durch die Straßen ging , ach wie eine geraume Zeit dünkt mir ' s , da war ich zufrieden , alle Wünsche waren schlafen gegangen , hatten wie die Berge Gestalt und Farbe in Nebel eingehüllt ; ich dachte , so ging es , und weiter , ohne große Mühseligkeit vom Land in die hohe See , kühn und stolz , mit gelösten Flaggen und frischem Wind . - Aber Goethe , feurige Jugend will die Sitten der heißen Jahreszeit , wenn die Abendschatten sich übers Land ziehen , dann sollen die Nachtigallen nicht schweigen : singen soll alles , oder sich freudig aussprechen ; die Welt soll ein üppiger Fruchtkranz sein , alles soll sich drängen im Genuß , und aller Genuß soll sich mächtig ausbreiten , er soll sich ergießen wie gärender Most , der brausend arbeitet , bis er zur Ruhe kommt , untergehen sollen wir in ihm wie die Sonne unter die Meereswellen , aber auch wiederkommen wie sie . So ist Dir ' s geworden , Goethe , keiner weiß , wie Du mit Gott vertraut warst und was für Reichtum von ihm erlangt hast , wenn Du untergegangen wärst im Genuß . Das seh ich gerne , wenn die Sonne untergeht , wenn die Erde ihre Glut in sich saugt und ihr die feurigen Flügel leise zusammenfaltet und die Nacht durch gefangen hält , da wird es still auf der Welt , die Sehnsucht steigt so heimlich aus den Finsternissen empor ; ihr leuchten die Sterne so unerreichbar überm Haupt , so unerreichbar , Goethe ! Wenn man selig sein soll , da wird man so zaghaft , das Herz scheidet zitternd vom Glück , noch ehe es den Willkommen gewagt ; - auch ich fühl ' s , daß ich meinem Glück nicht gewachsen bin . Welche Allbefähigung , um Dich zu fassen ! - Liebe muß eine Meisterschaft erwerben , das Geliebte besitzen wollen , wie es der gemeine Menschenverstand nimmt , ist nicht der ewigen Liebe würdig und scheitert jeden Augenblick am kleinsten Ereignis . - Das ist meine erste Aufgabe , daß ich mich Dir aneigne , nicht aber Dich besitzen wolle , Du Allbegehrlichster ! Ich bin doch noch so jung , daß es sich leicht entschuldigen läßt , wenn ich unwissend bin . Ach , für Wissenschaft hab ich keinen Boden , ich fühl ' s , ich kann ' s nicht lernen , was ich nicht weiß , ich muß es erwarten , wie der Prophet in der Wüste die Raben erwartet , daß sie ihm Speise bringen . Der Vergleich ist so uneben nicht : durch die Lüfte wird meinem Geist Nahrung zugetragen , - oft grade , wenn er im Verschmachten ist . Seitdem ich Dich liebe , schwebt ein Unerreichbares mir im Geist ; ein Geheimnis , das mich nährt . Wie vom Baum die reifen Früchte fallen , so fallen hier mir Gedanken zu , die mich erquicken und reizen . O Goethe , hätte der Springquell eine Seele , er könnte sich nicht erwartungsvoller ans Licht drängen , um wieder emporzusteigen , als ich mit ahnender Gewißheit mich diesem neuen Leben entgegendränge , das mir durch Dich gegeben ist , und das mir zu erkennen gibt , daß ein höherer Lebenstrieb den Kerker sprengen will , der nicht schont der Ruhe und Gemächlichkeit gewohnter Tage , die er in brausender Begeisterung zertrümmert . Diesem erhabenen Geschick entgeht der liebende Geist nicht , so wenig der Same der Blüte entgeht , wenn er einmal in frischer Erde liegt . So fühl ich mich in Dir , Du fruchtbarer gesegneter Boden ! Ich kann sagen , wie das ist , wenn der Keim die harte Rinde sprengt , - es ist schmerzlich ; die lächelnden Frühlingskinder sind unter Tränen erzeugt . O Goethe , was geht mit dem Menschen vor ? Was erfährt er , was erlebt er in dem innersten Flammenkelch seines Herzens ? - Ich wollte Dir meine Fehler gern bekennen , allein die Liebe macht mich ganz zum idealischen Menschen . Viel hast Du für mich getan , noch eh Du von mir wußtest , über vieles , was ich begehrte und nicht erlangte , hast Du mich hinweggehoben . Bettine An Goethe Am 5. März Hier in Frankfurt ist es naß , kalt , verrucht , abscheulich ; kein guter Christ bleibt gerne hier ; - wenn die Mutter nicht wär , der Winter wär unerträglich , so ganz ohne Hältnis , - nur ewig schmelzender Schnee ! - Ich habe jetzt einen Nebenbuhler bei ihr , ein Eichhörnchen , was ein schöner französischer Soldat als Einquartierung hier ließ , von dem läßt sie sich alles gefallen , sie nennt es Hänschen , und Hänschen darf Tische und Stühle zernagen , ja es hat selbst schon gewagt , sich auf ihre Staatshaube zu setzen und dort die Blumen und Federn anzubeißen . Vor ein paar Tagen ging ich abends noch hin , die Jungfer ließ mich ein mit dem Bedeuten , sie sei noch nicht zu Hause , müsse aber gleich kommen . Im Zimmer war ' s dunkel , ich setzte mich ans Fenster und sah hinaus auf den Platz . Da war ' s , als wenn was knisterte , - ich lauschte und glaubte atmen zu hören , - mir ward unheimlich , ich hörte wieder etwas sich bewegen und fragte , weil ich ' s gern aufs Eichhörnchen geschoben hätte : » Hänschen bist du es ? « Sehr unerwartet und für meinen Mut sehr niederschlagend antwortete eine sonore Baßstimme aus dem Hintergrund : » Hänschen ist ' s nicht , es ist Hans « , und dabei räuspert sich der ubique malus Spiritus . Voll Ehrfurcht wag ich mich nicht aus der Stelle , der Geist läßt sich auch nur noch durch Atmen und einmaliges Niesen vernehmen ; - da hör ich die Mutter , sie schreitet voran , die kaum angebrannte , noch nicht volleuchtende Kerze hinterdrein , von Jungfer Lieschen getragen . » Bist du da ? « fragte die Mutter , indem sie ihre Haube abnimmt , um sie auf ihren nächtlichen Stammhalter , eine grüne Bouteille , zu hängen . » Ja « , rufen wir beide , und aus dem Dunkel tritt ein besternter Mann hervor und fragt : » Frau Rat , werd ich heut abend mit Ihnen einen Specksalat mit Eierkuchen essen ? « Daraus schloß ich denn ganz richtig , daß Hans ein Prinz von Mecklenburg sei ; denn wer hätte die schöne Geschichte nicht von Deiner Mutter gehört , wie auf der Kaiserkrönung die jetzige Königin von Preußen , damals als junges Prinzessinnenkind und ihr Bruder der Frau Rat zusahen , wie sie ein solches Gericht zu speisen im Begriff war , und daß dies ihren Appetit so reizte , daß sie es beide verzehrten , ohne ein Blatt zu lassen . Auch diesmal wurde die Geschichte mit vielem Genuß vorgetragen und noch manche andre , z.B. wie sie den Prinzessinnen den Genuß verschaffte , sich im Hof am Brunnen recht satt Wasser zu pumpen , und die Hofmeisterin durch alle mögliche Argumente abhält , die Prinzessinnen abzurufen , und endlich , da diese nicht darauf Rücksicht nimmt , Gewalt braucht und sie im Zimmer einschließt . » Denn « , sagte die Mutter , » ich hätte mir eher den ärgsten Verdruß über den Hals kommen lassen , als daß man sie in den unschuldigen Vergnügungen gestört hätte , das ihnen nirgendwo gegönnt war als in meinem Hause ; auch haben sie mir ' s beim Abschied gesagt , daß sie nie vergessen würden , wie glücklich und vergnügt sie bei mir waren . « - So könnte ich Dir noch ein Paar Bogen voll schreiben von allen Rückerinnerungen ! Adieu , lieber Herr ! - Die Frau grüß ich , Riemers Sonett kracht wie neue Sohlen ; er soll meiner Geschäfte gewärtig sein und seinen Diensteifer nicht umsonst gehabt haben . Gelt , ich mach ' s grade wie Dein Liebchen , schreibe , kritzele , mach Tintenkleckse und Orthographiefehler und denk , es schadet nichts , weil er weiß , daß ich ihn liebe , und der Brief , den Du mir geschrieben , war doch so artig und zierlich abgefaßt , das Papier mit goldnem Schnitt ! - Aber , Goethe , erst ganz zuletzt denkst Du an mich ! Erlaub , daß ich so frei bin , Dir einen Verweis zu geben für diesen Brief , fasse alles kurz ab , was Du verlangst , und schreib ' s mit eigner Hand , ich weiß nicht , warum Du einen Sekretär anstellst , um das Überflüssige zu melden , ich kann ' s nicht vertragen , es beleidigt mich , es macht mich krank ; im Anfang glaubt ich , der Brief sei gar nicht an mich , nun trag ich doch gern solch einen Brief auf dem Herzen , solange bis der neue kommt , - wie kann ich aber mit einer solchen fremden Sekretärhand verfahren ? Nein , diesmal hab ich Dich in meinem Zorn verdammt , daß Du gleich mit dem Sekretär in die alte Schublade eingeklemmt wurdest , und der Mutter hab ich gar nicht gesagt , daß Du geschrieben hattest , ich hätte mich geschämt , wenn ich ihr diesen Perückenstil hätte vortragen müssen . Adieu , schreibe mir das einzige , was Du zu sagen hast , und nicht mehr . Bettine An Goethe Am 15. März Nun sind ' s beinahe sechs Wochen , daß ich auch nur ein Wort von Dir gehört habe , weder durch die Frau Mutter noch durch irgendeine andre Gelegenheit . Ich glaube nicht , daß , wie viele andere sind , Du auch bist , und Dir durch Geschäfte und andere Wichtigkeiten den Weg zum Herzen versperrst ; aber ich muß fürchten , daß meine Briefe Dir zu häufig kommen , und muß mich zurückhalten , was mich doch selig machen könnte , wenn es nicht so wär und ich glauben dürfte , daß meine Liebe , die so anspruchslos ist , daß sie selbst Deinen Ruhm vergißt und zu Dir wie zu einem Zwillingsbruder spricht , Dich erfreut . Wie ein Löwe möcht ich für Dich fechten , möcht alles verderben und in die Flucht jagen , was nicht wert ist , Dich zu berühren ; muß um deinetwillen die ganze Welt verachten , muß ihr um deinetwillen Gnade widerfahren lassen , weil Du sie verherrlichst , und weiß nichts von Dir ! Sag nur , ob Du ' s zufrieden bist , daß ich Dir schreibe ? - Sag nur : » Ja , du darfst ! « Wenn ich nun in etlichen Wochen , denn da haben wir schon Frühling hier , ins Rheingau gehe , dann schreib ich Dir von jedem Berg aus ; bin Dir so immer viel näher , wenn ich außer den Stadtmauern bin , da glaub ich manchmal , mit jedem Atemzug Dich zu fühlen , wie Du im Herzen regierst , wenn es recht schön ist draußen , wenn die Luft schmeichelt , ja wenn die Natur gut und freundlich ist wie Du , da fühl ich Dich so deutlich . - Aber was soll ich mit Dir ? - Du selbst hast mir nichts zu sagen ; in dem Brief , den Du mir schriebst , den ich zwar so lieb habe wie meinen Augapfel , da nennst Du mich nicht einmal , wie Du gewohnt warst , grad als ob ich Deiner Vertraulichkeiten nicht wert wäre . Ach , es geht ja von Mund zu Herzen bei mir ! Ich würde nichts von Schatz und Herz und Kuß veräußern , und wenn ich auch am Hungertuch nagen müßte . In der Karmeliterkirche hab ich im Herbst allerlei geschrieben , Erinnerungen aus der Kindheit , - sie fielen mir immer ein , wenn ich dahin kam , und doch war ich bloß hingekommen , um ungestört an Dich zu denken ! Jede Lebenszeit geht mir in Dir auf , ich denke mir die Kinderjahre , als ob ich sie mit Dir verspiele , und wachs empor und wähne mich geborgen in Deinem Schutz und fühle stolz mich in Deinem Vertrauen , und da regt sich ' s im Herzen vor heißer Liebe , da such ich Dich , wie soll ich Ruhe finden ? - An Deiner Brust nur , umschränkt von Deinen Armen . - Und wärst Du es nicht , so wär ich bei Dir ; aber so muß ich mich fürchten vor aller Augen , die sind auf Dich gerichtet , ach , und vor dem stechenden Blick , der unter Deinem Kranz hervorleuchtet4 ! Außer Dir erscheinen mir alle Menschen wie einer und derselbe , ich unterscheide sie nicht , ich begehr nicht nach dem ungeheuren allseitigen Meer der Ereignisse . Der Lebensstrom trägt Dich , Du mich , in Deinen Armen durchschiff ich ihn , Du trägst mich bis zum Ende , nicht wahr ? - Und wenn es auch noch tausendfache Existenzen gibt , ich kann mich nicht hinüberschwingen , bei Dir bin ich zu Hause , so sei doch auch zu Hause mit mir , oder weißt Du etwas Besseres als mich und Dich im magischen Kreis des Lebens ? Unlängst hatten wir ein kleines Fest im Hause wegen Savignys Geburtstag . Deine Mutter kam mittags um zwölf und blieb bis nachts um ein Uhr , sie befand sich auch den andern Tag ganz wohl darauf . Bei der Tafel war große Musik von Blase-Instrumenten , auch wurden Verse zu Savignys Lob gesungen , wo sie so tapfer einstimmte , daß man sie durch den ganzen Chor durchhörte . Da wir nun auch Deine und ihre Gesundheit tranken , wobei Trompeten und Pauken schmetterten , so ward sie feierlich vergnügt . Nach Tische erzählte sie der Gesellschaft ein Märchen , alles hatte sich in feierlicher Stille um sie versammelt . Im Anfang holte sie weit aus , das große Auditorium mochte ihr doch ein wenig bange machen ; bald aber tanzten alle rollefähigen Personen in der grotesken Weise aus ihrem großen Gedächtniskasten auf das phantastischste geschmückt , es wurden noch allerlei kleine Szenen aufgeführt , dann trat eine junge spanische Tänzerin auf , die mit Kastagnetten sehr schön tanzte . Dieses graziöse Kind gibt hier beim Theater Vorstellungen , ich hab Dir von ihr noch nicht gesagt , daß sie mich seit Wochen in einem stillen Enthusiasmus erhält , und daß ich oft denke , ob denn Gott was anders will , als daß sich die Tugend in die reine Kunst verwandle , daß man nämlich nach den Gesetzen einer himmlischen Harmonie die Glieder des Geistes mit leichtem Enthusiasmus rege und so mit anmutigen Gebärden die Tugend ausdrücke , wie jene den Takt und den Sinn der Musik . Nach dem Souper tanzte man , ich saß etwas schläfrig an der Seite Deiner Mutter , sie hielt mich umhalst und hatte mich lieb wie den Joseph ; ich hatte dazu auch einen roten Rock an . Man hat einstimmig beschlossen , es solle nie ein Familienfest gegeben werden ohne die Mutter , so sehr hat man ihren guten Einfluß empfunden ; ich hab mich gewundert , wie schnell sie die Herzen gewinnen kann , bloß weil sie mit Kraft genießt und dadurch die ganze Umgebung auch zur Freude bewegt . Die Deinen grüße ich herzlich , ich habe nicht vergessen , was ich für Deine Frau versprach ; nächstens wird alles fertig sein , nur die Frau von Sch . mußte ich schändlicherweise vergessen mit dem Tuch ! Nun was ist zu tun ? Mein Minister , denk ich , bekommt hier eine schöne Negotiation . Gelt , ich mißbrauch Deine Geduld ? - Guter ! Bester ! Dem mein Herz ewig dient . Dein Sohn wird sein Bündel bald schnüren ; - nur nicht zu fest ! Denn ich will ihm bei der Durchreise noch einen Pack guter Lehren mitgeben , die er auch noch mit einschnüren muß . Mein Bruder George hat ein kleines Landhaus in Rödelheim gekauft , Du mußt es kennen , da Du selbst den Plan dazu gemacht und mit Basset , der jetzt in Amerika wohnt , den Bau besorgtest . Ich freu mich gar sehr über seine schönen Verhältnisse , ich meine , Dein Charakter , Deine Gestalt und Deine Bewegungen spiegeln sich in ihnen . Wir fahren beinah alle Tage hinaus , gestern stieg ich aufs Dach ; die Sonne schien so warm , es war so hell , man konnte so recht die Berge im Schoß der Täler liegen sehen . O Jammer , daß ich nicht fliegen kann ! Was nützt es all , daß ich Dich so lieb hab ? - Jung , kräftig und stolz bin ich in Dir ; - ich mag ' s nicht auslegen , die Welt schiebt doch alles Gefühl in ihr einmal gemachtes Register , Du bist über alles gut , daß Du meine Liebe duldest , in der ich überglücklich bin . Wie das Weltmeer ohne Ufer ist mein Gemüt , seine Wellen tragen , was schwimmen kann ; Dich aber hab ich mit Gewalt ins tiefste Geheimnis meines Lebens gezogen und walle freudebrausend dahin über der Gewißheit Deines Besitzes . Wenn ich mich sonst im Spiegel betrachtete und meine Augen sich selbst so feurig anschauten und ich fühlte , daß sie in diesem Augenblick hätten durchdringen müssen , und ich hatte niemand , dem ich einen Blick gegönnt hätte , da war mir ' s leid , daß alle Jugend verloren ging , jetzt aber denk ich an Dich . Bettine An Goethe Am 30. März Kleine unvorhergesehene Reisen in die nächsten Gegenden , um den Winter vor seinem Scheiden noch einmal in seiner Pracht zu bewundern , haben mich abgehalten , sogleich meines einzigen und liebsten Freundes in der ganzen Welt Wunsch zu befriedigen . Hierbei sende ich alles , was bis jetzt erschienen , außer ein Journal , welches die Juden unter dem Namen Sulamith herausgeben . Es ist sehr weitläufig ; begehrst Du es , so send ich ' s , da die Juden es mir als ihrem Protektor und kleinen Nothelfer verehren . Es enthält die verschiedensten Dinge , kreuz und quer ; besonders zeichnen sich die Oden , die sie dem Fürstprimas widmen , darin aus ; ein großes Gedicht , was sie ihm am Neujahrstag brachten , schickte er mir und schrieb : » Ich verstehe kein Hebräisch , sonst würde ich eine Danksagung schreiben , aber da für die kleine Freundin der Hebräer nichts zu verkehrt und undeutsch ist , so trage ich ihr auf , in meinem Namen ein Gegengedicht zu machen . « - Der boshafte Primas ! - Ich hab ihn aber gestraft ! Und gestern im Konzert sagte er mir : » Es ist gut , daß die Juden nicht ebensoviel Heldengeist als Handelsgeist haben , ich wär am End ' nicht sicher , daß sie mich in meinem taxischen Haus blockierten . « - Währenddem bin ich im Odenwald gewesen und bin auf des Götz altem Schloß herumgeklettert , ganz oben auf den Mauern , wo beinah kein menschlicher Fuß mehr sich stützen kann ; über Mauerspalten , die mich doch zuweilen schwindeln machten , als immer im Gedanken an Dich , an Deine Jugend , an Dein Leben bis jetzt , das wie ein lebendig Wasser fortbraust . Weißt Du ? - Es tut so wohl , wenn einem das Herz so ganz ergriffen ist . Wie ich mich drehe und wende , so spiegelt sich mir im Gemüt , was ich im Hinterhalt habe und was mir wie ein seliger Traum nachgeht , und das bist Du ! Dort war es wunderschön ! Ein ungeheurer Turm , worauf ehemals die Wächter saßen , um die Frankenschiffe in dem kleinen Mildeberg zu verkünden mit Trompetenstoß . Tannen und Fichten wachsen oben , die beinah halb über seine Höhe hervorragen . Zum Teil waren die Weinberge noch mit Schnee bedeckt ; ich saß auf einem abgebrochenen Fensterbalken und fror , und doch durchdrang mich heiße Liebe zu Dir , ich zitterte vor Angst hinunterzustürzen , und kletterte doch noch höher , weil mir ' s einfiel , Dir zu lieb wollt ich ' s wagen . So machst Du mich oft kühn ; es ist ein Glück , daß die wilden Wölfe aus dem Odenwalde nicht herbeikamen , ich hätte mich mit ihnen balgen müssen , hätte ich Deiner Ehre dabei gedacht ; es scheint Unsinn , aber so ist ' s. - Die Mitternacht , die böse Stunde der Geister , weckt mich ; ich leg mich im kalten Winterwind ans Fenster ; ganz Frankfurt ist tot , der Docht in den Straßenlaternen ist im Verglimmen , die alten rostigen Wetterfahnen greinen mir was vor , und da denk ich : ist das die ewige Leier ? - Und da fühl ich , daß dies Leben ein Gefängnis ist , wo ein jeder nur eine kümmerliche Aussicht hat in die Freiheit : das ist die eigne Seele . - Siehst Du , da rast es in mir ; ich möchte hinauf über die alten spitzen Giebeldächer , die mir den Himmel abschneiden ; ich verlasse das Zimmer , eile über die weiten Gänge unseres Hauses , suche mir einen Weg über die alten Böden , und hinter dem Sparrwerk ahne ich Gespenster , aber ich achte ihrer nicht ; da suche ich die Treppe zum kleinen Türmchen , wenn ich endlich oben bin , da seh ich aus der Turmluke den weiten Himmel und friere gar nicht ; da ist mir ' s , als müsse ich die gesammelten Tränen abladen , und dann bin ich am andern Tag so heiter und so neugeboren , ich suche mit List nach einem Scherz , den ich ausführen möchte ; und kannst Du mir glauben ? Das alles bist Du . Bettine Die Mutter kommt oft zu uns , wir machen ihr Maskeraden und alle mögliche Ergötzlichkeit ; sie hat unsere ganze Familie in ihren Schutz genommen , ist frisch und gesund . An Bettine Die Dokumente philanthropischer Christen- und Judenschaft sind glücklich angekommen , und Dir soll dafür , liebe kleine Freundin , der beste Dank werden . Es ist recht wunderlich , daß man eben zur Zeit , da so viele Menschen totgeschlagen werden , die übrigen aufs beste und zierlichste auszuputzen sucht . Fahre fort , mir von diesen heilsamen Anstalten , als Beschützerin derselben , von Zeit zu Zeit Nachricht zu geben . Dem braunschweigischen Judenheiland ziemt es wohl , sein Volk anzusehen , wie es sein und werden sollte ; dem Fürsten Primas ist aber auch nicht zu verdenken , daß er dies Geschlecht behandelt wie es ist , und wie es noch eine Weile bleiben wird . Mache mir doch eine Schilderung von Herrn Molitor . Wenn der Mann so vernünftig wirkt , als er schreibt , so muß er viel Gutes erschaffen . Deinem eignen philanthropischen Erziehungswesen aber wird Überbringer dieses , der schwarzäugige und braunlockige Jüngling , empfohlen . Lasse seine väterliche Stadt auch ihm zur Vaterstadt werden , so daß er glaube , sich mitten unter den Seinen zu befinden . Stelle ihn Deinen lieben Geschwistern und Verwandten vor und gedenke mein , wenn Du ihn freundlich aufnimmst . Deine Berg- , Burg- , Kletter- und Schaurelationen versetzen mich in eine schöne heitere Gegend , und ich stehe nicht davor , daß Du nicht gelegentlich davon eine phantastische Abspiegelung in einer Fata Morgana zu sehen kriegst . Da nun von August Abschied genommen ist , so richte ich mich ein , von Haus und der hiesigen Gegend gleichfalls Abschied zu nehmen und baldmöglichst nach dem Karlsbader Gebirge zu wandeln . Heute um die elfte Stunde wird confirma hoc Deus gesungen , welches schon sehr gut geht und großen Beifall erhält . Weimar , den 3. April 1808 G. An Goethe Wir haben einen naßkalten April , ich merk ' s an Deinem Brief , - der ist wie ein allgemeiner Landregen ; der ganze Himmel überzogen von Anfang bis ans Ende ; Du besitzest zwar die Kunst , in kleinen Formenzügen und Linien Dein Gefühl ahnen zu lassen , und in dem , was Du unausgesprochen läßt , stiehlt sich die Versicherung ins Herz , daß man Dir nicht gleichgültig ist ; ja ich glaub ' s , daß ich Dir lieb bin , trotz Deinem kalten Brief ; aber wenn Deine schöne Mäßigung plötzlich zum Teufel ging und Du bliebst ohne Kunst und ohne feines Taktgefühl , so ganz wie Dich Gott geschaffen hat in Deinem Herzen , ich würde mich nicht vor Dir fürchten , wie jetzt , wenn ein so kühler Brief ankommt , wo ich mich besinnen muß , was ich denn getan habe . Heute schreibe ich aber doch mit Zuversicht , weil ich Dir erzählen kann , wie Dein einziger Sohn sich hier wohl und lustig befindet ; er gibt mir alle Abend im Theater ein Rendezvous in unserer Loge ; frühmorgens spaziert er schon auf den Stadttürmen herum , um die Gegend seiner väterlichen Stadt recht zu beschauen ; ein paarmal hab ich ihn hinausgefahren , um ihm die Gemüsgärtnerei zu zeigen , da grade jetzt die ersten wunderbarlichen Vorbereitungen dazu geschehen , wo jeder Staude ihr Standort mit der Richtschnur abgemessen wird , und wo diese fleißigen Gärtner mit so großer Sorgfalt jedem Pflänzchen seinen Lebensunterhalt anweisen ; auch ans Stallburgsbrünnchen hab ich ihn geführt , auf die Pfingstwiese , auf den Schneidewall ; dann hinter die schlimme Mauer , wo in der Jugend Dein Spielplatz war ; dann zum Mainzer Törchen hinaus ; auch in Offenbach war er mit mir und der Mutter , und sind gegen Abend bei Mondschein zu Wasser wieder in die Stadt gefahren ; da hat unterwegs die Mutter recht losgelegt von all Deinen Geschichten und Lustpartien ; und da legte ich mich am Abend zu Bett mit trunkner Einbildung , was mir einen Traum eintrug , von dem die Erinnerung mir eine Zeitlang Nahrung sein wird . Es war , als lief ich in Weimar durch den Park , in dem ein starker Regen fiel ; es war grade alles im ersten Grün , die Sonne schien durch den Regen . Als ich an Deine Tür kam , hört ich Dich schon von weitem sprechen ; ich rief , - Du hörtest nicht , - da sah ich Dich auf derselben Bank sitzen , hinter welcher im vorigen Jahr die schöne breite Malve noch spät gewachsen war , - gegenüber lag auch die Katze wie damals , und als ich zu Dir kam , sagtest Du auch wieder : » Setze Dich nur dort üben zur Katze , wegen Deinen Augen , die mag ich nicht so nah . « - Hier wachte ich auf , aber weil mir der Traum so lieb war , konnt ich ihn nicht aufgeben ; ich träumte fort , trieb allerlei Spiel mit Dir und bedachte dabei Deine Güte , die solche Zutraulichkeit erlaubt . - Du ! der einen Kreis des Lebendigen umfasset , in dem wir alle Dein Vertrauen in so mächtigen Zügen schon eingesogen haben . Ich fürchte mich manchmal , die Liebe , die rasch in meinem Herzen aufsteigt , wenn auch nur in Gedanken vor Dir auszusprechen ; aber so ein Traum stürzt wie ein angeschwollner Strom über den Damm . Es mag sich einer schwer entschließen , eine Reise nach der Sonne zu tun , weil ihn die Erfahrung , daß man da nicht ankommt , davon abhält ; - mir gilt in solchen Augenblicken die Erfahrung nichts , und so scheint mir denn , Dein Herz zu erreichen in seinem vollen Glanze , nichts Unmögliches . Molitor war gestern bei mir ; ich las ihm die Worte über ihn aus Deinem Briefe vor , sie haben ihn sehr ergötzt ; dieser Edle ist der Meinung , daß , da er einen Leib für die Juden zu opfern habe und einen Geist ihnen zu widmen , beide auch recht nützlich anzuwenden ; es geht ihm übrigens nicht sehr wohl , außer in seinem Vertrauen auf Gott , bei welchem er jedoch fest glaubt , daß die Welt nur durch Schwarzkunst wieder ins Gleichgewicht zu bringen ist . Er hat groß Vertrauen auf mich und glaubt , daß ich mit der Divinationskraft begabt bin ; brav ist er und will ernstlich das Gute ; bekümmert sich deswegen nicht um die Welt und um sein eigen Fortkommen ; ist mit einem Stuhl , einem Bett und mit fünf Büchern , die er im Vermögen hat , sehr wohl zufrieden . Adieu , ich eile Toilette zu machen , um mit Deiner Mutter und Deinem Sohn zum Primas zu fahren , der heute ihnen zu Ehren ein großes Fest gibt ; - da werd ich denn wieder recht mit dem Schlaf zu kämpfen haben ; diese vielen Lichter , die geputzten Leute , die geschminkten Wangen , das summende Geschwätz , haben eine narkotische unwiderstehliche Wirkung auf mich . Bettine An Frau von Goethe Am 7. April Erinnern Sie sich noch des Abends , den wir bei Frau von Schopenhauer zubrachten , und man eine Wettung machte , ich könne keine Nähnadel führen ? - Ein Beweis , daß ich damals nicht gelogen habe , ist beikommendes Röcklein ; ich hab es so schön gemacht , daß mein Talent für weibliche Handarbeit ohne Ungerechtigkeit doch nicht mehr im Zweifel gezogen werden kann . Betrachten Sie es indessen mit Nachsicht , denn im stillen muß ich Ihnen bekennen , daß ich meinem Genie beinahe zuviel zugetraut habe . Wenn Sie nur immer darin erkennen , daß ich Ihnen gern so viel Freude machen möchte , als in meiner Gewalt steht