, mit der Herr von Wiesenau sich unterhielt , noch glückseeliger die , welche auf einige Stunden den leichten Schmetterling zu fesseln wußte . Am allerglückseeligsten aber achtete man einige wenige Beneidenswerthe , denen er eine von ihm mitgebrachte grosse , mit mehreren Anzügen versehene Pariser Modepuppe mittheilte , von der Art , wie sie damals alle Monate von Paris aus an die bedeutendsten Höfe von Europa versendet wurden , und nach deren Muster die von Wiesenau dazu Auserwählten sich durch Anzug und Kopfputz fast bis zum Unkenntlichen umgestalteten . Uebrigens galt dieser junge Mann nicht nur im Aeussern für die Krone aller eleganten Modernität , er wurde auch allgemein als der witzigste , liebenswürdigste , zierlichste Petitmaitre bewundert , den man seit wenigstens funfzig Jahren gesehen . Jedermann trug sich mit allerliebsten Anekdoten und witzigen Einfällen von ihm herum ; nur von Leuen , der ihn früher im Auslande angetroffen hatte , wollte mit dem allgemeinen Chor der Bewunderer des jungen Herrn nicht recht übereinstimmen . Er erklärte ihn für einen faden , dreisten Gecken , den man selbst in den grossen Städten , welche er besucht hatte , sehr oft zur Zielscheibe des Witzes misbraucht habe , und der nichts weiter verstehe , als auswendig gelernte Melodien Dompfaffenartig abzuleiern . Ich selbst , die ich den Helden des Tages noch gar nicht gesehen hatte , war in Hinsicht auf ihn ziemlich unpartheyisch gesinnt . Da mir an seiner Modepuppe nichts lag , so hatte er für mich weit weniger Anziehendes , als für andere meines Gleichen . Nach allem , was ich von ihm hörte , und da ich ohnehin immer gern eine Oppositionsparthey bildete , war ich in meinem Herzen vielmehr geneigt , die Meinung des Herrn von Leuen in Hinsicht auf ihn anzunehmen . Doch er war in dem Augenblick Mode , er war brillant , das lies sich nicht abstreiten , und so beschloß ich denn , ihn fürs erste an meinen Siegeswagen ein wenig mitziehen zu lassen , sobald sich nur die Gelegenheit dazu fände . Diese fand sich , noch ehe ich es erwarten konnte , am nehmlichen Abend , denn einer unsrer Hausfreunde führte an demselben den Vielbesprochnen bei uns ein . Nur vom Theater aus könnt Ihr , lieben Kinder , jezt eine Idee , und noch dazu nur eine höchst unvollkommene , von dem bekommen , was ein Stutzer jener Zeit eigentlich war ; denn , Gottlob , in der Wirklichkeit ist diese Art gänzlich bei uns ausgegangen . Ich wünsche meiner Nachwelt Glück zu diesem Verluste , denn , obgleich ich das , was an die Stelle jener Karikaturen getreten ist , eben so wenig unbedingt loben mag , so ist doch die Thorheit der jezigen Zeit weniger erniedrigend , wenn gleich vielleicht nicht minder groß . Kaum konnte ich selbst des Lachens mich enthalten , als die verdrehte , gezierte parfümirte Figur des Allbewunderten zuerst , mit unnachahmlicher Grazie tief sich bückend , mir die Hand küßte und dabei mit seinen à la Maréchal gepuderten ailes de pigeon nahe an meinem Knie vorüber streifte ; denn in dieser Uebertreibung hatte ich noch keinen gesehen . Doch das Männchen hatte in Paris schwatzen gelernt , es hatte mitunter Einfälle , die gar nicht übel waren , und besaß obendrein jenen übermüthigen Ton oberflächlicher , keine Schonung kennender Persiflage , in die ich nur allzugut einzugehen wußte . So kam es an jenem Abende nur zu bald dahin , daß wir beide in der Gesellschaft die Wortführer machten , denen der Chor der übrigen in abgemessnen Pausen Beifall zuzurufen und zuzulachen sich begnügte . Das Gespräch nahm bald eine Wendung , die , wie ich selbst es mir nicht verbergen konnte , meinem Freunde durchaus verhaßt war ; doch in meinem Uebermuthe lies ich darum nicht davon ab , sondern wetteiferte mit dem neuen Ankömmling in unbarmherziger Verspottung alles dessen , was zufolge der damaligen modernen Aufklärung , die französirenden Schöngeister Vorurtheil nannten ; daneben aber ward auch manches abwesende Mitglied der Gesellschaft bei dieser Gelegenheit von unsern Pfeilen nicht verschont . Erlaßt es mir , meine Lieben , Euch die näheren Details eines Gesprächs zu geben , das ich noch immer nur mit tiefem Schmerz Euch wiederholen könnte und das ich so gern vergässe , ohne daß es mir bis diesen Augenblick hätte gelingen wollen , es aus meinem Gedächtnisse zu tilgen . Die gespannteste Aufmerksamkeit unserer Zuhörer , nur dann und wann von schallendem Gelächter unterbrochen , lohnte unser Bestreben zu glänzen ; selbst mein Vater hörte lächelnd und wohlgefällig uns zu , während Bernhard immer ernster und schweigsamer ward . Ich sah den verhaltnen Unwillen in seinen dunklen Augen blitzen , ich las den stummen Schmerz über mein Betragen in seinen Zügen , aber es fiel mir nicht ein , ihn deshalb zu schonen . Meine unseelige Eitelkeit verleitete mich zu dem Versuche , trotz seiner Unzufriedenheit mit mir , seine Bewunderung durch eben das zu ertrotzen , was diese Unzufriedenheit in ihm rege machte , und so trieb ich es immer ärger , bis er nicht mehr im Stande war es zu ertragen . Ich saß in einer Ecke neben dem Kamin , dieses , der Kaminschirm und ein kleiner Tisch , der seitwärts vor mir stand , sonderten mich ein wenig von der Gesellschaft ab , die mir gegenüber einen Halbkreis bildete . Bernhard fand indessen doch einen Weg , ziemlich unbemerkt hinter meinen Armstuhl zu gelangen , und über die Rücklehne desselben gebeugt , mir die Bitte zuzuflüstern , diese wunderliche Unterhaltung doch endlich abzubrechen . Doch vergebens ! ich gab mir im Gegentheil das Ansehen , ihn gar nicht zu verstehen . Jezt wurden seine Bitten immer dringender , sie gestalteten sich endlich zu Warnungen um , und hingerissen von der Gluth der Leidenschaft , von seinem empörten Gemüthe und dem Schmerze des Augenblicks , mischte er endlich , ganz ohne es zu wollen , das so lange zurückgehaltne Geständnis der glühendsten innigsten Liebe in das dringendste Flehen um Rückkehr zu mir selbst und meiner bessern Natur . Dieser Moment war der höchste Triumph meines Lebens . Jezt hatte ich , was zu erhalten , meine kühnsten Einbildungen kaum erträumen konnten . Er , Bernhard von Leuen , mußte , mitten im Zorn ' über mich , den stolzen Sinn vor mir beugen , und meine Siegergewalt anerkennen . Doch auch mein Herz wallte in heisser Liebe ihm entgegen , ich hätte die Welt darum hingeben mögen , um in diesem Moment unbelauscht ihm alles gestehen zu dürfen , was ich dachte und empfand , und doch trieb mich ein unüberwindlicher Uebermuth , eine wirklich dämonische Lust an seiner Quaal , das verhaßte Spiel noch immer nicht aufzugeben . Ich war mir ja bewußt , diese Quaalen jeden Augenblick in Entzücken umwandeln zu können . Innerlich zu aufgeregt , um genau zu wissen , was ich that , erschien ich jezt wirklich glänzender , an geistreichen Einfällen unerschöpflicher , als je , und Bernhard stand da , bleich und stumm . Kein guter Engel gab es mir in die Seele , aufzuhören , weil es noch Zeit sei ; es war vielmehr , als sei ich , zur Strafe meines Uebermuthes , den dunkeln , unheilbrütenden Mächten anheim gefallen , von denen man glauben könnte , daß sie jene kleine Zufälligkeiten leiten , die oft eben so unerwartet als zerstörend in unser Leben treten . Solch ein Zufall war es gewiß , der , ich weis bis diese Stunde nicht wie es geschah , die Pfeile unseres Witzes gegen Bernhard selbst wendete . In der Art von Bewustlosigkeit , in die mein Benehmen ihn versezt hatte , gaben vielleicht ein paar unbedachte Worte , die er hinwarf , den ersten , wirklich nicht gesuchten Anlaß dazu . Doch er war zu erschüttert , zu aufgeregt in den tiefsten Tiefen seines Gemüthes , als daß er es vermocht hätte , wie sonst wohl geschah , den Angriff auf seine Gegner zurückprallen zu lassen . Das kalte Spiel widerte seinem glühenden Herzen zu sehr an , als daß er mit Glück daran hätte Antheil nehmen können . Er versuchte zwar , sich zu vertheidigen , aber er verwirrte sich in dem Versuch , und fand zum erstenmale nicht das passende Wort für das , was er sagen wollte . Ich sah es , seine Verwirrung erhöhte das Gefühl meines Triumphes , hingerissen von der übermüthigsten Freude , war ich unbesonnen genug , einen seiner Ausdrücke aufzunehmen , dem eine lächerliche Seite sich abgewinnen lies . Bernhard sah mich an und schwieg ganz fassungslos . Den Blick vergesse ich nie . Jezt entstand plötzlich eine allgemeine , unendlich peinliche Stille um mich her . Ich glaubte zu fühlen , daß man in ihm mich schonen wolle , ich vergaß , daß wahrscheinlich keiner der Anwesenden Lust haben konnte , den Scherz gegen den so oft Beneideten fortzusetzen , dessen Ueberlegenheit ein jeder von ihnen oft genug erfahren hatte , um sie zu scheuen . Ich blickte auf und mein böser Dämon zeigte mir , wie ein heimlich triumphirendes Lächeln auf allen diesen Gesichtern mir entgegen grinste , und er allein stand , der gewohnten Waffen beraubt , mitten unter dem , mir in diesem Moment unbeschreiblich verhaßten Haufen , der sich das Ansehen gab , ihn mitleidig schonen zu wollen , Jezt begann ich in meinem Gemüthe seinetwegen ganz entsetzlich zu leiden ; in diesem furchtbaren Moment , da mir war , als müsse ich mich seiner schämen , fühlte ich zuerst recht tief und eindringend , was er mir war , und mit welch ' unbegränzter Liebe ich an ihm hieng . In bodenloser Verwirrung , in namenloser Quaal , übermüthig und gedemüthiget zugleich , rastlos getrieben von einer ganz unerklärlichen , an Verzweiflung gränzenden grausamen Lust - sprach ich noch ein paar Worte . Lautschallendes , nicht zu unterdrückendes Gelächter aller Umstehenden folgte diesen Worten , und mit unbeschreiblichem Schmerze traf der schneidend-gellende Ton dieses Lachens mein Ohr - denn es galt meinem einzigen , in diesem Augenblicke mit fast wahnsinniger Leidenschaft geliebten Freunde , und ich selbst hatte ihn dem Spotte dieser Menschen blosgestellt . Bernhard stand auf und plötzlich verstummte alles wieder . Er trat vor mir hin , blickte noch einmal mir ins Auge , ergriff meine Hand , die er küßte , und schied ohne ein Wort zu sagen , aus dem Kreise , in welchem mit einemmale eine Todtenstille entstand . Mit vernichtender Gewalt trat jezt der Schmerz in meine Seele ; meine Besinnung war hin ; ich könnte sagen : mein Leben stand einen Augenblick still . Dann klopften alle meine Pulse mir zu , » du hast ihn verloren , ihn und dich , auf ewig , durch eigne Schuld . Angelika , Vicktorine , kennt ihr einen Schmerz , der diesem gleichen mag ? Ich wußte nicht mehr , was ich that ; mechanisch ergriff ich eine kleine , aber sehr schöne Potpourri-Vase von Porzellan , die auf einem kleinen Tische neben mir stand , sie entglitt meinen Händen , ob durch mein Versehen , ob ich sie , vom dumpfen Instinct getrieben , fallen lies , um so die allgemeine Aufmerksamkeit von mir abzulenken , ist mir nie recht klar gewesen . Letzteres war wenigstens die scheinbare Folge davon , denn über alle Anwesende mußte eine dunkle Ahnung des vorgefallenen Unheils gekommen sein , und deshalb waren alle froh , die Gedanken davon abzuziehen . Mein Erbleichen , mein zitterndes Schwanken , hatte nun doch eine sichtbare Ursache gewonnen , und die Gesellschaft war aus der stummen Verlegenheit , in der sie bis jezt dagestanden , glücklich wieder gerettet . Das Betrachten des zu meinen Füssen zerschmettert daliegenden Amors , der auf der Vase gemalt gewesen war , das Bedauern über seine Vernichtung gab zu unzähligen galanten Bemerkungen und witzigen Einfällen Anlaß , von denen manches Einzelne , trotz seiner Albernheit , mir tief in das Herz schnitt . Indessen hatte durch diesen halben Zufall die Unterhaltung doch eine andere Wendung genommen und ich ward dadurch in den Stand gesetzt , mir für den übrigen Theil dieses entsetzlichen Abends die nöthige Fassung wieder zu erringen . Jezt laßt es für heute genug sein ! « sezte die Tante mit leiserer Stimme hinzu , indem sie aus ihrem Armstuhl sich langsam erhob . Sie küßte die in Thränen zerfließenden Mädchen auf die Stirn und heftete lange und bedeutend den seelenvollen Blick ihrer hellen Augen auf beide ; man sah , sie wollte noch etwas sagen , wozu die Stimme ihr versagte ; dann wandte sie sich freundlich , gieng langsam hinaus , winkte , ihr nicht zu folgen , und kam den Abend nicht wieder zum Vorschein . Anna von Falkenhayn , treu ihrer vieljährigen Gewohnheit , saß am Morgen nach diesem Abend schon um sieben Uhr völlig angekleidet in ihrem Armstuhl , obgleich es im Kleebornschen Hause , das in dieser Hinsicht von andern grossen Häusern der Stadt keine Ausnahme machte , kaum anfieng , Tag zu werden . Ihr Auge war trübe , ihr Herz war schwer von tausend wehmüthigen und schmerzlichen Erinnerungen . Das blasse Gesicht auf die durchsichtig zarte Hand gestüzt , strebte sie schon lange vergebens ihre Aufmerksamkeit dem vor ihr aufgeschlagen da liegenden Buche zuzuwenden , um mit dessen Hülfe den Nachhall aller der trüben und schönen Stunden endlich wieder verklingen zu lassen , den sie selbst am gestrigen Abend aufs neue in ihrem Gemüthe hervorgerufen . Daher war es ihr zwar eine unerwartete , aber durchaus keine angenehme Ueberraschung , als ihr Kammermädchen ihr einen draußen stehenden Fremden meldete , der dringend um Zutritt bei ihr bat . Sie fühlte sich um so mehr abgeneigt , den ihr zu so ungewöhnlicher Zeit zugedachten Besuch zu empfangen , da sie das Mädchen vergebens um seinen Namen befragte . » Der junge Herr , « erwiederte dieses , » sieht so vornehm in die Welt hinein , daß ich unmöglich zu ihm sagen konnte , mit wem habe ich die Ehre zu sprechen ? « Mismuthig und verstimmt , war Anna von Falkenhayn schon im Begriff , den ihr etwas überlästig scheinenden Fremden um einen Besuch zu gelegenerer Zeit bitten zu lassen ; doch der plötzliche Gedanke , daß es gerade wegen der so ungewöhnlich gewählten Stunde hier wohl auf mehr als auf eine bloße Visite abgesehen sei , hielt sie davon ab , und um nicht einer Laune zu gefallen , vielleicht eine Gelegenheit zu verlieren , andern hülfreich erscheinen zu können , so befahl sie den Fremden hereinzuführen . Er trat ein , und mit einem ihr selbst unerklärlichen Erschrecken erkannte sie in ihm gleich auf den ersten Anblick den Geliebten ihrer Vicktorine . So sonderbar verlegen und erröthend , als diese Beide , mag wohl nicht leicht beim ersten Zusammentreffen ein Paar einander gegenüber gestanden haben , von dem die Dame wenigstens zweimal so alt war als der Herr . Indessen währte diese wunderliche Befangenheit nicht lange ; Tante Anna hatte zu viel Gewalt über sich selbst , um sich nicht schnell von ihr loswinden zu können , und nach wenigen Minuten saßen daher sie und Raimund wie ein Paar alte Bekannte ganz traulich einander gegenüber . Raimund entschuldigte seinen , gegen alle Regeln der Konvenienz streitenden frühen Besuch , zuvörderst mit seines alten Freundes Müller Versicherung , daß es bei der Hochwürdigen Frau wenigstens zwei Stunden eher Tag werde , als im übrigen Hause ; nächstdem aber mit dem nicht zu unterdrückenden Wunsch sie ungestört , und wo möglich auch unbemerkt sehen zu dürfen . Ziemlich verlegen wollte er jezt es versuchen , zur Erklärung seines eigentlichen Anliegens zu schreiten , doch die zuvorkommende Güte seiner Zuhörerin erleichterte ihm dieses dadurch ungemein , daß sie ihm deutlich merken ließ , wie Vicktorine sie schon längst zur Vertrauten des stillen Geheimnisses ihrer Liebe eingeweiht habe . So ward denn das Gespräch zwischen beiden sehr bald von jeder beengenden Rücksicht befreit , und sie unterhielten sich ohne weitern Zwang , mit gegenseitigem Vertrauen , von dem was in diesem Augenblick ihrem Herzen am nächsten lag . Vollkommen ermuthiget durch ihre würdevolle Freundlichkeit , erklärte Raimund jezt der Tante , wie ein Antrag der Herren Fischer , den er ohne Vicktorinens Beistimmung weder ablehnen noch annehmen könne , ihn hauptsächlich bewogen habe sie um ihre Vermittelung zu ersuchen . Es war von einer langen , mit manchen bedeutenden Gefahren verbundnen Seereise die Rede , die er nach dem Wunsch jener Herren unternehmen sollte , um in einem fremden Welttheile eine sehr wichtige , großen Gewinn versprechende Unternehmung persönlich zu leiten . Unter den vortheilhaftesten Bedingungen sollte bei seiner hoffentlich glücklichen Heimkehr ein bedeutender Antheil an der Handlung dieses sehr geachteten Hauses der Lohn seiner Bemühungen werden . » Sobald ich den ersten Zorn überwunden hatte , den Herrn Kleeborns Benehmen in mir aufregen mußte , « sezte Raimund hinzu , nachdem er der Tante sowohl die Gefahren als den Vortheil erklärt hatte , welche bei dieser Unternehmung für ihn persönlich zu erwarten standen ; » sobald ich den ersten Zorn überwunden hatte , das heißt , sobald ich wieder meiner Sinne mächtig war , denn mehr bedurfte es nicht , so stand auch der Entschluß felsenfest in mir , unerachtet des ersten Fehlschlagens aller meiner Wünsche , dennoch auf der einmal angetretnen Bahn zu beharren . Der Mann darf ja nicht sich selbst zum Spiel des Zufalls machen , er soll ja nicht blindlings umhertappen , bald ergreifen , bald wieder loslassen , wie Lust und Laune ihn treiben . Er soll vielmehr festhalten an dem was er einmal unternommen , um so doch wenigstens die nie wiederkehrende Zeit aus dem Schiffbruch seiner Hoffnungen zu retten . « » Es freut mich herzlich , Sie so festen Sinnes zu finden , « erwiederte Tante Anna , » denn auch Vicktorine , « - » o gewiß , « unterbrach Raimund sie , » ich kenne meine Vicktorine , und nie kann der Schatten eines Zweifels an dieses edle Wesen meinen Blick umdüstern . Ich weiß es , Vicktorine hält unabwendbar fest an mir , und jener Fremde , den Herr Kleeborn ihr aufdringen möchte , wird nie ihre Hand erhalten . Aber auch mir wird sie nie angehören , so lange ihr Vater lebt , um es zu verbieten ; denn sie bleibt ihrer Pflicht nicht minder treu als ihrer Liebe . Und so werden wir beide wahrscheinlich in langer nie erfüllter Sehnsucht unser Leben vertrauern , wenn nicht ein guter Engel unser Geschick freundlicher wendet . Wie das geschehen könnte , sehe ich Blödsichtiger freilich noch nicht ab , « sezte Raimund mit einem leisen Seufzer und getrübten Blicke hinzu . Anna von Falkenhayn schien nun einmal zur milden Trösterin aller , die ihr nahten , ausersehen zu seyn , und so versuchte sie es denn auch gern , und nicht ohne Gelingen , ihren neuen jungen Freund mit dem Leben und insbesondere mit seinem eignen Geschick zu versöhnen . Es mußte indessen noch manches sehr ernstlich beleuchtet und erwogen werden , ehe man zu einem festen Entschluß in Hinsicht auf die ihm vorgeschlagene Reise kommen konnte , und Raimund kehrte deshalb noch mehreremal , und immer in der Frühstunde , zur Tante zurück . Ihre Nähe sowohl als ihre Persönlichkeit übten auf ihn einen ganz wunderbaren Zauber . Er fühlte sich unwiderstehlich zu der seltnen Frau hingezogen , die wie das verbindende Element des Lebens zwischen ihm und Vicktorinen stand . Wenn sie so freundlich ihm zusprach , mußte er dabei stets an seinen Vater denken , denn so wie sie , hatte , seit er diesen verloren , nie wieder jemand zu ihm gesprochen . Vor Allem aber erfüllte ihn ein ganz eignes Gefühl süßer fast schauerlicher Wehmuth , wenn er sie dabei ansah , und nun in den alternden Zügen des bleichen ernsten Gesichtes die unverkennbarste Aehnlichkeit mit seiner reizenden in voller Jugendpracht blühenden Geliebten entdeckte . Ihm war dann als lüfte die Zukunft den dunkeln Schleier und blicke ernst und geheimnißvoll ihn an , während der eilende vernichtende Schritt der Zeit hörbar ihn umrauschte , und ihn ermahnte , das Leben und die Jugend festzuhalten , ehe sie auf immer entschwinden . Auch der Tante ward der junge Mann immer lieber und lieber , je öfter sie ihn sah , doch nicht etwa weil sie das Innere seines Gemüths dabei näher kennen lernte . Man möchte sagen , sie empfand dies nur , gleich dem Eigenen , und sie beurtheilte ihn daher wie Frauen gewöhnlich zu urtheilen pflegen , mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf ; was bei der ungemeinen Klarheit ihres Geistes freilich ein seltner Fall war . Alles an ihm , seine ganze Art zu sein , seine Sprache , sein Benehmen , Alles erschien ihr wie der begleitende Ton zu der Melodie ihres innersten Lebens , und war ihr deshalb befreundet und kam ihr wie längst bekannt vor . » Endlich , meine edle theure Beschützerin , endlich muß ich doch dazu kommen , einen Entschluß in Hinsicht auf meine Reise zu fassen , « schrieb Raimund der Tante eines Morgens , an welchem er abgehalten worden zu ihr zu gehen . » Die Zeit drängt mich , « fuhr er fort , » und ich kann es nicht länger auf eine ehrenvolle Art vermeiden , meinen Freunden , die mir zu meinem künftigen Fortkommen so wohlwollend die Hand bieten , eine genügende Antwort zu ertheilen . Ich habe die ruhige Stille dieser Nacht darauf verwendet , Alles nochmals ernstlich durchzudenken . Der Antrag der Herren Fischer öffnet mir die Aussicht auf ein völlig unabhängiges , sogar auf ein glänzendes Loos , das ich wenigstens nach dem Ableben ihres Vaters Vicktorinen werde bieten können , selbst wenn dieser den Entschluß faßte , sie , im Fall sie die Meine wird , völlig zu enterben . Vielleicht wird er auch jezt weniger eigensinnig auf die Verbindung mit dem Sohne seines Handelsfreundes bestehen , sobald er mich in der Ferne weiß , und Vicktorinen glückt es wahrscheinlich um so eher , sich von den Fesseln loszuwinden , mit denen ihr Vater sie umstricken möchte . Für meine persönliche Wohlfahrt bangt mir übrigens nicht , Vicktorinens Gebet wird mir ein schützender Engel werden , der jede Gefahr von mir wendet , mit der Menschen oder die Elemente mir drohen könnten . Und so bitte ich Sie denn nur , Hochwürdige Frau , bringen Sie mir Vicktorinens Erlaubnis zu gehen , und das bald ! Der erste Tag der Reise ist ja auch der erste , der uns der Heimkehr näher führt . Und wer kann wissen , ob es nicht während meiner Abwesenheit dem schützenden Genius unsrer Liebe in Ihrer würdigen Gestalt gelingt , Alles indessen zu unserm Besten zu wenden . « Unerachtet sie den Gründen ihres jungen Freundes nichts entgegenzustellen wußte , unternahm es die Tante doch nur mit innerem Widerstreben Raimunds Wunsch zu erfüllen ; sie erschrack beinahe , als Vicktorine weit leichter und gefaßter , als sie es hätte erwarten können , zu der Entfernung des Geliebten ihre Einwilligung gab . Eigentlich war Vicktorinens lebhafter Geist das ganz Einförmige ihres Unglücks , das Quälende des Gefühls dem Geliebten zugleich so nahe und so fern zu sein , allmählig so unerträglich geworden , daß jede Abänderung ihrer Lage ihr dagegen wie Gewinn erscheinen mußte . Ihre glühende stets vorwärts strebende Fantasie fand in dem Alltagsleben eines Geschäftsmannes keinen einzigen Punct , von dem aus sie das Bild des Geliebten , der ihr nicht nahen durfte , festhalten konnte . Wo sollten ihre Gedanken ihn suchen ? an der Börse ? am Schreibepult ? im alltäglichen Verkehr mit der handelnden Welt und ihren Gehülfen ? » Nein , Tante , « rief Vicktorine , » er mag gehen ! Mein Seegen , mein Gebet , meine Wünsche begleiten ihn überall und unablässig . Es ist jezt nicht wie damals , da ich glaubte , daß er aus überspanntem Edelmuth auf immer nach Odessa fliehen wolle . Er scheidet zwar , doch er entflieht mir nicht . Er geht , wohin die Pflicht die er auf sich genommen ihn ruft , aber er geht um vielleicht glücklicher wiederzukehren . Tausend Meilen oder tausend Schritte sind in unserer Lage das nemliche . Raimund wird in der Ferne mir sogar näher gerückt erscheinen , denn lieber will ich ihn mir doch vorstellen , wie er auf dem Verdeck seines die mächtigen Wogen durchschneidenden Schiffes , unter dem tiefblauen Sternenhimmel des Südens meiner gedenkt , lieber soll mein Geist in fremden Städten , im Gewühl des Ankommens oder der Abreise ihn suchen , als hier in der weiten farb- und formlosen Oede des aller-alltäglichsten Lebens , in welcher Alles vor meinen Blicken verschwimmt . « Nur Eines forderte Vicktorine mit ihrer gewohnten Festigkeit noch , und Raimund stimmte mit ihr überein , sobald er ihre Entscheidung vernommen , und dieses Eine war eine Abschiedsstunde mit Bewilligung des Vaters , unter den Augen der Tante , dieses milden Schutzgeistes ihres Lebens wie ihrer Liebe . Vergebens erschöpfte sich Anna in Gründen und Bitten , um die Liebenden zu bewegen , sich selbst diese bittre Stunde zu ersparen . Sie wurde nicht nur überstimmt , sie mußte sogar unternehmen , Herrn Kleeborns Erlaubniß zu dieser Zusammenkunft zu erhalten , denn Raimunds Beredsamkeit übte eine unwiderstehliche Gewalt über sie aus . » Zwingen Sie mich nicht , « bat er , » zwingen Sie mich ja nicht , dem Schmerz wie ein Feiger aus dem Wege zu gehen , denn alles Umgehen ist meiner Natur durchaus zuwider und mir im Innersten der Seele verhaßt . Was mir auch begegnen mag , ich will ihm fest und gerade ins Auge sehen , und wär ' es mein Untergang . So viele wünschen sich einen schnellen Tod , ich habe von Kindheit auf ihn gescheut . Wenn ich einst vom Leben scheide , so wünsche ich , daß es mit Bewußtsein geschehe , mein brechendes Auge soll sich noch einmal dankend zu der Sonne , zu den Sternen erheben , die so lange mir leuchteten . Und so will ich auch jezt , ehe ich gehe , um vielleicht nie wiederzukehren , so will ich auch jezt noch einmal in Vicktorinens liebetreue Augen blicken , in diese Sonnen meines bessern Daseins . Wer weis denn , ob sie je mir wieder leuchten werden , denn meine Reise ist weit , und mancherlei Gefahren werden Unheil drohend mir entgegen treten . « » Der junge Holm geht in diesen Tagen nach England und von dort nach Westindien , wie ich für gewis höre , « sprach die Tante zu Herrn Kleeborn im gleichgültigsten Ton , den sie nur bei dieser Gelegenheit aufzubringen vermochte . Eigentlich dachte sie nur auf diese Weise ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen , das zur Erfüllung ihres Versprechens leiten konnte , um dessen Vollbringung sie sich eben in nicht geringer Verlegenheit befand , doch Kleeborn fuhr sichtbar erschrocken zusammen , als er sie so ganz gelassen den Namen nennen hörte , den er bis jezt noch gar nicht den Muth gehabt hatte , in ihrer Gegenwart auszusprechen . Er starrte in sprachloser Verwunderung sie an , und veranlaßte sie dadurch das Gesagte nochmals zu wiederholen . » Holm ! « rief er jezt fast jauchzend vor Freuden , » der junge Holm aus dem Hause der Herren Fischer et Compagnie ? Nun Glück auf die Reise ! Nein , Fräulein Schwester , eine beßre Nachricht konnten Sie mir im Leben nicht bringen ; und wenn Sie mir gesagt hätten , daß ich das große Loos in der englischen Lotterie gewonnen habe , es könnte mehr mich nicht erfreuen ! Denn über häuslichen Frieden und das Glück meines einzigen Kindes geht mir doch nichts in der Welt . Aber was sind Sie eine kluge Dame ! Ja ja , ich habe es immer gesagt und gedacht , Sie sind eine Dame , die die Welt kennt . Ich zerbreche mir den Kopf wie ich die verfluchte Geschichte Ihnen schicklich beibringen will , Sie verstehen ja wohl was ich meine , nun und inzwischen gehen Sie so ganz in der Stille hin , wissen Alles , lenken Alles , und führen Alles zum Besten . Nun nun , jezt wird sich Alles ja wohl mit der Zeit geben , wenn erst dieser Stein des Anstosses aus dem Wege kommt . Vicktorine wird ja Vernunft annehmen , besonders wenn Sie , Fräulein Schwester « - Die Tante unterbrach ihn , um nicht mehr hören zu müssen als ihr lieb war . » Ich habe Herrn Holm erlaubt , in meiner Gegenwart von Vicktorinen Abschied zu nehmen , « sprach sie in dem nehmlichen gleichgültigen Ton als vorher , und zugleich mit so gelaßner fester Zuversicht , daß Herr Kleeborn darüber ganz stutzig ward , und nicht gleich wußte , was er ihr antworten könne . Die Sicherheit , mit der sie sprach , als könne das gar nicht anders sein , verbunden mit der ehrerbietigen Zurückhaltung , welche ihre Gegenwart ihm einflößte , erlaubten ihm nicht ihr geradezu zu widersprechen , besonders da sie ihm eben eine so gute Nachricht mitgetheilt hatte . Und doch fühlte er auch eine grosse Abneigung , seine Einwilligung zu dieser Zusammenkunft der Liebenden ausdrücklich zu geben , wenn er gleich innerlich gewiß war , daß es die lezte sein würde . Nach kurzem Bedenken fand er indessen einen Mittelweg , indem er that als habe er die lezten Worte der Tante völlig überhört . » Ende gut alles gut und Einmal ist keinmal , « brummte er endlich halb leise vor sich hin , als er nach einer kleinen Pause gewahr ward , daß seine Schwägerin nicht für gut fand , noch einige Bewegungsgründe hinzuzusetzen , die er denn Gelegenheit gehabt hätte zu bestreiten