der dem Aermeren giebt , ich muß Alles , selbst was mich bedeckt und kleidet , als etwas Geliehenes betrachten , worüber die Eigenthümer , sobald sie wollen , auch anders bestimmen können . O , wohl , fuhr sie klagend fort , hat die Gräfin recht , gänzliche Armuth ist ein schreckliches Unglück ; sie macht uns abhängig , nicht bloß in unseren Handlungen , in unseren Gedanken und Empfindungen sogar . Wie beneidenswerth , rief sie aus , ist das Loos des armen Tagelöhners gegen das meinige , die ich von scheinbarem Reichthume umgeben bin ; er darf den Erwerb eines Tages mit Zufriedenheit , ja mit dem Gefühle eines edeln Stolzes betrachten ; er hat durch seine Anstrengungen es als sein Eigenthum errungen , frei darf er seinen Lieben oder Aermeren und Hülfloseren davon mittheilen , und wenn dankbare Herzen um ihn schlagen , wenn liebevolle Blicke auf ihm ruhen , so fühlt er sich befriedigt ; er hat diesen Dank , diese Liebe verdient ; aber ich , was kann ich thun ? Geliehenes Gut an Andere abtreten , das mir alsdann sogleich auf das Großmüthigste ersetzt wird . Ach , es ist entsetzlich hart , fuhr sie fort , immer empfangen zu müssen , ohne jemals geben zu können , und selbst die freundliche Täuschung , als ob man geben könnte , nicht einen Augenblick festhalten zu dürfen . Niemals hatte Emilie noch ihre abhängige Lage so schmerzlich empfunden , als in dieser einsamen Stunde ; sie überließ sich rücksichtslos dem Schmerz und dem Mitleid mit sich selber , und ihre Thränen flossen noch einige Stunden , bis endlich die Erschöpfung einen kurzen Schlummer herbeiführte , von dem sie wenig gestärkt am anderen Morgen erwachte . Die Gräfin war schon im Saale , wo man frühstückte , als Emilie eintrat . Was fehlt Dir , Liebe , rief sie ihrer jungen Freundin entgegen , ist Dir nicht wohl ? Du bist ungewöhnlich blaß . Mir fehlt nichts , sagte Emilie mit schwacher , wankender Stimme . Du bist krank , mein liebes Kind , sagte die Gräfin mit großer Zärtlichkeit , indem sie ihre beiden Hände faßte . Gewiß , mir fehlt nichts , erwiederte Emilie mit gesenkten Augen und zitternder Stimme , und , sie konnte es nicht verhindern , die Thränen entströmten den sanften Augen von Neuem und flossen über die bleichen Wangen . Die Gräfin richtete das Gesicht der weinenden Freundin mit sanfter Gewalt empor und sagte mit mildem Ernst : Ich errathe jetzt , was Dir fehlt , ich sah es wohl , daß ich Dich gestern verletzte , aber ich konnte nicht glauben , daß ein harmlos gesprochenes Wort Dich so tief verwunden würde . Ich könnte mich beklagen , fuhr sie mit großer Güte fort , daß Du dieser mißtrauischen Empfindlichkeit in Deinem Herzen Raum gibst , wenn ich nicht selbst unglücklicher Weise dieß Gefühl in Dir erregt hätte durch die Bitterkeit , der ich mich so oft überlassen habe . Laß mich Dich bitten , mein theures Kind , fuhr sie mit großer Milde fort , bekämpfe diesen Feind in Deinem Herzen , er raubt Dir sonst jedes Glück des Lebens . Die leicht gereizte Empfindlichkeit würde Deine Freunde aus Vorsicht zurückhaltend machen ; Du würdest die Furcht , Dich zu verletzen , für Kälte nehmen , und Dein Mißtrauen würde in demselben Maße zunehmen , wie alle Verhältnisse gespannter würden . Du würdest es dann vielleicht nicht Dir zuschreiben , wenn jede Heiterkeit , die inniges Vertrauen zu einander erzeugt , aus unserm Kreise verschwunden wäre , sondern Du würdest uns mit jedem Tage ungerechter und Dein Schicksal beklagenswerther finden . Können Sie mich für so gränzenlos undankbar halten ? fragte Emilie . Sprich nicht so oft von Dankbarkeit , sagte die Gräfin , ich will von Dir keine andere , als die , welche ein gutes Kind für seine Eltern empfindet , das ist die gefühlte , beinah bewußtlose , nicht die in jedem Augenblick erkannte . Und nun , sage mir , welche gute Tochter würde gereizt , gekränkt sein und eine ganze Nacht hindurch weinen , wenn ihre Mutter ihr den Vorschlag macht , einen Theil ihrer Kleider zu verschenken an Personen , die es bedürfen , besonders wenn die Tochter ein Herz hat , wie Du , das sie selbst schon zu solchen Handlungen bestimmt ? Ich will mich nicht vertheidigen , sagte Emilie , aber ein wenig muß es mich entschuldigen , wenn Sie daran denken , daß eine Tochter Rechte hat , die ihr andere Empfindungen geben . Wenn eine Tochter einen so willkommenen Auftrag erfüllt , so gibt sie mit der Mutter , da ich nur von dem Ihrigen mittheile . So habe ich es denn nicht erreichen können , sagte die Gräfin , daß Du mir in Liebe angehörest , Du siehst unser Verhältniß , ich möchte sagen , juristisch an ; sind es denn bloß die Bande des Blutes , auf die sich Rechte gründen ? Gibt nicht die Liebe eben so heilige ? Ich fühle , setzte sie mit einiger Bitterkeit hinzu , ich habe einen bösen Samen in Dein Herz gestreut . Ach ! rief sie mit einem unendlich schmerzlichen Ausdruck , wenn ich nicht mehr bin , wirst Du es vielleicht einsehen , was in mir die Erbitterung gegen Mangel und Armuth erzeugt hat , und dann wirst Du die heutige Stunde bereuen . Vergeben Sie mir nur , rief Emilie , indem sie sich laut weinend in ihre Arme warf . Du sprichst von Rechten , sagte die Gräfin wieder mild . Wenn uns ein unglückliches Schicksal aller anderen Hülfsmittel beraubte und uns ganz auf uns zurückwiese , hätte mir Deine Liebe nicht ein Recht gegeben , Deine jüngeren Kräfte in Anspruch zu nehmen , und würde ich Dich nicht kränken , wenn ich Hülfe und Dienstleistungen von Dir zurückwiese , oder in diesen Zeichen Deiner Liebe aus mißtrauischer Empfindlichkeit die Spuren meiner Abhängigkeit fände ? O Gott ! rief Emilie . Warum , fuhr die Gräfin fort , willst Du mich denn kränken und die Zeichen meiner Liebe mißverstehen ? Vergeben Sie mir nur , wiederholte Emilie . Die Gräfin küßte sie zärtlich und sagte dann mit Güte scherzend : Da nun die Farbe auf Deinen Wangen zurückgekehrt ist , so mache nun , daß die Spuren der Thränen aus den Augen verschwinden , damit nicht St. Juliens ängstliche Blicke fragen , welch ein Unheil Dir widerfahren ist ; zwar in dessen Brust hättest Du gestern vielleicht ein gleichfühlendes Herz gefunden , er hat viel von Deiner Empfindlichkeit . Sie spotten meiner mit Recht , sagte Emilie erröthend . Nein , im Ernst , erwiederte die Gräfin lächelnd , ich wollte auch nicht , daß der Graf Dich um die Ursache Deiner Thränen fragte , Du würdest doch ein wenig um die Antwort verlegen sein . Die Vereinigung der Gemüther wurde aufs Neue zwischen beiden Frauen befestigt und inniger als je , wie es nach jeder kleinen Störung geschah . Emilie konnte sich selbst nicht begreifen und verzieh es sich schwer , daß sie eine Nacht in Kummer und Thränen hingebracht , und damit gewissermaßen die besten Menschen angeklagt hatte ; und die Gräfin beschloß , die Bitterkeit nie wieder in sich aufkommen zu lassen , die , wie sie sah , so nachtheilig auf diejenigen wirkte , die sie am zärtlichsten liebte . Sie beschloß zu vergessen , was eine lange Vergangenheit Schmerzliches enthielt , und dieser Vorsatz wurde in demselben Augenblicke gestört , denn der Graf trat mit St. Julien in den Saal . Der Anblick des jungen Mannes , der heiter lächelnd die Frauen begrüßte , schien in der Gräfin gewaltsam ein geliebtes Bild aus längst verflossener Zeit hervorzurufen , und nur mit Mühe konnte sie in den heiteren Ton der Unterhaltung einstimmen , der heute die kleine Gesellschaft belebte . Nach dem Frühstück eilte Jeder die nöthigen Anordnungen zu treffen , um dem Obristen Thalheim seinen neuen Wohnort angenehm zu machen . Der Graf sendete die erforderlichen Equipagen und mit diesen einen weiten Pelzmantel , um den alten Mann gegen die Kälte zu schützen . Die Frauen hatten dieselbe Aufmerksamkeit für seine Tochter . Die Gräfin sorgte nun dafür , daß die nöthigen Möbel nach dem eine halbe Stunde weit entfernten Meierhofe gesandt wurden , und Dübois wurde von ihr beauftragt , Alles zur Bequemlichkeit Erforderliche zu besorgen ; er war , wie immer , so auch hier der Vertraute der Gräfin und kannte also die Lage des Obristen ; daher hieß ihn sein natürliches edles Gefühl Alles vermeiden , was bei der neuen Einrichtung als prächtig hätte auffallen können , weil er wohl wußte , daß das Gemüth dessen , der Unterstützung bedarf , dadurch schmerzlich verwundet wird , wenn die Unterstützung den Anschein von Prahlerei gewinnt ; eben so sorgfältig vermied er den Anschein von Vernachläßigung , und es mangelte bald in dem freundlichen Hause nichts , was zur anspruchslosen Bequemlichkeit einer Familie erforderlich ist . Emilie fuhr selbst mit hinüber , und ordnete die Wäsche und Kleider in den Schränken , und es wurde beschlossen , daß Dübois die Ankommenden diesen Abend erwarten sollte . Die Zimmer waren behaglich erwärmt , ein anmuthiger Wohlgeruch schwebte durch alle , denn Dübois hatte nicht versäumt , sie mit feinem Räucherwerk zu durchräuchern ; ja selbst mehrere blühende Staudengewächse hatte er aus den Treibhäusern des Grafen hinüber geschafft , trotz der Schwierigkeit , sie auf dem Wege gegen die Kälte zu schützen , um damit das Zimmer zu schmücken , welches er für die Tochter des Obristen bestimmte . Endlich war Alles bereit ; auch für ein einfaches Abendessen war gesorgt , und der Haushofmeister ging mit zufriedener Miene noch einmal durch alle Zimmer , um jedes einzeln zu betrachten , als der Wagen vorfuhr . Schnell eilte er , seiner Schuldigkeit gemäß den Obristen an der Thüre des Hauses zu empfangen , und schien die wehmüthige Verlegenheit nicht zu bemerken , die Vater und Tochter ergriff , als er ihnen selbst die kostbaren Pelze abgenommen hatte , und sie nun beide in höchst ärmlicher Kleidung in dem freundlich ausgeschmückten Zimmer standen . Früher , als nöthig gewesen wäre , ließ Dübois das Abendessen anrichten , um die Verlegenheit des Obristen und seiner Tochter zu beendigen , die nicht recht wußten , wie sie sich gegen ihn benehmen sollten und noch nicht den Muth hatten , sich als die Bewohner des Hauses zu fühlen . Das Abendessen ging still vorüber und wurde in der Spannung , in der sich Alle befanden , kaum berührt ; nur als Dübois dem Obristen Wein eingeschenkt hatte und der edle Trank dem alten Manne entgegen duftete , konnte er sich nicht enthalten , mit einiger Begierde das Glas zu ergreifen und mit sichtlichem Wohlbehagen das lang entbehrte Labsal zu schlürfen ; die Wärme des Weins durchdrang seine Glieder und theilte ihm jene Ermattung mit , die man beinah eine wollüstige Empfindung nennen könnte ; er ließ es daher ohne Widerrede geschehen , daß der Haushofmeister ihn nach dem Zimmer führte , welches er ihm zum Schlafgemach bestimmt hatte , und machte keine Einwendungen dagegen , daß Dübois für diesen Abend das Geschäft eines Kammerdieners übernahm . Er wollte , als er zu Bett gebracht war , noch Manches denken und in seiner Seele ordnen , aber ein lange nicht empfundenes Wohlbehagen scheuchte alle Gedanken zurück . Er dehnte sich mit wehmüthigem Entzücken auf seinem bequemen Lager aus , er fühlte die glänzend weißen feinen Betttücher und die seidne Decke mit den Fingern an , er wollte sein heutiges Lager mit dem gestrigen vergleichen , aber Gedanken und Gefühle gingen in dem seligen Vergessen unter , welches der Vorbote eines erquickenden Schlafes ist . Therese war im Speisezimmer zurück geblieben und erwartete mit Schüchternheit Dübois Rückkunft . Die Veränderung ihrer Lage war so groß , daß sie sich betäubt fühlte und deßhalb noch nicht Muth zur Freude gewann ; als endlich der Haushofmeister zurück kam , schlich sie zum Lager des Vaters , der schon im sanftesten , Schlummer ruhte ; sie küßte leise seine Stirn und folgte nun Dübois , der ihr die übrigen Zimmer des Hauses zeigte und ihr auch alle Schlüssel einhändigte , worauf er für heute ehrerbietig Abschied nahm . Als sich Therese allein befand , hob sie die Hände dankend zum Himmel empor , und Thränen des Entzückens benetzten die von langem Kummer gebleichten Wangen ; es schien ihr ein Traum , der täuschend ihre Seele umfing , und sie fürchtete zu erwachen ; endlich , als sie sich gesammelt hatte , ging sie noch einmal durch alle Zimmer und betrachtete Jedes mit ruhiger Freude ; sie öffnete die Schränke und bemerkte mit dankbarem Erstaunen , wie großmüthig und zartsinnig für jedes Bedürfniß des Hauses gesorgt war , auch rührte es sie bis zu Thränen , als sie Alles vorfand , was zur Kleidung der Frauen aus besseren Ständen gehört . Nach einem stärkenden Schlummer erwachte Therese am andern Morgen . Dübois hatte für die nöthige Bedienung gesorgt ; sie wählte eine einfache Morgenkleidung , und fühlte sich bewegt und erhoben zugleich , als sie sich wieder in Gewänder gekleidet sah , wie sie ihr in früheren Zeiten nothwendig erschienen waren . Als sie nun ihr Zimmer verließ , fand sie Alles zum Frühstück bereitet , und sie näherte sich leise dem Schlafgemach ihres Vaters ; Alles war darin still , und eine seltsame Angst ergriff ihr Herz , sie fürchtete , die plötzliche Umwandlung seiner Lage könne zu heftig auf ihn gewirkt haben , sie öffnete daher behutsam die Thür des Kabinets und näherte sich leise dem Lager des schlummernden Greises . Er lag mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen , aber seine Lippen bewegten sich wie im flüsternden Gebete , und zwischen den grauen Wimpern drängten sich Thränen über die gefurchten Wangen , die ähnliche Tropfen in Theresens glänzenden Augen hervorriefen . Sie beugte sich über den alten Vater und küßte mit inniger Liebe seine gefalteten Hände . Der Greis öffnete die noch thränenfeuchten Augen und lächelte entzückt bei dem Anblick seines schönen Kindes . Meine gute Tochter , sagte er mit bewegter Stimme , es stärkt mein Herz , daß Deine Erscheinung wieder Deiner würdig ist ; laß uns Gott innig dafür danken , daß wir aus dem höchsten Elende erlöst sind , denn niemals habe ich Dich ohne zu schaudern in der Tracht der höchsten Dürftigkeit betrachten können . Der Obrist wünschte sein Lager zu verlassen und wurde von Neuem bewegt , als er bemerkte , mit welcher Zartheit sowohl für seine Bedienung , als für alles zur bequemen Morgenkleidung eines Greises Erforderliche gesorgt war . Nach dem Frühstück gingen Vater und Tochter durch die verschiedenen Zimmer , und bewunderten mit dankbarer Rührung die Anmuth und Bequemlichkeit ihrer neuen Wohnung . Endlich ließ sich der Vater im Wohnzimmer in der Ecke des Sophas nieder und zog seine Tochter neben sich , die erschrocken zu ihm aufblickte , weil sie seine Hand zittern fühlte und hohen Ernst über sein Gesicht verbreitet sah . Mein Kind , sagte der Obrist , wir dürfen unsere Pflicht nicht vergessen , wir müssen unsern Wohlthätern unsern Dank darbringen für so viele Güte ; Du fühlst , mein liebes Kind , fuhr er fort , indem er die Hand der Tochter ängstlich drückte , wie schwer mir dieser Gang werden muß ; so tief die Dankbarkeit in meiner Seele ruht , so sehr ich unsern edeln Freund verehre , so wird mir altem Manne dennoch das Förmliche in der Aeußerung meiner Dankbarkeit schwer , das mich , wie man es auch betrachten mag , dem Bettler gleich stellt , der für ein empfangenes Almosen dankt . Mißversteh mich nicht , fuhr er fort , als er bemerkte , daß die Tochter reden wollte , ich verkenne den Grafen nicht , aber bist Du überzeugt , daß er auch uns kennt ? Ihn hat uns seine Art , wie er gegen uns handelt , vollkommen kennen gelehrt , wir können mit reiner Empfindung einen so edeln Mann bewundern und eben deßwegen von ihm annehmen , was uns seine Güte bietet , aber kennt er auch uns ? Weiß er , ob wir seiner Freundschaft würdig sind ? Ihn hat allein unsere Noth bestimmt , uns wohl zu thun , und darin liegt das Peinliche unserer Lage ; wir sind ihm gegenüber Arme und nicht Freunde ; der Freund kann die Güter des Lebens mit dem Freunde theilen , er weiß , der Freund ist überzeugt , er würde , wenn das Verhältniß umgekehrt wäre , eben so handeln , und will nichts weiter , als die Liebe , die innige Achtung des Freundes ; aber der Arme , ach , mein liebes Kind ! er empfängt bloß , und der Geber , der ihn nicht kennt , weiß noch nicht , ob er jemals seinen Schützling in einen Freund wird verwandeln mögen ; er weiß nicht , ob das Herz des Empfangenden nicht zu jeder edeln Empfindung unfähig ist , und deßhalb ist die äußere Dankbarkeit , die es so schwer fällt auszuüben , unerläßlich . Ich dächte , erwiederte Therese , ich könnte die Hand des Grafen mit inniger Liebe , ohne peinliche Empfindung küssen . Auch ich , sagte der Obrist , kann seine Hand mit zärtlicher Bewunderung drücken , aber hast Du daran gedacht , daß damit unsere Pflichten noch nicht erfüllt sind ? Hast Du vergessen , daß er vermählt ist , und daß wir also der Gräfin einen Besuch machen müssen ? Therese senkte die Augen , ein peinliches Gefühl hob ihren Busen , der Schmerz zuckte um den schönen Mund und sie küßte schweigend die Hand des Vaters , die noch in der ihren ruhte . Beide fühlten , daß sie sich ohne Worte verstanden , denn jetzt erinnerte sich Therese an Alles , was sie und ihr Vater früher über die Gräfin gehört hatten , und zwar aus einem Munde , dessen Tönen die schöne Therese nicht ohne Parteilichkeit gelauscht hatte . Der junge Graf Hohenthal nämlich , ein Verwandter des Grafen , war in dem Hause des Obristen mit Wohlgefallen aufgenommen worden . So lange das Regiment , bei welchem er als Rittmeister diente , in der Nähe stand , hatte der junge Mann keine Gelegenheit versäumt , sich dem Obristen zu nähern , und die gleichen Ansichten über viele Verhältnisse des Lebens , der gleiche Haß gegen Frankreich , hatte sie bald in Freunde verwandelt , so weit die Verschiedenheit des Alters dieß erlaubte . Bei der Vertraulichkeit , die sich auf solche Weise gebildet hatte , geschah es , daß der Rittmeister zuweilen seine Familienverhältnisse berührte und sich dann jedes Mal mit großer Bitterkeit über die Gräfin äußerte . Er hatte von ihr behauptet , daß sie aus Eigennutz sich mit dem Grafen verbunden habe , der im unrechtmäßigen Besitze des ganzen Vermögens der Familie sei , und daß sie in Folge dessen eine ewige Trennung von der Familie beabsichtigte ; deßhalb habe sie ihren Gemahl bestimmt , sich immer in der Ferne aufzuhalten , und ob er gleich ohne Kinder sei , habe sie ihn doch dazu vermocht , daß er niemals das Geringste für die dürftigen Mitglieder der Familie gethan habe ; eben so hatte er oftmals ihres unmäßigen Stolzes gedacht und ihres schroffen Betragens , wodurch alle Verwandte vollkommen dem Grafen entfremdet würden ; ja , er hatte erwähnt , daß sie einen unversöhnlichen Haß gegen ihren einzigen Bruder trüge und sich auch niemals die kleinste Annäherung habe gefallen lassen , so viele Versuche dieser Bruder auch gemacht habe , dem diese Familienzwiste höchst schmerzlich wären . Der Rittmeister hatte zwar niemals Gelegenheit gehabt , die Gräfin kennen zu lernen , aber da er alle Nachrichten über ihren Charakter von seinem Vater hatte , so zweifelte er nicht an der Wahrheit derselben . Diese Erinnerungen waren es , welche Vater und Tochter zum ernsten Nachdenken stimmten , und nur unter Seufzern vermochten sie zu beschließen , sich fertig zu machen , um einen Besuch abzustatten , der so peinlich auf ihr Gefühl wirken konnte . Der Obrist wollte eben seiner Tochter noch einige Rathschläge ertheilen , wie sie bei dem vermuthlich sehr stolzen Empfange der Gräfin sich zu betragen habe , als Beider Aufmerksamkeit von diesem Gegenstande abgezogen wurde durch das lustige Geläute von Schellen , wodurch sich annähernde Schlitten ankündigten . Sie traten zum Fenster und sahen mit Ueberraschung , daß zwei Schlitten durch das kleine Thal flogen und wenige Augenblicke daraus vor dem Hause hielten . Ein Herr sprang aus dem einen , und sie erkannten sogleich den Grafen , der zweien Damen die Hand bot , und alle drei waren bald eingetreten , um den Obristen und seine Tochter zu begrüßen . Der Graf umarmte den Obristen und sagte , indem er freundlich dessen Hand schüttelte : meine Gemahlin wollte sich selbst überzeugen , ob nichts zu Ihrer Bequemlichkeit mangelt , und zugleich meine Nichte mit ihrer künftigen Freundin bekannt machen . Der Obrist konnte nicht sogleich Worte finden , er hatte sich die Gräfin durchaus anders gedacht ; er fand keine Spur von Härte und Stolz , sie behandelte ihn mit der Wärme und Achtung , wie man einen alten Freund der Familie empfängt ; sie drängte ihm nicht das Gefühl ihrer Wohlthat durch ein zu ängstliches Fragen auf , ob Alles seinen Wünschen entspreche , sondern verwickelte ihn mit Leichtigkeit in ein Gespräch über frühere Zeiten , über den König Friedrich den Zweiten , für den sie seine Verehrung aufrichtig theilte , und hatte so bald jede Spannung aufgehoben , die erst die Gesellschaft zu drücken schien . Emilie hatte bald den Weg zu Theresens Herzen gefunden ; Beide hatten , ohne den Genuß des vertraulichen Umgangs mit einer jugendlichen Freundin , einsam gelebt , und Beide verlangten daher zu sehnlich danach , sich diesen Genuß zu verschaffen , als daß sie aus Zurückhaltung lange hätten einander fremd bleiben können . Es war leicht zu bemerken , daß Therese manche Kenntniß nicht hatte , die Emilie besaß ; auch nicht die zierlichen Arbeiten der Frauen aus den höheren Ständen waren ihr bekannt , denn sie hatte in ihrer drückenden Lage nicht einmal Gelegenheit gehabt , sie zu sehen , noch weniger die Mittel , sich das Material zu verschaffen , um solche artige Spielereien zu verfertigen . Ja , sie gestand , daß sie auch das Wenige , was sie von Musik verstanden , vergessen habe , weil das Instrument schon lange verkauft sei , und daß sie auch allen Muth zur Musik verloren hätte , und es ihr eine Sünde würde geschienen haben , die Stimme zum Gesange zu erheben , so lange ihr Vater unter schwerem Kummer seufzte . Beide junge Freundinnen hatten bald und eifrig verabredet , was sie mit einander treiben und lernen wollten . Die Gräfin und der Obrist waren über die meisten Gegenstände ihrer Unterhaltung derselben Meinung , der Graf konnte nun , ohne Furcht , seinen alten Freund zu verletzen , noch alle nöthigen Anordnungen treffen , und Therese sah sich , noch ehe ihre neuen Freunde schieden , an der Spitze einer unabhängigen kleinen Haushaltung , wodurch ihr die Freude gewährt wurde , mit kindlicher Liebe selbst für die Bedürfnisse und die Bequemlichkeit ihres geliebten Vaters sorgen zu können . Die neuen Freunde besuchten nun ohne Furcht das Schloß . Man las , man machte Musik , man tauschte seine Meinungen gegen einander aus , und der alte Obrist machte , obwohl er alle Franzosen haßte , doch von jeher mit jedem einzelnen , den er kennen lernte , eine Ausnahme und war nun um so bereitwilliger , mit St. Julien dieß zu thun , weil dieser durch seine persönliche Liebenswürdigkeit ihn ganz für sich einnahm , ja er verzieh ihm sogar die Bewunderung Napoleons , weil der junge Franzose Friedrich den Zweiten ebenfalls verehrte . Für Dübois , der mehr wie ein Mitglied der Familie , als wie ein Diener derselben betrachtet wurde , empfand der Obrist bald die Achtung , die sein Charakter jedermann einflößte , der ihn näher kennen lernte , und als die Gräfin sich sogar entschloß , zuweilen Theil an einer Partie L ' Hombre zu nehmen , welches der Obrist mit großem Vergnügen spielte , so heiterte sich seine Seele in dieser Umgebung völlig auf , und er sagte einige Mal seiner Tochter : Ich würde in dem Kreise unserer Freunde vollkommen glücklich leben , wenn sie nicht die Schwachheit hätten , dem Prediger alle Ungezogenheiten nachzusehen ; selbst der alte verständige Dübois muß zuweilen recht an sich halten , wenn sich der kleine kecke Mensch so viel heraus nimmt , ja , ich glaube , wenn der Graf es nicht absichtlich von Zeit zu Zeit wiederholte , daß die Gräfin den Tabacksrauch durchaus nicht vertragen kann , er würde sogar mit seiner Pfeife in der Gesellschaft erscheinen und auch jetzt , wer weiß , was geschehen könnte , wenn nicht zum Glücke der Narr , der Doktor , da wäre , zu dem er gehen und rauchen kann . Auf diese Weise waren einige Wochen verflossen , Therese hatte sich vom überstandenen Kummer erholt , ihre Wangen rötheten sich , ihre Augen gewannen ihr eigenthümliches Feuer wieder , und wenn sie auch im Ganzen ernst blieb , so konnte sie doch zuweilen heiter und schalkhaft lächeln . Alle Fähigkeiten , die in ihrer Seele geschlummert hatten , begannen sich zu entwickeln , so daß Emilie über die Fortschritte erstaunte , die ihre junge Freundin machte , und beide sich immer inniger an einander anschlossen . Der Obrist bemerkte es nicht ohne Rührung , wie herrlich sich die Schönheit und alle Vorzuge seines Kindes entfalteten , da der Druck der Armuth von diesem theuern Haupte genommen war . Er schloß dieß geliebte Kind eines Abends in seine Arme , und die Augen nach oben gewendet , rief er : Jetzt , Vater im Himmel , kann ich ruhig sterben , da ich mein Kind in Sicherheit weiß ! Können Sie mich so kränken , daß Sie vom Sterben sprechen , rief Therese weinend , nun , da ich hoffe , daß wir noch viel glückliche Tage mit einander leben werden ? Das wollen wir auch , mein Kind , sagte der Obrist ; aber willst Du mir es nicht gönnen , daß ich nun mit Ruhe an mein Ende denken kann , da ich Dich sonst , als Du schutzlos warst , mit Verzweiflung betrachtete . Du kennst nicht das Gefühl eines Vaters , setzte er seufzend hinzu , der fürchten muß , daß er sein Kind hülflos und einsam in der harten Welt zurücklassen muß . Wenn jetzt der Himmel über mich verfügt , gehst Du zwar weinend , aber nicht verzweifelnd vom Grabe Deines Vaters in das Haus Deiner Freunde . Seit ich die Gräfin kenne , bin ich über Dein Schicksal ruhig , und ich werde um so länger leben , schloß er , indem er lächelnd mit den Locken der Tochter spielte , weil ich mein Ende ruhig abwarten kann . Es schien , als ob die Sorge , welche die Gräfin für Theresens Ausbildung trug , sie selbst manchen Kummer vergessen ließ ; sie erheiterte sich sichtlich in dem Umgange ihrer Kinder , wie sie beide junge Frauenzimmer nannte . St. Juliens Gesundheit befestigte sich täglich mehr , und der Graf bemerkte oft , er werde schmerzlich die Lücke in seinem Leben fühlen , wenn der endliche Friede den jungen Mann bestimmen würde , nach seiner Heimath zurück zu kehren . Auch der Gräfin war der junge Mann sehr lieb geworden , und nur noch zuweilen kehrte die Bewegung wieder , die sie bei seinem ersten Anblick empfunden hatte ; wenn er sie unvermuthet anredete , oder wenn seine Augen lange auf Emilie hafteten , dann schien er in ihrer Seele Schmerzen wach zu rufen , die sie nur mit Anstrengung bekämpfte . In solcher Ruhe hatte die Familie einige Zeit gelebt , und wenn es auch nicht möglich war , ohne Kummer das unsägliche Elend zu betrachten , welches durch den Krieg über diesen Theil von Deutschland gebracht wurde , so gab es doch Stunden , in denen man sich einer reinen Heiterkeit hingab . In dieser Stimmung hatten der Obrist und seine Tochter am vorigen Abend das Schloß verlassen ; die jungen Leute hatten sich verabredet , Göthes Tasso den folgenden Abend zu lesen . Die Gräfin hatte dem Obristen versprochen , wenn es sein könnte , seine l ' Hombre-Parthie so einzurichten , daß nicht der Geistliche sein Mitspieler sein müsse . Er freut sich zu gemein , versicherte der Obrist , wenn er ein gutes Spiel hat , spielt die Karten auf bäurische Weise aus , macht sehr schlechten Witz dabei und hält sich deßhalb für einen liebenswürdigen Spieler ; gewiß , wenn man ein Mitglied der guten Gesellschaft gänzlich von der Leidenschaft für das Spiel heilen wollte , man brauchte es nur zu zwingen , täglich mit unserm guten Herren Prediger zu spielen . Die Gräfin scherzte beim Frühstück eben darüber , daß der Doktor , den sie anstatt des Geistlichen zum Mitspieler bestimmte , den Obristen nicht besser befriedigen würde , als man den Galopp eines Pferdes hörte , und gleich darauf der Arzt athemlos mit glühenden Wangen und mit Schweiß bedeckt in den Saal stürmte . Was giebt es ? rief ihm der Graf bestürzt entgegen . Wir sind verloren ! rief der Arzt , das Schloß wird gleich von Soldaten besetzt werden . So , sind Franzosen in der Nähe ? rief der Graf , indem er aufsprang . Nein , keine Franzosen , Preußen sind es , keuchte der Arzt . Nun , sagte der Graf , dann sind es ja Freunde und wir haben nichts