. Er führt die Aufschrift » Der Festtag im Fegefeuer , « und kam durch folgende Veranlassung zu diesem Titel . Es ist auf der Erde bei allen großen Herrn und Potentaten Sitte , ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen . Wenn ein aus fürstlichem Blute stammender Leib dem Staube wiedergegeben wird , haben die Küster im Land schwere Arbeit , denn man läutet viele Tage lang alle Glocken . Wird eine Prinzeß oder gar ein Stammhalter geboren , so verkündet schrecklicher Kanonendonner diese Nachricht . Landesväterliche oder landesmütterliche Geburtstäge werden mit allem möglichen Glanz begangen ; die Bürgermilizen rücken aus , die Honoratioren halten einen Schmaus , abends ist Ball , oder doch wenigstens in den Landstädtchen bière dansante ; kurz , alles lebt in dulci jubilo an solchen Tagen . Um nun meiner guten Großmutter eine Ehre zu erweisen , hielt ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so . Im Fegefeuer , wo sie sich gewöhnlich aufhält , ist immer an diesem Tage allgemeine Seelenfreiheit . Die Seelen bekommen diesen Tag über den Körper , den sie auf der Oberfläche hatten , ihre Kleider , ihre Gewohnheiten , ihre Sitten . Was von Adel da ist , muß Deputationen zum Handkuß der Alten schicken ( in pleno können sie nicht vorgelassen werden , weil sonst die Prozession einige Tage lang dauerte ) . Ehemalige Hofmarschälle , Kammerherren usw. haben den großen Dienst , und schätzen es sich zur Ehre , die Honneurs zu machen , die Festlichkeiten zu leiten , die Touren bei den Bällen , welche abends gegeben werden , zu arrangieren usw. Ich erfülle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck ; einmal fühlt sich chère Grande-Mama ungemein geschmeichelt durch diese Aufmerksamkeit , zweitens gelte ich unter den Seelen für einen honetten Mann , der ihnen auch ein Vergnügen gönnt , drittens macht dieser einzige Tag , in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht , daß die Seelen sich nachher um so unglücklicher fühlen ; was ganz zu dem Zweck einer solchen Anstalt , wie das Fegefeuer ist , paßt . An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge ; manchmal erkennt man mich zwar , ein tausendstimmiges : » Vivat der Herr Teufel ! vive le diable ! « erfreut dann mein landesväterliches Herz , doch weiß ich wohl , daß es nicht weniger erzwungen ist , als ein Hurra auf der Oberwelt , denn sie glauben , ich drücke sie noch mehr , wenn sie nicht schreien . In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen ; tout comme chez vous , meine Herren , nur etwas grotesker , Kaffeegesellschaften , Tee von allen Sorten , diplomatische , militärische , theologische , staatswirtschaftliche , medizinische Klubs finden sich wie durch natürlichen Instinkt zusammen , machen sich einen guten Tag und führen ergötzliche Gespräche , die , wenn ich sie mitteilen wollte , auf manches Ereignis neuerer und älterer Zeit ein hübsches Licht werfen würden . Einst trat ich in einen Saal des Café de Londres ( denn , nebenbei gesagt , es ist an diesem Tag alles auf großem Fuß und höchst elegant eingerichtet ) ich traf dort nur drei junge Männer , die aber durch ihr Äußeres gleich meine Neugierde erweckten und mir , wenn sie ins Gespräch miteinander kommen sollten , nicht wenig Unterhaltung zu versprechen schienen . Ich verwandelte daher meinen Anzug in das Kostüm eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal , um die Herrschaften zu bedienen . Zwei dieser jungen Leute beschäftigten sich mit einer Partie Billard ; ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten . Er war nachlässig in einen geräumigen Fauteuil zurückgelehnt , seine Beine ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl , seine linke Hand spielte nachlässig mit einer Reitgerte , sein rechter Arm unterstützte das Kinn . Ein schöner Kopf ! das Gesicht länglich und sehr bleich ; die Stirne hoch und frei , von hellbraunen , wohlfrisierten Haaren umgeben , die Nase gebogen und spitzig wie aus weißem Wachs geformt , die Lippen dünn und angenehm gezogen , das Auge blau und hell , aber gewöhnlich kalt und ohne alles Interesse langsam über die Gegenstände hingleitend ; dies alles und ein feiner Hut enger oben als unten , nachlässig auf ein Ohr gedrückt , ließen mich einen Engländer vermuten . Sein sehr feines blendend weißes Linnenzeug , die gewählte , überaus einfache Kleidung konnte nur einem Gentleman , und zwar aus den höchsten Ständen gehören . Ich sah in meiner Liste nach , und fand , es sei Lord Robert Fotherhill . Er winkte , indem ich ihn so betrachtete , mit den Augen , weil es ihm wahrscheinlich zu unbequem war , zu rufen , ich eilte zu ihm , und stellte auf seinen Befehl ein großes Glas Rum , eine Havannazigarre und eine brennende Wachskerze vor ihn hin . Die beiden andern Herren hatten indes ihr Spiel geendigt und nahten sich dem Tische , an welchem der Engländer saß ; ich warf schnell einen Blick in meine Liste und erfuhr , der eine sei ein junger Franzose , Marquis de Lasulot , der andere ein Baron von Garnmacher , ein Deutscher . Der Franzose war ein kleines untersetztes , gewandtes Männchen . Sein schwarzes Haar und der dichtgelockte schwarze Backenbart standen sehr hübsch zu einem etwas verbrannten Teint , hochroten Wangen und beweglichen , freundlichen schwarzen Augen ; um die vollen roten Lippen und das wohlgenährte Kinn zog sich jenes schöne unnachahmliche Blau , welches den Damen so wohl gefallen soll , und in England und Deutschland bei weitem seltener , als in südlichern Ländern gefunden wird , weil hier der Bartwuchs dunkler , dichter und auch früher zu sein pflegt , als dort . Offenbar ein Incroyable von der Chaussee d ' Antin ! Das elegante Negligé , wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten ( so lange mochte der junge Herr bereits verstorben sein ) haben wollte . Von dem , mit zierlicher Nachlässigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch , dem kleinen blaßroten Shawl mit einer Nadel à la Duc de Berry zusammengehalten , bis herab auf die Kamaschen , die man damals seit drei Tagen nach innen zuknöpfte , bis auf die Schuhe , die , um als modisch zu gelten , an den Spitzen nach dem großen Zehen sich hinneigen , und ganz ohne Absatz sein mußten , ich sage bis auf jene Kleinigkeiten , die einem Ungeweihten , geringfügig und miserabel , einem , der in die Mysterien hinlänglich eingeführt ist , wichtig und unumgänglich notwendig erscheinen , war er gewissenhaft nach dem neuesten » Geschmack für den Morgen « angezogen . Er schien soeben erst seinem Jean die Zügel seines Cabriolets in die Hand gedrückt , die Peitsche von geglättetem Fischbein kaum in die Ecke des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in meinen Kaffee hereingeflogen zu sein , um mehr gesehen zu werden , als zu sehen , mehr zu schwatzen , als zu hören . Er lorgnettierte flüchtig den Gentleman im Fauteuil , schien sich an dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat , den jener vor sich hatte , ein wenig zu entsetzen , schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die Seite Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen : » Werden Sie heute abend den Ball besuchen , mein Herr , den uns Monseigneur le diable gibt ? Werden viel Damen dort sein , mein Herr ? ich frage , ich bitte Sie , weil ich wenig Bekanntschaft hier habe . Mein Herr , darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten , um uns beide hinzuführen ; es ist ein ganz honettes Ding , dieser Wagen , habe ich die Ehre , Sie zu versichern , mein Herr ; er hat mich bei Latonnier vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet . Mein Herr , Sie brauchen keinen Bedienten mitzunehmen , wenn ich die Ehre haben sollte , Sie zu begleiten , mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten . « So ging es im Galopp über die Zunge des Incroyable . Seine Lordschaft schien sich übrigens nicht sehr daran zu erbauen . Er sah bei den ersten Worten den Franzosen starr an , richtete dann den Kopf ein wenig auf , um seine rechte Hand frei zu machen , ergriff mit dieser - die erste Bewegung seit einer halben Stunde - das Kelchglas , nippte einige Züge Rum , rauchte behaglich seine Zigarre an , legte den Kopf wieder auf die rechte Hand , und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr zuzuhören und auch auf diese Art antworten zu wollen , denn er erwiderte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des redseligen Franzosen und schien , wie sein Landsmann Shakespeare sagt : » der Zähne doppelt Gatter « vor seine Sprachorgane gelegt zu haben . Der Deutsche hatte sich während dieses Gespräches dem Tische genähert , eine höfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenüber genommen . Man erlaube mir , auch ihn ein wenig zu betrachten . Er war , was man in Deutschland einen gewichsten jungen Mann zu nennen pflegt , ein Stutzer ; er hatte blonde , in die Höhe strebende Haare , an die etwas niedere Stirne schloß sich ein » allerliebstes Stumpfnäschen « , über dem Mund hing ein Stutzbärtchen , dessen Enden hinaufgewirbelt waren , seine Miene war gutmütig , das Auge hatte einen Ausdruck von Klugheit , der wie gut angebrachtes Licht auf einem grobschattierten Holzschnitt keinen üblen Effekt hervorbrachte . Seine Kleidung , wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen entlehnt zu haben . Sein Rock mit vielen Knöpfen und Schnüren war polnischen Ursprungs ; er war auf russische Weise auf der Brust vier Zoll hoch wattiert , schloß sich spannend über den Hüften an , und formierte die Taille so schlank , als die einer hübschen Altenburgerin ; er hatte ferner enge Reithosen an , weil er aber nicht selbst ritt , so waren solche nur aus dünnem Nanking verfertigt , aus ebendiesem Grund mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltönenden , Aufmerksamkeit erregenden Gang , als zum Antreiben eines Pferdes dienen . Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewählte Kostüm . Ich sehe es einem gleich bei der Art , wie er den Stuhl nimmt und sich niedersetzt , an , ob er viel in Zirkeln lebte , wo auch die kleinste Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet wird ; der Stutzer setzte sich passabel , doch bei weitem nicht mit jener feinen Leichtigkeit , wie der Franzose , und der Engländer zeigte selbst in seiner nachlässigen , halb sitzenden , halb liegenden Stellung mehr Würde als jener , der sich so gut aufrecht hielt , als es nur immer ein Tanzmeister lehren kann . Diese Bemerkungen , zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte verwendet habe , als es dem Leser dieser Memoiren nötig scheinen möchte , machte ich in einem Augenblick , denn man denke sich nicht , daß der junge Deutsche mir so lange gesessen sei , bis ich ihn gehörig abkonterfeit hatte . Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar . » Mein Gott , Herr von Garnmacker « , sagte er , » ich möchte verzweifeln ; der englische Herr da scheint mich nicht zu verstehen und ich bin seiner Sprache zu wenig mächtig , um die Konversation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu führen ; denn ich bitte Sie , mein Herr , gibt es etwas Langweiligeres , als wenn drei schöne junge Leute beieinander sitzen , und keiner den andern versteht ? « » Auf Ehre , Sie haben recht « , antwortete der Stutzer in besserem Französisch , als ich ihm zugetraut hätte ; » man kann sich zur Not denken , daß ein Türke mit einem Spanier Billard spielt , aber ich sehe nicht ab , wie wir unter diesen Umständen mit dem Herrn plaudern können . « » J ' ai bien compris , Messieurs « , sagte der Lord ganz ruhig neben seiner Zigarre vorbei , und nahm wieder einigen Rum zu sich . » Ist ' s möglich , Mylord ? « rief der Franzose vergnügt , » das ist sehr gut , daß wir uns verstehen können ! Marqueur , bringen Sie mir Zuckerwasser ! O das ist vortrefflich , daß wir uns verstehen , welch schöne Sache ist es doch um die Mitteilung , selbst an einem Ort , wie dieser hier . « » Wahrhaftig , Sie haben recht , Bester ! « gab der Deutsche zu ; » aber wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern , um die schöne Welt zu mustern ? Ich nenne Ihnen schöne Damen von Berlin , Wien , von allen möglichen Städten meines Vaterlandes , die ich bereist habe ; ich hatte oben große Bekanntschaften und Konnexionen , und darf hoffen , an diesem verfl ... Ort manche zu treffen , die ich zu kennen das Glück hatte ; Mylord nennt uns die Schönen von London , und Sie , teuerster Marquis , können uns hier Paris im kleinen zeigen . « » Gott soll mich behüten ! « entgegnete eifrig der Franzose , indem er nach der Uhr sah , » jetzt , um diese frühe Stunde wollen Sie die schöne Welt mustern ? « » Meinen Sie , mein Herr , ich habe in diesem détestable purgatoire so sehr allen guten Ton verlernt , daß ich jetzt auf die Promenade gehen sollte ? « » Nun , nun « , antwortete der Stutzer , » ich meine nur , im Fall wir nichts Besseres zu tun wüßten . Sind wir denn nicht hier wie die drei Männer im Feuerofen ? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene ? Doch wenn es Ihnen gefällig ist , mein Herr , uns einen Zeitvertreib vorzuschlagen , so bleibe ich gerne hier . « » Mein Gott « , entgegnete der Incroyable , » ist dies nicht ein so anständiger Kaffee , als Sie in ganz Deutschland keinen haben ? Und fehlt es uns an Unterhaltung ? Können wir nicht plaudern , soviel wir wollen ? Sagen Sie selbst , Mylord , ist es nicht ein gutes Haus , kann man diesen Salon besser wünschen , nein ! Monsieur le diable hat Geschmack in solchen Dingen , das muß man ihm lassen . « » Une confortable maison ! « murmelte Mylord , und winkte dem Franzosen Beifall zu . » Et ce salon confortable . « » Gute Tafel , mein Herr ? « fragte der Marquis , » nun die wird auch da sein , ich denke mir , man speist wohl nach der Charte ? Aber meine Herren , was sagen Sie dazu , wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig etwas aus unserem Leben erzählen wollten ? Ich höre so gerne interessante Abenteuer , und Baron Garnmacker hat deren wohl so viele erlebt als Mylord ? « » God damn ! das war ein vernünftiger Einfall , mein Herr « , sagte der Engländer , indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug , die Füße von dem Stuhl herabzog , und sich mit vieler Würde in dem Fauteuil zurechtsetzte ; » noch ein Glas Rum , Marqueur ! « » Ich stimme bei « , rief der Deutsche , » und mache Ihnen über Ihren glücklichen Gedanken mein Kompliment , Herr von Lasulot . - Eine Flasche Rheinwein , Kellner ! - Wer soll beginnen , zu erzählen ? « » Ich denke , wir lassen dies das Los entscheiden « , antwortete Lord Fotherhill , » und ich wette fünf Pfund , der Marquis muß beginnen . « » Angenommen , mein Herr « , sagte mit angenehmem Lächeln der Franzose ; » machen Sie die Lose , Herr Baron , und lassen Sie uns ziehen , Nummer zwei soll beginnen . « Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht ließ , ziehen und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst . Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen , indem er das linke Auge zugedrückt , mit dem rechten auf den Deutschen hinüberdeutete ; ich übersetzte mir diesen Wink so : » Geben Sie einmal acht , Mylord , was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag . Denn wir beide sind schon durch den Rang unserer Nationen weit über ihn erhaben . « Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten ; mit großer Selbstgefälligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins , wischte in der Eile den Stutzbart mit dem Rockärmel ab und begann : Neunzehntes Kapitel Geschichte des deutschen Stutzers » Als mein Großvater , der kaiserlich-königlich - « » Ich bitte Sie , mein Herr « , unterbrach ihn der Incroyable , » schenken Sie uns den Großpapa , und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an ; was war er ? « » Nun ja , wenn es Ihnen so lieber ist , aber ich hätte mich gerne bei dem Glanz unserer Familie länger verweilt ; mein Vater lebte in Dresden auf einem ziemlich großen Fuß - « » Was war er denn , der Herr Papa ? Sie verzeihen , wenn ich etwas zu neugierig erscheine , aber zu einer Geschichte gehört Genauigkeit . « » Mein Vater « , fuhr der Stutzer etwas mißmutig fort , » war Kleiderfabrikant en gros - « » Wie « , fragte der Lord , » was ist Kleiderfabrikant ? Kann man in Deutschland Kleider in Fabriken machen ? « » Hol mich der Teufel , wie er schon getan ! « rief der Stutzer unwillig , und stieß das Glas auf den Tisch ; » das ist nicht die Art , wie man seine Biographie erzählen kann , wenn man alle Augenblicke von kritischen Untersuchungen unterbrochen wird ; mein Vater hatte ein Haus am Alt-Markt , darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter , welche Kleider für die Leute machten ! « » Mon dieu , also war es , was wir tailleur nennen ? ein Schneider ? « » Nun in Gottes Namen ! nennen Sie es , wie Sie wollen , kurz , er hatte die Welt gesehen , machte ein Haus , und wenn er auch nicht den Adel und die ersten Bürger in seinen Soirées sah , so war doch ein gewisser guter Ton , ein gewisser Anstand , ein gewisses , ich weiß nicht was , kurz es war ein ganz anständiger Mann , mein Papa . « Mich selbst erfaßte der Lachkitzel , als ich den garçon tailleur so perorieren hörte , doch faßte ich mich , um den Marqueur nicht aus der Rolle fallen zu lassen . Der Marquis aber hatte sich zurückgelehnt und wollte sich ausschütten vor Lachen , der Engländer sah den Stutzer forschend an , unterdrückte ein Lächeln , das seiner Würde schaden konnte und trank Rum ; der deutsche Baron aber fuhr fort : » Sie hätten mich , meine Herren , auf der Oberwelt in Daumenschrauben pressen können und ich hätte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen . Hier ist es ein ganz anderes Ding ; wer kümmert sich an diesem schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher ? Darum verletzt mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten , im Gegenteil , es macht mir Vergnügen , Sie zu unterhalten ! « » Ah ! ce noble trait ! « rief der Incroyable und wischte sich die Tränen aus dem Auge , » reichen Sie mir die Hand , und lassen Sie uns Freunde bleiben . Was geht es mich an , ob Ihr Vater duc oder tailleur war . Erzählen Sie immer weiter , Sie machen es gar zu hübsch . « » Ich genoß eine gute Erziehung , denn meine Mutter wollte mich durchaus zum Theologen machen , und weil dieser Stand in meinem Vaterland der eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist , so wurde mir in meinem siebenten Jahre mensa , in meinem achten amo , in meinem zehnten typto , in meinem zwölften pacat eingebleut . Sie können sich denken , daß ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar angenehmen Tage hatte ; ich hatte , was man einen harten Kopf nennt ; das heißt , ich ging lieber aufs Feld , hörte die Vögel singen , oder sah die Fische den Fluß hinabgleiten ; sprang lieber mit meinen Kameraden , als daß ich mich oben in der Dachkammer , die man zum Musensitz des künftigen Pastors eingerichtet hatte , mit meinem Bröder , Buttmann , Schröder , und wie die Schrecklichen alle heißen , die den Knaben mit harten Köpfen wie böse Geister erscheinen , abmarterte . « » Ich hatte überdies noch einen andern Gang , der mir viele Zeit raubte ; es war die von früher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu schönen Mädchen . Sommers war es in meiner Dachkammer so glühend heiß , wie unter den Bleidächern des Palastes Sankt Marco in Venedig ; wenn ich dann das kleine Schiebfenster öffnete , um den Kopf ein wenig in die frische Luft zu stecken , so fielen unwillkürlich meine Augen auf den schönen Garten unseres Nachbars , eines reichen Kaufmanns ; dort unter den schönen Achazien auf der weichen Moosbank saß Amalie , sein Töchterlein und ihre Gespielinnen und Vertraute . Unwiderstehliche Sehnsucht riß mich hin ; ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock , frisierte das Haar mit den Fingern zurecht und war im Flug durch die Zaunlücke bei der Königin meines Herzens . Denn diese Charge begleitete sie in meinem Herzen im vollsten Sinne des Wortes . Ich hatte in meinem eilften Jahre den größten Teil der Ritter- und Räuberromane meines Vaterlandes gelesen , Werke , von deren Vortrefflichkeit man in andern Ländern keinen Begriff hat , denn die erhabenen Namen Cramer und Spieß sind nie über den Rhein oder gar den Kanal gedrungen . Und doch , wieviel höher stehen diese Bücher alle , als jene Ritter- und Räuberhistorien des Verfassers von Waverley , der kein anderes Verdienst hat , als auf Kosten seiner Leser recht breit zu sein . Hat der große Unbekannte solche vortreffliche Stellen wie die , welche mir noch aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen : Mitternacht , dumpfes Grausen der Natur , Rüdengebell , Ritter Urian tritt auf . Wem pocht nicht das Herz , wem sträubt sich nicht das Haar empor , wenn er nachts auf einer öden , verlassenen Dachkammer dieses liest ; wie fühlte ich da das Grausen der Natur ! und wenn der Hofhund sein Rüdengebell heulte , so war die Täuschung so vollkommen , daß sich meine Blicke ängstlich an die schlecht verriegelte Türe hefteten , denn ich glaubte nicht anders , als Ritter Urian trete auf . Was war natürlicher , als daß bei so lebhafter Einbildungskraft , auch mein Herz Feuer fing ? Jede Berta , die ihren Ritter die Feldbinde umhing , jede Ida , die sich auf den Söller begab , um dem , den Schloßberg hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln , jede Agnes , Hulda usw. verwandelte sich unwillkürlich in Amalien . Doch auch sie war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen . Aus ihrer Sparbüchse nämlich wurden die Romane angeschafft . Wenn einer gelesen war , so empfing ich ihn , las ihn auch , trug ihn dann wieder in die Leihbibliothek , und suchte dort immer die Bücher heraus , welche entweder keinen Rücken mehr hatten , oder vom Lesen so fett geworden waren , daß sie mich ordentlich anglänzten . Das sind so die echten nach unserem Geschmack , dachte ich , und sicher war es ein Rinaldo Rinaldini ein Domschütz , ein alter Überall und Nirgends , oder sonst einer unserer Lieblinge . Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein , denn Amalie war sehr reinlich erzogen , und hätte , wenn auch das Innere des Romans nicht immer sehr rein war , doch nie mit bloßen Fingern den fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet . Ehrerbietig trug ich ihn dann in den Garten hinüber , und überreichte ihn ; und nie empfing ich ihn zurück , ohne daß mir Amalie die schönsten Stellen mit Strickgarn oder einer Stecknadel bezeichnet hätte . So lasen und liebten wir ; unsere Liebe richtete sich nach dem Vorbild , das wir gerade lasen ; bald war sie zärtlich und verschämt , bald feurig und stürmisch , ja wenn Eifersuchten vorkamen , so gaben wir uns alle mögliche Mühe , einen Gegenstand , eine Ursache für unser namenloses Unglück zu ersinnen . Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter war übrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt , der an dem Hof eines großen Grafen oder Fürsten lebt , eine unglückliche Leidenschaft zu der schönen Tochter des Hauses bekommt , und endlich von ihr heimliche , aber innige Gegenliebe empfängt . Und wie lebhaft wußte Amalie ihre Rolle zu geben ; wie gütig , wie herablassend war sie gegen mich ! wie liebte sie den schönen , ritterlichen Edelknaben , dem kein Hindernis zu schwer war , zu ihr zu gelangen , der den breiten Burggraben ( die Entenpfütze in unserm Hof ) durchwadet , der die Zinnen des Walles ( den Gartenzaun ) erstiegen , um in ihr Gartengemach ( die Moosbank unter den Achazien ) sich zu schleichen . Tausend Dolche ( die Nägel auf dem Zaun , die meinen Beinkleidern sehr gefährlich waren ) tausend Dolche lauern auf ihn , aber die Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füßen seiner Herrin . Das einzige Unglück bei unserer Liebe war , daß wir eigentlich gar kein Unglück hatten . Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen dem armen Ritter , meinem Vater , und dem reichen Fürsten ( dem Kaufmann ) , wenn nämlich eines unserer Hühner in seinen Garten hinübergeflogen war , und auf seinen Mistbeeten spazierenging ; oder es kam sogar zu wirklicher Fehde , wenn der Fürst einen Herold ( seinen Ladendiener ) zu uns herüberschickte und um den Tribut mahnen ließ ( weil mein Vater eine sehr große Rechnung in dem Kontobuch des Fürsten hatte ) . Aber dies alles war leider kein nötigendes Unglück für unsere Liebe , und diente nicht dazu , unsere Situationen noch romantischer zu machen . Die einzige Folge , die aus meinem Lesen und meiner Liebe entstand , war mein hartes Unglück , immer unter den letzten meiner Klasse zu sein , und von dem alten Rektor tüchtig Schläge zu bekommen ; doch auch darüber belehrte und tröstete mich meine Herrin . Sie entdeckte mir nämlich , daß des Herzogs ( des Rektors ) ältester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen habe ; er aber habe gewiß unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten Vater , dem Rektor , beigebracht , der sich dafür auf eine so unwürdige Art an mir räche . Ich ließ die Gute auf ihrem Glauben , wußte aber wohl , woher die Schläge kamen ; der alte Herzog wußte , daß ich die unregelmäßigen , griechischen Verba nicht lernte , und dafür bekam ich Schläge . So war ich fünfzehn , und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden , ungetrübt war bis jetzt der Himmel unserer Liebe gewesen , da ereigneten sich mit einem Mal zwei Unglücksfälle , wovon schon eines für sich hinreichend gewesen wäre , mich aus meinen Höhen herabzuschmettern . Es war die Zeit , wo nach dem Frieden von Paris die Fouqéschen Romane anfingen , in meinem Vaterlande Mode zu werden .... « » Was ist das , Fouquésche Romane ? « fragte der Lord . » Das sind lichtbraune , fromme Geschichten ; doch durch diese Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher . Herr von Fouqué ist ein frommer Rittersmann , der , weil es nicht mehr an der Zeit ist , mit Schwert und Lanze zu turnieren , mit der Feder in die Schranken reitet , und kämpft , wie der gewaltigen Währinger einer . Er hat das ein wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert , oder vielmehr unsere heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert , und um fünfhundert Jahre zurückgeschoben . Da schmeckt nun alles ganz süßlich und sieht recht anmutig , lichtdunkel aus ; die Ritter , von denen man vorher nichts anders wußte , als sie seien derbe Landjunker gewesen , die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten , als der Großtürke aus dem sechsten Gebot , treten hier mit einer bezaubernden Courtoisie auf , sprechen in feinen Redensarten , sind hauptsächlich fromm und kreuzgläubig . Die Damen sind moderne Schwärmerinnen , nur keuscher , reiner , mit steifen Krägen angetan , und überhaupt etwas ritterlich aufgeputzt . Selbst die edlen Rosse sind glänzender als heutzutage und haben ordentlich Verstand , wie auch die Wolfshunde und andere solche Getiere . « » Mon dieu ! solchen Unsinn liest man in Deutschland ? « rief der Franzose und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen . » O ja , meine Herren , man liest und bewundert ; es gab eine Zeit bei uns , wo wir davon zurückgekommen waren , alles an fremden Nationen zu bewundern ; da wir nun , auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschränkt , nichts an uns fanden , das wir bewundern konnten , als die tempi passati - so warfen wir uns mit unserem gewöhnlichen Nachahmungseifer auf diese und wurden allesamt altdeutsch . Mancher hatte aber nicht Phantasie genug , um sich ganz in jene herrliche vergangene Zeiten hineinzudenken , man fühlte allgemein das Bedürfnis von Handbüchern , die , wie Modejournale neuerer Zeit , über Sitten und Gebräuche bei unseren Vorfahren uns belehrt hätten , da trat jener fromme Ritter auf ,