man Verwünschungen gegen die Katholischen ausstoßen , den Anhängern des Protestantismus aber ein Lebehoch bringen , während Andere Hand anlegten , die Thür eines Hauses , gegen dessen Bewohner man einen besondern Argwohn gefaßt hatte , gewaltsam zu sprengen . Der Aufruhr war nicht mehr zu bändigen , die einschreitende Polizei erwies sich ohnmächtig in allen von ihr ergriffenen Mitteln . So wuchs die Verwirrung , ein endloses Gedränge war entstanden , man schob sich in taumelnden Gruppen hin und her , und ein banges Grauen begann sich aller Gemüther zu bemächtigen . Indem ich so stand , und auf die wüste Volksmasse hinblickte , fing ich fast an , meine eigenen Schmerzen zu vergessen . Da theilte sich , links von der Schloßgasse her , die Menge , und es schien ein neuer Auflauf entstanden zu sein . Bald näherte sich ein abgesonderter Zug von Leuten , dem überall Platz gemacht wurde . Die Vorübergehenden sagten , man bringe einen jungen Menschen , der sich in die Elbe gestürzt habe . Man könne noch hoffen , ihn wieder ins Leben zurückzurufen , da er kurz nach der That aufgefunden worden sei . Ich schauderte im tiefsten Innern zusammen , mein Bewußtsein verdunkelte sich . Noch ein Blick des Entsetzens auf den näher kommenden Zug , dann verloren sich meine Sinne , ich wußte nicht mehr , wo ich war . Ich fühlte mich wie fortgetragen , der Strom des Gedränges hatte mich ergriffen . Von allen Seiten stieß und schob man mich , und ich wurde so aus meinem ohnmächtigen Zustande allmälig wieder emporgerüttelt . Doch sah ich nicht um mich her , ich ließ mich mit geschlossenen Augen immer weiter tragen und drängen . Zuweilen blitzten Lichter , Fackeln , seltsame Schimmer aller Art , durch die Finsterniß meiner Augen . Dann war wieder einen Augenblick lang Alles still und dunkel , und ich wiegte mich mit Ergebenheit der Verzweiflung in der schwarzen Nacht , die mich umrauschte . Nun zogen Soldaten mit klirrendem Gewehr an mir vorüber , ich wurde Jegliches gewahr und sah doch nicht . Dann merkte ich wieder , wie ich in das wildeste Gewühl fortgerissen wurde . Ueber den Markt war ich längst hinweggeführt , und das ganze Ziehen , Drängen , Treiben und Stoßen wurde immer rascher , tosender , gefahrvoller . Es war mir , als säße ich auf einer Meereswelle , ein armes , verlorenes Kind , das Schiffbruch gelitten . Dann kam es mir wieder vor , als befinde sich die ganze Menschheit auf einer großen Flucht , weil sie es auf der Erde nicht mehr aushalten könne , und ich Einzelne , die den allertiefsten Schmerz davongetragen , zog mit , nicht wissend , wohin . Doch ich freute mich , daß es weiter und weiter , und immer vorwärts ging , und das war mir klar , daß ich nie wieder zurück könne und wolle . Hinter mir lag es , wie Todesschauer , wie ein giftspeiender Drache , der an alles Gut und Glück meines Lebens die Kralle gelegt . Und neben mir und um mich her drängte es mich mit immer gewaltsamerer Eile fort , als käme etwas darauf an , daß ich gerettet würde . Da fiel mir auf Einmal , mitten in dieser seltsamsten Verwirrung , die Gestalt meines Vaters ein . Ach , wie lange hatte ich nicht an ihn gedacht , wie war ich , seit jener Kinderfurcht , mit der ich ihm nur angehörte , ihm entrückt und entwachsen ! Und doch dünkte es mich , als gewinne ich in diesem Augenblick der Gefahr und des Gedränges , wo ich wie im Wirbelwind ohne Rath und Trost umhergetrieben wurde , an ihm ein festes Bild , an das ich mich halten und fassen könne . Was war mir denn noch übrig geblieben von den Bildern des Lebens ? Jedes war zerstört , ausgelöscht , eingeäschert . Ich hatte keine einzige Gestalt mehr in der weiten Wüste der Zukunft , an die ich durch Gefühl oder Natur gewiesen war , als die des Vaters . O es muß etwas ungeheuer Großes sein , wenn ein Mädchen einen Vater hat , der ihre Liebe und ihre Hülfe ist ! Und wie mochte es dem alten Vater ergehn ? So wogten meine Vorstellungen mit dem mich hin und her drehenden Gewühl auf und nieder . Endlich fühlte ich , wie ich allmälig dem verworrensten Getümmel entzogen wurde . Schon fernab hinter mir verbrausten die wilden Stimmen des auseinander stiebenden Aufruhrs . Eine kalte Zugluft wehte mich an , ich blickte umher , und fand mich schon in einer einsamen Gasse . Mein Entschluß war gefaßt , und zur Ausführung desselben trat mir plötzlich ein hoher Muth in die Seele . In Dresden konnte ich nicht bleiben , ich mußte fort nach Böhmen , zu den alten geliebten grünen Bergen , in mein altes böhmisches Dorf , in die Hütte des Vaters . Ich befand mich am entlegensten Ende der Pirnaischen Gasse , und eilte , ohne Aufenthalt , dem Thore zu . Ich gedachte nicht , daß die späte Nacht heraufzog , daß ich leicht bekleidet , daß ich ermattet , erschöpft und hülflos war . Mit schnellen Schritten zog ich über die öde , finstere Landstraße hin . Ich hatte eine solche innere Zuversicht auf meinen Plan gesetzt , daß er mich , je weiter ich ging , zu beleben und zu erkräftigen begann . Nicht schreckten mich die Gespenster der nächtlichen Haide , nicht die drohenden Schatten des Wolkenhimmels , nicht die schwarzen Gestalten der Bäume und Sträucher , nicht die in mein Ohr säuselnden und in mein Haar schlagenden Winde . Mit einer mir selbst unbegreiflichen Kraft legte ich , ohne zu rasten , ohne mich umzublicken , die ungeheuersten Strecken Weges zurück . Ich lief wie eine Pilgerin , welche die Buße über Stock und Stein treibt , und die in allen Mühsalen der Flucht ein Heil findet . Endlich , nachdem ich viele Stunden gegangen , sank ich mit völlig aufgelösten Gliedern vor der Schwelle einer Bauerhütte zusammen . Ich konnte nicht weiter , mein Athem ging mir aus in der Brust . Es war noch Licht in der Hütte , und auf mein Seufzen kam die alte Bauerfrau heraus . Sie legte mich in ein großes hohes Bette , in dem mich bis gegen Morgen ein fast todähnlicher Schlaf umfing . Aber ich fühlte mich unbeschreiblich danach erquickt , und meine gesunde tüchtige Natur erwies sich hier in den entscheidendsten Augenblicken von einer siegenden Stärke . Von der Bauerfrau erfuhr ich , daß ich mich hier nur noch eine halbe Stunde von Pirna entfernt befinde . Ich hielt es selbst kaum für glaublich , daß mich in der vorigen Nacht mein fliehender Fuß so weit getragen hatte . Der Frau erzählte ich eine Geschichte , die sie glaubte . Ihr Mann fuhr diesen Morgen nach Tetschen , und nahm mich auf seinem Wagen mit . So gelangte ich wieder nach Böhmen . Von Tetschen ging ich zu Fuß über grüne Feldwege langsam in mein Dorf zurück . Jauchzende Thränen , möcht ' ich fast sagen , entstürzten mir , als ich unser kleines Haus wieder erkannte . Den Vater fand ich sehr krank und alt . Er konnte sich gar nicht auf mich besinnen . Und noch heut ist es kaum , als sähe er in mir eine Tochter . - Doch ich will jetzt jedes weitere Ausmalen unterlassen . Es fehlt mir auch von nun an aller Muth der Farben dazu . Diese Blätter zu schreiben , hat mir ohnehin schon viele Mühe und viele Ueberwindung gekostet , und dann muß ich doch am Ende mit Wehmuth sehen , daß sie eigentlich gar kein Resultat liefern . Mich hat Gott als eine der unverwüstlichen Naturen geschaffen , die ihre Hoffnungen auf das Leben nie aufgeben können , selbst nach der Strandung aller ihrer Güter nicht . Und so sitze ich jetzt hier in einer gänzlich verlorenen und vereinsamten Existenz auf meinem Dorfe , und pflege meinen armen kranken Vater mit so viel Liebe , als ich kann und als er versteht . Schon mehreremal hat die Schwalbe neue Frühlinge gebracht , und im Herbst hat der Kranich meine Wünsche mitgenommen in ferne Länder . Bald lache , bald weine , bald spotte ich , und kann den Sonnenschein nicht fahren lassen aus meinen Gedanken . Ich kann mich an kein unbesonntes Dasein gewöhnen . Darum hoffe ich und hoffe , ich hoffe mit einer wahren Leidenschaft . Denn alle die Seiten , die mein bisheriges Schicksal in mir anrührte , sind noch ungelöst geblieben in meiner jungen Brust . Noch immer falte ich die Kinderhände zu Gott , als müßte ich ihn um das Leben bitten . Und wenn ich an Mellenbergs abgeschiedene Gestalt denke , schlagen ernstredende Stimmen in mir empor , die von unverstandener Liebe und von unverstandener Religion sprechen . Er hatte meine Liebe nicht verstanden , und ich seine Religion nicht . Zuweilen kommt mir dann auch ins Gedächtniß zurück , wie er mir damals den protestantischen Glauben zu erklären unternahm , und es ist mir dann , als warte diese Klarheit , zugleich mit einem zukünftigen Glück , noch in schöner Ferne auf mich . Unverstandene Liebe . Unverstandene Religion . Ist das nicht unendlich viel , was noch gelöst werden muß ? Darum hoffe ich . Ich hoffe , ich hoffe ! O Gott ! O Leben ! - - An meine Heilige . II. Prag . Katholizismus , Legitimität , Wiedereinsetzung des Fleisches . - Unter allen Städten , die ich geschaut , gefällt mir , Libussa , Deine Stadt ! Sie gefällt mir , denn sie ist nicht von Menschenhänden gemacht . Sie ist ein Kind der Geschichte . Hier ist lauter Architektur der Geschichte , wohin das ehrfurchtergriffene Auge auch blickt , und bei jedem Schritt , der mich durch die ernste Erhabenheit dieser Straßen und Häuserreihen weiter führt , überrascht mich die Geschichte Böhmens mit großen Erinnerungen . Fast in der Mitte ihres Landes gelegen , steht diese Hauptstadt wie ein Product der Geschichte ihres Volkes da , und einzelne Ereignisse und ganze Perioden der Nation haben sich an diesem und jenem Stadttheil angebaut und festgesiedelt in Stein und Mauer , in Erz und Eisen . Kein Kunstmuseum der Vergangenheit , wie Rom , neigt Prag das ruhig stolze Haupt aller Orten nur über ächt nationales Leben seiner alten Zeit hin , und weist mit einem stumm melancholischen Zug auf die einstige Größe einer mächtig strebenden Bevölkerung zurück . Welch ' eine Reihe von hochgebauten Häusern , großartigen Palästen , unzähligen Thürmen und Kirchen , volkbelebten Gassen und Straßen ! Welche Märkte und Plätze , mit hohen Bogengängen , kunstgeformten steinernen Brunnen , glänzenden Gewölben und Läden ! Und dabei nicht , wie in Berlin und München , den Maurermeister oder Baumeister zu kennen , der dies und jenes Haus gemacht und gezimmert hat , sondern in dem erhebenden Gedanken hinzuschreiten , daß hier die historische Entfaltung eines gesammten Volkes thätig gewesen ist , um ein Ganzes , eine Stadt , eine Stadt im wahrsten und höchsten Sinne des Wortes , hervorzubringen , entstehen zu lassen ! Denn eine Stadt ist und muß noch etwas ganz Anderes sein , als bloß eine geordnete Masse von Häusern . Und doch , bei allem diesem reichen Leben der Stadt , bei allen diesen genußlustigen Gesichtern der Menschen , welche heimliche Trauer weht mich an aus den Straßen von Prag ! Ich weiß nicht , bin ich es , der melancholisch ist , oder ist es Prag ? Sind es die dunkeln Geister der Vorzeit , welche mit bangem Schritt durch die Gasse wandeln ? Sitzt der faule Wenzel noch auf dem Thron , und verbreitet um sich her bleiche Schrecken ? Brennen die Hussiten wieder eine katholische Kirche nieder , haben sich neue Kämpfe um Glauben , Recht , Verfassung und Satzung entsponnen ? Warum wird es zuweilen auf Einmal so still , so ängstlich , so nachdenklich in Prag ? Horch , da klirrt ein Fenster . Es wird doch kein katholischer Reichsrath herausgeworfen werden , wie zu der Hussiten Zeiten ! Nein , es ist eine schöne Pragerin , die ihre Blumentöpfe begießt . Schöne , schöne Pragerin , Du machst Deinem Lande , Deinem Volke Ehre ! Ein Volk , das so schöne Mädchen hat , kann und darf und wird nie untergehen . Es ist gar nicht möglich . Doch ehe wir in die Häuser und Stuben hineingehn und mit den Gesichtern Bündnisse und Verträge schließen , laß uns noch einmal die Stadt anschaun , liebe Heilige ! Komm , komm , ich weiß , Du ziehst gern in der Welt herum . Nachdem ich Deine Bekenntnisse gelesen , ist meine Sehnsucht zu Dir noch stärker und inniger gewachsen . Ich habe Dich verstanden , und bin Deiner Seele an manchem Kreuzweg begegnet , an dem auch ich stand , und bald gebetet , bald geflucht habe . Du aber hast wie eine weibliche Seele gehandelt und geduldet , und bist dabei schön geblieben . Aus mir hat Gott einen Mann gemacht , und ich bin bei weitem ruchloser ins Zeug der Welt hineingefahren . Doch haben mich mitten in meiner Ruchlosigkeit gute und weit ins Leben blickende Gedanken überrascht . So geht es aber allen den strebenden Geistern der heutigen Zeit , sie lernen viel aus dem Fleisch der Welt . Und das Fleisch und die Welt werden für den Kundigen immer durchsichtiger , denn darin hat sich Gott offenbart . So sei mir denn noch einmal ganz aus tiefstem Herzen gegrüßt , Du weltliche Seele . Ich bin es , wie Du . Eine weltliche Seele , die oft an Gott denkt , und an die Geschichte . Warum bist Du nicht bei mir , und warum reisen wir nicht zusammen , da ich Dir verwandt und Du mir ? Ich habe mein Lebelang einen ungestillten Drang nach verwandten Seelen gehabt , weil ich mich immer so langweile in aller Gesellschaft . So komm denn , ich will denken , Du bist hier ! Ich denke gern an Dein weltliches Marienbild , o Maria , Madonna ! Komm , ich will Dir Prag zeigen , hier ist viel , worüber wir noch mit einander zu sprechen haben . In Prag ist viel Welt , viel Fleisch und Blut , viel Geschichte , und für Gott sind viele Kirchen , wenn auch nur alleinseeligmachende , gebaut . Von der Neustadt aus , in der ich mich eingemiethet habe , laß Dich durch den alterthümlichen Pulverthurm , dem wir nur im Vorbeigehn unsere Ehrfurcht beweisen , die stattliche Zeltnergasse entlang , und noch über manche Straße der Altstadt fort , zuerst bis zur Brücke von mir führen ! Deine Dresdener Brücke , über die Du nach der Messe oft spaziert bist , kann sich mit dieser , die den heiligen Nepomuk selber trägt , nicht vergleichen , und auch die Elbe nicht mit der inselreichen Moldau , welche hier zu beiden Seiten in breiter Strömung vor dem Auge hinwallt . Nun sieh Dich um , rechts und links , während wir schnell über die Brücke gehn , und diesmal , schau ! lüfte ich auch den Hut vor dem heiligen Nepomuk mit seinen Sternen , denn seitdem ich damals , mehr aus Liebe , als aus Grobheit , Deine Madonna nicht grüßte , habe ich schon etwas gelernt in katholischen Landen . Und nun sind wir auf der Kleinseite , der Wiege Prags , und oben vor Dir erblickst Du den erhabenen Hradschin , wo die Könige Böhmens thronten und jede Thurmspitze in eine graue Vorzeit hineinragt . Diesmal führe ich Dich jedoch weder in das Schloß , noch in die uralte Domkirche , noch in das Haus von Loretto , noch auf die Sternwarte Tycho Brahe ' s. Unser Weg ist weit und beschwerlich in der Hitze , aber Du bist gut zu Fuß , und so steigen wir , trotz der Mittagsglut der Sonne , hoch oben hinauf auf den Laurentiusberg , wo ich das ganze vielgethürmte Prag Dir zu Füßen legen will . Wir gehen immer die Mauer entlang , und gelangen endlich zu einem Höhepunct dieses felsigen Petrin , wo wir plötzlich tief unter uns Alles schöner , reicher , zauberhafter wiederfinden , als wir es verlassen hatten . Nämlich die Stadt in der malerischen Perspective aller ihrer Theile , ein wunderbares Lebensbild , das aus dem fernen Erdenthal die Augen zu uns emporschlägt , die Hände zu uns heraufstreckt . Hier oben haben wir den höchsten Standort , von dem wir den ganzen Umkreis bis weit hinaus über Böhmens Gränzen beherrschen , erreicht . Zu Häupten den Hochziehenden Wolkenhimmel mit blauem und weißem Geäder , und hinten an den Säumen des Horizonts die ferngelagerten Reihen der Gebirge , die wie Riesenadler mit lang ausgreifenden Fittigen in den Lüften verschweben . Aber werfen wir aus unserer Abgeschiedenheit die Blicke dahin , wo wir in seinen angewiesenen Gränzen menschliches Leben und Bewegen zurückgelassen haben . Ein wogendes , blitzendes Meer von Dächern , Thürmen , Kuppeln , Palästen breitet sich dort unten über den grünenden Kessel der Moldau in pittoresk hingeworfenen Gruppen aus , und dazwischen schlängelt sich theilend der helle Faden des Stroms , immer frohen Laufes , bald gekrümmt , bald eben vorwärts eilend , bald lautaufrauschend gegen seine Wehre , hindurch . Je länger Du hinblickst , je mehr tritt Harmonie in das reiche , mannigfaltige Gemälde , und die Haufen der Häuser theilen sich , und die Straßen ziehen schöne Linien der Ordnung durch die dichten Massen des Steins . Immer deutlicher , immer ausgearbeiteter , immer näher scheinen die Bilder , es ist Dir , als müßtest Du hineinschauen in die Häuser , und während eine große , feierliche Stille über dem ganzen Panorama ruht , meinst Du doch reden und flüstern zu hören dort unten auf der Brücke , die von Menschen nie leer wird , und auf ihren weitgewölbten Bogen majestätisch sich wiegt . Das ist Prag , das ist Prag ! es giebt keine andere Stadt , die eine ähnliche Malerei des Anblicks dem Auge , dem Gefühl , gewährt . Vielfarbig schimmernd im Glanz der Dächer , vielgestaltig sich dehnend in allen Formen und Manieren seiner Bauwerke , hochaufflatternd mit seinen unzähligen Thurmspitzen und Kuppeln , liegt es vor Dir wie ein im bunten Gestein ausgehauenes Mährchen , auf dessen ernsthafte Anmuth der Sonnenstrahl des Tages herabfällt . Goldene Träume , finstere und heitere Erinnerungen , schweres Verhängniß , alter Fluch , glorreiche That , Segen Gottes , und dunkler Dämon der Geschichte , schweben hin und her mit Geisterflügeln über ihrem Dunstkreis . Sorgen und Leichtsinn , Melancholie und Genuß , Leidenschaft und Phlegma , Ueppigkeit und Trauer , prägen sich aus auf dem Gesicht dieser Slawin ! Das ist Prag , die geweissagte Stadt , wie im achten Jahrhundert Libussa sie im Geist aufsteigen gesehn , als Seherkraft die Fürstin ergriffen hatte mit großen Bildern . Und indem ich hier hoch oben stehe , still und einsam , nur von scharfgehenden Lüften umrauscht , ist es mir , als käme ein Sehergeist auch über mich , und zöge meine Blicke zurück in fernverflossene wunderbare Zeiten . Libussa erscheint mir , von der ich in alten Chroniken viel gelesen , und ihre holde Fabelgestalt mahnt mich heut wie eine Wirklichkeit . Dort drüben , dort drüben auf dem ernsten felsigen Wysserad , den wir von hier erschauen können , und wo die gewandte Moldau tiefer sich eindrängt in das steile Ufer , dort drüben lag ja ihr altes Schloß Libin . Und es ist mir , als schlügen die Pforten krachend auseinander , und heraustritt die ernste kluge Fürstin , mit eilig bewegtem Schritt , denn die Begeisterung hat sich ihrer bemächtigt . Es ist ein gluthheißer Sommer , schwer hängt die Augenwimper über dem träumenden , vielbedeutenden Auge . Libussa setzt sich auf einen hohen , breiten Felsen , und die Schaar ihrer Dienerinnen drängt sich bangerwartend um sie her , und auch Przemysl , der Stammvater so vieler tapfern Fürsten , steht da und harrt andächtig auf Auge und Mund seines weissagenden Gemahls . Und Libussa sprach : Ich sehe eine Stadt , deren Ruhm bis an den Himmel reicht . Dreitausend Schritte von hier im Walde , nächst der Moldau , wo das Bächlein Brusky hineinfällt , sehe ich eine Stadt emporsteigen aus meinen Gedanken . Und dort gehet hin , wo ein Mann die Schwelle zu einem Haus zimmert , und dort beginnt zu bauen an der Stadt meiner Gedanken . Und Praha sollt ihr sie nennen , Praha , die Schwelle , denn sie wird die Schwelle sein des Ruhmes und der Herrlichkeit der Böhmen ! - So sprach die Fürstin , und reckt mit der Hand prophetisch hinaus in die Ferne , und erhebt sich von ihrem Sitz , und schreitet langsam durch die jubelnden Reihen ihres Gefolges zurück in ihr Schloß Libin . Und krachend schlägt wieder die Pforte hinter ihr zusammen . - Da liegt sie jetzt still hingeschmiegt zu meinen Füßen , die Schwelle des Böhmenruhmes , wie das Volkslied so oft sie nennt . Da liegt der Gedanke Libussas , es war der Mühe werth , ihn auszuführen . Libussa muß schönere Gedanken gehabt haben , als ich . Aus meinen Gedanken wird höchstens ein deutsches Buch , nie eine That , am allerwenigsten aber eine Hauptstadt . Ich gäbe etwas darum , wenn ich auch einmal aus meinem Haupt eine Stadt machen könnte , eine Hauptstadt . Wenn aus allen meinen Ideen lieber Häuser , aus meinen Bildern Paläste , aus meinen Gefühlen Straßen und Brücken , aus meinem Verstand ein Marktplatz , aus meiner Vernunft eine Verfassung , aus meiner Melancholie eine Kirche , aus meiner Bosheit ein Gesellschaftssalon , aus meiner Phantasie ein Liebestempel , aus meiner Lebenserfahrung ein Theater , aus meinem Humor ein Volksgarten , aus meiner Reflexion ein schiffbarer Strom würde , dann hätte die Welt doch etwas davon , und sie sollte sich verwundern , was sie davon hätte ! Wahrhaftig , manche Menschen tragen ganze Städte in ihrem Kopf , aber sie können und dürfen sie nur nicht bauen . Sie müssen sie mitsammt den Dachzinnen und Thurmspitzen , die schon aus ihnen hervorwollten , wieder in sich hinunterschlucken , und nur abgerissene Giebelstücke , halbe Stockwerke und zerbrochene Fenstergesimse dürfen sie von sich geben in elenden Büchern , die unter Censur gedruckt werden . Darum verachte ich alle meine Bücher , die ich heut und morgen schreibe , weil es keine Städte sind , in denen ein ganzes Volk zu Heil und Lust sich ansiedeln kann . Es sind nur Nothbrücken in die Zukunft hinein . Vielleicht gelingt es einmal , eine ganze öffentliche Stadt zu bauen , und dann wird die deutsche Literatur erst eine Weltliteratur werden . Libussa , ich beneide Dich ! Alle deutschen Dichter beneiden Dich ganz ungeheuer ! Du hattest einen Gedanken , und der Gedanke wurde eine große Stadt , des Nationalruhmes Schwelle . Ein deutscher Dichter hat einen Gedanken , und aus dem Gedanken wird eine sechs Treppen hoch von dem Geräusch der Welt entfernte Studirstube . Man muß sich immer erst die Beine ablaufen , ehe man so hoch hinaufkommt , denn es steht nicht mitten im Leben darin . O Libussa ! Es muß anders mit uns werden . Die Welt und das Fleisch müssen wieder eingesetzt werden in ihre Rechte , damit der Geist nicht mehr sechs Treppen hoch wohnt in Deutschland . Wenn Geist und Welt sich ganz versöhnt und durchdrungen haben , dann bricht die Ordnung des neuen Lebens an , für das wir jungen Geschlechter , ich und Der und Jener , zu kämpfen und zu schaffen geboren sind . Dann erst haben wir die Poesie unsres Daseins erreicht . Wehe Dem unter uns , der jetzt schon seine Verse für etwas hält . O Libussa ! O Libussa ! Dann baue auch ich eine große Stadt , aus meinen Gedanken ! Doch still , still ! Wo gerathe ich hin hier oben auf dem Laurentiusberg ! Noch einmal will ich mit meinen Blicken weit in die Ferne streifen , ich will mein Herz daran starken , Bilder der Ferne einzufangen . Und es ist ein wunderbarer , herrlicher , nie sättigender Anblick , hier sich wieder und wieder umzuschaun , bald in das gestaltvolle Prag hinein , bald in die blaue Himmelsweite der Gegend . Mit einer großartigen Perspective hat hier die Natur ihre Landschaftsmalereien ersonnen , sie ist besser daran , als die Zeit und die Schriftsteller mit ihren Perspectiven . Sie kann mir hier selbst das Riesengebirge zeigen , das ich dort hinten mit deutlich geformten Gliedern erkenne , wie es eine zackige Schneespitze keck in die träge ruhende Wolke taucht . Und links und rechts , und vor und hinter mir , hundert andere duftumflossene Bergeshäupter , wie eine ehrwürdige Patriarchenfamilie , mit langen silbernen Bärten zwischen den Wolken hingelagert . Die einen still und sanftgezeichnet , wie junge Lämmer mit weißem Vließ , die andern ernsthaft und feierlich , wie weltverachtende Propheten , diese , mit den hochemporgehobenen Nebelgesichtern , dunkelschattig und kopfschüttelnd , wie philosophische Menschenfeinde , jene , mit den feuchten Wimpern , die auf die eisige Wange herniederthauen , zu dem Himmel hinauf schluchzend , wie uraltes Weh des Universums . Rings im Kreise stehen sie um mich her , diese Berge , und schauen mich groß an , und es ist , als hätte mir Jeder etwas zu sagen . Bald wie gebannte Götter , bald wie verzauberte Menschen , bald wie fremde seltsame Thiere neigen sie ihr Antlitz zu mir herüber . Dann scheint es wieder , als hüllten sie sich tiefer und tiefer in den wallenden Schleier , der ihnen Kopf und Busen graugesponnen umfließt , und als wollten sie sich grollend zurückziehen vor der Welt in unsichtbare Regionen . Das ist ein Frieden und eine Schwermuth , eine Erhabenheit und ein banges Schweigen , eine Wildheit und eine Andacht , welches um diese Berggipfel spielt , das sich gar nicht beschreiben läßt , und doch wie mit tausend Zungen in die Lüfte hineinredet . Wie ungebändigte Genies , welche die Flachheit der Erde noch nicht hat hinabzwingen können in die Ebene , stehen sie alle da , und machen mir viel zu denken , ich weiß selbst nicht was . Und willst Du Dein Auge nun wieder in der Nähe wohlthuend ansiedeln - denn die weite Ferne schmerzt auch , so wie sie erhebt - so laß es auf die grünen Höhen fallen , welche den Rücken der Stadt schmücken und schirmen . Da ist vor allen der Zizkaberg den Du Dir anschauen mußt , bei dem mir jedoch die Historienmalerei , die auf ihm ruht , bedeutender däucht , als die Landschaftsmalerei , welcher er in der Gegend hier dient . Die Historienmalerei , die auf ihm ruht , hat tief in Blut gemalt , Blut in Blut , mit fanatischen Schwerterstreichen . Die gräuelvollsten Tage der Hussitenkriege schweben wie kreischende Gespenster über seiner Anhöhe . Oder blicke noch einmal zu dem hochwürdigen Hradschin hinauf , und zähle die stolze Pracht seiner Kirchen , Klöster und Schlösser , ermiß staunend den Bau der alten Königsburg der Böhmen , und bewundere die gothische Herrlichkeit des Domes zu St. Veit , an dem verschiedene Zeiten gebildet haben . Oder laß das Auge nun , an den beiden Brückenthürmen der Kleinseite vorüber , über die Moldaubrücke fort , in die buntbewegte Altstadt hineingehn , und suche die Thürme zu unterscheiden , die sich da wie eine ehrfurchterregende Gemeinde erheben . Vor allen streckt die altväterliche Teynkirche , grauen Jahrhunderten entstammend , die beiden hochragenden Thürme ihrer Kuppel wie gottanrufende Hände zum Himmel empor . Und horch ! es klingt und läutet , und ein gedämpfter Ton der Glocken irrt in halbverlorenen Schwingungen auch zu unserer abgeschiedenen Höhe aufwärts . Ist es die große Glocke der Teyn , welche an unser Ohr fällt ? eine berühmte Glocke , die auch in der Geschichte Klang und Namen erworben . Und immer lauter verstärkt sich der fromme Klang , welcher muthig durch die Lüfte hinschwebt , und sein tönendes Gefieder , hoch über der Stadt , in die blaue Wolke trägt . Immer mehrere Kirchen fangen an , da unten zu läuten , mein Herz bewegt sich , und unser Belvedere hier oben wird uns zum Gottesdienst . Nun steige ich hinunter , nachdem ich Dir nur noch zwei Thürme der Neustadt gezeigt , die dort in betrachtenswerthen Gestalten zu uns aufschauen . Der Franziskaner mit der breiten Brust , alle umstehenden überragend , und St. Katharina , in zarter jungfräulicher Bildung , wie eine junge Nonne , die fromm und schön zugleich . Fromm und schön zugleich , das liebe ich , denn da kommt Gott und Welt zusammen , das suche ich . Und nun nimm noch einmal rührenden Abschied mit einem einzigen ganzen Blick von Allem ringsum , was Herz und Auge gefangen genommen hatte mit großartigen Wundergemälden . Dann steigen wir stillsinnend den Laurentiusberg wieder hinab . - Nachdem wir flüchtig in der freundlichen Hasenburg , die uns noch in ziemlicher Berghöhe hier begegnet , eingesprochen und uns erfrischt haben , schreiten wir allmälig wieder der Nähe der Stadt zu . Wenn ich lange im Freien und im Angesicht der grünen Natur verweilt , tritt mir alles Städtische jedesmal als ein wohlthuendes und kräftigendes Element neu entgegen . Dann möchte ich immer eine umgekehrte Elegie dichten , wie Schiller , wenn er in seinem » Spaziergang « die Entfernung von der Stadt feiert , und mit hochtönenden Grüßen dem Laude zueilt . Während er sich dort glücklich preist