sich brennend rothe Streifen über den dunkeln Waldteppich , und noch ferne spielten die bunten Lichter wie hinflatternde Vögel auf den zurücktretenden Baumstämmen . » Lassen Sie uns ein Bad nehmen , « rief August , » das Wasser muß äußerst erfrischend seyn , mich dürstet nach der Fluth . « - Eduard ließ sich bereden , beide Jünglinge warfen ihre Kleider ab , und wählten sich den tauglichsten Platz zum Einsteigen . Endlich entdeckten sie ein Plätzchen , auf dem ein paar junge Pferde weideten und sich das gute Futter trefflich schmecken ließen . Kaum hatte sich August dem Wasser vertraut , und die frischen Wellen flogen im Schaum gespalten um seinen Leib , als der Pastor , welcher , unter einem Baum ruhend , zurückgeblieben war , ein Zetergeschrei erhob . In dem Moment hörte man das Gerassel eines Wagens , den Huf der Pferde , und es zeigte sich eine leichte Reisechaise , die dem Ausgange des Waldes mit großer Eile zuflog ; ein Herr und eine Dame hatten drinnen Platz genommen . » Sie sind ' s ! « schrie der Kadet , und mit einem Sprunge an ' s Ufer setzend , schwang er sich im Augenblick auf eines der Pferde und jagte , ohne Umhüllung , wie er war , in die Waldnacht hinein , dem fliehenden Wagen nach . Er holte ihn bald ein , zwang die Rosse , still zu stehen , und hielt nun von seinem Pferde herab eine Strafpredigt der wiedergefundenen Schwester : » Wie war es Dir möglich , Sophie , uns alle in Schreck und Bestürzung zu versetzen ? War es denn nicht viel natürlicher und passender , daß Du Deiner Stellung als Tochter eingedenk , dem Vater Dein Herz ausschüttetest , oder mir , Deinem Bruder , der Dir doch , wie Du weißt , auf das treueste zugethan ist ; und Sie , Herr Doktor , wir hätten uns viel eher des Himmels Einsturz vermuthet , als diesen Schritt von einem Manne , der so viel von Recht und Gerechtigkeit spricht . « Sophie fand für gut , während dieser Worte ihr Gesicht mit beiden Händen zu verhüllen , sey es nun aus Bestürzung , Schmerz und Buße , oder um sich dem Anblick ihres nackenden Bruders zu entziehen , der in seinem Eifer gänzlich den Zustand , in dem er sich befand , vergessen zu haben schien . Auf der andern Seite des Wagens hatte sich der Pastor aufgeschwungen , und drang ebenfalls mit glühenden Worten auf die beiden Schuldigen , so daß der Journalist , der lange mit der Lorgnette bald links , bald rechts hinausgeschaut hatte , endlich sich überwunden gab und versicherte , er wolle nun umkehren , um sein Schicksal und das seiner Braut in die Hände des Alten zu legen , der im Ernste nicht ihrem Glücke entgegen seyn könne . Nach dieser Erklärung ward dem Kutscher befohlen , umzukehren , der Pastor bat um einen Platz im Wagen , und August , der unterdeß schleunig in die Kleider geschlüpft war , stieg hinten auf . So ging der Zug wie im Triumphe zurück in ' s Schloß , wo er natürlich höchst unerwartet eintraf . Eduard machte den Weg zu Fuß ; es war ihm ein Bedürfniß , in der Einsamkeit über die plötzliche Umgestaltung seines Innern einen klaren Blick zu gewinnen . Magdalenens Wünsche , die für ihn Gebote waren , schienen ihn jetzt in eine öffentliche Wirksamkeit rufen zu wollen . Er fühlte Kraft und Muth zu einer solchen in seinem Busen keimen , seine im müßigen Gefühlswechsel dahingebrachte Jugend drückte ihn mit dem Bewußtseyn der Schaam : dennoch wurde ihm der Beruf , den er jetzt wählen sollte , nach allen seinen Richtungen hin nicht klar . Die herrschenden , zum Theil sehr dunkeln Ideen , welche ihm aus Jedermanns Munde entgegentönten ; die Worte Freiheit , Volksrecht , Deutschthum , und die Ansichten darüber , welche an der Tagesordnung waren , hatte er bis jetzt als Quelle so vielen Elends , so allgemeiner Verirrung immer möglichst weit umgangen ; jetzt , schien es , wurde es erforderlich , sich eng mit ihnen vertraut zu machen , ja sogar selbst thätig bei dem Streite mitzuwirken , den man leider vor Augen sah . Er hoffte aus Magdalenens Munde nähere Erläuterungen ihrer Ansichten und Wünsche in Betreff seiner zu erfahren , ihm genügte das süße Bewußtseyn , daß ein edles hohes Wesen sich des Inhalts seines Lebens bemächtigt hatte , um aus diesem Stoffe ein würdiges Gebilde zu formen . Aus diesen und ähnlichen Betrachtungen weckte ihn Ottfried ' s Erscheinen , der ihm am Ausgange des Waldes entgegentrat . Nach einigen flüchtigen Bemerkungen über die wiedereingeholten Reisenden theilte der ältere besonnenere Freund die Empfindungen , die den Busen des jüngeren bewegten . » Sie sind glücklich , Eduard , « rief er mit einem warmen Händedrucke ; » wer gönnt Ihnen dieses Glück wohl mehr , als ich ? dennoch , Geliebter , ist mein Herz nicht frei von Besorgnissen für Sie . Erlauben Sie mir nur eine Frage , mißdeuten Sie mir diese nicht : Kennen Sie auch dieses wundersame Mädchen ? « - » Welche Frage ; « rief Eduard bestürzt , » daß ich Sie liebe , glühend liebe , beweist ja wohl , daß ich sie kennen muß ! O nur zu lange habe ich diesen Engel verkannt . « Ottfried schwieg und blickte zur Erde . Eduard faßte ihn scharf in ' s Auge : » Sie wollen mir etwas sagen , Freund , Ihre Zunge , scheint es , weigert sich , das Wort auszusprechen - reden Sie frei , nichts Schlimmeres können Sie von diesem Mädchen sagen , was ich nicht selbst in meinem Wahn von ihr geglaubt , gesagt habe , drum reden Sie frei ! « - » Nun wohl , « entgegnete Ottfried , » man sagt mit ziemlicher Gewißheit , daß das Fräulein des Fürsten - « Eduard unterbrach seinen Freund : » Still , « rief er , » still - Mann der Wahrheit , auch Sie können einem so elenden Gerüchte Glauben beimessen , auch Ihnen ist die Heilige , die sich zum Sünder herabläßt , nichts als eine gemeine Buhlerin ? Ist ' s möglich ! « Ottfried blieb kalt bei diesen Vorwürfen des Freundes , stumm wandelte er an seiner Seite , und ließ den leidenschaftlichen Jüngling seinem begeisterten Gefühl Worte leihen ; dann entgegnete er mit gleicher Ruhe : » Wenn ich jetzt rede , so thue ich es mit schwerem Herzen , denn ich muß fürchten , von dem Gegenstand meiner Neigung und Achtung verkannt zu werden , dennoch rede ich . Hören Sie , was man noch für gewiß behauptet : Das Fräulein ist ein Werkzeug in den Händen politischer Schwärmer ; sie ist in geheimer Mission am Hofe , um den Fürsten und seine Anhänger zu stürzen , sie in dem Ansehen beim Volke herabzusetzen , und den ersten , vom Thron zu entfernen . « - » Genug , « rief Eduard , » genug von den tollen Mißverständnissen und finstern Verläumdungen , die von Unverständigen dem unruhigen Haufen mitgetheilt werden . Lassen Sie mich dergleichen nie wieder hören , theurer Freund , ich verachte dieß Geschwätz . Wie , ist nicht die Wiedervereinigung des Fürsten mit seiner Braut ein Werk des Fräuleins ? ist die moralische Wiedergeburt jenes gewissenlosen Mannes nicht durch sie erzeugt ? Sind Milde , Aufopferung , Güte , Geduld , Glaube und Andacht die Eigenschaften eines verderbten Sinnes , der sich zum Werkzeug niedriger Zwecke brauchen läßt ? Ottfried , o wenn Sie in dieses klare Auge sehen dürften , so hineinschauen dürften , wie ich es darf , nie würden Worte der Art mehr über Ihre Lippen kommen ! glauben Sie mir ! « Die Freunde hatten jetzt das Schloß erreicht , und indem sie im Begriff waren , hinaufzusteigen , wandte sich Ottfried noch einmal zu seinem jungen Begleiter um ; eine Thräne glänzte in seinem Auge , seine Stimme zitterte , als er die Worte sprach : » Erinnern Sie sich der Stelle im Liede : Nur wer sich ganz verwaiset achtet , nur wer sich ganz verloren gibt , nur wer im heißen Weh verschmachtet , wer bis zum Sterben sich betrübt , nur bei dem zieht die ewige Verklärung ein ; o Freund , wenn einmal dieser furchtbarste aller Schmerzen über sie einbricht , wird ihre junge Seele ihn ertragen können ? wird sie Kraft genug behalten , um dann sich dem ewigen Lichte zuzuschwingen ? « Er umarmte Eduarden , und entfernte sich dann schnell . Als der Gewarnte sich auf seinem einsamen Zimmer befand , dachte er über jene Worte nach , doch sie schienen ihm ein Räthsel zu seyn , dessen Lösung er in Ottfried ' s trüber , oft seltsamer Stimmung suchen zu müssen glaubte . Sophie und ihr Geliebter waren vom Baron über alle Erwartung gnädig aufgenommen worden , und es hatte allerdings den Anschein , als habe der Journalist auf die Willfährigkeit des Alten in Betreff der Erfüllung seiner kühnen Plane nicht mit Unrecht gezählt . Alles im Hause ließ sich wiederum zu Freude und Lust an , als ein neuer unerwarteter Vorfall die größte Bestürzung erregte . Man erfuhr nämlich , daß sich die Prinzessin rüste , so bald als möglich das Schloß zu verlassen und das , wie es schien , auf immer . - Die Beweggründe dieser Abreise , die wie eine Flucht aussah , wußte Niemand mit Bestimmtheit anzugeben , doch gab es hier und da Vermuthungen , die nur leise ausgesprochen werden durften ; man raunte sich in die Ohren , die fürstliche Verbindung gehe zurück , der Herzog habe seine erwählte Braut auf das Empfindlichste gekränkt , und sie eile jetzt den Ihrigen zu , welche gewiß nicht unterlassen würden , die erwiesene Schmach auf das Strengste zu rächen . Zur Verbreitung dieser Meinung hatte der Journalist viel beigetragen , denn er gab vor , die genauesten Nachrichten von seinen Freunden erhalten zu haben ; man maß ihm völligen Glauben bei , um so mehr , da das geheimnißvolle Wesen , welches jetzt auf dem Schlosse umging , ein Unheil dieser Art nur zu deutlich zu bekunden schien . Zwei fremde Kavaliere , anscheinend von sehr hohem Range , waren angekommen , und die von ihnen mitgetheilten Briefe und Aufträge mußten in dem Entschluß der Fürstin jene auffallende Aenderung bewirkt haben , welche die ganze Umgegend , die mit Liebe und Verehrung an der so höchst liebenswürdigen Dame hing , in Trauer versetzte . Der Leibarzt war zu der plötzlich Erkrankten gerufen worden , und so viel Mühe man anwandte , alle diese Ereignisse der Umgebung zu verschweigen , hatte doch Neugier und Theilnahme Mittel gefunden , hinter den verhüllenden Schleier zu dringen . Eduard war natürlich einer der Ersten gewesen , der an der Seite seiner angebeteten Magdalena nach der Lösung des Räthsels geforscht , doch die Geliebte selbst zeigte ein durch diese trüben Vorfälle so verwundetes Gemüth , sie war augenscheinlich so heftig erschüttert und bewegt , bat ihren Freund so zärtlich , ihrem Busen nicht ein Geheimniß entwinden zu wollen , an dessen Bewahrung sie so schwer trage , daß dieser nicht weiter in sie drang , sondern sich begnügte , mit ihr zusammen das Schicksal anzuklagen , das sie einer teilnehmenden edlen Freundin beraubte , in dem Moment , wo beide sich entschlossen hatten , aus dem Bunde ihrer Herzen kein Geheimniß mehr zu machen . Es war festgesetzt worden , daß die Oberhofmeisterin und zwei junge Damen die Prinzessin begleiteten , Magdalena jedoch sollte in Gesellschaft ihrer Tante noch einige Tage zurückbleiben . Die endlich erfolgende Abreise war ein allgemeines Trauerfest ; obgleich die Anstalten so getroffen worden , daß man in der Stille den Pallast verlassen konnte , so hatte sich trotz dessen eine große Menge Landvolks eingefunden , welches mit Gewalt darauf bestand , des Anblicks der hohen Frau theilhaftig zu werden . Einige Männer vom Amt aus dem nächsten Städtchen , die ehrwürdigsten Greise des Dorfes umstanden den Reisewagen , den Schloßhof ; und als nach Verlauf einer Stunde die Prinzessin erschien , begrüßte sie allgemeiner froher Zuruf ; man ging so weit , sie daran verhindern zu wollen , den Wagen zu besteigen ; Greise , Männer , Kinder und Frauen drängten sich um die hohe Gestalt , ihr Gewand zu küssen und sie mit den rührendsten Bitten zu beschwören , das Schloß nicht zu verlassen , denn es hätte sich das Gerücht verbreitet , sie wolle auf immer scheiden . Die Fürstin zeigte sich innig bewegt bei den Beweisen so herzlicher Anhänglichkeit , sie ließ Geschenke austheilen , nahm auf das Huldvollste Abschied , und konnte nur so zu ihrem Zwecke gelangen , indem sie laut erklärte , daß sie bald wieder zu kommen hoffe . Der alte Freiherr stand mit entblößtem Haupte zur Seite des Wagens , und sie hineinhebend , benutzte er die Gelegenheit , die ihm gereichte Hand mit dankbaren Küssen zu bedecken . Ottfried , Sophie und der Journalist erhielten ebenfalls freundliche Zeichen der Huld und Gnade ; August hatte es sich nicht nehmen lassen , in seiner glänzenden Forstuniform auf einem schönen Rosse die edle Fürstin bis aus dem Dorf hinaus zu begleiten , und so ging endlich der Zug der Wägen , von einem Schwarm der Landbewohner gefolgt , durch das Dorf der nahen Gränze zu . Eduard , dem die Abreisende sich besonders freundlich bezeigt , empfand es schmerzlich , daß seine geliebte Magdalena sich im Augenblick der Trennung nicht blicken ließ ; der Schmerz , die Unruhe dieser Tage hatte sie jedoch so angegriffen , daß sie das Zimmer nicht verlassen zu dürfen behauptete . Der Baron , Ottfried , Sophie und der Journalist gingen in tiefster Niedergeschlagenheit ihrer Wohnung wieder zu , die ihnen jetzt so verwaiset und verödet vorkam . - » Muß denn jede schöne Hoffnung auf Glück und Frieden heutzutage zu Grunde gehen ! « rief der alte Freiherr , indem er sich eine Thräne aus dem Auge drückte ; » ich glaubte nun in meiner Einfalt , im Dienste dieser über Alles theuren und verehrten Frau meine Tage zu beschließen , und nun wird sie uns so plötzlich und auf eine so dunkle , seltsame Weise geraubt . Wer bürgt uns dafür , daß sie wiederkommt ; sie selbst schien daran nicht zu glauben , als ihr Mund mit schmerzlichem Lächeln es uns versicherte . Ach , wer zählt die Leiden , die sie in ihrem Leben schon erfahren , und die sie mit vieler Fassung , mit so edler Geduld trägt ; ich habe das Recht , über sie ein Wort zu sprechen , denn mir war es vergönnt , schon an ihrer Wiege zu stehen , der Zeuge ihrer aufkeimenden Tugenden zu seyn ; freilich , die Gabe irdischer Schönheit war ihr nicht gegeben , auch nicht jener gefällige Glanz , der den Sinnen schmeichelt , aber die himmlischen Schätze der Demuth und Liebe lagen wie reines Gold in ihrer Brust . « - » Zum Glück , « rief der Journalist , » bleibt uns das Edelfräulein , die wohl würdig ist , ihre Stelle zu vertreten ! « - » Auch sie dauert nicht lange bei uns aus , « seufzte der Baron , » auch sie geht ! « Ottfried schwieg , er wollte seine Ansicht über des Fräuleins Charakter nicht laut werden lassen , obgleich ihr Nichterscheinen bei ' m Abschied ihm ein Beweis mehr schien , daß diese Abreise und die Trennung des schon angeknüpften Bundes ihr Werk war . » Wer weiß es uns zu sagen , « nahm der Journalist wieder das Wort , » wen diese Mauern jetzt wieder in ihrer Mitte empfangen werden ? Beim Alten bleibt es nun einmal gewiß nicht , möchte nur das Neuere auch das Bessere seyn ; wir gehen einer ungewissen Zeit entgegen . « Eduards einsame Stunden füllten jetzt die reizendsten Pläne , die entzückendsten Aussichten ; er dachte daran , wie er sein Leben gestalten wolle , um es würdig zu führen an der Seite seiner Magdalena . An Emilien , an Gotthold waren Briefe geschrieben worden , die das schon längst als aufgelöst betrachtete . Verhältniß vollends zernichteten . Er war willens , in Civil- oder Militärdienste zu treten , je nachdem die Lage der Dinge ihn überzeugt haben würde , an welchem Platze er schicklicher die Ideen , die ihn jetzt beseelten , in Wirksamkeit übertragen könnte . Magdalena sah mit gerührter Theilnahme den Eifer , den der Geliebte zeigte , ihren Anforderungen Genüge zu leisten , doch zeigte sich stets in den Stunden , die Eduard seine glücklichsten nannte , eine seltsame Befangenheit bei ihr . Der Jüngling glaubte das Beben dieser schönen Seele zu errathen , wenn er bedachte , daß sie seinetwillen einen verhüllenden Schleier dulde , dessen die Tadellose stets in ihrem Leben für ihre reinen Handlungen nie bedurft hatte . In diese Träume versenkt , störte ihn eines Abends der junge Forsikadet , der in sein Zimmer stürzte : » Eine Neuigkeit ! « rief er , » eine saubre Neuigkeit - es spukt oben im Schlosse ! ja , ja , Sie können es nur glauben , Eduard , es spukt , und schon heißt es allgemein , daß des Gespenstes wegen die Fürstin so schleunig fortgegangen sey . « Der muntre Jüngling ließ sich jetzt in einen umständlichen Bericht ein , dessen Schluß war , daß er den Geist in Gestalt eines , in ein graues Wamms gekleideten Mannes selbst erschaut , als er in der Dämmerung heute den Schloßverwalter , der in den obern Gemächern zu schaffen gehabt , aufgesucht . » Er wandelte an mir dicht vorbei , « erzählte der Geisterseher , » ohne daß ich das leiseste Geräusch eines Trittes wahrnehmen konnte , und verschwand im Corridor , der zu den Gemächern des Fräuleins und ihrer Tante führt . Schon vor einigen Tagen habe ich von den Schloßknechten dergleichen erzählen gehört , doch lachte ich darüber ; heute aber , versichere ich Sie , wandelte mich ordentlich ein kleines Grausen an , ich gestehe es zu meiner Schande , denn wenn wir es untersuchen , so wette ich , daß sich der Spuk in eine bloße und vielleicht recht läppische Täuschung auflöst . « Eduard mußte ihm versprechen , eines Abends in seiner Gesellschaft dem seltsamen Wandler aufzulauern und ihn zur Rede zu stellen . Als beide Jünglinge hinuntergingen , kam ihnen Sophie mit einem besonders heitern Gesichte entgegen . » Sie haben , mein Freund , « sagte sie zu Eduard , » die Epoche meiner Trauer , meiner kleinen Verirrungen mit erlebt , es ist billig , daß Ihnen der freudige Schluß des Romans nicht verborgen bleibe : ich heirathe , heirathe den Doktor , der gute Alte hat eben seine Zustimmung gegeben ; wir bleiben für ' s Erste hier wohnend , doch unter der Bedingung , daß nicht von Politik die Rede sey . « Eduard ergriff Sophiens Hand und drückte sie herzlich , indem er seinen Glückwunsch aussprach . » Sie sind sehr teilnehmend und gütig , « fuhr die Braut fort , » ich nehme Ihren Glückwunsch geradezu als eine Prophezeihung an , denn welchem Mißgeschick sollte ich jetzt wohl noch entgegengehen ? Der Geliebte , dem ich angehöre , zählt sich zu der Klasse von Menschen , bei denen heutzutage offenbar die richtige entscheidende Ansicht zu treffen ist , und so bin ich ruhig ; meine Stellung im Leben und gegen die Gesellschaft ist gesichert und festgestellt , meine Achtung für mich selbst ist durchaus begründet , denn ich hätte es mir nie vergeben können , wenn ich anders gehandelt hätte . « - » Und was wird aus dem Pastor ? « fragte Eduard . » Es ist ein trefflicher Mann , « erwiderte Sophie , » dem ich mich herzlich verpflichtet fühle ; treu jenen alten biedern Gesinnungen seiner Tage hat er auch jetzt , da er deutlich wahrnahm , daß es meinem Glücke gelte , nicht einen Moment gezögert , mit seinen Ansprüchen zurückzutreten , und denen meines Bräutigams noch das Wort zu reden ; er selbst wird unsere Trauung verrichten , die in diesen Tagen vor sich gehen soll . « Kaum hatte Sophie diese Worte geendet , als Ottfried , der Journalist und der Prediger im heftigen Zank hervortraten . Der Journalist hatte wiederum Angriffe auf Ottfrieds gefeierten Dichter gemacht , und durch diese den Poeten und den Pastor in Zorn gesetzt . - » Was wollen Sie mit Ihrem ächtdeutschen Charakter ? « schrie Ottfried , » was soll ich unter dem vagen Begriff von Deutschheit , Deutschthum verstehen ? Ist unser großer Dichter kein Deutscher ? Kein vaterländischer ? « - » Nein , « entgegnete der Journalist ruhig , » denn er hat kein Vaterland ! « - » Eine neue , seltsame Behauptung ! « rief der Pastor kopfschüttelnd . - » Und nennen Sie es mir , « setzte der Doktor eben so ruhig hinzu , » wie heißt es , wo liegt es ? Ist ' s etwa das kleine Ländchen , in dessen Hauptstadt er ein Haus , einen Garten besaß , ist ' s das Gebiet jener Stadt , in der er das Licht der Welt erblickte ? Ist nicht eben so gut Frankreich , Italien , das alte Griechenland , England , der Norden wie der Süden Europa ' s , sammt dem Orient , sein Vaterland ? « - » Ich fasse Ihre Ansicht , « rief Ottfried , » Sie zielen auf die große Objektivität unsres Poeten , und ist es nicht diese gerade , mit deren Hülfe es ihm gelang , so mächtig zu wirken , wie er gewirkt hat , indem er , mit einem Bilde zu reden , die Perlen aus dem Meere , das bunte Geflügel der Luft , die schimmernden Erze der Tiefe , die Gewächse fremder Zonen alle zusammen vereinigt hat , um sie aus seinem goldenen Füllhorn dem mit ihm lebenden Geschlechte vorzuschütten . Alles Schöne und Treffliche einer Zeit , ja diese Zeit selbst kommt nur durch den Mund der Dichter auf die Nachwelt ; sie sind das Organ , und die mannigfaltigsten Richtungen des Geistes vereinigen sich hier , um in einem tönenden Prophetenspruche offenbart zu werden . In dieser Beziehung schreiben Dichter die Geschichte , und in diesem Sinn wird für das entfesselte Verständniß die Geschichte zum Gedicht . « - » Ich trete vollkommen Ihrer Ansicht bei , « rief der Journalist , » doch um den Poeten mit einer solchen weltgeschichtlichen Würde zu bekleiden , muß er einen festen Standpunkt haben , von welchem aus es ihm möglich wird , seine Bestimmung nach allen Seiten hin zu erfüllen ; er muß sich als Glied einer Kette fühlen , aus der er nicht herausstrebt , sondern die er nur fester verbinden hilft ; mit einem Wort , der Poet muß ein Vaterland haben . Geziemt es dem Denker , frei von umschränkenden Verhältnissen der Gegenwart , dem Ziele , das er sich über alle Zeit hinausgesteckt hat , auf dem Wege einsam grübelnder Betrachtung nachzugehen ; so sitzt der Dichter , ein Genosse seiner Zeit , auf dem bunten Markte des Lebens da ; er leidet , kämpft und siegt mit den Leidenden , er jubelt mit den Jubelnden , und beständig wandelt der bewegte Zug vor seinem Auge vorüber ; Wolken , Sonne , die ganze vaterländische Natur sieht man als Hintergrund zu seinen Gemälden ; er ist eben so wenig von dem Lande , wo er geboren , zu trennen , als Duft und Farbe von der Rose zu scheiden ist , denn die Liebe , die Achtung seiner Mitbürger ist die Nahrung , mit der die Wurzel seines Daseyns sich sättigt , der feste Grund der allgemeinen Wohlfahrt ist der sichere Boden , auf dem er fußt . Nähme man dem Poeten sein Vaterland , so nähme man seiner Harfe den Klang . Erscheinen nicht die großen Epiker und Dramatiker der Griechen , von diesem Standpunkt aus gesehen , so großartig ? Stehen nicht Ariost , Dante , der Dichter der Nibelungen , der große Britte und endlich unser deutscher Sänger des Messias hierin als Muster da ? - Der letztere ist der Dichter der Nation , bei ihm findet man deutsches Wort , deutschen Glauben , deutsche Vaterlandsliebe und Innigkeit . « - » Sie mögen Recht haben , « nahm Ottfried das Wort , » die Poesie wie alle andern freien Künste sagten sich in unserer Zeit von dem nächsten Bedürfniß der gegenwärtigen Zeit los , sie will keinem vorgeschriebenen Zwecke dienen , und verlangt , selbstständig dazustehen , und diese Selbstständigkeit hat sie erlangt , seitdem sie aus dem Stande unbewußter Kraft herausgetreten , und an der Hand der Kritik sich auf ihren jetzigen Standpunkt geschwungen hat . Heutzutage muß nun natürlich die Stellung eines großen Dichters eine andere seyn ; er findet bei seinem Erscheinen eine völlig eingerichtete Welt , die seiner nicht bedarf , er muß also , um auf seine Weise wirksam einzutreten , sich der Laune Einzelner anschließen , abgesehen davon , ob diese Einzelnen sich in seinem Geburtslande oder am entfernten Pol befinden ; um seine innere Unabhängigkeit zu behaupten , muß er in eine äußere Abhängigkeit sich fügen , und statt des kleinen Bodens , den er früher in Liebe und Treue mit seinen Mitbrüdern theilte , öffnet sich jetzt ihm die ganze Welt . Der sinnliche , mit Gesang begabte Naturmensch , der früher den Dichter machte , vereint sich heutzutage mit dem forschenden Denker , und diese Beiden , im Bunde mit der Kritik , bringen jene große Weltanschauung hervor , die wir bei ' m Genius unseres großen Dichters bewundern , und durch die er auch bei allen kommenden Jahrhunderten leben wird , indeß der Poet , der die vorüberrauschenden Interessen der Zeit nur auffaßt , längst vergessen ist . Und am Ende , was bleibt dem Dichter , wenn es ihm nicht erlaubt wird , über den kleinen Streit die niedrigen Armseligkeiten , mit denen der Bürger der Staatsgesellschaft sich abquälen muß , hinweg zu fliegen und hinauf zu streben ? « - » Wem alle diese Dinge nur Erbärmlichkeiten scheinen , « rief der Doktor heftig , » wem der Glaube seiner Väter , der Heerd seiner Ahnen , die Liebe seiner Zeitgenossen nur Gegenstände der Reflexion , nicht des Herzens sind , freilich , der hat Recht , sich von Allem loszusagen , und von der kalten Höhe des Berges herab zu erklären , daß er die Dinge zu seinen Füßen nur höchst klein und unbedeutend finde . « - Der Pastor nahm das Wort und sagte : » Ich habe , so sehr ich auch den Sänger des Messias verehre , doch nie rechtes Gefallen an seinen spröden , kalten Vaterlandsliedern finden können , ja sogar , Gott verzeih mir die Sünde , der gute Herrmann und seine Cherusker sind mir ordentlich etwas abgeschmackt erschienen , und Gleim hat für mich weit mehr Wärme und Begeisterung . « - » Ich sehe , « rief der Journalist , » für die Poesie nur Ein Heil , nämlich sie muß sich entschließen , den eingebildeten hohen Standpunkt , die kalte Höhe , auf der sie sich doch nicht wird erhalten können , zu verlassen , um sich wieder an die einfachen Bedürfnisse der Menschen anzuschließen , sonst geschieht , was durchaus nicht ausbleiben kann : daß sie entweder auf dem Wege der Reflexion sich selber zerstört , oder dem kalten Indifferentismus anheimfällt , der sie schonungslos zernichtet . Sehen wir sie nicht in den Versen unserer neuesten Dichter diesem drohenden Verderben schon ganz nahe ? - Wir , wir eilen , ihr wieder Haus und Vaterland zu geben , der hülfelos herumirrenden bieten wir die sichere Stätte , das schützende Obdach . « Sophie unterbrach den Diskurs , indem sie ihren Bräutigam zu einem Spaziergange aufforderte , Ottfried gesellte sich mit dem Pastor zum Baron , und Eduard eilte , von der vertrauten Zofe gerufen , hinauf in Magdalenens Zimmer , wo die Geliebte ihn bereits einige Zeit erwartet hatte . Sie kam ihm mit einem bezaubernden Lächeln entgegen , in ihrer Hand schwebte ein Papier , welches sie auf einen der Tische niederlegte und den Jüngling zu sich auf ' s Sopha zog . » Schelten Sie nicht , theurer Eduard , « lispelte sie , » wenn ich jetzt eile , meine schwärmenden Träume in Wirklichkeit zu verwandeln ; die Zeit ist reif für unsere Pläne , es könnte leicht ein günstiger Augenblick versäumt werden ; entschließen Sie sich , mein Freund , dieses Papier hier dem General Erlfeld , der sich jetzt gerade in der Residenz befindet , zu überbringen ; erforschen Sie dessen Inhalt nicht , ersparen Sie mir ein Erröthen , wenn Sie erführen , wie kindisch besorgt um Ihr Wohl die zaghafte Seele Ihrer Magdalena ist . Versprechen Sie mir , die Bogen nicht zu entfalten , bei unsrer Liebe , bei diesem Kruzifix versprechen Sie mir das . « - » Magdalena , « erwiderte Eduard , » Sie wissen ja , daß Ihr Wunsch ein Befehl ist , wozu also noch ein Gelöbniß , ich reise , und wann darf ich wiederkommen ? « Das Fräulein sank mit einem Kuß an die Wange des Jünglings , sie schien ganz Zärtlichkeit und Rührung , und eine Pause verging , ehe sie sich fassen konnte . » Wir müssen uns trennen , auf wenige Tage , Freund meiner Seele ! « hauchte sie in schmachtenden Tönen , » das erste Wort , welches Sie mit meinem Verwandten , dem General Erlfeld ,