« Die Bauern sagten : » Das ist ganz richtig , aber es läßt sich nicht ändern . Man kann seine Aecker nicht auf den Rücken nehmen und an einen Haufen legen . « Oswald sprach : » Das könnet ihr , wenn ihr wollet , nun ihr den Plan vom Gemeindsbezirk habet und nun Jedermann weiß , wie groß jedes seiner Stücke ist . Aber ich sage euch , die Sache hat viel Schwierigkeiten . Ihr müsset mit einander die zerstreuten Stücke austauschen , so daß endlich Jeder sein Land im Zusammenhang hat , als ein einziges Stück . Da rede Jeder mit seinen Nachbarn und Anstößern . Entschädiget einander , wo der Eine ein paar Schuhe Land mehr oder bessern Boden hat , als der Andere . Und wenn Einer oder der Andere beim Tauschen wirklich etwas einbüßen sollte , so gewinnt er doppelt dadurch , daß er Alles beisammenliegend hat . Wo ihr nicht eins mit einander werdet , nehmet unparteiische Schätzer oder billige Schiedsrichter , oder ziehet Loose . Ich sage : lasset euch durch kein Hinderniß abschrecken , oder seid darum nicht zufrieden , weil ihr es jetzt seit vielen Jahren so gewohnt seid ; es kommt darauf an , daß ihr reicher werden könnet , ohne größere Mühe . « Als der erste Vorsteher so geredet hatte , ging die Gemeinde kopfschüttelnd aus einander . Zwar Alle sagten , der Gedanke sei gar gut ; aber man würde nun und nimmermehr einig werden . Inzwischen dachten doch Einige in müßigen Augenblicken daran , welches Stück von ihren Feldern sie wohl Dem und Diesem für das seinige geben könnten , das an das ihrige stieß . Sie fingen sogar zum Spaß an , davon mit den Angrenzern zu reden . Diesen war dann das Angebotene nicht allezeit gelegen , und wünschten ein anderes , das dem Dritten gehörte , zu empfangen . Da begrüßten beide Theile nun den Dritten . Einer stieß den Andern . Bald machte Jeder Plane für sich , seine Besitzungen auszurunden und in ein einziges Stück zu verbinden . In kurzer Zeit griffen die Unterhandlungen um sich . Manche gelang , manche scheiterte . Immer kam dabei etwas heraus . Es war in Goldenthal wie an einer Landversteigerung oder wie auf einem Gütermarkt , zumal im Winter , da man mehr müßige Stunden hatte und Abends zum Gespräch zusammenkam , bald bei Diesem , bald bei Jenem . Denn ins Wirthshaus zu gehen und das gute Geld durch die Gurgel zu jagen und einem Vieh gleich zu werden , schämten sich alle Ehrenleute im Dorfe . Lieber tranken sie ihr Glas bei Weib und Kind und mit denselben an einem Sonn- und Festtage . Oswald hatte es vorausgesagt : der Gütertausch hat Schwierigkeit ! So war es auch . Allein im ersten halben Jahr war es doch schon Fünfen fast ganz gelungen , all ihr Land beisammen zu haben . Das verdroß die Andern . Sie sahen den Nutzen davon sehr wohl ein . Nun setzten sie den Kopf daran , es auch so weit zu bringen . Das Gemeinhaus ward beständig besucht am Abend . Da standen immer einige Bauern vor der großen Karte , und handelten und stritten , daß man es draußen hörte , und liefen aus einander im Zorn , und traten wieder mit neuen Vorschlägen zusammen . Was war die Folge ? Von Jahr zu Jahr rundeten sich die Güter immer besser zu , und die guten Wirkungen wurden auffallend sichtbar . 30. Wie es im Goldmacherdorf aussah . Wohl war Goldenthal nun ein rechtes goldenes Thal . Da lag es mitten in den fruchtbarsten Gärten , wie vergraben in den vollen Obstbäumen , umringt von Wiesen und goldenen Saatfeldern , wie mitten im Paradiese . Die Feldwege zwischen den Aeckern waren wie Gartenwege sauber und eben , die Landstraßen auf beiden Seiten mit Obstbäumen besetzt , so weit der Gemeindsbezirk ging . Und trat man ins Dorf , so glaubte man in kein Dorf zu treten , sondern in einen stattlichen Marktflecken . Denn die Häuser waren , wenn auch nicht alle groß , doch alle schön und wohl unterhalten von oben bis unten ; die Fenster glänzend und hell ; die Thüren und Gesimse stets gewaschen oder frisch angestrichen ; die Dächer fast alle mit Ziegeln gedeckt , denn durch ein Gemeindsgesetz waren die Strohdächer wegen Feuersgefahr verboten . Und wurde ein neues Dach gedeckt , mußten es Ziegel sein . Auf mancher First sah man Blitzableiter , fast vor allen Fenstern Blumen ; neben den Häusern kleine Gärten , zierlich geordnet und daneben wohlgeschirmte Bienenkörbe . Die Leute grüßten Jeden so freundlich auf der Straße , und neckten einander im Vorbeigehen scherzend . Man sah es ihnen wohl an , daß sie unter einander gut lebten und mit ihrem Zustande vergnügt waren . Das konnte nicht anders sein . Sogar in der Woche bei Feld- und Gartenarbeit gingen Alle , zwar schlicht und einfach , aber doch reinlich gekleidet : man sah keine beschmierten , keine zerrissenen Gewänder . Es gab braune , von der Sonne verbrannte Gesichter , aber keine kothigen , mit struppigen Buschhaaren ; und die Kraft und Gesundheit lachte Allen aus den Augen . Die jungen Bursche in andern Dörfern sahen am liebsten nach den Goldenthaler Mädchen ; denn sie waren nicht nur wundernett und hübsch , sondern auch häuslich , geschickt und wirthlich . Mancher reiche Bauerssohn in andern Dörfern holte sich ein Mädchen aus dem Goldmacherdorf ; wenn es auch nicht viel Geld hatte , hatte es doch viele Tugenden . Und ging ein junger Mann aus Goldenthal auf die Heirath aus , so konnte er unter den Töchtern des Landes wählen . Man schlug einem Goldenthaler nie leicht die Tochter ab , wenn sie auch mehr Vermögen hatte ; denn man wußte , es war gar wohl angelegt . Das vermehrte den Wohlstand der Gemeinde nicht wenig . Daß man keine Bettler und Müßiggänger in Goldenthal sah , verstand sich . Aber man erblickte auch nicht einmal dem Anschein nach arme Leute . Denn sogar die Spittler hatten ihr sattes Essen und Trinken und ordentliches Gewand . Und trat man ins kleinste , ärmste Bauernhaus , so meinte man beinahe , es sei etwas recht Vornehmes darin . Die Fußböden waren so reinlich und gefegt , die Bänke , Stühle , Tische so ohne Flecken und Fehl , Fenster und Spiegel so hell - kurz , es war nicht wie in den Sauhütten mancher Bauern in andern Dorfschaften . Man bekam rechte Lust , da zu wohnen unter den Biederleuten . Während der Sommermonate , vom Frühjahr bis zum Herbst , war es an den Sonntagen bei schönem Wetter ein fröhliches Leben zu Goldenthal . Da wimmelte es von Besuchen aus der Stadt . Das große , neu ausgestattete Wirthshaus , welches - wer hätte es glauben sollen ? - einer von den zweiunddreißig armen Genossen des Goldmacherbundes durch Erb und Kauf an sich gebracht hatte , war angefüllt mit städtischen Familien , die Erfrischungen nahmen . Andere Familien kehrten in die Wohnungen ihnen bekannter Bauern ein : saßen da in den Gärten bei Milch , Obst , Honig und andern Näschereien des Dorfes ; oder lagerten sich plaudernd und spielend auf grünen Rasenplätzen , oder saßen auf den saubern Bänken vor den Häusern im Schatten weit vorragender Dächer , und sahen die auf- und abwandelnden bunten Reihen der Spaziergänger ; oder traten auf den Platz unter die Linde , wo die Jugend des Dorfes zuweilen tanzte beim heitern Gesang der Andern . Man kann leicht denken , die Herren und Frauenzimmer aus der Stadt waren für das Vergnügen , welches sie in Goldenthal genossen , nicht undankbar , und die von den gefälligen Landleuten angebrachten Bequemlichkeiten und Verschönerungen ihrer Häuser und Gärten trugen guten Zins . Selbst im Winter fehlte es nicht an Besuchen . Da wurden aus der Stadt Schlittenparthien nach Goldenthal gemacht . Wo konnte man ' s besser haben ? Die Leute in andern Dörfern sahen und hörten das und wunderten sich fast zu Tode , warum das bei ihnen nicht auch so sei ? Sie meinten in vollem Ernst , die Goldenthaler hätten geheime Künste . Statt aber sich nach diesen Künsten recht zu erkundigen , blieben sie ruhig auf ihrem alten Mist sitzen , und blieben , wie sie waren . Sie zeigten nur Neid und Mißgunst , wenn sie von Goldenthal sprachen , und spotteten und nannten es das Goldmacherdorf . Aber dieser Uebername war kein Uebelname . Auch machten sich die Goldenthaler nicht viel daraus . Denn wohin sie kamen , waren sie werthgehalten und geschätzt . Sie fuhren in ihrer guten Weise fort und waren dabei des Lebens froh . Hatten sie die ganze Woche gearbeitet , war jeder Sonntag ein rechter Ruhetag . Ins Wirthshaus freilich gingen die Goldenthaler nicht . Sie hatten ihren Labetrunk daheim . Aber auch im Winter tanzten da des Abends die jungen Leute bei guter Musik . Einige Männer und Knaben waren durch den Schulmeister Johannas Heiter im Spiel der Geigen und Flöten angeleitet worden . Sie hatten es ziemlich weit gebracht . Oft führten auch die jungen Sänger und Sängerinnen große Singstücke auf , wie man dergleichen kaum in der Stadt hörte . Die alten Männer und Frauen kamen familienweise des Abends zu einander ; da bewirtheten sie sich mit einfacher Kost , und hatten ihre muntern Gespräche . Von besoffenen Leuten , von Raufereien , von Prozessen , von Ausschweifungen anderer Art hörte man gar nicht . Denn mit dem Wohlstande und der bessern Erziehung , die aus der Schule stammte , hatte sich ein gewisses Ehrgefühl und eine Liebe zu anständigen Sitten unter den Bauern ausgebildet , wovon man sonst nicht leicht in andern Dörfern Aehnliches gewahr ward . Man kannte und unterschied sie schon beim ersten Anblick in der Stadt von Landleuten aus andern Gegenden . Sie waren in ihrer Tracht höchst einfach und säuberlich , in ihrer Rede sanft und bescheiden , in ihrem Benehmen offen und gutherzig . Sie trugen zwar keine feine Kleider , aber dafür war ihr Betragen fein . Man muß wohl nicht glauben , daß dies höfliche , ehrbare und löbliche Wesen eine reine Frucht der Erziehung oder des allgemeinen Wohlstandes allein gewesen ; es war auch eine Wirkung der Gemeindegesetze . Denn wie einige Bauern reicher geworden waren , hatte es gar nicht an solchen gefehlt , die wieder über die Schnur hieben und aus der Art zu schlagen drohten . Da wollten Einige hochmüthig werden , putzten ihre Töchter ungebührlich , kleideten sich in kostbares Tuch recht städtisch , und thaten in allen Dingen groß . Einige andere nahmen die Spielkarten wieder vor oder die Weinflaschen im Wirthshaus . Das erweckte aber großes Aergerniß bei den meisten rechtschaffenen Leuten , und sie sprachen : » Fängt man es so wieder an , werden wir bald wieder den Krebsgang gehen ! « Und es war allgemeiner Unwille gegen diejenigen , welche von der einfachen , löblichen Weise abwichen ; und man begehrte , die Ortsvorgesetzten sollten besser über die Bewahrung der guten Sitten im Dorfe wachen . Dieser Vorwurf , welchen man den Ortsvorstehern machte , erfüllte den Oswald gar nicht mit Verdruß , sondern mit wahrer Freude . So kam ein strenges Gemeindsgesetz zu Stande ; darin war aller Aufwand in den Kleidern verboten und jedem Alter seine Tracht vorgeschrieben , und auf Kartenspiel und alles Spiel um Geld und Geldeswerth , auf das Laster der Trunkenheit , auf Schimpfreden , Lästerungen , Balgereien und andere Schändlichkeiten waren von der Gemeinde einmüthig harte Strafen gesetzt . So kam es , daß sich Keiner überhob und übernahm ; daß , wenn irgend Einer auch einmal Lust hatte , zu thun , was weder ehrbarlich noch recht war , die Furcht vor Scham , Schande und Bestrafung ihn wieder zurückschreckte . Alle Jahre wurde das Sittengesetz vor der ganzen Gemeinde vorgelesen . Da mußten Alt und Jung , Männer , Weiber und Kinder es anhören . Fand man Zusätze nöthig , wurden sie gemacht . Und wenn das Sittengesetz vorgelesen war , mußte der erste Vorsteher jedesmal fragen : » Wollet ihr dies Gesetz halten , welches die Grundlage unsers Wohlstandes , unserer Eintracht und Ehre ist ? « - Und Alt und Jung antwortete mit lauter Stimme deutlich ein allgemeines Ja . 31. Die Kindtaufe . Oswald genoß zu dieser Zeit eine rechte Herzenswonne , nach der er sich lange schon vergebens gesehnt hatte . Nämlich die liebe , gute Elsbeth hatte ihm einen muntern Sohn zur Welt gebracht . Da war er wie im Himmel . Und er ging darauf zu seinem Freund , dem neuen Löwenwirth , der einer von den wohlbekannten zweiunddreißig Bundesgenossen war . Zu diesem sprach er : » Mein Freund , ich habe doch dich noch nie um eine Gefälligkeit angesprochen , und ich komme damit zum ersten Mal . Meine Frau liegt im Kindbette , und ich kann sie nicht verlassen , und zur Stadt gehen . Ich gebrauche aber fünfhundert Gulden , wenn auch nur acht Tage lang , und sie sollen wo möglich in Gold sein . Willst du mir so viel auf acht Tage leihen ? « Der Löwenwirth antwortete : » Ich bin dir für so Vieles Dank schuldig ; warum sollte ich nicht ? Ich habe eben achthundert Gulden empfangen , die liegen noch immer bei mir . Aber sie sind zum Theil in Silbermünze . Willst du , so nimm Alles auf so lange du willst . « Oswald sagte : » Ich möchte lieber Gold ; es liegt mir sehr daran . « Der Löwenwirth versetzte : » Wohlan , ich will Rath schaffen . Wann mußt du es haben ? « Oswald erwiederte : » Bringe mir das Geld morgen Abend um die achte Stunde in mein Haus . Aber sage Niemandem davon . « Als er sein Geschäft hier vollendet hatte , ging er fort und zu den übrigen einunddreißig Bundesgenossen und sagte ihnen dieselben Worte , wie dem Löwenwirth und bat um fünfhundert Gulden , wo möglich in Gold . Und Jeder freute sich , dem wackern Manne endlich einmal einen Freundschaftsdienst erweisen zu können , und versprach , ihm das Geld zu bringen . Er bestellte Jeden auf den folgenden Tag des Abend um die achte Stunde zu sich . Und sie kamen um dieselbe Stunde , da es schon dunkel war , zu ihm . Er führte sie Alle in sein Zimmer , aber es war noch kein Licht angezündet . Die Leute wunderten sich in der Stille über die Menge der Anwesenden . Oswald ging , um Licht zu holen . Und als er wieder in die Stube trat , mit zwei brennenden Kerzen in der Hand , erblickten sie ihn wieder , wie sie ihn schon einmal gesehen hatten , in prächtigen Offizierskleidern , mit hohem Federbusch auf dem Hut , einem Orden auf der Brust und einem langen Säbel an der Seite . Sie sahen einander verwundert an , und sahen , wie vor sieben Jahren , dieselben Gestalten , in demselben Zimmer , um denselben Tisch , auf welchen der Offizier die Kerzen niedersetzte . Oswald sagte darauf : » Habet ihr mir gebracht , liebe Freunde , um was ich euch gebeten habe , so leget es hier auf den Tisch . « Da traten sie Alle , Einer nach dem Andern , zum Tisch , und Mehrere bedauerten , ihm die Summe nicht in Gold zahlen zu können . Er sagte darauf liebreich : » So ist ' s gleichviel . Gebet , wie ihr es habet . « Und sie schütteten Gold , Andere Silber auf den Tisch , Andere legten ihm gute Kapitalbriefe und Zinsschriften hin . Darauf erhob Oswald die Stimme und sprach : » Erinnert euch , es ist die Zeit der Prüfung vorüber , und die sieben Jahre und sieben Wochen sind zu Ende , von denen ich euch geredet . Und ihr habet mehr Geld auf diesen Tisch geworfen , als ich vor sieben Jahren und sieben Wochen vor euern Augen ausschüttete . Damals waret ihr kaum im Stande , fünfhundert rothe Kreuzer auszuleihen ; in der Stadt hätte sie euch Niemand anvertraut . Jetzt habet ihr binnen vierundzwanzig Stunden Jeder fünfhundert Gulden aufgebracht , also daß sechszehntausend Gulden hier plötzlich auf dem Tisch beisammen sind . Also ist die Prüfungszeit vorüber , und ich habe euch die Kunst gelehrt , Gold zu machen . Und nun werdet ihr verstehen , was ich sagte , da ihr das erste Mal hier standet . Ich sagte aber : die Kunst ist selbst mehr noch , als das Gold , werth ; denn diese Kunst ist die beste Weisheit des Lebens . Bleibet euern Gelübden und Gott getreu , und euer Glück und Wohlstand wird wachsen von Tag zu Tag . Wer vom Gelübde läßt , der läßt von seinem Glück . Präget dies Gelübde euern Kindern ein , und lasset sie es halten , so werden sie Fülle haben . Nun habe ich mein Wort gelöst , das ich euch gegeben . Ihr seid darum reich , weil ihr wenig bedürfet und viel erwerbet , und weil ihr Zutrauen genießet bei den reichen Leuten , daß ihre Geldsäcke euch offen stehen . So habet ihr Gold machen gelernt , wie Ehrenmänner Gold machen sollen . Oder habet ihr anderes erwartet ? « Sie lächelten allesammt und sprachen : » Ei nun , wir haben wohl längst schon vermerken können , wie du es mit der Goldmacherei gemeint hast . Doch als wir einmal zur rechten Erkenntniß gekommen waren , schämten wir uns auch des dummen Aberglaubens , der uns vormals bethörte , und wußten es dir im Herzen Dank , daß du uns auf bessere Bahn gebracht . Ohne dich und deine Hülfe wären wir aber doch nie dahin gekommen . « Oswald freute sich dieser Worte und der dankbaren Herzlichkeit , mit der ihm Jeder die Hand drückte und schüttelte . Und er stellte ihnen ihr Geld wieder zu , weil er es nicht hatte gebrauchen , sondern nur ihre Zuneigung auf die Probe setzen wollen . Sie aber sagten : » Gebiete über uns , wie du willst , Tag und Nacht . Denn wir Alle sind dir unser Hausglück schuldig . Sprich , wir sollen für dich durchs Feuer gehen , wir werden gehen . Sprich , wir sollen für dich sterben , und wir werden den Tod nicht fürchten . « Und wie sie sich so traulich und herzlich um ihn drängten , betrachteten sie sein schönes Kleid und den Orden auf der Brust , und hätten gern erfahren , was das bedeute . Er antwortete : » Ich danke es euerm alten Schulmeister , meinem seligen Vater , noch in der Erde , daß er mich in vielen nützlichen Dingen und sogar im Feldmessen unterrichtete . Denn als ich unter die Soldaten kam , half es mir , nebst redlichem Sinn und herzhaftem Betragen , daß ich meinen Kameraden vorgezogen ward . Ich that meine Pflicht und ward zuletzt Rittmeister . Und als ich in einem Treffen , da sich der Erbprinz zu weit vorwagte , denselben mit seinem Gefolge von feindlichen Reitern umgeben sah , drang ich blitzschnell mit meiner Schwadron unter die Feinde , und rettete den Prinzen . Dafür empfing ich diese Wunde hier auf der Stirn , und dieses Ordens- und Gnadenzeichen auf der Brust , und als ich den Abschied beim Friedensschluß nahm , einen anständigen Jahrgehalt auf Lebenszeit . Auch hat der Erbprinz , als er unser Land durchreisete , mich nicht vergessen , und mich , wie ihr wisset , sogar im Vorbeireisen einmal besucht . « » Da ich aber heimkam nach Goldenthal , in meine liebe Heimath , und ich sah , wie elend und verlumpt hier Alles war , verbarg ich meinen Wohlstand , um nicht von lüderlichen Bettlern belagert zu werden . Auch hatte ich alle Lust verloren , hier zu bleiben , und wäre wieder fortgezogen , hätte ich nicht des Müllers Elsbeth gesehen . Meine Elsbeth hielt mich fest . Da beschloß ich in meinem Herzen , zu versuchen , ob ich mir das Leben bei euch lieb machen könne ? Und ich stellte mich arm und den Uebrigen gleich , um Vertrauen zu erwecken . Und ich sagte Niemandem von meinen Ehren und Jahrgeldern , so ich genösse . Nur Elsbeths Aeltern mußte ich es am Abend , da ich um die Tochter anhielt , offenbaren , sonst hätten sie mir ihr Kind nicht gegeben , denn sie hielten mich für arm . Als ich aber noch am Abend den Müller Siegfried und seine Frau zu mir ins Haus führte , und hier meine Uniform mit dem Orden anlegte , ihnen mein gesammeltes Geld und den königlichen Gnadenbrief wies , woraus sie sahen , daß ich mehr Jahrgehalt bezog , als des Müllers Mühle in drei Jahren verdienen konnte , wurden sie andern Sinnes . Doch mußten sie verschwiegenen Mund halten , denn es war nöthig . Nun aber mag es Jedermann wissen ; es schadet nicht mehr . « So erzählte Oswald , und die Leute verwunderten sich und freuten sich über sein Glück . Und sie hatten vor ihm so große Ehrfurcht bekommen , daß sie ihn kaum Du nennen wollten . Er aber sagte : » Was treibet ihr auch mit mir ? - Nein , ich bleibe eures Gleichen ; darum seid und bleibet meine Brüder . Kein Offizierrock und kein Orden , sondern ein wohlwollendes Herz voll Gottesfurcht macht zum Ehrenmann . « So redete er und umarmte Alle nach der Reihe , da sie sich heim begaben ; und sie dankten ihm , denn er sei der wahre Stifter ihres irdischen und ewigen Glücks , und sie nannten ihn Vater . Und wenn er Kindtaufe halten würde , versprachen sie Alle , sich mit ihm zu freuen , als wäre sein Fest ihr eigenes Fest . Wie nun drei Tage nach diesem der Sonntag kam , da Oswalds Sohn getauft werden sollte , war Alles im Dorfe schon früh wach . Oswald aber trat zu seiner Elsbeth an das Bette , küßte die junge Mutter und ihren holten Säugling und sprach : » Sieh ' , theure Elsbeth , mein Herz bricht vor Freude und Wehmuth . Mein Söhnlein , das du geboren hast , macht mir große Wonne ; aber noch größere Wonne macht mir der Anblick unseres Dorfes . Und es ist doch wahr , die Menschen sind so böse nicht , und nicht so herzlos , wie man oft sagt . Man soll den Glauben an die Güte der Menschheit nie verlieren . Siehe , in dieser Nacht haben sie unser Wohnhaus wieder mit Blumenkränzen prächtig überdeckt und verziert , wie es am Tage unserer Hochzeit war . Aber dabei ist es nicht geblieben . Alle Häuser des Dorfes sind mit Blumen und Zweigen verziert , als wäre unser Fest das Fest jedes Hauses . Und hinten von unserm Haus hinweg bis zur Kirchthür haben sie grünende Birkenstangen auf beiden Seiten des Kirchwegs gepflanzt und lange Blumenschnüre von Birke zu Birke gezogen , und den ganzen Weg mit grünem Laub und allerlei Blumen überstreut . « So sprach Oswald und die junge Wöchnerin erröthete in stiller Rührung , und ihre Augen wurden feucht . Dann sagte sie nur : » Hab ' ich doch in der Nacht oft ein Gehen und Sumsen draußen gehört , und wußte nicht , was es gab ? « Sie konnte nicht im Bette bleiben , und mußte auf und ans Fenster gehen und die Herrlichkeit sehen . Da weinte sie still ; denn nichts ist für ein zartes Gemüth rührender , als wenn es den Zusammenklang der Seelen in tugendhafter Erhebung wahrnimmt . Das ist die wahre Verklärung der Menschheit und eine Ahnung des schönern Himmels , der unserer wartet . Als Elsbeth wieder zu ihrem Säugling gegangen war , kamen ihre Aeltern , denn sie waren die erbetenen Taufzeugen . Die Müllerin konnte nicht genug sagen , wie ausgeschmückt die Häuser wären , wie lebendig Alles im Dorfe sei , und sie rief einmal um das andere aus : » Nein , solch eine Kindtaufe ist in Goldenthal noch nie geworden ! So feiert man ja nicht die Geburt eines Fürsten . « Und wie sie noch so redete , kam ein ganzer Zug junger Mädchen und Knaben gegen Oswalds Haus , sämmtlich in Feierkleidern , Paar um Paar . Alle trugen ein kleines Geschenk von ihren Aeltern zur Wiege des Neugebornen ; die Einen schneeweiße Leinwand , die Andern Zucker , oder Mandeln , oder Blumen , oder selbstgestrickt Strümpfe oder Handschuhe , die Andern niedliches Hausgeräth , kleine Bedürfnisse für Küche und dergleichen . So viele Haushaltungen im Dorfe , so viele Geschenke . Und alle Kinder küßten Elsbeths Hand und sagten : Mutter Elsbeth ! und küßten Oswalds Hand , indem sie bloß dazu die Worte sprachen : Vater Oswald ! Aber welcher Wohllaut lag für Oswald und Elsbeth in diesen Vater- und Mutternamen ! Es gab keinen einfachern und rührendern Glückwunsch . Da läuteten alle Glocken mit vollem Klange zur Kirche . Der Säugling ward zur Taufe getragen , er voran ; ihm folgten die beiden Großältern , hintennach der tiefgerührte Vater . Die ganze Gemeinde stand vor der Kirche in weitem Halbkreis , Alt und Jung , und sah den Oswald kommen . Sanft und freundlich sprach Alles , wie er vorbeiging an der Menschenmenge : » Guten Morgen , Vater Oswald . « Dann folgte ihm Alles in die Kirche . Hier hielt der Herr Pfarrer Roderich nach vollbrachter Taufhandlung eine schöne Predigt über die Pflicht öffentlicher Dankbarkeit des Volks gegen eine gute Obrigkeit . Er schien noch nie so begeistert und salbungsreich geredet zu haben . Wort auf Wort traf die Herzen . Es war im ganzen Volk die tiefste Andacht und wachsende Rührung . Jeder hielt an sich , seine Thränen zu unterdrücken . Als nun aber der Herr Pfarrer aus Schlußgebet kam , und er da die bebende Stimme zu Gott erhob für die gute Obrigkeit von Goldenthal , wobei Jeder im Stillen an Oswald dachte ; als nun der Herr Pfarrer selber die Bewegung seines Gemüths nicht länger zurückzwingen konnte , und ihm unter Thränen der Name Oswald entschlüpfte - da ward lautes , heftiges Schluchzen in der ganzen Kirche . Da nun dachte Jeder an das Alles , was dieser Oswald der Gemeinde gethan und gestiftet ; Jeder erkannte in ihm den Urheber des allgemeinen Glückes . Der Pfarrer konnte nicht mehr reden . Er schloß ; er sprach den Segen über die fromme und dankbare Gemeinde . Niemals war in Goldenthal mit höherer Inbrunst ein Gesang gesungen worden , als diesmal aus dem Anhangbüchlein der Vers : Für das Leben der Obrigkeit ! - gen Himmel stieg . Der gute Oswald , sehr verlegen und beschämt , und doch froh gerührt , konnte kaum aufsehen , da er aus der Kirche ging , und begab sich , tief sein Haupt gesenkt , durch die grüßende Menge zu seiner Elsbeth . Er konnte kaum reden . Zum Mittagsmahl waren bei ihm seine Schwiegerältern und der Herr Pfarrer , der Schulmeister und die beiden Mitvorgesetzten . Die erzählten , daß fast in allen Häusern des Dorfes Gastmähler gehalten würden , wozu Einer den Andern eingeladen habe ; die Aermern speiseten bei den Reichern . Oswald schüttelte den Kopf und sprach : » Das ist mir der Ehre allzuviel ; ich habe es nicht verdient . « Doch die allgemeine Freude machte auch ihn wieder froh und wohlgemuth . Er ging gegen Abend , begleitet von seinen Gästen , hinaus ins Dorf , und ging da von Haus zu Haus , und setzte sich zu jeder Familie einige Augenblicke und dankte Allen für so viel Liebe . Goldenthal war voller Fremden ; denn man wußte in der Stadt von dem Feste , und wer konnte , eilte nun hierher , Zuschauer zu sein . Bis in die späte Nacht währte der Tanz der Jugend , man hörte aller Enden Musik und Gesang vor den Häusern , unter der Linde , unter den Blumenkränzen und in den Gärten . Man sprach und spricht noch lange zu Goldenthal von diesem schönen Tage . Und Oswald hieß seit demselben nur Vater Oswald , und die liebenswürdige Elsbeth hieß Mutter Elsbeth . Wahrlich , wahrlich , was im Leben Gutes gesäet wird , das findet endlich immer seinen schönen Aerntetag . Denn es lebt uns ein guter Gott , ein Vergelter voller Barmherzigkeit und Liebe .