fuhr sie fort , » ist von der Wichtigkeit des augenblicklichen Gesprächs höchlich überzeugt ; dabei gehe vorüber , sagt sie , was kein Buch enthält , und doch wieder das Beste , was Bücher jemals enthalten haben . Deshalb machte sie mir ' s zur Pflicht , einzelne gute Gedanken aufzubewahren , die aus einem geistreichen Gespräch , wie Samenkörner aus einer vielästigen Pflanze , hervorspringen . Ist man treu , sagt sie , das Gegenwärtige festzuhalten , so wird man erst Freude an der Überlieferung haben , indem wir den besten Gedanken schon ausgesprochen , das liebenswürdigste Gefühl schon ausgedrückt finden . Hiedurch kommen wir zum Anschauen jener Übereinstimmung , wozu der Mensch berufen ist , wozu er sich oft wider seinen Willen finden muß , da er sich gar zu gern einbildet , die Welt fange mit ihm von vorne an . « Angela fuhr fort , dem Gaste weiter zu vertrauen , daß dadurch ein bedeutendes Archiv entstanden sei , woraus sie in schlaflosen Nächten manchmal ein Blatt Makarien vorlese ; bei welcher Gelegenheit denn wieder auf eine merkwürdige Weise tausend Einzelnheiten hervorspringen , eben als wenn eine Masse Quecksilber fällt und sich nach allen Seiten hin in die vielfachsten unzähligen Kügelchen zerteilt . Auf seine Frage , inwiefern dieses Archiv als Geheimnis bewahrt werde , eröffnete sie : daß allerdings nur die nächste Umgebung davon Kenntnis habe , doch wolle sie es wohl verantworten und ihm , da er Lust bezeige , sogleich einige Hefte vorlegen . Unter diesem Gartengespräche waren sie gegen das Schloß gelangt , und in die Zimmer eines Seitengebäudes eintretend , sagte sie lächelnd : » Ich habe bei dieser Gelegenheit Ihnen noch ein Geheimnis zu vertrauen , worauf Sie am wenigsten vorbereitet sind . « Sie ließ ihn darauf durch einen Vorhang in ein Kabinett hineinblicken , wo er , freilich zu großer Verwunderung , seinen Felix schreibend an einem Tische sitzen sah und sich nicht gleich diesen unerwarteten Fleiß enträtseln konnte . Bald aber ward er belehrt , als Angela ihm entdeckte , daß der Knabe jenen Augenblick seines Verschwindens hiezu angewendet und erklärt , Schreiben und Reiten sei das einzige , wozu er Lust habe . Unser Freund ward sodann in ein Zimmer geführt , wo er in Schränken ringsum viele wohlgeordnete Papiere zu sehen hatte . Rubriken mancher Art deuteten auf den verschiedensten Inhalt , Einsicht und Ordnung leuchtete hervor . Als nun Wilhelm solche Vorzüge pries , eignete das Verdienst derselben Angela dem Hausfreunde zu ; die Anlage nicht allein , sondern auch in schwierigen Fällen die Einschaltung wisse er mit eigener Übersicht bestimmt zu leiten . Darauf suchte sie die gestern vorgelesenen Manuskripte vor und vergönnte dem Begierigen , sich derselben sowie alles übrigen zu bedienen und nicht nur Einsicht davon , sondern auch Abschrift zu nehmen . Hier nun mußte der Freund bescheiden zu Werke gehen , denn es fand sich nur allzuviel Anziehendes und Wünschenswertes ; besonders achtete er die Hefte kurzer , kaum zusammenhängender Sätze höchst schätzenswert . Resultate waren es , die , wenn wir nicht ihre Veranlassung wissen , als paradox erscheinen , uns aber nötigen , vermittelst eines umgekehrten Findens und Erfindens rückwärtszugehen und uns die Filiation solcher Gedanken von weit her , von unten herauf wo möglich zu vergegenwärtigen . Auch dergleichen dürfen wir aus oben angeführten Ursachen keinen Platz einräumen . Jedoch werden wir die erste sich darbietende Gelegenheit nicht versäumen und am schicklichen Orte auch das hier Gewonnene mit Auswahl darzubringen wissen . Am dritten Tage morgens begab sich unser Freund zu Angela , und nicht ohne einige Verlegenheit stand er vor ihr . » Heute soll ich scheiden « , sprach er , » und von der trefflichen Frau , bei der ich gestern den ganzen Tag leider nicht vorgelassen worden , meine letzten Aufträge erhalten . Hier nun liegt mir etwas auf dem Herzen , auf dem ganzen innern Sinn , worüber ich aufgeklärt zu sein wünschte . Wenn es möglich ist , so gönnen Sie mir diese Wohltat . « » Ich glaube Sie zu verstehen « , sagte die Angenehme , » doch sprechen Sie weiter . « - » Ein wunderbarer Traum « , fuhr er fort , » einige Worte des ernsten Himmelskundigen , ein abgesondertes , verschlossenes Fach in den zugänglichen Schränken , mit der Inschrift : Makariens Eigenheiten , diese Veranlassungen gesellen sich zu einer innern Stimme , die mir zuruft , die Bemühung um jene Himmelslichter sei nicht etwa nur eine wissenschaftliche Liebhaberei , ein Bestreben nach Kenntnis des Sternenalls , vielmehr sei zu vermuten : es liege hier ein ganz eigenes Verhältnis Makariens zu den Gestirnen verborgen , das zu erkennen mir höchst wichtig sein müßte . Ich bin weder neugierig noch zudringlich , aber dies ist ein so wissenswerter Fall für den Geist- und Sinnforscher , daß ich mich nicht enthalten kann anzufragen : ob man zu so vielem Vertrauen nicht auch noch dieses Übermaß zu vergönnen belieben möchte ? « - » Dieses zu gewähren , bin ich berechtigt « , versetzte die Gefällige . » Ihr merkwürdiger Traum ist zwar Makarien ein Geheimnis geblieben , aber ich habe mit dem Hausfreund Ihr sonderbares geistiges Eingreifen , Ihr unvermutetes Erfassen der tiefsten Geheimnisse betrachtet und überlegt , und wir dürfen uns ermutigen , Sie weiterzuführen . Lassen Sie mich nun zuvörderst gleichnisweise reden ! Bei schwer begreiflichen Dingen tut man wohl , sich auf diese Weise zu helfen . Wie man von dem Dichter sagt , die Elemente der sichtlichen Welt seien in seiner Natur innerlichst verborgen und hätten sich nur aus ihm nach und nach zu entwickeln , daß ihm nichts in der Welt zum Anschauen komme , was er nicht vorher in der Ahnung gelebt : ebenso sind , wie es scheinen will , Makarien die Verhältnisse unsres Sonnensystems von Anfang an , erst ruhend , sodann sich nach und nach entwickelnd , fernerhin sich immer deutlicher belebend , gründlich eingeboren . Erst litt sie an diesen Erscheinungen , dann vergnügte sie sich daran , und mit den Jahren wuchs das Entzücken . Nicht eher jedoch kam sie hierüber zur Einheit und Beruhigung , als bis sie den Beistand , den Freund gewonnen hatte , dessen Verdienst Sie auch schon genugsam kennen lernten . Als Mathematiker und Philosoph ungläubig von Anfang , war er lange zweifelhaft , ob diese Anschauung nicht etwa angelernt sei ; denn Makarie mußte gestehen , frühzeitig Unterricht in der Astronomie genossen und sich leidenschaftlich damit beschäftigt zu haben . Daneben berichtete sie aber auch : wie sie viele Jahre ihres Lebens die innern Erscheinungen mit dem äußern Gewahrwerden zusammengehalten und verglichen , aber niemals hierin eine Übereinstimmung finden können . Der Wissende ließ sich hierauf dasjenige , was sie schaute , welches ihr nur von Zeit zu Zeit ganz deutlich war , auf das genaueste vortragen , stellte Berechnungen an und folgerte daraus , daß sie nicht sowohl das ganze Sonnensystem in sich trage , sondern daß sie sich vielmehr geistig als ein integrierender Teil darin bewege . Er verfuhr nach dieser Voraussetzung , und seine Calculs wurden auf eine unglaubliche Weise durch ihre Aussagen bestätigt . So viel nur darf ich Ihnen diesmal vertrauen , und auch dieses eröffne ich nur mit der dringenden Bitte , gegen niemanden hievon irgendein Wort zu erwähnen . Denn sollte nicht jeder Verständige und Vernünftige , bei dem reinsten Wohlwollen , dergleichen Äußerungen für Phantasien , für übelverstandene Erinnerungen eines früher eingelernten Wissens halten und erklären ? Die Familie selbst weiß nichts Näheres hievon , diese geheimen Anschauungen , die entzückenden Gesichte sind es , die bei den Ihrigen als Krankheit gelten , wodurch sie augenblicklich gehindert sei , an der Welt und ihren Interessen teilzunehmen . Dies , mein Freund , verwahren Sie im stillen und lassen sich auch gegen Lenardo nichts merken . « Gegen Abend ward unser Wanderer Makarien nochmals vorgestellt ; gar manches anmutig Belehrende kam zur Sprache , davon wir nachstehendes auswählen . » Von Natur besitzen wir keinen Fehler , der nicht zur Tugend , keine Tugend , die nicht zum Fehler werden könnte . Diese letzten sind gerade die bedenklichsten . Zu dieser Betrachtung hat mir vorzüglich der wunderbare Neffe Anlaß gegeben , der junge Mann , von dem Sie in der Familie manches Seltsame gehört haben und den ich , wie die Meinigen sagen , mehr als billig , schonend und liebend behandle . Von Jugend auf entwickelte sich in ihm eine gewisse muntere , technische Fertigkeit , der er sich ganz hingab und darin glücklich zu mancher Kenntnis und Meisterschaft fortschritt . Späterhin war alles , was er von Reisen nach Hause schickte , immer das Künstlichste , Klügste , Feinste , Zarteste von Handarbeit , auf das Land hindeutend , wo er sich eben befand und welches wir erraten sollten . Hieraus möchte man schließen , daß er ein trockner , unteilnehmender , in Äußerlichkeiten befangener Mensch sei und bleibe ; auch war er im Gespräch zum Eingreifen an allgemeinen , sittlichen Betrachtungen nicht aufgelegt , aber er besaß im stillen und geheimen einen wunderbar feinen praktischen Takt des Guten und Bösen , des Löblichen und Unlöblichen , daß ich ihn weder gegen Ältere noch Jüngere , weder gegen Obere noch Untere jemals habe fehlen sehen . Aber diese angeborne Gewissenhaftigkeit , ungeregelt wie sie war , bildete sich im einzelnen zu grillenhafter Schwäche ; er mochte sogar sich Pflichten erfinden , da wo sie nicht gefordert wurden , und sich ganz ohne Not irgendeinmal als Schuldner bekennen . Nach seinem ganzen Reiseverfahren , besonders aber nach den Vorbereitungen zu seiner Wiederkunft , glaube ich , daß er wähnt , früher ein weibliches Wesen unseres Kreises verletzt zu haben , deren Schicksal ihn jetzt beunruhigt , wovon er sich befreit und erlöst fühlen würde , sobald er vernehmen könnte , daß es ihr wohl gehe , und das Weitere wird Angela mit Ihnen besprechen . Nehmen Sie gegenwärtigen Brief und bereiten unsrer Familie ein glückliches Zusammenfinden . Aufrichtig gestanden : ich wünschte , ihn auf dieser Erde nochmals zu sehen und im Abscheiden ihn herzlich zu segnen . « Eilftes Kapitel Das nußbraune Mädchen Nachdem Wilhelm seinen Auftrag umständlich und genau ausgerichtet , versetzte Lenardo mit einem Lächeln : » So sehr ich Ihnen verbunden bin für das , was ich durch Sie erfahre , so muß ich doch noch eine Frage hinzufügen . Hat Ihnen die Tante nicht am Schluß noch anempfohlen , mir eine unbedeutend scheinende Sache zu berichten ? « Der andere besann sich einen Augenblick . » Ja « , sagte er darauf , » ich entsinne mich . Sie erwähnte eines Frauenzimmers , das sie Valerine nannte . Von dieser sollte ich Ihnen sagen , daß sie glücklich verheiratet sei und sich in einem wünschenswerten Zustande befinde . « » Sie wälzen mir einen Stein vom Herzen « , versetzte Lenardo . » Ich gehe nun gern nach Hause zurück , weil ich nicht fürchten muß , daß die Erinnerung an dieses Mädchen mir an Ort und Stelle zum Vorwurf gereiche . « » Es ziemt sich nicht für mich zu fragen , welch Verhältnis Sie zu ihr gehabt « , sagte Wilhelm ; » genug , Sie können ruhig sein , wenn Sie auf irgendeine Weise an dem Schicksal des Mädchens teilnehmen . « » Es ist das wunderlichste Verhältnis von der Welt « , sagte Lenardo ; » keinesweges ein Liebesverhältnis , wie man sich ' s denken könnte . Ich darf Ihnen wohl vertrauen und erzählen , was eigentlich keine Geschichte ist . Was müssen Sie aber denken , wenn ich Ihnen sage , daß mein zauderndes Zurückreisen , daß die Furcht , in unsere Wohnung zurückzukehren , daß diese seltsamen Anstalten und Fragen , wie es bei uns aussehe , eigentlich nur zur Absicht haben , nebenher zu erfahren , wie es mit diesem Kinde stehe . Denn glauben Sie « , fuhr er fort , » ich weiß übrigens sehr gut , daß man Menschen , die man kennt , auf geraume Zeit verlassen kann , ohne sie verändert wiederzufinden , und so denke ich auch bei den Meinigen bald wieder völlig zu Hause zu sein . Um dies einzige Wesen war es mir zu tun , dessen Zustand sich verändern mußte und sich , Dank sei es dem Himmel , ins Bessere verändert hat . « » Sie machen mich neugierig « , sagte Wilhelm . » Sie lassen mich etwas ganz Besonderes erwarten . « » Ich halte es wenigstens dafür « , versetzte Lenardo und fing seine Erzählung folgendermaßen an . » Die herkömmliche Kreisfahrt durch das gesittete Europa in meinen Jünglingsjahren zu bestehen , war ein fester Vorsatz , den ich von Jugend auf hegte , dessen Ausführung sich aber von Zeit zu Zeit , wie es zu gehen pflegt , verzögerte . Das Nächste zog mich an , hielt mich fest , und das Entfernte verlor immer mehr seinen Reiz , je mehr ich davon las oder erzählen hörte . Doch endlich , angetrieben durch meinen Oheim , angelockt durch Freunde , die sich vor mir in die Welt hinausbegeben hatten , ward der Entschluß gefaßt , und zwar geschwinder , ehe wir es uns alle versahen . Mein Oheim , der eigentlich das Beste dazu tun mußte , um die Reise möglich zu machen , hatte sogleich kein anderes Augenmerk . Sie kennen ihn und seine Eigenheit , wie er immer nur auf eines losgeht und das erst zustande bringt , und inzwischen alles andere ruhen und schweigen muß ; wodurch er denn freilich vieles geleistet hat , was über die Kräfte eines Particuliers zu gehen scheint . Diese Reise kam ihm einigermaßen unerwartet ; doch wußte er sich sogleich zu fassen . Einige Bauten , die er unternommen , ja sogar angefangen hatte , wurden eingestellt , und weil er sein Erspartes niemals angreifen will , so sah er sich als ein kluger Finanzmann nach andern Mitteln um . Das Nächste war , ausstehende Schulden , besonders Pachtreste , einzukassieren ; denn auch dieses gehörte mit zu seiner Art und Weise , daß er gegen Schuldner nachsichtig war , solange er bis auf einen gewissen Grad selbst nichts bedurfte . Sein Geschäftsmann erhielt die Liste ; diesem war die Ausführung überlassen . Vom einzelnen erfuhren wir nichts ; nur hörte ich im Vorbeigehen , daß der Pachter eines unserer Güter , mit dem der Oheim lange Geduld gehabt hatte , endlich wirklich ausgetrieben , seine Kaution zu kärglichem Ersatz des Ausfalls innebehalten und das Gut anderweit verpachtet werden sollte . Es war dieser Mann von Art der Stillen im Lande , aber nicht , wie seinesgleichen , dabei klug und tätig ; wegen seiner Frömmigkeit und Güte zwar geliebt , doch wegen seiner Schwäche als Haushalter gescholten . Nach seiner Frauen Tode war eine Tochter , die man nur das nußbraune Mädchen nannte , ob sie schon rüstig und entschlossen zu werden versprach , doch viel zu jung , um entschieden einzugreifen ; genug , es ging mit dem Mann rückwärts , ohne daß die Nachsicht des Onkels sein Schicksal hätte aufhalten können . Ich hatte meine Reise im Sinn , und die Mittel dazu mußt ' ich billigen . Alles war bereit , das Packen und Loslösen ging an , die Augenblicke drängten sich . Eines Abends durchstrich ich noch einmal den Park , um Abschied von den bekannten Bäumen und Sträuchen zu nehmen , als mir auf einmal Valerine in den Weg trat : denn so hieß das Mädchen ; das andere war nur ein Scherzname , durch ihre bräunliche Gesichtsfarbe veranlaßt . Sie trat mir in den Weg . « Lenardo hielt einen Augenblick nachdenkend inne . » Wie ist mir denn ? « sagte er ; » hieß sie auch Valerine ? Ja doch « , fuhr er fort ; » doch war der Scherzname gewöhnlicher . Genug , das braune Mädchen trat mir in den Weg und bat mich dringend , für ihren Vater , für sie ein gutes Wort bei meinem Oheim einzulegen . Da ich wußte , wie die Sache stand , und ich wohl sah , daß es schwer , ja unmöglich sein würde , in diesem Augenblick etwas für sie zu tun , so sagte ich ' s ihr aufrichtig und setzte die eigne Schuld ihres Vaters in ein ungünstiges Licht . Sie antwortete mir darauf mit so viel Klarheit und zugleich mit so viel kindlicher Schonung und Liebe , daß sie mich ganz für sich einnahm und daß ich , wäre es meine eigene Kasse gewesen , sie sogleich durch Gewährung ihrer Bitte glücklich gemacht hätte . Nun waren es aber die Einkünfte meines Oheims ; es waren seine Anstalten , seine Befehle ; bei seiner Denkweise , bei dem , was bisher schon geschehen , war nichts zu hoffen . Von jeher hielt ich ein Versprechen hochheilig . Wer etwas von mir verlangte , setzte mich in Verlegenheit . Ich hatte mir es so angewöhnt abzuschlagen , daß ich sogar das nicht versprach , was ich zu halten gedachte . Diese Gewohnheit kam mir auch diesmal zustatten . Ihre Gründe ruhten auf Individualität und Neigung , die meinigen auf Pflicht und Verstand , und ich leugne nicht , daß sie mir am Ende selbst zu hart vorkamen . Wir hatten schon einigemal dasselbe wiederholt , ohne einander zu überzeugen , als die Not sie beredter machte , ein unvermeidlicher Untergang , den sie vor sich sah , ihr Tränen aus den Augen preßte . Ihr gefaßtes Wesen verließ sie nicht ganz ; aber sie sprach lebhaft , mit Bewegung , und indem ich immer noch Kälte und Gelassenheit heuchelte , kehrte sich ihr ganzes Gemüt nach außen . Ich wünschte die Szene zu endigen ; aber auf einmal lag sie zu meinen Füßen , hatte meine Hand gefaßt , geküßt , und sah so gut , so liebenswürdig flehend zu mir herauf , daß ich mir in dem Augenblick meiner selbst nicht bewußt war . Schnell sagte ich , indem ich sie aufhob : Ich will das Mögliche tun , beruhige dich , mein Kind ! und so wandte ich mich nach einem Seitenwege . Tun Sie das Unmögliche ! rief sie mir nach . - Ich weiß nicht mehr , was ich sagen wollte , aber ich sagte : Ich will , und stockte . Tun Sie ' s ! rief sie auf einmal , mit einem Ausdruck von himmlischer Hoffnung . Ich grüßte sie und eilte fort . Den Oheim wollte ich nicht zuerst angehen , denn ich kannte ihn nur zu gut , daß man ihn an das Einzelne nicht erinnern durfte , wenn er sich das Ganze vorgesetzt hatte . Ich suchte den Geschäftsträger ; er war weggeritten ; Gäste kamen den Abend , Freunde , die Abschied nehmen wollten . Man spielte , man speiste bis tief in die Nacht . Sie blieben den andern Tag , und die Zerstreuung verwischte jenes Bild der dringend Bittenden . Der Geschäftsträger kam zurück , er war geschäftiger und überdrängter als nie . Jedermann fragte nach ihm . Er hatte nicht Zeit , mich zu hören : doch machte ich einen Versuch , ihn festzuhalten ; allein kaum hatte ich jenen frommen Pachter genannt , so wies er mich mit Lebhaftigkeit zurück : Sagen Sie dem Onkel um Gottes willen davon nichts , wenn Sie zuletzt nicht noch Verdruß haben wollen . - Der Tag meiner Abreise war festgesetzt ; ich hatte Briefe zu schreiben , Gäste zu empfangen , Besuche in der Nachbarschaft abzulegen . Meine Leute waren zu meiner bisherigen Bedienung hinreichend , keineswegs aber gewandt , das Geschäft der Abreise zu erleichtern . Alles lag auf mir ; und doch , als mir der Geschäftsmann zuletzt in der Nacht eine Stunde gab , um unsere Geldangelegenheiten zu ordnen , wagte ich nochmals , für Valerinens Vater zu bitten . Lieber Baron , sagte der bewegliche Mann , wie kann Ihnen nur so etwas einfallen ? Ich habe heute ohnehin mit Ihrem Oheim einen schweren Stand gehabt ; denn was Sie nötig haben , um sich hier loszumachen , beläuft sich weit höher , als wir glaubten . Dies ist zwar ganz natürlich , aber doch beschwerlich . Besonders hat der alte Herr keine Freude , wenn die Sache abgetan scheint und noch manches hintennachhinkt ; das ist nun aber oft so , und wir andern müssen es ausbaden . Über die Strenge , womit die ausstehenden Schulden eingetrieben werden sollen , hat er sich selbst ein Gesetz gemacht ; er ist darüber mit sich einig , und man möchte ihn wohl schwer zur Nachgiebigkeit bewegen . Tun Sie es nicht , ich bitte Sie ! es ist ganz vergebens . Ich ließ mich mit meinem Gesuch zurückschrecken , jedoch nicht ganz . Ich drang in ihn , da doch die Ausführung von ihm abhänge , gelind und billig zu verfahren . Er versprach alles , nach Art solcher Personen , um für den Augenblick in Ruhe zu kommen . Er ward mich los ; der Drang , die Zerstreuung wuchs ! ich saß im Wagen und kehrte jedem Anteil , den ich zu Hause haben konnte , den Rücken . Ein lebhafter Eindruck ist wie eine andere Wunde ; man fühlt sie nicht , indem man sie empfängt . Erst später fängt sie an zu schmerzen und zu eitern . Mir ging es so mit jener Begebenheit im Garten . Sooft ich einsam , sooft ich unbeschäftigt war , trat mir jenes Bild des flehenden Mädchens , mit der ganzen Umgebung , mit jedem Baum und Strauch , dem Platz , wo sie knieete , dem Weg , den ich einschlug , mich von ihr zu entfernen , das Ganze zusammen wie ein frisches Bild vor die Seele . Es war ein unauslöschlicher Eindruck , der wohl von andern Bildern und Teilnahmen beschattet , verdeckt , aber niemals vertilgt werden konnte . Immer erneut trat er in jeder stillen Stunde hervor , und je länger es währte , desto schmerzlicher fühlte ich die Schuld , die ich gegen meine Grundsätze , meine Gewohnheit auf mich geladen hatte , obgleich nicht ausdrücklich , nur stotternd , zum erstenmal in solchem Falle verlegen . Ich verfehlte nicht , in den ersten Briefen unsern Geschäftsmann zu fragen , wie die Sache gegangen . Er antwortete dilatorisch . Dann setzte er aus , diesen Punkt zu erwidern ; dann waren seine Worte zweideutig , zuletzt schwieg er ganz . Die Entfernung wuchs , mehr Gegenstände traten zwischen mich und meine Heimat ; ich ward zu manchen Beobachtungen , mancher Teilnahme aufgefordert ; das Bild verschwand , das Mädchen fast bis auf den Namen . Seltener trat ihr Andenken hervor , und meine Grille , mich nicht durch Briefe , nur durch Zeichen mit den Meinigen zu unterhalten , trug viel dazu bei , meinen frühern Zustand mit allen seinen Bedingungen beinahe verschwinden zu machen . Nur jetzt , da ich mich dem Hause nähere , da ich meiner Familie , was sie bisher entbehrt , mit Zinsen zu erstatten gedenke , jetzt überfällt mich diese wunderliche Reue - ich muß sie selbst wunderlich nennen - wieder mit aller Gewalt . Die Gestalt des Mädchens frischt sich auf mit den Gestalten der Meinigen , und ich fürchte nichts mehr , als zu vernehmen , sie sei in dem Unglück , in das ich sie gestoßen , zugrunde gegangen ; denn mir schien mein Unterlassen ein Handeln zu ihrem Verderben , eine Förderung ihres traurigen Schicksals . Schon tausendmal habe ich mir gesagt , daß dieses Gefühl im Grunde nur eine Schwachheit sei , daß ich früh zu jenem Gesetz , nie zu versprechen , nur aus Furcht der Reue , nicht aus einer edlern Empfindung getrieben worden . Und nun scheint sich eben die Reue , die ich geflohen , an mir zu rächen , indem sie diesen Fall statt tausend ergreift , um mich zu peinigen . Dabei ist das Bild , die Vorstellung , die mich quält , so angenehm , so liebenswürdig , daß ich gern dabei verweile . Und denke ich daran , so scheint der Kuß , den sie auf meine Hand gedrückt , mich noch zu brennen . « Lenardo schwieg , und Wilhelm versetzte schnell und fröhlich : » So hätte ich Ihnen denn keinen größern Dienst erzeigen können als durch den Nachsatz meines Vortrags wie manchmal in einem Postskript das Interessanteste des Briefes enthalten sein kann . Zwar weiß ich nur wenig von Valerinen : denn ich erfuhr von ihr nur im Vorbeigehen ; aber gewiß ist sie die Gattin eines wohlhabenden Gutsbesitzers und lebt vergnügt , wie mir die Tante noch beim Abschied versicherte . « » Schön « , sagte Lenardo : » nun hält mich nichts ab . Sie haben mich absolviert , und wir wollen sogleich zu den Meinigen , die mich ohnehin länger , als billig ist , erwarten . « Wilhelm erwiderte darauf : » Leider kann ich Sie nicht begleiten : denn eine sonderbare Verpflichtung liegt mir ob , nirgends länger als drei Tage zu verweilen und die Orte , die ich verlasse , in einem Jahr nicht wieder zu betreten . Verzeihen Sie , wenn ich den Grund dieser Sonderbarkeit nicht aussprechen darf . « » Es tut mir sehr leid « , sagte Lenardo , » daß wir Sie so bald verlieren , daß ich nicht auch etwas für Sie mitwirken kann . Doch da Sie einmal auf dem Wege sind , mir wohlzutun , so könnten Sie mich sehr glücklich machen , wenn Sie Valerinen besuchten , sich von ihrem Zustand genau unterrichteten und mir alsdann schriftlich oder mündlich - der dritte Ort einer Zusammenkunft wird sich schon finden - zu meiner Beruhigung ausführliche Nachricht erteilten . « Dieser Vorschlag wurde weiter besprochen ; Valerinens Aufenthalt hatte man Wilhelmen genannt . Er übernahm es , sie zu besuchen ; ein dritter Ort wurde festgesetzt , wohin der Baron kommen und auch den Felix mitbringen sollte , der indessen bei den Frauenzimmern zurückgeblieben war . Lenardo und Wilhelm hatten ihren Weg , nebeneinander reitend , auf angenehmen Wiesen unter mancherlei Gesprächen eine Zeitlang fortgesetzt , als sie sich nunmehr der Fahrstraße näherten und den Wagen des Barons einholten , der , von seinem Herrn begleitet , die Heimat wiederfinden sollte . Hier wollten die Freunde sich trennen , und Wilhelm nahm mit wenigen , freundlichen Worten Abschied und versprach dem Baron nochmals baldige Nachricht von Valerinen . » Wenn ich bedenke « , versetzte Lenardo , » daß es nur ein kleiner Umweg wäre , wenn ich Sie begleitete , warum sollte ich Valerinen nicht selbst aufsuchen ? warum nicht selbst von ihrem glücklichen Zustande mich überzeugen ? Sie waren so freundlich , sich zum Boten anzubieten ; warum wollten Sie nicht mein Begleiter sein ? Denn einen Begleiter muß ich haben , einen sittlichen Beistand , wie man sich rechtliche Beistände nimmt , wenn man dem Gerichtshandel nicht ganz gewachsen zu sein glaubt . « Die Einreden Wilhelms , daß man zu Hause den so lange Abwesenden erwarte , daß es einen sonderbaren Eindruck machen möchte , wenn der Wagen allein käme , und was dergleichen mehr war , vermochten nichts über Lenardo , und Wilhelm mußte sich zuletzt entschließen , den Begleiter abzugeben , wobei ihm wegen der zu fürchtenden Folgen nicht wohl zumute war . Die Bedienten wurden daher unterrichtet , was sie bei der Ankunft sagen sollten , und die Freunde schlugen nunmehr den Weg ein , der zu Valerinens Wohnort führte . Die Gegend schien reich und fruchtbar und der wahre Sitz des Landbaues . So war denn auch in dem Bezirk , welcher Valerinens Gatten gehörte , der Boden durchaus gut und mit Sorgfalt bestellt . Wilhelm hatte Zeit , die Landschaft genau zu betrachten , indem Lenardo schweigend neben ihm ritt . Endlich fing dieser an : » Ein anderer an meiner Stelle würde sich vielleicht Valerinen unerkannt zu nähern suchen ; denn es ist immer ein peinliches Gefühl , vor die Augen derjenigen zu treten , die man verletzt hat ; aber ich will das lieber übernehmen und den Vorwurf ertragen , den ich von ihren ersten Blicken befürchte , als daß ich mich durch Vermummung und Unwahrheit davor sicherstelle . Unwahrheit kann uns ebensosehr in Verlegenheit setzen als Wahrheit ; und wenn wir abwägen , wie oft uns diese oder jene nutzt , so möchte es doch immer der Mühe wert sein , sich ein für allemal dem Wahren zu ergeben . Lassen Sie uns also getrost vorwärtsgehen ; ich will mich nennen und Sie als meinen Freund und Gefährten einführen . « Nun waren sie an den Gutshof gekommen und stiegen in dem Bezirk desselben ab . Ein ansehnlicher Mann , einfach gekleidet , den sie für einen Pachter halten konnten , trat ihnen entgegen und kündigte sich als Herrn des Hauses an . Lenardo nannte sich , und der Besitzer schien höchst erfreut , ihn zu sehen und kennen zu lernen . » Was wird meine Frau sagen « , rief er aus , » wenn sie den Neffen ihres Wohltäters wiedersieht ! Nicht genug kann sie erwähnen und erzählen , was sie und ihr Vater Ihrem Oheim schuldig ist . « Welche sonderbare Betrachtungen kreuzten sich schnell in Lenardos Geist . » Versteckt dieser Mann , der so redlich aussieht , seine Bitterkeit hinter ein freundlich Gesicht und glatte Worte ? Ist er imstande , seinen Vorwürfen eine so gefällige Außenseite zu geben ? Denn hat mein Oheim nicht diese Familie unglücklich gemacht ? und kann es ihm unbekannt geblieben sein ? Oder « , so dachte er sich ' s mit schneller Hoffnung , » ist die Sache nicht so übel geworden