morgens einzuatmen . Es freute ihn , einmal so ganz auf dem Lande einige Wochen zubringen zu können , und indem er nach dem nahen Franken hinüberblickte , erwachten alle seine jugendlichen Erinnerungen mit frischer Kraft , und alle Jahre , welche dazwischen lagen , entschwanden seinem Gedächtnis . Er ging dann in dem geräumigen hohen Zimmer gedankenvoll auf und ab , als der alte Joseph , zwar im Oberrock , aber doch nett frisiert und mit der frischesten Wäsche hereintrat , um ihn zu fragen , ob er das Frühstück auf sein Zimmer befehle , aber ob er es in Gesellschaft der gnädigen Frau und des jungen Barons einzunehmen gedenke . Leonhard entschied sich für das letzte , und Joseph empfahl sich mit einer tiefen Verbeugung , indem er sagte , daß man den Herrn Professor also unten in einer Viertelstunde erwarten werde . Leonhard war wieder , so wie gestern abend beim ersten Eintritt in das Haus , rot geworden . Sein junger Freund störte die beschämenden Betrachtungen , denen er sich eben hingeben wollte , indem er ihn umarmte und sich teilnehmend und herzlich nach seiner Nachtruhe und seinem Befinden erkundigte . » Meine teure Mutter « , sagte er dann , » darf dich auf keine Weise genieren ; sie ist die beste Frau von der Welt , gönnt jedem alles Gute und liebt ihren Nächsten ohne Ausnahme von ganzem Herzen . In ihrer Achtung , Hochachtung , Verehrung und Ehrfurcht macht sie jedoch natürlich verschiedene Abteilungen aber nur , wenn es die Not und Etikette erfordert . Ich kann dich versichern , Geliebter , daß du gestern beim Abendessen schon ihr ganzes Herz gewonnen hast . Und es ist wahr , ich habe mich selbst darüber gewundert , wie du mit deiner stillen Bescheidenheit diese ungesuchte Aufmerksamkeit , mit deiner natürlichen Weise diesen feinen Ton verbinden konntest . Wir bilden uns so oft törichterweise ein , so etwas werde nur in unsern , oft so langweiligen Zirkeln errungen . « » Ich hoffe « , erwiderte Leonhard , » daß mich bald diese ängstigende Verlegenheit verlassen wird , und ich mich in allen diesen Torheiten freier bewegen lerne . « » Laß nur erst « , sagte Elsheim , » den Schwarm , die Gesellschaft , die Weiber kommen , so wirst du es so gewohnt , daß die Einsamkeit dir nachher vielleicht drückend wird . « Sie gingen hinab und fanden die Mutter , welche sie freundlich , aber mit einer gewissen Feierlichkeit begrüßte . Indem rief der Baron : » Ei , wer kommt da herangesprengt ? Was ist das für ein dicker Mann ? « » Kennst du denn deinen intimen Freund nicht mehr ? « erwiderte die Mutter ; » er hat sich zwar in den fünf Jahren , daß du ihn nicht sahest , etwas verändert , aber er ist doch nicht unkenntlich geworden . « » Ist es möglich ? « rief der erstaunte Sohn aus , » ja , ja , er ist es ! Aber wie ist der Mann stark geworden ! Er ist ganz verwandelt und nur mit Mühe wiederzuerkennen . « Der Baron war schnell vom Pferde gestiegen , und sowie der große wohlbeleibte Mannlich in die Türe trat , flog Elsheim in seine Umarmung und rief : » Oh , mein Adolph ! sehen wir uns endlich nach so manchem Jahre wieder ? « Der Baron Mannlich , als der ältere , erwiderte die Begrüßung mit Herzlichkeit , aber gelassener , und beide Freunde betrachteten sich stumm ; dann fragten und sprachen sie allerlei Unbedeutendes durcheinander , wie es bei dergleichen Szenen des Wiedersehens wohl zu geschehen pflegt . Es wollte in ziemlich langer Zeit kein eigentliches Gespräch in den Gang kommen . Mannlich redete dann die Mutter an , und begrüßte auch den Fremden mit Teilnahe , welcher auch ihm als Architekt und Professor Leonhard vorgestellt wurde . Leonhard begab sich so bald als möglich nach dem großen Rittersaal , um ihn genau auszumessen und seinen Plan zu entwerfen , wie er am besten zu einem Theater eingerichtet werden möchte . Seine ehemalige Leidenschaft für das Theater kam ihm Jetzt sehr zustatten , da er so manche Bühne gemustert , ausgemessen und sich alle Erfordernisse derselben genau eingeprägt hatte . Als er aus dem Fenster sehend die beiden Freunde im Garten erblickte , ging er hinab zu ihnen , und sie wandelten in den belaubten Gängen unter heiteren Gesprächen lange auf und ab . Der Mittag war gekommen , und man setzte sich in behaglicher Stimmung an die Tafel . Man war noch beim Nachtisch , als Besuch in mehreren Wagen ankam . Ein Mann von mittleren Jahren half einer alten und zwei jungen Damen aus einem offenen Wagen , und begab sich , nachdem er mit Anstand seinen Dienst verrichtet hatte , zu dem zweiten Wagen , um auch dort zu helfen . Vom zweiten Fuhrwerk hüpfte ein ganz junges , übermütiges Mädchen lachend herab , indem sie die Hand des Helfenden zurückstieß ; ihr folgte ein Kammermädchen , und nach diesem ein ältlicher schlanker Herr , der sehr vorsichtig prüfend auf den Tritt und von dort zur Erde sich begab , indem er die angebotene Hülfe des Hülfreichen so sehr in Anspruch nahm , daß er sich von diesem fast mehr heben und tragen ließ , als daß er mit eigner Anstrengung auf den Boden gelangt wäre . » Da hätten wir ja fast unsere ganze Komödie beisammen ! « rief Baron Mannlich , der ihnen entgegengeeilt war . Nachdem die Begrüßungen im Saale mit förmlicher Freundlichkeit , oder kürzeren Redensarten , nach der Eigenheit der Charaktere , vorüber waren , und alle Platz genommen hatten , begann der wohlbeleibte Mannlich mit einiger Feierlichkeit : » Vereinigt sind nun die Hauptstützen oder die Träger unsers beabsichtigten Schauspiels , des Lieblingsstückes meines Freundes Elsheim , mit welchem er sich schon seit vielen Jahren beschäftigt hat . Er hat es für uns eingerichtet , und ich werde noch einige Verbesserungen für die bequemere Aufführung vorschlagen ; aber zugleich erbitte ich mir die Erlaubnis , es den Teilnehmern nachher in seiner originalen Gestaltung vortragen zu dürfen . Denn es ist natürlich , daß in unserer Umgestaltung und Abkürzung manche Motive , Andeutungen , Charakterzüge und dergleichen mangeln , die der Darsteller sich einprägen muß , um nicht vielleicht völlig in die Irre zu geraten . Wir haben nicht gewagt , aus eigener Erfindung dem großen Dichter etwas zuzusetzen , und es ist daher um so nötiger , sich mit dem Original recht vertraut zu machen , um nicht vielleicht aus Unwissenheit der Absicht des Poeten geradezu entgegenzuarbeiten . « Er sah mit seinen großen blauen Augen im Kreise umher ; der ältliche umständliche Herr nickte ihm sehr lebhaft Beifall zu , die Damen schlugen die Augen nieder , und jener Hülfreiche , der Mann von mittleren Jahren , ein Herr Emmerich , fragte mit kurzem und bestimmtem Ton : » Und wie besetzen Sie das Stück , da Sie doch der Direktor der Anstalt zu sein scheinen ? « » Wir haben manche Rolle « , erwiderte Mannlich , » wie Olearius , Liebetraut , den Abt von Fulda , ausgestrichen . « » O ewig schade ! « rief das kleine mutwillige Mädchen , » so fehlt ja gerade gleich das Beste im ganzen Stück . « » Es läßt sich nicht alles , was wir etwa wünschen , vereinigen « , erwiderte Mannlich sehr gesetzt : » Wunder genug , daß wir die Sache nur auf unsere Art zustande gebracht haben , es gehörte der ganze Enthusiasmus unseres Freundes dazu , die ungeheure Unternehmung möglich zu machen . In jeder großen Bestrebung , die sich vom Alltäglichen losreißt , muß man gleich bei der Ausführung derselben auf einen gewissen Abfall rechnen , auf Späne , die , indem sie das Brett formen , dieses auch dünner und schwächer machen . « » Sie meinen gewiß « , sagte der alte dürre Herr ,