schon zu mir herüber , o lassen Sie mir Zeit , den Eingang zu suchen . « - » Ich habe nur Wünsche « , sagte er und verneigte sich mit Entsagung ; » die ersten und heißesten sind für Ihr Glück . Ich bin auf alles gefaßt , nur Sie auf immer zu verlieren , der Gedanke übersteigt meine Kraft . « - » Auch ich darf ihn nicht denken ! « rief ich und ergriff seine Hand ; » empfangen Sie meinen Schwur , daß , wie auch unser Verhältnis sich wende , ich mich nicht von Ihrer lieben Nähe trennen will , bis der Tod uns scheidet . « - » Oh , Virginia ! « rief er und hob meine Hand zwischen seinen gefalteten Händen empor , » welch einen himmlischen Trost geben Sie mir zum Reisegefährten . Nimmer will ich mehr verlangen , wenn Sie es nicht selber wünschen . « Mit freudestrahlendem Gesicht verließ er mich . Er hat der Familie seine Abreise angekündigt , die mißvergnügten Gesichter aber augenscheinlich durch den Zusatz aufgehellt , daß dies die letzte Fahrt sein solle und daß er dann eine Lebensart aufgeben werde , welche der Vater immer nur ungern zugelassen hat . Dieser hofft , ihn für sein Handlungshaus zu gewinnen , ich glaube , er trügt sich ; Williams Sinn strebt nach der Stille des Landlebens , ihm fehlt der spekulative Geist , dessen der Kaufmann bedarf . So muß ich denn diese Blätter schließen und siegeln ; mögen sie glücklich zu Dir gelangen , meine Adele . Mein ganzes Sein haucht Dir aus ihnen entgegen , nimm sie freundlich auf und tausche sie gegen andere von Deiner Hand aus , worauf ich so sehnlich hoffe . Gib mir Kunde von den Deinen , vorzüglich von Deiner guten Mutter ; grüße diese herzlich von mir . Schreib mir auch , ach , nur in wenigen Worten , was mein armes , liebes Frankreich macht . Glücklich scheint es nicht zu sein , es kommen viel Ausgewanderte hier an . Seit einigen Tagen verbreitet sich ein Gerücht , welchem ich aber keinen Glauben beimesse , die Schiffernachrichten sind öfters falsch . Übermorgen reise ich mit meinem kleinen Gefolge ab . Die Mutter schüttelt zwar sehr den Kopf zu dieser Wallfahrt , doch sie ist mit sorglicher Geschäftigkeit bemüht , alles zu ordnen und herbeizuschaffen , was ihr zu meiner Bequemlichkeit nötig scheint . Der Vater gibt mir Empfehlungsschreiben nach Baltimore und Washington mit . Philippine weint schon im voraus über die lange Trennung und tröstet sich nur durch mein Versprechen , daß ich dann auf immer bei ihr bleiben wolle . Es wird mir in der Tat schwer , mich von diesem Mädchen und von diesem freundschaftlichen Hause zu trennen ; aber der Zug nach Westen ist stärker als die Freundschaft , ja selbst stärker als meine Vernunft . Lebe wohl , meine Adele ! Tausendmal lebe wohl ! William eilt an Bord und nimmt Abschied von Deiner Virginia . Virginia an Adele Baltimore Glücklich bin ich hier mit meinem Gefolge angelangt , und ein Handelsfreund von Ellison hat sich nicht abhalten lassen , mich aufzunehmen . Unsre Reise war nur wenig verschieden von einer Reise in Frankreich , so kultiviert ist schon der Distrikt zwischen hier und Philadelphia ; nur waldiger ist das Land als dort und der Baumwuchs üppiger , saftvoller , auch gibt es mehr Viehzucht und mehr kleine zerstreute Besitzungen . An das Gemisch der verschiedenfarbigen Menschen , welches dem Reisenden anfangs sehr auffällt , habe ich mich schon gewöhnt . Von hier aus will ich erst nach Washington , um die Nachbildung jenes Kapitols zu sehen , wohin mein Geist so oft mich trug und welches jemals wirklich zu sehen mir nun jede Hoffnung entschwunden ist . Dann kehre ich hierher zurück , um von hier aus die große Wanderung zu den Seen anzutreten . Baltimore ist freundlich und um vieles lebhafter als Philadelphia . Es wohnen hier viele Franzosen . Meine Wirtsleute sind noch jung , besonders die Frau , ein Irländerin , voll Lebhaftigkeit und beweglich wie Quecksilber . Sie erzählt mir unaufhörlich ; schade nur , daß ich mich mit ihr so schlecht verständigen kann , denn sie spricht das Englische nach ihrer vaterländischen Mundart aus und kann wenig Französisch . Besonders wünschte ich mich über einen Teil ihrer Erzählungen vollständig unterrichten zu können , welcher mich seltsam anzieht . Sie spricht nämlich oft von den Freiwilligen von Baltimore , welche im vorigen Jahre Washington zu Hülfe gezogen , und daß darunter mehrere Ausländer gewesen . Unter diesen erwähnt sie oft eines jungen Franzosen , welcher lange in ihrem Hause gewohnt habe . Die Beschreibung scheint mir , wunderbarerweise , auf Mucius zu passen , auch der Name hat in ihrer Aussprache einige Ähnlichkeit , und so fest ich von der Unmöglichkeit seines Lebens überzeugt bin , so nimmt mein törichtes Herz doch einen Anteil an diesen Erzählungen , der mich mit Unruhe erfüllt . Gern möchte ich nun etwas Näheres über diesen Fremdling erfahren , möchte seine ferneren Schicksale , seinen jetzigen Aufenthalt wissen ; aber entweder weiß die gute Davson nur wenig , oder ich verstehe sie schlecht . Ich kann nicht einmal mit Bestimmtheit erfahren , ob er mit den Freiwilligen zurückgekehrt ist , sie spricht immer , » der gute junge Herr ist gegangen « . Ich entschloß mich , mit einer kleinen Schamröte , den Mann deshalb zu befragen . » Hat Ihnen meine Frau davon gesagt ? « fragte er mit einem finstern Blick , welchen ich noch gar nicht an ihm gesehen hatte . » Ich weiß nicht mehr als Betty « , setzte er hinzu , » es hat mich nicht interessiert . « Und damit brach er das Gespräch ab , welches ich nicht wieder anzuknüpfen wagte . Der Fremde ist ein Zankapfel zwischen dem Ehepaare gewesen , das bemerke ich wohl . Aber weshalb beunruhigt mich das ? warum ist mir seitdem die Schönheit der jungen Frau auffallender ? warum bemerke ich sie mit halbem Neide ? warum fällt mir ihre Lebhaftigkeit doppelt auf , wenn sie von dem Fremden spricht ? was geht das mich an ? Wahrhaftig , Deine Virginia ist recht kindisch ! lache sie nur tüchtig aus , und schilt sie zugleich . Sie scheint eifersüchtig auf einen Schatten und war es nie auf den lebenden Mucius . Auf jeden Fall aber wird dieser Umstand meine Abreise nach Washington beschleunigen . Es drängt mich hin zu dem Schauplatze , wo der Unbekannte gekämpft , vielleicht geblutet hat . Vergib mir , William ! dich konnte das törichte , undankbare Mädchen verlassen , und hier jagt es dem Truggebilde einer kranken Phantasie nach , dessen Urbild über den Sternen lebt . Guter William ! ich fürchte , so wird es immer sein . Mein Gefolge ist es sehr wohl zufrieden , daß wir bald weiterreisen . Meinen Negern gefällt der städtische Aufenthalt nicht . Corally , das schwarze Mädchen , kann gar nicht begreifen , wie man sich in einen so großen Ort einsperren könne , wo man gar keine Rasenplätze zum Tanzen , keine Blütengebüsche vor seiner Haustür habe . Ihr Bruder Ismael horchte auf die Erzählungen seines Vaters von der Lebensart der Wilden . Er hofft immer , einigen Stämmen am Ontario oder Erie zu begegnen und mit eigenen Augen ihr Treiben zu sehen . Dann aber sehnt er sich nach seiner Frau und seinen kleinen Buben zurück . Corally hat mir auch ganz heimlich vertraut , daß sie einen jungen Schwarzen gar liebhabe , er sei aber arm , müsse noch verdienen und sparen , denn Vaters kleines Feld könne keine neue Familie mehr ernähren . Gutes Kind der Natur , wie wenig bedarf es , dich zu beglücken ! Einige Morgen Land , eine Hütte , ein paar Kühe , und daran soll es dir bei unserer Rückkunft nicht fehlen . Washington So bin ich denn gestern eingezogen in diese Hauptstadt des freien Amerika , vielleicht bestimmt , dereinst der Neuen Welt Gesetze , Sprache und Sitten zu geben , wie Rom sie vormals der Alten gab . Möge sie sich nie zu Roms Üppigkeit und Übermut erheben , um einst zu sinken wie sie ! Welche Vergleichungen , welche Erinnerungen und Betrachtungen bieten sich hier bei jedem Schritte dar . Kühn und groß ist der Entwurf zu dieser großen Bundesstadt , wie überhaupt der Riesenbund dieser freien Staaten . Gebe das Schicksal Gedeihen ! die Saat ist vollwichtig , die Säemänner sind voll redlichen Eifers , und nur der Sonnenschein des Friedens ist not . Das Hagelwetter , welches jüngst vorübergeflogen , hat vieles zerstört . Prachtvolle Gebäude stehen dachlos und ausgebrannt , und der Mond scheint verwundert in die leeren Räume hinabzublicken . Die Säulen des Kapitols sind beschädigt von dem feindlichen Geschütz , aber die Säulen der Republik trotzen jedem Anfall , hier wird sich die Macht des neuen Karthago brechen . Unter Kämpfen ward hier das Riesenkind der Freiheit geboren , Kämpfe und Gefahren stärken seine Kräfte und ziehen es groß , wie die junge Eiche mitten unter Stürmen emporwächst . Mit stiller Ehrfurcht habe ich das noch nicht ganz vollendete Denkmal des großen Mannes besucht , dessen Name durch die Stadt selbst der späten Nachwelt überliefert wird und dessen Andenken in dem Herzen jedes Amerikaners lebt . Wahrlich , ein beneidenswerter Sterblicher , den selbst seine Gegner nicht zu verunglimpfen wagen ! Die einfachen Sitten seines Landes , die ruhige Art der hiesigen Entwickelung bewahrten ihn vor dem kühnen Auffluge , welchen unser französischer Adler nahm . Napoleon übertraf Washington an Geist und Energie , wurde aber von ihm an Mäßigung und stiller Bürgertugend weit übertroffen . Washington war der Cincinnatus des tugendhaften Roms , Napoleon der Caesar des verderbten . Beider Charakter leiden sowenig eine Vergleichung als die Lage ihrer Umgebungen . Das Gewühl des Hafens und die Tätigkeit , womit man die Brandstätte abräumt und den Schaden zu heilen strebt , hat mich mehrere Tage ergetzt und festgehalten ; daneben habe ich manche Forschung nach dem Unbekannten angestellt . Humphry Dyk , der Bediente von Ellison , ist mir dabei sehr nützlich gewesen , und ich habe diesen Menschen recht liebgewonnen , seines Diensteifers wegen . Aber ach , es ist alles vergebens , man weiß hier nichts von einem schwarzlockigen Franzosen , welcher unter den Freiwilligen von Baltimore sich befunden . Alle Behörden sind befragt , alle Krankenanstalten besucht worden ; hier ist er nicht , wenn er überhaupt noch lebt . » Was geht es mich an ! « rufe ich trotzig aus oder verlache mich selbst mit dieser kindischen Grille ; aber es hilft wenig , ich kann den Gedanken nicht loswerden . Das beste wird sein , daß ich mich bald von hier entferne , die Anstalten zu einer Reise und die immer wechselnden Gegenstände werden mich zerstreuen . Wann wird Virginia die Ruhe ihres Herzens wiederfinden ! Baltimore Hier bin ich wieder , und in voller Geschäftigkeit für meinen großen Zug . Wir haben uns , in der Tat , wie zu einer Entdeckungsreise gerüstet . Humphry hat fürchterliche Vorstellungen von der Ungastlichkeit der Gegenden , wohin wir gehen , ich lasse sie ihm , weil mir beiläufig der romantische Gedanke , durch Wildnisse zu irren , ein geheimes Vergnügen macht . Wir haben einen Wagen , mit zwei Pferden bespannt , gekauft und für den Zweck zurichten lassen . Gegen Regen und Sonne wird er durch eine Art von Zelt geschützt , welches nicht nur an den Seiten in die Höhe gewunden , sondern auch abgenommen und durch Stangen vergrößert werden kann . In diesem Wagen sitzen Corally und ich auf Sitzkasten , welche mit Decken und Wäsche angefüllt sind . Außerdem befindet sich ein großer Fächerkorb voll Lebensmittel und ein tüchtiges Flaschenfutter mit Wein und Rum , ein Bratspieß nebst dazugehörender blecherner Pfanne , sechs Teller aus Silberblech , ein kleiner kupferner Kessel , Messer , Gabeln und Löffel , einige leere Korbflaschen , einige hörnerne Becher , ein Beil , eine Matratze und ein Tragekorb auf demselben . Da hast Du unsre ganze wandernde Haushaltung . John hält uns für fürstlich ausgestattet , Humphry hätte gern noch mehr hinzugetan . Er und John befinden sich , zu unsrer Bedeckung , zu Pferde , sind mit guten Flinten bewaffnet und reichlich mit Pulver und Blei versehen ; Ismael macht den Kutscher . So werden wir nun morgen , in aller Frühe , unsere Wallfahrt antreten . Ich habe mich mit einem kleinen Reiseschreibzeuge versehen und werde ein ordentliches , an Dich gerichtetes Tagebuch halten , welches Du vielleicht einst erhältst . Mir hüpft das Herz vor Freude bei dem Gedanken an diese Pilgerfahrt . Das neue , ungekannte Leben reizt mich , und ich werde diese Nacht kaum schlafen können , wie die Kinder , welchen das ganze Leben meist noch fremd ist , schon vor einer Spazierfahrt nicht schlafen . Oh , wie ist man so selig , wenn man noch Kind ist ! da zieht uns nur der Blumenhügel an , welchen wir erreichen können , jetzt schließen kaum die blauen Berge und das Meer mein Sehnen ein . Den 20. Junius Wir sind vor Tage aufgebrochen , um in der Morgenkühle zu reisen . Die Sonnenhitze in den Mittagsstunden ist jetzt unerträglich , wir werden dann an einem schattigen Orte rasten , wo Wasser in der Nähe ist und Weide für unsere Pferde . Heute trafen wir einige artige Meiereien an , wo wir uns mit herrlicher Milch und mit Eiern versahen , welche nebst dem frischen Fleisch , welches wir aus Baltimore mitgebracht hatten , eine leckere Mahlzeit gaben . Zur Nacht haben wir bei dem Hause eines Pflanzers haltgemacht . Mein Gefolge wird draußen , bei Vieh und Gerät , Corally und ich werden in dem Hause schlafen . Von hier aus möchten wir wohl nicht oft mehr ein Obdach finden ; je weiter wir gegen das Gebirge kommen , desto sparsamer werden die Wohnungen , und doch habe ich diesen Weg vorgezogen , statt auf Albany zu gehen , die Gegend wird hier viel romantischer . Die Kinder unsres Wirtes sehen mir neugierig zu , wie ich beim Schein ihres Küchenfeuers schreibe . » Was machst du da ? « fragt ein kleiner Knabe . » Ich spreche mit meiner Schwester « , erwidere ich , » welche da über dem großen Wasser wohnt . « - » Mit den Fingern ? « sagt er und sieht mich kopfschüttelnd an . » Ich zeichne die Worte auf dies Papier , wie du dort ein Pferd mit Kohle auf die Wand gemalt hast « , gebe ich zur Antwort . Er blickt hinein und sagt : » Du mußt an kein Pferd , an keinen Vogel , keinen Baum , kein Haus gedacht haben , ich kenne kein einziges von deinen Worten . « Den 26. Junius Die Landschaft wird wilder , aber unbeschreiblich schön . Wir machen nur kleine Tagereisen , um unser Vieh bei der Hitze zu schonen . Bis jetzt haben wir noch immer Wohnungen angetroffen , wo wir Geflügel , Milch , Eier und Früchte kaufen konnten . Diese Nacht brachten wir zum erstenmal im Freien , am Saum eines Waldes , zu , wo ein klarer Quell uns mit vortrefflichem Wasser versorgte , und auch jetzt , indem ich dies schreibe , lagern wir am Fuß eines Berges , welcher dicht mit Ahorn und weißen Zedern bewachsen ist ; hundert Schritte von uns braust ein Waldstrom durch eine Bergschlucht hinab . John und Humphry sind auf die Jagd gegangen , und Ismael dreht den Bratspieß , Corally hat Wasser geschöpft in unsern Kessel und bereitet die Lager , ich stehe der kleinen Küche vor , die Pferde weiden neben uns . Du glaubst nicht , welchen eigentümlichen Reiz dieses Nomadenleben hat , selbst für den kultivierten Menschen ; ich wundre mich gar nicht , daß die Eingeborenen es nicht verlassen mögen . Den 30. Junius Schon seit vier Tagen irren wir in den Gebirgen umher , uns bloß nach der Sonne und den Gestirnen richtend , worauf sich John sehr gut versteht . Oft denke ich mir , wie Du Dich ängstigen würdest , Du weintest ja ehmals fast jedesmal , wenn auf unsern Spaziergängen die Turmspitze von Chaumerive sich uns versteckte , aus Furcht , Dich zu verirren . Hier sind wir deshalb ganz unbesorgt , denn diese Wildnisse sind so überraschend schön , daß man sie nie wieder verlassen möchte . Die Waldvögel über unsern Häuptern lassen ihre hundertfältigen , oft so fremden und seltsamen Stimmen hören , Erdbeeren und die Beeren anderer Rankengewächse röten den Rasen an den Abhängen der Berge , von deren Wipfeln neugierige Gazellen auf uns herniederblicken . Wir leben zum Teil von dem Ertrage der Jagd , welche hier nicht mühsam ist , da das Wild sich nicht sehr scheu und furchtsam zeigt ; auch die Eier einiger Wasservögel haben wir schon häufig an sumpfigen Stellen gefunden . Ich schlafe unter dem Zelte ; die Nächte sind kalt , aber entzückend schön durch ihre Klarheit , und mit Vergnügen betrachte ich die neuen Sternbilder , welche ich sonst nur auf der Himmelskarte antraf . Mein Schlaf ist vortrefflich , ein wenig Rum , mit Wasser , Ei und Zucker vermischt , mein Frühstück , wenn wir , mit dem ersten Anbruch der Morgenröte , uns auf den Weg machen . Den 5. Julius Wir haben , auf mancherlei Umwegen , die südliche Spitze des Eriesees glücklich erreicht und müssen hier einen Rasttag halten , denn unsere Pferde sind ziemlich erschöpft . Das Land war schon in den letzten Tagereisen flach und offen . Der See gewährt einen schönen Anblick , die jenseitigen Ufer sind nur in einzelnen nebeligen Punkten bemerkbar . John hat mehrere Wasservögel geschossen , welche unsere Mahlzeiten würzen . Er späht überall nach den Wilden umher , deren Wiedersehen ihm sehr am Herzen liegt ; ich selber bin auf ein solches Zusammentreffen höchst gespannt . Den 8. Julius Unser Wunsch wurde erfüllt . Der Zufall wollte , daß grade von dem Stamme , mit welchen John verschwistert ist , ein Trupp von sechs Männern und vier Weibern in ihren Canots über den See kam , um auf die Rehjagd zu gehen , welche hier am Fuße des Alleghany-Gebirges sehr ergiebig ist . John wurde sehr bald von ihnen als ihr Bruder erkannt , und die Freude war von beiden Seiten unbeschreiblich . Er zeigte ihnen seine Kinder , und sie erklärten , daß diese auch die ihrigen wären . Sie brachten uns mit großer Gastfreiheit die Beute ihrer Jagd zum Geschenk ; wir bewirteten sie dagegen mit Rum und gekochten Speisen und teilten unsern Vorrat an Reis und Zwieback mit ihnen , unsre Männer gaben ihnen den größten Teil ihres Tabaks . Ich schmückte die Weiber mit allem , was ich an Glasperlen , einfachen Ringen , Bändern und entbehrlichen Tüchern besaß ; das Freundschaftsbündnis war in kurzem auf das engste geknüpft . Sie lagerten sich in unserer Nähe und geleiteten uns heute eine ganze Strecke . Der Abschied schien ihnen sehr wehe zu tun , doch trösteten sie sich mit der Hoffnung , uns bei unserer Rückkunft von dem großen Wasserfalle , wohin wir nach ihrer Meinung wallfahrten , um den Großen Geist anzubeten , wiederzusehn . Auch John war gerührt bei dem Scheiden von diesen herzlichen Kindern der Natur , und er hat mir nachher wiederholt versichert , daß , wenn er nicht Frau und Kinder daheim hätte , er der Versuchung kaum würde haben widerstehen können , mit ihnen in ihr Land zurückzukehren . Ich begreife leicht , wie anziehend diese ungebundene Lebensart für den sein muß , welcher die Sprache dieser Völker kennt und seine Bedürfnisse noch nicht zu weit über die ihrigen hinaus gesteigert hat . Den 11. Julius Wir sind heute zu einer mittelmäßigen Meierei gelangt , welche an den Ufern eines kleinen Flusses liegt , der sich ungefähr vier Stunden von hier in den Eriesee ergießt . Der Boden ist sehr fruchtbar , der Mais steht vortrefflich und verspricht einen fünfzigfältigen Ertrag . Obstbäume umgeben die niedere Wohnung und verstecken sie fast , alle beugen ihre Zweige unter der Last der Früchte . Kirschen , Aprikosen , Birnen , Melonen sind von ganz vorzüglicher Güte , die Pfirsich rötet sich schon , und der Zider wird gewiß ebenso trefflich und reichlich gewonnen werden als im vorigem Herbste . Wir trinken jetzt davon und werden unser fast geleertes Flaschenfutter damit füllen . Auch herrliches Gemüse gibt es hier . Kühe weiden umher , und an Geflügel fehlt es nicht . Die Natur versorgt diese glückliche Familie mit allem im Überfluß , was das physische Leben angenehm machen kann . Wöchentlich bringt der älteste Sohn des Hauses die Produkte , welche man nicht verzehren kann , auf einem einspännigen Karren nach Venago , welches fünf Stunden entfernt ist . Die Familie besteht , samt den Kindern , aus neunzehn Personen , worunter zwei deutsche Knechte sich befinden , welche sich auf sechs Jahre vermietet haben ; dies ist bei dem ärmern Teil der Ausgewanderten sehr gebräuchlich . Nach Ablauf der Dienstzeit erhalten sie eine Summe Geldes , Vieh , Getreide und dergleichen , um sich anzusiedeln . Bis dahin werden sie völlig zur Familie gerechnet und den Söhnen des Hauses gleich behandelt , genährt und gekleidet . Heiterkeit und Frohsinn malt sich auf allen Gesichtern der hiesigen Hausbewohner , und ich muß sie glücklich preisen in ihrer Abgeschiedenheit , welche sie gegen die tausend Plagen der Gesellschaft sicherstellt . Nur selten kehrt hier ein Reisender ein , wird aber dann auch mit der größten Gastfreundschaft empfangen , und man gedenkt seiner noch lange . Als etwas Seltenes wurde bemerkt , daß in dieser Woche schon zwei Fremde , nebst ihrem Führer , hier gewesen , welche gleichfalls nach dem Wasserfall wallfahrten . Wie es scheint , waren es Maler , denn der eine hatte die Landschaft gezeichnet und der zweiten Tochter ein kleines Stück von seiner Arbeit zum Andenken geschenkt . Das muntere Mädchen lobt deshalb ihn am meisten , während ihre ältere Schwester seinen schwermütigen Gefährten rühmt . Wir haben uns hier mit einer großen Menge frischer Lebensmittel versehn , es ist mir aber kaum gelungen , den guten Leuten den wahren Wert aufzudringen . Den 13. Julius Wir sind nur noch drei Stunden vom Niagara entfernt und hören den Fall wie das Rollen eines mächtigen Donners . Schon gestern den ganzen Tag tönte sein Getöse in der Ferne , und in der Nacht hinderte es mich lange am Schlaf . Wir haben hier haltgemacht , weil ich erst morgen zur Stelle kommen will ; ich habe mir dieses große Fest zu meinem Geburtstage aufgespart . Tausend Erinnerungen und Gefühle werden da auf mich einstürmen an diesem merkwürdigen Tage , wo die Kraft meines Volkes hochaufschäumte , wie diese Flut die türmenden Felsen überwand und dann auch in den Abgrund fiel . Wird dieser mächtigen Welle eine zweite folgen ? Es würde mir sehr unlieb sein , wenn ich morgen die beiden Reisenden dort fände , von welchen man in Woodhouse erzählte ; ich wäre gern allein . Heute sahen wir in einer ziemlichen Entfernung einige menschliche Figuren auf einer Hügelspitze sitzen . Ismael , dessen Auge am weitesten trägt , behauptete , sie schrieben , wie ich es oft abends zu tun pflegte ; wahrscheinlich aber zeichneten sie . Mein Herz fühlte sich zu ihnen hingezogen , so mächtig wirkt der Trieb der Geselligkeit im Menschen überall , und doch möchte ich , wie gesagt , gerade morgen nicht gern mit ihnen zusammentreffen , an einem Tage , wo ich so viel abzumachen gedenke mit meinem eigenen Herzen . Mein ganzes Leben wird mit den Bildern aller meiner Geliebten an mir vorübergehen . Hier will ich das Trauerfest feiern um meine teuern Verlorenen , und hier , wo der rohe Irokese betet zu dem Großen Geist , will auch ich zu ihm beten , daß er mich erleuchte in dem , was mir not tut . Noch immer erhält sich in mir die Ahndung , als werde hier der Wendepunkt meiner Gefühle sein , kaum werde ich schlafen können vor unruhiger Erwartung . Schon jetzt klopft mein Herz höher und schneller mein Puls - ich bin ein Kind , was wird ' s denn sein ? Ich muß etwas Kühlendes trinken und mit Corally schwatzen , das Schreiben erhitzt mich . Lebe wohl , Adele ! Gedenke Deiner Virginia . Den 14. Julius O Himmel und Erde , Adele , er ist ' s ! Wie ist die Welt so anders , anders der Mond , die Gestirne anders ! Er ist ' s ! meine Ahndung , der Unbekannte , der Geliebte , alles eins . Laß mich zu mir selbst kommen , mir schwindelt . Ich möchte Dir so gern mein Glück in seiner ganzen Fülle mitteilen , wie bisher meinen Schmerz , aber meine Hand zittert . Doch nur eines Namens bedarf es , und hundertmal rufe ich ihn dem Echo der Felsen zu , das Echo antwortet , als teilte es mein Gefühl . Warum kannst Du mir nicht antworten , Adele ! Auch Dir rufe ich ihn zu : » Mucius ! « Ja , Mucius ! die Toten kehren wieder . O könntet ihr auch wiederkehren , mein Vater , mein Emil , meine Mutter ! Aber ich umfasse euch alle in dem lieben Wiedergefundenen , auch Dich , Adele ; er ist mir Vater , Bruder , Freund . Auch mein Vaterland habe ich wieder , wo Mucius atmet , ist meine Welt ! Mein Kopf ist wüst , ich muß einige Stunden ruhen . Das höchste Glück ist fast schwerer zu tragen als der heftigste Schmerz . Welch ein Tag , der mir zum zweitenmal mein Leben , mein Glück , das Ziel meiner Wünsche schenkte ! Schlafe wohl , Adele , ich vermag nicht weiter ! Einige Tage später Für mich gibt es keine Zeit mehr . In meiner Seligkeit vergesse ich zu zählen , wie oft die Sonne auf- und untergeht . Nur die Kranken berechnen die Stunden , und die Gefangenen zeichnen einen Unglückstag nach dem andern an die Wand ihres Kerkers auf . Gern schreibt der Unglückliche seine Leidensgeschichte , der Glückliche erzählt lieber , die Feder teilt seine Wonne zu langsam mit . Und doch muß ich schreiben , wenn Du erfahren sollst , was ich vor allem gern zu Deiner Kenntnis brächte ; ich werde also oft ein Stündchen aufopfern müssen , um Dir von meinem Glücke Kenntnis zu geben , an welchem doch niemand so innigen Anteil nehmen kann als Du . Meine Erzählung wird sehr oft unterbrochen werden , da jedoch noch eine ziemliche Weile verlaufen wird , ehe Du diese Blätter erhältst , so werden die Bruchstücke sich schon nach und nach zu einem Ganzen gestalten , und so fange ich denn mit jenem wunderreichen Tage des Wiedersehns an . Wir hatten früh den letzten Ort unseres Nachtlagers verlassen und fuhren bis zum Fuße der Felsen , über welche sich der Niagara stürzt ; hier ließen wir Vieh und Gerät unter Ismaels Obhut , und John führte uns auf steilen Fußpfaden bis zu einer Höhe , von welcher wir den betäubenden , jede Beschreibung übertreffenden Wassersturz übersehen konnten . Wir waren alle ergriffen von diesem einzigen Schauspiele . Donnernd stürzt sich der Strom von Fels zu Fels , himmelhoch spritzt der Schaum empor , von der Sonne durchschienen , einem Goldregen gleich ; hundertfältige Regenbogen bilden sich an dem dichter herabfallenden Gewässer . Die Sprache ist zu mangelhaft , den Eindruck wiederzugeben , den das Auge kaum im ganzen aufzufassen vermag . Sprachlos standen wir lange und staunten vor uns hin , dann gab ich meiner Dienerschaft durch Winke zu verstehen , daß ich bis zu einer Abstufung des Felsens ohne Begleitung hinuntersteigen wolle , wohin ein bequemer Pfad führte und wo einige Wölbungen einen kühlen Aufenthalt zu bieten schienen ; ich wollte ungestört sein . Als ich um eine Ecke bog , erblickte ich ein männliches Wesen , welches in Gedanken verloren zu sein schien , und trat zurück . Der Fremde wurde mich gewahr und machte seinerseits gleichfalls eine Bewegung , um den Ort zu verlassen , so daß wir einander nach entgegengesetzten Richtungen auswichen , oft schüchtern rückwärts sehend . Nach vielleicht hundert ungewissen Schritten traten wir beide zugleich auf eine Anhöhe hinauf und standen , Bildsäulen gleich , einander gegenüber . Welche Gestalt ? Ich zitterte . Der Fremde beugte sich vorwärts , er hob die Arme . » Geben die Gräber ihre Toten zurück ? « rief eine bekannte Stimme . » Mucius oder sein Geist ? « fragte ich fast zu gleicher Zeit und lag in seinen Armen , verlor an seiner Brust das Bewußtsein . Als ich erwachte , befand ich mich im Schatten eines Felsenüberhanges , Mucius hielt mich umfaßt , Corally kniete zu meinen Füßen und suchte meine kalten Hände mit ihren Küssen zu erwärmen . Erhöhete Lebenskraft und Wärme kehrten durch meinen ganzen Körper zurück , sobald ich die Augen aufschlug , ich blickte ja in meinen Himmel . Des Weines bedurfte ich nicht , welchen der ehrliche John herbeigeholt hatte . » Miß Virginias Bruder ? « fragte Humphry etwas befremdet . » Ja , wohl Bruder , Vater und Vaterland ! « rief ich und umschlang den Heißgeliebten . » Mehr , mehr « , sagte Corally mit schlauem Lächeln , und Humphry blickte zweifelnd und finster vor sich hin . Mucius bat ihn und John , sich nach seinen Gefährten umzusehen , welche tiefer gegen die Wasserwand hinabgestiegen waren , und sie hierher zu führen , Corally setzte sich schweigend