besinnen , War ich Thereilen untertan , der Fürstin ; Doch nur bei Nacht ( dies ist der Feen Zeit ) War ich gehorsam , gleich den andern Kindern ; Allein am Morgen , wenn sie schlafen gingen , Band ich die Sohlen wieder heimlich unter , Nach Elnedorf zu wandern , und im Nebel Schlüpft ich dahin , von allen unbemerkt . Dort wohnt ein Mann , heißt Kollmer , dieser nennt Mich seine Tochter , warum ? weiß ich nicht . Er meint , ich wäre gar kein Feenkind . Er ist gar gütig gegen mich . Bei Tag Sitz ich an seinem Tisch , geh aus und ein Mit andern Hausgenossen , spiele dann Mit Nachbarkindern in dem Hofe , oder Wenn ich nicht mag , so zerren sie mich her Und schelten mich ein stolzes Ding ; ei aber Sie sind zuweilen auch einfältig gar . Zur Nachtzeit geh ich wieder fort und tue , Als lief ich nach der obern Kammertür , So glaubt der Vater auch , denn droben steht Mein Bettlein , wo ich schlafen soll . Allein Ich eile hinten übern Gartenzaun Durch Wald und Wiesen flugs zum Schmettenberg , Damit Thereile meiner nicht entbehre ; Auch hat sie ' s nie gemerkt , doch einmal fast . KÖNIG . Besorge nichts ; vertraue mir ; bald hörst du weiter . Silpelitt verliert sich während des Folgenden etwas im Walde . KÖNIG . Dies ist die Frucht von einem seltnen Bund , Den vor elf Jahren eine schöne Fee Mit einem Sterblichen geschlossen hat ; Nachher verließ sie ihn , ja sie benahm Ihm das Gedächtnis dessen , was geschah , Vermittelst einer langen Krankenzeit ; Nur dieses Kind sollt ihm als wie ein eignes Lieb werden und vertraut . Ja , sonder Zweifel Ist es der Mann , der , wenn mein Geist nicht irrt , Mich oft besucht und mir das Buch verschaffte . So also ward der Vater Silpelitts Zum ersten Werkzeug meiner Rettung weislich Erlesen von den Göttern , doch das Kind Soll noch das Werk vollenden , aber beide Erwartet gleicher Lohn . Dies liebliche Geschöpf Wird eine Handlung feierlicher Art Nach Ordnung dieses Buchs mit mir begehen , Und in dem Augenblicke , wo der Zauber Thereilens von mir weicht durch dieses Kinds Unschuldge Hand , ist auch das Kind befreit ; Ein süß Vergessen kommt auf seine Sinne , Und der geliebte Vater wird in ihm Die eigne Tochter freudevoll umarmen . Zum ersten Male morgen , Silpelitt , Wirst du den Fuß ins kleine Bettlein setzen , Das noch bis jetzt dein reiner Leib nicht hat Berühren dürfen ; dennoch sollst du glauben , Du wärst es so gewohnt , Thereile aber Wird dir ein fabelhafter Name sein . - Wo bleibst du , Mädchen ? SILPELITT kommend . Sieh , hier bin ich schon . Ich war den Felsen dort hinangeklettert , Mein ' Schwester Morry hat einmal auf ihm ' nen roten Schuh verloren . KÖNIG . Sei bereit , Hier rechter Hand die Schlucht hinabzusteigen . Dort wirst du eine Grotte finden - SILPELITT . Wohl . Ich kenne sie . Noch gestern hat der Riese , Der starke Mann , den Felsen weggeschoben . Jetzt ist der Eingang frei . Ich sah ihm zu Bei seiner Arbeit . Herr , die Erde krachte , Da er den Block umwarf , ihm stund der Schweiß Auf seiner Stirn , doch sang er Trallira ! Und sagte : dies wär nur ein Kinderspiel . Dann nahm er mich und setzt ' mich auf den Gipfel ; Ich bat und weint , er aber ließ mich zappeln , Bis ich ihm oben ein hübsch Liedchen sang . Nun trollt er weg und brummt : ich soll dich grüßen , Wenn du ihn wieder brauchest , sollst ' s nur sagen . Verzeih , daß ich ' s vergaß . KÖNIG . Schon gut ; nun höre ! Durch jene schmale Öffnung dringest du Zu einer Höhle , deren Innerstes Ein Schießgerät mit einem Pfeil verwahrt . Dies beides hole mir . Sie geht . So lehret mich Das Buch des Schicksals , so heißt mich ein Gott . Dort lehnt ein uralt schwer Geschoß , zeither Von keines Menschen Hand berührt , nur heute Soll dieser Bogen an das Tageslicht , Den Pfeil zu schleudern in den giftgen Auswuchs Reizvoller Liebe , die nach kurzem Schmerz Zur Heilung sich erholet . O Thereile , Ich nehme bittern Abschied , denn es fährt Die feige Schneide , die uns trennen soll , Bald rücklings in dein treues Herz ; hier steht Der träumerische Baum , in dessen Saft Du unser beider Blut vor wenig Monden Hast eingeimpft . Jetzt kreiset es in süßer Gärung noch Im Innern dieses Stammes auf und nieder . Wie sehr die Nacht auch stille sei , mein Ohr Bestrebet sich vergeblich , zu vernehmen Den leisen Takt in diesem Webestuhl Der Liebe , die mit holden Träumen oft Dein angelehnet Haupt betöret hat . Bald aber rinnet von dem goldnen Pfeil Der Liebe Purpur aus des Baumes Adern , Und alsbald aus der Ferne spürt dein Herz Die Qual der schrecklichen Veränderung , Doch nach vertobtem Wahnsinn wird im Schlummer Sich Ruhe senken auf dein Augenlid . O Himmel ! wie verlangt mich nach Erlösung ! Die Senne jenes göttlichen Geschosses Zu spannen , fordert tausendjährge Stärke , Ich habe sie ; doch wahrlich , o wahrhaftig , Auch ohnedem fühl ich die Kraft in mir , Gleich jenem Gott , der den demant ' nen Pfeil Zum höchsten Himmel schnellte , daß er knirschend Der Sonne Kern durchschnitt und weiterflog , Bis wo des Lichtes letzter Strahl verlöschte . Das Kind kommt zurück mit einer Art von Armbrust . Er spannt sie mit leichter Mühe , legt auf , und reicht sie dem Mädchen in der Richtung nach dem Baume . Silpelitt drückt ab und in dem Augenblicke wird es ganz finster . Man hört ein Seufzen von der getroffenen Stelle her . Beide schnell ab . Zwölfte Szene Vor Tagesanbruch . Tal . Die Feenkinder treten auf . MORRY . Hurtig ! nur schnelle ! Entspringt und versteckt euch Da hier ins Gebüsche ! Laß keine sich blicken ! Los bricht schon das Wetter . TALPE . Was hast du ? Was schnakst du , MORRY . Gift speit die Schwester ! Sie raset , sie heulet Mit Wahnsinnsgebärde Dort hinter dem Felsen Durchs Wäldchen daher . WEITHE . Was ist ihr begegnet ? Ach laßt uns ihr helfen ! Hat Dorn sie gestochen ? Eidechslein gebissen ? MORRY . Dummköpfige Ratte , Halt ' s Maul und versteck dich ! Das ist ihre Stimme - Die Kniee mir zittern . Alle ducken sich zur Seite ins Gesträuch . THEREILE tritt auf . Sieh her ! Sieh her , o Himmel ! Seht an , seht an , ihr Bäume , Thereile , die Fürstin , Die Jammergestalt ! Die Freud hin auf immer ! Verraten die Treue ! Und weh ! nicht erreichen , Und weh ! nicht bestrafen Kann ich den Verräter , Entflohen ist er . O armer Zorn ! Noch ärmere Liebe ! Zornwut und Liebe Verzweifelnd aneinandergehetzt , Beiden das Auge voll Tränen , Und Mitleid dazwischen , Ein flehendes Kind . Hinweg ! kein Erbarmen ! Ich muß ihn verderben ! Ha ! möcht ich sein Blut sehn , Ihn sterben sehen , Gemartert sterben Von diesen Händen , Die einst ihm gekoset , Die Stirn ist ihm gestreichelt - Wie zuckt mir die Faust ! Vergebliche Rachlust ! So reiß ich zerfleischend Hier , hier mit den Nägeln Die eigenen Wangen , Die seidenen Haare - Du hast sie geküsset , O garstiger Heuchler ! Weh ! Schönheit und Anmut - Was frag ich nach diesen ! Ist Freud hin auf immer , Ist brochen die Liebe , Was hilft mir die Schönheit Was frag ich darnach ! Und bleibt nichts zu hoffen ? Ach leider , ach nimmer ! Der Riß ist geschehen , Er traf aus der Ferne Mir jählings das Leben , Mein Zauber ist aus . WEITHE hervorstürzend . Ich halt mich nicht - O liebe süße Schwester ! THEREILE . Du hier ? und ihr ? Was ist ' s , verdammte Fratzen ? WEITHE . Gewiß nicht lauschen wollten wir ; sie fürchten Sich nur vor deiner argen Miene so , Da steckten wir uns neben ins Gebüsch . THEREILE . Was glotzt ihr so , gefällt euch mein Gesicht ? Könnt ' s auch so haben , wenn ihr wollt . Wo habt ihr Silpelitt ? Antwort ! ich will ' s ! WEITHE . Sei gütig , Schwester , wir verschulden ' s nicht ; Sie fehlt uns schon seit gestern . THEREILE . Wirklich ? So ? Ihr falschen Kröten ! Ungeziefer ! Was ? Ich will euch lehren , eure Augen brauchen . Mißhandelt sie . Daß euch die schwarze Pest ! Ja , wimmert nur ! Ich brech euch Arm und Bein , ihr sollt ' s noch büßen ! Alle ab . Dreizehnte Szene Nacht . Wald . Bezauberte Stelle . Feenkinder . TALPE . Dies ist der Platz ; dort steht die schwarze Weide . Was nun ? sagt , wie befahl die Fürstin uns ? WINDIGAL . Was kümmert ' s mich ? Ich rühre keine Hand . TALPE . Hast du die Püffe schon versaust von gestern ? WINDIGAL . Pfui ! Bückel und Beulen übern ganzen Leib ! Ich lege mich ins weiche Moos ; kommt nur , Wir ruhen noch ein Stündchen aus und plaudern ; Zur Arbeit ist noch Zeit ; die andern sind Auch noch nicht da . - Seht ' eine feine Nacht ! MALWY . Vollmond fast gar . WINDIGAL . Wir singen eins ; paßt auf ! Sie singen . Bei Nacht im Dorf der Wächter rief : Elfe ! Ein ganz kleines Elfchen im Walde schlief ; Elfe ! Und meint ' , es rief ihm aus dem Tal Bei seinem Namen die Nachtigall , Oder Silpelitt hätt ihm gerufen . Drauf schlüpft ' s an einer Mauer hin , Daran viel Feuerwürmchen glühn : » Was sind das helle Fensterlein ! Da drin wird eine Hochzeit sein , Die Kleinen sitzen beim Mahle Und treiben ' s in dem Saale ; Da guck ich wohl ein wenig ' nein - « Ei , stößt den Kopf an harten Stein ! Elfe , gelt , du hast genug ? Gukuk ! Gukuk ! MORRY kommt mit den andern . Ei brav . So ? tut sich ' s ? Nun , das ist ein Fleiß ; Wollt ihr nicht lieber schnarchen gar ? Thereile Wird euch fein wecken . Das vertrackte Volk , Noch bluten Maul und Nasen ihm , und doch Um nichts gebessert . TALPE leise . Schaut , wie sie sich spreizt ! Sie äfft der Schwester nach , als wenn sie nicht So gut wie wir voll blauer Mäler wäre . MORRY . Den Baum sollt ihr umgraben , rings ein Loch , Bis tief zur Wurzel , dann wird er gefällt . Dies alles muß geschehen sein , bevor Die erste Lerche noch den Tag verkündet . Rasch , sputet euch , faßt Hacken an und Schaufel ! WINDIGAL . Hört ihr nicht donnern dort ? TALPE . Beim Käuzchen , ja . Es wetterleuchtet blau vom Häupfelberg , Der Mond packt eilig ein ; gleich wird es regnen . MORRY . Dann habt ihr leidlich graben . Frisch daran ! THEREILE tritt auf in Trauerkleidern , für sich . Zum letztenmal betritt mein scheuer Fuß Den Ort der Liebe , den ich hassen muß . Vor diesem Abschied wehret sich mein Herz Und krümmt sich wimmernd im verwaisten Schmerz ! Verblutet hast du , vielgeliebter Baum , Vom goldnen Pfeil , zerronnen ist dein Traum . Wie grausam du es auch mit mir geschickt , Seist du zu guter Letzte doch geschmückt ! Ach , mit dem Schönsten , was Thereile hat , Bekränzet sie der Liebe Leichenstatt : Ihr süßen Haargeflechte , glänzend reich , Mit dieser Schärfe langsam lös ich euch Umwickelt sanft die Wunde dort am Stamm ! Noch quillt die Sehnsucht nach dem Bräutigam . Mit euch verwese Liebeslust und Leiden Auf solche will ich keine neuen Freuden ! Und du , verwünschtes , mördrisches Geschoß , Um das die Träne schon zu häufig floß , Mein Liebling hat dich wohl zuletzt berührt , So nimm den Kuß , ach , der dir nicht gebührt ! Und nun , ihr kleinen Schwestern , macht ein Grab , Und berget Stamm und Zweige tief hinab . Seid ohne Furcht , und wenn ich sonsten gar Zu hart und ungestüm und mürrisch war - Von heute an , geliebte Kinder mein , Wird euch Thereile hold und freundlich sein . Ab . Vierzehnte Szene Morgen . Mummelsee . König steht auf einem Felsen überm See . KÖNIG . » Ein Mensch lebt seiner Jahre Zahl , Ulmon allein wird sehen Den Sommer kommen und gehen Zehnhundertmal . Einst eine schwarze Weide blüht , Ein Kindlein muß sie fällen , Dann rauschen die Todeswellen , Drin Ulmons Herz verglüht . Auf Weylas Mondenstrahl Sich Ulmon soll erheben , Sein Götterleib dann schweben Zum blauen Saal . « So kam es und so wird es kommen . Rasch Vollendet sich der Götter Wille nun . Noch einmal tiefaufatmend in der Luft , Die mich so lang genährt , ruf ich mein Letztes Der Erde zu , der Sonne und euch Wassern , Die ihr dies Land umgebet und erfüllt . Doch du , verschwiegner See , empfängst den Leib , Und wie du grundlos , unterirdisch , dich Dem weiten Meer verbindest , so wirst du Mich flutend führen ins Unendliche , Mein Geist wird bei den Göttern sein ; ich darf Mit Weyla teilen bald das ros ' ge Licht . Gehab dich wohl , du wunderbare Insel ! Von diesem Tage lieb ich dich ; so laß Mich kindlich deinen Boden küssen ; zwar Kenn ich dich wenig als mein Vaterland , So stumpf , so blind gemacht durch lange Jahre Kenn ich nicht meine Wiege mehr ; gleichviel , Du warst zum wenigsten Stiefmutter mir , Ich bin dein treustes Kind - Leb wohl , Orplid ! Wie wird mir frei und leicht ! wie gleitet mir Die alte Last der Jahre von dem Rücken ! O Zeit , blutsaugendes Gespenst ! Hast du mich endlich satt ? so ekelsatt Wie ich dich habe ? Ist es möglich ? ist Das Ende nun vorhanden ? Freudeschauer Zuckt durch die Brust ! Und soll ich ' s fassen das ? Und schwindelt nicht das Auge meines Geistes Noch stets hinunter in den jähen Trichter Der Zeit ? - Zeit , was heißt dieses Wort ? Ein hohles Wort , das ich um nichts gehaßt ; Unschuldig ist die Zeit ; sie tat mir nichts . Sie wirft die Larve ab und steht auf einmal Als Ewigkeit vor mir , dem Staunenden . Wie neugeboren sieht der müde Wandrer Am Ziele sich . Er blickt noch rückwärts auf die leidenvoll Durchlaufne Bahn ; er sieht die hohen Berge Fern hinter sich , voll Wehmut läßt er sie , Die stummen Zeugen seines bittern Gangs : Und so hat meine Seele jetzo Schmerz Und Heiterkeit zugleich . Ha ! fühl ich mir Nicht plötzlich Kräfte gnug , aufs neu den Kreis Des schwülen Daseins zu durchrennen - Wie ? Was sagt ich da ? Nein ! Nein ! o gütge Götter , Hört nimmer , was ich nur im Wahnsinn sprach ! Laßt sterben mich ! O sterben , sterben ! Nehmt , Reißt mich dahin ! Du Gott der Nacht , kommst du ? Was rauscht der See ? was locken mich die Wellen - Was für ein Bild ? Ulmon , erkennst du dich ? Fahr hin ! Du bist ein Gott ! ... ( Bei den letzten Worten stieg Silpelitt in der Mitte des Sees mit einem großen Spiegel hervor , den sie ihm entgegenhielt . Wie der König sich im Bildnis als Knaben und dann als gekrönten Fürsten erblickt , stürzt er unmächtig vom Felsen und versinkt im See . ) Das Spiel war beendigt . Das Pianoforte machte nach einigen erhebenden Triumphpassagen zuletzt einen wehmütig beruhigenden Schluß , der den übriggebliebenen Eindruck vom Grame Thereilens mild verklingen lassen sollte . Die Gesellschaft erhob sich unter sehr geteilten Empfindungen . Einige , besonders die Männer , klatschten den herzlichsten Beifall , drei oder vier Gesichter sahen zweifelhaft aus und erwartungsvoll , was andere urteilen würden . Schon während der Vorstellung war hin und wieder ein befremdetes , deutelndes Flüstern entstanden , jetzt schienen ein paar hochweise unglückverkündende Frauennasen nur auf Constanzens Miene und Äußerung gespannt , aber sie zogen sich eilig wieder ein , als die liebenswürdige Frau ganz munter und arglos , bald dem Schauspieler , bald Theobalden das ungeheucheltste Lob erteilte , wobei die Mehrzahl der Männer und Damen fröhlich mit einstimmte Endlich konnten die Bedenklichen sich doch der bescheidenen Frage nicht enthalten , ob nicht irgend etwas Politisches , Satirisches , Persönliches dem Stücke zugrunde liege ? irgendein versteckter Sinn ? denn für das , was es nur obenhin an Poesie prätendiere , könne man es doch nicht einzig nehmen . » Und warum denn nicht , meine Gnädigste ? « fragte Larkens die Hofdame , indem er jenes schneidend scharfe Gesicht zeigte , das einem durch die Seele ging . » Weil - weil - ich meinte nur - « » Aber wie ? wenn ich Sie alles Meinens und Vermutens überhebe , wenn ich Sie versichere , es ist ein reines Kindermärchen , womit ich Sie zu unterhalten wagte ? Doch Sie vermissen die Pointe dabei - ja , so ist der Dichter eben ein ruinierter Mann ! « » Er mag nur sorgen , daß er kein solcher wird , wenn man die Pointe wirklich herausgefunden haben sollte « , raunte der Baron von Vesten einem Geheimenrat ins Ohr und zog ihn beiseite » merken Sie denn nicht , daß das Ganze ein Pasquill auf unsern verewigten König und seine Geschichte mit der Fürstin Viktorie ist ? « » Was sagen Sie ? Ja , wahrlich , jetzt geht mir ein Licht auf ! Mir deucht , die Figur im Schauspiel hatte Ähnlichkeit mit den Zügen des Höchstseligen - « » Allerdings ! allerdings ! nun ? ist das aber nicht ein ungeziemender Spaß ? ist es nicht impertinent von diesem Larkens ? aber ich hielt ihn von jeher für einen maliziösen Menschen . « » Fein und edel wär ' s auf keinen Fall , ich muß sagen , wenn es sich wirklich so verhielte . Denn , was man auch behaupten mag , der Verewigte war doch ein geistreicher , vortrefflicher Mann . Es ist seine Schuld nicht , daß er in der Folge krank und elend wurde , daß er zum Verdruß gewisser Patrioten ein übermäßiges Alter erreichte , daß ihn die Fürstin - nun ! könnten wir uns aber nicht etwa täuschen , wenn wir diese Beziehungen - « » Täuschen ? täuschen ? Gerechter Gott ! Sind Sie blind , Exzellenz ? Stieß ich denn nicht nach dem zweiten Auftritt gleich meine Frau an ? und fiel es ihr nicht auch plötzlich auf ? Treffen nicht die meisten Umstände zu ? Daß der Vogel sich dann wieder hinter andere unwesentliche Züge versteckte , das hat er schlau genug gemacht , aber er mag sich wahren ; es gibt Leute , die die Lunte riechen , und ich tue mir in der Tat etwas darauf zugute , daß ich die Bemerkung zuerst gemacht . « » Jedoch , nur das noch , Baron ! mir deuchte doch , der alte Narr in der Piece da , er benimmt sich , wenigstens der Absicht des Poeten nach , immer recht nobel , besonders vis-à-vis der Hexe oder was es ist , und es widerfährt ihm , wie mir ' s vorkam , zuletzt noch gleichsam göttliche Ehre . « » Spott ! Spott ! lauter infame Ironie ! ich will mich lebendig verbrennen lassen , wenn es was anders ist . « » Und wie gemein mitunter « , lispelte die bleichsüchtige Tochter Vestins , hinzutretend , » wie pöbelhaft ! « Die übrigen hatten sich inzwischen wieder in das vordere Zimmer begeben . Man unterhielt sich noch eine Weile über das sonderbare Stück , allein bald stockte das Gespräch ein vorsichtiges Ansichhalten , eine gewisse Verlegenheit teilte sich auch dem Unbefangensten mit , es glaubten endlich mehrere , es müsse jemand aus der Gesellschaft beleidigt worden sein , und man sah einander lauschend an . Wer sich allein nicht irremachen ließ , das war die schöne Wirtin des Hauses , und dann Larkens selbst , welcher nur desto mehr schwatzte , lachte , dem Wein zusprach , je kälter das Benehmen der übrigen war , das er im stillen gutmütig mehr nur als eine verzeihliche Gleichgültigkeit gegen sein fremdartiges Produkt , denn als Spannung auslegte . Da es übrigens schon spät war , ging man in kurzem auseinander . Constanze beehrte den verkannten Schauspieler noch auf der Schwelle mit der Bitte , sein Manuskript zu nochmaliger Erbauung dagelassen zu dürfen , und Freund Nolten bekam eine , wie ihm schien , ungewöhnlich freundliche » Gute Nacht « mit auf den Weg . Im Heimgehen machte Theobald seinen Begleiter auf jene Störung aufmerksam . » Gott weiß « , antwortete Larkens , » was die Fratzen im Kopfe hatten ! Am Ende war ' s nur Unbeholfenheit , was sie zu dem exotischen Ding sagen sollten ; wären wir doch lieber damit zu Hause geblieben oder hätten ihnen eine gutbürgerliche Komödie gegeben - Ei aber ein verdammter Streich müßt es doch sein , wenn sie eine Neckerei mit der alten Majestät darunter suchten ! « » Das fürcht ich « , erwiderte Nolten , » und riet ich dir nicht damals schon , wie du mich mit der Sache bekannt machtest , es lieber bei dir zu behalten , weil für keine Mißdeutung zu stehen sei ? Es war vorauszusehen . Denn daß dir der alte Nikolaus und die Mätresse bei der ganzen Komposition vorgeschwebt , gestehst du selber und hat sich heute nur zu sehr gerechtfertigt - « » Zumal « , unterbrach der andere ihn mit Gelächter , » zumal , wenn es wahr sein sollte , daß dir selbst der Teufel auch einigemal in den Pinsel gefahren ist , weil du , wie du sagtest , den herrlichen Kopf des Alten auf dem Porträt über meinem Schreibtisch länger als rätlich war , ins Auge gefaßt ! « » Leid genug auf alle Fälle sollte mir ' s sein « , gestand Nolten nach einigem Besinnen , » man weiß nicht , wie so was umkommt und sich in der Leute Mund verunstaltet . « » Was da ! « rief der andere , » wer wird so abgeschmackt sein und etwas Böses da herauskombinieren wollen ? weißt du mir was Tolleres ? Gar zu klein fänd ich es schon , wenn diese Kreaturen , die sich Gebildete nennen , überhaupt einem fremden Gedanken dabei Raum geben und über das Poetische der schlichten Fabel hinausgehen konnten . Aber das ist ganz in der Art eines schöngeistigen Klubs , das weiß man ja lange . Lassen wir ' s halt gut sein ; werden uns den Prozeß nicht machen . « So kamen die beiden in ihrer Wohnung an . Theobald , ganz nur in der heimlich entzückten Erinnerung an die Güte der Geliebten schwelgend , ließ sich den ärgerlichen Gegenstand wenig anfechten , er freute sich auf die Stille seines Zimmers , wo er ungestört mit seinem Herzen weiterreden konnte . Larkens pfiff wie gewöhnlich , wenn er bei der Nachhausekunft den Schlüssel in die Türe steckte , seine fröhliche Arie , und so überließ sich denn jeder sich selber . Dem Leser aber mag zum Verständnisse des Obigen Folgendes dienen . Der seit etwa zwei Jahren mit Tod abgegangene König Nikolaus , Vater und Vorfahrer des regierenden , galt bis in sein späteres Alter für einen ausnehmend schönen und auch sonst sehr begabten Mann . Er hatte mit einer ungleich jüngeren Dame aus einem anverwandten Fürstenhause ein zärtliches Verhältnis , das die letztere mit einiger Aufdringlichkeit und - so glaubte man - aus eigennützigen , politischen Absichten auch dann noch fortzusetzen wußte , als der Monarch für die Reize der Jugend bereits abgestorben sein sollte , oder ihnen auch wirklich schon entsagt hatte . Aber Schwäche des Charakters , oder eine Verbindlichkeit , der er nicht ausweichen konnte , machten ihn gegen die Zauberin nachgiebiger , als wohl seinem Rufe dienlich war . Eine beschwerliche Nervenkrankheit , aber mehr noch die Sorge , er genüge als Regent seinem Volke nimmer , verbitterte ihm vollends das Leben , er sehnte sich mit einer Ungeduld , deren Ausbrüche oft schauerlich gewesen sein sollen , dem Tod entgegen , und man wollte wissen , daß er einen mißlungenen Versuch zum Selbstmorde gemacht . Bekannt genug war die Anekdote , wonach er einst in einem Anfall von Verzweiflung bitter scherzend ausgerufen . » Der Himmel will einen neuen Methusalah aus mir haben , und Viktorie zerrt mich mit Gewalt in die Jünglingsjahre zurück . « Diese Worte klangen um so komischer , je mehr man der boshaften Meinung einiger Spötter trauen wollte , daß die schneeweißen Locken Seiner Majestät sich noch immer nicht ungerne von den Rosen der jungen Fürstin schmeicheln ließen . Wie dem auch gewesen sein mag - unter denjenigen , welchen das Gedächtnis dieses merkwürdigen , früher sehr wohltätigen Regenten höchst ehrwürdig , ja heilig blieb , war auch unser Larkens , und zwar abgesehen von der persönlichen Gunst des Königs gegen ihn als Schauspieler , war Nikolaus in seinen Augen ein großartiges tragisches Rätsel der Menschennatur , eine mächtige graue Trümmer an dem uralten Königspalast . Geschmäht von dem Geschmacke einer frivolen Zeit , angestaunt von wenigen edleren Geistern , hätte sich die herrliche Säule , wie sie bereits mit halbem Leibe schon in die Erde eingesunken war , gramvoll lieber vollends unter den Boden verborgen mit ihren für dieses Geschlecht unlesbar gewordenen Chiffern , aber es war anders mit ihr beschlossen , und so konnte oder wollte sie auch den Trost nicht von sich abwehren , daß ein jugendlicher Efeu sich liebevoll an ihr hinanschlinge . Zu entschuldigen ist es nun , wenn der Freund einen Teil jener Idee mit frommem Sinne auf ein Gebilde seiner Phantasie übertrug , und gewissermaßen eine Apotheose jenes unglücklichen Fürsten liefern wollte , ohne weder zu hoffen noch zu fürchten , daß andere , denen er seinen Versuch vorgeführt , auch nur entfernterweise geneigt sein könnten , irgendeine - würdige oder unwürdige - Deutung zu machen . Es war eine überaus klare und schöne Winternacht . Die Glocke schlug soeben eilf . Im Zarlinschen Hause war alles schon stille geworden , nur das Schlafzimmer der Gräfin finden wir noch erhellt . Constanze , im weißen Nachtgewande , allein vor einem Tischchen bei dem Bette sitzend , ist beschäftigt , die schönen Haare loszuwickeln , das Ohrgehänge und die schmale Perlschnur abzulegen , die ihrem Halse immer so einfach reizend gestanden . Sie hob die Schnur nachdenklich spielend am kleinen Finger gegen das Licht , und wenn wir recht auf ihrer Stirne lesen , so ist es Theobald , an den sie gegenwärtig denkt . Scheint es doch , als wüßte sie , daß sie ihm diese Gabe verdanke , daß das Geschenk nur vermittelst eines künstlichen Umwegs aus seiner Hand durch eine dritte in die ihre gelangt war ! - aber , in der Tat , sie wußte es nicht ; und doch wiederholte sie sich heute nicht zum erstenmal jene Worte , die er einst , im Anschaun ihrer Gestalt verloren , gegen sie hatte fallenlassen . » Perlen « , sagte er , » haben von jeher etwas eigen Sinn - und Gedankenvolles in ihrem Wesen für mich gehabt , und wahrlich , diese hier hängen um diesen Hals , wie eine Reihe verkörperter Gedanken , aus einer trüben Seele hervorgequollen . Ich wollte , daß ich es hätte sein dürfen , der das Glück hatte , Ihnen das Andenken umzuknüpfen . Es liegt ein natürliches unschuldiges Vergnügen darin , zu wissen , daß eine Person , die wir verehren , der wir stets nahe sein möchten , irgendeine Kleinigkeit von uns bei sich trage , wodurch unser Bild sich ihr vergegenwärtigen muß . Warum dürfen doch Freunde , warum dürfen entferntere Bekannte sich einander nicht allemal in diesem Sinne beschenken ? muß das edlere Gefühl überall der Konvenienz weichen ? « Constanze erinnerte sich gar wohl , wie sie damals errötete , und was sie scherzhaft zur Antwort gab . Ach , seufzte sie jetzt vor sich hin , wüßte er , wie tief ich sein Bild im Innersten des Herzens bewahre , er würde den Geber dieser armen Zierde nicht beneiden . Unruhig stand sie auf , unruhig trat sie ans Fenster und ließ den herrlich erleuchteten Himmel mit aller seiner Ahnung , mit all seiner Hoheit auf ihre Seele wirken . Die Liebe zu jenem Manne , von ihren ersten unmerklichen Pulsen bis zu dem bestürzten Zustande des völligen Bewußtseins , von der Zeit an , wo ihr Gefühl bereits zur Sehnsucht , zum Verlangen ward , bis zu dem Gipfel der mächtigsten Leidenschaft - alles durchlief sie in Gedanken wieder und alles schien ihr unbegreiflich . Sie sah unter leisem Kopfschütteln , mit schauderndem Lächeln in die reizende Kluft des Schicksals hinab