zarteste Sittsamkeit zu beleidigen , das schöne Haar noch ungeordnet , in langen Locken sie umwallend , hielt sie den Säugling auf ihrem mütterlichen Schooße , ihm die Nahrung zu reichen , auf welche der Mensch durch den Wink der Natur in der Schöpfung des Weibes eine so heilige Anweisung erhalten hat . Lächelnd ließ oft der Kleine den blendenden Busen los , um mit den großen braunen , Erna so nah verwandten Augen zu ihr aufzublicken und ihren Tönen zu lauschen . Wenn sie dann das Haupt zu ihm herab bog , und ein Kuß der heiligsten Mutterliebe ihren Gesang unterbrach , faßte er die süße Quelle seiner Labung wieder , und erneuerte abwechselnd mit ihr dies kosende Spiel , von welchem Erna nicht ahnete , daß ein fremder Zeuge es beobachten könne . Nachdem sie verschiedene Melodieen , theils innig mit dem Kinde ihres Herzens beschäftigt , theils sichtbar sich in das Gebiet ernster und tiefer Gedanken verlierend , leise vor sich hingesungen hatte , ging sie auf einmal in die über , die wie ein Schwert der schärfsten Erinnerung in Alexanders Seele schnitt : Doux enfant Jesus ! sang sie , Donne moi le Saint Esprit Et toutes les vertus De ta mère Marie , Marie , Marie ! Ach , welche versunkene Welt , damals , als er zuerst diesen einfachen Gesang von ihr vernahm , noch voll blühender Hoffnungen , und jetzt so verödet , that sich von Neuem vor ihm auf , den bittersten Schmerz als Echo dieses Liedes weckend ! - Er konnte nicht länger bleiben - sein laut klopfendes Herz würde ihr seine Gegenwart verrathen , der Sturm der wildesten Gefühle in ihm ihn zu irgend einer Raserei hingerissen haben . Seltsam stritten sich die feindseligsten Empfindungen in ihm mit der weichen Wehmuth seines Busens . Er haßte , er verabscheute sie - und in demselben Augenblick war er sich doch am hellsten der unauslöschlichen Liebe bewußt , die siegreich ihre Macht an ihn bewährte , und die , wie er klar erkannte , kein Verhältnis jemals zu vertilgen im Stande sei . Wie dem in Todesgefahr Kämpfenden ein dunkler Instinct oft den Weg zur Rettung zeigt , so rief es laut in ihm : Fort - fort aus diesem Zauberkreise - fort , sobald als möglich ! VI Er schwankte in sein Zimmer zurück , und warf sich auf sein Lager . Da faßte er den Entschluß , noch heute das Haus zu verlassen , wo die Wunden seines Herzens , statt still zu vernarben , täglich bluten mußten , und je brennender der Eindruck war , den der erlauschte Anblick der Geliebten in einer so verführerischen Situation auf seine Seele gemacht hatte , je mehr sah er ein , wie sehr es Noth that , so schnell wie möglich den Versuch zu wagen , ob er zu verdrängen sei . Als daher nach einer Stunde Erna , wie gewöhnlich , völlig gekleidet aus ihrem Zimmer trat , ihm einen guten Morgen zu bieten , und nach seinem Befinden zu fragen , erwiederte er ohne Aufschub ihren freundlichen Gruß mit der Erklärung , daß er die erhaltene Erlaubnis des Arztes , die Luft wieder genießen zu dürfen , auf das endliche Verlassen dieses gastfreien Aufenthalts ausdehnen wolle , indem er vielleicht schon zu lange ihre Güte durch eine Pflege gemisbraucht habe , die er nun nicht mehr bedürfe , so süß sie ihm auch sei . Er habe daher Anstalten getroffen , sich in die Stadt bringen zu lassen , und bitte sie , seinen innigen Dank für ihre unvergeßliche Freundlichkeit und Milde , und - sein Lebewohl anzunehmen . Erna schien betroffen . Verlegen , da ihr keine Gründe einfielen , ihn zurückzuhalten , machte sie ihn leise darauf aufmerksam , daß es Linovsky befremden werde , ihn nicht mehr zu finden . Dieser , der sein diplomatisches Büreau in der Stadt hatte , und jeden Morgen dort seinen Geschäften widmete , war bereits in aller Frühe dahin gegangen . Aber Alexander erwiederte , daß er den ersten Ausgang , welchen er sich in der Stadt erlauben dürfe , benutzen werde , um auch ihm den Dank für seine gütige Aufnahme , den er ihm schuldig sei , persönlich darzubringen , und daß er sie ersuche , ihn einstweilen ihrem Gemahl bestens zu empfehlen , und seine plötzliche Entfernung mit manchen unvorhergesehenen Umständen zu entschuldigen , die ihn unerwartet jetzt nöthigten , sich von einem so liebenswürdigen Zirkel zu trennen . Erna war bewegt , aber sie wandte nichts mehr gegen seinen fest ausgesprochenen Vorsatz ein , sondern drückte ihn nur in wenigen , aber herzlichen Worten aus , wie leid es ihr sei , seine Pflege nicht vollenden zu sollen , und daß sie hoffe , er werde eben so sorgsam über sich wachen , als wenn ihr Auge noch sein Thun und Treiben beobachten könne . Der kleine Otto aber , der sich mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an ihn geheftet hatte , und fast nicht mehr von seiner Seite gekommen war , wollte seine Abreise durchaus nicht zugeben . Weinend und bittend hing er an ihm , und aller Trost des baldigen Wiedersehens , den seine gerührte Mutter ihm zuflüsterte , alle Versprechungen lockenden Spielzeugs , das Alexander ihm bei seinem nächsten Besuch mitzubringen gelobte , konnte seine heißen Thränen , seine schmerzlichen Klagen nicht stillen . Ergriffen von der warmen Anhänglichkeit des Knaben , hob Alexander ihn auf , und drückte , sanft ihn beschwichtigend , ihn an seine Brust . Indem schaute er Erna an - ihr Blick traf wie ein zündender Blitz den seinen . Ein unaussprechlicher Ausdruck von Wehmuth , Innigkeit und mühsam bezwungener Trauer glänzte in ihm , bis Perlen wie lichter Thau sich um die funkelnden Sterne sammelten , die er nun nicht mehr sehen sollte , und die allein des Daseyns Nacht ihm zu erleuchten vermochten . - Da konnte er seinen Gefühlen nicht länger gebieten . Der Wagen , den Benedikt aus der Stadt gebracht hatte , hielt vor der Thür , und mahnte ihn an die Nähe des unvermeidlichen Scheidens . Er gab der Mutter ihr weinendes Kind , und als sie noch einmal im flehenden Tone tieferschütterter Theilnahme ihn bat , doch sich recht zu schonen , und seine Wunden gut zu pflegen , schlug er sich heftig an die Stirn , indem er ausrief : diese werden wohl heilen , die im Herzen aber nie ! - Mit diesen Worten eilte er hinweg , sich in den Wagen werfend . Unwillkührlich , wie es schien , war Erna ihm bis zur Hausflur gefolgt , und als er noch einen Moment verweilen mußte , da Benedikt ' s Sorgsamkeit sich es nicht nehmen ließ , ihn gegen seinen Willen auf das vorsichtigste zu umhüllen , um ihn gegen alle rauhen und stoßenden Bewegungen des Wagens zu verwahren , erblickte er sie in einen Sessel hingesunken , ihr liebes Antlitz mit ihrem Tuche bedeckt , und Otto , dessen kindliche Aufmerksamkeit nun von seiner Entfernung abgezogen , sich zu ihr hingewandt hatte , und der , noch immer weinend , sich bemühte , an ihr emporzuklettern . In diesem Augenblick , der ihn den letzten Ueberrest besonnener Fassung raubte , hieb der Kutscher zum Glück auf die Pferde , die ihn in raschen Trab von dannen zogen . Ihm war , als erwache er aus einem Traume , und als habe das Verhängnis die Zügel ergriffen , und lenke mit jener geheimnisvollen Macht , der nichts widersteht , ihn gerade in der Secunde vom Rande des Abgrundes hinweg , in der er nahe daran war , sich selbst zu vergessen . VII Daß seine Gesundheit unter diesen neuen Erschütterungen litt , war natürlich . Sehr erschöpft und dumpf betäubt kam er in der Stadt an , und es dauerte mehrere Tage , ehe er von dem Stillstand auf dem Weg der Genesung sich zu weiterem Fortschreiten erholte . Als er wieder einige Kraft gewann , sollte sein erster Besuch wirklich ein Opfer der Höflichkeit seyn , und Linovsky gelten . Er freute sich , ihn nicht zu treffen , da er gern den Anblick des Beneidenswerthen vermied - und doch zuckte es mit allen Regungen der bittersten Empfindlichkeit und der Eifersucht durch seine Seele , als man ihm sagte : er sei bereits nach seinem Landhaus - folglich zu Erna - zurückgekehrt . Er beschloß nun , die ihm bestimmte Zeit der Gräfin zu widmen , und ging zu ihr . Noch hatte er niemand von seinen ehemaligen Bekannten begrüßt , und daher war seine Zurückkunft so verschwiegen geblieben , daß seine Erscheinung die Gräfin jetzt eben so überraschte , als erfreute . Hilf Himmel ! rief sie ihm entgegen , was für ein gespenstisches , wunderbares Wesen sind Sie doch geworden ! So plötzlich und spurlos aus unserer Mitte zu verschwinden - man weiß nicht wohin ? - und eben so unerwartet wieder aufzutreten , man weiß nicht woher ? - das ist ein Räthsel , das Sie mir durchaus lösen müssen , da mein eigener Scharfsinn es nicht vermag . Alexander parirte als ein geübter Wortfechter die Stöße ab , mit denen ihre Fragen seinem leicht verletzlichen Innern weh thaten . Statt sie zu beantworten , bat er sie , da er in dem sonst so bekannten Kreise gewissermaßen fremd durch seine lange Abwesenheit geworden sei , ihn wieder ein wenig zu orientiren , ehe er sich ihm von Neuem anschlösse , und sie führte bereits mit geläufiger Zunge alle bedeutenden Veränderungen , die indessen vorgefallen waren , an ihm vorüber , als ein neuer zu dem diplomatischen Corps gehörender Ankömmling , Baron H .... , gemeldet und angenommen wurde . Erst seit sehr kurzer Zeit war er bei dem hiesigen Hofe accreditirt , und die Gräfin - scherzhaft wie immer - suchte bereits sein Urtheil über das bunte Tulpenbeet der Damen zu erforschen , das - wie sie bei der letzten Cour bemerkt haben wollte - er mit genau prüfendem Kennerblick gemustert habe . Mit der Feinheit eines Hofmanns sprach der Baron seine Meinung behutsam aus , und es schwellte Alexander ' s Herz mit wehmüthig freudigen Regungen , als er , leicht über die blühende Schönheit mehrerer jungen Frauen und Mädchen hinweggleitend , den interessanten Ausdruck und die Anmuth und Lieblichkeit Erna ' s rühmte , der er , obgleich ihre Reize mehr zu rühren als zu blenden geeignet seien , den Vorzug vor allen übrigen einzuräumen schien . Ohne eben kränklich auszusehen , fügte er hinzu , ist in dieser seelenvollen Physionomie doch ein so mit Leiden vertrauter Zug enthalten , daß man von ihr mit Marmontel sagen möchte : on sent bien , que l ' amour à passé par là . Die Lebhaftigkeit der Gräfin gestattete nicht , daß das Gespräch lange bei einem Gegenstand verweilte . Gern hätte Alexander - wenn gleich aus dem Munde eines Fremden - noch mehr über Erna gehört ; allein nach einigen flüchtigen Minuten empfahl sich der Baron schon wieder , und nun stand er nicht an , diesen ihm so interessanten Faden wieder aufzufassen , und die Gräfin geradezu zu fragen : ob der Ausdruck einer leisen verschwiegenen Schwermuth , den auch er , während seines kurzen Aufenthalts bei ihr , in ihrem Wesen wahrgenommen habe , wohl wirklich auf einen geheimen Kummer deute , oder ob er vielleicht , ohne innere Beziehung , nur zufällig sei ? Lieber Freund , versetzte die Gräfin , Erna ist nicht allein in der Fülle der Vollkommenheit ihrer Eigenschaften , sondern auch in ihren Fehlern eine seltene und sonderbare Erscheinung . Verschlossen wie das Grab , dringt höchstens der Blick ihrer milzsüchtigen Auguste , kein anderer , in das streng umhüllte Heiligthum ihres eigentlichen Gefühls , und was ich Ihnen daher mittheilen kann , sind blos Vermuthungen , Beobachtungen und Combinationen , zu denen sie mir keineswegs den Schlüssel gab . Sie hat Linovsky wohl nur geheirathet , weil man von allen Seiten ihr seinen Werth pries , weil Auguste ihn als ein Muster männlichen Verdienstes anerkannte , weil er sich dringend um sie bewarb , und - weil sie wirklich nichts gegen ihn einzuwenden vermochte . Vielleicht hat sie auch geglaubt , ihn zu lieben - ich weiß es nicht - genug , sie gab ihm freiwillig aus Ueberzeugung , aus Vernunft , aus tiefgegründeter Achtung ihre Hand , und hat sich auch gewiß in seinem Charakter nicht geirrt - aber gleichwohl schien doch mit dem Hauch , der das bräutliche Ja von ihren Lippen entführte , ihr jugendlicher Frohsinn und die unbefangene Heiterkeit ihrer Stimmung zu verschwinden . Dazu kam noch , daß sein Hang zur Eifersucht sie , um nicht sowohl den Hausfrieden , als ihm die wohlthätige Stille eines nicht durch Leidenschaften aufgewühlten Gemüths zu erhalten , bald von allen geselligen Kreisen isolirte , den Hof ausgenommen , wo denn nun freilich die mächtig gebietenden Verhältnisse es wollen , daß sie sich dann und wann einmal zeigt . Um vielleicht eine schonende Hülle über die männliche Tirannei zu werfen , mit der seine Anmaßungen fodern , daß sie nur für ihn , und für keinen Genuß des Daseyns außer ihm lebe , bewog sie ihn , das Landhaus Sorgenfrei zu kaufen , dessen Lage ihr schon früher sehr gefallen . Dort richtete sie sich häuslich ein , und so sehr auch die Nähe der Stadt einen ausgebreiteten Umgang begünstigen würde , so scheuchte doch bald die finstere Gemüthsart ihres Gatten alle Besuchenden , vorzüglich männlichen Geschlechts , zurück , so daß immer vereinzelter , immer einsamer der stille Weg ihres Berufs sie von den Freuden der Welt entfernt , und blos auf Mann und Kinder und Augusten beschränkt . Selbst ich , die ich doch so oft in das Haus des * schen Gesandten kam , und sie daher genauer kenne , als die meisten Uebrigen der hiesigen Gesellschaft , sehe sie nur selten , weil ich es nicht verbergen kann , daß ich dem eigensüchtigen Menschen , der uns so viel Liebenswürdigkeit entzieht , um sie egoistisch ganz allein zu genießen , recht von Herzen gram bin . So klar nun auch ihr häusliches Leben scheint , daß man wähnt , in seine innersten Verhältnisse wie in einen Spiegel hineinschauen zu können , so will es mich doch selbst bei den nur höchst sparsamen Besuchen , die ich mir gestatte , dünken , als ob ein Wurm an ihrem Innern nage , den nur Frömmigkeit , Selbstbeherrschung und eine exemplarische Pflichterfüllung beschwichtigen . Aber ob Unzufriedenheit mit ihrer Lage , ob irgend eine geheime Neigung , oder körperliche Kränklichkeit - an die ich zuweilen bei dem zu frühen Erbleichen ihrer frischen Jugendblüthe wohl glaube - die Ursache ist - das kann ich nicht entscheiden , da ihr kaltes , schroffes Schweigen auch dem theilnehmendsten Forscher nicht entgegen kommt . Hat Erna vielleicht , fragte Alexander leise , ihrem Gemahl je Gelegenheit gegeben , eifersüchtig zu seyn ! Das nicht , erwiederte die Gräfin . Selbst die giftigste Verläumdung würde nicht im Stande seyn , auch nur einen Schein von Schuld auf ihren tadellosen Wandel zu werfen . Aber es geht ihm , wie dem Geizhals , der seinen köstlichen Diamant lieber in den Kasten verschließt , als ihn im Strahl der Sonne schimmern läßt , weil er meint , als verlöre er durch das bunte Farbenspiel , das Andere entzückt , an seinem inneren Werthe . Auguste ist die einzige Person , deren Nähe um Erna der Mysanthrop freundlich duldet , da sie ganz für ihn eingenommen ist , und sich auch gewiß willig als Cerberus leihen würde , wenn es einer solchen Kreatur bedürfte , um ein Elisium zu bewachen . Da aber dies Elisium sich durch eigene Strenge und Würde schützt , folglich nie für ihn zum Tartarus wird , so spielt sie statt der Rolle einer auflauernden Duenna nur die einer Freundin im Hause . VIII Diese Skizze von Erna ' s Leben und Verhältnissen gab Alexandern reichen Stoff zum Nachdenken mit nach Hause , und ließ ihn zugleich Linovsky ' s frostigen Empfang nicht als individuelle Abneigung , sondern nur als eine allgemeine Wirkung des unglücklichen Hanges zur Eifersucht erblicken , der sein Daseyn trübte , und - statt ihn auszuzeichnen , ihn nur nicht ausgeschlossen hatte . Dies flößte ihm Muth ein , eine Pflicht des Wohlstandes zu erfüllen , und sobald er sich nur völlig erholt hatte , durch einen Besuch in Sorgenfrei Erna sowohl als ihrem Gemahl zu zeigen , wie dankbar durchdrungen er von ihrer Höflichkeit und Güte sei . Er wählte absichtlich dazu einen Nachmittag , um Linovsky nicht zu verfehlen , weil er seinem mistrauischen Sinn keinen Anlaß zu dem Verdacht geben wollte , als habe er Erna irgend etwas allein zu sagen . Die Familie befand sich auf der Hausflur , die an Eleganz mit den Zimmern wetteifernd , als ein solches gebraucht wurde . Um den Theetisch versammelt , an welchem Erna präsidirte , Otto neben ihr , der kleine Wunibald auf einem Kissen zu ihren Füßen liegend , Auguste mit Arbeit beschäftigt , und Linovsky ein Buch in der Hand , aus welchem er vorzulesen geschienen hatte , stellte die kleine Gruppe , die sein scharfes Auge schon in der Ferne durch die weit geöffneten Glasthüren übersehen konnte , wirklich ein lieblich anziehendes Bild häuslicher Eintracht und häuslicher Freuden dar . Als sein Wagen vorfuhr , und man ihn erkannte , stand Linovsky auf , ihm entgegenzugehen . Da Alexander ihm sogleich als hauptsächlichen Grund seines Kommens den vergeblichen Versuch anführte ihn in der Stadt aufzufinden , um ihm doch endlich persönlich auszudrücken , wie innig verbunden er sich ihm für seine gastfreie Aufnahme fühle , so war der Empfang weniger steif und kalt , als er befürchtet hatte . Wie erstaunte er aber , als er die Stufen heraufstieg , und Erna von ihrem Platz verschwunden sah . Eine leise Ahnung durchbebte sein Inneres , daß sein Anblick sie nicht deshalb verscheucht habe , weil er ihr gleichgültig sei . Endlich kam sie wieder . Eine sanfte Röthe hatte sich über ihre Wangen ergossen - sie war jedoch die einzige verrätherische Andeutung eines aufgeregten Gemüths , denn wie immer thronte der Friede auf ihrer Stirn , die Ruhe in ihrem Lächeln . Theilnehmend , aber mit vorsichtiger Zurückhaltung , erkundigte sie sich nach seiner Gesundheit , freute sich , ihn wiederhergestellt zu sehen , und zog sich dann zu Augusten zurück , ihn dem ausschließlichen Gespräch mit Linovsky überlassend . Der kleine Otto hatte ihn mit stürmischer Freude begrüßt . Mehr noch als Peitsche , Steckenpferd , Trommel und Bilderbuch , und was die bunte Mannichfaltigkeit des mitgebrachten Spielzeugs noch sonst enthielt , schien die Wiederkehr des Freundes ihn zu entzücken , und diese seltene , uneigennützige Anhänglichkeit , diese tiefe Innigkeit des Gefühls in einem Kinde , hatte etwas so unbeschreiblich Rührendes , daß es begreiflich war , Erna davon erschüttert zu sehen . Auch Linovsky , stolz auf das Vatergefühl , das ihm dieser Knabe zueignete , bewährte durch eine immer milder sich Alexandern zuwendende Freundlichkeit die alte Erfahrung , daß nichts sicherer die Herzen der Eltern gewinnt , als das Wohlwollen , das man ihren Kindern schenkt . Denn Alexander erwiederte so von ganzem Herzen die Liebkosungen des Kleinen , sprach sich so warm und unverholen über seine herrlichen Anlagen , über sein tiefes Gemüth aus , daß Linovsky erfreut , von den Lippen eines Fremden bestätigt zu hören , was die eigene Ueberzeugung ihm oft zugeflüstert hatte , ein inniges Behagen an der Gerechtigkeit fand , die seinem Otto widerfuhr . Da nun noch überdem Alexander ' s kühner , freier , vom Leben gehärteter , und vom Schmerz geläuterter Sinn sich streng innerhalb der Schranken einer Vorsicht erhielt , die das Mistrauen eher einzuwiegen als zu erwecken vermochte , indem er Erna durchaus keine andere Aufmerksamkeit erwies , als die , die die allgemeine Höflichkeit der Frau vom Hause zu widmen pflegt , so schien es wirklich , als sey er Linovsky ' n ein willkommener Gast , und indem er ihn bat , zum Abendessen zu bleiben , äußerte er zugleich recht verbindlich , daß es ihn freuen werde , ihn öfterer zu sehen . Auguste hatte den eingeschlummerten Wunibald zu seiner Wiege getragen , und war nicht wiedergekehrt - ein Brief , der Linovsky ' n gebracht wurde , nöthigte ihn , sich auf eine Viertelstunde zu entfernen , um ihn zu beantworten - jetzt also fand sich Alexander mit Erna allein , da Otto , der schön wie ein Liebesgott zwischen beiden stand , seines zarten Alters wegen für keinen Zeugen zu rechnen war . Gleichwohl herrschte ein tiefes Schweigen zwischen ihnen ; denn zu voll gedrängten Gefühls waren diese Augenblicke , um den Anfang einer gleichgültigen Unterhaltung zuzulassen . Da ermannte sich Erna , und indem sie aufstand und ans Fenster trat , bat sie ihn als einen erfahrenen Botaniker und Blumisten um Rath über die Behandlung eines erkrankten Myrthenbäumchens , das sie , trotz aller Pflege , zu verlieren fürchtete . Er betrachtete es genau , und beugte sich tief zu ihm nieder , doch mehr , um die Bewegung zu verbergen , in der er war , als um seinen eigentlichen Zustand zu untersuchen . Eine unbeschreibliche Wehmuth überfiel ihn im Bewußtseyn verlorenen Lebensglücks . Es wird sich wieder erholen , sagte er dumpf . Denn welche Jugend hat nicht dürres Reis und welke Blüthen - welchen Glücklichen hienieden sproßt die Myrthe in ungestörter Heiterkeit ? Ein wenig frische Erde wird ihm wohl thun - - in ihr liegt Heilkraft für alle Krankheiten . - Da sah ihn Erna an mit einem Blick , dessen reine Klarheit , obwohl von Mitleid getrübt , ihn hoch empor über allen irrdischen Kummer hob . Wie Blumen Labung uns entgegenduften , so drang der goldene Frieden der Unschuld , ihn moralisch erquickend , aus ihrer Seele in die seine , und beschwichtigt schwiegen seine Schmerzen , als ihre sanfte Rede wie milder Balsam in seine Wunden floß . Doch nur momentan dauerte diese linde Befriedigung seines Innern . Diese schwermüthigen Aeußerungen habe ich nicht hervorrufen wollen , sagte sie mit freundlichem Ernst . Auch sind sie Ihrer Natur eigentlich fremd , die sich ja immer zum Frohsinn hinneigte . Warum sollte sie ihn jetzt verläugnen ? O halten Sie ihn fest - er ist eine so starke , sichere Stütze in den Stürmen des Lebens ! Tief erschüttert ergriff sie Alexander ' s dunkel glühender Blick . Dieser Rath kommt von Ihnen ? antwortete er bitter . In der That , das muß mich befremden . Wollen Sie meines gemishandelten Gefühls noch spotten ? Wer mir die Stütze raubte - darf mir noch rathen , sie festzuhalten ? Norbeck ! ich beschwöre Sie , nicht diesen Ton ! unterbrach ihn Erna . Er entfernt uns von dem Wege , auf dem ich gern neben Ihnen durchs Leben ginge , und auf dem allein ich es darf . Lassen Sie der Vergangenheit ihren Schleier , und ehren Sie gleich mir in allem , was er verhüllt , eine höhere Fügung , der der Mensch geduldig gehorchen muß . Wie ? rief Alexander aufs höchste aufgeregt , wollen Sie mich zur Gotteslästerung verleiten ? Menschliche Willkühr , menschliche Unversöhnlichkeit soll ich , statt über ihre Härte mich zu beklagen , noch mit kindlicher Unterwerfung als einen Rath der Vorsehung betrachten , die alle ihre Geschöpfe zum Glück berief , und auch mich nicht ausgeschlossen haben würde , wäre die jugendliche Uebereilung meines so oft und bitter bereueten früheren Betragens einer mein ganzes Leben vergiftenden Strafe entgangen ? Ja , fuhr er fort , ich habe damals , als das Glück Ihres Besitzes mir zugedacht war , es für unverträglich mit den lockenden Freuden der Freiheit gehalten , in denen ich schwärmte , und die ich in thörichter Verblendung für das höchste Gut auf Erden hielt - - ich habe unedle Mittel ergriffen , es von mir abzulehnen , indem ich selbst meinen moralischen Werth verkleinerte , um die Ueberzeugung hervorzubringen , als sei mein Charakter unwürdig , es zu erlangen . Leichtsinn , Unbesonnenheit rissen mich hin - und in der damals noch unentwickelten Knospe konnte ich nicht ahnen , welche Blüthe des Himmels , die meinen Lebensweg verschönert hätte , ich von mir stieß . Aber als ich Sie nun wieder sah , und eine glühende unaussprechliche Leidenschaft mich jetzt eben so wahrhaft zu Ihnen hinzog , als früherer Irrthum mich von Ihnen entfernte - ach - da konnte eine Reue , wie sie ja selbst den Himmel versöhnt , das racherfüllte Herz eines Mädchens nicht erweichen , und von seiner Unbarmherzigkeit zu unauslöschlichem Elend und ewigem Darben verdammt , soll ich noch für höhere Fügung halten , was meinem Daseyn alle Jugend , meiner Zukunft jede Hoffnung raubte ! - Thränen stürzten aus Erna ' s Augen . Ihre bittende Stellung und die tiefe Wehmuth ihrer Züge schien ihn um Schonung anzuflehen - aber er wand sich ab von ihr , seinen Sinn nur noch mehr zu verhärten , indem er sich selbst ihrem rührenden Anblick entzog . Ueberzeugt , daß er sich allein am ersten wiederfinden werde , und daß ihre Nähe ihn nur noch mehr reize , entfernte sie sich , und nahm den kleinen Otto mit sich , der nicht aufhören konnte zu fragen , weshalb der fremde Mann - so nannte er Alexandern - so bös auf Mama sei ? IX Wirklich erreichte Erna ihren Zweck . Denn als er sie nun neben sich vermißte , und die Unsicherheit des jeder Ueberraschung blosgestellten Orts bedachte , wo er sie so leicht in ihren ohnehin so beengten ehelichen Verhältnissen hätte auf das bitterste durch seine Heftigkeit compromittiren können , verschwand sein Zorn vor dem lebhaften Gefühl seines Unrechts , und so gern er auch auf der Stelle das Haus verlassen hätte , in welchem ihm so wehe und doch wiederum so wohl war , so schien es ihm doch eine unerläßliche Bedingung der Möglichkeit seiner Entfernung , erst ein Wort der Verzeihung von ihren Lippen mit sich hinwegzunehmen . Nach einigen Momenten , in denen er sich völlig zu sammeln strebte , kam Linovsky wieder zu ihm , verwundert , ihn so ganz allein zu finden . Er fragte seinen Bedienten , wo seine Frau sei , und erfuhr , daß sie den kleinen Otto zu Bett bringe . Ob er sich gleich sehr höflich gegen Alexandern entschuldigte , daß man ihn so unachtsam verlassen habe , so schien es ihm doch nicht unangenehm , zu bemerken , daß Erna so ganz und gar keine ausgezeichnete Notiz von ihrem Gaste zu nehmen schien , und sich in ihren gewöhnlichen häuslichen Beschäftigungen durch ihn keineswegs stören ließ . Erst bei ' m Abendessen kam sie wieder zum Vorschein . Beschämt vermochte Alexander Anfangs den Blick nicht zu ihr zu erheben , und als er es endlich über sich gewann , schärfte die milde Trauer , die mit ihrem gewöhnlichen Ernst verschmolzen war , noch das Bewußtseyn , wie sehr er sich an ihr vergangen habe , und er sehnte sich , ihre Vergebung und in ihr die Beruhigung zu erflehen , die er schmerzlich in seinem Busen vermißte . Doch so wohl sollte es ihm heute nicht werden . Obgleich sie an der Unterhaltung den Antheil nahm , den ihre Pflicht als Hausfrau von ihr foderte , so mischte sich doch eine gewisse , Ehrfurcht gebietende Strenge in ihren Ton , so wie in ihre Haltung , die seine fernen Schranken von ihr ihm sehr entschieden anwies . Je zurückgezogener und kälter sie sich aber gegen ihn benahm , je freundlicher war Linovsky , der , indem Alexander von seinen Reisen erzählte , den geistigen Nachhall froher Erinnerungen genoß , und auf diese Weise manchen Berührungspunkt fand , der ihm seinen Umgang um so angenehmer machte , da er sich durch ihn nicht von der Seite beunruhigt fühlte , wo er am leichtesten zu verwunden war . Er wiederholte daher beim Abschied recht herzlich die Bitte , bald wieder zu kommen , und erwiederte einige Tage darauf Alexander ' s Besuch , um ihn zum folgenden Mittag auf Sorgenfrei einzuladen , wo , wie er sagte , er die Bekanntschaft einiger interessanten Fremden machen werde . Wie willkommen war Alexandern nicht die ihm gegebene Gelegenheit , sich Erna wiederum zu nähern . Zwar hoffte er nicht auf die Gunst eines unbelauschten Gesprächs mit ihr , die , wenn auch der Zufall sie ihm freundlich gewähren würde , ihr Ernst und ihre Festigkeit doch gewiß ihm verweigert hätte . Aber der Entschluß , ihr schriftlich auszusprechen , was er litt , erleichterte sein schwer beladenes Gemüth , und in dem Geschäft , ihr zu schreiben , fand er Linderung seiner Quaalen . Wenden Sie Sich nicht unversöhnlich von dem Unglücklichen ab , begann sein Brief , der neben dem tiefen Schmerz , Sie auf ewig verloren zu haben , nicht noch Ihren Unmuth zu ertragen im Stande ist . Kaum darf ich es wagen , auf eine Zeit hinzudeuten , deren Erinnerung Ihnen nur bittere Gefühle , mir nur die heiße Gluth der Schaam darbietet . Es ist die Zeit unserer ersten Bekanntschaft - und ob es gleich schonender für uns beide wäre , sie in schweigende Vergessenheit zu begraben , so muß ich ihrer doch noch einmal erwähnen , wenn ich den einzigen Zweck erreichen will , der mir unter den Trümmern meines Daseyns noch des Strebens werth scheint , versöhnt nämlich mit Ihnen und bemitleidet von Ihrem Herzen auf immer von Ihnen zu scheiden , wenn mein Beruf mich - und vielleicht bald - zur blutigen Thätigkeit des Kriegs , und - - ich darf wohl hoffend und sehnend hinzufügen - zum Tode ruft . Ja , ich beschwöre