stürzte in den Abgrund . Als ich das sah , sprang ich , ohne mich zu besinnen , mit einem Schrei vom Abhange aus dem Garten hinunter . Man trug mich ohnmächtig ins Schloß , und ich sah ihn niemals mehr wieder ; aber der Ring blitzt wohl noch jeden Frühling aus der Grüne farbigflammend in mein Herz , und ich werde die Zauberei nicht los . « - » Was sagte denn aber die Mutter dazu ? « fragte Rosa . - » Sie erinnerte sich sehr oft daran . Noch den Tag vor ihrem Tode , da sie schon zuweilen irre sprach , fiel es ihr ein und sie sagte in einer Art von Verzückung zu mir : Springe nicht aus dem Garten ! Er ist so fromm und zierlich umzäunt mit Rosen , Lilien und Rosmarin . Die Sonne scheint gar lieblich darauf und lichtglänzende Kinder sehen dir von fern zu und wollen dort zwischen den Blumenbeeten mit dir spazierengehen . Denn du sollst mehr Gnade erfahren und mehr göttliche Pracht überschauen , als andere . Und eben , weil du oft fröhlich und kühn sein wirst und Flügel haben , so bitte ich dich : springe niemals aus dem stillen Garten ! « - » Was wollte sie denn aber damit sagen ? « fiel ihr Rosa ins Wort , » verstehst du ' s ? « - » Manchmal « , erwiderte die Gräfin , » an nebligen Herbsttagen . « - Sie nahm die Gitarre , trat an das offene Fenster und sang : » Laue Luft kommt blau geflossen , Frühling , Frühling soll es sein ! Waldwärts Hörnerklang geschossen , Mut ' ger Augen lichter Schein , Und das Wirren bunt und bunter Wird ein magisch wilder Fluß , In die schöne Welt hinunter Lockt dich dieses Stromes Gruß . Und ich mag mich nicht bewahren ! Weit von euch treibt mich der Wind , Auf dem Strome will ich fahren , Von dem Glanze selig blind ! Tausend Stimmen lockend schlagen , Hoch Aurora flammend weht , Fahre zu ! ich mag nicht fragen , Wo die Fahrt zu Ende geht ! Was macht dein Bruder Leontin ? « fragte sie schnell abbrechend und legte die Gitarre , in Gedanken versunken , hin . » Wie kommst du jetzt auf den ? « fragte Rosa verwundert . » Er sagt von mir « , antwortete die Gräfin , » ich sei wie eine Flöte , in der viel himmlischer Klang ist , aber das frische Holz habe sich geworfen , habe einen genialischen Sprung , und so tauge doch am Ende das ganze Instrument nichts . Das fiel mir eben jetzt ein . « Rosa war froh , daß gerade der Bediente hereintrat und meldete , daß die Pferde zum Spazierritte bereit seien . Denn die Reden der Gräfin hatten sie heute mehr gepreßt , als sie zeigte , und wäre Friedrich , nach dessen immer beruhigenden Gesprächen sie hier gar oft eine aufrichtige Sehnsucht fühlte , in diesem Augenblicke hereingetreten , sie wäre ihm gewiß mit einer Leidenschaft um den Hals gefallen , die ihn in Verwunderung gesetzt hätte . Friedrich hatte bis weit in den Tag hinein geschlafen oder vielmehr geträumt und stand unerquickt und nüchtern auf . Die alte , schöne Gewohnheit , beim ersten Erwachen in die rüstige , freie Morgenpracht hinauszutreten , und auf hohem Berge oder im Walde die Weihe großer Gedanken für den Tag zu empfangen , mußte er nun ablegen . Trostlos blickte er aus dem Fenster in das verwirrende Treiben der mühselig drängenden , schwankenden Menge , und es war ihm , als könnte er hier nicht beten . In solchen verlassenen Stunden wenden wir uns mit doppelter Liebe nach den Augen der Geliebten , aus denen uns die Natur wieder wunderbar begrüßt , wo wir Ruhe , Trost und Freude wiederzufinden wähnen . Auch Friedrich eilte , seine Rosa endlich wiederzusehen . Aber seine Erwartung sollte noch einmal getäuscht werden . Sie war , wie wir gehört haben , eben fortgeritten , als er hinkam . Ungeduldig verließ er von neuem das Haus , und es fehlte wenig , daß er in einer Aufwallung nicht sogleich gar wieder fortreiste . Müßig und unlustig schlenderte er durch die Gassen zwischen den fremden Menschengesichtern , ohne zu wissen , wohin . Die ersten Stunden und Tage , die wir in einer großen , unbekannten Stadt verbringen , gehören meistens unter die verdrüßlichsten unsers Lebens . Überall von aller organischen Teilnahme ausgeschlossen , sind wir wie ein überflüssiges stillstehendes Rad an dem großen Uhrwerke des allgemeinen Treibens . Neutral hängen wir gleichsam unser ganzes Wesen schlaff zu Boden und haschen , da wir innerlich nicht zu Hause sind , auswärts nach einem festen , sichern Halt . Solche Augenblicke sind es , wo wir darauf verfallen Visiten zu machen und nach Bekanntschaften zu jagen , da uns sonst der ungestörte Zug eines frischen , bewegten Lebens in Liebe und Haß mit Gleichen und Widrigen von selbst kräftiger und sicherer zusammenführt . So erinnerte sich auch Friedrich , daß er ein Empfehlungsschreiben an den hiesigen Minister P. , den er von einsichtsvollen Männern als ein Wunder von tüchtiger Tätigkeit rühmen gehört , bei sich habe . Er zog es hervor und überlas bei dieser Gelegenheit wieder einmal den weitläufigen Reiseplan , den er bei seinem Auszuge von der Universität sorgfältig in seine Schreibtafel aufgezeichnet hatte . Es rührte ihn , wie da alle Wege so genau vorausbestimmt waren , und wie nachher alles anders gekommen war , wie das innere Leben überall durchdringt und , sich an keine vorberechneten Pläne kehrend , gleich einem Baume aus freier , geheimnisvoller Werkstatt seine Äste nach allen Richtungen hinstreckt und treibt , und erst als Ganzes einen Plan und Ordnung erweist . Unter solchen Gedanken erreichte er des Ministers Haus . Ein Kammerdiener meldete ihn an und führte ihn bald darauf durch eine lange Reihe von Zimmern , die alle fast bis zur Einförmigkeit einfach und schmucklos waren . Erstaunt blieb er stehen , als ihm endlich an der letzten Tür der Minister selbst entgegenkam . Er hatte sich nach alledem Erhebenden , was er von seinem großen Streben gehört , einen lebenskräftigen , heldenähnlichen , freudigen Mann vorgestellt , und fand eine lange , hagere , schwarzgekleidete Gestalt , die ihn mit unhöflicher Höflichkeit empfing . Denn so möchte man jene Höflichkeit nennen , die nichts mehr bedeuten will , und keinen Zug mehr ihres Ursprungs , der wohlwollenden Güte , an sich hat . Der Minister las das Schreiben schnell durch und erkundigte sich um die Familienverhältnisse des Grafen mit wenigen sonderbaren Fragen , aus denen Friedrich zu seiner höchsten Verwunderung ersah , daß der Minister in die Geheimnise seiner Familie eingeweihter sein müsse , als er selber , und er betrachtete den kalten Mann einige Augenblicke mit einer Art von heiliger Scheu . Während dieser Unterredung kam unten ein junger Mann in soldatischer Kleidung die Straße herabgeritten . Wie wenn ein Ritter , noch ein heiliges Bild voriger , rechter Jugend , dessen Anblicks unser Auge längst entwöhnt ist , uns plötzlich begegnete , so ragte der herrliche Reiter über die verworrene , falbe Menge , die sein wildes Roß auseinandersprengte . Alles zog ehrerbietig den Hut , er nickte freundlich in das Fenster hinauf , der Minister verneigte sich tief ; es war der Erbprinz . Auf Friedrich hatte die wahrhaft fürstliche Schönheit des Reiters einen wunderbaren Eindruck gemacht , den er , solange er lebte , nie wieder auszulöschen vermochte . Er sagte es dem Minister . Der Minister lächelte . Friedrich ärgerte das britisierende , eingefrorne Wesen , das er aus Jean Pauls Romanen bis zum Ekel kannte , und jederzeit für die allerschändlichste Prahlerei hielt . Auf die Wahrhaftigkeit seines Herzens vertrauend , sprach er daher , als sich bald nachher die Unterhaltung zu den neuesten Zeitbegebenheiten wandte , über Staat , öffentliche Verhandlungen und Patriotismus mit einer sorglosen , sieghaften Ergreifung , die vielleicht manchmal um desto eher an Übertreibung grenzte , je mehr ihn der unüberwindlich kalte Gegensatz des Ministers erhitzte . Der Minister hörte ihn stillschweigend an . Als er geendigt hatte , sagte er ruhig : » Ich bitte Sie , verlegen Sie sich doch einige Zeit mit ausschließlichem Fleiße auf das Studium der Jurisprudenz und der kameralistischen Wissenschaften . « Friedrich griff schnell nach seinem Hute . Der Minister überreichte ihm eine Einladungskarte zu einem sogenannten Tableau , welches heute abend bei einer Dame , die durch gelehrte Zirkel berüchtigt war , von mehreren jungen Damen aufgeführt werden sollte , und Friedrich eilte aus dem Hause fort . Er hatte sich oben in der Gegenwart des Ministers wie von einer unsichtbaren Übermacht bedrückt gefühlt , es kam ihm vor , als ginge alles anders auf der Welt , als er es sich in guten Tagen vorgestellt . Es war schon Abend geworden , als sich Friedrich endlich entschloß , von der Einladungskarte , die er vom Minister bekommen hatte , Gebrauch zu machen . Er machte sich schnell auf den Weg ; aber das Haus der Dame , wohin die Adresse gerichtet war , lag weit in dem andern Teile der Stadt , und so langte er ziemlich spät dort an . Er wurde bei Vorweisung der Karte in einen Saal gewiesen , der , wie es schien , mit Fleiß nur durch einen einzigen Kronleuchter sehr matt beleuchtet wurde . In dieser sonderbaren Dämmerung fand er eine zahlreiche Gesellschaft , die , lebhaft durcheinandersprechend , in einzelne Partien zerstreut umhersaß . Er kannte niemand und wurde auch nicht bemerkt ; er blieb daher im Hintergrunde und erwartete , an einen Pfeiler gelehnt , den Ausgang der Sache . Bald darauf wurde zu seinem Erstaunen auch der einzige Kronleuchter hinaufgezogen . Eine undurchdringliche Finsternis erfüllte nun plötzlich den Raum und er hörte ein quiekendes , leichtfertiges Gelächter unter den jungen Frauenzimmern über den ganzen Saal . Wie sehr aber fühlte er sich überrascht , als auf einmal ein Vorhang im Vordergrunde niedersank und eine unerwartete Erscheinung von der seltsamsten Erfindung sich den Augen darbot . Man sah nämlich sehr überraschend ins Freie , überschaute statt eines Theaters die große , wunderbare Bühne der Nacht selber , die vom Monde beleuchtet draußen ruhte . Schräge über die Gegend hin streckte sich ein ungeheurer Riesenschatten weit hinaus , auf dessen Rücken eine hohe weibliche Gestalt erhoben stand . Ihr langes weites Gewand war durchaus blendendweiß , die eine Hand hatte sie ans Herz gelegt , mit der andern hielt sie ein Kreuz zum Himmel empor . Das Gewand schien ganz und gar von Licht durchdrungen und strömte von allen Seiten einen milden Glanz aus , der eine himmlische Glorie um die ganze Gestalt bildete und sich ins Firmament zu verlieren schien , wo oben an seinem Ausgange einzelne wirkliche Sterne hindurchschimmerten . Rings unter dieser Gestalt war ein dunkler Kreis hoher , traumhafter , phantastisch ineinander verschlungener Pflanzen , unter denen unkenntlich verworrene Gestalten zerstreut lagen und schliefen , als wäre ihr wunderbarer Traum über ihnen abgebildet . Nur hin und her endigten sich die höchsten dieser Pflanzengewinde in einzelne Lilien und Rosen , die von der Glorie , der sie sich zuwandten , berührt und verklärt wurden und in deren Kelchen goldene Kanarienvögel saßen und in dem Glanze mit den Flügeln schlugen . Unter den dunklen Gestalten des untern Kreises war nur eine kenntlich . Es war ein Ritter , der sich , der glänzenden Erscheinung zugekehrt , auf beide Kniee aufgerichtet hatte und auf ein Schwert stützte , und dessen goldene Rüstung von der Glorie hell beleuchtet wurde . Von der andern Seite stand eine schöne weibliche Gestalt in griechischer Kleidung , wie die Alten ihre Göttinnen abbildeten . Sie war mit bunten , vollen Blumengewinden umhangen und hielt mit beiden aufgehobenen Armen eine Zimbel , wie zum Tanze , hoch in die Höh , so daß die ganze regelmäßige Fülle und Pracht der Glieder sichtbar wurde . Das Gesicht erschrocken von der Glorie abgewendet , war sie nur zur Hälfte erleuchtet ; aber es war die deutlichste und vollendetste Figur . Es schien , als wäre die irdische , lebenslustige Schönheit von dem Glanze jener himmlischen berührt , in ihrer bacchantischen Stellung plötzlich so erstarrt . Je länger man das Ganze betrachtete , je mehr und mehr wurde das Zauberbild von allen Seiten lebendig . Die Glorie der mittelsten Figur spielte in den Pflanzengewinden und den zitternden Blätterspitzen der nächststehenden Bäume . Im Hintergrunde sah man noch einige Streifen des Abendrots am Himmel stehen , fernes , dunkelblaues Gebirg , und hin und wieder den Strom aus der weiten Tiefe wie Silber aufblickend . Die ganze Gegend schien in erwartungsvoller Stille zu feiern , wie vor einem großen Morgen , der das geheimnisvoll gebundene Leben in herrlicher Pracht lösen soll . Friedrich war freudig zusammengefahren , als der Vorhang sich plötzlich eröffnete , denn er hatte in der mittelsten Figur mit dem Kreuze sogleich seine Rosa erkannt . Wie wir einen geliebten köstlichen Stein mit dem Kostbarsten sorgfältig umfassen , so schien auch ihm der herrliche Kreis der gestirnten Nacht draußen nur eine Folie um das schöne Bild der Geliebten , zu welcher aller Augen unwiderstehlich hingezogen wurden . An ihren großen , sinnigen Augen entzündete sich in seiner Brust die Macht hoher , freudiger Entschlüsse und Gedanken , das Abendrot draußen war ihm die Aurora eines künftigen , weiten , herrlichen Lebens und seine ganze Seele flog wie mit großen Flügeln in die wunderbare Aussicht hinein . Mitten in dieser Entzückung fiel der Vorhang plötzlich wieder , das Ganze verdeckend , herab , der Kronleuchter wurde heruntergelassen und ein schnatterndes Gewühl und Lachen erfüllte auf einmal wieder den Saal . Der größte Teil der Gesellschaft brach nun von allen Sitzen auf und verlor sich . Nur ein kleiner Teil von Auserwählten blieb im Saale zurück . Friedrich wurde währenddessen vom Minister , der auch zugegen war , bemerkt und sogleich der Frau vom Hause vorgestellt . Es war eine fast durchsichtig schlanke , schmächtige Gestalt , gleichsam im Nachsommer ihrer Blüte und Schönheit . Sie bat ihn mit so überaus sanften , leisen , lispelnden Worten , daß er Mühe hatte , sie zu verstehen , ihre künstlerischen Abendandachten , wie sie sich ausdrückte , mit seiner Gegenwart zu beehren , und sah ihn dabei mit blinzelnden , fast zugedrückten Augen an , von denen er zweifelhaft war , ob sie ausforschend , gelehrt , sanft , verliebt oder nur interessant sein sollten . Die Gesellschaft zog sich indes in eine kleinere Stube zusammen . Die Zimmer waren durchaus prachtvoll und im neuesten Geschmacke dekoriert ; nur hin und wieder bemerkte man einige auffallende Besonderheiten und Nachlässigkeiten , unsymmetrische Spiegel , Gitarren , aufgeschlagene Musikalien und Bücher , die auf den Ottomanen zerstreut umherlagen . Friedrich kam es vor , als hätte es der Frau vom Hause vorher einige Stunden mühsamen Studiums gekostet , um in das Ganze eine gewisse unordentliche Genialität hineinzubringen . Endlich erschien auch Rosa mit der jungen Gräfin Romana , welche in dem Tableau die griechische Figur , die lebenslustige , vor dem Glanze des Christentums zu Stein gewordene Religion der Phantasie so meisterhaft dargestellt hatte . Rosas erster Blick traf gerade auf Friedrich . Erstaunt und mit innigster Herzensfreude rief sie laut seinen Namen . Er wäre ihr um den Hals gefallen , aber der Minister stand eben wie eine Statue neben ihm , und manche Augen hatte ihr unvorsichtiger Ausruf auf ihn gerichtet . Er hätte sich vor diesen Leuten ebensogern wie Don Quijote in der Wildnis vor seinem Sancho Pansa in Purzelbäumen produzieren wollen , als seine Liebe ihren Augen preisgeben . Aber so nahe als möglich hielt er sich zu ihr , es war ihm eine unbeschreibliche Lust , sie anzurühren , er sprach wieder mit ihr , als wäre er nie von ihr gewesen und hielt oft minutenlang ihre Hand in der seinigen . Rosa tat diese langentbehrte , ungekünstelte , unwiderstehliche Freude an ihr im Innersten wohl . Es hatte sich unterdes ein niedliches , etwa zehnjähriges Mädchen eingefunden , die in einer reizenden Kleidung mit langen Beinkleidern und kurzem schleiernen Röckchen darüber , keck im Zimmer herumsprang . Es war die Tochter vom Hause . Ein Herr aus der Gesellschaft reichte ihr ein Tamburin , das in einer Ecke auf dem Fußboden gelegen hatte . Alle schlossen bald einen Kreis um sie und das zierliche Mädchen tanzte mit einer wirklich bewunderungswürdigen Anmut und Geschicklichkeit , während sie das Tamburin auf mannigfache Weise schwang und berührte und ein niedliches italienisches Liedchen dazu sang . Jeder war begeistert , erschöpfte sich in Lobsprüchen und wünschte der Mutter Glück , die sehr zufrieden lächelte . Nur Friedrich schwieg still . Denn einmal war ihm schon die moderne Knabentracht bei Mädchen zuwider , ganz abscheulich aber war ihm diese gottlose Art , unschuldige Kinder durch Eitelkeit zu dressieren . Er fühlte vielmehr ein tiefes Mitleid mit der schönen kleinen Bajadere . Sein Ärger und das Lobpreisen der andern stieg , als nachher das Wunderkind sich unter die Gesellschaft mischte , nach allen Seiten hin in fertigem Französisch schnippische Antworten erteilte , die eine Klugheit weit über ihr Alter zeigten , und überhaupt jede Ungezogenheit als genial genommen wurde . Die Damen , welche sämtlich sehr ästhetische Mienen machten , setzten sich darauf nebst mehreren Herren unter dem Vorsitze der Frau vom Hause , die mit vieler Grazie den Tee einzuschenken wußte , förmlich in Schlachtordnung und fingen an , von Ohrenschmäusen zu reden . Der Minister entfernte sich in die Nebenstube , um zu spielen . - Friedrich erstaunte , wie diese Weiber geläufig mit den neuesten Erscheinungen der Literatur umzuspringen wußten , von denen er selber manche kaum dem Namen nach kannte , wie leicht sie mit Namen herumwarfen , die er nie ohne heilige , tiefe Ehrfurcht auszusprechen gewohnt war . Unter ihnen schien besonders ein junger Mann mit einer verachtenden Miene in einem gewissen Glauben und Ansehen zu stehen . Die Frauenzimmer sahen ihn beständig an , wenn es darauf ankam , ein Urteil zu sagen , und suchten in seinem Gesichte seinen Beifall oder Tadel im voraus herauszulesen , um sich nicht etwa mit etwas Abgeschmacktem zu prostituieren . Er hatte viele genialische Reisen gemacht , in den meisten Hauptstädten auf öffentlicher Straße auf seine eigene Faust Ball gespielt , Kotzebue einmal in einer Gesellschaft in den Sack gesprochen , fast mit allen berühmten Schriftstellern zu Mittag gespeist oder kleine Fußreisen gemacht . Übrigens gehörte er eigentlich zu keiner Partei ; er übersah alle weit und belächelte die entgegengesetzten Gesinnungen und Bestrebungen , den eifrigen Streit unter den Philosophen oder Dichtern : Er war sich der Lichtpunkt dieser verschiedenen Reflexe . Seine Urteile waren alle nur wie zum Spiele flüchtig hingeworfen mit einem nachlässig mystischen Anstrich , und die Frauenzimmer erstaunten nicht über das , was er sagte , sondern was er , in der Überzeugung , nicht verstanden zu werden , zu verschweigen schien . Wenn dieser heimlich die Meinung zu regieren schien , so führte dagegen ein anderer fast einzig das hohe Wort . Es war ein junger , voller Mensch mit strotzender Gesundheit , ein Antlitz , das vor wohlbehaglicher Selbstgefälligkeit glänzte und strahlte . Er wußte für jedes Ding ein hohes Schwungwort , lobte und tadelte ohne Maß und sprach hastig mit einer durchdringenden , gellenden Stimme . Er schien ein wütend Begeisterter von Profession und ließ sich von den Frauenzimmern , denen er sehr gewogen schien , gern den heiligen Thyrsusschwinger nennen . Es fehlte ihm dabei nicht an einer gewissen schlauen Miene , womit er niedrere , nicht so saftige Naturen seiner Ironie preiszugeben pflegte . Friedrich wußte gar nicht , wohin dieser während seiner Deklamationen so viel Liebesblicke verschwende , bis er endlich ihm gerade gegenüber einen großen Spiegel entdeckte . Der Begeisterte ließ sich nicht lange bitten , etwas von seinen Poesien mitzuteilen . Er las eine lange Dithyrambe von Gott , Himmel , Hölle , Erde und dem Karfunkelstein mit angestrengtester Heftigkeit vor , und schloß mit solchem Schrei und Nachdruck , daß er ganz blau im Gesichte wurde . Die Damen waren ganz außer sich über die heroische Kraft des Gedichts , sowie des Vortrags . Ein anderer junger Dichter von mehr schmachtendem Ansehn , der neben der Frau vom Hause seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte , lobte zwar auch mit , warf aber dabei einige durchbohrende , neidische Blicke auf den Begeisterten , vom Lesen ganz Erschöpften . Überhaupt war dieser Friedrich schon von Anfang an durch seinen großen Unterschied von jenen beiden Flausenmachern aufgefallen . Er hatte sich während der ganzen Zeit , ohne sich um die Verhandlungen der andern zu bekümmern , ausschließlich mit der Frau vom Hause unterhalten , mit der er eine Seele zu sein schien , wie man von dem süßen , zugespitzten Munde beider abnehmen konnte , und Friedrich hörte nur manchmal einzelne Laute , wie : » Mein ganzes Leben wird zum Roman « - » überschwengliches Gemüt « - » Priesterleben « - herüberschallen . Endlich zog auch dieser ein ungeheures Paket Papiere aus der Tasche und begann vorzulesen , unter andern folgendes Assonanzenlied : » Hat nun Lenz die silbern ' n Bronnen Losgebunden : Knie ich nieder , süßbeklommen , In die Wunder . Himmelreich so kommt geschwommen Auf die Wunden ! Hast du einzig mich erkoren Zu den Wundern ? In die Ferne süß verloren , Lieder fluten , Daß sie , rückwärts sanft erschollen , Bringen Kunde . Was die andern sorgen wollen , Ist mir dunkel , Mir will ew ' ger Durst nur frommen Nach dem Durste . Was ich liebte und vernommen , Was geklungen , Ist den eignen , tiefen Wonnen Selig Wunder ! « Weiter folgendes Sonett : » Ein Wunderland ist oben aufgeschlagen , Wo goldne Ströme gehn und dunkel schallen Und durch ihr Rauschen tief Gesänge hallen , Die möchten gern ein hohes Wort uns sagen . Viel goldne Brücken sind dort kühn geschlagen , Darüber alte Brüder sinnend wallen Und seltsam ' Töne oft herunterfallen - Da will tief Sehnen uns von hinnen tragen . Wen einmal so berührt die heil ' gen Lieder : Sein Leben taucht in die Musik der Sterne , Ein ewig Ziehn in wunderbare Ferne . Wie bald liegt da tief unten alles Trübe ! Er kniet ewig betend einsam nieder , Verklärt im heil ' gen Morgenrot der Liebe . « Er las noch einen Haufen Sonette mit einer Art von priesterlicher Feierlichkeit . Keinem derselben fehlte es an irgendeinem wirklich aufrichtigen kleinen Gefühlchen , an großen Ausdrücken und lieblichen Bildern . Alle hatten einen einzigen , bis ins Unendliche breit auseinandergeschlagenen Gedanken , sie bezogen sich alle auf den Beruf des Dichters und die Göttlichkeit der Poesie , aber die Poesie selber , das ursprüngliche , freie , tüchtige Leben , das uns ergreift , ehe wir darüber sprechen , kam nicht zum Vorschein vor lauter Komplimenten davor und Anstalten dazu . Friedrich kamen diese Poesierer in ihrer durchaus polierten , glänzenden , wohlerzogenen Weichlichkeit wie der fade , unerquickliche Teedampf , die zierliche Teekanne mit ihrem lodernden Spiritus auf dem Tische wie der Opferaltar dieser Musen vor . Er erinnerte sich bei diesem ästhetischen Geschwätz der schönen Abende im Walde bei Leontins Schloß , wie da Leontin manchmal so seltsame Gespräche über Poesie und Kunst hielt , wie seine Worte , je finsterer es nach und nach ringsumher wurde , zuletzt eins wurden mit dem Rauschen des Waldes und der Ströme und dem großen Geheimnisse des Lebens , und weniger belehrten als erquickten , stärkten und erhoben . Er erholte sich recht an der erfrischenden Schönheit Rosas , in deren Gesicht und Gestalt unverkennbar der herrliche , wilde , oft ungenießbare Berg- und Waldgeist ihres Bruders zur ruhigeren , großen , schönen Form geworden war . Sie kam ihm diesen Abend viel schöner und unschuldiger vor , da sie sich fast gar nicht in die gelehrten Unterhaltungen mit einmischte . Höchst anziehend und zurückstoßend zugleich erschien ihm dagegen ihre Nachbarin , die junge Gräfin Romana , welche er sogleich für die griechische Figur in dem Tableau erkannte , und die daher heute allgemein die schöne Heidin genannt wurde . Ihre Schönheit war durchaus verschwenderisch reich , südlich und blendend und überstrahlte Rosas mehr deutsche Bildung weit , ohne eigentlich vollendeter zu sein . Ihre Bewegungen waren feurig , ihre großen , brennenden , durchdringenden Augen , denen es nicht an Strenge fehlte , bestrichen Friedrich wie ein Magnet . Als endlich der Schmachtende seine Vorlesung geendigt hatte , wurde sie ziemlich unerwartet um ihr Urteil darüber befragt . Sie antwortete sehr kurz und verworren , denn sie wußte fast kein Wort davon ; sie hatte währenddessen heimlich ein auffallend getroffenes Portrait Friedrichs geschnitzt , das sie schnell Rosa zusteckte . Bald darauf wurde auch sie aufgefordert , etwas von ihren Poesien zum besten zu geben . Sie versicherte vergebens , daß sie nichts bei sich habe , man drang von allen Seiten , besonders die Weiber mit wahren Judasgesichtern , in sie , und so begann sie , ohne sich lange zu besinnen , folgende Verse , die sie zum Teil aus der Erinnerung hersagte , größtenteils im Augenblick erfand und durch ihre musikalischen Mienen wunderbar belebte : » Weit in einem Walde droben , Zwischen hoher Felsen Zinnen , Steht ein altes Schloß erhoben , Wohnet eine Zaubrin drinne . Von dem Schloß , der Zaubrin Schöne , Gehen wunderbare Sagen , Lockend schweifen fremde Töne Plötzlich her oft aus dem Walde . Wem sie recht das Herz getroffen , Der muß nach dem Walde gehen , Ewig diesen Klängen folgend , Und wird nimmermehr gesehen . Tief in wundersamer Grüne Steht das Schloß , schon halb verfallen , Hell die goldnen Zinnen glühen , Einsam sind die weiten Hallen . Auf des Hofes stein ' gem Rasen Sitzen von der Tafelrunde All die Helden dort gelagert , Überdeckt mit Staub und Wunden . Heinrich liegt auf seinem Löwen , Gottfried auch , Siegfried der Scharfe , König Alfred , eingeschlafen Über seiner goldnen Harfe . Don Quijote hoch auf der Mauer , Sinnend tief in nächt ' ger Stunde , Steht gerüstet auf der Lauer Und bewacht die heil ' ge Runde . Unter fremdes Volk verschlagen , Arm und ausgehöhnt , verraten , Hat er treu sich durchgeschlagen , Eingedenk der Heldentaten Und der großen alten Zeiten , Bis er , ganz von Wahnsinn trunken , Endlich so nach langem Streiten Seine Brüder hat gefunden . Einen wunderbaren Hofstaat Die Prinzessin dorthin führet , Hat ein ' n wunderlichen Alten , Der das ganze Haus regieret . Einen Mantel trägt der Alte , Schillernd bunt in allen Farben Mit unzähligen Zieraten , Spielzeug hat er in den Falten . Scheint der Monden helle draußen , Wolken fliegen überm Grunde : Fängt er draußen an zu hausen , Kramt sein Spielzeug aus zur Stunde . Und das Spielzeug um den Alten Rührt sich bald beim Mondenscheine , Zupfet ihn beim langen Barte , Schlingt um ihn die bunten Kreise , Auch die Blümlein nach ihm langen , Möchten doch sich sittsam zeigen , Ziehn verstohlen ihn beim Mantel , Lachen dann in sich gar heimlich . Und ringsum die ganze Runde Zieht Gesichter ihm und rauschet , Unterhält aus dunklem Grunde Sich mit ihm als wie im Traume . Und er spricht und sinnt und sinnet , Bunt verwirrend alle Zeiten , Weinet bitterlich und lachet , Seine Seele ist so heiter . Bei ihm sitzt dann die Prinzessin , Spielt mit seinen Seltsamkeiten , Immer neue Wunder blinkend Muß er aus dem Mantel breiten , Und der wunderliche Alte Hielt sie sich bei seinen Bildern Neidisch immerfort gefangen , Weit von aller Welt geschieden . Aber der Prinzessin wurde Mitten in dem Spiele bange Unter diesen Zauberblumen , Zwischen dieser Quellen Rauschen . Frisches Morgenrot im Herzen Und voll freudiger Gedanken , Sind die Augen wie zwei Kerzen , Schön die Welt dran zu entflammen . Und die wunderschöne Erde , Wie Aurora sie berühret , Will mit ird ' scher Lust und Schmerzen Ewig neu sie stets verführen . Denn aus dem bewegten Leben Spüret sie ein Hochzeitsgrüßen , Mitten zwischen ihren Spielen Muß sie sich bezwungen fühlen . Und es hebt die ewig Schöne , Da der Morgen herrlich schiene , In den Augen große Tränen , Hell die jugendlichen Glieder . Wie so anders war es damals , Da mich , bräutlich Ausgeschmückte , Aus dem heimatlichen Garten Hier herab der Vater schickte ! Wie die Erde frisch und jung noch , Von Gesängen rings erklingend , Schauernd in Erinnerungen , Helle in das Herz mir blickte , Daß ich , schamhaft mich verhüllend , Meinen Ring , von Glanz geblendet , Schleudert in die prächt ' ge Fülle , Als die ew ' ge Braut der Erde . Wo ist nun die Pracht geblieben , Treuer Ernst im rüst ' gen Treiben , Rechtes Tun und rechtes Lieben Und die Schönheit und die Freude ? Ach ! ringsum die Helden alle , Die sonst schön und helle schauten , Um mich in den lichten Tagen Durch die Welt sich fröhlich hauten , Strecken steinern nun die Glieder , Eingehüllt in ihre Fahnen , Sind seitdem so alt geworden , Nur ich bin so jung wie damals . - Von der Welt kann ich nicht lassen , Liebeln nicht von fern mit Reden , Muß mit Armen warm umfassen ! - Laß mich lieben , laß mich leben ! Nun verliebt die Augen gehen Über ihres Gartens Mauer , War so einsam dort zu sehen Schimmernd Land und Ström und Auen . Und wo ihre Augen gingen : Quellen