, wenn ich von Gottes Erde mich weg wünschte , weil Unglück mich traf ; sie hätte umsonst für mich gelebt , wenn ich dem ersten Kampfe erläge , und nicht im Schmerze freudig bliebe und geduldig vor Gott . Nein , nein , ich will freudig sein , ich will - aber unendliche Thränen machten diese Angelobung der Freudigkeit unaussprechlich rührend . Bemüht , sie abzuziehen , hob die Herzogin an : Wie , Lady , wie verhielt sich Eure Mutter zu diesem Verhältnisse ? Sagt selbst , trat die Tante nicht der Liebe fast zu nahe , die Eurer Mutter , däucht mir , mehr gebührte , wie glich sich dies in Euerm Herzen aus ? Sicher so milde , als alles Uebrige unter diesen Schwestern , erwiederte unbefangen die Erzählerin , ich habe nie daran gedacht , ob ich darin fehlte , ich bin gewiß , man hätte es mir gesagt , wenn ich Unrecht damit that . Ich genoß nicht immer den Umgang meiner Mutter . Sie war kränklich und hielt mich von sich stets in einiger Entfernung ; nur Musik machte ich mit ihr in ihren Zimmern , sobald sie nicht ganz danieder lag , jeden Abend , und aus der Ferne fühlte ich mich stets durch die liebevollsten Anordnungen , die von ihr ausgingen , an sie erinnert . Nein , Mylady , sicher , ich kränkte meine theure Mutter nicht durch meine Liebe zu dieser Tante . Es wird mir recht klar darüber , nun ich daran denke . Diese theure Tante war so verehrt von aller Welt , daß dies selbst auf ihre nächsten Verwandten überging . Meine Mutter behandelte sie stets mit einer Liebe , die an Ehrerbietung grenzte . Mein Vater gab ihr den Vorrang im Hause , ja , selbst meine Großmutter , welche vor mehreren Jahren starb , schien mit Stolz in ihrer Tochter ein Wesen höherer Art zu erkennen . So fand Jeder meine Liebe natürlich , und nie war die arme , leidende Mutter mir darum weniger hold . Ich habe Euch nun noch zwei theure Personen zu nennen , welche ich immer bei den lieben Besuchen fand , die ich meiner Tante abstattete . Es war der Bruder meiner Tante , mein theurer Oheim , und sein Freund , und sie sind , theure Lady , die Einzigen , die mir das Schicksal übrig ließ . Sie hoffe ich wieder zu finden , denn sie leben in London an dem Hofe des Königs . Die wenigen Wochen , die wir dann mit einander lebten , sind die genußreichsten meiner Erinnerung . Wir blieben in der tiefsten Einsamkeit . Niemand , als die alten Diener des Schlosses , war um uns her , aber die Tage vergingen wie Stunden , ach , und ich zu glückliches Kind war der Mittelpunkt aller Liebe , aller Belehrung . Die Erzählungen dieser Männer belebten die einsamen Gemächer um mich her , an den Hintergrund der alten Geschichte meines Landes und Europa ' s reihten sie die Begebenheiten der Zeit . Ich lernte das Böse kennen , denn sie wollten mich davor behüten . Sie wußten lebendig mir alle die Wunder des Lebens zu schildern ; sie prüften mich dann , daß ich in ihren Erzählungen selbst das Rechte wählen und erkennen lernte . Sie erdachten tausend Proben für mein Gefühl , für meinen Verstand , für meine Kenntnisse , und oft sagte mir mein Oheim , ich sei vielleicht bestimmt , aus dieser tiefen Stille plötzlich in das Leben am Hofe und in große Verhältnisse zu treten . Doch stets müsse ich dort so still und gefaßt bleiben , wie hier , und die Würde des Karakters und der Handlungen über jede äußere Würde stellen . Diese Andeutungen konnte meine theure Tante nie ohne Thränen hören , wie ich überhaupt bei reiferen Jahren wohl einsah , daß dieser Engel unter großen Leiden gebeugt sei . Sie war so fromm , daß sie nie klagte , sondern stets gegen Gott voll Dank und Ergebung blieb , und indem sie mir großen Gram eingestand , mich doch immer aufforderte , nie zu murren , nie das Glück als nöthig zu betrachten , da das Unglück oft eher unser Herz veredle und diese Veredlung doch allein der Zweck unsers Lebens sei . Höchst schmerzlich war jedes Mal unsere Trennung , oft blieb ich länger , als mein Oheim , oft reiste ich früher zurück . Ein Jahr ist es jetzt , daß ich glückselig unter ihnen war , als die Nachricht von dem plötzlichen Tode meines Vaters uns erreichte . Er starb in Edinburg , wohin meine Mutter sich sogleich begab , die mich indessen bei der Tante zu lassen wünschte . Wir waren alle innig betrübt , und meine Thränen flossen ungestört seinem theuern Andenken . Auch blieb ich mehr unter Hanna ' s Aufsicht , da meine Verwandten wegen des plötzlichen Todes meines Vaters viel zu überlegen und zu schreiben hatten . Endlich kamen Nachrichten von meiner Mutter . Sie war zurückgekehrt nach Nordwighall . Die Besitzungen meines Vaters in Schottland waren entfernten Verwandten zugefallen . Dies Schloß in England mit seinen schönen Ländereien war als Geschenk der Königin Elisabeth unabhängig davon , und das Besitzthum der Witwe . Meine Tante führte mich zurück , und da die Gesundheit meiner Mutter sehr gelitten hatte , schien sie sich nicht von ihr trennen zu können , wobei meine Lage sie ebenfalls zu beunruhigen schien , indem ich durch die Entfernung des Doktor Brixton , welcher eine einträgliche Caplanstelle in Edinburg angenommen , fast einzig auf den Umgang von Hanna beschränkt war . Warum sie sich dennoch von uns trennen mußte , weiß ich nicht , da es ihr und uns allen so vielen Kummer machte . Von da an bezog ich Zimmer , welche an die meiner Mutter grenzten , und nur selten verließ sie seitdem das Bett oder diese Zimmer . Doch auch jetzt noch hielt sie mich bei aller Liebe , die sie mir schenkte , und so viel meine Bitten es ihr nur möglich ließen , von sich entfernt . Ich mußte , so oft es bei diesem Alleinstehen sich thun ließ , meinen Beschäftigungen und Vergnügungen nachhängen , doch reiten durfte ich nur in dem weitläuftigen Park , schießen nur in dem beschränkten Schloßhof , zum Tanzen gab es keine Veranlassung , und ich hatte keine Gespielin mehr . Dagegen trieb ich fleißig meine mit Brixton begonnenen Studien , besonders die alten Sprachen , die ich so gerne mag . Da brach , durch den traurigen , feuchten Winter ohne Kälte veranlaßt , bei dem ersten Hauch des Frühjahrs ein schreckliches epidemisches Fieber um uns her aus und raffte Hunderte in unserer Nähe dahin . Ach dies war damals mein größter Kummer , und vermehrt durch das strenge Gebot , nicht über die Grenzen der Terrassen mich zu begeben , wo man die Luft noch am gesundesten hielt . Wie bald ward nun mein Elend von einem Punkt zum andern vermehrt ! Unglaublich war mein Entzücken , als plötzlich meine Tante eintraf . Ihr Entschluß war , bei der Nachricht von der Epidemie , die um uns her wüthete , uns entweder , wenn es die Kräfte meiner Mutter erlaubten , von Nottinghall zu entfernen oder die Schreckenszeit mit uns zu theilen . Meine Mutter wünschte sehnlich uns zu entfernen , aber mit Entsetzen erfüllte mich der Gedanke , die einsam Leidende zu verlassen . Man drang nach den ersten Versuchen nicht weiter in mich ; aber die starke und zärtliche Mutter bot nun ihre letzten Kräfte auf , um abzureisen . Ach , dies große Opfer ihrer Liebe raubte sie uns auf immer . Sie ließ sich auf die Terrasse führen , die lang entwöhnte Luft zu athmen , ach , sie sog den Tod ein , der in dieser Luft seinen Hauch aussandte . Noch in derselben Nacht zeigte sich das schreckliche Fieber , welchem dieser entkräftete Körper keinen Widerstand zu leisten vermochte . Am dritten Tage war sie dahin . Ach , ich habe sie nicht gepflegt , nicht ihren letzten Seufzer gehört . Meine Tante , welche ihr Lager verließ , sagte mir , mein Anblick und die Furcht einer Ansteckung würde sie tödten ; sie brachte mir ihren Segen und ihren letzten Befehl , sogleich abzureisen . Ich war in einer willenlosen Betäubung . Wir reisten den zweiten Tag ab , denn die Folgen dieses Fiebers waren so schrecklich , daß meine Mutter schon den andern Abend nach ihrem Tode beigesetzt werden mußte . Doch so tief ich auch in Schmerz versenkt war , nur zu bald gewahrte ich an meiner theuern Tante , welch ' neues Leiden über uns einbrach ! Sie hatte an dem Bette ihrer Schwester die schreckliche Ansteckung eingeathmet , und das Fieber brach am zweiten Reisetage aus . Wir erreichten das Schloß , aber - laßt mich meine Gefühle übergehen , denkt sie Euch . Ich sah Alles , was mir theuer war , dem Tode verfallen ; der Tod bereitete sich auch in ihren Adern vor . Sie sagte mir , es sei nöthig gewesen , einem jüngern Bruder ihrer Schwester von dem Tode derselben Anzeige zu machen , er werde vielleicht erscheinen , aber sie verlange , daß ich in der Zeit mein Zimmer nicht verließe ; ich würde unter dem Schutze meines ältesten Oheims stehen , von dem sie nur Nachricht erwarte , um mich alsdann in Sicherheit zu wissen . Außerdem sollte ich Hanna und Gersem , ihrem Kammerdiener , folgen , sie hätten in allen Fällen ihre Befehle für meine Sicherheit . Sie blieb noch lange bei mir und war bemüht , meinen grenzenlosen Schmerz zu mäßigen , obwohl sie selbst oft ihre Thränen strömen ließ . Gegen das Ende unserer Unterredung ward sie ohnmächtig . Man trug sie auf ihr Bett ; sie verließ es nicht wieder . Ach , was von da an mit mir geschah , so lang ich im Schlosse war , weiß ich kaum . Ich lag in dem Vorzimmer , das zu meiner Tante führte , auf den Knieen , bis sie mir ihren Tod nicht mehr verheimlichen konnten . Mich verließ die Besinnung . Als ich erwachte , saß Hanna an meinem Bette , ich durfte nicht weinen , todtenstille im verhängten Zimmer mußte ich bleiben , der gefürchtete jüngere Oheim war angekommen , Alles bebte vor ihm , man zitterte , ihm meine Gegenwart zu verbergen , man fürchtete noch mehr , sie zu verrathen . Ein mir völlig fremdes Gefühl , das der Furcht vor einem Menschen , so unbekannt , so grauenhaft , weil ich nicht errathen konnte , was ich zu fürchten hatte , ergriff mit dem Schmerze zugleich meine Seele . Noch war keine Nachricht von meinem älteren Oheim , meinem Beschützer , eingegangen , und ohne diesen durften wir das Schloß nicht verlassen . Gersem war in die Nähe des gefürchteten neuen Herrn gebannt , der indeß von Allem Besitz nahm , und dem diese Zimmer nur entgingen , weil sie ein Anbau in einem kleinen Seitentheil des ganz alten Schlosses waren . Die Leiche meiner Tante war auf seinen Befehl ausgestellt , und Hanna sagte mir , sie sei schön und unverstellt , wie lebend , denn das Fieber schien , wenn auch noch tödtlich , doch seinen zerstörenden Karakter an dieser schönen Leiche verloren zu haben . Ach , diese Worte vollendeten mein Unglück . Von da an ließ meine heißeste Sehnsucht , sie noch einmal zu sehen , mir keine Ruhe mehr . Hanna blieb unerbittlich und schob endlich Alles auf Gersem , der am Abend , wenn er sich von seinem Herrn entfernen dürfte , zu uns kommen wollte . Er kam und blieb lange fest , denn der Saal , in dem sie stand , war nur durch eine Gallerie zu erreichen , an der die Zimmer lagen , die der Oheim bewohnte ; aber ich trieb mit meinem Ungestüm mein hartes Geschick herbei . Zu seinen Füßen strömten meine Thränen , meine Worte . Er willigte ein . In meinen Trauerschleier gehüllt , folgte ich ihm um Mitternacht mit zitterndem Schritt . Hanna verschloß hinter uns sich in die Zimmer , die wir verließen . Glücklich erreichten wir den Saal , zu dem Gersem den Schlüssel führte . Ich sah die Züge , die mein Leben beglückt hatten , zu denen einer Heiligen verklärt . Lange betete ich an ihrem Sarge , gelobte ihr Alles , was sie lebend von mir begehrt ; ihr Anblick hatte mich über den Schmerz erhoben , ich fühlte mich völlig besonnen , als ich Gersem aufschreien hörte und eine gellende Stimme an mein Ohr traf . Ich sprang auf , um zu entfliehen , aber ich fühlte mich gehalten , und ein Blick auf den , der mich ergriff , sagte mir , ich sei in der Gewalt des gefürchteten Oheims . Ach , was er sagte , kann ich nicht wiederholen , es waren wüthende Schmähungen , Spott , Gelächter an dem Sarge seiner Schwester ! Verzweiflung ergriff mich , ich rang mit ihm , er behielt meinen Trauermantel , und als mein erbleichtes Angesicht vor ihm enthüllt war , glaubte seine feige Seele einen Geist zu schauen . Er schrie wild auf , verhüllte sein Gesicht , und er war es nun , der fliehen wollte . Zugleich fühlte ich mich von Gersem weggezogen . Doch wir hatten noch nicht die Thüre erreicht , da hatte der Elende sich gefaßt . Du bist also kein Geist , schrie er lachend , nun so sei mir willkommen ! Er entriß mich Gersem , ich schien verloren , meine Sinne schwankten , meine Kräfte brachen . Da stürzten die Diener plötzlich herein , und der Ruf von Feuer drang uns entgegen . Er ließ mich nun los und eilte nach der Gallerie , wir ihm nach , zu entfliehen . Das Feuer stürzte uns prasselnd aus der Gegend , wo wir Hanna verlassen , entgegen . Ich wollte mich hinein stürzen , Hanna zu retten ; aber Gersem warf meinen wieder aufgehobenen Mantel über mich , rief Hanna ' s Gefahr einem Andern zu und schleppte mich mit überlegener Kraft durch die Gänge nach dem Garten . Hier gab er mir Luft , aber nöthigte mich , eilig weiter zu fliehen , bis wir , aus dem Park entkommen , einen Meierhof erreichten . Hier verhüllte er mich wieder und verbarg mich in einer hohen Hecke . Er forderte zwei Pferde , die man ihm , als angesehenen Schloßbedienten , nicht versagte . Eine Strecke vom Hause bestiegen wir sie und jagten fort . Gersem sagte mir , er wisse kaum wohin , doch nach London müsse ich . Er gab mir ein kleines schwarzes Buch ; ich kannte es wohl , es gehörte meiner Tante ; ich solle es auf meiner Brust verbergen , er habe es seit ihrem Tode immer bei sich getragen . Die Angst vor der wilden Nähe jenes Mannes verschlang bei mir jedes andere Gefühl , ich fürchtete nichts , als ihn . Nach London wollte auch ich , dort lebten meine Beschützer , das wußte ich . Doch es war anders bestimmt . Unsere Pferde trugen uns noch den andern Tag , doch dann nicht länger . In einer kleinen Herberge in einem Walde kehrten wir ein . Ein altes gutes Weib suchte mich zu erquicken , obwohl sie wenig besaß und ich unfähig war , Nahrung zu nehmen . Gersem pflegte unsere erschöpften Pferde . Wir mußten die Nacht rasten , obwohl kein Schlaf uns erquickte , denn mein Herz war erfüllt von Schmerz , und die schreckliche Ungewißheit von Hanna ' s Schicksal fügte noch neue Leiden hinzu . Mit dem ersten Morgenstrahl brachen wir auf , doch unsere Eile war umsonst . Um Mittag hörten wir den Hufschlag von Pferden hinter uns . Gersem hatte keinen Zweifel , daß es unsere Verfolger seien . Da ergriff ihn blinde Wuth und Verzweiflung . Er trieb mein erschöpftes Pferd an , und die immer näher kommenden jagenden Pferde frischten auch in den unsern den natürlichen Instinkt an , jene nicht vorkommen zu lassen . Doch dieser Wettlauf blieb in einer offenen öden Gegend dennoch ohne Erfolg . Verwünschungen trafen unser Ohr , Staub hüllte uns ein , im Nu waren wir umringt . Der fürchterliche Mann ergriff meine Zügel , er wollte mich selbst ergreifen , aber mein Abscheu benahm mir jede Furcht . Ich befahl ihm , mich nicht anzurühren , und er gehorchte mir ; aber er nannte Gersem Entführer , Verräther . Ach , noch mehr böse Worte folgten , und er wollte wissen , wer ich sei . - Wer sie ist , gehört nicht vor Euch und geziemt mir nicht , Euch zu sagen ; aber hütet Euch , sie zu kränken , fürchterlich wird die Rechenschaft sein , die Ihr zu geben habt , fürchterlich die Strafe , die Euch erreichen wird . - Doch diese muthigen Worte , die meinen Verfolger erschrecken sollten , erhitzten ihn nur mehr . Ich mußte sehen , wie dies ehrwürdige Gesicht von einem Schlage seiner wilden Hand verletzt ward , während er mich sogleich anrief , ihm zu folgen . Doch mich in die rohe Gewalt dieses Mannes zu begeben , schien mir härter , als der Tod . Ich will nicht mit Euch , ich will nach London , dort finde ich Schutz ; laßt mich weiter reisen ! rief ich außer mir . Er stieß hier ein so wildes Gelächter aus , daß ich schaudernd mich wegwandte . Doch in dem Augenblick fühlte ich seinem Arm um mich . Ach , mein Angstgeschrei riß Gersem wild wie einen Löwen herbei . Er hatte den schrecklichen Mann , der mich hielt , schon ergriffen , als dieser wüthend seinen Degen zog . Ich sah nur noch , daß er blitzend über Gersems Haupt flog , und die tiefe breite Wunde in seinem Schädel , mit der er niederstürzte . Als meine Besinnung wiederkehrte , hörte ich ein geistliches Lied mit leiser Stimme neben mir singen , und der feine Geruch von dem ersten Grün des Kalmus und der Weide war um mich verbreitet . Ich versuchte die Augen zu öffnen , aber ich fühlte mich so erschöpft , daß ich es erst vermochte , nachdem die wiederkehrende Besinnung mir all ' die erlebten Schrecken zurück rief . Ich sah mich in einem düstern niedrigen Zimmer , spärlich von einer Lampe , mehr durch das Licht des Mondes , der in seiner Fülle durch ein offenes Fenster drang , erhellt und auf einem Lager ausgestreckt , wie man es für Sterbende von Stroh , mit weißen Tüchern bedeckt , zu bereiten pflegt . An meiner Seite saß ein Weib in armseliger Bauertracht , sie sang das Lied , welches mich zuerst erweckt , und dessen rührende Worte mir jetzt verständlich wurden . Dazwischen drang aus einem andern Theile des Hauses heftiges Gespräch und Gelächter . Ich wollte mich eben mit aller Kraft erheben , obwohl meine Glieder mir steif und todtenkalt erschienen , als das fromme Lied meiner Gefährtin durch Männerschritte unterbrochen , die Thür aufgestoßen ward , und ein Mann eintrat , dessen erstes Wort mich meinen Verfolger erkennen ließ . Kaum unterdrückte ich den Schrei des Entsetzens , doch meine Erstarrung half mir ; ich schloß sogar meine Augen . Er fragte das Weib , ob ich noch kein Lebenszeichen gegeben . Sie ist todt , Sir , sagte die Alte , in der ich nun diejenige erkannte , die mich am Tage zuvor gepflegt hatte ; glaubt mir , das junge Leben ist dahin . Schweig ' ! rief er wild , todt oder lebend , sie muß mit fort ; so wie der Morgen kömmt , breche ich auf , und Ihr geht und sorgt für meine Leute ! Er näherte sich meinem Lager und bog sich über mich . Welch ' ein Augenblick ! Ich preßte den Athem zurück , unbestimmt noch fühlte ich , dies müßte meine Rettung werden . Und was ist das ? rief er wild , indem er , wie es schien , einen Zweig aus meiner Hand riß , was sollen diese Todtenkräuter ? Ich bestreute ihre Leiche mit dem ersten Grün , sprach das gute Weib ; soll ihr junger Leib da liegen , ohne den Schmuck der Jugend ? Ich glaube , ihm graute , denn er verließ schnell das Zimmer . Ich hielt den Athem an , bis seine Schritte in dem Geräusche der untern Stube verhallten , dann nahm ich alle meine Kräfte zusammen , um zu sprechen . Doch meine ersten Worte ergriffen die gute Frau , die sich in den Gedanken an meinen Tod vertieft hatte , so heftig , daß sie mich hätte verrathen können . Sie sagte mir auf meine Frage , die Leiche meines Begleiters sei am Tage vorher schon weiter gebracht , mir aber habe der Herr da unten etwas Ruhe lassen wollen , da er mich nicht für todt gehalten hätte . Doch gab sie endlich meinen Bitten nach , mich zu befreien . Ich knüpfte ein Seil , welches sie herbeischaffte , an den Fensterrahmen , um meines Entkommens Verantwortlichkeit der guten Alten abzunehmen . Dann eilte ich , ach kaum fähig zu gehen und doch von Angst getrieben , an der fürchterlichen Thür vorüber aus der Hütte . Im Walde fand ich einen Knaben , den sie mir mitgab , mich auf die Heerstraße nach London zu führen ; weiter reichten meine Gedanken für ' s Erste nicht . Noch ehe der Mond unterging , waren wir hindurch , denn ich fühlte meine Kräfte auf ' s Neue erhöht . Als wir nach dem Verschwinden des Mondes bei nun eingebrochener Dunkelheit die Heerstraße erreicht hatten , verließ mich mein letzter Trost , der gute Knabe , den ich nicht aufhalten durfte , um nicht seine Mutter und mich zu verrathen . Ich war nun allein , und unter welchen Umständen ? Aber Gott hielt mein Herz , er rief meine Gedanken zu sich , ich konnte zu ihm beten , und die Schrecken meiner Lage fielen ab von mir ; als ob um mich her sichtbare Engel gingen , so muthig , so in der Gegenwart Gottes fühlte ich mich . Als der Morgen anbrach , war ich weit vorgedrungen . In der Nacht mußte ich an der Stelle vorüber gegangen sein , wo der Mord an Gersem verübt war . Ich befand mich schon auf Punkten , die ich Tages vorher nicht gesehen , und die Straße war noch gebahnt ; doch das Tageslicht erfüllte mich mit neuem Grauen . Ich bemühte mich , meine Kleider unscheinbar zu ordnen ; aber endlich kamen Menschen daher , und ich erregte doch so viel Erstaunen , daß ich mich jeden Augenblick neuen Gewaltthätigkeiten ausgesetzt glaubte . Auch stellte sich bei zunehmender Müdigkeit ein unabweisbares Bedürfniß nach Nahrung ein ; aber der Muth fehlte mir , bei gänzlichem Mangel an Gelde , in den Dörfern oder Hütten darum zu bitten . Ich hoffte durch Schlaf mich zu stärken und suchte in einem Gehölze hinter einer hohen Hecke einen Ruhepunkt . Aber der Schlaf mag nicht erscheinen , wo Durst und Hunger quälen ; er nahte mir nicht , und mit Entsetzen fühlte ich so meine Kräfte immer mehr schwinden . Ich scheute den Tod nicht , obwohl Gott es weiß , daß ich ihm gehorsam blieb und ihn nicht rief ; aber meine Gedanken stumpften sich immer mehr ab , so daß ich endlich , ganz gleichgültig gegen Alles , mich wieder weiter schleppte . Meine klarste Vorstellung ist , daß ich von der Kälte des Morgens am Rande eines Waldes erweckt ward . Meine Kleider waren naß vom Thau , ich fühlte Frost ; der Wald schien mir wärmer ; darauf waren meine Betrachtungen beschränkt . Ich ging weiter , denn daß ich fort mußte , lag dunkel in mir , doch wie weit noch , ehe ich diese rettende Zuflucht erreichte , das weiß ich nicht , und selbst daß ich die Treppe zur Terrasse erreicht , wie man mir sagt , wo ich gefunden ward , ist mir völlig entschwunden und muß in der Betäubung geschehen sein , die mich zuletzt meines Kummers und aller meiner Leiden überhob . Jetzt , Mylady , wißt Ihr Alles , was ich selbst in mir hervorzurufen vermochte , und ich athme leichter , nun Ihr es wißt ; denn ich werde nun Eures Rathes genießen , und mein Name und meine Ehre werden außer Zweifel vor Euch sein . - Ob dem wirklich so war , wenigstens in Betreff des Namens , hätten vielleicht Alle bezweifelt , die den abgeleiteten Blick gewahrt hätten , den die Herzogin bei diesen letzten Worten über ihren Schützling warf . Er ging indeß an dieser Seele unbemerkt vorüber , und die Herzogin war zu tief von dem eben Gehörten erschüttert , um nicht sanftern Gefühlen Raum zu gönnen . Liebreich zog sie die von der Erzählung tief Bewegte an ihre Brust und führte sie gegen das warme Licht der Sonne , und das kindliche Wesen nahm so ruhig an dem Busen der Herzogin Platz , als könne diesem Haupte kein sicherer und wohlthuenderer Ruhepunkt geboten werden . Sanft verhieß ihr die Herzogin noch ein Mal Schutz , und die Lady küßte stumm und innig ihre Hände . Und nun , Mylady , flehte sie sanft , gebt mir bald Mittel , meinen Oheim von meinem Schicksale zu unterrichten . Die Herzogin schwieg einen Augenblick , dann sagte sie : Ich fühle mich allein nicht stark genug , Euch den besten Rath zu geben , doch morgen erwarte ich meinen Schwager und meinen Sohn von London zurück . Wenn Ihr mir erlaubt , so theile ich dem Ersteren Eure Erzählung in den Hauptsachen mit ; er kennt alle Umgebungen des Hofes , alle Große des Landes , er wird Euch am Ersten sagen , wo ihr Euern Oheim , den Grafen von Marr , auffindet . Ich hoffe jedoch , Ihr werdet hier unter weiblichem Schutze lieber weilen , bis Euer Oheim für Euch eine ähnliche Stellung ersehen , als ihn aufsuchen , und so biete ich Euch noch ein Mal meinen Schutz auf jegliche Dauer an . Nachdem die junge Gräfin Melville auch für die neue Gunst innig gedankt hatte , schien sie merklich ruhiger ; nicht so die Herzogin . Für diese unglückliche Frau begann erst jetzt der schwerste Kampf . Mit schwankender Stimme hob sie an : Ich habe Euch bis heute Euer Eigenthum aufgehoben und lege es jetzt in Eure Hände . Mit diesen Worten nahm sie ein Kästchen , welches die Juwelen der Gräfin enthielt , und fuhr dann fort : Wollt Ihr mir wohl die Bedeutung dieser schönen kunstvollen Gaben nennen ? Sicher theure Andenken von eben so theuern Personen . Ihr seid unwohl , Frau Herzogin , sprach die Gräfin , ihr in das Gesicht blickend , setzt Euch nieder ; ich habe Euch ermüdet ! Laßt mich Euch führen ; ich setze mich zu Euch und erzähle Euch von diesen Gaben ; das wird Euch erheitern , denn es sind nur schöne Rückerinnerungen . Daß Ihr sie gefunden und mir aufbewahrt habt , sagte mir Mistreß Morton ; denn mit meiner Besinnung trat auch mein Schmerz über den Verlust dieser theuern Güter ein , die ich gelobt hatte nie abzulegen . Dies Buch , sprach sie weiter und hob das mit der Perle verschlossene Portefeuille heraus , gehört mir nicht ; nur in den Händen meiner Tante sah ich es . Habt Ihr den Inhalt untersucht ? fragte sie , und ihre Finger schienen zagend auf dem Schlosse zu ruhen ; sollte es wirklich für mich bestimmt gewesen sein ? Hat sich Gersem nicht getäuscht ? Was glaubt Ihr ? darf ich es öffnen ? - Es ist nicht leer und der Inhalt wohl sicher für Euch bestimmt , sagte die Herzogin . Ich muß Eure Verzeihung erbitten , daß ich die Bedenklichkeiten , die Euch jetzt bewegen , weniger obwalten ließ . Als man es mir mit den Juwelen , die Ihr trugt , übergab , öffnete ich es , in der Hoffnung , vielleicht dadurch mit Euerm Namen oder Euern Angehörigen bekannt zu werden , und den um Euch Bekümmerten Nachricht von Euch geben zu können . Doch ich fand , sonderbar genug , nur zwei Wechsel von tausend Pfund , ausgestellt auf das Handlungshaus Perrisson , und denkt Euch selbst , wie ich erstaunen mußte , die Adresse von unserm Schlosse in London und den Namen meines Gemahls ! Wie ? rief hier die junge Gräfin , und die helle Röthe der Freude verschönte ihr liebliches Gesicht . So wäre ich zu Euch hingewiesen von meiner theuern Tante , an Euch , und Ihr wäret vielleicht bekannt mit ihr oder Euer Gemahl ? Ich kannte nie eine Gräfin von Marr , erwiederte die Herzogin , und auch von meinem Gemahl hörte ich sie nie erwähnen . Doch scheint mir selbst hier ein Zusammenhang zu walten , der mir wenigstens , bis wir ihm durch Nachforschungen näher treten , das unbestreitbare Recht geben dürfte , Euch als an mich gesandt anzusehen , da der nicht mehr unter den Lebenden weilt , dem zunächst die Pflicht gegönnt war . O welch ' eine glückliche Wendung nimmt jetzt mein trostloses Schicksal ! rief die Gräfin , und der in der Jugend so leicht gefundene Uebergang vom Schmerze zur freudigen Hoffnung schien auch sie belebend zu ergreifen . An Euch ward ich gesandt , und Euch mußte ich finden , ohne die Absicht , Euch zu erreichen . Durch Noth und Tod lenkte Gott die willenlosen Schritte bis zu Euch . Sagt selbst ,