der Bauerei nichts verstand . Endlich war der Bau fertig und der Riese zog ein , und schaute aus dem höchsten Fenster aufs Tal hinab , wo die Meister und Gesellen versammelt waren , und fragte sie , ob ihm das Schloß gut anstehe , wenn er so zum Fenster herausschaue . Als er sich aber umsah , ergrimmte er , denn die Meister hatten geschworen , es sei alles fertig , aber an dem obersten Fenster wo er heraussah , fehlte noch ein Nagel . Die Schlossermeister entschuldigten sich und sagten , es habe sich keiner getraut vors Fenster hinaus in die Luft zu sitzen und den Nagel einzuschlagen . Der Riese aber wollte nichts davon hören , sondern zahlte den Lohn nicht aus , bis der Nagel eingeschlagen sei . Da zogen sie alle wieder in die Burg , die wildesten Bursche vermaßen sich hoch und teuer , es sei ihnen ein geringes , den Nagel einzuschlagen , wenn sie aber an das oberste Fenster kamen und hinausschauten in die Luft , und hinab in das Tal , das so tief unter ihnen lag , und ringsum nichts als Felsen , da schüttelten sie den Kopf und zogen beschämt ab . Da boten die Meister zehnfachen Lohn , wer den Nagel einschlage , und es fand sich lange keiner . Nun war ein flinker Schlossergeselle dabei , der hatte die Tochter seines Meisters lieb und sie ihn auch , aber der Vater war ein harter Mann und wollte sie ihm nicht zum Weibe geben , weil er arm war . Der faßte sich ein Herz und gedachte , er könne hier seinen Schatz verdienen oder sterben ; denn das Leben war ihm verleidet ohne sie ; er trat vor den Meister , ihren Vater , und sprach : Gebt Ihr mir Eure Tochter , wenn ich den Nagel einschlage ? der aber gedachte seiner auf diese Art loszuwerden , wenn er auf die Felsen hinabstürze und den Hals breche , und sagte ja . Der flinke Schlossergeselle nahm den Nagel und seinen Hammer , sprach ein frommes Gebet und schickte sich an zum Fenster hinauszusteigen , und den Nagel einzuschlagen für sein Mädchen . Da erhob sich ein Freudengeschrei unter den Bauleuten , daß der Riese vom Schlaf aufwachte und fragte was es gebe . Und als er hörte , daß sich einer gefunden habe , der den Nagel einschlagen wolle , kam er , betrachtete den jungen Schlosser lange und sagte : Du bist ein braver Kerl und hast mehr Herz als das Lumpengesindel da ; komm ich will dir helfen . Da nahm er ihn beim Genick , daß es allen durch Mark und Bein ging , hob ihn zum Fenster hinaus in die Luft und sagte : Jetzt hau draufzu ; ich lasse dich nicht fallen . Und der Knecht schlug den Nagel in den Stein , daß er fest saß ; der Riese aber küßte und streichelte ihn , daß er beinahe ums Leben kam , führte ihn zum Schlossermeister und sprach , diesem gibst du dein Töchterlein . Dann ging er hinüber in seine Höhle , langte einen Geldsack heraus , und zahlte jeden aus bei Heller und Pfenning . Endlich kam er auch an den flinken Schlossergesellen ; zu diesem sagte er : Jetzt gehe heim , du herzhafter Bursche , hole deines Meisters Töchterlein , und ziehe ein in diese Burg , denn sie ist dein . Des freuten sich alle ; der Schlosser ging heim und - - « » Horch ! hörtest du nicht das Wiehern von Rossen ? « rief Georg , dem es in der Schlucht , die sie durchzogen , ganz unheimlich wurde . Der Mond schien noch hell , die Schatten der Eichen bewegten sich , es rauschte im Gebüsch , und oft wollte es ihm bedünken , als sehe er dunkle Gestalten im Wald neben ihm hergehen . Der Pfeifer von Hardt blieb stehen , ungeduldig , daß ihn der Junker nicht bis zum Ende erzählen lasse : » Es kam mir vorhin auch so vor , aber es war der Wind , der in den Eichen ächzt , und der Schuhu rief im Gebüsch . Wären wir nur das Wiesental noch hinüber , da ist es so offen und hell , wie bei Tag ; jenseits fängt wieder der Wald an , da ist es dann dunkel , und hat keine Not mehr . Gebt Eurem Braunen die Sporen und reitet Trab über das Tal hin , ich laufe neben Euch her . « » Warum denn jetzt auf einmal Trab « , fragte der junge Mann ; » meinst du , es hat Gefahr ? Gestehe nur , nicht wahr , du hast sie auch gesehen die Gestalten im Wald , die neben uns herschlichen . Glaubst du , es sind Bündische ? « » Nun ja « , flüsterte der Bauer , indem er sich umsah , » mir war es auch , als ob uns jemand nachschleiche ; drum sputet Euch , daß wir aus dem verdammten Hohlweg herauskommen , und dann im Trab über das Tal hinüber , weiterhin hat es keine Gefahr . « Georg machte sein Schwert locker in der Scheide , und nahm die Zügel seines Rosses kräftiger in die Faust . Schweigend zogen sie die Schlucht hinab , beleuchtet von so hellem Mondschein , daß der junge Mann jeden Zug seines Gefährten erkennen konnte und deutlich sah , daß er seine Axt auf die Schulter nahm , und ein Messer , das er im Wams verborgen hatte , herausnahm und in den Gürtel steckte . Sie wollten eben am Ausgang des Hohlweges in das Tal einbiegen , da rief eine Stimme im Gebüsch : » Das ist der Pfeifer von Hardt , drauf Gesellen , der dort auf dem Roß muß der Rechte sein . « » Fliehet , Junker , fliehet « , rief sein treuer Führer , und stellte sich mit seiner Axt zum Kampf bereit ; doch Georg zog sein Schwert , und in demselben Augenblick sah er sich von fünf Männern angefallen , während sein Gefährte schon mit drei andern im Handgemenge war . Der enge Hohlweg hinderte ihn , sich seiner Vorteile zu bedienen , und auf die Seiten auszubiegen . Einer packte die Zügel seines Rosses , doch in demselben Augenblick traf ihn Georgs Klinge auf die Stirne , daß er ohne Laut niedersank , doch die andern , wütend gemacht durch den Fall ihres Genossen , drangen noch stärker auf ihn ein und riefen ihm zu , sich zu ergeben ; aber Georg , obgleich er schon am Arm und Fuß aus mehreren Wunden blutete , antwortete nur durch Schwerthiebe . » Lebendig oder tot « , rief einer der Kämpfenden , » wenn der Herr Herzog nicht anders will , so mag er ' s haben . « Er rief ' s , und in demselben Augenblick sank Georg von Sturmfeder , von einem schweren Hieb über den Kopf getroffen , nieder . In tödlicher Ermattung schloß er die Augen , er fühlte sich aufgehoben und weggetragen , und hörte nur das grimmige Lachen seiner Mörder , die über ihren Fang zu triumphieren schienen . Nach einer kleinen Weile ließ man ihn auf den Boden nieder , ein Reiter sprengte heran , saß ab und trat zu denen , die ihn getragen hatten . Georg raffte seine letzte Kraft zusammen , um die Augen noch einmal zu öffnen . Er sah ein unbekanntes Gesicht das sich über ihn herabbeugte ; » Was habt ihr gemacht ? « hörte er rufen , » dieser ist es nicht , ihr habt den Falschen getroffen . Macht , daß ihr fortkommt , die von Neuffen sind uns auf den Fersen . « Matt zum Tode schloß Georg sein Auge , nur sein Ohr vernahm wilde Stimmen und das Geräusch von Streitenden , doch auch dieses zog sich ferne ; feuchte Kälte drang aus dem Boden des Wiesentales , und machte seine Glieder erstarren , aber ein süßer Schlummer senkte sich auf den Verwundeten herab , und mit dem letzten Gedanken an die Geliebte entschwanden seine Sinne . Zweiter Teil I Von vieler Burgen Walle Des Bundes Fahnen wehn , Die Städte huld ' gen alle , Kein Schloß mag widerstehn , Nur Tübingen , die Feste Verspricht noch Wehr und Trutz . G. Schwab Der Schwäbische Bund war mit Macht in Württemberg eingedrungen , von Tag zu Tag gewann er an Boden , von Woche zu Woche wurden seine Heere furchtbarer . Zuerst war nach langer mutiger Gegenwehr der Höllenstein , das feste Schloß von Heidenheim gefallen . Ein tapferer Mann , Stephan von Lichow hatte dort befehligt , aber mit seinem Paar Feldschlangen , mit einer Handvoll Knechte konnte er den Tausenden des Bundes und der Kriegskunst eines Frondsberg nicht widerstehen . Bald nachher fiel Göppingen . Nicht minder tapfer als der von Lichow hatte sich Philipp von Rechberg gewehrt , hatte sogar für sich und seine Knechte freien Abzug erfochten ; aber das Schicksal des Landes vermochte er nicht abzuwenden . Teck , damals noch eine starke , feste Burg , fiel durch Unvorsichtigkeit der Besatzung ; am mutigsten hielt sich Meckmühl , es schloß einen Mann in seinen Mauern ein , der sich allein mit zwanzig der Belagerer geschlagen hätte ; sein eiserner Wille war oft nicht minder schwer als seine eiserne Hand auf ihnen gelegen . Auch diese Mauern wurden gebrochen , und Götz von Berlichingen fiel in des Bundes Hand . Auch Schorndorf konnte den Kanonen Georgs von Frondsberg nicht widerstehen ; es war die festeste Stadt gewesen , mit ihr fiel das Unterland.21 So war nun ganz Württemberg bis herauf gegen Kirchheim in der Bündischen Gewalt , und der Bayern Herzog brach sein Lager auf , um mit Ernst an Stuttgart zu gehen . Da kamen ihm Gesandte entgegen nach Denkendorf , die um Gnade flehten . Sie durften zwar nicht wagen vor dem erbitterten Feind ihren Herzog zu entschuldigen , aber sie gaben zu bedenken , daß ja er , die Ursache des Krieges , nicht mehr unter ihnen sei , daß man nur gegen seinen unschuldigen Knaben , den Prinzen Christoph und gegen das Land Krieg führe . Aber vor der ehernen Stirne Wilhelms von Bayern , vor den habgierigen Blicken der Bundesglieder fanden diese Bitten keine Gnade . Ulerich habe diese Strafe verdient , gab man zur Antwort , das Land habe ihn unterstützt , also mit gefangen , mit gehangen - auch Stuttgart mußte seine Tore öffnen.22 Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollständig ; der größte Teil des Oberlandes hielt noch zu dem Herzog , und es schien nicht , als ob er sich auf den ersten Aufruf ergeben wollte . Dieses höher gelegene Gebirgsland wurde von zwei festen Plätzen , Urach und Tübingen , beherrscht , solange diese sich hielten , wollten auch die Lande umher nicht abfallen . In Urach hielt es die Bürgerschaft mit dem Bunde , die Besatzung mit dem Herzog . Es kam zum Handgemenge , worin der tapfere Kommandant erstochen wurde , die Stadt ergab sich den Bündischen . Und so war in der Mitte des April nur Tübingen noch übrig ; doch dieses hatte der Herzog stark befestigt ; dort waren seine Kinder und die Schätze seines Hauses ; dem Kern des Adels , vierzig wackeren , kampfgeübten Rittern und zweihundert der tapfersten Landeskindern war das Schloß anvertraut . Diese Feste war stark ; mit Kriegsvorräten wohl versehen , an ihr hingen jetzt die Blicke der Württemberger ; denn aus diesen Mauern war ihnen schon manches Schöne und Herrliche hervorgegangen , von diesen Mauern aus konnte das Land wieder dem angestammten Fürsten erobert werden , wenn es sich so lange hielt , bis er Entsatz herbeibrachte . Und dorthin wandten sich jetzt die Bündischen mit aller Macht . Ihrer Gewappneten Schritte tönten durch den Schönbuch , die Täler des Neckars zitterten unter dem Hufschlag ihrer Rosse ; auf den Fildern zeigten tiefe Spuren , wohin die schweren Feldschlangen , Falkonen und Bombarden , die Kugel- und Pulverwagen , der ganze furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war . Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder nicht gesehen . Ein tiefer , aber süßer Schlummer hielt wie ein mächtiger Zauber seine Sinne viele Tage lang gefangen ; es war ihm in diesem Zustand wohl zumut wie einem Kinde , das an dem Busen seiner Mutter schläft , nur hin und wieder die Augen ein wenig öffnet , um in eine Welt zu blicken , die es noch nicht kennt , um sie dann wieder auf lange zu verschließen . Schöne beruhigende Träume aus besseren Tagen gaukelten um sein Lager , ein mildes , seliges Lächeln zog oft über sein bleiches Gesicht und tröstete die , welche mit banger Erwartung seiner pflegten . Wir wagen es , den Leser in die niedere Hütte zu führen , die ihn gastfreundlich aufgenommen hatte , und zwar am Morgen des neunten Tages , nachdem er verwundet wurde . Die Morgensonne dieses Tages brach sich in farbigen Strahlen an den runden Scheiben eines kleinen Fensters , und erhellte das größere Gemach eines dürftigen Bauernhauses . Das Geräte , womit es ausgestattet war , zeugte zwar von Armut , aber von Reinlichkeit und Sinn für Ordnung . Ein großer eichener Tisch stand in einer Ecke des Zimmers , auf zwei Seiten von einer hölzernen Bank umgeben . Ein geschnitzter , mit hellen Farben bemalter Schrein mochte den Sonntagsstaat der Bewohner , oder schöne selbstgesponnene Leinwand enthalten ; das dunkle Getäfer der Wände trug ringsum ein Brett , worauf blanke Kannen , Becher und Platten von Zinn , irdenes Geschirr mit sinnreichen Reimen bemalt , und allerlei musikalische Instrumente eines längst verflossenen Jahrhunderts , als Zimbeln , Schalmeien und eine Zither aufgestellt waren . Um den großen Kachelofen , der weit vorsprang , waren reinliche Linnen zum Trocknen aufgehängt , und sie verdeckten beinahe dem Auge eine große Bettstelle , mit Gardinen von großgeblümtem Gewebe , die im hintersten Teil der Stube aufgestellt war . An diesem Bette saß ein schönes , liebliches Kind , von etwa sechzehn bis siebzehn Jahren . Sie war in jene malerische Bauerntracht gekleidet , die sich teilweise bis auf unsere Tage in Schwaben erhalten hat . Ihr gelbes Haar war unbedeckt , und fiel in zwei langen , mit bunten Bändern durchflochtenen Zöpfen über den Rücken hinab . Die Sonne hatte ihr freundliches , rundes Gesichtchen etwas gebräunt , doch nicht so sehr , daß es das schöne jugendliche Rot auf der Wange verdunkelt hätte ; ein munteres , blaues Auge blickte unter den langen Wimpern hervor . Weiße faltenreiche Ärmel bedeckten bis an die Hand den schönen Arm , ein rotes Mieder mit silbernen Ketten geschnürt , mit blendend weißen , zierlich genähten Linnen umgeben , schloß eng um den Leib ; ein kurzes , schwarzes Röckchen fiel kaum bis über die Knie herunter ; diese schmucken Sachen und dazu noch eine blanke Schürze und schneeweiße Zwickelstrümpfe mit schönen Kniebändern , wollten beinahe zu stattlich aussehen zu dem dürftigen Gemach , besonders da es Werktag war . Die Kleine spann emsig feine , glänzende Fäden aus ihrer Kunkel , zuweilen lüftete sie die Gardinen des Bettes und warf einen verstohlenen Blick hinein . Doch schnell , als wäre sie auf bösen Wegen erfunden worden , schlug sie die Vorhänge wieder zu und strich die Falten glatt , als sollte niemand merken , daß sie gelauscht habe . Die Türe ging auf , und eine runde , ältliche Frau in derselben Tracht wie das Mädchen , aber ärmlicher gekleidet , trat ein . Sie trug eine dampfende Schüssel Suppe zum Frühstück auf und stellte Teller auf dem Tische zurecht . Indem fiel ihr Blick auf das schöne Kind am Bette , sie staunte sie an und wenig hätte gefehlt , so ließ sie den Krug mit gutem Apfelwein fallen , den sie eben in der Hand hielt . » Was fällt der aber um Gottes willa ei ' , Bärbele « , sagte sie , indem sie den Krug niedersetzte und zu dem Mädchen trat , » was fällt der ei ' , daß de am Wertich da nuia rauta Rock zum Spinna anziehst ? und au ' s nui Mieder hot se an , und , ei daß di ! - au a silberne Kette . Und en frischa Schurz und Strümpf no so mir nix dir nix aus em Kasta reißa ? Wer wird denn en solcha Hochmuat treiba , du dumms Ding , du ? Woißt du net , däß mer arme Leut sind ? und daß du es Kind voma ouglückliche Mann bist ? - « A1 Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden lassen ; sie schlug zwar die Augen nieder , aber ein schelmisches Lächeln , das über ihr Gesicht flog , zeigte , daß die Strafpredigt nicht sehr tief gehe . » Ei , so lasset uich doch b ' richta « , antwortete sie , » was schadet ' s denn dem Rock , wenn i ihn au amol amma christliche Wertag ahan ? an der silberna Kette wird au nix verderbt , und da Schurz kann i jo wieder wäscha ! « A2 » So ? als wemma et immer gnuag z ' wäscha und z ' putza hätt ? So sag mer no , was ist denn in de gfahra , daß de so strählst und schöa machst ? « A3 » Ah was ! « flüsterte das errötende Schwabenkind , » wisset Er denn net , daß heut der acht ' Tag ist ? hot et der Ätti g ' sait , der Junker werd ' am heutiga Morga verwacha , wenn sei Tränkle guete Wirking häb ? und do hanne eba denkt - « A4 » Ist ' s um dui Zeit ? « entgegnete die Hausfrau freundlicher ; » da host wärle reacht ; wenn er verwacht und sieht älles so schluttich und schlampich , se ist et guot und könnt Verdruß gä beim Ätte . Ih sieh au aus wie na Drach . Gang Bärbele ; holmer mei schwaarz Wammas , mei rauts Miader und en frischa Schurz . « A5 » Aber Muater « , gab die Kleine zu bedenken . » Er wendt Ich doch ett do atau wella ? wenn der Junker jetzt no grad verwacha tät ? ganget lieber uffe und teant Ich droban a , i bleib derweil bei em . « A6 » Da host et aureacht , Mädle « A7 , murmelte die Alte , ließ selbst das Frühstück stehen und ging , um sich in ihren Putz zu werfen . Die Tochter aber öffnete das Fenster der frischen erquickenden Morgenluft , sie streute Futter auf den breiten Sims , viele Tauben und Sperlinge flogen heran , und verzehrten mit Gurren und Zwitschern ihr Frühstück ; die Lerchen in den Bäumen vor den Fenstern antworteten in einem vielstimmigen Chorus , und das schöne Mädchen sah , von der Morgensonne umstrahlt , lächelnd ihren kleinen Kostgängern zu . In diesem Augenblick öffneten sich die Gardinen des Bettes der Kopf eines schönen , jungen Mannes sah heraus ; wir kennen ihn , es ist Georg . Ein leichtes Rot , der erste Bote wiederkehrender Gesundheit lag auf seinen Wangen ; sein Blick war wieder glänzend wie sonst ; sein Arm stemmte sich kräftig auf das Lager . Erstaunt blickte er auf seine Umgebungen ; dieses Zimmer , diese Geräte waren ihm fremd , er selbst , seine ganze Lage kam ihm ungewohnt vor . Wer hatte ihm diese Binde um das Haupt gebunden ? Wer hatte ihn in dieses Bett gelegt ; es war ihm wie einem , der mit fröhlichen Brüdern eine Nacht durchjubelt , die Besinnung endlich verliert , und auf einem fremden Lager aufwacht . Lange sah er dem Mädchen am Fenster zu ; dieses Bild , das erste , das ihm bei seinem Erwachen aus langem Schlafe , entgegentrat , war so freundlich , daß er das Auge nicht davon abwenden konnte ; endlich siegte die Neugierde , über das , was mit ihm vorgegangen war , gewisser zu werden ; er machte ein Geräusch , indem er die Gardinen des Bettes noch weiter zurückschlug . Das Mädchen am Fenster schien zusammenzuschrecken ; sie wandte sich um , über ihr schönes Gesicht flog ein brennendes Rot , freundliche blaue Augen staunten ihn an ; ein roter , lächelnder Mund schien vergebens nach Worten zu suchen , den Kranken bei seiner Rückkehr ins Leben zu begrüßen . Sie faßte sich , und eilte mit kurzen Schrittchen an das Bette , doch machte sie unterwegs mehreremal halt , als besinne sie sich , ob er denn wirklich wieder aufgewacht sei , ob es sich auch schicke , daß sie zu ihm trete , da er jetzt wieder lebe wie ein anderer Mensch . Der junge Mann , nachdem er der Verlegenheit des schönen Kindes lächelnd zugesehen hatte , brach zuerst das Stillschweigen . » Sag mir , wo bin ich ? wie kam ich hieher ? « fragte Georg , » wem gehört dieses Haus , worin ich , mir scheint aus einem langen Schlaf erwacht bin ? « » Sind Er wieder ganz bei Ich ? « rief das Mädchen , indem sie vor Freude die Hände zusammenschlug . » Ach , Herr Jeses , wer hett des denkt ? Er gucket oin doch au wieder g ' scheit an und et so duselig , daß oims ällamol angst und bang wora ist . « A8 » Ich war also krank ? « forschte Georg , der das Idiom des Mädchens nur zum Teil verstand . » Ich lag einige Stunden ohne Bewußtsein ? « » Ei wie schwäzet Er doch « , kicherte das hübsche Schwabenkind und nahm das Ende des langen Zopfbandes in den Mund , um das laute Lachen zu verbeißen ; » a baar Stund , saget Er ? Heit nacht wird ' s grad nei Tag , daß se Ich brocht hent . « A9 Der Jüngling staunte sie mit ernsten Blicken an . Neun Tage ohne zu Marien zu kommen ! Zu Marien ? mit diesem himmlischen Bilde kehrte wie mit einem Schlag seine Erinnerung wieder , er erinnerte sich , daß er vom Bunde sich losgesagt habe ; daß er sich entschlossen habe nach Lichtenstein zu reisen , daß er über die Alb auf geheimen Wegen gezogen sei , daß - er und sein Führer überfallen , vielleicht gefangen wurde ; » gefangen ? « rief er schmerzlich , » sage Mädchen , bin ich gefangen ? « Diese hatte mit wachsender Angst gesehen , wie sich die klaren Blicke des jungen Ritters verfinstert hatten , wie seine freundlichen Züge ernst , beinahe wild wurden . Sie glaubte , er falle in jenen schrecklichen Zustand zurück , wo er vom Wundfieber hart angefallen , einige Stunden lang gerast hatte ; und der schwermütige Ton seiner Frage konnte ihre Furcht nicht mindern . Unschlüssig , ob sie bleiben oder um Hülfe rufen sollte , trat sie einen Schritt zurück . Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen , in ihrer Angst die Bestätigung seiner Frage zu lesen . » Gefangen , vielleicht auf lange , lange Zeit « , dachte er , » vielleicht weit von ihr entfernt , ohne Hoffnung , ohne den Trost , etwas von ihr zu wissen ! « Sein Körper war noch zu erschöpft , als daß er der trauernden Seele widerstanden hätte ; eine Träne stahl sich aus dem gesenkten Auge . Das Mädchen sah diese Träne , ihre Angst löste sich augenblicklich in Mitleiden auf , sie trat näher , sie setzte sich an sein Bett , sie wagte es , die herabhängende Hand des Jünglings zu ergreifen . » Er müesset et greina « , sagte sie ; » Euer Gnada sind jo jetzt wieder g ' sund , und - Er kennet jo jetzt bald wieder fortreita « , A10 setzte sie wehmütig lächelnd hinzu . » Fortreiten ? « fragte Georg , » also bin ich nicht gefangen ? « » G ' fanga ? noi , g ' fanga send Er net ; es hätt zwor a baarmol sei kenna , wia dia vom Schwäbischa Bund vorbeizoga send , aber mer hent Ich ällemol guet versteckt ; der Vater hot gsait , mer solle da Junker koin Menscha seah lau . « A11 » Der Vater ? « rief der Jüngling , » wer ist der gütige Mann ? wo bin ich denn ? « » Ha , wo werdet Er sei ? « antwortete Bärbele , » bei aus send Er in Hardt . « » In Hardt ? « ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten Wände gab ihm Gewißheit , daß er Freiheit und Leben jenem Mann zu verdanken habe , der ihm wie ein Schutzgeist von Marien zugesandt war . » Also in Hardt ? und dein Vater ist der Pfeifer von Hardt ? nicht wahr ? « » Er hot ' s et gern , wemmar em so ruaft « , antwortete das Mädchen , » er ist freile sei ' s Zoiches a Spielma , er hairt ' s am gernsta , wemmer Hanns zua nem sait . « A12 » Und wie kam ich denn hieher ? « fragte jener wieder . » Ja wisset Er denn au gar koi Wörtle meh ? « lächelte das hübsche Kind , und bediente sich wieder des Zopfbandes . Sie erzählte , ihr Vater sei schon seit einigen Wochen nicht zu Hause gewesen , da sei er einesmals vor neun Tagen in der Nacht an das Haus gekommen und habe stark gepocht , bis sie erwacht sei . Sie habe seine Stimme erkannt , und sei hinabgeeilt , um ihm zu öffnen . Er sei aber nicht allein gewesen , sondern noch vier andere Männer bei ihm , die eine , mit einem Mantel verdeckte Tragbahre in die Stube niedergelassen haben . Der Vater habe den Mantel zurückgeschlagen , und ihr befohlen zu leuchten , sie sei aber heftig erschrocken , denn ein blutender , beinahe toter Mann sei auf der Bahre gelegen . Der Vater habe ihr befohlen , das Zimmer schnell zu wärmen , indessen habe man den Verwundeten , den sie seinen Kleidern nach für einen vornehmen Herrn erkannt habe , auf das Bett gebracht ; der Vater habe ihm seine Wunden mit Kräutern verbunden , habe ihm dann auch selbst einen Trank bereitet , denn er verstehe sich trefflich auf die Arzneien : für Tiere und Menschen . Zwei Tage lang seien sie alle besorgt gewesen , denn der Junker habe gerast und getobt ; nach dem zweiten Tränklein aber sei er stille geworden , der Vater habe gesagt , am achten Morgen werde er gesund und frisch erwachen , und wirklich sei es auch so eingetroffen . Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der Rede des Mädchens zugehört ; er hatte sie oft unterbrechen müssen , wenn er ihre zierlichen Ausdrücke nicht recht verstand oder wenn sie in ihrer Rede abschweifte , um die Kräuter zu beschreiben , woraus der Pfeifer von Hardt seine Arzneien bereitet hatte . » Und dein Vater « , fragte er sie , » wo ist er ? « » Was wisset mier wo er ist « , antwortete sie ausweichend , doch als besinne sie sich eines Besseren , setzte sie hinzu » Uich kammes jo saga , denn Ihr müesset guet Freund sei mit em Vater ; er ist nach Lichtastoi . « » Nach Lichtenstein ? « rief Georg , indem sich seine Wangen höher färbten ; » und wann kommt er zurück ? « » Ja er sott schau seit zwoi Tag da sei , wie ner gsait hot . Wennem no nix gschea ist ; d ' Leut saget , dia bündische Reiter bassenem uf . « A13 Nach Lichtenstein - dorthin zog es ja auch ihn ; er fühlte sich kräftig genug wieder einen Ritt zu wagen , und die Versäumnis der neun Tage einzuholen . Seine nächste und wichtigste Frage war daher nach seinem Roß ; und als er hörte , daß es sich ganz wohl befinde und im Kuhstall seiner Ruhe pflege , war auch der letzte Kummer von ihm gewichen . Er dankte seiner holden Pflegerin für seine Wartung , und bat sie um sein Wams und seinen Mantel . Sie hatte längst alle Spuren von Blut und Schwerthieben aus den schönen Gewändern vertilgt , mit freundlicher Geschäftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus dem geschnitzten und gemalten Schrein , wo sie neben ihrem Sonntagsschmuck geruht hatte ; lächelnd breitete sie Stück vor Stück vor ihm aus , und schien sein Lob , daß sie alles so schön gemacht habe , gerne zu hören . Dann enteilte sie dem Gemach , um die frohe Botschaft , daß der Junker ganz genesen sei , der Mutter zu verkündigen . Ob sie der Mutter auch gestanden , daß sie schon seit einer halben Stunde mit dem schönen , freundlichen Herrn geplaudert habe , wissen wir nicht ; wir haben aber Ursache daran zu zweifeln , denn jene ältliche , runde Frau hatte Erfahrung aus ihrer Jugend , und glaubte ihrem Töchterlein die Warnung nie genug wiederholen zu können : Sie solle sich wohl hüten , mit einem jungen Burschen länger als ein Ave Maria lang zu sprechen . II -Was kümmert ' s dich ? Du fragst Nach Dingen , Mädchen , die dir nicht geziemen . Schiller Als die runde Frau und Bärbele von der Bodenkammer herabstiegen , war ihr erster Gang , nicht in das Gemach , wo ihr Gast war , sondern nach der Küche . Und zwar aus zweierlei Gründen . Einmal , weil jetzt