zusammen , stand auf , und wünschte seinem Wirte gute Nacht . Wilhelmi überschaute das Zimmer , welches freilich einen ungewöhnlichen Anblick darbot , lachte herzlich , wie ein vergnügtes Kind , und rief : » Hier sieht es munter aus ! « Flämmchen war an einem Stuhle in tiefen Schlaf gesunken . Hermann versuchte , sie auf ihre Füße zu stellen , vergebens ! sie fiel immer wieder zusammen . Er wußte , daß sie von diesem Todesschlummer oft befallen wurde . Endlich lud er sie auf seine Arme und trug sie fort . Ihr Westchen war aufgegangen , die Nadel war aus dem Hemdkragen gewichen , der schönste , jüngste , frischeste Busen sah ihn an , als er sie auf ihr Lager niederlegte . Sein Blut , von der Schwärmerei des Abends erhitzt , wallte siedend auf , er wollte , wie vor einem Gespenste seiner Gedanken sich flüchten , weit , weit weg , und blieb gefesselt stehn , das schöne Kind mit seinen Blicken verschlingend . Endlich drückte er ihr einen heißen Kuß auf die Lippen , Tränen entstürzten seinen Augen ; er meinte , er sagte sich selber vor , daß er das arme verwahrlosete Geschöpf aus Mitleid geküßt habe . Durch die Nacht erklang von draußen ein Lied zur Gitarre . Eine tiefe , sonore Baßstimme sang folgende Strophen : Steh still mein Herz , und rühr ' dich nicht , Kannst ja ein zweites Herz nicht rühren ! Doch liebe , bis der Tod dich bricht , Ins Land der Kälte dich zu führen . Aus aller Blüten schönem Reich Hab ' ich die tauben nur erworben , Mein Leben ist ein welker Zweig , Ich bin allein , und schon gestorben ! Verwundert sah Hermann im nahen Hause des Arztes noch Licht . Er überzeugte sich , daß der Gesang aus dessen Zimmer kam . Was hatte der kalte , abgeschloßne Mann mit solchen Gefühlen zu schaffen ? Zwölftes Kapitel Wilhelmis Erwachen war äußerst schmerzlich . Der Diener Philipp hatte nicht gewagt , die Unordnung anzurühren ; er ließ alles stehn und liegen . Denn seiner Meinung nach war es bei dem Herrn nicht mit rechten Dingen zugegangen , und er wünschte , daß dieser sich selbst von dem Greuel überzeugen möge . » Bei uns hat der Satan gewirtschaftet , Herr Kammerrat « , sagte der Mensch , als er ihn endlich spät aus dem Bette holte . Wilhelmi fühlte sich matt und angegriffen , aber er meinte in die Erde zu sinken , als er sein Zimmer betrat . Schon der gedeckt stehngebliebne Tisch mit den Resten der Mahlzeit würde hingereicht haben , ihn höchlich zu verstimmen ; was war jedoch dieser Tisch gegen die Stühle , die Flämmchen in ihrem Mutwillen zu einer Pyramide zusammengeschoben , gegen den Tintenstrom , der sich aus der umgeworfnen Flasche ergossen hatte , gegen die zerschlagne Scheibe , und endlich gegen die Schnurrbärte des Plato und Pythagoras ? Ärgerlich befahl er dem Diener , schnell aufzuräumen , und ging zum Herzog , der , wie er hörte , schon nach ihm verlangt hatte . » Nun , Sie sind gestern abend recht lustig gewesen ! « rief ihm der Fürst heiter entgegen . » Ich habe die Genesung unsres jungen Freundes gefeiert « , versetzte Wilhelmi mit halber Stimme . » So werden wir ihn ja endlich auch wohl zu sehn bekommen « , sagte der Herzog einigermaßen empfindlich . » Aber die Briefe , wo sind sie ? lassen Sie mich sie unterschreiben ! « » Welche Briefe , Ew . Durchlaucht ? Ja , die Briefe ! - Großer Gott , die Briefe ! - O ich Unseliger ! « Es war Posttag . Wichtige Geschäftsbriefe , deren Abgang aus manchen Gründen beschleunigt werden mußte , waren zu schreiben gewesen ; Wilhelmi hatte sich vorgenommen gehabt , den Rest des Abends oder den frühen Morgen dazu zu verwenden , als er Hermann in sein Zimmer führte . Pünktlich sonst in seinem Dienste bis zum Pedantischen , war er jetzt so gröblich von der Regel abgewichen , welche den Ehren- und Angelpunkt seines Lebens bildete , und bei welcher Veranlassung ! Er geriet völlig außer sich , und ergoß seinen Kummer , ohne der Gegenwart des Herzogs zu achten , in einer verzweiflungsvollen Rede über die Schwäche und Inkonsequenz des Menschen . Kaum konnte ihn der Herzog , der diesen gewaltsamen Ausbruch eines unbegrenzten Pflichteifers ( denn darin suchte er den Grund desselben ) nicht ungern hörte , durch herablassende und gütige Worte einigermaßen beruhigen . Indessen kleidete sich Hermann an , um seinen Besuch bei der Fürstin zu machen . Zur guten Stunde war ein schwerer Geldbrief vom Oheim angelangt , nebst Abrechnung und Beilagen , die er durchzusehn , sich noch nicht die Zeit genommen hatte . Sogleich war ein Bote im gestreckten Trabe nach der Stadt geschickt worden , um das Notwendigste herbeizuschaffen , was zur anständigen Kleidung gehört . Mit großer Genugtuung vervollständigte er die ihm für Flämmchen anvertraute Summe wieder , von welcher er die Zeit her zu seinen Ausgaben hatte nehmen müssen . Es blieb ihm ein sehr bedeutender Überschuß , er sah sich im Spiegel vorteilhaft ausstaffiert , er fühlte sich frei , berechtigt , wie jeder mit Gelde versehne Mensch . Nur von der Ausschweifung der vergangnen Nacht empfand er noch einige Nachwehen . Aber auch diese verschwanden , als er in das Zimmer der Herzogin trat . Homer erzählt von einem Kraute Moly , dessen Genuß alle Einflüsse unheimlichen Zaubers abwendet , und es war Hermann , als habe ihm ein himmlisches Wesen so ein schützendes Mittel gereicht , da er den holden Duft süßer Wohnlichkeit einsog , der durch das heitre prächtige Gemach hinwehte . Die Herzogin hieß ihn freundlich willkommen ; er ward aufgefordert , ihrem Stickrahmen gegenüber Platz zu nehmen . Nun war ihm erst wie einem Gesunden zumute . Unterwegs hatte er einen Entschluß gefaßt , den auszuführen er für Pflicht hielt . » Wie ? « sagte er , » du hast gehorcht , du bist im Besitz der Hälfte eines Familiengeheimnisses , und deine Wohltäter wüßten von diesem Umstande nichts ? - Wahr zu sein hast du geschworen , beweise hier auf die Gefahr , in Ungnade zu fallen , daß du deinen Eid halten willst . « Als daher in dem Gespräche eine Pause entstand , fing er seine Beichte an , in welcher er freilich den Umstand betonte , daß ihn nur der Zwang der Umstände zum unerbetnen Vertrauten gemacht habe . Er beteuerte , daß , was er gehört , für ewig in seinem Busen begraben bleiben werde , und schloß mit der Bitte , ihm zu sagen , ob er auf der Stelle einen Ort verlassen solle , wo sein Anblick vielleicht mißfällig sei ? Die Herzogin hatte sich , um ihre Bewegung zu verbergen , anfangs tief auf ihre Arbeit niedergebeugt ; bald aber fand sie sich , und noch während Hermann sprach , faßte sie einen Plan . Sie glaubte , vielleicht zu sehr , an einen vernünftigen Zusammenhang der Zufälligkeiten in der Welt , und sah in der Dazwischenkunft des jungen vielversprechenden Fremdlings so etwas von einem Winke der Vorsehung . Ganz beruhigt erhob sie daher ihr Haupt , als jener geendet hatte , und sagte : » Daß es mir nicht angenehm sein kann , von Ihnen belauscht worden zu sein , begreifen Sie selbst . Indessen waren Sie unschuldig daran , und damit ist die Sache abgemacht . « Er hoffte , sie werde ihm irgendeine tröstliche Andeutung geben , wie die seine Näherung ablehnenden Worte , welche sie damals zugleich gesprochen hatte , zu verstehen wären , aber vergebens . Schon erwartete er mit Herzklopfen seine Entlassung , als die Herzogin , scheinbar nur , um das Gespräch fortzuführen , einige Fragen nach seiner Vaterstadt tat . Mit weiblicher Feinheit wußte sie den Faden von Straße zu Straße zu spinnen , bis nach dem Hause seiner Eltern , und so war er auf einmal , er merkte selbst nicht , wie , in einer Erzählung von seiner Jugend und von seinen frühesten Verhältnissen begriffen . » Es ist gewiß « , sagte er , » daß dem Menschen nichts mehr schadet , als wenn über dem Gemälde seiner ersten Tage ein verworrnes unruhiges Licht zittert . Das Kind soll , wie die Pflanze , aus festem Boden , unter dem gleichen Scheine der nach ewigen Gesetzen wiederkehrenden Sonne emporwachsen . Ich dagegen bin in einer Lage zum Bewußtsein gekommen , die viel von dem Schwanken des Schiffbruchs , oder vom Stegreifsleben einer Nomadenhorde hatte . Ich war etwa neun Jahre alt , als es dem damals Allmächtigen beliebte , auch unsre gute ehrwürdige Reichsstadt unter die Fürsorge seines Zepters zu nehmen . Nun sollten wir Franzosen werden , blieben Deutsche , und niemand wußte , was bei der Sache herauskommen werde . Auf großen Tafeln stand mit ellenlangen Buchstaben zu lesen , daß wir jetzt eine Munizipalität , ein Tribunal , und eine Präfektur statt des Rats der Oberalten , des Schöppenstuhls und der Pfennigmeisterei hätten . Die Patrioten zogen sich ins Dunkel zurück , schweigend , wie grollende Titanen , die Geschichte der eignen Stadt , womit sonst ein Knabe aufgenährt wird , blieb uns fremd ; wer mochte von der Vergangenheit reden , der man das ganze Unglück der Gegenwart aufbürdete ? Wir liefen hinter den neuen Mäntelchen , Krägelchen und Schärpen her , bis wir hörten , in den hübschen Kostümen steckten lauter abgefeimte Schelme . Rings um uns zischte es von nichts , als von Bestechungen , Kabalen , Begünstigungen durch die niedrigsten Mittel . Welche Eindrücke für ein junges Alter , worin alles so scharf aufgefaßt wird . « » Sonderbar « , sagte die Herzogin . » Ich lebte damals in Paris . Es war der ruhigste Ort auf der Welt . Niemand fühlte die Bewegung , die den ganzen Erdboden erschütterte . Man sah derselben , wie einem Schauspiele zu ; die Bulletins glichen den Reden der Helden in der Tragödie , und die Trophäen , welche von Zeit zu Zeit anlangten , kamen den Menschen nur wie neue Szenerien vor , womit seine Hauptstädter zu ergötzen , der Gebieter die kluge Gefälligkeit hatte . Aber Ihre Eltern ? « » Sie ruhn in Frieden ! Teuer sei mir das Andenken dieser verehrten Häupter ! Sie haben in mir das höchste Vertrauen erweckt ; warum soll ich zaudern , von allem zu sprechen , was mich bei dieser Erinnrung bewegt ? Außer dem Hause war das Verderben , im Hause gab es kein Behagen . Nicht , daß irgendein Zwiespalt hervorgetreten wäre ; nein , im Gegenteil , mein Vater bezeugte der Mutter nur Achtung und Aufmerksamkeit , und sie war das Muster weiblicher Sanftmut und Unterwürfigkeit . Aber dem Blicke des Kindes blieb nicht verborgen , daß hier doch jene Eintracht der Herzen fehle , die in tausend kleinen unbeschreiblichen Zeichen sich kundgibt . Ernst und still gingen die Urheber meiner Tage nebeneinander her : Wie oft fand ich die Mutter in Tränen ! Wie oft sah ich den Vater , wenn ich von der Straße und meinen Kamaraden kam , trüb und gedankenvoll am Fenster stehn ! Sein schwerer Blick ruhte in den Wolken , als suche er da etwas , was ihm auf der Erde mangle . Er hatte viele Eigenheiten . So durfte in seiner Gegenwart nie von einer Hochzeit gesprochen werden . Er geriet , geschah dies einmal zufällig , in eine solche Schwermut , daß er dann mehrere Tage lang für jeden unsichtbar blieb . Eine andre Sonderbarkeit war , daß nichts in der Welt ein Versprechen ihm abzulocken vermochte . Wir wollen sehn , war alles , was er auf die dringendsten Bitten erwiderte . Dann aber tat er , was er nur konnte , und dieses ungewisse Wort galt bei den Leuten mehr als ein Eidschwur andrer . Ich liebte meine Eltern herzlich . Mein Vater war mir eine Art Gottheit , die sich in heiliges Dunkel verbirgt . In mancher Nacht lag ich auf meinen Knien , und bat den Himmel , es so zu fügen , daß meine Eltern einander doch auch so liebhaben möchten , wie ich sie liebte . Aber mein Naturell war munter und beweglich ; alle diese finstern Dinge konnten seine Fröhlichkeit nicht zerstören . Ich war viel außer dem Hause , viel unter andern Menschen , man mochte mich gern leiden , eine Antwort fehlte mir nie , und mehrere meiner jüngern und ältern Bekannten schienen ein Vergnügen daran zu finden , wenn sie meine Geistesgegenwart auf die Probe stellen durften . Was sonst einem Kinde so natürlich ist : daß es seine Eltern für einen Wall und Rückhalt in jeglicher Not ansieht , blieb mir immer fremd . Sie waren von einem mir unbekannten Leide schon so sehr bedrückt ; sollte ich ihre Verlegenheiten vergrößern ? Nun erschien das Jahr 1813 . Als Siebenzehnjähriger stand ich in den Donnern von Lützen . Da lernte man sich erst recht fühlen , den Schanzen und Kolonnen gegenüber , sich selbst und seinem Schicksale überlassen . Nachher habe ich meine Eltern immer nur auf kurze Zeiten wiedergesehn . Ich studierte , reiste viel , war hier und dort . So bin ich das unruhige , unstete , ach und leider zu früh mit der Welt und ihrem Laufe bekannt gemachte Wesen geworden , welches Sie mit solcher Nachsicht angehört haben . Bringen Sie mich nicht in eine Klasse mit den eiteln , vorlauten , zerstreuten Jünglingen unsrer Tage ; ich stehe vielleicht an Geist in keiner Beziehung über ihnen , aber mein Sinn ist anders . Sie sind so höchst zufrieden mit sich , ach ! und ich bin leider so höchst unzufrieden mit mir ! Ich habe keine Jugend gehabt . Ist das vielleicht die Krankheit und der Mangel meiner Natur ? Die Dinge gewähren mir keine Resultate . Alles , was ich anfasse , löst sich unter meinen Händen in ein Abenteuer auf , welches sich immer in die Gestalt meines Vorteils verwandelt . Wer aber wird nicht müde , vom Leben nur die sogenannten Annehmlichkeiten zu erbeuten ? Wer wünschte nicht , daß ihn eine milde Fügung mit gütiger Hand in die Mitte des Dasein stellen , und in dessen Geheimnisse einweihen wollte ? « Die Herzogin hatte mit größerem Interesse zugehört , als sonst den Erzählungen und Klagen der Jugend zuteil zu werden pflegt . » Milde Fügung ! Gütige Hand ! « sagte sie lächelnd . » Es ist schlimm , daß sich die Fügungen nicht bestellen lassen . - Übrigens glaube ich , daß Sie empfinden , was Sie aussprechen . Und daher denke ich , daß die Schicksale nicht ausbleiben werden , nach denen Sie sich sehnen . « Hermann erhob sich . » Mir ist eben von der dunklen Macht , welche unsre Tage beherrscht , eine Frage vorgelegt worden , und wenn ich nicht gar zu unbescheiden erschiene , so möchte ich mir die Antwort wohl hier erbitten . « Er zog ein kleines Portefeuille hervor . » Diese Brieftasche sendet mir mein Oheim « , sagte er . » Ich soll dieselbe nach dem Willen meines Vaters öffnen , wenn ich das vierundzwanzigste Jahr zurückgelegt habe . Die Worte des Verstorbnen besagen , daß ich nicht eher mich ankaufen , nicht eher ein festes Amt übernehmen und hauptsächlich nicht eher mich verloben soll , bis ich den Inhalt kennengelernt . Vor einigen Tagen erreichte ich jenes Lebensalter . Was soll ich tun ? « Die Herzogin sah ihn betroffen an . Dann beschaute sie aufmerksam das Portefeuille . Es war alt , mit kostbarer eingelegter Arbeit von Goldstäbchen , Perlemutter und Steinen geziert . Auf der hintern Fläche war etwas , wie ein großes Wappen eingebrannt , dessen Embleme sich aber nicht mehr entziffern ließen . Es schien viel gebraucht worden zu sein . Sie hakte an dem silbernen Schlößchen ; sie schien auf einen passenden Ratschlag zu sinnen . » Hat Ihr Vater in seinen Angelegenheiten etwas ungeordnet zurückgelassen ? « » Nein , sein Leben war dem Gange einer wohlgestellten Uhr gleich . « » Sie lieben Ihre Eltern , nicht ? Sagten Sie nicht so ? « Er neigte sich , stumm bejahend . » Lassen Sie das Portefeuille uneröffnet ! « rief die Herzogin . » Alle Geheimnisse sind verderblich , alle ohne Ausnahme . « Er zauderte , es aus ihrer Hand zurückzunehmen . » Die Neugier ist der unüberwindlichste Fehler unsrer Natur . « Er wagte nicht , mehr zu sagen . » Sie haben es so gewollt ! « versetzte sie , indem sie es hastig in den Schreibtisch legte . » Nun ist es für Sie verloren , denn mit meinem Willen lesen Sie kein Blatt darin . « Dreizehntes Kapitel Von diesem Tage an war Hermann auf dem Schlosse einheimisch . Der Herzog beruhigte sich bei einer allgemeinen Erzählung über dessen Geschick unter den Tannen , und schien an dem gesitteten , wohlunterrichteten jungen Manne immer mehr Geschmack zu finden . Da er nicht leicht jemand unbenutzt lassen konnte , so brauchte er ihn bald zu verschiednen Expeditionen , welche jener unter Wilhelmis Oberaufsicht zu seiner Zufriedenheit ausführte . Nur bei einem Geschäfte gelang es ihm nicht , Beifall zu gewinnen . Die Kriegsschäden waren noch zu liquidieren , welche der Herrschaft vom Staate ersetzt werden sollten . Hermann hatte alle Papiere , die sich auf diesen Gegenstand bezogen , erhalten , und nach deren Einsicht eine billige Rechnung aufgestellt , solche Posten , die bestritten werden konnten , aus derselben weglassend . Der Herzog sah die Arbeit voll Verwundrung durch , und fragte kopfschüttelnd , womit er es denn verdient habe , daß Hermann gegen ihn Partei nehme ? Es könne ja die Hälfte mehr gefordert werden . Er zählte die Summen auf , die nachgetragen werden müßten , und versetzte , als Hermann seine Einwürfe dagegen vorbrachte : » Diese Zweifel wollen wir den Herrn Revisoren überlassen . « » Ich glaubte den Sinn Eurer Durchlaucht durch die Art , wie ich dieses Geschäft behandelt , getroffen zu haben « , wandte Hermann bescheiden ein . » Nach meiner Meinung dürfte ein Teil des Schadens gegen den Gewinn aufzurechnen sein , den uns die glückliche Verändrung der Dinge gebracht hat . « » Was ich oder meinesgleichen ihr Großes zu danken hätte , wüßte ich so eigentlich nicht « , versetzte der Herzog . » Über diesen Punkt gilt das : Post hoc , non propter hoc , mit vollem Rechte . Der Adel ist so alt , als die Welt , und daß man wenigstens in Monarchien ihn nicht entbehren kann , werden Sie mir zugestehn . Da nun der Freiheitsschwindel längst vorüber , und alles bereits wieder in die gewohnten Formen eingelenkt war , da man überall große Reichslehen schuf , so würde man sich auch schon wieder nach uns umgesehn haben , und vermutlich ständen wir , wo wir jetzt stehn , wenn auch die Sachen geblieben wären , wie sie waren . « Hermann mußte sich bequemen , eine Kriegsschädenrechnung anzufertigen , die ihm sehr übertrieben zu sein schien . Gefielen ihm nun dergleichen Grundsätze keinesweges , so war sein Mißvergnügen doch nur vorübergehend . Das Schloß , und die ganze Lebensweise darin , übte auf ihn denselben Eindruck aus , von dem wir bereits bei dem jungen Rechtsgelehrten geredet haben . Er empfand ein eignes Vergnügen , für sich , allein durch die hohen Bogengänge und Hallen , seinen Gedanken überlassen , stundenlang zu wandern , und er hätte nie geglaubt , daß eine so einförmige Tagesordnung , wie sie hier herrschte , ihm , der an Abwechslung gewöhnt war , in dem Grade behagen könne . Er ließ sich von dem Elemente , welches ihn umgab , fortspülen , und schob die Gedanken an die Zukunft weit hinaus . Freilich trug zu seinem Wohlbefinden die Güte , womit ihn die Herzogin behandelte , vieles bei . Sie hatte gewisse Einflüstrungen , die ihr über ihn gemacht worden waren , mit Verachtung von sich gewiesen , und mochte ein stilles Bedürfnis empfinden , den unschuldig Angeklagten durch besondre Freundlichkeit für die ihm zugefügte Unbill schadlos zu halten . Überdies gehörte sie nicht zu den Frauen , die an unmündigen Männern Gefallen finden , und die Sorge für ihre Erziehung sich aufbürden mögen . Hermanns gewandte Entschiedenheit , der leichte Ton , mit welchem er von allem wenigstens zu reden wußte , waren Eigenschaften , die ihm bei ihr nur nützten . Bald erkannte sie auch , daß der Anschein von Übermut und Selbstgenügen , welchen er bei der ersten Begegnung Fremden zeigte , durch die nähere Bekanntschaft sich sehr minderte . Er schadete in der Tat immer nur sich und nie andern . An tausend Zeichen nahm sie wahr , daß er in jedem Augenblicke bereit sei , sich im Dienste seiner Freunde aufzuopfern . Die Farbe der Zeit konnte er nicht verleugnen , aber im Innersten mußte man ihn für unversehrt erklären . Wenn er seinerseits durch die Bemühungen für den Herzog sich ein stilles Recht auf das längre Verweilen in diesen Mauern zu erarbeiten meinte , so empfing er dagegen durch die Gemahlin nur Geschenke , für welche er sich ewig als Schuldner fühlen mußte . Solange er Rekonvaleszent war , wurde ihm ihre liebende Sorgfalt zuteil . Sie verbot ihm über Tische die Speisen , welche er nach ihrer Meinung noch nicht genießen durfte , sie warnte ihn , wenn ein Abendspaziergang zu lang zu werden drohte . Wir wissen nicht , ob es Absicht oder Zufall war , daß er , als er dies bemerkte , gegen ihre Gebote zu sündigen liebte ; es könnte sein , daß er den Wunsch empfunden hätte , von solchem Munde recht häufig zurechtgewiesen zu werden . Das ist gewiß : er wäre unter diesen Bedingungen gern immer krank gewesen . Bald erteilte auch sie ihm einen Auftrag , welcher ihm angenehmer war , als die Korrespondenz mit Behörden und Verwaltern , die ihn der Herzog besorgen ließ . Sie zog eines Tages ein Heft aus dem Pulte , und fragte , indem sie es ihm zum Lesen einhändigte , ob er wohl glaube , daß in ihr eine Schriftstellerin verborgen sei ? Er sah den Titel an . Es war eine Übersetzung des Romans » Ivanhoe « von Walter Scott . Dieser Autor stand grade damals bei uns in der höchsten Blüte seines Ruhms . » Erschrecken Sie nicht , wie die Männer pflegen , wenn sie von einer neuen Gelehrten oder Dichterin hören « , sagte die Herzogin scherzend . » Ich habe das Buch nur für mich übersetzt , um die Sprache aus dem Grunde zu lernen , nicht um den Meßkatalog damit zu vermehren . Aber ich möchte , da ich mir einmal die Mühe gegeben habe , es auch gern in vollkommner Gestalt sehn , und wünsche nicht , daß in meinem Büchlein , wie in dem Produkte jener Prinzessin , von der Sie neulich das Märchen vorlasen , der Mond in der Welt hereinscheine . « Sie fragte ihn , ob er die Mühe übernehmen wolle , das Werk von Stilfehlern und grammatischen Unrichtigkeiten zu säubern ? Wer war froher , als er ? Er nahm das Heft mit , und betrachtete innig erfreut die zierlichen perlenrunden Züge der Handschrift , worin eine Zeile , wie die andre , in gleichen Zwischenräumen grade fortlief . Wenn irgendwo die Schrift die Sinnesart ausdruckte , so war es hier der Fall . Hermann weidete sich an den Blättern , wie an einem Gemälde , bevor er sein Werk begann , welches er auch mehr als galanter Kavalier , denn als kritischer Zensor vollbrachte . Es schien ihm ein Frevel zu sein , diese anmutigen Charaktere zu zerstören ; er korrigierte mit der feinsten Feder , mit den zartesten Strichen . Vierzehntes Kapitel Des Abends waren die Zusammenkünfte gemeinschaftlich . Man hatte festgesetzt , daß jeder aus seinem Fache immer etwas vortragen solle . Im Anfang hielt man auch diese Anordnung aufrecht ; der Arzt handelte allgemein-verständliche Kapitel der Naturwissenschaft ab , Wilhelmi gab einen populären Abriß der neueren philosophischen Systeme zum besten , der Herzog erzählte von der englischen Landwirtschaft , mit welcher er sich grade eifrig beschäftigte . Da aber nach dem Willen der Herzogin jeder an jedem Abende sein Pensum enden sollte , so wurde der Kursus doch bald gar zu aphoristisch . Die übrigen Männer zogen sich daher mit guter Manier zurück , und das Regiment gelangte unvermerkt an Hermann , der die Poesie und Unterhaltungsliteratur erwählt hatte . Unangenehm war es freilich , daß auch hieraus , nach der einmal gegründeten Sitte des Hauses fast nie etwas Vollständiges zum Vorschein kommen durfte . Der Eintritt des Bedienten , welcher zu melden hatte , daß serviert sei , zerschnitt mit unerbittlicher Strenge die anziehendste Vorlesung mitten im Akt , Szene , Perioden . Die Herzogin hatte eine eigentümliche Gabe , sich an Einzelheiten zu erfreun , weshalb sie auch weniger nach einem Ganzen verlangte , ja ein solches nur in Einzelheiten aufnahm . Sie schaffte sich alle Blumenlesen und Geister , welche aus den Schriftstellern gezogen zu werden pflegen , mit besondrer Vorliebe an , und nichts glich ihrem Vergnügen , wenn sie einen schönen Gedanken in schöner Sprache außer dem Zusammenhange mit weniger glänzenden Dingen genießen durfte . Gesellschaft des umherwohnenden Landadels brachte doch meistens wöchentlich eine Abwechselung in den Kreislauf der Stunden . Grade in dieser Gegend waren die Gutsbesitzer unverrückt auf ihren Schollen sitzen geblieben , und hatten von den Ansteckungen des Stadt- und Hoflebens , die dem Adel andrer Orten so gefährlich geworden sind , kaum etwas gelitten . Hermann wunderte sich nicht wenig , als er in den Zirkeln , die er kennenlernte , auf manchen Mann stieß , dessen einfache Denkungsweise ihm Ehrerbietung einflößte , als er selbst hin und wieder Töchter edler Häuser fand , in deren Unterhaltung er sich schon gänzlich resignieren zu müssen gemeint hatte , und die ein sehr gutes Gespräch zu führen wußten . Denn der Adel dieser Landstriche war bei seinen eleganteren Standesgenossen fast im Verruf , und galt nur für eine Sammlung völlig verbauerter Krautjunker . Schlittenfahrten , die , so oft es sich tun ließ , veranstaltet wurden , gaben ihm Gelegenheit , sich als gewandten Vorreiter , oder als ersten Diener der Herzogin , wie er sich gern in ihrer Gegenwart nannte , zu zeigen . Vor allem aber vergnügte ihn die Jagd , die auch wirklich in dem waldicht-hüglichten Gebiete des Herzogs von großer Ergiebigkeit war . Es freute ihn indessen weniger , ein Stück zu erlegen , als dieses fröhliche Ausziehn in der Mitte lustiger Gesellen mitzumachen , das sachte listige Streifen und Schleichen durch den Nebel über Heiden und Waldplätze zu versuchen , die Geschichten , die Ahnungen und Vorbedeutungen zu hören , das heitre Mahl nach vollbrachter Arbeit verzehren zu helfen . Er fühlte sich auf diesen frohen Zügen in solcher Gemeinschaft mit der Natur , dem kräftigen Urzustande der Menschheit so nahe gerückt ! Auch wenn kein größeres Treiben stattfand , lag er mit dem alten Erich , der ein firmer Schütze war , und einem Menschen , der zuweilen herüberkam und der Amtmann vom Falkenstein genannt wurde , viel im Forste , wobei manche Mondnacht im Kreise kahler reifglänzender Bäume auf dem Anstande versessen ward . Einmal hatte er bei solcher Gelegenheit das fabelhafte Glück , zwei Füchse , die um die Ecke geschlichen kamen , mit den Schüssen seiner Doppelflinte zu töten . Ein Fall , der noch nicht vorgekommen war , und ihm bei allen Weidmännern ein fast mythisches Ansehen gab ! So gingen unsrem Freunde wohl- oder übelbeschäftigt die Tage hin . Die Bäume waren kahl geworden , der Schnee hatte die Erde bedeckt , war wieder geschmolzen , und nun kamen aufs neue die Knospen hervor . Seine Gegenwart schien allen willkommen zu sein , es sah aus , als müsse das immer so fortdauern . Nur einmal ward er zu einem flüchtigen Nachdenken aufgeregt . Sein Tagebuch fiel ihm in die Augen , welches er sonst sehr ordentlich zu führen gewohnt war . Um das Versäumte der letzten Woche , wie er meinte , nachzuholen , schlug er es auf , sah aber zu seinem Schrecken , daß er schon mehrere Monate lang nichts geschrieben hatte . Auch von früher standen nur Notizen mit einem Worte vermerkt , als : » Jagd den und den « , » Gesellschaft aus * « , » Schlittenfahrt nach * « ohne alle weiteren Zusätze . Er besann sich , er hatte geglaubt , daß ihm viel begegnet sei , konnte indessen nichts darüber zu Papiere bringen . Die weißen Blätter sahen ihn wie strafend an ; in diesem Augenblicke hörte er die Herrschaften unten von einer Spazierfahrt zurückkehren , und eilte , indem er das Buch weglegte , hinab , sie zu empfangen . Fünfzehntes Kapitel Von Flämmchen war nie die Rede gewesen . Die Herzogin hatte sich mit keinem Worte nach dem Kinde , für welches sie ihm Geld gegeben , erkundigt . Unmöglich aber konnte er sich zu einer Beichte überwinden , welche sein angenehmes Verhältnis gestört , ihn lächerlich und verkehrt gezeigt haben würde . Der Arzt , gegen den er , wie die Sachen standen , seinen Widerwillen hatte niederkämpfen müssen , hatte ihm einen Pädagogen genannt , der nach seiner Meinung das Mädchen in die rechte Bahn bringen würde . Diesen wollte Hermann nun baldigst aufsuchen . Vor seinem Ordensgelübde rechtfertigte er das Verschweigen gegen die Herzogin mit der Distinktion , daß man zwar nie lügen müsse , daß es aber zuweilen unumgänglich notwendig