Mahl . Dem Gast zu Ehren ließ der Alte guten Wein heraufbringen , den er mir nach patriarchalischer Sitte aus einem schönen Pokal zutrank . Der Tisch war indessen abgeräumt , die Jägerbursche nahmen ein paar Hörner von der Wand und bliesen ein Jägerlied . - Bei der zweiten Wiederholung fielen die Mädchen singend ein , und mit ihnen wiederholten die Försterssöhne im Chor die Schlußstrophe . - - Meine Brust erweiterte sich auf wunderbare Weise : seit langer Zeit war mir nicht im Innersten so wohl gewesen , als unter diesen einfachen , frommen Menschen . Es wurden mehrere gemütliche wohltönende Lieder gesungen , bis der Alte aufstand und mit dem Ausruf : » Es leben alle braven Männer , die das edle Weidwerk ehren « , sein Glas leerte ; wir stimmten alle ein , und so war das frohe Mahl , das mir zu Ehren durch Wein und Gesang verherrlicht wurde , beschlossen . Der Alte sprach zu mir : » Nun , mein Herr , schlafe ich ein halbes Stündchen , aber dann gehen wir in den Wald , und ich erzähle es Ihnen , wie der Mönch in mein Haus gekommen und was ich sonst von ihm weiß . Bis dahin tritt die Dämmerung ein , dann gehen wir auf den Anstand , da es , wie mir Franz sagt , Hühner gibt . Auch Sie sollen ein gutes Gewehr erhalten und Ihr Glück versuchen . « Die Sache war mir neu , da ich als Seminarist zwar manchmal nach der Scheibe , aber nie nach Wild geschossen ; ich nahm daher des Försters Anerbieten an , der höchlich darüber erfreut schien und mir mit treuherziger Gutmütigkeit in aller Eil ' noch vor dem Schlaf , den er zu tun gedachte , die ersten , unentbehrlichsten Grundsätze der Schießkunst beizubringen suchte . Ich wurde mit Flinte und Jagdtasche ausgerüstet , und so zog ich mit dem Förster in den Wald , der die Geschichte von dem seltsamen Mönch in folgender Art anfing : » Künftigen Herbst sind es schon zwei Jahre her , als meine Bursche im Walde oft ein entsetzliches Heulen vernahmen , das , so wenig Menschliches es auch hatte , doch , wie Franz , mein jüngst angenommener Lehrling , meinte , von einem Menschen herrühren mochte . Franz war dazu bestimmt , von dem heulenden Ungetüm geneckt zu werden , denn wenn er auf den Anstand ging , so verscheuchte das Heulen , welches sich dicht bei ihm hören ließ , die Tiere , und er sah zuletzt , wenn er auf ein Tier anlegen wollte , ein borstiges unkenntliches Wesen aus dem Gebüsch springen , das seinen Schuß vereitelte . Franz hatte den Kopf voll von all den spukhaften Jägerlegenden , die ihm sein Vater , ein alter Jäger , erzählt , und er war geneigt , das Wesen für den Satan selbst zu halten , der ihm das Weidhandwerk verleiden oder ihn sonst verlocken wolle . Die anderen Bursche , selbst meine Söhne , denen auch das Ungetüm aufgestoßen , pflichteten ihm endlich bei , und umso mehr war mir daran gelegen , dem Dinge näher auf die Spur zu kommen , als ich es für eine List der Freischützen hielt , meine Jäger vom Anstand wegzuschrecken . - Ich befahl deshalb meinen Söhnen und den Burschen , die Gestalt , falls sie sich wieder zeigen sollte , anzurufen , und falls sie nicht stehen oder Bescheid geben sollte , nach Jägerrecht ohne weiteres nach ihr zu schießen . - Den Franz traf es wieder , der erste zu sein , dem das Ungetüm auf dem Anstand in den Weg trat . Er rief ihm zu , das Gewehr anlegend , die Gestalt sprang ins Gebüsch , Franz wollte hinterdrein knallen , aber der Schuß versagte , und nun lief er voll Angst und Schrecken zu den andern , die von ihm entfernt standen , überzeugt , daß es der Satan sei , der ihm zum Trutz das Wild verscheuche und sein Gewehr verzaubere ; denn in der Tat traf er , seitdem ihn das Ungetüm verfolgte , kein Tier , so gut er sonst geschossen . Das Gerücht von dem Spuk im Walde verbreitete sich , und man erzählte schon im Dorfe , wie der Satan dem Franz in den Weg getreten und ihm Freikugeln angeboten , und noch anderes tolles Zeug mehr . - Ich beschloß , dem Unwesen ein Ende zu machen und das Ungetüm , das mir selbst noch niemals aufgestoßen , auf den Stätten , wo es sich zu zeigen pflegte , zu verfolgen . Lange wollte es mir nicht glücken ; endlich , als ich an einem neblichten Novemberabend gerade da , wo Franz das Ungetüm zuerst erblickt , auf dem Anstand war , rauschte es mir ganz nahe im Gebüsch , ich legte leise das Gewehr an , ein Tier vermutend , aber eine gräßliche Gestalt mit rotfunkelnden Augen und schwarzen borstigen Haaren , mit Lumpen behangen , brach hervor . Das Ungetüm stierte mich an , indem es entsetzliche heulende Töne ausstieß . Herr ! - es war ein Anblick , der dem Beherztesten Furcht einjagen könnte , ja mir war es , als stehe wirklich der Satan vor mir , und ich fühlte , wie mir der Angstschweiß ausbrach . Aber im kräftigen Gebet , das ich mit starker Stimme sprach , ermutigte ich mich ganz . Sowie ich betete und den Namen Jesus Christus aussprach , heulte wütender das Ungetüm und brach endlich in entsetzliche gotteslästerliche Verwünschungen aus . Da rief ich : Du verfluchter , bübischer Kerl , halt ein mit deinen gotteslästerlichen Reden und gib dich gefangen , oder ich schieße dich nieder . Da fiel der Mensch wimmernd zu Boden und bat um Erbarmen . Meine Bursche kamen herbei , wir packten den Menschen und führten ihn nach Hause , wo ich ihn in den Turm bei dem Nebengebäude einsperren ließ und den nächsten Morgen den Vorfall der Obrigkeit anzeigen wollte . Er fiel , sowie er in den Turm kam , in einen ohnmächtigen Zustand . Als ich den andern Morgen zu ihm ging , saß er auf dem Strohlager , das ich ihm bereiten lassen , und weinte heftig . Er fiel mir zu Füßen und flehte mich an , daß ich mit ihm Erbarmen haben solle ; schon seit mehreren Wochen habe er im Walde gelebt und nichts gegessen als Kräuter und wildes Obst , er sei ein armer Kapuziner aus einem weit entlegenen Kloster und aus dem Gefängnisse , in das man ihn wahnsinnshalber gesperrt , entsprungen . Der Mensch war in der Tat in einem erbarmungswürdigen Zustande , ich hatte Mitleiden mit ihm und ließ ihm Speise und Wein zur Stärkung reichen , worauf er sich sichtlich erholte . Er bat mich auf das eindringendste , ihn nur einige Tage im Hause zu dulden und ihm ein neues Ordenshabit zu verschaffen , er wolle dann selbst nach dem Kloster zurückwandeln . Ich erfüllte seinen Wunsch , und sein Wahnsinn schien wirklich nachzulassen , da die Paroxysmen minder heftig und seltner wurden . In den Ausbrüchen der Raserei stieß er entsetzliche Reden aus , und ich bemerkte , daß er , wenn ich ihn deshalb hart anredete und mit dem Tode drohte , in einen Zustand innerer Zerknirschung überging , indem er sich kasteite , ja sogar Gott und die Heiligen anrief , ihn von der Höllenqual zu befreien . Er schien sich dann für den heiligen Antonius zu halten , sowie er in der Raserei immer tobte , er sei Graf und gebietender Herr , und er wolle uns alle ermorden lassen , wenn seine Diener kämen . In den lichten Zwischenräumen bat er mich , um Gottes willen ihn nicht zu verstoßen , weil er fühle , daß nur sein Aufenthalt bei mir ihn heilen könne . Nur ein einziges Mal gab es noch einen harten Auftritt mit ihm , und zwar , als der Fürst hier eben im Revier gejagt und bei mir übernachtet hatte . Der Mönch war , nachdem er den Fürsten mit seiner glänzenden Umgebung gesehen , ganz verändert . Er blieb störrisch und verschlossen , er entfernte sich schnell , wenn wir beteten , es zuckte ihm durch alle Glieder , wenn er nur ein andächtiges Wort hörte , und dabei schaute er meine Tochter Anne mit solchen lüsternen Blicken an , daß ich beschloß , ihn fortzubringen , um allerlei Unfug zu verhüten . In der Nacht vorher , als ich den Morgen meinen Plan ausführen wollte , weckte mich ein durchdringendes Geschrei auf dem Gange , ich sprang aus dem Bette und lief schnell mit angezündetem Licht nach dem Gemach , wo meine Töchter schliefen . Der Mönch war aus dem Turm , wo ich ihn allnächtlich eingeschlossen , gebrochen und in viehischer Brunst nach dem Gemach meiner Töchter gerannt , dessen Türe er mit einem Fußtritt sprengte . Zum Glück hatte den Franz ein unausstehlicher Durst aus der Kammer , wo die Bursche schlafen , hinausgetrieben , und er wollte gerade nach der Küche gehen , um sich Wasser zu schöpfen , als er den Mönch über den Gang poltern hörte . Er lief herbei und packte ihn gerade in dem Augenblick , als er die Türe einstieß , von hinten her ; aber der Junge war zu schwach , den Rasenden zu bändigen , sie balgten sich unter dem Geschrei der erwachten Mädchen in der Türe , und ich kam gerade in dem Augenblick herzu , als der Mönch den Burschen zu Boden geworfen und ihn meuchlerisch bei der Kehle gepackt hatte . Ohne mich zu besinnen , faßte ich den Mönch und riß ihn von Franzen weg , aber plötzlich , noch weiß ich nicht , wie das zugegangen , blinkte ein Messer in des Mönchs Faust , er stieß nach mir , aber Franz , der sich aufgerafft , fiel ihm in den Arm , und mir , der ich nun wohl ein starker Mann bin , gelang es bald , den Rasenden so fest an die Mauer zu drücken , daß ihm schier der Atem ausgehen wollte . Die Bursche waren ob dem Lärm alle wach worden und herbeigelaufen ; wir banden den Mönch und schmissen ihn in den Turm , ich holte aber meine Hetzpeitsche herbei und zählte ihm zur Abmahnung von künftigen Untaten ähnlicher Art einige kräftige Hiebe auf , so daß er ganz erbärmlich ächzte und wimmerte ; aber ich sprach : Du Bösewicht , das ist noch viel zu wenig für deine Schändlichkeit , daß du meine Tochter verführen wollen und mir nach dem Leben getrachtet , eigentlich solltest du sterben . - Er heulte vor Angst und Entsetzen , denn die Furcht vor dem Tode schien ihn ganz zu vernichten . Den andern Morgen war es nicht möglich , ihn fortzubringen , denn er lag totenähnlich in gänzlicher Abspannung da und flößte mir wahres Mitleiden ein . Ich ließ ihm in einem bessern Gemach ein gutes Bette bereiten , und meine Alte pflegte seiner , indem sie ihm stärkende Suppen kochte und aus unserer Hausapotheke das reichte , was ihm dienlich schien . Meine Alte hat die gute Gewohnheit , wenn sie einsam sitzt , oft ein andächtig Lied anzustimmen , aber wenn es ihr recht wohl ums Herz sein soll , muß meine Anne mit ihrer hellen Stimme ihr solch ein Lied vorsingen . - - Das geschah nun auch vor dem Bette des Kranken . - Da seufzte er oft tief und sah meine Alte und die Anne mit recht wehmütigen Blicken an , oft flossen ihm die Tränen über die Wangen . Zuweilen bewegte er die Hand und die Finger , als wolle er sich kreuzigen , aber das gelang nicht , die Hand fiel kraftlos nieder ; dann stieß er auch manchmal leise Töne aus , als wolle er in den Gesang einstimmen . Endlich fing er an , zusehends zu genesen , jetzt schlug er oft das Kreuz nach Sitte der Mönche und betete leise . Aber ganz unvermutet fing er einmal an , lateinische Lieder zu singen , die meiner Alten und der Anne , unerachtet sie die Worte nicht verstanden , mit ihren ganz wunderbaren heiligen Tönen bis ins Innerste drangen , so daß sie nicht genug sagen konnten , wie der Kranke sie erbaue . Der Mönch war so weit hergestellt , daß er aufstehen und im Hause umherwandeln konnte , aber sein Aussehen , sein Wesen war ganz verändert . Die Augen blickten sanft , statt daß sonst ein gar böses Feuer in ihnen funkelte , er schritt ganz nach Klostersitte leise und andächtig mit gefaltenen Händen umher , jede Spur des Wahnsinns war verschwunden . Er genoß nichts als Gemüse , Brot und Wasser , und nur selten konnte ich ihn in der letzten Zeit dahin bringen , daß er sich an meinen Tisch setzte und etwas von den Speisen genoß sowie einen kleinen Schluck Wein trank . Dann sprach er das Gratias und ergötzte uns mit seinen Reden , die er so wohl zu stellen wußte wie nicht leicht einer . Oft ging er im Walde einsam spazieren , so kam es denn , daß ich ihm einmal begegnete und , ohne gerade viel zu denken , frug , ob er nicht nun bald in sein Kloster zurückkehren werde . Er schien sehr bewegt , er faßte meine Hand und sprach : Mein Freund , ich habe dir das Heil meiner Seele zu danken , du hast mich errettet von der ewigen Verderbnis , noch kann ich nicht von dir scheiden , laß mich bei dir sein . Ach , habe Mitleid mit mir , den der Satan verlockt hat und der unwiederbringlich verloren war , wenn ihn der Heilige , zu dem er flehte in angstvollen Stunden , nicht im Wahnsinn in diesen Wald gebracht hätte . - Sie fanden mich , fuhr der Mönch nach einigem Stillschweigen fort , in einem ganz entarteten Zustande und ahnden auch jetzt gewiß nicht , daß ich einst ein von der Natur reich ausgestatteter Jüngling war , den nur eine schwärmerische Neigung zur Einsamkeit und zu den tiefsinnigsten Studien ins Kloster brachte . Meine Brüder liebten mich alle ausnehmend , und ich lebte so froh , als es nur in dem Kloster geschehen kann . Durch Frömmigkeit und musterhaftes Betragen schwang ich mich empor , man sah in mir schon den künftigen Prior . Es begab sich , daß einer der Brüder von weiten Reisen heimkehrte und dem Kloster verschiedene Reliquien , die er sich auf dem Wege zu verschaffen gewußt , mitbrachte . Unter diesen befand sich eine verschlossene Flasche , die der heilige Antonius dem Teufel , der darin ein verführerisches Elixier bewahrte , abgenommen haben sollte . Auch diese Reliquie wurde sorgfältig aufbewahrt , unerachtet mir die Sache ganz gegen den Geist der Andacht , den die wahren Reliquien einflößen sollen , und überhaupt ganz abgeschmackt zu sein schien . Aber eine unbeschreibliche Lüsternheit bemächtigte sich meiner , das zu erforschen , was wohl eigentlich in der Flasche enthalten . Es gelang mir , sie beiseite zu schaffen , ich öffnete sie und fand ein herrlich duftendes , süß schmeckendes starkes Getränk darin , das ich bis auf den letzten Tropfen genoß . - Wie nun mein ganzer Sinn sich änderte , wie ich einen brennenden ' Durst ' nach der Lust der Welt empfand , wie das Laster in verführerischer Gestalt mir als des Lebens höchste Spitze erschien , das alles mag ich nicht sagen , kurz , mein Leben wurde eine Reihe schändlicher Verbrechen , so daß , als ich meiner teuflischen Lust unerachtet verraten wurde , mich der Prior zum ewigen Gefängnis verurteilte . Als ich schon mehrere Wochen in dem dumpfen , feuchten Kerker zugebracht hatte , verfluchte ich mich und mein Dasein , ich lästerte Gott und die Heiligen , da trat im glühend roten Scheine der Satan zu mir und sprach , daß , wenn ich meine Seele ganz dem Höchsten abwenden und ihm dienen wolle , er mich befreien werde . Heulend stürzte ich auf die Knie und rief : ' Es ist kein Gott , dem ich diene , du bist mein Herr , und aus deinen Gluten strömt die Lust des Lebens . ' - Da brauste es in den Lüften wie eine Windsbraut , und die Mauern dröhnten , wie vom Erdbeben erschüttert , ein schneidender Ton pfiff durch den Kerker , die Eisenstäbe des Fensters fielen zerbröckelt herab , und ich stand , von unsichtbarer Gewalt hinausgeschleudert , im Klosterhofe . Der Mond schien hell durch die Wolken , und in seinen Strahlen erglänzte das Standbild des heiligen Antonius , das mitten im Hofe bei einem Springbrunnen aufgerichtet war . - Eine unbeschreibliche Angst zerriß mein Herz , ich warf mich zerknirscht nieder vor dem Heiligen , ich schwor dem Bösen ab und flehte um Erbarmen ; aber da zogen schwarze Wolken herauf , und aufs neue brauste der Orkan durch die Luft , mir vergingen die Sinne , und ich fand mich erst im Walde wieder , in dem ich , wahnsinnig vor Hunger und Verzweiflung , umhertobte und aus dem Sie mich erretteten . - So erzählte der Mönch , und seine Geschichte machte auf mich solch einen tiefen Eindruck , daß ich nach vielen Jahren noch so wie heute imstande sein werde , alles Wort für Wort zu wiederholen . Seit der Zeit hat sich der Mönch so fromm , so gutmütig betragen , daß wir ihn alle lieb gewannen , und um so unbegreiflicher ist es mir , wie in voriger Nacht sein Wahnsinn hat aufs neue ausbrechen können . « » Wissen Sie denn gar nicht « , fiel ich dem Förster ins Wort , » aus welchem Kapuzinerkloster der Unglückliche entsprungen ist ? « - » Er hat mir es verschwiegen , « erwiderte der Förster , » und ich mag um so weniger darnach fragen , als es mir beinahe gewiß ist , daß es wohl derselbe Unglückliche sein mag , der unlängst das Gespräch des Hofes war , unerachtet man seine Nähe nicht vermutete und ich auch meine Vermutung zum wahren Besten des Mönchs nicht gerade bei Hofe laut werden lassen mochte . « - » Aber ich darf sie wohl erfahren , « versetzte ich , » da ich ein Fremder bin und noch überdies mit Hand und Mund versprechen will , gewissenhaft zu schweigen . « - » Sie müssen wissen , « sprach der Förster weiter , » daß die Schwester unserer Fürstin Äbtissin des Zisterzienserklosters in * * * ist . Diese hatte sich des Sohnes einer armen Frau , deren Mann mit unserm Hofe in gewissen geheimnisvollen Beziehungen gestanden haben soll , angenommen und ihn aufziehen lassen . Aus Neigung wurde er Kapuziner und als Kanzelredner weit und breit bekannt . Die Äbtissin schrieb ihrer Schwester sehr oft über den Pflegling und betrauerte vor einiger Zeit tief seinen Verlust . Er soll durch den Mißbrauch einer Reliquie schwer gesündigt haben und aus dem Kloster , dessen Zierde er so lange war , verbannt worden sein . Alles dieses weiß ich aus einem Gespräch des fürstlichen Leibarztes mit einem andern Herrn vom Hofe , das ich vor einiger Zeit anhörte . Sie erwähnten einiger sehr merkwürdiger Umstände , die mir jedoch , weil ich all die Geschichten nicht von Grund aus kenne , unverständlich geblieben und wieder entfallen sind . Erzählt nun auch der Mönch seine Errettung aus dem Klostergefängnis auf andere Weise , soll sie nämlich durch den Satan geschehen sein , so halte ich dies doch für eine Einbildung , die ihm noch vom Wahnsinn zurückblieb , und meine , daß der Mönch kein anderer als eben der Bruder Medardus ist , den die Äbtissin zum geistlichen Stande erziehen ließ , und den der Teufel zu allerlei Sünden verlockte , bis ihn Gottes Gericht mit viehischer Raserei strafte . « Als der Förster den Namen Medardus nannte , durchbebte mich ein innerer Schauer , ja die ganze Erzählung hatte mich wie mit tödlichen Stichen , die mein Innerstes trafen , gepeinigt . - Nur zu sehr war ich überzeugt , daß der Mönch die Wahrheit gesprochen , da nur eben ein solches Getränk der Hölle , das er lüstern genossen , ihn aufs neue in verruchten gotteslästerlichen Wahnsinn gestürzt hatte . - Aber ich selbst war herabgesunken zum elenden Spielwerk der bösen , geheimnisvollen Macht , die mich mit unauflöslichen Banden umstrickt hielt , so daß ich , der ich frei zu sein glaubte , mich nur innerhalb des Käfichts bewegte , in den ich rettungslos gesperrt worden . - Die guten Lehren des frommen Cyrillus , die ich unbeachtet ließ , die Erscheinung des Grafen und seines leichtsinnigen Hofmeisters , alles kam mir in den Sinn . - Ich wußte nun , woher die plötzliche Gärung im Innern , die Änderung meines Gemüts entstanden ; ich schämte mich meines freveligen Beginnens , und diese Scham galt mir in dem Augenblick für die tiefe Reue und Zerknirschung , die ich in wahrhafter Buße hätte empfinden sollen . So war ich in tiefes Nachdenken versunken und hörte kaum auf den Alten , der nun , wieder auf die Jägerei gekommen , mir manchen Strauß schilderte , den er mit den bösen Freischützen gehabt . Die Dämmerung war eingebrochen , und wir standen vor dem Gebüsch , in dem die Hühner liegen sollten ; der Förster stellte mich auf meinen Platz , schärfte mir ein , weder zu sprechen noch sonst mich viel zu regen und mit gespanntem Hahn recht sorglich zu lauschen . Die Jäger schlichen leise auf ihre Plätze , und ich stand einsam in der Dunkelheit , die immer mehr zunahm . - Da traten Gestalten aus meinem Leben hervor im düstern Walde . Ich sah meine Mutter , die Äbtissin , sie schauten mich an mit strafenden Blicken . - Euphemie rauschte auf mich zu mit totenbleichem Gesicht und starrte mich an mit ihren schwarzen glühenden Augen , sie erhob ihre blutigen Hände , mir drohend , ach , es waren Blutstropfen , Hermogens Todeswunde entquollen , ich schrie auf ! - Da schwirrte es über mir in starkem Flügelschlag , ich schoß blindlings in die Luft , und zwei Hühner stürzten getroffen herab . » Bravo ! « rief der unfern von mir stehende Jägerbursche , indem er das dritte herabschoß . - Schüsse knallten jetzt ringsumher , und die Jäger versammelten sich , jeder seine Beute herbeitragend . Der Jägerbursche erzählte , nicht ohne listige Seitenblicke auf mich , wie ich ganz laut aufgeschrien , da die Hühner dicht über meinem Kopf weggestrichen , als hätte ich großen Schreck , und dann , ohne einmal recht anzulegen , blindlings drunter geschossen und doch zwei Hühner getroffen ; ja , es sei in der Finsternis ihm vorgekommen , als hätte ich das Gewehr ganz nach anderer Richtung hingehalten , und doch wären die Hühner gestürzt . Der alte Förster lachte laut auf , daß ich so über die Hühner erschrocken sei und mich nur gewehrt habe mit Drunterschießen . - » Übrigens , mein Herr , « fuhr er fort , » will ich hoffen , daß Sie ein ehrlicher frommer Weidmann und kein Freijäger sind , der es mit dem Bösen hält und hinschießen kann , wo er will , ohne das zu fehlen , was er zu treffen willens . « - Dieser gewiß unbefangene Scherz des Alten traf mein Innerstes , und selbst mein glücklicher Schuß in jener aufgeregten entsetzlichen Stimmung , den doch nur der Zufall herbeigeführt , erfüllte mich mit Grauen . Mit meinem Selbst mehr als jemals entzweit , wurde ich mir selbst zweideutig , und ein inneres Grausen umfing mein eignes Wesen mit zerstörender Kraft . Als wir ins Haus zurückkamen , berichtete Christian , daß der Mönch sich im Turm ganz ruhig verhalten , kein einziges Wort gesprochen und auch keine Nahrung zu sich genommen habe . » Ich kann ihn nun nicht länger bei mir behalten , « sprach der Förster , » denn wer steht mir dafür , daß sein , wie es scheint , unheilbarer Wahnsinn nach langer Zeit nicht aufs neue ausbricht und er irgend ein entsetzliches Unheil hier im Hause anrichtet ; er muß morgen in aller Frühe mit Christian und Franz nach der Stadt ; mein Bericht über den ganzen Vorgang ist längst fertig , und da mag er denn in die Irrenanstalt gebracht werden . « Als ich in meinem Gemach allein war , stand mir Hermogens Gestalt vor Augen , und wenn ich sie fassen wollte mit schärferem Blick , wandelte sie sich um in den wahnsinnigen Mönch . Beide flossen in meinem Gemüt in eins zusammen und bildeten so die Warnung der höhern Macht , die ich wie dicht vor dem Abgrunde vernahm . Ich stieß an die Korbflasche , die noch auf dem Boden lag ; der Mönch hatte sie bis auf den letzten Tropfen ausgeleert , und so war ich jeder neuen Versuchung , davon zu genießen , enthoben ; aber auch selbst die Flasche , aus der noch ein starker berauschender Duft strömte , schleuderte ich fort durch das offne Fenster über die Hofmauer weg , um so jede mögliche Wirkung des verhängnisvollen Elixiers zu vernichten . - Nach und nach wurde ich ruhiger , ja der Gedanke ermutigte mich , daß ich auf jeden Fall in geistiger Hinsicht erhaben sein müsse über jenen Mönch , den das dem meinigen gleiche Getränk in wilden Wahnsinn stürzte . Ich fühlte , wie dies entsetzliche Verhängnis bei mir vorübergestreift ; ja , daß der alte Förster den Mönch eben für den unglücklichen Medardus , für mich selbst , hielt , war mir ein Fingerzeig der höheren , heiligen Macht , die mich noch nicht sinken lassen wollte in das trostlose Elend . - Schien nicht der Wahnsinn , der überall sich mir in den Weg stellte , nur allein vermögend , mein Inneres zu durchblicken und immer dringender vor dem bösen Geiste zu warnen , der mir , wie ich glaubte , sichtbarlich in der Gestalt des bedrohlichen gespenstischen Malers erschienen ? - Unwiderstehlich zog es mich fort nach der Residenz . Die Schwester meiner Pflegemutter , die , wie ich mich besann , der Äbtissin ganz ähnlich war , da ich ihr Bild öfters gesehen , sollte mich wieder zurückführen in das fromme schuldlose Leben , wie es ehemals mir blühte , denn dazu bedurfte es in meiner jetzigen Stimmung nur ihres Anblicks und der dadurch erweckten Erinnerungen . Dem Zufall wollte ich es überlassen , mich in ihre Nähe zu bringen . Kaum war es Tag worden , als ich des Försters Stimme im Hofe vernahm ; früh sollte ich mit dem Sohne abreisen , ich warf mich daher schnell in die Kleider . Als ich herabkam , stand ein Leiterwagen mit Strohsitzen zum Abfahren bereit vor der Haustür ; man brachte den Mönch , der mit totenbleichem und verstörtem Gesicht sich geduldig führen ließ . Er antwortete auf keine Frage , er wollte nichts genießen , kaum schien er die Menschen um sich zu gewahren . Man hob ihn auf den Wagen und band ihn mit Stricken fest , da sein Zustand allerdings bedenklich schien und man vor dem plötzlichen Ausbruch einer innern verhaltenen Wut keinesweges sicher war . Als man seine Ärme festschnürte , verzog sich sein Gesicht krampfhaft , und er ächzte leise . Sein Zustand durchbohrte mein Herz , er war mir verwandt worden , ja nur seinem Verderben verdankte ich vielleicht meine Rettung . Christian und ein Jägerbursche setzten sich neben ihm in den Wagen . Erst im Fortfahren fiel sein Blick auf mich , und er wurde plötzlich von tiefem Staunen ergriffen ; als der Wagen sich schon entfernte ( wir waren ihm bis vor die Mauer gefolgt ) , blieb sein Kopf gewandt und sein Blick auf mich gerichtet . » Sehen Sie , « sagte der alte Förster , » wie er Sie so scharf ins Auge faßt ; ich glaube , daß Ihre Gegenwart im Speisezimmer , die er nicht vermutete , auch viel zu seinem rasenden Beginnen beigetragen hat , denn selbst in seiner guten Periode blieb er ungemein scheu und hatte immer den Argwohn , daß ein Fremder kommen und ihn töten würde . Vor dem Tode hat er nämlich eine ganz ungemessene Furcht , und durch die Drohung , ihn gleich erschießen zu lassen , habe ich oft den Ausbrüchen seiner Raserei widerstanden . « Mir war wohl und leicht , daß der Mönch , dessen Erscheinung mein eignes Ich in verzerrten gräßlichen Zügen reflektierte , entfernt worden . Ich freuete mich auf die Residenz , denn es war mir , als solle dort die Last des schweren finstern Verhängnisses , die mich niederdrückt , mir entnommen werden , ja , als würde ich mich dort , erkräftigt , der bösen Macht , die mein Leben befangen , entreißen können . Als das Frühstück verzehrt , fuhr der saubre , mit raschen Pferden bespannte Reisewagen des Försters vor . - Kaum gelang es mir , der Frau für die Gastlichkeit , mit der ich aufgenommen , etwas Geld , sowie den beiden bildhübschen Töchtern einige Galanteriewaren , die ich zufällig bei mir trug , aufzudringen . Die ganze Familie nahm so herzlichen Abschied , als sei ich längst im Hause bekannt gewesen , der Alte scherzte noch viel über mein Jägertalent . Heiter und froh fuhr ich von dannen . Vierter Abschnitt Das Leben am fürstlichen Hofe Die Residenz des Fürsten bildete gerade den Gegensatz zu der Handelsstadt , die ich verlassen . Im Umfange bedeutend kleiner , war sie regelmäßiger und schöner gebaut , aber ziemlich menschenleer . Mehrere Straßen , worin Alleen gepflanzt , schienen mehr Anlagen eines Parks