aller Gefahr zu schützen so glücklich war . « » Ihr bereut den Dienst doch nicht , den Ihr dem Judenmägdlein erwiesen ? « fragte lächelnd Fiorilla : » Ihr , die Nichte ... die Freundin eines rechtgläubigen Prälaten ? Wahrhaftig , ich muß Eure Duldung bewundern , die Kirche , Gesetz und des Pöbels Eigensinn verdammen . « » Leider ! « erwiederte Fiorilla seufzend : » Ihr möchtet leichtlich staunen , eine Wälsche , welche die Madame verehrt , also sprechen zu hören . Vielleicht wird Euch jedoch meine Hinneigung zu der liebenswürdigen Esther erklärlicher , wenn ich Euch sage , daß ich keineswegs aus Cesena , sondern aus dem Ghelto zu Rom stamme , meine Eltern früh verlor , und durch die Milde Eures Ohms in eine Bekehrte verwandelt wurde . « Dieses überraschende Geständniß kitzelte Dagobert ' s Zwergfell auf ' s Neue und Heftigste . » Hoho ! « rief er , lachend wie ein Verrückter : » kann denn auf dem Brocken in der Walpurgisnacht einem Hexlein etwas Tolleres begegnen , als mir ? Es gränzt an ' s Mährchenhafte . Ich liebe eine Jüdin und meine Schwester , und meine Vertraute ist eine Neugetaufte ! Nein , ich muß mich lossagen von solchen Banden , damit mir ' s nicht ergehe , wie den böhmischen Ketzern , und darum guten Abend , holdes Heidenkind ! « - Schnell hatte er einen Kuß auf Fiorillens Wange gepreßt , und polterte lachend die Treppe hinunter . Unter der Pforte rannte er an seinem heimkehrenden Oheim , der ihn , Dank sey es der Dämmerung , nicht erkannte , aber durch ein halb ängstliches : » Wer da ! wer seyd Ihr ? « festzuhalten dachte . » Ein Rabbiner , der von Euch bekehrt seyn möchte ! « brummte der Spottvogel im tiefsten Register , schob den Staunenden bei Seite , und entsprang . Achtes Kapitel . Weihnachtsfreude , Weihnachtslust ! Öffnest segnend jede Brust ! Nacht , die unsern Herrn geboren , Zur Versöhnung auserkoren - Du vereinest , die sich hassen , Daß sie ihren Groll verlassen . Doch , wie nur Dein Bann verweht , Schnell die Schlange neu ersteht : Und sie flieh ' mit scheuem Bangen , Die sich freundlich kaum empfangen ! W. So wie der Meistersänger , dem es vergönnt ist , vor großer Gesellschaft seine Kunst zu zeigen , - nachdem er die Ohren seiner Zuhörer mit den sanften Gesängen der Minne , mit schwärmerischen Balladen und klagenden Liedern ergötzt hat , - auf einmal aus der weichen Tonweise in die harte umspringt , und die Saiten rührt zum fröhlichen steyrischen oder hungarischen Tanz , und eine Melodei nach der andern aufspielt , bis das junge Volk das Morgenroth herbeigestampft hat ; .. also war Dagobert rasch und leicht seiner zufälligen Schwermuth enthoben , und schwamm wieder - mit Gerhard zu reden - wie ein lustiges Fischlein auf träglicher Lebensfluth , unbesorgt vor Strudeln und Abgründen . Wie ein Fuchs um die schlau erspürte Falle im weiten Bogen von dannen schleicht , also schlich er um Wallradens Haus , und war seelenfroh , daß sie ihm nicht wieder begegnete . Alle unfriedlichen Auftritte seiner Jugend waren ihm lebhaft vor ' s Gedächtniß getreten , und er konnte sich der ärgsten Dummheit schelten , daß er sein Schwesterlein schön gefunden , sie , die wie eine böse Nixe ihm alle Freude verdorben hatte , von jeher . An Esther dachte er freilich oft , mit Sehnsucht und stillem Behagen , aber ... war sie nicht fern von ihm ? nicht auf ewig von ihm getrennt ? Darum schüttelte er alle Sorge von sich , und lebte mit den Lebendigen , mit den Fröhlichen , deren Viele damals zn Costnitz versammelt waren . Vergebens meisterte ihn sein Ohm mit aller Strenge , vergebens überhäufte ihn der Erzbischof von Ravenna mit vielem unnützen Geschreibsel zum Behuf der vorzubereitenden Sessionen : demüthig hörte er Monsignore ' s Lehre an , geduldig , aber schnell , that er die Arbeiten des Cardinals ab ; doch , war sein Nacken , sein Ohr wieder auf einige Stunden frei , so sah man ihn alsobald im Kreise muntrer Freunde . Sein ernstes Kleid war überall willkommen , weil der Schalk , der gutmüthige Schalk , darunter verborgen war ; die Frauen und Dirnen der besten Geschlechter sammelten sich um ihn , den freundlichen Sänger , den fertigen Lautenspieler , den erfinderischen Mährleinschmidt ; die Männer schätzten in ihm den geübten Reiter , den erfahrnen Waidmann und Falkenabrichter , und den unverzagten Zecher . Die Geselligkeit schmückte ihn mit ihren besten Kränzen , und seine Laune wuchs wie eine Pappel in wälschem Boden , schnell und hoch , daß bald in der ganzen Stadt von nichts Anderm gesprochen wurde , als von Junker Fröschleins Schwänken . - » Recht so ! « sagte ihm einst sein Gönner , Herzog Friedrich : » was ich von Euch höre , gefällt mir wohl . Der Most muß brausen , der Bursch austoben ; vorab , wenn er in die härne Kutte schlüpfen soll . Wie lange dauert ' s , so werden Eures Ohms Geschäfte allhier geendet und Ihr gemüßigt seyn , ihm über die Berge zu folgen , hinter denen deutsche Ehrlichkeit das letzte Paternoster betet . Dann werdet ihr werden müßen , wie sie Alle sind , aber wenigstens aus dem Vaterlande die Erinnerung einer kräftig freien Jugend mit Euch in ' s Grab nehmen , an dem Euch ohnehin keine Lieben nachweinen dürfen . Laßt Euch drum nicht stören in Eurer Freudigkeit , so lange sie neben Sitte und Zucht bestehen mag , und hütet Euch nur vor lüsternen Weibern . Einen Haus- und Kernfluch verzeiht der liebe Gott , eine Ohrfeige im Streite ist kein Todtschlag , ein Rausch besser , denn ein Fieber ; aber der Kuß einer falschen Delila stellt wahrlich eine scharfe Schere vor , die Manneskraft und Simson ' shaar mit einem Schnitte verschändet . Deßhalb erfreut sich auch unser allergnädigster Kaiser einer werdenden Glatze , und sein Leibscherer hat bereits , wie man vernimmt , alle Mühe , den Übelstand durch künstliche Verflechtung des Haupthaars zu verbergen . - « Dagobert schwieg , lächelte aber im Stillen , über den leidenschaftlichen Spott , der , - im Übrigen dem biedern Gemüthe des Habsburgers gänzlich fremd - beständig vorleuchtete , sprach er von Sigismund . Der Herzog fuhr indessen schmunzelnd fort : » Der gnädigste Herr wird , wie es verlautet hat , heute oder morgen zu Costnitz einreiten . Ein kluger Gedanke ! Die Weihnachtsfeier wird uns demnach den Heiland der Christenheit bringen . Die friedenstiftende Majestät wird ihren Einzug halten , da man in den Kirchen singt : In dulci jubilo ! - Es thut mir leid , « setzte er rasch abbrechend hinzu , » daß ich zum Empfang des Herrn , Satteldecke und Steigbügel putzen muß , sonst fände ich wohl noch Gelegenheit , mich länger mit Euch zu unterhalten , guter Dagobert ! « - Der Letztere verstand diese schon manchmal vorgekommene Beurlaubung , die immer auf die steigende Galle des Herzogs deutete , und entfernte sich alsobald . - Da er jedoch heraustrat auf die winterlich beschneite Gasse , über die der dunkelblaue Himmel so eben seine ersten Sterne heraushing ; da er über den Markt schritt , wo in Hütten von Holz und Segeltuch allerlei Spielwerk und Leckerzeug feilgestellt wurde , zur Freude der Kinder , die am heiligen Abend damit beschenkt werden sollten , einer heitern Sitte gemäß ; - da wich in ihm die Erinnerung an des Herzogs Worte dem mächtigern Gedächtniß der fernen Heimath und der entschwundnen Jugendjahre . Denn sie war wirklich unvermerkt herangekommen , die fröhliche Weihnachtszeit , der lichte Stern an trübem winterlichen Himmelszelt , das gemüthliche Fest ; Eines von denen , die die heitre Kette schlingen um Haus- und Kirchenaltar , das bürgerliche Leben mit dem Glauben an ein Göttliches , an ein Jenseitiges verbinden . - Eine freundliche Wehmuth , die man gern und gastlich in den Busen aufnimmt , weil ihre Pein lebensstärkenden Balsam bereitet , bemeisterte sich der Brust Dagobert ' s , und was alle Ermahnungen seines geistlichen Schirmvogts nicht vermocht hätten , brachte sie zu Wege . Der junge Mann schloß sich ein in sein Gemach , fern vom Geräusch der Welt , und saugte an den Blumen der Erinnerung . Sein redlich Herz drängte ihn , diese goldne Zeit seiner Knabenfreuden zu feiern , wie es einem wackern Jüngling zustehe . Wie beklagte er es , daß ihm die Mittel nicht beschieden waren , das Glück eines Menschen zu gründen . Wie bedauerte er , daß er keinen Todfeind wußte , den er hätte versöhnt in die Arme schließen können ! - Da fiel ihm plötzlich seine Schwester Wallrade ein , gegen die der beinahe vergeßne Groll wieder neu in seinem Herzen aufgeflackert war . - Ja , rief er nach kurzem Bedenken : Ich will ihr die Hand zur Eintracht bieten , und das feindliche Verhältniß in ein freundliches umgestalten , und also den Christtag würdig begehen . Dazu helfe mir Gott und Esther ' s Gedächtniß ; das Andenken des lieben , aber unglücklichen Mägdleins , der die Segnungen unsers Glaubens und seine erhebenden Feste unbekannt sind ! - In seinem Stüblein brachte er die Stunde zu , bis der Weihnachtabend sich still und kalt herniedergesenkt hatte über Stadt und See . Nun litt es ihn nicht mehr im engen Hause . - Das Geräusch des kaiserlichen Einzugs der am Tage Statt gefunden hatte , war nicht vermögend gewesen , ihn seiner Einsamkeit zu entreißen . Der kalten Nacht gelang es , und verhüllt , wie ein Geist , schritt er nach dem Mauerdamm , an dessen Grundfeste die Wellen des Bodensees brausend anschlugen , des Frostes spottend , der bisher fruchtlos versucht hatte , ihnen Eisfesseln anzulegen . Des Jünglings heitrer Blick schweifte über das dunkle deutsche Meer nach den Gebirgen des Appenzells , die in ihren Schneegewändern wie riesige am Himmel gelagerte Geister und Weltwächter herabsahen auf die stolze Bischofsstadt . Alle Glocken des Thurgaus , des Gallenstifts und der schwäbischen Ufer sangen ihr feierliches Lied über des See ' s Spiegelfläche , auf welcher das wandelnde Mondbild dahin glitt , wie eine Silberscheibe auf ebener Eisbahn . » Gelobt seyst Du , Nacht des Heils ; « sprach Dagobert mit demjenigen erhebenden Gefühl , das das einfachste Menschenwort zum Gebete stempelt : » Vor länger denn tausend Jahren brachtest Du uns den Glauben , schöner und sanfter als der Mondstrahl , der Dich heute erhellt . Aber noch jetzt , so oft Du wiederkehrst , senkt sich Friede und Freude in die elendeste Hütte , wie in die stolzeste Fürstenburg der Christenheit . Du milde Nacht , den Unschuldigen hold und ein ersehnter Gast , schenke auch mir den Frieden , Deinen Begleiter . Schenke ihr dereinst Dein gnadenvolles Licht , ihr , die noch im Dunkel wandelt , damit ich jenseits sie wieder sehen mag , mit der hienieden keine Vereinigung mir erlaubt ist . Lenke das Herz derer , die mich hassen , zur Liebe und Versöhnung , und mache alle glücklich , die mir fromm auf dem Lebenspfade die Hand bieten ! « - Eine Thräne zitterte im Auge des Betenden ; er schämte sich ihrer nicht . Sein Herz war beklommen , aber nur von süßer , ruhiger Wonne . Keiner Schuld sich bewußt , kehrte er in die Stadt zurück , wo die Menge durcheinander wogte , wie am hellen Mittage . Alle Fenster waren hell erleuchtet ; in dem erbärmlichsten Häuslein brannte ein kümmerliches Licht . Überall , wo Kindersegen daheim war , ragten dunkle Tannenbäume empor , mit den Früchten des Herbstes geschmückt und mit schwankenden Kerzen , die sich auf den Zweigen wiegten , wie die Vöglein des Waldes . Festlich geziert alle Stuben , Mohnklöse und Leckereien auf jedem Tische , Entzücken in jedem Kinderauge , wonnevoller Dank zum Höchsten in jedem Vater- in jedem Mutterblicke . Hier tummelten sich muntre Knaben um den hölzernen Gaul mit Federn geschmückt , und träumten sich zum ebenbürtigen Ritter , zu Schild und Helm geboren ; dort tanzte der Mägdlein rothwangige Schar um den zierlichen Rocken , um die glatte Spindel , die das Christkind bescheert ; hier brachte eine in Engelgewänder vermummte Dirne süße Fladen und Mandelschnitte , dort sprühte ein Ruthenbewaffneter Putzenmummel den feurigen Regen vergoldeter Nüsse in ' s Haus . Allenthalben aber regte sich die Lust , und die Erwachsenen schienen zu Kindern geworden zu seyn , um kindlichen Jubel zu theilen . Dagobert strich an den glücklichen Menschenwohnungen vorüber , sein Auge , sein Ohr ergötzend , und dachte , in Theilnahme versunken , kaum daran , daß er keinem Sohne , keiner Tochter das willkommne Christgeschenk werde reichen dürfen . Da überraschte ihn die Mitternachtsstunde , und von dem Thurme der Domkirche riefen die Glocken zur Mette der heiligen Nacht . Das Menschengewühl der Stadt wälzte sich nach Klöstern , Pfarrkirchen und Dom . Den Letztern betrat auch Dagobert . Schon mischten sich einzelne Orgeltöne in das Summen der heranströmenden Bet-und Schaulustigen , die Kerzen an den Altären winkten schon wie flammende Zungen herbei zum nächtlichen Opfer . Um die Weihkessel an den Eingängen drängte sich das Volk . Dagobert reichte höflich mit dem gewöhnlichen Spruch : » Gelobt sey Jesus Christus und seine gesegnete Weihnacht , « seine mit dem benedeiten Wasser benetzten Finger einer edelgekleideten Frau , die vor dem Gedränge nicht zur Säule gelangen konnte , und verstummte überrascht . Seine Schwester stand vor ihm . An ihrer Seite , der breitstirnige Knecht , den sammetnen Kniepolster unter ' m Arme und das Windlicht in der Hand . Befremdet maß auch den Jüngling die finster blickende Wallrade , warf den Kopf in die Höhe , und drehte ihm den Rücken zu , langsam vorschreitend gegen den Altar , wo sie ihre Andacht zu verrichten beschlossen hatte . Dagobert schloß sich jedoch hart an die vom Gewühl Aufgehaltne , und sprach sanft zu ihr : » Wir feiern heute die Geburt des Herrn mit freudiger Zuversicht . Auch unsre Eltern , Wallrade , haben die unsrige also begangen , begehen sie noch heute ; der Vater auf Erden , lieb Mütterlein im Himmel . Wollen wir denn , die eine Mutter gebar , nicht endlich den kindischen Groll fahren lassen , der aus unsern Spielen stammt , und unser Grab feindlich zu beschatten droht , damit keine Blume der Liebe darauf ersprießen möge ? Wollen wir nicht endlich den Zwist ersticken , das Unkraut aus dem irdischen Vaterhause , das wahrlich nicht wuchern sollte in dem Hause des ewigen Vaters ? « - Wallrade stand aufmerksam stille , heftete die großen Augen auf den milden Redner , und erwiederte : » Ich nahm Antheil an Euch , da ich nicht wußte , daß Ihr mein Blutsfreund seyd . Die Trennung mancher Jahre hatte mir Eure Züge fremd gemacht , aber der Ohm hat mich erinnert , daß ich noch einen Bruder habe , den ich nicht einen Geliebten nennen kann ; und daß derselbe hier lebe , erfuhr ich ebenfalls durch ihn . Weder Ihr , noch der Zufall haben etwas gethan , das mein Vorurtheil hätte mindern können . Liegt Euch indessen so viel daran , uns versöhnt zu sehen , so reiche ich - der Seltsamkeit wegen - die Hand dazu . « - Sie winkte dem jungen Manne , in dem Betstuhle neben ihr Platz zu nehmen , und raunte ihm , den Rosenkranz vom Gürtel nestelnd zu : » Eure Gesellschaft kommt mir noch obendrein in diesem Augenblicke gelegen ; sie bewahrt mich vor schlimmerer . « - » Wie so , meine Schwester ? « fragte Dagobert . - Wallrade sah seitwärts und bezeichnete ihm durch unmerkliches Augenzwinkern zwei Männer , die unfern standen , und ihre Blicke auf sie gerichtet hielten . - » Der Eine , « sprach sie : » der in der bunten Kleidung , den Ihr schon einmal , wie mich dünkt , an meiner Seite gesehen , ist der Herr von Königseck , ein weibisch thuender Gesell , der von Rosmarinöl duftet , sich einschnürt , daß er einem Heupferde gleicht , und vor eitel Zierlichkeit nicht dazu gekommen ist , in irgend einer Fehde die Sporen zu gewinnen . Der Andre , klein und unansehnlich , verwachsen und mürrisch vom Angesicht , trägt unter seiner hohen Schulter ein Herz voll Kühnheit , Tücke und Leidenschaft . Er ist ein Graf von Montfort ; beide Herren aber sind meine Freier ; Beide vom Ohm begünstigt ; Beide mir verhaßt ; der Erste , weil er kein Mann , der Zweite , weil er häßlich und hochfahrend ist . Sie hätten sich sicherlich schon an mich gedrängt , hielte sie Euer geistlich Gewand nicht in Ehrfurcht . Das Letztere danke ich Euch . « - Hiemit neigte sie das Haupt auf die gefalteten Hände , und ließ im stillen Gebete Kugel auf Kugel durch die Finger schlüpfen , ohne den Bruder nur eines einzigen fernern Worts zu würdigen . Dagobert betrachtete sie verwundert von der Seite , und mußte sich gestehen , daß diese stolze Schönheit wohl im Stande sey , andre Männer zu berücken , als den Stutzer und den Mißgestalteten , von denen die Rede gewesen . Zugleich aber bekannte er sich , daß die fromme Stimmung nicht mehr vorhanden sey , in welcher er Wallraden angeredet ; daß das seltsam schroffe Benehmen Wallradens ihn beinahe bedauern , ließ , eine Versöhnung eingeleitet zu haben , die nur um Gotteswillen , wie es schien , angenommen worden war . - Welch ein Weib ! dachte er bei sich : jeder frommen Regung unzugänglich ; die Härte ihres Gemüths sogar bis zu den Ihrem des Herrn tragend , und ohne Bedenken zur Schau legend ! Nicht einmal die heilige Handlung beschäftigt sie in diesem Augenblicke , die Glockentöne , die der Menge das Zeichen geben , sich zu bekreuzen , die Brust zu schlagen , werden von ihr überhört . Gedankenlos läßt sie die geweihten Kugeln durch die Fingerspitzen gleiten ; denn offenbar verweilt bei andern Gegenständen ihr Sinn , und bald furcht sich ihre Stirn , bald glättet sie sich ; bald lächelt ihr Mund , bald seufzt er schwer auf , wie man zu thun pflegt , wenn man sich abmüht , der Seele einen Entschluß abzuringen , vor dem man sich selber scheut . - Wallradens rasches Emporrichten endigte seine Betrachtungen ; an deren Stelle trat des Ohrs Aufmerksamkeit , da Wallrade , von den Donnertönen der Orgel umbraust , Gelegenheit fand , dem Nachbar etwas Geheimes mitzutheilen . - » Ich will glauben , « flüsterte sie sanfter denn zuvor , » daß das Bemühen aufrichtig ist , mit welchem der Jüngling Dagobert gut zu machen sucht , was der Knabe an der Schwester verbrach . Ich zaudre daher nicht , des Mannes Freundschaft anzunehmen , mit meinem Vertrauen zu erwiedern , und ihm Anlaß zu geben , meinen Dank zu verdienen , so fern er mir zusagt , das Anvertraute zu bewahren wie ein Mann , nicht wie ein Plauderhaftes Weib . « » Zählt darauf , Wallrade ; « erwiederte Dagobert : » ich könnte eines Zauberschatzes Hüter seyn , Monden lang , ohne ihn durch ein einzig Wörtlein in Asche und Kohlen zu verwandeln . Kann ich vollends Euern Dank dadurch verdienen , bin ich gern bereit zu thun , was Ihr verlangt , um nur Euer Vorurtheil zu widerlegen . « » Vernehmt denn ; « sprach Wallrade , vertraulich werdend : » Es langte heute in des Kaisers Gefolge ein Mann an , der sich schwer an mir verging . Dieser Frevel ist Euch gleichgültig , und somit verschweige ich ihn . Der Anblick dieses Mannes jedoch ist mir eine Folter , da ich mich nicht thätlich an ihm rächen darf , obgleich er mich sehr zu fürchten hat . Sehr ; sage ich Euch : der Verdammte fürchtet nicht also seinen Henker . Ihn zu vertreiben aus meiner Nähe , den Beleidiger , ist mein einz ' ger Wunsch , und , um diesen erfüllt zu sehen , spreche ich Euch , dessen offne Keckheit ich beifällig wahrgenommen , um Hülfe und Beistand an . « » Wie kann ich aber mich in dieß seltsame Beginnen einlassen ? « fragte Dagobert verwundert . - » Ein einziger Besuch ist hier hinreichend ; « versetzte Wallrade . » Der , den wir meinen , heißt Rudolph Bilger von der Rhön , und ist einer von des Kaisers Jagdleuten . Zieht Kunde ein von seiner Wohnung , sucht ihn heim , und sagt ihm dürr heraus : mein Wille sey ' s , daß er wieder von dannen scheide , da mir seine Anwesenheit Ärgerniß gebe . Diesem Begehren möge er auf ' s Schleunigste gehorchen , oder meines Thuns gewärtig seyn . - Das ist Alles . Verspricht er , zu thun , wie ich begehre , so laßt ihn ruhig ziehen ; weigert er sich , so fordert ihn vor die Klinge . Ihr habt den Muth dazu , doch gelobe ich Euch , daß es so weit nicht kommen wird . Keines weitern Eingehens in die Sache , nur meines Namens und eines befehlenden Tons bedarf ' s , um sicher den Zweck zu erreichen . « » Ihr scheint Eures Mannes verzweifelt gewiß ; « meinte Dagobert etwas verlegen : » Wie aber kömmt es , Schwester , daß Ihr keinem Eurer Freier diesen Auftrag gebt ? « » Weil sie meine Freier sind , « antwortete Wallrade ; » weil ich niemals heirathen werde , und folglich auch nicht die mindeste Hoffnung dazu geben will . « » Ich werde demnach in diesem Geschäfte Euer stummes unwissendes Werkzeug vorstellen ? « fuhr Dagobert fort ; » wie der eigenhörige Knecht , der Hab ' und Leben wagen muß , blos weil sein Herr es will , und die Vernunft der Gewalt gehorcht ? « » Befremdet Euch das ? « fragte Wallrade , aufstehend ; denn der das Hochamt haltende Domprobst sang so eben das feierliche : Ite , missa est : » Seht um Euch her , lieber Bruder Grübler ; seht auf Euer Kleid , und nehmt die Vernunft gefangen . Ihr seyd dem Weltall eigen , das erst , nachdem Ihr ihm Alles geopfert , vielleicht Euch offenbart , warum dieses seyn mußte ; Ihr strebt darnach , der Leibeigne eines Standes zu werden , der für Alles den Löseschlüssel hat , Alles verzeiht , nur das Vernünfteln nicht . Übt Euch vor der Hand in solcher Pflicht , und gehorcht den Launen eines Weibes , denn nur dadurch erkauft Ihr das Gefühl , welches Ihr von meinem Herzen verlangt . « Sie schritt von dannen , der Knecht voraus , Dagobert ihr zur Seite , hart an den besprochnen Freiwerbern vorüber , wie nicht beachtet wurden . - » Ich werde Euch willfahren , Wallrade , « sprach der Bruder unter der Pforte : » ich habe es Euch zugesagt ; aber weh thut mir ' s , daß eine Art von Schergenhandlung , deren Zweck und Grund ich nicht begreife , der Preis Eurer schwesterlichen Zuneigung werden soll , die mir mein redliches Werben , die Bande des Bluts und unsers Vaters Liebe hätten zusichern müßen . - « » Die Redlichkeit des Mannes ist Lüge meistentheils , « versetzte Wallrade kalt und hart : » die Verwandtschaft achte ich nicht - Kain erschlug den sanften Abel - und Diether Frosch , dessen Namen ich nicht mehr trage , hat aufgehört , mein Vater zu seyn , da er die Leuenbergerin zur Ehgemahl erwählte . Schweigt also von Dingen , die nur in des Bänkelsängers Lied gehören , und sagt mir : thut Ihr , was ich begehre , oder nicht ? « » Das Erstere ; verlaßt Euch darauf ; « antwortete Dagobert unmuthig . » So laßt uns hier Abschied nehmen ; « versetzte Wallrade : » ich untersage Euch , mich nach Hause zu geleiten . Die Nebenbuhler sind mir auf der Ferse , und ich will keinen Verdacht erregen , den ich mit dem leistesten Wörtlein zu widerlegen , unter meiner Würde halte . « - Ohne Widerrede , gerne sogar nahm Dagobert die Weisung an , und es war ihm fast wohl , daß er von der Schwester Seite kam , zu deren Dienst ihn blos sein voreilig gegebnes Wort , und ein besondres Zusammentreffen der Dinge bestellt hatten . - Der Wunsch , diesen unangenehmen Frohndienst ungesäumt abzuthun , so wie auch nicht minder die leise Neugier , das Geheinmiß der Schwester vielleicht , wider ihren Willen , zu enträthseln , vermochten ihn , am folgenden Tage schon seine Nachforschungen zu beginnen . Die Feier des Christfestes bot ihm hiezu die erwünschteste Gelegenheit dar . Der prachtvolle Morgengottesdienst am Weihnachttage , begünstigt von dem schönsten kalten Wetter , versammelte im Dom die Fürsten der Kirche , die weltlichen Fürsten und an ihrer Spitze den Kaiser mit seinem ganzen ansehnlichen Gefolge . Ein nicht bis jetzt in Costnitz erhörter Prunk entfaltete sich bei diesem Anlaß . Sigmund , ein wohlgebildeter freundlich blickender Mann mit langem Haupthaare und Bart , dessen Leutseligkeit bei Hohen und Niedern anerkannt war , so wie seine eifrige Bewerbung um Frauengunst , und seine vorstechende Eitelkeit , hatte sich mit allem Pomp umgeben , der einem Kaiser deutscher Nation zu Gebote stand . Alle Fürsten des Reichs , die gegenwärtig waren , halfen treulich dazu , um den vielen Fremden einen Begriff ihrer eignen Macht zu geben . Herolde , Pannerträger , Musikbanden , glänzende Leibwachen , Edelknaben und Marschälle schmückten den Zug der Fürsten und Edeln , und es war keine geringe Aufgabe , unter der Fluth von Herren und Dienern Einen herauszufinden , von dem man nichts weiß , als den schlichten Namen . Dagoberts Bekanntschaft mit Herzog Friedrichs Hause verschaffte ihm Auskunft . Der Truchseß des Herzogs zeigte ihm unter der Schar von grünen Herren im Gefolge des Kaisers den Wildmeister von der Rhön . Dagobert stutzte bei dessen Anblick . Diese sanften Züge , diese bescheidne Haltung verriethen durchaus nicht den rohen Mann , der sich eine Freude daraus macht , sittsame Frauen zu kränken . In dem ganzen Äußern des in schönster Alters Blüthe stehenden Wildmeisters fand der Beobachter nicht das Geringste , das seinen Auftrag und den Widerwillen der Schwester hätte rechtfertigen können . Unmuthig , seines Versprechens Fessel sich aufgeladen zu haben , folgte Dagobert nach vollendetem Gottesdienst dem Herrn von der Rhön in dessen Herberge . Wenige Augenblicke nach dem Letztern trat er in ' s Gemach , das der Wildmeister bewohnte , und , wie sich ' s auswies , nicht allein bewohnte . Eine junge kindlich hübsche Frau hing so eben bewillkommend an seinem Halse , ein Kind von zwei Jahren ungefähr lächelte ihm von dem Schooße der Mutter entgegen . In dem engen Stüblein herrschte ein Geist der Ordnung und Reinlichkeit , der die Zelle einer Nonne nicht vortheilhafter hätte schmücken können . Eine Minute beiläufig stand Dagobert unschlüssig unter der Thüre , unbemerkt von dem zärtlichen Paare ; aber des Wildmeisters Bärenfänger gewahrte den Fremden und gab Laut . Der Herr von der Rhön ging - aufmerksam gemacht - dem jungen Cleriker freundlich entgegen , nöthigte ihn einzutreten , und forschte höflich nach seinem Begehr . Dagobert ' s Zunge weigerte sich , den Auftrag , der ihn hieher geführt , in Gegenwart der jungen Frau kund zu geben . Er verlangte von dem Wildmeister geheim Gehör . Bilger überflog den Boten mit seinen Blicken , neigte sich dann freundlich , und sprach : » Würdiger Herr , - ich denke , daß zwischen uns , die sich noch nie sahen , kein Ding bestehen kann , das meiner lieben Ehefrau ein Geheimniß bleiben müßte . Indessen würde ich dennoch Euerm Wunsche gern willfahren , aber ich muß bekennen , wie die Herberge von unsers gnädigsten Kaisers Lerten dergestalt eingenommen ist , daß mir und den Meinen dieß kleine Gemach allein verblieb . Wollet Euch also hier Euers Auftrags entledigen . « Dagobert wollte reden , aber im Begriff es zu thun , sah er auf Mutter und Kind , wie diese sich herzten , und Engeln gleich zu dem fremden Manne emporsahen , und es war ihm , als dürfe seine Botschaft nicht das Ohr der Unschuldigen berühren . Er bat demnach den Wildmeister , ihm . auf die Flur zu folgen . Bilger , den Kopf schüttelnd über solch seltsam Betragen , ging mit ihm . » Mich sendet Wallrade von Baldergrün , « begann Dagobert , und sah alsobald den Wildmeister , erbleichen wie einen Sterbenden . - » Wo ... wo .... ist sie , was begehrt sie ? « stammelte er , der Sprache kaum mächtig . - » Sie ist hier ; « antwortete Dagobert betroffen über die zaubergleiche Wirkung der ersten Worte . - » Hier ? « - Bilger mußte sich am dem Fensterpfeiler halten . » Hier ? « fuhr er fort , da der Bote , selbst von Staunen befangen , verstummte . - » Und ich ... o sagt es heraus ... ich bin verloren ? « - » Ich begreife Eure Rede nicht ; « sprach Dagobert , tröstend , denn ihn erbarmte des Wildmeisters Zustand . » Der Unwille Wallradens , wenn gleich , wie ich jetzt befürchten muß , verschuldet , sucht Euer Verderben nicht . Das Erbfräulein begehrt nur Eure schleunige Entfernung aus ihrer Nähe . Eure Gegenwart , sagt sie , sey ihr verhaßt , und wolltet ihr der Forderung nicht willfahren ,