mit der er mich versicherte , es sey ihm an der Form des Denkens wenig gelegen , und er würde immer ruhiger über die Möglichkeit , die seine einst für meine hinzugeben , wenn er Menschen , wie Miß Mortimer und mich von ihr ihre Tugenden ableiten sähe . Ich hielt dieses für sträfliche Gleichgültigkeit gegen religiöse Ansichten und machte Miß Mortimer Vorwürfe , daß sie , welche doch gewiß die gute Sache viel besser zu vertheidigen vermöchte , an unserm Wortwechsel niemals Theil nahm . » Ich fürchte , mein kaltes Blut zu verlieren und ihr dadurch zu schaden « , antwortete sie lächelnd . - » So wünschten Sie , daß ich Ansichten , von deren Falschheit ich überzeugt bin , scheinbar gut heißen soll ? « - » Gar nicht , liebe Ellen , aber sie nicht bestreiten . Uns Weibern steht es überhaupt besser an , das Christenthum durch Beispiel , als durch Wortstreit zu lehren , und einem Mann , der wie Herr Sidney als ein Christ lebt , wird Gott gewiß auch die Gnade geben , wie ein Christ zu denken - das Wie und Wenn müssen wir nicht vorwitzig erzwingen wollen . « - Wie ich etwas kühler geworden war , sah ich wohl ein , daß Miß Mortimer recht hatte , und legte mir das Gesetz auf , die Wortkriege mit Herrn Sidney zu vermeiden - und diese Nachgiebigkeit bestimmte vielleicht den wackern Mann , mir ernsthafte Anträge zu machen . Eine kurze Zeit lang ließen sie mich unentschlossen . Es war ein Ausdruck einfacher Wahrheit in ihnen , die sie mir , welche den Unwerth feuriger Versicherung vor kurzem auf eine so traurige Weise erfahren hatte , empfehlen mußte . Seine Persönlichkeit , seine Sitten , sein Ruf litten keine Einwendung ; ich konnte mir nicht verhehlen , daß Miß Mortimers hinfällige Gesundheit mich mit dem Verlust meiner einzigen irdischen Stütze bedrohe , und Herrn Sidneys Hand mich dann allen den Leiden entziehen würde , die ich auf mich eindringen sah ; aber ich liebte nicht , und wenn diese Heirath mich vor großen Uebeln schützte , so legte sie mir auch Pflichten auf , die es mir , ohne Liebe , sehr schwer schien zu erfüllen . Meine Vernunft schalt mich , eine als flüchtig geschilderte Empfindung zur Bedingung des dauerndsten Lebensverhältnisses zu machen ; allein sie trat auf die Seite meines Gefühls , wie sie sich überzeugte , daß dieses nicht eitle Vorzüge , sondern eine Ueberlegenheit des Geistes und des Charakters von einem Gatten fordere , um ihm , ohne Demüthigung meiner eignen Vernunft , gehorchen zu können . So lautete wirklich das Resultat meiner ernstlichen Erwägung von Herrn Sidneys Antrag ; allein ich war mir damals bewußt und sage es jetzt ohne Hehl , daß ein Brief Herrn Maitlands , den ich gerade während meiner Ueberlegung empfing , mir das eigentliche Bedürfniß meines Herzens klar machte , zugleich aber auch meine Ueberzeugung , Herrn Maitlands Herz verloren zu haben , aufs neue bestätigte . Sein Brief enthielt kein Wort , welches sein ehemaliges Geständniß berührt hätte , aber wohl männlich herzliche Theilnahme an meinem Unglück , zärtliche Sorge für meine Wohlfahrt . Er suchte mir , mit einem Vertrauen in meine Kraft , das diese Kraft hob , die Pflichten und den Gewinn meiner neuen Lage darzulegen , und erinnerte mich , daß Unabhängigkeit des Einzelnen nur durch den Gebrauch eigner Kräfte auf einem sichern Grund gewonnen werden könnte . Ich machte Miß Mortimer mit meinem Entschluß , Herrn Sidneys Hand auszuschlagen , bekannt und erhielt erst nach manchem Einwurf ihren Beifall , mit dem Zusatz , daß sie zuversichtlich hoffe , Gott werde mir einen andern Beschützer für die Zeit der Gefahr senden . - » Der muß ich selbst seyn , meine verehrte Freundin « , sagte ich , mich muthiger zeigend , wie ich war . » Herr Maitland deutet mir in seinem Brief an , was die Basis meiner Unabhängigkeit seyn soll . « - » O meine gute Ellen « , rief Miß Mortimer , indem sie mich sorgenvoll anblickte , » die Sicherheit des Lebens-Unterhalts ist es ja nicht allein , die ein weibliches Wesen bedarf ! Rath und Zuspruch « ... » Verzeihen Sie mir , theure Freundin « , unterbrach ich sie , » diese kann mir Herr Maitland so gut geben , wie ein Gatte , er bleibt ja nicht ewig jenseit des Meers . « - Miß Mortimer seufzte . » Ja wenn die Frau , die er wählt , Ihre Beschützerin würde ! « - » Eine Frau ? Liebste Miß Mortimer , warum soll er denn eine Frau wählen ? Sie haben einen sonderbaren Geschmack , Heirathen zu stiften ! « - » Das ist eine Mühe , die ich mir seit einigen zwanzig Jahren , freilich nur für andre , gegeben habe « , erwiederte sie mit einem gutmüthig spottenden Lächeln und veranlaßte mich dadurch zum ersten Mal , um die Erzählung ihrer frühern Lebensverhältnisse zu bitten . Meiner geliebten Freundin Andenken ist mit dem Gebet derer , denen sie wohl that , von der Erde verschwunden , es lebt nur noch in meinem Herzen , aber ihr anspruchloses Leben ist mit Herrn Maitlands Jugendgeschichte verbunden , und um dieser willen weihe ich ihr dieses Blatt . Miß Mortimer und meine Mutter hatten die Freundschaft , die sie verband , von ihren Eltern ererbt . Ihre Väter fochten einer an des andern Seite und fanden auf demselben Schlachtfelde ihren Tod . Beide Wittwen zogen sich in die Einsamkeit zurück und widmeten sich ganz den ihnen obliegenden Pflichten . Mistriß Mortimers Loos war das leichtere , denn ein kleines väterliches Erbe sicherte ihre einzige Tochter vor Abhängigkeit ; dagegen Mistriß Warburton die schwere Aufgabe geworden war , einen Knaben von hohem Geist und reichen Anlagen mit der Armuth zu versöhnen , und ein zartes , schönes Mädchen durch eine zweckmäßige Erziehung gegen die rohen Ansprüche einer freudelosen Welt zu bewahren . Des jungen Warburtons Fortschritte in den Wissenschaften waren der Stolz seiner Lehrer , die Freude seiner Eltern , als seines Vaters Tod ihn aller Mittel , auf diesem Wege seine Ausbildung fortzusetzen , beraubte . Mit bitterm Schmerz mußte der Jüngling eine Beschäftigung suchen , wo die Arbeit des heutigen Tages den Unterhalt des morgenden sicherte . Tief gebeugt verbarg er dennoch sein Leid , um den Kummer seiner Mutter nicht zu vergrößern ; Miß Mortimer , die Gespielin seiner Kindheit , blieb seine einzige Vertraute , sie theilte seinen Schmerz . Er beweinte eine Zukunft , die er mit ihr zu theilen gehofft hatte , und sie verhehlte ihm nicht , daß mit seinem Gelingen auch ihr Glück gesichert gewesen wäre . In dem ostindischen Hause , wo er sein freudloses Tagwerk abspann , fand er jedoch einen Freund , Herrn Maitland , der , obwohl sieben Jahr jünger wie er , anfangs seine Achtung und dann seine Liebe gewann . Maitland war damals fast noch ein Knabe , aber ein großer , kräftiger , kecker Bergschotte ; seine Nerven waren durch harte Leibesübungen und rauhe Witterung gestählt , seine starke Seele hatte Kraft erworben bei einer Erziehung , welche keine andre Erholung , als Wechsel der Beschäftigung zuließ . Er hatte sein Vaterland auf den Befehl seiner Eltern verlassen , um sich dem Eigensinn eines Oheims zu fügen , der ihm nur unter dieser Bedingung ein reiches Erbe versprach . Das Andenken seiner Heimath war ihm unendlich theuer , allein von seinem Vaterhause sprach er selten ; schweigend und zurückhaltend , entging er dem gemeinen Spott , der sich so gern über die Anerkennung armer Verwandten ausläßt . Er hatte erfahren , wie wenig der stumpfe Sinn der Menge den Eindruck begreifen kann , den ein Lied voll Einfalt , eine alte Sage von dem Ruhm der Ahnherrn hervorbringt , nicht wie der arme Bergschotte alle Schätze der Kunst gern hingegeben hätte , um nur noch ein Mal in den Abgrund zu blicken , den kein Fuß vor dem seinen zu erklimmen gewagt , noch einmal die Kühle des Thales zu athmen , wo er nach seinem ersten Jagdabenteuer geruht hatte . Genuß und Arbeit hindert die Neugier ; niemand aus der geschäftigen Menge , die den Handelslehrling umgab , fragte nach dessen Jugend-Geschichte , Warburton allein wußte , daß er ein Opfer gebracht , dessen Größe gleichgültigen Menschen nicht bekannt gemacht werden durfte . Maitlands Oheim , der eine sorgfältige Erziehung hochschätzte , bestand darauf , daß sein Neffe sich streng wissenschaftlich ausbildete , und war willens , ihn im gehörigen Alter die Universität besuchen zu lassen ; bis dahin machte ers ihm aber zur Pflicht , täglich einige Stunden der Erlernung seines künftigen Berufs , des Handels , zu widmen . Trotz Maitlands Jugend fand Warburton doch in ihm den Gefährten , der ihn völlig verstand ; in classischen Sprachen war er fast so geschickt , wie jener ; besaß er mehr Einbildungskraft , so hatte Maitland mehr Schärfe des Geistes und Auffassungsgabe und ertrug mit stiller Verachtung den Spott seiner Schulgenossen über seine befremdliche Aussprache . Warburton , dessen milde Sitten den seinen ähnlicher waren , gewann seine Zuneigung , ihr Geschmack stimmte zusammen , die wenigen Stunden , die er in dem Zahlamt zubringen mußte , unterbrachen auf eine wohlthätige Weise Warburtons drückend einförmiges Tagewerk , er horchte mit Entzücken auf Maitlands Beschreibungen seines an Naturschönheiten so reichen Vaterlandes - sie wurden Freunde , und Warburton vertraute ihm endlich die Zerstörung seiner Hoffnungen und das harte Loos , seine erworbnen Kenntnisse unvervollkommnet lassen zu müssen . Maitlands stärkere Seele schlug ein Mittel gegen dieses Uebel vor : er wies seinen Freund an , wie er durch anhaltendere Arbeit und strengere Sparsamkeit eine Summe sammeln könnte , die ihm das Besuchen einer Universität möglich machen würde . Von diesem Augenblick an gab er selbst ihm das Beispiel von Arbeitsamkeit und Ersparen , die er ihm anempfohlen hatte . Er brach seinem Schlaf ab , er entsagte seinen Erholungen , um für einen Buchhändler Uebersetzungen zu liefern , er scharrte alles , was er von seinem Taschengelde erübrigen konnte , wie ein Geizhals zusammen , die Einladungen seiner Gefährten lehnte er ab , ihre Anschuldigungen der Knauserei beantwortete er mit nachlässigem Lächeln ; allein wie sie ihn näher kannten , waren wenige von ihnen so schlecht , über ihn scherzen , und keiner so kühn , seine Verachtung zu zeigen . - Denn schon damals flößte Maitlands ernstes , rechtliches , offnes Wesen Achtung ein . Nach einer zweijährigen Beharrlichkeit zu gleichem Zwecke stellte er seinem Freund die Frucht seiner Selbstverleugnung zu und fühlte sich mehr wie belohnt , als sich Warburton nun im Stand sah , ihn nach Oxford zu begleiten . Wenige Monate vor Warburtons Abreise nach der hohen Schule ward Herr Percy , schon damals ein sehr reicher Mann , eines Regenschauers wegen genöthigt , in einer Pfarrkirche , wo eben Morgengottesdienst gehalten wurde , Obdach zu suchen . Francis Warburton war unter den Betenden und zog durch ihre Andacht , Sittsamkeit und zarte Schönheit seine Aufmerksamkeit auf sich ; er ließ sich bei ihrer Mutter einführen und machte ohne Zögerung seine Anträge . Francis erschrack vor einem Liebhaber , bei dem die dreißig Jahre , die er mehr zählte , wie sie , nicht den größten Einwurf begründeten ; aber er bot die großmüthigsten Bedingungen an ; die Mutter befahl nicht , überredete nicht , sie sprach nur einmal von ihres Sohnes Eduard Bedrängniß : » hätte er einen Freund , der ihn unterstützte « , sagte sie , » so würde er noch der Stolz meiner alten Tage ! « - » Er soll ihn haben , diesen Freund ! « rief Francis mit Thränen und versprach Herrn Percy ihre Hand . - Ihr Opfer sollte vergeblich seyn . - Warburton sollte nicht der Unterstützung bedürfen , die Reichthum zu geben vermag , noch der Beförderung , die Reichthum erkauft : - seine Gesundheit , durch die angestrengte Arbeit in dem Zahlamt geschwächt , war seinem jetzt freiwilligen Streben nicht mehr gewachsen , aber unempfindlich gegen die Gefahr , verfolgte er seinen anlockenden Weg , er verwarf die Warnung der Freundschaft , die ihm die traurigen Folgen voraussagte , und eines Morgens ward er todt an seinem Schreibtisch gefunden . Ein Aufsatz , durch welchen er sich die Bahn literarischen Ruhms , bürgerlichen Glücks zu öffnen gehofft hatte , lag soeben vollendet vor ihm auf dem Tisch . - Miß Mortimer und ihre Freundin weinten zusammen , meine Mutter fand bald durch meine Geburt einen Gegenstand der Liebe , welcher die Leere , die ihres Bruders Tod in ihrem Herzen gelassen hatte , ausfüllte . Miß Mortimer erhob ihren Blick in eine beßre Welt ; sie suchte hier auf Erden nie wieder ihr Glück . Maitland , durch feste Grundsätze gesichert , brachte seine Zeit , einzig mit dem Zweck seines Aufenthalts beschäftigt , unangefochten von den Thorheiten seiner Gefährten , in Oxford zu . Nachmals besuchte er , um seine Handelskenntnisse zu vervollkommnen , die größten Handelsplätze des festen Landes , machte die persönliche Bekanntschaft der gebildetsten Männer daselbst und umfaßte in seinem Bestreben alle Zweige der Wissenschaft , welche zu dem Handelsverkehr der Völker benutzt werden können . Im fünf und zwanzigsten Jahre kam er zurück , um einen Hauptantheil an einem der größten Handelshäuser in Großbritannien zu nehmen ; ehe er dreißig Jahre erreicht hatte , verhalf ihm der Tod seines Oheims zu einer ehrenwerthen Unabhängigkeit , und seine Handelsgeschäfte versprachen ihm ein Vermögen , das jeden Traum von Reichthum überstieg . Aber Reichthum war nicht Maitlands Leidenschaft , der geringste Theil seines Einkommens genügte einem Mann von so einfachem Geschmack , der sich an Mäßigkeit gewöhnt hatte und seine Freuden in der Häuslichkeit suchte . Der größte Theil desselben verlief sich in vielfachen Canälen , gleich unsichtbaren Quellen , deren Daseyn sich nur durch das üppigere Grün des Bodens verräth . Wie er der Negerhandel anzugreifen beschloß , ward er einzig von der Ueberzeugung der Wahrheit und des Rechts angetrieben . Da er selbst große Besitzungen in Westindien hatte , würde ihn Eigennutz zu den Gegnern dieser Unglücklichen gezogen haben . Bei seinem wissenschaftlichen Nachdenken über menschliche und Staaten-Verhältnisse hatte er diesen Menschenhandel als das schmuzigste Schandmaal des Culturzustandes , als den schnödesten Spott des Eigennutzes gegen die Grundwahrheiten des Christenthums erkannt . Wie seine Bemühungen , dem Elend einer ganzen Classe seiner Mitbrüder im Allgemeinen ein Ende zu machen , fehlschlug , begab er sich auf seine westindischen Besitzungen , um den Zustand der geringen Zahl , die er selbst besaß , zu verbessern und sich die Kenntnisse über ihre Verhältnisse zu verschaffen , die ihm , bei erneutem Kampf für ihre Rechte , Waffen in die Hand geben konnten . So war Maitland . Gern weilte ich bei seinem Bilde ; vielleicht nicht ganz ohne weibliche Eitelkeit , gewiß mit schmerzlicher Erinnerung , daß ich einst fähig seyn konnte , das Herz dieses edelsten Mannes zum Spielwerk meines Uebermuths machen zu wollen , und mit noch mehr Schmerz , daß dieser Uebermuth mich seiner Achtung beraubt hatte . Obschon ich ihm auf seinen obenerwähnten Brief antwortete , zeigte er kein Verlangen , den Briefwechsel fortzusetzen , erwähnte meiner gegen Miß Mortimer nur als einer gemeinschaftlichen Freundin und sprach von seiner Rückkehr nach England als von einem noch manches Jahr hinausgeschobnen Entschluß . Die Erfahrungen , welche meine Thorheiten mich so schnell ärnten ließen , hatten mich so weise gemacht , daß ich meine Pflicht fühlte , Herrn Sidneys Heirathsantrag , da ich ihn nicht annehmen wollte , bald und unumwunden zurückzuweisen , so daß kein Zweifel über seine Zukunft ihm blieb . Ohne einigen Streit in meinem Innern ging es nicht ab . Herr Sidney bot sich mir als ein angenehmer Gesellschafter dar , an dem meine Einsamkeit keinen Ueberfluß besaß . Die Gewohnheit , einen Mann um mich zu haben , den - wohl nicht mehr meine Laune , aber doch meine Wünsche regierten , ward mir schwer . Doch ich fing an , Pflichterfüllung zur ersten Bedingung meines Friedens zu machen , und stand also nicht an , dem wackern Mann meinen Entschluß , jetzt noch nicht zu heirathen , zu erklären . Sidney war ein Mann von gesundem Verstand und festem Sinn ; nach einigem Kampf mit seiner Einsicht und seiner Redlichkeit ward er , da ich ihn ernstlich überzeugte , daß er mir nicht mehr seyn könnte , mein Freund , solchergestalt , daß unser Verkehr durch die Beseitigung seiner Ansprüche nicht einmal eine Veränderung erlitt . Das Gegentheil in Herrn Sidneys Betragen wäre mir doppelt empfindlich gewesen , weil seine ärztlichen Besuche je mehr und mehr durch Miß Mortimers zunehmende Leiden zur Nothwendigkeit wurden . Der Zufall führte mich darauf , ihm einst , in Betreff eines Linderungsmittels , welches er ihr verschrieb , einige die Scheidekunst betreffende Fragen vorzulegen . Er gab mir einen Aufschluß , der meine Wißbegierde reizte ; in einem gleichförmig einsamen Leben ergreift man gern jedes Mittel , die Interessen zu vermehren , ohne die Gewohnheit zu stören ; und so kam es , daß ich sein Anerbieten , mir etwas Chemie zu lehren , freudig annahm . Miß Mortimer hörte ihm mit Antheil zu , wenn er neben ihrem Krankenstuhl mir die Geheimnisse der Verwandlung der Substanzen , so weit der Mensch sie der Natur abgelauscht hat , erklärte , und lächelte freundlich , wenn ich von meinen kleinen Versuchen mit verbrannten Fingern oder gefärbten Nägeln zurückkam . Mein Lehrmeister konnte mir sehr wenig Zeit widmen , er wies mich mehr an , allein nach Fortschritten zu streben , und so gering deren endlicher Erfolg war , lehrte mich dieses Bestreden doch zum ersten Mal , daß der Erwerb von Kenntnissen noch andern Genuß gewähren kann , als den , damit vor Andern zu glänzen . Mein äußres Leben verfloß bei Miß Mortimer in solcher einförmigen Ruhe , daß ein Jahr und drüber dahinging , ohne daß ich eine Begebenheit aufzuzeichnen wüßte . Mein innres Leben war nicht ohne Wandel zwischen sträubender und ergebner Trauer , je nachdem ich die Vergangenheit empfand , oder die Zukunft berechnete . Oft überwog das Ermessen von der Größe meines ehemaligen Leichtsinns und den Folgen , die er gehabt , die Hoffnung , durch regen Eifer fürs Gute den versäumten Weg zu dem erhabnen Ziel , das ich nun ins Auge gefaßt , einzuholen . Oft unterdrückte auf eine Zeit lang die Aussicht in die öde , freudlose Zukunft , die vor mir lag , in das lange Leben , an dessen Anfang erst meine frühe Jugend stand , mein Vertrauen zu meinem himmlischen Vater . Wie sich aber auch mein Sinn je zuweilen trübte , so waren es dennoch nur Sommerwolken , die vor der Sonne vorüberschweben und sich endlich in milden Thränenregen auflösen - nie mehr umhüllte mich der lichtlose , lebenlose Dunstkreis der herzlosen Thorheit , noch der furchtbar finstere Sturm , aus dessen Wüthen mich meine fromme Freundin gerettet . Doch eben von ihr sollte die nächste Fluth des Schmerzens über mich einbrechen . So unerfahren ich in der Krankenpflege war , konnte es mir doch nicht entgehen , daß Miß Mortimers Gesundheitszustand sich verschlimmerte , und zugleich stieg der Verdacht in mir auf , daß sie durch Geldbedürfniß zu einer zunehmenden Sparsamkeit verbunden sey . Ich bemerkte , daß sie sich , unter dem Vorwand , kein Gefallen daran zu finden , manche Erquickung , die der Arzt ihr vorschlug , versagte , und bald überzeugte mich ein Zufall von der Wahrheit meines traurigen Verdachts . An einem Tage , wo sie besonders leidend war , kam ihr Anwalt , um mit ihr zu sprechen ; unfähig , seinen Besuch anzunehmen , bat sie mich , ihn zu verabschieden , und er hatte die Unvorsichtigkeit , mir , die er unterrichtet von ihren Angelegenheiten glaubte , einen Auftrag an sie zu geben , der mir verrieth , daß ihr ganzes kleines Vermögen durch meines Vaters Untergang verschlungen worden war . Bei dieser Nachricht glaubte ich vor Schmerz zu erliegen . - In dem Zeitpunct , wo sie sich der Mittel ihres Lebens-Unterhalts durch meinen Vater beraubt sah , hatte sie ihre wenige Baarschaft aufgewendet , um mich in meinem Elende aufzusuchen , hatte meine Zurückweisung ertragen , hatte mich gerettet und nun über ein Jahr vor mir ihre Armuth verborgen , hatte sich das Nöthige entzogen , um mir einen Theil meiner verweichlichten Bedürfnisse zu verschaffen . Für meine Empfindung gibt es keine Worte , so wie damals es keinen Zügel für sie gab . Mit einer verzehrenden Gluth des Schmerzens in meiner Brust - wirklich dem körperlichen Gefühl nach verzehrend - eilte ich zu meiner Freundin ; und wie sehr ich die Nothwendigkeit einsah , ihr keine Heftigkeit zu zeigen , so bat ich sie doch mit einem Strom von Thränen , mir einen Weg suchen zu helfen , auf dem mein Unterhalt ihr nicht mehr zur Last fiel . Mit Fassung und Engelmilde verweigerte sie meine Bitte : » Ich kann Sie nicht entbehren , meine gütige Ellen « , sagte sie , » man verbirgt mir nicht , daß ich Ihnen in wenigen Monaten Ihre Freiheit zurückgeben muß , aber bis dahin , Ellen , bis dahin verlassen Sie mich nicht ! Lassen Sie mich nicht allein sterben ! « Das war das erste Mal , daß der schreckliche Zeitpunct , den ich mir wohl zuweilen als endlich erfolgend gedacht hatte , mir so nahe , so unausweichbar gewiß vor das Auge gerückt wurde . Mit Mühe konnte ich der Verzweiflung widerstehen . In mein Zimmer verschlossen , betete ich nicht , ach , ich bat nur um die Kraft , beten zu können , um die Weisheit , nicht in Aufruhr gegen Gottes Rathschluß zu gerathen ; und nur allmählig besänftigte sich mein Gefühl so weit , daß der feste Wille , Gott zu vertrauen , wieder die Oberhand erhielt . Ich fühlte die Nothwendigkeit , durch irgend einen Erwerb Miß Mortimer aller Ausgaben für mich zu entheben , auf das quälendste , aber bei dem besten Willen standen mir überall meine fehlerhaften Gewohnheiten im Wege . Ich hatte mancherlei Modearbeiten gelernt , allein solche Bestrebungen hatten mehr das Vorzeigen im Gesellschaftskreis als ihre Vollendung zum Zweck . Eine Geschicktere , wie ich , ließ sich bezahlen , um mir eine Stickerei , eine Nadelarbeit anderer Art in Gang zu bringen , ich setzte sie mit einem glücklichen , mir angebornen Geschick fort , und nach wenigen Tagen mußte jene , wenn deren Gebrauch eine Bestimmung hatte , sie vollenden , oder sie ward in ein Schubfach gesteckt und nie wieder berührt . Die Mühseligkeit des Anfangs , die Anstrengung der Fortsetzung , die Beharrlichkeit zur Vollendung waren mir sehr ungewohnt ; ich arbeitete mit glühendem Gesicht , ich erweckte mich durch den Gedanken an meine leidende Freundin zehnmal aus einer Träumerei , während der meine Nadel ruhte , oder scheuchte mich durch diese Erinnerung vom Fenster zurück , wohin eine Blumenranke , ein Schmetterling mich gelockt und meines Fleißes vergessen gemacht hatte . Und wenn es mir gelungen war , eine kleine Summe zu erwerben , so verschlang sie das , was ich für mein persönliches Bedürfniß hielt . Ach , der in Ueppigkeit Erzogne hat den Maasstab für das Nothwendige verloren ! Ich besaß mehr , wie die mehrsten meiner Schwestern , und glaubte , weil ich allem Schmuck , aller Verzierung entsagt hatte , meine Bedürfnisse aufs strengste vereinfacht zu haben . War nun meine Kleidung bestritten , so blieb mir kaum eine Kleinigkeit , um sie für meine geliebte Kranke zu verwenden . Bei dem innigen Wunsche , mehr für sie thun zu können , hielt ich meine Augen mehr wie einmal auf den lieben Ring , das einzige Andenken meiner Mutter , geheftet . Wenn ich diesen verkaufte , dachte ich dabei , könnte ich lange , lange kleine Zuschüsse in Miß Mortimers Haushalt geben , denn ich glaubte ihn von ansehnlichem Werth ; allein jedes Mal widersetzte sich mein Herz , ich sagte mir selbst , so ein theures Andenken müßte nur der dringendsten Nothwendigkeit aufgeopfert werden , und diese führte endlich ein nichtsbedeutender Umstand herbei . Eines Tages , wie meine Freundin matt am offnen Fenster saß , trat eine Frau mit einem Korb des schönsten Obstes davor , den sie von der Straße herein darbot . Miß Mortimer , welcher der Arzt dessen Genuß vorgeschrieben hatte , schien mit einiger Sehnsucht nach den einladenden Früchten zu sehen , verweigerte aber davon zu kaufen . Schnell eilte ich zu der Obsthändlerin , suchte die schönsten Früchte aus ihrem Korb , verwendete den ganzen Erwerb daran , der mir für einen gemalten Lichtschirm geworden , und häufte meinen Schatz mit kindischer Freude vor der theuren Freundin auf . Meine Thränen flossen vor Freude , einzeln rollten ein paar Tropfen über Miß Mortimers bleiche Wangen , mit einem unbeschreiblichen , liebevollen , wehmüthigen Lächeln , das mir deutlich verkündete , sie wolle mir nicht meine Freude verderben , nahm sie einen Pfirsich , und wie ihre lieben , schwachen Hände ihn hielten , sagte ihr gen Himmel gerichteter Blick , daß sie Gott danke , der seinen Menschen solche Labsale geschaffen . In diesem Vorfall schien mir die dringende Nothwendigkeit , welche den Verkauf meines Ringes bestimmen sollte , erschienen ; ich eilte in der nächsten Stunde nach London , um mein Kleinod einem Juwelenhändler zu überlassen . Zweiter Theil Ungewohnt , in einem öffentlichen Fuhrwerk zu reisen , war ich anfangs , wie ich mich mit ein paar fremden Menschen in dem Wagen eingeschlossen sah , über meine Keckheit erschrocken . Ich zog meinen Hut in ' s Gesicht , drückte mich , als würde mich das ihrem Blicke entziehen , in die Kutschenecke hinein und wagte kaum zu athmen . Bald gewahrte ich , daß sie mich gar nicht beachteten ; der kleine Weg ward ohne Störung fortgesetzt , so daß ich nicht mehr die Ueberfahrt , aber die Ankunft in London fürchtete . Die erstere hatte Miß Mortimers Barbara bei meinem Einsteigen bezahlt , indeß ich , gedankenlos für alles außer dem Zweck meiner Reise , mich so wenig mit Gelde versehen hatte , daß es mir beim Aussteigen an Mitteln fehlte , einen Miethwagen zu nehmen . Die Noth zwang mich , den Laden des Kaufmanns , mit dem ich meinen Handel machen wollte , zu Fuße aufzusuchen ; und jetzt in einer der volkreichsten Straßen von London war ich nun wirklich den neugierigen Blicken , den kecken Anreden einiger Männer ausgesetzt und gerieth darüber so außer mir , daß ich , wie ich den Laden erreichte , gar nicht wahrnahm wie ein Wagen mit der du Burgh ' schen Livree vor ihm hielt . Er war voll geputzter vornehmer Leute , aber nur Eine Gestalt zog meine Augen an - meine herzlose Freundin . - Ich wollte fliehen , mir war ' s , als sähe ich eine Schlange , im Begriff , nach meinem Herzen zu schießen , aber meine Kräfte versagten mir , ich ward so sichtlich ergriffen , daß ein Ladenmädchen mir schleunig einen Stuhl bot . Julie erblickte mich gleichfalls , ihr Gesicht glühte , sie wendete es ab - da erwachte mein Stolz , ich gebot meinen zitternden Knieen und trat zu dem Kaufmann , um meinen Handel zu schließen . Zu meinem schmerzlichen Erstaunen erfuhr ich von ihm , wie kindisch ich meinen Ring nach dem Werth , den mein Herz ihm beilegte , geschätzt hatte . Er bot mir fünfundzwanzig Pfund , indeß ich auf die vierfache Summe gerechnet hatte ; wohl versuchte ich einige Einwendungen , aber ich wußte aus meinen ehemaligen Besuchen in solchen Läden , daß darin kein Feilschen stattfindet ; kummervoll wartete ich auf meine Kaufsumme , als ich auch Lady Marie wahrnahm , die mit Miß Arnold , welche noch immer ihr Gesicht von mir abwendete , gesprochen hatte und sich jetzt , unter dem Vorwand , den Kaufmann zu sprechen , mit kalter Neugier zu mir herandrängte . Ihr Benehmen war so gefühllos , daß es ihr einen Anstrich von Gemeinheit gab , die mir meine sittliche Ueberlegenheit plötzlich fühlbar machte ; ich trat zurück und sagte verächtlich zu dem Kaufmann : » Thun Sie die Geschäfte der Dame ab , wenn sie deren wirklich hat , ich will warten . « Lady Maria , die meine scharfe Zunge noch von der Pension her kannte , zog sich mit einem hochmüthigen Kopfaufwerfen zurück , ich erhielt nach langem Warten meine Auszahlung und wollte forteilen , als Miß Arnold die Unverschämtheit hatte , zu mir zu treten . Leider war die Zornesgluth , die mich , nun der Schmerz überwunden war , übermannte , nicht die Gemüthsstimmung , welche mir meine letzte Vergangenheit hätte lehren sollen . In den ruhigen Tagen des Lebens gelingt es uns leicht , unser Selbstbewußtseyn rein zu erhalten , aber nicht weil wir stark , sondern weil die Versuchung schwach ist . Ich erfuhr jetzt , wie viel mir noch fehlte , um das Gebot » segnet eure Feinde « erfüllen zu können . Ich beantwortete Miß Arnolds ungeschickte Entschuldigung , » daß sie mich nicht gleich erkannt habe « , mit kaum erhaltner Fassung , und auf ihre Anerbietung , mich nach Haus zu begleiten , wo sie mir Vielerlei erzählen könne , indeß Lady Maria und Lord Glendower ihren Hochzeitputz einkauften , mit schneidender Kälte , wobei ich ihr andeutete : ich wohne bei Miß Mortimer , wo sie und Lady Marie , wenn es ihrem guten Rufe nicht Schaden brächte , eine Entlaufene zu besuchen , mich auffinden könnten . Hiemit wendete ich ihr den Rücken zu , eilte aus dem Laden und