Menge , ans nächste Tor zu eilen , um dort noch zur Kirche zu gelangen . Da war aber große Eile wegen des Umweges nötig und um so ärger wuchs das Gedränge , Reiter stürzten , Wagen warfen um , niemand kümmerte sich darum , am schlimmsten ward einer Schar der weiß bekleideten Jungfrauen mitgespielt , die nicht Zeit gehabt hatten , sich in die Stadt zu flüchten ; auf ihren weißen Kleidern war der Schmutz der bespritzten Wagen und stampfenden Rosse deutlicher zu erkennen , als auf den dunkelfarbigen oder bunten Mänteln . Während der Donner des Geschützes von den Wällen die übrige Menge immer wilder nach der Mitte des Festes hintrieb , fand Berthold sich immer lebhafter von Mitleid gegen die Verunglückten hingezogen , die um ihre Hoffnungen betrogen , Schmerz statt Lust eingetauscht hatten ; dort hob er einen Gestürzten aufs Pferd , hier half er einem Wagen aus dem Graben heraus , und sah sich dabei nach Fingerling , aber vergebens um . Bei dieser Geschäftigkeit hatten sich die Leute verlaufen , es wurde ihm tausend Segen gewünscht , aber die Trauung war inzwischen vorüber gegangen , das bezeichnete der neue Donner des Geschützes von den Wällen , wie ihm einer mit Bedauern sagte . Verdrießlich , seinen Freund nicht finden zu können , der in seinem Mantelsack alle Empfehlungsbriefe an Handelsfreunde trug , noch verdrießlicher , daß an ein Unterkommen in Wirtshäusern , wie ihm jeder versicherte , jetzt gar nicht zu denken , ließ er sein Pferd langsam den Fußstapfen der Menschen nach dem andern Tore hin folgen . Schluchzend , weil sie sich einsam glaubte , ging da eine hohe Jungfrau von kräftigem Wuchse , und besah mit Trauern ihr Kleid , an welchem die eine Seite ganz zerrissen und beschmutzt wie eine Trauerfahne erschien . Berthold fühlte sich vom Mitleide hingezogen , er ließ sein Pferd etwas schneller gehen , daß er fast an ihr vorbeigeritten wäre , wenn ihn nicht die schönen blauen Augen festgehalten hätten , die gleich Vergißmeinnicht am Bache ihre äußersten Blätter eintauchten und mit Tropfen füllten , ehe sie ihm , beschämt gesehen zu sein , die langen , vierfachen Flechten des dichten , gelbbraunen , sanft gekrausten Haares zugewendet hatte . Jetzt konnte er so recht mit müßiger Lust beschauen die Wölbung des Nackens , die breiten Schultern die schlanken Hüften , die weißen , runden Arme , vielleicht zum erstenmal der Sonne entblößt , während die Hände von ihren Strahlen gebräunt waren , die zierlichen Füße mit hohem Spann , den edlen Gang in der Bewegung aller Falten , die gleichsam von einem edlen Tanze widerhallten . Noch saß der Kranz von mancherlei Feldblumen freudenstolz auf dem Haupte der Betrübten , deren Angesicht sich in dem Rosenbusch versteckte , welcher die Mitte des keusch geteilten Busens bezeichnete . Da war kein Mangel , kein Überfluß , sondern in dem Ebenmaß ein rechtes Bild menschlicher Zufriedenheit , alles schien an der hohen Jungfrau fest und beweglich zugleich , nirgends Zwang , alles eine schöne Gewohnheit der verhältnisreichen Gestalt . Er hätte so gern ihr Antlitz gesehen und besann sich auf eine Frage , aber er fand keine , so ritt er stumm an ihrer Seite , wendete sich zu ihr und wieder von ihr ab , wie eine Wetterfahne bei streitendem Winde , denn Apollonia fiel ihm ein , aber so blaß wie der Mond am Tage gegen diese neue Sonne seines Lebens . Er hätte weinen mögen mit ihr und mußte sich freuen , denn alles lebte in ihm mit Freude an der Welt , in solchen Augenblicken der Bestimmung zeigt sich Gott in der Herrlichkeit seiner Welt , wie auf dem Throne , jedem nach seinem Maße . So kam wie eine höhere Gabe ein Zutrauen in Bertholds Seele , daß er mit ernster Stimme zu der Jungfrau sprach : » Ich kann Euch gewiß helfen ! « Sie sah ihn an , schüttelte mit dem Kopfe und sprach mit Schluchzen , das gegen ihren Willen wieder ausbrach : » Kein Mensch kann mir helfen , die Leute haben mir im Gedränge das Kleid zerrissen , was fange ich an , wir haben es zum heutigen Tage geliehen ! « - Bei diesen Worten sah sie von neuem den großen Riß und mußte wieder weinen und jammerte über die Schläge , die sie von der Mutter erhalten würde , obgleich sie keine Schuld bei dem Unfall hätte , es müsse einer im Gedränge mit der Degenschnalle eingehakt sein . - Berthold versprach die Mutter zu besänftigen , er werde ihr den Drang und die Not am Tore berichten . » Ihr kennt sie nicht « , sagte das Mädchen , » auch hatte sie mir alles voraus gesagt , aber meine Lust , die fürstliche Braut zu sehen , war allzu groß , und daß ich sie gesehen habe , ist mein einziger Trost bei dem Unglück ! « - Und nun erzählte sie von dem Einzuge und schien ihr Unglück etwas zu vergessen , bis sie an Häuser kamen und sie dem Bürgermeister das niedrige Dach ihres Hauses zeigte , da wollte sie in Angst keinen Schritt weiter tun , sondern sich hinter dem steinernen Brunnenbecken verstecken . Berthold faßte seinen Entschluß , ritt voran nach dem Hause und bat die Jungfrau langsam nachzukommen , indem er sich den Namen der Mutter , welche Frau Zähringer hieß , von ihr sagen ließ . Er klopfte an das Haus und hörte sie im Hause schelten , wer sie schon wieder stören wolle ; gleich trat auch eine rüstige Frau heraus , etwas stark , doch ohne davon beschwert zu sein und vom Ansehn jugendlicher , als sich bei einer erwachsenen Tochter vermuten ließ . Sie hatte wahrscheinlich am Webstuhle gesessen , denn sie hielt noch ein Schiff in Händen und fragte mit Ungeduld , was Berthold wolle . Das Ansehen , die Stimme noch mehr erinnerten Berthold an etwas Bekanntes , inzwischen achtete er nicht darauf , sondern brachte seine Entschuldigung der langsam sich annähernden Tochter in der Art vor , er sei beim Einzuge auf die Tochter gedrängt worden , und habe ihr ohne bösen Willen mit seinem Sporn das Kleid zerrissen , er biete ihr einen Gulden zur Sühne und diesen Gulden reichte er ihr zugleich dar . Der Anblick des Geldstücks löschte alle Zornglut der Mutter , sie schalt die Tochter , daß sie sich nicht mehr in acht genommen , sie sagte Berthold , daß er nicht hätte reiten sollen , wenn er sein Pferd nicht zu führen verstehe , endlich versicherte sie aber doch , weil er sie so höflich angesprochen , wolle sie diesmal nicht schmälen , doch sei es zu viel , was er ihr biete , sie wolle das Stück verwechseln lassen und ihm das zuviel herausgeben . - » Vielleicht brauchet Ihr mir nichts wieder zu geben « , sprach Berthold darauf , » wenn Ihr eine Bitte von mir erfüllen könntet , mich für heute in Eurem Hause zu beherbergen , die Wirtshäuser sind gefüllt und alle Empfehlungen an Handelsfreunde hat ein Freund von mir bei sich , den ich im Gedränge aus den Augen verloren habe . « Die Mutter sah ihn bedenklich an und maß ihn vom Kopf bis zum Fuße . » Ich glaube Euch wohl « , sprach sie , » daß Ihr in der Stadt kein Unterkommen finden würdet , waren doch schon gestern alle Herbergen besetzt , aber ich kann Euch nicht ins Herz sehen , was Ihr für einer seid , und in dieser Zeit ist jeder auf seiner Hut ; es schwärmt viel loses Gesindel umher und wir wohnen hier einsam . « - » Liebe Mutter « , sagte die Jungfrau , » er meint es gewiß ehrlich , was hätte ihn sonst bewogen , meinen Schaden auf sich zu nehmen . « - » Ich habe kein Haus , das sich zum Herbergen für Mann und Roß eignet « , sagte die Mutter . - » Im Stall ist wohl noch Platz « , sagte die Tochter , » so auch in der Giebelstube . « - » Aber wer seid Ihr ? « fragte die Mutter . - » Ich bin Berthold , der Bürgermeister aus Waiblingen . « - Bei diesen Worten sah die Mutter ihn genauer an , indem sie die Hand gegen die Sonnenblendung richtete , schwieg einige Augenblicke und sprach : » Tretet ein , es sollte nun einmal so sein , seid willkommen , Anna soll für Euer Roß sorgen , ich kann mich schon schützen gegen Euch , wenn Ihr etwas Übles wollt . « Berthold dankte , aber er gab nicht zu , daß die Tochter sein Pferd führte , er selbst führte es , sattelte es ab , hatte noch etwas Futter bei sich und füllte ihm die Krippe . Dann ging er mit dem Felleisen ins Haus , wurde in das reinliche Wohnzimmer geführt , wo zwei Leinenwebstühle standen . Er beschaute in der Verlegenheit die kleinen Bilder an der Wand und fand ein Bild von Waiblingen in deren Mitte befestigt . Die Mutter antwortete nicht auf seine Frage , wie sie zu dem Bilde gekommen , sie schien beschäftigt . Bald rief sie ihn zum gedeckten Tische , wo ihm die Tochter mit ihren runden Armen , die gleichsam mit weißen Haaren bestäubt waren , einen guten Hirsenbrei aufsetzte und eine hölzerne Kanne mit Bier dabei hinstellte und ihn zum Essen nötigte , nachdem die Mutter den Segen darüber gesprochen hatte . Dritte Geschichte Der Becher Das kleine Mahl war längst verzehrt und noch immer wurde von den Merkwürdigkeiten des Reichstags und von den Festlichkeiten , welche die Vermählung feiern sollten , gesprochen . Die Jungfrau Anna konnte ihre Vorliebe für die ritterlichen Spiele , für das Gesellenstechen , das am andern Tage gegeben werden sollte , nicht verbergen , obgleich sie nie etwas der Art gesehen und eben so wenig von dem Wesen dieser Spiele gehört hatte . Da fühlte sich Berthold recht im Mittelpunkte seiner Kenntnisse , Tage lang hatte er an einzelnen kunstreichen Stücken , die von den Stechen erzählt wurden , spekuliert , sie zu zeichnen sich bemüht , auch alle Gesetze und Gewohnheiten der Turniere mit seinem Freunde Rüxner gemeinschaftlich gesammelt , sein Gedächtnis bewahrte ihm jedes berühmte Turnier und die Namen derer , welche Preise gewonnen hatten . Er unterrichtete die Frauen von dem hohen Altertume der Kampfspiele unter den Deutschen , die nicht wie bei andern Völkern der alten Welt als ein müßiges Schauspiel für die größere Menschenzahl , sondern als eine allgemeine Belustigung aller ritterlichen Männer geachtet wurden , bei welcher nur Frauen als Zuschauer zu beachten waren . » Vor allem war das Rennen mit Spießen immerdar hochgeehrt « , sagte er , » und der große Kaiser Heinrich der Vogler hat zuerst einen großen Reichsverein darin gestiftet , den Adel gegen Verwilderung zu schützen und ihn dem übrigen Volke als Vorbild aufzustellen . Wer gegen den christlichen Glauben Untreue erwiesen , gegen des Reiches Beste gefrevelt , Frauen entehrt , die Ehe gebrochen hatte , wer meineidig und siegelbrüchig erkannt , wer feldflüchtig erfunden aus Feigheit oder Verrat , wer gemordet , wer Kirchen , Witwen oder Waisen beraubt hatte , wer Wein oder Getreide gegen die Kriegsordnung zerstört , wer ohne Grund und Kriegsordnung befehdet und Straßenräuberei getrieben hatte , sollte sein Pferd verlieren und auf die Schranken des Turnierplatzes gesetzt werden . Diesen Gesetzen fügte Meister Philipsen , des Kaisers Schreiber noch zweie hinzu , nämlich , daß auch die ausgeschlossen wären , die sich mit der Kaufmannschaft abgegeben und die ihren Adel nicht mit vier Ahnen beweisen könnten . « - » Bei uns hätten die Reichen dem Meister Philip die beiden letzten Gesetze nicht zugegeben « , meinte Frau Zähringer , » jetzt werden die reichen Fuggers höher geachtet , als tausend adlige Heckenreiter , die hier außen in den Vorstädten den Juden ihre Beute verkaufen . « - » Meine gute Frau « , sagte Berthold , » als jene Gesetze angenommen wurden , hatten sie gewiß ihren Grund , der Adel durfte sich nicht in fremdartigen Geschäften zerstreuen , der nahen Reichsfeinde gab ' s zu viele , auch mußte er sich für ein geschlossenes Ganze im gewissen Sinne halten , sollte er anders der Ehre sich als Opfer bringen . Demnach konnte der Kaiser wohl den Adel verleihen , aber erst die in mehreren Geschlechtern geprüften Abkömmlinge erhielten das volle Recht des Adels . Darauf haben die Zünfte der reichen Städte ähnliche Turniere bei sich eingerichtet und seit Jahren schon sind die großen Turniere der vier deutschen Lande ins Aufschieben gekommen . So wechselt alles gar seltsam , was nicht nach der Zeit sich richten , oder die Zeit überwältigen kann . Statt die andern deutschen Lande , wie sie aufblühten , in gleiche Rechte mit den früher Geordneten einzusetzen , statt eines freundlichen Verkehrs und Zusammenhaltens mit den Städten , trennte sich alles in herkömmlichem Stolze . Wir werden noch mehr erleben , bald meinen die Bauern Fürsten zu sein , geben keinem mehr eine freundliche Antwort , man braucht sie nur anzusehen , so gehen einem die groben Knollfinken zu Leibe . Der Bundschuh in der Fahne der Speyerschen Bauern im Aufruhr bezeichnete , daß sie ihn so hoch ehrten , wie eines Ritters Stiefel mit dem güldnen Sporn , dieser Aufruhr ist gewiß nicht der letzte gewesen , besonders in den geistlichen Landen , wo die Last doppelt drückt und weltlicher Prunk mit geistlichem zusammen bestritten werden soll . « - » Ja « , sagte Frau Zähringer , » wenn ich so einen Bettelmönch aus dem Bistum sehe , wie er mir mein sauer verdientes Brot abtrotzt , um es nachher für Wein in der Schenke zu verhandeln , da möchte ich ihm mit meinem Bundschuh gern auf die Platte schlagen und mit den Bauern rufen : Was ist das für ein Wesen ? Vor Mönchen mag keiner genesen . « - » Sonst war alles anders « , fuhr Berthold fort , » das strenge , arbeitsame Leben dieser Mönche befriedigte zu Hause alle ihre Bedürfnisse und nur , wenn sie mit geistlichem Troste zu den Leidenden umher gingen , bedurften sie eines geringen Unterhalts , der kaum bemerkt wurde gegen die Fülle höherer Unterhaltung , die ihr Wort verbreitete . « Während dieses Gesprächs war die Tochter , die in der vorigen Nacht arbeitsvoll und erwartungswach nicht zum Schlafe gekommen war , auf ihrer Hand eingeschlummert , dem guten Berthold gegenüber , der mit scheuem Vergnügen auf die von Schlaf und Traum lebhaft bewegte , heftig atmende Jungfrau hinblickte , denn alles war gut an ihr , wie in der Welt nach den Schöpfungstagen . » Daß dem lieben Kinde nur nicht die Hände einschlafen « , sagte er endlich in Verlegenheit , » sie liegt damit an der scharfen Kante des Tisches und klemmt ihr Herz ein , es scheint ihr sehr heiß . « Die Mutter nahm ein Näpfchen mit Weihwasser , sprengte damit über die Brust des Mädchens , daß diese aufschreckte und rief dann , daß ihr der Segen wohl bekommen möge nach dem Schlafe . - » Ich habe nicht geschlafen « , sagte Anna , » ich hörte noch von dem Stechen und wie der fremde Herr Bürgermeister den Preis und Dank gewonnen hat , wie er ihn mir darreichte und wie ich darüber so glücklich war . « - Die Mutter verlachte ihre Einbildung , aber dem Bürgermeister war das Blut glühend heiß in die Stirn getreten ; Anna hatte mit dem Traume die vieljährige Sehnsucht seines Herzens zu Worte kommen lassen , der er so lange nur heimlich nachgehängt , weil sie während seiner Schwäche als Wahnsinn erschienen wäre . Er konnte dem innern Drange , dem äußern Rufe zugleich nicht widerstehen , er mußte es wieder bestätigen , daß jeder Mensch , früher oder später , einmal ausrasen muß , er rief , daß er beim heil ' gen Georg für die edle Jungfrau eine Lanze brechen müsse , der Himmel werde es fügen , daß er den Traum wahr mache , ihr sei der Preis verehrt . Nun bedauerte er , keine seiner Rüstungen mitgebracht zu haben , aber Anna erzählte ihm von einem Waffenschmidt in der Nähe , der immer dergleichen in Vorrat zum Verleihen habe , nur die Mutter warnte ihn , sich in acht zu nehmen , es seien geschickte Stecher in Augsburg . Die Warnung befeuerte seinen Mut , jetzt erst freute er sich , Fingerling aus den Augen verloren zu haben , der hätte ihm Hindernisse in den Weg gelegt ; was die Mutter einst dazu sagen würde , brachte er aus dem Kopfe und freute sich nur , wie er für Alma sein Leben an das Ungewohnte setze . Schnell beurlaubte er sich von Mutter und Tochter und dachte zum Waffenschmidt gehend : Für einen Reiter , der mehr auf dem Pferde , als auf der Erde , mehr in der Rüstung , als im Schlafrock gelebt hat , ist es ein kleiner Dienst , seiner Jungfrau zu Ehren ein Rennen einzugehen , etwa nicht mehr , als wenn ich mich anheischig machte , ihr ein Liederbüchlein schön abzuschreiben ; wer aber wie ich , mehr auf der vierbeinigten Bank , oder im Krankenbett , als auf dem Roß und auf der Burg gelagert war , wer wie ich , kein junger Wagehals mehr ist , wer wie ich , vieles kennt , was ihm lieb und wichtig ist , und eine warnende Mutter stets vor sich sieht , der mag sich dieses Dienstes wegen ehren , er opfert ihm alles , was ihn so lange betätigte und beengte . So kam er an zwei Läden , deren einer mit weiblichen , reichen Tanzkleidern in Gold und Silber , der andre mit schwarzen eisernen Harnischen angefüllt war , alles zur Wahl für diese Tage , wo Tanz und Stechen mit einander wechselten , in heller Beleuchtung zum Kauf und Leihen ausgestellt . Da sah er sich erst zweifelnd nach beiden um und beide Verkäufer nötigten ihn mit guten Worten einzutreten , indem er bei sich bedachte , welches von beiden , der Frauenschmuck oder die Männerwaffen , mehr Heil und Ehre , mehr Unheil und Schande bereiteten . Er fühlte sich stark genug , beides , Heil und Unheil zu ertragen , ging erst in den Laden mit kostbaren Tanzkleidern und wählte eins , das nach seinen Gedanken der schönen Anna besonders gut stehen müsse , ließ es in eine saubre Schachtel einpacken , zahlte und trat dann zu dem Waffenschmidt . Der Meister sah ihn seltsam an , daß er zum Stechen eine Rüstung begehre , denn Berthold war wohl von hohem Wuchse , aber in dem Stubensitzen und Kränkeln etwas dünnlich angewachsen , obgleich er jetzt in seiner Art wohl aussah . » Es gibt hier starke Renner , glaube kaum eine Rüstung Euch leihen zu können , die gut schließt « , sagte der Schmidt . Somit rasselte er unter allem alten Vorrat herum , der an der Seite auf einem Haufen lag , und schrie endlich : » Gefunden , ein rechtes Prachtstück , in alter Art mit silbernem Blumenwerk ausgelegt , etwas eingerostet zwar , aber dafür seht Ihr eine Merkwürdigkeit an ihr , die soll einem Hohenstaufen gehört haben , ich tauschte sie von einem Hohenemser Grafen ein , der dafür eine nach neuem Zuschnitt annahm , die fest gegen Büchsenkugeln . « Da griff Berthold mit Eifer zu , lieh sie nicht , sondern gab gleich den geforderten Preis , zog sie an , sie paßte und er gelobte heilig , seinen Ahnen keine Schande zu machen . Rasselnd in der Rüstung , die Schachtel in der Hand , während ein Knabe des Schmidts ihm die Pferderüstung , samt dem Speer nachtrug , trat er an die kleine Türe des lieben Häuschens , wo er nicht zu klopfen brauchte , da Anna aufmerksam am geöffneten Fenster seiner geharrt hatte . Er nahm dem Knaben alles ab und trat mit freundlichem Gruße zur Frau Zähringer , die bei hellem Lampenschein an ihrem Webstuhl arbeitete . - » Sollte ich mich doch fast vor Euch fürchten « , sagte Frau Zähringer , » erst kamet Ihr friedlich , nun in Waffen , aber ich habe die Furcht überstanden , habe oft während des Kriegs mein kleines Haus mit den Waffen schirmen müssen und der selige Mann gab mir manchmal seine Wehr , wenn er zu müde war , hinaus zu treten und nach den Fremden zu fragen . « - » Ich komme wie ein Kriegsmann , der den Frieden erkaufen möchte « , sagte Berthold , » seht , dieses seltsame Kleid habe ich gekauft , versucht doch Anna , ob es Euch paßt ; die , welcher ich es verehren werde , hat gleichen Wuchs mit Euch . « » Gewiß Eure Frau ? « fragte Frau Zähringer , nahm ihrer Tochter den gefalteten , hoch stehenden Kragen ab , zog ihr das Jäckchen aus , daß Berthold den schönen , vollen Hals und Nacken und die sanften Umrisse des Rückens mit selig staunendem Blicke , wie ein neu entdecktes Paradies in bekannter Gegend umspannte und die Antwort vergaß . » Eure Frau kann mit dem Kleide zufrieden sein « , sagte Frau Zähringer , » nie sah ich schöneren Silberbrokat , die Rosen sind recht natürlich darin gewirkt und gar köstliche Spitzen im Besatz . « - » Meine Frau « , antwortete Berthold aus dem Traum aufschreckend , » ich habe keine Frau , ich habe nur eine Mutter , der ich es verehren wollte . « - » Diese Rosen schicken sich nicht für eine alte Frau « , sagte Frau Zähringer , während sie sich über Anna innerlich freute , die einer Kaiserin gleich mit ernst frohem Angesicht in der ungewohnten Pracht auf und nieder stolzierte , als folge ihr ein ganzer Hofstaat zur Vermählung . - » Es paßt mir gut « , sagte Anna , » mag es Eurer Mutter eben so gut sitzen ! « Mit diesen Worten legte sie es wieder ab , wie es ihm schien ohne Neid , denn auch das schönste Kleid war nicht wert , so viele kräftige Schönheit zu verstecken , die sie so wenig erkannte , als versteckte , sondern unbekümmert wie bei ihrer täglichen Arbeit im knappen Leibchen sich neben dem Geharnischten an den Webstuhl setzte , wo dieser in spielender Freundlichkeit sich anstellte , als ob er auch die Weberei lernen wollte . Dabei erzählt er , wie viele Webstühle er beschäftige , ohne selbst etwas davon zu verstehen , und erkundigte sich nach der Gelegenheit , seinem verlornen Freunde Fingerling am andern Morgen nachzuspüren , dem er die Leitung dieses Geschäfts hauptsächlich danke . Frau Zähringer versprach , sich selbst in den Gasthäusern und Herbergen am andern Tage nach ihm umzusehen , denn Anna mochte sie in dem Drange nicht dahin schicken und Berthold möchte sich nicht überall zurecht finden . Während dieses Berichts nickte Anna mehrmals auf Bertholds Schulter ein , und fiel gleichsam in einen Kuß gegen seine Wange , ohne daß sie es wollte , deswegen trieb Frau Zähringer den Ritter in die Giebelstube , daß alle ihre Ruhe fänden . Welche selige Träume senkten ihren vielfarbig blühenden Mohn über den müden Ritter , auch Anna träumte und die Mutter auch , die lange nicht geträumt hatte . Früh war er auf , sein Roß tüchtig auszufüttern , das an den vielen Liebkosungen zu merken schien , es solle nach langer Abwesenheit wieder einmal die Rennbahn betreten , den Kopf stolz hob und mit den Vorderfüßen arbeitete , als gehe es schon in den Schranken . Dann ging er in die nahe Kirche zur Frühmesse , mehr in Erinnerung ritterlicher Gewohnheit , als aus Andacht , denn seine Gedanken waren ganz allein auf Anna hingerichtet und obgleich wohlgemeint , doch nicht heilig zu nennen . Ob er sie heiraten solle , ob sie ihn wolle , ob sie nicht zu jung sei , ob er ihr gleich seine Hand anbiete , ob er prüfend warte , das schwirrte ihm so im Kopfe umher , daß er nicht auf eignen Rat sich verlassen wollte , sondern die Vorsehung anzusprechen beschloß , indem er eine Münze für den Opferstock aus seinem Beutel nahm . Er hatte sich dies als Kind schon in zweifelhaften Fällen angewöhnt , er warf die mit einem Kreuz auf der einen Seite bezeichnete Münze in die Höhe , fing sie in der flachen Hand auf , und war diese heilig bezeichnete Seite oben , so billigte der Himmel seinen Vorsatz . Auch diesmal erhielt er dreimal das Kreuz hinter einander , somit blieb ihm kein Zweifel , daß er um Anna bald anhalten müsse . Er ging mutig heim , waffnete sich und ließ sich von Anna einen Kranz auf die Lanze stecken , dann ritt er von einem gemieteten Knecht begleitet , nach dem Weinmarkte , wo die Schranken eingerichtet waren . Die Grieswärtel machten ihm in dem Gedränge Platz und er ritt hinter die Seile , wo seine Waffen von den Turniervögten untersucht und untadelig gefunden wurden . Dann wurde sein Name aufgezeichnet und er in die innern Schranken gelassen . Die Pracht des Anblicks blendete ihn einen Augenblick , nie hatte er einen solchen Haufen geharnischter Reiter , so viele hochgeschmückte Frauen beisammen gesehen . Wie kann ich da siegen dachte er bescheiden in sich ; aber ich kann doch zeigen , daß ich für Anna alles wage , so dachte er weiter . Bald ward unter den Frauen ein stürmisches Bewegen , jede suchte sich höher zu stellen , das Stechen verkündete sich durch ein betäubendes Geschmetter aller Trompeten . Der Kaiser ritt jetzt mit geschlossenem Helme durch die Schranken , machte aber nur eine zierliche Wendung gegen Markgraf Kasimir , der ihm folgte , als ob er sagen wollte er möchte wohl , aber könne nicht stechen , und reihete sich dann mit allen Fürsten und Herren , die seinem Beispiele folgten , hinter den Schranken der einen Seite . Als nun die Herren das Stechen abgelehnt hatten , so begann das Gesellenstechen , auf ein Zeichen des Ehrenhalts , nach welchem die Seile , welche die Kämpfer zurückgehalten , von den Bahndienern mit scharfem Beil zerhauen wurden . Je sechs und sechs wurden nun immer aufgerufen und ritten gegen einander . Das waren nun meist tüchtige Männer , wie sie das Handwerk bildet , aber nur wenig geschickt und ermäßigt , die meisten gaben mehr auf die Derbheit des Anlaufs , als auf die Richtung und auf die Benutzung der Blöße des Gegners , so daß der Kaiser , der in allem Meister war , oft herzlich über das Ungeschick lachen mußte , wenn gewöhnlich alle zusammenstürzten . Die dritte Reihe berief auch Herrn Berthold in die Schranken , er empfahl sich dem Himmel und seiner Anna und weil er wirklich sein Pferd sehr gut führte , sein Pferd auch sehr gut eingeritten war , er sich außerdem die Art des Kaisers wohl gemerkt hatte , so zeichnete er sich gleich vor allen aus , die bis dahin erschienen . Es geschah bald seinetwegen Nachfrage unter den Frauen , sein Glück aber erreichte den Gipfel , als ein Fleischer , mit Namen Kugler , in solchem Ungestüm gegen ihn anrannte , daß dessen Spieß abgleitete und der Schwankende ohne große Gewalt von ihm abgeworfen wurde , während er sich unerschüttert hielt und gegen einen zweiten rannte , der schon von einem abgeworfenen Gegner bügellos gemacht war . Auch dieser fiel , und da inzwischen die andern einander herunter gestoßen hatten , so war er der erste der als Sieger aus einer Reihe blieb und aufgezeichnet wurde . Von seinem Glücke erfüllt , sah und hörte er nicht , was weiter auf der Bahn geschah , sein Geschick war entschieden und er konnte ruhig warten , wenn auch einer noch mehrere niederrannte , einer der Preise mußte ihm werden . Am Schlusse des Rennens wurde ihm von der neu vermählten Markgräfin ein silberner Becher , mit silbernen Denkmünzen ausgelegt , als Preis überreicht , sie erkannte ihn wieder , gab ihm die Hand zum Kuß und sprach : » Ei , ei hätte ich Euch doch nicht angesehen , daß Ihr ein so starker Renner seid ! « Kaum hatte er seinen Dank gesprochen , so trat ihn ein Bote des Kaisers an und nötigte ihn zum Mittagessen . An den Schranken war ihm eine neue Freude bereitet , hier umhalste ihn Fingerling , der in Kraft der Empfehlungsschreiben bei Fugger die Nacht geherbergt hatte , ihn ausrufen hörte und nun auf ihn wartete . Kaum konnte der gute Alte seinen Jubel mäßigen , daß solche Ehre über Berthold gekommen , zugleich berichtete er ihm , daß ein Bette für ihn im Hause Fuggers bereitet sei und was er für Angst ausgestanden , seit er ihn im Gedränge aus den Augen verloren hatte . Berthold ging mit ihm auf dieses Zimmer , zog dort seine Rüstung aus , erfrischte sich mit Wein , erzählte , wie gut er aufgenommen sei , vertraute Fingerling seine Liebe , und bat ihn , mit dem Becher zur schönen Anna zu gehen , ihr zu sagen , daß er nur für sie gewonnen sei , daß er zu alt wäre , um seine Entschlüsse lange aufzuschieben , sie möchte entscheiden : wolle sie ihm geneigt sein , sie möchte den Becher ans Fenster stellen , damit er vorübergehend sein Glück erkenne und in ihr Haus eingehe , oder im Falle sie ihn meide , für immer vorübergehe , sich den Schmerz und ihr die Verlegenheit zu ersparen . Zwar wollte Fingerling mit allerlei Rat