, nehmlich gar nichts , kein einziges Wörtchen ; « antwortete Eugenia . » Die Gräfin , die sich immer zu helfen weiß , ergriff gleich seinen Arm , um mit ihm die Anstalten zur Bewirthung einiger hundert Bauern aus der Umgegend zu besehen , denn der festliche Tag sollte bloß durch ein Volksfest gefeiert werden , da man am folgenden Morgen sehr früh abzureisen beschlossen hatte . Ottokar ging ganz in die Ideen seiner neuen Schwiegermutter ein , und nahm sich des Empfanges und der Unterhaltung seiner ländlichen Gäste mit großem Eifer an , bis später , kurz vor der Tafel , die holde Braut ungerufen erschien , und mit ihm im vollen Schmuck , unter dem Vivatrufen der Bauern , durch ihre Reihen zog . » Sehen Sie mich nicht so unruhig , nicht so bekümmert an , liebe , theure Frau , « sprach Gabriele zur Frau von Willnangen , sobald Eugenia endlich mit ihrer Erzählung zugleich ihren Besuch beendet und das Zimmer verlassen hatte . » Auch du , meine Auguste , sey getrost ! Was ängstigt euch denn , ihr lieben Beide ? « setzte sie hinzu , indem sie ihre vereinten Hände an ihre Brust drückte , und mit den klaren , treuen Augen zu ihnen aufblickte . Beide umarmten sie schweigend , und Gabriele fuhr fort zu reden . » Wonach ich lange im Stillen mich sehnte , ist mir in dieser Stunde geworden , « sprach sie gleichsam zu sich selbst . » Ich habe Nachricht von ihm , von seinem Leben , seit wir uns trennten , vom Vollbringen dessen , was geschehen mußte , alles ist vorbei - alles , alles ist vorbei , « wiederholte sie und sank in die Kissen des Sophas zurück . Doch ermannte sie sich sogleich wieder und richtete sich auf , mit der in solchen Momenten ihr eigenthümlichen Kraft . Frau von Willnangen vermochte es nicht , ihr etwas zweckmäßiges , oder auch nur zusammenhängendes zu erwiedern , nicht allein , weil sie in zu heftiger Bewegung sich befand , auch ihre Ansichten von Gabrielens Geschick schwebten noch immer in zu verworrener Gestaltung ihr vor . In der Verlegenheit , doch etwas sagen zu müssen , stammelte sie einige Worte von unbegreiflichen Täuschungen , von unerklärlichem Benehmen , doch schnell unterbrach sie Gabriele : » Glauben Sie mir , « sprach diese , » keine Täuschung , nichts Unerklärliches liegt zwischen mir und Ottokar ; um uns ist alles hell und klar wie das Sonnenlicht . Zwar werden wir auf Erden uns schwerlich wieder sehen , aber dennoch halten wir fest im Glauben an einander . Wir haben uns einmal gefunden , wir haben uns einmal verstanden , und das genügt uns , um nie , in keinem Moment des Lebens an einander irre werden zu können . « Die Lebhaftigkeit , mit welcher Gabriele diese Worte sprach , versetzte Frau von Willnangen in die höchste Besorgniß um sie . Sie hatte den Moment , von dem sie so vieles aufgeklärt zu sehen hoffte , das bis jetzt ihr dunkel geblieben war , schon lange im Verborgnen herbeigesehnt . Jetzt war er unerwartet ihr erschienen , und sie wünschte beinah noch weit sehnlicher , ihn verschieben zu können , wär es auch auf immer . Das stürmische Pulsiren des jungen Herzens , das , wie Ruhe suchend , sich im Laufe des Gesprächs an ihre Brust gelehnt hatte , erfüllte sie mit Angst um die kaum Genesene . Sie sah mit Entsetzen , wie alles Blut aus diesem armen Herzen in einem Moment auf Gabrielens Wange glühte , im nächsten in dessen Tiefen zurückströmte , und nur die bleiche Farbe des Grams auf dem holden Gesichte zurück blieb . Aber alle Versuche , die ihr jetzt so furchtbar scheinende Unterredung abzubrechen , waren vergeblich . » Lassen Sie mich jetzt die Brust mir frei sprechen , « erwiederte Gabriele ihren Einwendungen ; » fürchten Sie nicht , daß mir die Kräfte dazu fehlen , ich fühle mich und weiß , daß ich in dieser Stunde es vermag . Es ist mir ein Trost , denn schon lange sehne ich mich , Ihre unsägliche Liebe durch eben so ungemeßnes kindliches Vertrauen zu erwiedern . Hernach will ich ruhen , und Sie werden gewiß mit dem kranken Kinde nachsichtig umgehen . Ja ! ich liebe Ottokar , und er weiß es , denn in der höchsten Stunde meines Lebens , die mir ewig allein dastehen wird , in Freude und Schmerz , habe ich es ihm gesagt . Wovor erschreckt ihr denn wieder ? Gott kennt ja meine Liebe , ich schämte mich ihrer nicht vor ihm , warum sollte ich sie denn dem einzigen Wesen verbergen , das gewiß nach seinem Willen zu mir gehört , wenn wir gleich , durch irdische Verhängnisse eingezwängt , jedes seinen eignen Weg fern von einander gehen müssen . Auch Ottokar liebt mich ! wir fanden uns in seligen Schmerzen , in trüber Wonne , nur einen Moment , um uns gleich wieder zu trennen ; und nun ist es gut . - Es ist alles sehr gut ! « wiederholte sie nach einer kleinen Pause , und drückte , sanft weinend , Mutter und Tochter fester an sich . Beide weinten verstummend mit ihr . » Wir sollten eigentlich nicht weinen , « sprach Gabriele bald darauf , » ich bin ja nicht unglücklich , ich bin ja nicht beklagenswerth , warum weinen wir denn ? ich habe gelebt und geliebt ! Beut mir die Zukunft keine Freude mehr , so brauche ich auch dafür sie nicht mehr zu scheuen . Wohin Sie , liebe Mutter ! durch Jahre voll Schmerz hingelangten , dahin bin ich in früher Jugend , in einer kurzen Stunde gekommen ; ich bin in ihr alt geworden , und kann nun ohne Furcht überall hintreten , meine Ruhe ist gesichert . Ein zweiter Schmerz wie dieser droht mir nicht wieder , denn das Herz liebt nur einmal , wie es nur einmal bricht . Es war ein artiges Spiel des Zufalls , daß unter den Blumen , die ich von Ottokar erhielt , auch die Eine sich befindet , welche nur einmal um Mitternacht eine Stunde lang blüht und dann auf immer sich schließt . Ich erhielt in dieser Blume ein Vorbild meines Geschicks , und von ihm . « » Gabriele , wüßtest du , wie diese deine kalte Verzweiflung mich quält ! « rief Frau von Willnangen ; was soll , was kann ich thun , um dich davon zu retten ? ach ich selbst , ich Unbesonnene , war es ja , welche in deinem jungen Gemüthe Wünsche und Hoffnungen immer mehr entflammte , die ich hätte unterdrücken sollen , die nun dein Verderben sind ! Jetzt weiß ich dieß , aber damals blendete ich mich selbst . Ich wollte an die Erfüllung jener Wünsche und Hoffnungen glauben , weil auch ich sie im Herzen hegte , und du gehst nun an ihnen zu Grunde . « » Wie Sie mich mißverstehen , theure Frau ! « erwiederte mit wehmüthigem Lächeln Gabriele . » Ich bin ja fern von Verzweiflung , glauben Sie mir , ich bin sogar nicht unglücklich , denn wehmüthige Erinnerungen , tiefgefühlte Sehnsucht sind ja nicht Unglück . Verstehen Sie doch alles wörtlich , wie ich es Ihnen sage , ich flehe darum , denn wie ich es meine , spreche ich es aus , immer in einfacher Wahrheit . Nie hegte ich die Wünsche , die Hoffnungen , auf welche Sie mit Winken hindeuteten , die ich jetzt erst verstehe . Nie sogar habe ich mit Bewußtseyn mir ihre Möglichkeit gedacht , nie sie empfunden . Ich liebte Ottokar , wie ich athme , wie ich die Sonne , das Leben liebte . Ich vergaß bei ihm der Vergangenheit und gedachte keiner Zukunft ; ich war glücklich und unglücklich in der Gegenwart , ohne mich weiter um etwas zu kümmern . Ja ich will Ihnen nichts verhehlen ; nur wie ich Aurelien als seine Braut sah , da erst fiel es mir ein , daß auch auf mich seine Wahl hätte fallen können , da erst , liebe Mutter ! und legen Sie es mir nicht als Unwahrheit aus , wenn ich sage , ich hätte eingewilligt , wenn er mich gewählt hätte , wie ich in alles willigen müßte , was er so recht aus der Tiefe seines Gemüths wollen könnte , aber es wäre ein Opfer gewesen , das ich seinem Wollen brachte . Neidlos sehe ich Aureliens Geschick ; ich habe es nie für mich gewünscht , glauben Sie es mir ; segnen will ich sie , sie lieben wie ihn , wenn sie ihn so glücklich macht , wie er es durch eine solche heilige Verbindung werden könnte . « Mit diesen Worten und der Bitte , den Tag ganz allein bleiben zu dürfen , zog Gabriele sich in ihr Zimmer zurück . Dort in der Einsamkeit ließ allmählig die Spannung nach , in welche Eugeniens Erzählung und das darauf folgende Gespräch mit ihren Freundinnen sie versetzt hatten . Sie versank in tiefes Nachdenken ; jedes Wort , jede noch so leise Andeutung Eugeniens gingen nochmals ihrem Geiste vorüber ; alle waren ihr ein unerschöpflicher Quell von Freude und Schmerz , von dem sie zu fühlen glaubte , daß er ihr ganzes Leben hindurch nicht versiegen könne . Aus dem von Eugenien nur ganz obenhin erwähnten Umstande , daß sie Ernestos Hand auf einem Briefe an ihn bemerkt habe , ahnete Gabriele , was wirklich geschehen war . Ottokar war auf irgend eine Weise von ihrem Erkranken benachrichtiget worden , er hatte alle Qualen der bängsten , zur Hülfe ohnmächtigen Sorge um sie gelitten , er hatte in martervoller Todesangst um sie gebebt , während sie an den Pforten des Todes in süßer Bewußtlosigkeit lag und wahrscheinlich so hinüber geschlummert wäre , ohne Schmerzen zu fühlen . Durch Ernesto hatte er gewußt bestimmte Nachricht von ihr zu erhalten , ohne ihn dennoch zum Vertrauten der Art des Antheils zu machen , den Gabriele in ihm erregte . Als ob Ottokar selbst es ihr gestanden habe , so bestimmt wußte Gabriele jetzt , daß nur Besorgniß um ihr Leben seinen auffallenden Trübsinn veranlaßte , über den Eugenia sich so spottend geäußert hatte ; daß nur diese Sorge ihn bewog , den Tag seiner Vermählung immer weiter hinaus zu schieben , und daß nur die Ueberzeugung , sie sey genesen , ihn ermuthigen konnte , das unvermeidliche Opfer endlich zu bringen , welches für das ganze Leben ihn von ihr trennte und ihn sogar aus der Luft verbannte , in welcher sie athmete . Aureliens und ihrer sich immer gleichbleibenden Art sich gegen Ottokar zu benehmen , gedachte Gabriele nur mit tiefem Schmerz ; denn alles überzeugte sie , daß diese kalte , lieblose , spottende Natur sich nie an seiner Seite erwärmen , nie ihn liebend beglücken könne . Daher vermied sie den Gedanken an sie , oder versuchte wenigstens , sich selbst durch die Hoffnung zu täuschen , daß es am Ende ihm doch wohl gelingen könne , die bösen Geister , die sein Glück verhinderten , durch die seiner höhern Natur eigne Güte zu bannen und die Gefährtin seines Lebens für sich zu gewinnen . Wenn alles fehl schlägt , so bleibt ihm der Trost , an den auch ich mich halte , die Ueberzeugung , das Rechte gewollt und vollbracht zu haben , und mein Andenken , setzte sie ganz leise sich zur Beruhigung hinzu . Noch während dem Laufe des Winters hatte Frau von Willnangen den Entschluß gefaßt , den größten Theil des Sommers in den böhmischen Bädern zuzubringen . Durch Gabrielens Krankheit war die Ausführung dieses Plans einstweilen in Vergessenheit gerathen ; nun sie aber wieder genas , kam er aufs neue zur Sprache . Der Arzt drang sogar darauf , ihn baldmöglichst , und zwar in Gabrielens Begleitung , auszuführen ; er hoffte viel Erfreuliches für ihre völlige Herstellung , nicht sowohl von den Heilquellen , als von den Zerstreuungen , welche stets im Gefolge einer solchen Reise sind . Es war durchaus nothwendig , die Erlaubniß des Baron Aarheim zu dieser Reise seiner Tochter einzuholen , und Frau von Willnangen übernahm es sehr gern , ihn schriftlich darum zu ersuchen . Seine Einwilligung erfolgte sogleich und in den verbindlichsten Ausdrücken ; nur war die einzige Bedingung beigefügt , daß Gabriele jede Stunde bereit seyn müsse , zu ihrem Vater zu eilen , sobald er ihre Gegenwart verlange . Nicht ohne Schrecken hatte der Baron die Nachricht vernommen , daß Gabriele mit der Tante nicht hatte nach Italien reisen können , denn er fürchtete nun jeden Augenblick , sie in seinem alten Bergschlosse eintreffen zu sehen . Diese schickliche Gelegenheit , sie noch einige Zeit von sich entfernt zu halten , überhob ihn einstweilen jener Sorge , und ward deshalb freudig von ihm ergriffen . Dennoch war er jetzt sehr zufrieden , daß nicht die Alpen zwischen ihm und seiner Tochter als Scheidewand dastünden , weil er seit einigen Tagen dem Ziel seines Strebens ganz nahe zu seyn dachte , so daß er oft die völlige Entschleierung des großen Geheimnisses von der nächsten Sekunde erwartete . Seit er so ganz allein , fern von jeder äußern Störung , in Schloß Aarheims düstern Mauern hauste , hatte er sich mit rastloser Leidenschaft , ja bis zur Erschöpfung aller seiner Kräfte , jenen geheimnißvollen Arbeiten hingegeben . Kein freundliches , lebendes Wesen durfte ihm nahen , der Wechsel der Jahreszeiten ging unbemerkt an ihm vorüber , er wußte nicht , ob die Bäume grünten oder ob Schnee sie bedeckte ; er sah sogar nicht das Licht der Sonne , denn die schweigenden Nächte sagten seinem dunklen Treiben am besten zu . Deshalb schlief er , wenn alles wachte , und während jedes glückliche Geschöpf nach des Tages Last und Lust Ruhe sucht , begann sein ängstliches Wirken im dunkeln Kreise der finstern Mächte , die kein Sterblicher ungestraft ruft , wenn gleich vielleicht keiner je von ihnen Antwort erhielt . So verkehrte er die Ordnung der Zeiten . Dennoch verhehlte er sich nicht die bei dieser unnatürlichen Lebensweise für seine Gesundheit obwaltende Gefahr . Er wußte bestimmt , daß er auf keine lange Reihe von Jahren mehr rechnen dürfe , in denen er die Früchte seiner Arbeit zu genießen hoffen könne , aber er achtete dieses nicht , denn er strebte nach keinem dauernden Genuß . In nie gesehnem Glanz aus dem Dunkel seiner Ahnenburg hervortreten , sein uraltes Geschlecht aufs neue in seiner Tochter erstehen sehen , aufs neue für kommende Jahrhunderte der Stifter desselben werden , seine alten Feinde , knirschend vor Neid , in ohnmächtiger Wuth erbleichen sehen , und dann sich hinlegen und sterben ; das war es , was er vom Geschick zu erzwingen dachte ; und nur der Gedanke , daß irgend einer von denen , welche er haßte , vor dem Gelingen seines großen Werkes dieses Leben verlassen könne , machte ihn beben . Nicht weniger , als dieses rastlose Treiben , ängstigte ihn ein ewiges Ueberlegen , wie er sein Geheimniß auf das schnellste und vortheilhafteste benutzen könne , sobald es ihm gelungen wäre , es ganz zu entschleiern . Sollte er seine Tochter zur Erbin seines durch mühseliges , unablässiges Forschen und tausendfache Opfer erworbnen Wissens einsetzen ? sollte er sich daran genügen lassen , ihr noch bei seinem Leben unermeßliche Schätze zuzuwenden und sein Geheimniß mit sich in die Gruft seiner Ahnen hinabzunehmen ? Diese Zweifel erregten einen nie zu stillenden Zwiespalt in seinem Innern , der , zerstörender , als Wachen und Arbeit , ihn langsam verzehrte . Es war ihm unmöglich , einem weiblichen Wesen den Muth , die Klugheit , ja selbst die Verschwiegenheit zuzutrauen , welche unumgänglich dazu gehören , ein solches Geheimniß nicht nur zu verwalten , sondern auch zu verbergen . Die Gefahren , welche jedem drohen , den die Gewaltgen dieser Erde im Besitz solcher Kenntnisse wähnen , waren ihm nur zu bekannt , und das Geschick Böttchers , des unglücklichen Erfinders des sächsischen Porzellans , trat oft warnend vor seinen Geist . Alle diese Ueberlegungen machten ihn geneigt , sein Geheimniß mit sich sterben zu lassen ; dann aber ergriff ihn der Gedanke , wie groß es sey , die Erbin seines Namens , mit dieser mächtigsten aller irdischen Gewalten ausgerüstet , zurück zu lassen . Ihn schwindelte , ein neuer Kampf entstand in seinem Gemüth , und so konnte der unglückliche Greis nimmer zur Ruhe gelangen . Rastlos schwankte er ewig in banger Sorge von einem Entschlusse zum andern und verwachte die langen , endlosen Stunden des Tages auf seinem Lager , bis die Abendsonne die Zinnen seiner Burg röthete und ihn mahnte , aufzustehen , um sein nächtliches Tagewerk zu beginnen . Frau von Willnangen zögerte keinen Augenblick , die Erlaubniß des Barons zu benutzen und die Reise in das Bad anzutreten , denn der Sommer war indessen schon ziemlich weit vorgerückt , und da der Herbst dem rauheren Klima der Gebirge selten günstig ist , so hatte sie keine Zeit zu verlieren . Ernesto suchte und erhielt sehr leicht die Erlaubniß , sich der kleinen Karavane seiner Freundinnen anschließen zu dürfen , welche ihrerseits froh waren , ihn zum Beschützer auf der Reise zu haben . Nicht Furcht vor der , während der schönen Jahreszeit mit jedem Tag überhandnehmenden Oede der Stadt hatte ihn zu diesem Entschlusse bewogen , wie Auguste im fröhlichen Muthe ihm oft Schuld gab , sondern wahrhaft väterliche , treue Liebe für die verwaisete Tochter der Frau , deren Andenken ihm noch immer wie ein hell leuchtender Stern am fernen Horizont seiner längst hinter ihm zurück gebliebnen Jugend strahlte . Gabrielens Geschick und der Zustand ihres Gemüths waren dem treuen , beobachtenden Freunde nicht verborgen geblieben , obgleich ihm niemand darüber etwas anvertraut hatte . Zwischen ihm , Frau von Willnangen und auch Gabrielen war sogar eine Art von stillschweigender Uebereinkunft darüber entstanden ; man behandelte ihn , als wisse er alles , ohne doch je ausdrücklich irgend eines näheren Umstandes zu erwähnen . Er , der lebenskundige Mann , sah Gabrielens Zustand in weit hellerem Licht , als Frau von Willnangen . Er glaubte Gabrielens Ruhe nicht für immer zerstört , er hielt sie sogar in diesem Augenblick nicht für unglücklich . Er wußte , wie der Zauber der Jugend alles , selbst den Schmerz , zu verschönern vermag und ihn zuletzt in das süßeste aller Spiele umwandelt , das aber zugleich auch das gefährlichste ist , weil es dem Gemüthe die Kraft entzieht für den Ernst des Lebens in später kommenden Jahren . Die Thränen jener nie wiederkehrenden Frühlingszeit gleichen den Thau-Tropfen auf der Rosenknospe , sie verhauchen in süßen Düften , so lange der Morgen frisch athmet , aber wenn die glühenden Strahlen der Mittagssonne sie noch finden , so brennen sie sie ätzend zu unzerstörbaren Flecken ein ; die entstellten , früh welkenden Blätter bleiben geschlossen und vermögen es nie , sich in der ihnen von der Natur bestimmten Herrlichkeit zu entfalten . Uebrigens wußte Ernesto auch , daß der Frauen Herz ewig jung bleibt , wenn gleich ihre Locken unter der Hand der Zeit erbleichen ; daß sie immer geneigt bleiben , mit ihren jüngern Freundinnen sich aufs neue den Wonnen und Schmerzen hinzugeben , welche einst auch ihren Frühling erhellten und trübten , und die der Machtspruch des spätern Alters nur entschlummern hieß , aber nicht vernichten konnte . Deshalb fürchtete er Frau von Willnangens zu weiche Theilnahme für Gabrielen , jetzt da diese an dem ihre ganze Zukunft bestimmenden Wendepunkt ihres Lebens stand , und achtete es für Pflicht , in ihrer Nähe zu bleiben , um sie mit starker väterlicher Hand zu fassen , zu stützen , zu leiten , sobald es Noth thäte . Die kleine Reise ward in wenigen Tagen , und ohne alle Abenteuer zurückgelegt . Gabrielens stille Heiterkeit während derselben hatte zwar oft einen höchst wehmüthigen Ausdruck , der aber nie in wilderen Schmerz , in tiefere Trauer ausartete . Die Reisegesellschaft kam über Eger nach Karlsbad , und die Gegend in der Nähe dieses ersten Ziels ihrer Reise , besonders aber die mit keinem andern Badeorte zu vergleichende Einfahrt in das Städtchen selbst , entzückte sie alle . » Warlich , « rief Auguste , » es verlohnt sich der Mühe , alle Jahre nach Karlsbad zu reisen , einzig um darin anzukommen . Ich wollte , ich könnte , so lange wir hier bleiben , wenigstens jede Woche einmal die Freude haben , mich so lustig vom Thürmer anblasen zu hören . während ich am Fuß dieser prächtigen Felsen unter den wilden Rosenbüschen hinrolle und ihre Wälder , ihre schimmernde Kreuze , ihre Pyramidenzacken hoch über mir sehe . « Gabriele lehnte indessen schweigend zum Wagen hinaus , ihr Blick ruhte auf den Felsen , ihre Gedanken flogen der Heimath zu . So , ja eben so umstarrte hohes Gebirge das alte Schloß , in welchem sie das Licht der Sonne zuerst erblickt hatte . Nicht so geschmückt mit jeder Anmuth der Kultur und einer üppigen Vegetation , aber doch diesem ähnlich , nur beinah enger noch und tiefer , war das stille Thal , in welchem sie an der Hand ihrer Mutter zu wandeln pflegte . Seit sie Schloß Aarheim verließ , war sie immer in der Ebne geblieben , nur ganz von Ferne hatte sie mit der allen im Gebirge gebornen eignen Sehnsucht ihre lieben blauen Berge zu sich herüber schimmern gesehen . Beinahe ein Jahr war vorübergezogen , seit sie von ihnen schied . Ihr war , als kehre sie in diesem Augenblick wieder heim zu ihnen aus der fernen Welt , welche sie mit so wenig Erwartungen betreten hatte , in der sie so unendlich viel fand , was nur noch in der Erinnerung ihr gehörte , und von der sie , ohnerachtet ihrer Jugend , jetzt zu wissen glaubte , daß sie ihr nichts weiter mehr zu bieten habe als ein Grab . Der wirkliche Eintritt in Karlsbad und in ihre freundliche Wohnung riß sie aus ihren trüben Träumen , und Augustens herzliche Freude an allen neuen Umgebungen erweckte auch sie zur Theilnahme . Bald gewahrte sie sich selbst in einer neuen Welt . Die geputzten Brunnengäste , welche an dem wunderschönen lauen Sommerabend unter ihrem Fenster auf- und abgingen , schienen ihr unzählbar , so daß die große lebensreiche Stadt welche sie eben verlassen hatte , ihr wie todt dünkte gegen diesen kleinen , einem Ameisenhaufen ähnlichen Fleck Erde , und sie sich an dem ungewohnten Schauspiel fast eben so sehr ergötzte als Auguste . Der Julimonat , und mit ihm die Zeit , während welcher Karlsbad am glänzendsten erscheint , war über die Hälfte vorübergezogen , als Frau von Willnangen mit ihren Begleitern dort anlangte . Einige fürstliche Personen , die bisher einen kleinen Hof gebildet hatten , welcher den vornehmern Brunnengästen einen , alle übrige ausschließenden Vereinigungspunkt gewährte , hatten sich schon zur Nachkur in andere Bäder begeben . Täglich sah man lange Reihen mit Koffern hochgepackter großer Berlinen über die Wiese ziehen , in welchen vornehme Familien ihnen nacheilten . Dennoch blieb die Gesellschaft noch immer zahlreich genug , um keine Lücke merkbar werden zu lassen , und neue Ankömmlinge ersetzten täglich die Stelle der Abreisenden . Frau von Willnangen besaß unter vielen angenehmen Eigenschaften auch die , sich überall , wohin sie kam , leicht anzusiedeln und heimisch zu werden . Auf Reisen wußte sie dem aller ungemüthlichsten Gasthofszimmer in wenigen Minuten ein wohnliches Ansehen zu geben , ohne daß man sonderlich bemerken konnte , was sie darin verändert habe . Wo sie an fremden Orten längere Zeit blieb , da gewannen alle ihre Umgebungen bald einen so behaglich-häuslichen Anstrich , daß jedem wohl darin ward , dem es erlaubt war , sich ihr zu nahen . Darum sammelte sich auch in Karlsbad wie überall ein sehr angenehmer Kreis der Liebenswürdigsten und Gebildetsten um sie her . Es war als ob sie durch einen Zauberspruch alle an sich zöge , die zu diesen gezählt werden durften , oder als ob sie ein Zeichen an sich trüge , an dem die Gleichgestimmten sie erkannten . Dennoch wunderte sich jeder , der sie zum erstenmal sah , wie diese einfache , weder durch jugendlichen Reiz noch glänzenden Witz ausgezeichnete Frau dazu gekommen sey , der Mittelpunkt der Gesellschaft zu werden , so anspruchlos und zuvorkommend war sie in ihrem Betragen gegen Alle . Gabrielen hatte der Arzt nur ein paar Gläser des Theresienbrunnens , als des schwächsten von allen , zu trinken erlaubt , damit sie sich doch auch mit Ehren in die Reihe der Brunnengäste stellen dürfe ; denn es ist nichts unangenehmer , als bei einem , Allen gemeinschaftlichen Zweck , allein ausgeschlossen zu bleiben . Frühes Aufstehen , Bewegung in der vom Duft der Bergkräuter und frischem Waldeshauch erfüllten Luft , und vor allem Rückkehr zu der regelmäßigen Lebensart , deren sie während dieses Winters sich hatte entwöhnen müssen , waren die eigentlich ihr vom Arzt verordnete Kur , und der Erfolg bewies , daß er in der Wahl nicht geirrt hatte . Gabriele , die jetzt eben ihr siebzehntes Jahr vollendete , blühte von Tage zu Tage schöner auf . Der Rosenglanz der Gesundheit gab ihr einen neuen Reiz , ohne den fast ätherischen Ausdruck zu zerstören , der von ihrer frühsten Jugend an sie ausgezeichnet und ihr das Ansehn einer Bewohnerin andrer Welten gegeben hatte . Dabei lag in ihrem freundlichanspruchlosen Wesen etwas so unaussprechlich liebliches , daß jedermann sich zu ihr gezogen fühlen mußte , obgleich der stille Ernst , mit dem sie das Leben nur als Zuschauerin zu betrachten schien , niemanden zu näherer Vertraulichkeit aufforderte . Unter den Reisegesellschaftern der Frau von Willnangen war Ernesto der Einzige , der mit dem Ton und überhaupt dem Leben in Karlsbad nicht recht zufrieden seyn wollte . Sie selbst war zu oft sowohl hier als an ähnlichen Orten gewesen , um mehr von ihnen zu fordern , als sie ihrer jetzigen Einrichtung nach leisten können . Augustens heitre Natur befand sich in ihrer Mutter und Gabrielens Gesellschaft überall wohl , und diese freute sich zwar der herrlichen Umgegend , war aber in ihrer innern Welt noch zu befangen , um sonst noch Ansprüche irgend einer Art an die äußre zu machen . Anders aber verhielt es sich mit Ernesto . Dieser hatte noch nie zuvor einen Brunnenort besucht , denn zu der Zeit , da er im frühen Jünglingsalter Deutschland verließ , um die Ausbildung seines Talents in Italien zu suchen , war es noch nicht wie jetzt Gebrauch , die Bäder als Erholungsorte zu betrachten . Eine Badereise betrachtete man damals als einen großen Entschluß , und fast immer nur als den letzten Versuch zu genesen , ja der Ausspruch des Arztes , welcher die Kranken dorthin verwies , klang den mehresten von ihnen wie ein halbes Todesurtheil . Daher kannte sie Ernesto nur aus lobpreisenden Aufsätzen in Zeitschriften und hochtönenden , an Ort und Stelle verfertigten Beschreibungen , die ihn freilich weit mehr erwarten ließen , als er fand . » Wir sitzen hier ganz vortrefflich , « sprach er einst in halb unmuthiger , halb zufriedner Stimmung zu der Gesellschaft , die sich an einem warmen Nachmittag , im Schatten der schönen Bäume vor dem böhmischen Saal recht häuslich niedergelassen hatte . » Wir sitzen hier ganz vortrefflich . Frau von Willnangen macht die angenehme Wirthin , als wäre sie zu Hause , die übrigen Damen arbeiten an allerliebsten Kleinigkeiten , und wir Männer führen weise Gespräche . Uns ist wohl ! aber wir bilden doch einen Staat im Staate , und das ist hier nicht recht . Mir wenigstens thut mitten in meiner Glückseligkeit das Herz weh , wenn ich die einzelnen Paare ansehe , die dort auf der Wiese und hier in den Alleen langweilig und langsam neben einander herschlendern . Da Gott hier für alle und jede seinen Segen in den Quellen fließen läßt , so sollten auch wir niemanden von unsern Vergnügungen ausschließen und alle zusammen darnach streben , daß allgemeine Freude die ganze Brunnengesellschaft zu einer Familie vereine . « Die Gesellschaft , an welche Ernesto diese Worte richtete , bestand außer den Hausgenossen der Frau von Willnangen noch aus der im nördlichen Deutschland einheimischen Familie des Baron Wallburg . Dieser bewohnte mit seiner Frau , zwei Töchtern und einem Sohne den obern Stock des nehmlichen Hauses , von welchem Frau v. Willnangen die erste Etage inne hatte . Nicht sowohl diese nahe Nachbarschaft , als vielmehr eine gewisse Uebereinstimmung in ihrer Lebensweise hatte beide Familien zuerst einander näher gebracht . Gegenseitiges Gefallen , besonders des jüngern Theils derselben , machte sie in kurzer Zeit zu unzertrennlichen Gefährten in allen der Geselligkeit geweihten Stunden . General Lichtenfels , ein heitrer Greis , und sein Neffe Adelbert gehörten als frühere Bekannte des Barons Wallburg mit zu dem kleinen Kreise , in welchem Adelbert der einzige bedeutend Kranke war . Ehrenvoll im Kriege erhaltene , aber übel geheilte Wunden hatten diesen nach Karlsbad geführt , um Genesung oder doch wenigstens Linderung zu suchen . Im Innern schien er noch schmerzlicher verletzt zu seyn als im Aeußern , denn alle seine Züge trugen tiefe Spuren eines verzehrenden Kummers . Gewöhnlich nahm er nur schweigenden Antheil an der Gesellschaft , und schien gern in Gabrielens Nähe sich zu halten , deren ebenfalls nicht fröhliche Stimmung der seinen am besten zusagte . Sein ihn väterlich liebender und von ihm kindlich verehrter Oheim war einzig ihn zu begleiten , nach Karlsbad gekommen , und es gewährte einen eignen rührenden Anblick , wenn der alte eisgraue aber noch immer rüstige Krieger die schöne hohe Gestalt des jüngern unterstützte , der , von einer Fußwunde gelähmt