hindurch . Indeß wog in diesem Zustande jede Minute schwer . Die Nässe hatte einen merklichen Theil des phantastischen Feuers ausgelöscht . Ungeduldig regte sich Dieser und Jener . Einige murrten laut , Andere verwünschten im Stillen den ganzen Einfall . Ich hätte mich ausschütten mögen , vor Lachen , warf ich einen Blick auf die trübseligen Gestalten in der närrischen Verkappung . Indeß unterdrückte ich jeden Ausbruch des Muthwillens , den mir meine übelgelaunten Gefährten wohl um so weniger verziehen hätten , als sie im Geheim die Schuld ihrer mißlichen Lage auf mich warfen , und nun erwarteten , ich solle derselben ein Ende machen . Ich säumte denn auch nicht . Ein neugieriger Stallbube , der sehr verwundert aus einer Lucke auf die bunten Puppenspieler , für die er den fremden Troß hielt , hinstarrte , ward sogleich herbeigerufen . Ich übergab ihm eine Botschaft an die Gräfin . Als Direktor kündigte ich dieser meine dramatischen Vorstellungen an , bat um die Erlaubniß , Scenen aus dem Shakespeare auf ihrem Theater geben zu dürfen u.s.w. Leute von Welt sind selten durch Fremdartiges oder Ungewöhnliches zu täuschen . Das tritt nicht in den Bilderkreis ihrer Vorstellungen . Wenn es ihnen naht , suchen sie etwas dahinter , gespielten oder wirklichen Betrug ! Die Gräfin war sogleich entschlossen . Ihre Thüren wurden uns geöffnet , sie selbst eilte uns entgegen . Doch wie das Bedürftige in der menschlichen Natur sogleich allem Scherz ein Ende macht , so zerstörten auch hier die nassen Kleider , die Furcht vor Erkältung , und was es sonst noch alles zu bedenken gab , den letzten Rest mühsam bewahrter Illusion . Kurz , wir standen entlarvt da , und hatten Niemand als uns selbst gequält . Glücklich genug , wenn es damit sein Bewenden gehabt hätte ! Allein , nachdem sich jedweder in seinem gewohnten Rocke warm und bequem fühlte , sollte er diesen wieder abwerfen , und das versprochene Spiel beginnen . Ich wich dem Anliegen aus , das ich weit mehr einer gewissen vorschriftsmäßigen Höflichkeit , als dem Wunsche , uns figuriren zu sehen , zuschrieb . Wir waren aus dem Charakter gefallen , die Stimmung war eine andere geworden , es lag eine Lächerlichkeit darin , sich bei völliger Nüchternheit berauscht zu stellen . Doch die Meinung Einiger , daß man nicht so umsonst und um nichts solche Anstrengungen gemacht , sich in Unkosten gesteckt , die Gesundheit daran gewagt habe , trieb uns am Ende Alle auf die Bretter . Jetzt erst , da es zu einer wahrhaften Ausführung meines Entwurfs kam , fühlte ich die ganze Schwierigkeit davon . - Denke Dir den Sommernachtstraum - die Rüpel- und Elfenscenen - und unser heutiges Publikum aus den feinen Zirkeln ! - Unglücklicherweise hatte die lebhafte schöne Elise , unsre liebenswürdige Nachbarin , nur zu schnell meine Gedanken verwirklicht ; sie war es , die ein Paar schnell aufgeschossenen Knaben die Frauenrollen , zierlichen Mädchen die der Elfen zutheilte , junge Leute aus der Nachbarschaft für Zettels Schaar warb , ihm selbst , dem Heros aller witzigen Eselsköpfe , sein Pensum einstudirte , kurz , die Puppen an ihren Drähtchen lenkte , und feenartig ein Feenspiel schuf . Aber was wollen die luftigen Wesen auf der ausgebildeten , fertig gestalteten Erde ? - Sie sind so sehr aus der Mode , daß selbst ihre Allegorie abschreckend geworden ist . Lieber Heinrich , es giebt ein Feld , wo der beste Witz , wie taube Nüsse zu Boden fällt , und Niemand ihn aufhebt . Nun , wir standen mit unsern Bemühungen auf einem solchen Felde . Um uns herum lauter müde und matte Blicke , lange Gesichter , gezwungene Aufmerksamkeit , ängstliche Wiederholung aller Regeln der guten Erziehung , um nur nicht die tödtliche Langweile blicken zu lassen , und nachher die Ausrufungen : » Und wie gespielt ! Aber wie vollendet ! « Und Zettel ! der ist nun meine ganze Passion ! Siehst Du , Heinrich , mein innerer Mensch zuckt vor abgedroschenen Redensarten zusammen . Die Lüge des Hergebrachten preßt mir Angstschweiß auf die Stirn ! sie nimmt sich so lumpicht aus , und macht sich so breit mit dem abgetragenen Plunder . Kennst Du die Empfindung , wenn fremde Dürftigkeit uns zu Boden drückt ? Ich will nicht den reichen Mann auf Kosten Anderer spielen . Ich will glauben , daß der Aufwand , mit dem ich aufzutreten meinte , wie veralteter Prunk , zu schwer wog ; auch , daß ich unrecht hatte , mich darauf zu stützen , allein denken sollte man doch , Gold halte immer die Probe , wie lange es auch im Winkel verborgen stand . Das ist aber nicht wahr . Kein Mensch glaubt Dir , daß es welches ist ; und Niemand stellt die Probe an . Genug , wie dem auch sei , ich zog geschlagen aus dem Felde . Ich hatte mich verrechnet , das lag am Tage . Es blieb auch so eine gewisse , verlegene Aengstlichkeit nach geendigtem Spiele zurück ; dann sprach man gar nicht mehr davon . Es war , wie nicht geschehen , ich hatte Zeit , Betrachtungen anzustellen . Nach dem ersten kleinen Verdruß über meine eigene Einfalt , machte ich es , wie Du jetzt thun wirst , ich lachte den Narren im Menschen aus ! Mein Dünkel , der Eifer , mit dem ich ihn einige Tage gefüttert , alle die Mühe und Noth , ehe es zu dem Haupteffekt und der Beschämung kam , das Nachspiel hinter den Coulissen , war , ich versichere Dich , sehr drollig . Zuletzt sagte ich mir dann aber doch Einiges zum Trost . Unter anderm , daß es mit den neuen Anforderungen an die Poesie ein eignes Ding sei . Sie muß sententiös oder materiell auftreten , wenn sie Eingang finden soll . Man will ein Paar schlagende Phrasen mit nach Hause nehmen oder sich durch illusorische Anschauungen so getäuscht finden , daß man wirklich in China oder Mexico , in einem schlechten Gasthofe mit gemeinen Gesellen , in der alten , oder unter den Menschenfressern in der neuen Welt zu sein glaubt , und dies alles , blos um zu wissen , wie es die Kerls da treiben ? Die Töne einer göttlichen Sprache zerrinnen in der untern Atmosphäre zu Begriffen . Davon , daß es eine Region giebt , in deren feinen , leichten Luftschwingungen die Seele unwillkührlich gehoben wird , so daß sie die Spiegelbilder der Erde nur im Widerschein , aber dafür in jener magischen Beleuchtung eines wärmern und glänzendern Gestirns , der Sonne des Dichters sieht , davon redet man wohl , aber man kennt es nicht mehr . Nein , Heinrich , man kennt es nicht mehr ! Auch Du , und ich , die wir in einzelnen Augenblicken des tiefsten Schmerzes , der innern Verzweiflung , des gänzlichen Zerfallens mit der Welt , davon träumen , vergessen es wieder , müssen es in einer so gestalteten Welt vergessen ! Das ist der Widerspruch , in dem wir leben . Wir wollen , was wir nicht können ! Begreifst Du , wie zerrissen , wie fragmentarisch dies Geschlecht in der Weltgeschichte dastehen wird ? Doch wieder auf mein Abentheuer zu kommen . Es hat mich der liebenswürdigen Elise auf immer zum Freunde gemacht . Leichter , gutmüthiger nimmt keine Frau auf Erden ähnliche Kränkungen der Eitelkeit auf . Ihr klarer , milder Sinn fand sogleich den Gesichtspunkt , aus welchem unser Mißgeschick natürlich erschien . Sie tadelte weder sich noch Andere . » Es paßte nicht ! « sagte sie , und damit behielt jeder sein Recht . Es paßt so Vieles nicht , Heinrich . Wird darum das , was in Uebereinstimmung zu einander tritt , nicht unauflöslich Eins werden ? Ich habe einen eigenen Glauben von der Sympathie der Freundschaft . Sie scheint mir gegründeter , als die der Liebe . Von dem was man so nennt , halte ich überall wenig . Das sind Selbsttäuschungen , mit denen der Mensch groß von sich selber thut , wenn er am kleinsten ist . In der Regel bleibt nach dem poetischen Wahnsinn eine Armuth des Innern zurück , die den Rest des Lebens dürftiger , als billig gestaltet , während die Freundschaft wie ein mächtiger Strom unzählige Arme ausbreitend , die Steppen und Wüsten des Daseins umfaßt , den Hauch der Belebung ausathmet , und eine veränderte , frische , fortbildende Welt schafft . Ich empfinde das in Elisens Nähe . Diese Frau hat einen freien , ja männlichen Geist , der mit seltner Kühnheit Verhältnisse durchschaut und lenkt . Und dabei so viel Regsamkeit des Verstehens , solche Fülle und Wärme in allen Lebensbeziehungen ! Eines Engels Güte , eines Helden Muth ! Niemals läßt sie das zärtere Geschlecht in sich vergessen , und doch fühlst Du ihr gegenüber nur den Einfluß einer höheren Seele , die keinem Geschlechte , keinen Bedingungen der Erde angehört . Ich bringe meine liebsten Stunden bei ihr zu . Wir reden , wir lesen mit einander . Meine Lieblingsschriften sind auch die ihrigen . Es peinigt sie wie mich , alles Enge , Abgeschlossene . Ein freier Flug der Ideen trägt uns oft , wie die reinere Bergesluft ihre nachbarlichen Adlers Gespielen , in unermeßliche Fernen , aus denen wir , inniger verschwistert , in die beschränkende Gegenwart zurückkehren . Niemand versteht mich , wie sie ! Wenn es wahr ist , daß die menschliche Gesellschaft nur da sei , damit Einer den Andern ergänze ; so ward Elise geboren , alle Lücken und Mängel meiner unvollkommenen Natur durch den Reichthum ihres schönen Selbsts auszugleichen . Schade , daß sie auf den Einfall kam , sich zu verheirathen ! Sie mußte für sich allein ihre Bahn durchlaufen . - Der Begleitung konnte sie entrathen . Mich stört der Mann entsetzlich ! Er kommt jetzt von einer langen Geschäftsreise zurück . Er wird das bisherige zwanglose Sein und Treiben nothwendig einengen . Vor der trockenen Gemessenheit mancher Leute kommt kein gesunder Gedanke auf . Elise ist gefällig , fügsam , ihr verschlägt es nichts , sich in die Art und Weise derer zu schicken , denen sie ein Recht über ihren Willen zuschreibt , sie ist immer sie selbst . Ich kann nicht so denken , nicht so empfinden , ich ertrage das Hofmeistern pedantischer Rechthaberei nicht leicht , und wenn ich auch Jedem gern seine Art lasse , so bleibe ich doch da weg , wo Vorurtheil und Dünkel die Luft verdicken . Zudem ist der Dritte immer zu viel , in einem Verhältnisse , wo sich zwei genügen . Ich sehe daher ruhig zu , wie drüben im Hause gepackt , geräumt wird , man sich anschickt , das Land zu verlassen , und nach der Stadt aufzubrechen . Ich werde ihnen nicht folgen ! Um unsere stillen Abende ist es doch gethan ! Ich werde ein Paar Wintermonate in den Mauern der Burg verschlafen , und aufwachen , wenn die Frühlingssonne hell über den Strom in meine Fenster sieht ! Lebe bis dahin wohl , lieber Heinrich ! Die Gräfin Ulmenstein an Curd Es ist äußerst liebenswürdig von Ihnen , daß Sie sich meiner in den interessanten Umgebungen , die Sie so richtig zu schätzen wissen , erinnern wollten ! Ihr Briefchen mit den italienischen Carricaturen , den Zeichnungen , den Nationaltrachten , des Mailändischen Doms , der Peterskirche und andere Herrlichkeiten , nach deren Anblick meine Seele seit Jahren dürstet , haben nicht allein meine Töchter und mich entzückt , sie wurden auch die Quelle unserer Abendunterhaltung am Theetisch . Der junge Leontin , Sie sahen ihn vielleicht noch vor Ihrer Abreise bei mir , der sehr unterrichtet und überall gewesen ist , erklärte die flüchtigen Skizzen meines gütigen Correspondenten . Agathe hatte sich ein geschmackvolles Costüm für das nächste Maskenfest in der Residenz ausgesucht . Sie bat Leontin , es ihr genau in den kleinsten Details zu bezeichnen . Alles dies belebte die Unterhaltung . Sie glauben nicht , welchen allerliebsten Abend Sie uns gemacht haben , fast so bunt und lustig , als wären Sie mitten unter uns . Ich sage Ihnen nicht , wie Sie zurückgewünscht werden . Ohne Uebertreibung , Sie fehlen uns vorzüglich bei demjenigen , was wir hier auf dem Lande vornehmen , um die schlechte Jahreszeit , so wie die Stadt zu vergessen . Die letztere hat in diesem Augenblick gar keinen Reiz für uns , da eine ziemlich ernste Familientrauer , der Tod einer Tante , meine Töchter wie mich , vom geselligen Vergnügen ausschließt . Man überdauert solche Prüfungszeit am bequemsten da , wo das Leben unbeachtet , ungefähr eben so hingeht , wie die Convenienz es verbietet , öffentlich zu genießen . Unter dem Anschein völliger Zurückgezogenheit , bleibt mein Saal allen Freunden und Bekannten geöffnet . Es geht , ich versichere Sie , so fröhlich darin zu , als würfe kein schwarzes Kleid einen trüben Schatten auf die lachenden Gesichter . Aufrichtig gestanden , die gute , alte Person hat mir auch gar nicht Ursache gegeben , ihr Andenken zu ehren . Sie war meine nächste Anverwandte , die Schwester meines Vaters , kinderlose Wittwe , außerordentlich reich , und starb , ohne ihren rechtmäßigen Erben einen Pfennig zu hinterlassen . Ihr Vermögen zersplittert sich in Stiftungen und Legate . Das Bedeutendste von den letztern ist aber dem jungen Baron Wildenau zugefallen , der sehr in ihrer Gunst stand . Es wäre unbegreiflich , weshalb sie den fremden Menschen auf Kosten ihrer Angehörigen begünstigte , hätte sie dabei nicht die unausgesprochene Absicht gehabt , gerade hierdurch ihrer Vorliebe , wie den gesetzlichen Verpflichtungen , ein Genüge zu leisten , indem sie den jungen Mann in die Lage versetzte , einer meiner Töchter seine Hand anzubieten . Eine alte Vertraute der Tante , die Castellanin des Schlosses , welches Leontin bald als Eigenthum beziehen wird , eröffnete mir den stillen Wunsch der Verstorbenen im Geheim . Es wäre auch lächerlich , wollte ich den tiefen Eindruck nicht bemerken , welchen insbesondere Agathe auf das Herz des Neulings gemacht hat . Allein er ist von einer so lächerlichen Zurückhaltung , und ein solcher Misantrop , daß er öfters unsern heitern Zirkel flieht , und sich drüben zu dem podagraischen , mißgelaunten Comthur und seiner stummen , trübseligen Nichte flüchtet , um nur nicht zu verrathen , was ihm doch sichtlich das Herz abdrückt . Mag er sich stellen , wie er will , ewig wird er nicht schweigen ! Doch wünsche ich ihm , daß er nicht zu spät das Wort finde , wonach er sucht . Es giebt andere Leute , die beweglichere Zungen haben , und meine Töchter besitzen ein Theilchen von dem Stolz und dem Eigensinne ihrer Mutter . Die eintönigen Abendunterhaltungen im Cabinet der Burgfrau könnten dem bedächtigen Freier doch sehr bittere Reue bereiten . Uebrigens mißgönne ich der armen , kleinen Frau die einzige Unterbrechung ihrer langweiligen Existenz keineswegs . Denken Sie sich , ihr Mann hat neben hundert andern lächerlichen Einfällen , auch den , den ganzen Winter auf dem Lande zubringen zu wollen , das heißt , er läßt sein Haus mit Frau und Dienerschaft dort , nimmt selbst das Ansehn , als sei er einheimisch , während er unaufhörlich hin- und hergeht , niemals auf der Burg anzutreffen ist , halbe Tage in der Residenz bei seiner Freundin zubringt , diese nur verläßt , wenn sie , durch ihre Verhältnisse gezwungen , Gesellschaften beiwohnt , die nicht von seiner Höhe sind , und die er verschmäht . Sie sehen , das Spiel ist gut berechnet . Es geht einen raschen Gang ! Mir ist solche Freimüthigkeit , bei so unerlaubter Intimität in meinem Leben nicht vorgekommen . Die Leute treiben das Alles mit einer Miene , als verstehe sich ihr auffallendes Benehmen von selbst . Nach gerade wurde indeß die unbegreifliche Dreistigkeit doch sehr peinlich . Man hatte ungefähr das Gefühl dabei , als wenn Jemand durch eine unbewußte Unordnung in der Toilette , das Auge Anderer verletzt , und im vollen Gefühl schicklicher Haltung , die ungeahndete Indecenz noch mehr heraushebt . Ich bin deshalb froh , daß der Präsident zu rechter Zeit kam , seine Frau nach der Stadt zu führen . Die geselligen Beziehungen der Nachbarschaft brachten mich , ich versichere Sie , in fatale Collisionen . Ganz offenbar nahm der Graf von dem leichtern , bequemern Ton , der in meinem Hause herrscht , Veranlassung , seinen Absichten hier ein freies Feld zu bahnen . In diesem Sinne mischte er sich in die Anordnung unserer Bühne , und brachte ein plumpes , licencieuses Ding zum Vorschein , das allenfalls in einer Dorfschenke , von Puppenspielern dargestellt , das dortige Publikum ergötzt haben würde , für uns aber ganz unschmackhaft blieb . Es soll von dem jetzt oft genannten , von Vielen so gefeierten alten englischen Poeten sein , dessen Name ich immer vergesse , weil er mir die Kinnbacken zerbricht , wenn ich ihn aussprechen will . Mag indeß Theil daran haben , wer nur will , dieser Mischmasch von platter Trivialität und bilderreichem Unsinn , von langweiligen Tiraden und pöbelhafter Gemeinheit , gehört vor ein anderes Publikum , als vor das unserige . Auch bin ich überzeugt , der Graf war nicht einen Augenblick im Irrthum über den Werth des Stückes . Seine Wahl fiel nur vorzugsweise deshalb darauf , weil es für den übrigen Plan paßte , und geschickt war , der zwanglosen Gemeinschaft einer zusammengerafften Bande umherziehender Schauspieler zum Vorwande zu dienen . Die List war ziemlich grob eingefädelt . Ich war gleich auf der rechten Spur . In Wahrheit , die Leutchen machten ihre Sachen ungeschickt . Mit einem bischen Vertrauen ließe sich viel übersehen . Doch sie sind so stolz und anmaßend , betheure ich Ihnen , auf den Schwung ihrer Gefühle , daß sie alle Zungen mit Pfeilen bewaffnen . Aus diesem Grunde danke ich es ordentlich der guten Tante , daß sie gerade diesen Zeitpunkt wählte , um zu sterben . Ihr Tod fesselt mich hier , und setzt mich außer Verbindung mit zwei Familien , denen ich gleiche Rücksichten schuldig bin , und die mich demungeachtet beide gezwungen haben würden , öffentlich zu brechen , um auch den Schatten von Theilnahme an einem unerlaubten Handel von mir zu entfernen . Eine Mutter kann gar nicht delikat genug in der Wahl ihrer Gesellschaft sein . Mich dauert die stille , schüchterne Emma ganz außerordentlich . Man sagt , sie erwarte ihre Mutter in Kurzem von einer Rückreise aus Italien . Nun , das wird hübschen Lärm geben , wenn die Oberhofmeisterin hinter des Schwiegersohns geheime Verbindungen kommt ! Leben Sie wohl bis dahin ! Wenn etwas , des Berichtens werth , unter uns vorfällt , rechnen Sie auf die Feder Ihrer bereitwilligen Freundin . Emma an den Geistlichen Ihr letzter Brief , ehrwürdiger Freund , fordert mich mit fast beschämender Güte auf , Ihnen zu jeder Zeit mein Herz offen zu erhalten , Alles , was darin vorgeht , Ihrer Theilnahme zu vertrauen , jeden Zweifel in der freien Mittheilung aufzuhellen und überall rücksichtslos wahr zu sein . Ach ! mein gütiger Lehrer , was bliebe Ihnen auch von dem verschwiegen , was ich mir selbst eingestehe ! Ich glaube , ich könnte der Worte entbehren , Sie erriethen mich dennoch . Dem Himmel sei Dank , noch scheue ich den Blick nicht , der die Tiefen meiner Seele durchdringt . Ich weiß , Sie sehen bis auf den Grund , und nichts verwirrt Sie , was die Bewegung des Augenblickes undeutlich auf der Oberfläche erscheinen läßt . Anders ist das mit meiner Mutter . Die ruhige Begleitung eines Freundes , der nichts will , als dem Gefährten zur Seite bleiben , läßt dessen Gang frei , doch ängstliche Sorge hemmt den Schritt . Ich habe es stets so gewissenhaft vermieden , irgend einen leisen Schatten in die Seele meiner Mutter zu werfen . Nur in den stillsten , ruhigsten Stimmungen , bei allem Frieden der innern und äussern Welt um mich her , schrieb ich meine Briefe an Sie . Nie ist mir ein Wort entschlüpft , das sie doppelsinnig deuten könnte ; warm und zärtlich sprach ich die Empfindungen meines befriedigten Herzens aus , wie kommt es dennoch , daß sie dem allen keinen Glauben schenkt ? Unwillig bestreitet sie mir meine Ruhe , mit leidenschaftlicher Besorgniß dringt sie auf mich ein , und strebt , mir ein Geheimniß zu entreißen , das mir fremd ist , dessen undeutliche Erwähnung mich unaussprechlich ängstigt . Sie wirft mir Zurückhaltung , ja Heuchelei vor , und schwört , Licht in der Sache haben zu wollen , um einer Verblendung ein Ziel zu setzen , die sie für die Würde ihres Kindes beeinträchtigend hält . Von diesem brennenden Wunsche getrieben , nimmt sie ihren Rückweg aus Italien gerade hierher . Sie kommt ! sie kommt in den nächsten Wochen ! und wenn mein Herz vor Freude zittert , sie wieder zu sehen , so stockt es auch vor Bangigkeit und Furcht , als sei das Ende aller Glückseligkeit , ja das Ende meines Lebens nahe ! Die Unnatur solcher Widersprüche macht mich völlig irre an mir selbst , an meinen Verhältnissen , ach ! an den liebsten Menschen . Ich frage mich unzähligemal : was ich fürchte ? für wen ich fürchte ? Und wenn mir dann eine ängstigende Antwort nahe tritt , und ich sie nicht hören will , dann ist es , als sähe ich in ein unabsehbares Gewirre von Mißverständnissen hinein , von denen ich den Blick erschrocken abwende . Mein Gott ! ich war so ruhig , ich genoß die unaussprechliche Freude , Hugo völlig zufrieden und heiter zu sehen . Ich empfand , daß er den einzigen Wunsch meines Herzens , ihm in keiner Art hemmend in den Weg zu treten , erkannte , er genoß seine Freiheit , und kehrte lebensfrischer , klarer , oft wärmer , als er ging , zurück . Wie hätte ich fürchten sollen , daß gerade dasjenige , was mir das Gleichgewicht entgegengesetzter Naturrichtungen zu erhalten schien , Hingebung und Liebe , den Samen unseliger Mißverhältnisse ausstreuen würde ! Wie ist man nur so eilig , Gegenstände zu beurtheilen , die man nicht kennt . Niemand weiß ja , was in der Brust des Andern vorgeht . Ich war glücklich , ich versichere Sie , seit es stiller um uns ward , die Nachbarn die Gegend verließen , oder die mißlichen Gebirgsschlüfte mieden . Die Einsamkeit auf der Burg ist mir erwünscht , ich liebe das ernste , großartige Gebäude überaus . Das Gewöhnlichste im Leben gestaltet sich hier anders . Es geht ein Geist durch Häuser und Gemächer , den oft die wechselnden Bewohner nicht bannen . Im Gegentheil , sieht man diese wohl unwillkührlich dem verborgenen Einflusse nachgeben , Geschmack und Neigung dem gebietenden Zuge unterwerfen ; ja , sich selbst , wie die gewohnte Weise , in eine andere Form fügen . Hier , unter den festgewölbten Bogengängen , den kräftigen Sinnbildern gegenüber , findet weder Langweile Raum , noch kleinliches Gelüst Eingang . Hier ist alles bleibend , ruhig , das Gemüth erhebend ; und wenn ich in Hugo ' s Abwesenheit in seinem lieben Zimmer sitze , mir es so unaussprechlich wohl in den schönen , hohen Räumen ist , ich mich in die Kissen seines Sopha ' s schmiege , seine Nähe täuschend empfinde , mein Blick dann , durch die Glasthüren , über den Altan weg , in die reizende Landschaft sieht , der breite Strom so still und majestätisch vorüberfließt , die dunklen Thalwände hinter ihm riesenhaft aufsteigen , Dörfer und Städte aus ihrem bläulichen Dunst hervortreten , dann fühle ich , wie die Seele des kräftigen , kühnen Mannes sich da hinaussehnt , und theile seinen Unmuth wie sein Streben . Ich selbst möchte ihm das Thor öffnen , den Weg bahnen ! Gedanken , die ihn beschäftigen , umringen mich ! ich werde ganz er selbst , fühle , wünsche wie er , und athme frei , wenn ich mich besinne , daß er fern von hier , wenigstens auf Stunden und Tage , jetzt sich selbst angehört , seinem ungestillten Drange nach Freiheit augenblicklich Genüge thut . Lange , lange sitze ich dann so , begleite ihn auf Wegen und Stegen , bilde mir ein , seinen Schritten zu folgen , und während ein zärtlicher Wahn die Zwischenräume durchmißt , bin ich weder allein , noch entbehre ich das Glück der Gegenwart . Nein , lassen Sie michs bekennen , ich kann , mir selbst überlassen , weit ungestörter Hugo ' s Bild betrachten , als ihm gegenüber . Ja , mir steht er fest , rein , unberührt von dem , was zuweilen die Wirklichkeit umdunkelt . Es ist der wahre Hugo , den ich ungetheilt mein nenne , den ich liebe , den ich liebkose , zu dem ich frei aus dem tiefsten Herzen rede . O ! wer mag zweifeln , daß ich eben in den Stunden , die mir falsches Mitleid rauben will , glücklich bin ! Lieber Freund , wenn nur meine Mutter das so wüßte , wenn es sie beruhigen könnte , daß mir diese unscheinbare Stellung im Leben lieb ist , daß ich sie um Vieles nicht wechseln möchte , daß ich vor jeder Veränderung zittre . Manchmal habe ich ihr ganz rücksichtslos schreiben , sie bitten wollen , ja an nichts zu rühren , was sich allzuleicht durch fremdes Eingreifen verschiebt . Allein , wozu würde es nützen ? Sie mißt mein Glück nach ihrem Empfinden . So freilich muß sie hier unzufrieden sein ! Und wenn ich mir nun denke , wie mit heißer Sehnsucht sie sich her zu mir wünscht , wie ihre unbegränzte Liebe mich nie verließ , ich ihr Alles auf Erden bin , sie keinen , auch nicht den kleinsten Wunsch hegt , der nicht ihrer Emma Wohl beträfe , dann sinkt mir der Muth , dann weiß ich nicht , wie ich ihr das Unabänderliche anders darstellen , das Mangelnde , was allein der Fortgang des Lebens ergänzt , im Augenblicke verhüllen soll . Auch der Oheim ist nicht ohne Sorge . Er sagte mir noch diesen Morgen : » Liebes Kind , Ihre Mutter wird nicht mit uns zufrieden sein , sie wird sich hier mißfallen . Wäre es nicht besser , Sie folgten Hugo nach der Residenz , und empfingen sie dort ? « Ich war verlegen , was ich ihm erwiedern sollte . Hugo hat mich nie aufgefordert , ihn nach der Stadt zu begleiten ; er vermeidet es wohl , weil es nicht das Ansehen haben soll , dort einen längern Aufenthalt zu wählen . Seine Stellung bleibt auf solche Weise freier . Er sichert sich das Gehen wie das Kommen , wenn er über Beides nur mit dem Augenblicke zu berathen hat . Es wäre mir nicht möglich , ihn gerade hierin hemmen zu wollen . Auch bin ich nicht des Oheims Meinung . Aus vielen Gründen ist es mir lieb , die Mutter hier auf dem prächtigen Familiensitze bei mir zu sehen . Das Schloß , seine Umgebungen , der Zuschnitt der Verhältnisse , die ganze Lebensweise , werden ihr in gewisser Hinsicht genügen . Der Glanz , wenn er nicht blendet , ergötzt immer das Auge , und macht es williger , Unebenheiten zu übersehen . Und dann - gleichförmige Ruhe hält Störungen entfernt . Dies alles bei mir überdenkend , schwieg ich einige Augenblicke , ohne meinen wohlwollenden Beschützer zu beruhigen . Er ergriff meine Hand , drückte sie fest in der seinen , indem er zärtlich sagte : » Machen Sie es , wie Sie wollen . Ihr klarer Geist giebt Ihnen von selbst den Faden durch dies Labyrinth in die Hand . « Er ging . O ! hätte er gewußt , in welcher Unsicherheit er mich zurückließ , wie orakelhaft seine Worte klangen , was er in mir verworren , was er geweckt hat ! Ich sehe es nun wohl , die Welt tadelt Hugo , beklagt mich , erfindet und spinnt das Erfundene emsig zusammen . Wie ich diese müßige Geschäftigkeit hasse ! wie mich eine Theilnahme drückt , die ohne Herz und Gemüth , nur das Fremde an sich reißen , es durchschauen möchte . Die Menschen wissen nicht , wie wehe sie mir thun ! Ist es denn nicht möglich , anders zu sein , als Andere , und doch für sich recht zu behalten ? Ich bin so ängstlich , seitdem der Oheim ging . Ich weiß nicht , was ich thun oder lassen soll ? Der Brief meiner Mutter ist in großer Leidenschaft geschrieben . Er klingt fast drohend . Die wenigen Zeilen , welche das Stiftsfräulein ins Couvert hineinschrieb , sollen mich wohl beruhigen , allein sie enthalten die niederschlagende Nachricht , daß beide Freundinnen sich auf einem gewissen Punkt der Reise trennen , und während die Eine dieser Gegend zueilt , die Andere sich zurück , zu der Fürstin wendet , um dieser erwartete Briefe und Berichte zu überbringen . So fehlt mir denn auch die vermittelnde Sophie . Von ihr hätte ich erfahren , wer all die Leidenschaft , die ängstliche Hast erregt ? Sie würde mir geholfen haben , mich gegen schmerzliche Angriffe zu waffnen , und zugleich die Zärtlichkeit der liebevollsten Mutter zu schonen . Jetzt bin ich ganz allein , Hugo ahndet nicht , was mich quält , auch ist er nicht anwesend . Und wäre ers , was dürfte ich ihm sagen ? Ich lese in Ihrem klaren , frommen Auge , was ich vergessen zu haben scheine . Sie sehen fast strafend auf die Unruhe meines Herzens . Ja , ich verstehe , ich verstehe , wozu Sie mich