als ein heiliges Geheimniß , das in dieser Verwirrung noch nicht an das Licht treten soll . Vertraue Dich Niemand als dem Arzte , greife der Entscheidung durch nichts vor , laß die Natur ungehindert ihren zuverläßigen Sieg bereiten . Sie will uns in ihre stille Ordnung zurück haben . Mein Gott ! sagte er nach augenblicklichen Nachsinnen , wie ungestüm ist der Mensch ! wie arbeitet er sich an dem Unmöglichen ab , und dann kommt ihm das Gute unversehens von selbst , aber anders , ganz anders wie er es dachte ! Mein Kind ! es ist viel Wunderbares in dem Leben ! Von jetzt betrieb er nun die Versöhnung mit dem Vaterlande auf alle Weise , was ihm um so leichter ward , da die gemäßigte Gewalt der Direktoren nach der dritten Constitution , den Ausgewanderten die Thore der Heimath öffnete . Frankreich hatte um diese Zeit mit einem Theil seiner auswärtigen Feinde Frieden geschlossen . Es begründete sich nun in sich selbst und zog die vertriebenen Mitbürger theils durch die wieder aufgehende Ruhe , theils durch die allernatürlichsten , unzerreißbarsten Bande , nach und nach an sich . Auch der Köhler ward des Suchens und vergeblichen Ansiedelns in der Fremde müde , und schon im Herbst begleitete er den Marquis , der , den Wiederaufbau des Rhoneschlosses betreibend , vorauseilte , nach Frankreich zurück , wie er ihn früher aus diesem führte . Die Andern sollten unter dem Schutz des Herzogs in kleinen Tagereisen folgen , und in Besançon Nachricht über ihren fernern Aufenthalt erwarten , da vielleicht ein Theil des Schlosses stehn geblieben sei , und sie dort bis zur Wiederherstellung des Ganzen einziehen könnten . Marie fügte sich in alles , ohne grade besondern Hoffnungen Raum geben zu wollen . Doch wie es auch werden mochte , ängstlicher konnte ihre Lage nirgend sein , als hier , wo ihr alles so liebe , glückliche Tage zurückrief , und wo sie jetzt die dunkle Gegenwart doppelt drückte . Auch konnte sie es nicht wehren , daß manch verheißender Traum unmerklich aus der unbekannten Zukunft heraufstieg ; sie drückte ihn wohl scheu und bescheiden zurück , aber er war doch einmal da gewesen , und jeder Blick in die Ferne zeigte ein mögliches Glück , da die nahen Umgebungen im Gegentheil nur Störung und Sorgen enthielten . Denn Antoniens Zustand ward mit jedem Tage leidenschaftlicher , ihr Sinn immer finsterer . Sie kam wenig mehr unter Menschen . Meist allein in ihrem Zimmer , war sie beschäftigt , Scenen aus ihrem Leben , welche Bezug auf Adalbert hatten , mit großer Kraft und erschütternder Wahrheit , in reichen und schön zusammengestellten Gruppen , mit Kreide auf das Papier zu werfen . Vorzüglich verweilte sie bei dem Uebergang über den Gotthard . Alle andern Gestalten waren nur eben angegeben , Adalbert allein mit der höchsten Liebe in rührender Aehnlichkeit ausgezeichnet . Niemand konnte den Zug tiefen Leidens in seinem Gesicht ohne Wehmuth sehen . So mochte sie sich ihn am liebsten denken . Oft wenn sie stundenlang an seinem Bilde gearbeitet hatte und seine Lippen sich wie zum Sprechen zu öffnen schienen , dann drückte sie die ihren darauf , und verwischte mit ihren Thränen die trügerisch verlockende Erinnerung ! Die herannahende Veränderung ihres Aufenthaltes war ihr willkommen . Sie verlangte sogar mit Heftigkeit darnach . In den letzten Tagen vor ihrer Abreise zeigte sie sich geselliger , oftmals heiter und liebreich , ihr war , als sei die Entscheidung nun ganz nahe . Sie sprach mit Liebe von der Rhone und dem blühenden , heimathlichen Boden ! zuweilen hoffte sie , die Flammen sollen nur das Innere des schönen Schlosses angegriffen und die Möglichkeit gelassen haben , es wieder bewohnen zu können . Sie pries dem Arzt die Herrlichkeit der schönen Besitzung , und lag ihm an , sie dahin zu begleiten . Sie hatte sich einmal an seine milde Behandlung gewöhnt , selbst auf gewisse Weise Vertrauen zu ihm gefaßt . Es schien ihr tröstlich , sich ihn als eine Art von Mittelsperson zwischen ihr und der übrigen Familie zu denken , er war vielleicht der Einzige , der sie verstand , seit sich auch der Herzog von ihr wandte . Sie hatte eine so beherrschende Gewalt in ihren Worten und Mienen , sie bestimmte nicht eigentlich durch Gründe , allein sie überwältigte die Gründe Anderer so , daß der leutselige Mann , durch Theilnahme für eine der wunderbarsten Erscheinungen der Zeit , wie für eine ganze liebenswürdige Familie , bewogen , in ihren Vorschlag willigte . Am Vorabend der Reise trat der Chevalier zum erstenmal nach jenem unglückseligen Vorfall wieder in ihren Kreis . Ein jeder ward durch seinen Anblick erschüttert . Er nahete sich Antonien , und in ehrerbietiger Entfernung sagte er : ich habe Sie beleidigt , mein Fräulein , mein Blut konnte den Frevel nicht wegwischen , ich will ihn abbüßen , auf welche Weise Sie es wollen , unter allen Strafen die Sie mir auflegen können , ist wohl die härteste , Sie zu fliehen , doch ich bin Ihnen so sehr verschuldet , daß ich mich auch dieser unterwerfen muß . Wissen Sie aber eine freundlichere Art , die trüben Mißverständnisse auszugleichen , wollen sie mir die schöne Pflicht - Antonie winkte mit der Hand - der Krampf stellte sich wieder ein , er zog ihr das Herz zusammen , sie konnte nicht reden , und als der Chevalier übermannt zu ihren Füßen sank , bezeigte sie die unerträglichste Unruhe . Ich bin ein Thor ! rief er , stolz aufspringend , ein Unrecht gegen Sie durch ein größeres gegen mich selbst aufheben zu wollen . Man gewinnt nie sogleich durch die erste veränderte Stellung das verlorene Gleichgewicht wieder , aber ein französischer Ritter hat es noch immer gefunden , wenn es die Ehre gebietet . Ich denke , es zweifelt niemand an mir , sagte er , zuversichtlich umhersehend , die kleinen Wolken auf der Stirn wird der ruhige Tagesschein bald wieder wegwischen . Er grüßte anständig , und verließ einigermaßen zufrieden mit sich selbst , den Schauplatz einer kurzen , ziemlich hart bestraften , Thorheit . Sechzehntes Kapitel Der Marquis ward gleich bei seinem Eintritt in Frankreich auf eigene Weise überrascht . Was er auch bis dahin von der neuen Verfassung gehört , was er selbst darüber gelesen hatte , er fand kein eigentliches Bild dafür in seiner Phantasie . An die Vorstellung des Gesetzlichen , der wiederbegründeten Ordnung , reihete sich unwillkührlich die Erinnerung des ehemals Bestandenen . Es blieb ihm stets das Alte , er mochte es zurecht legen und stellen wie er wollte . In dieser dunklen , wenn auch nicht ausgesprochenen , Erwartung , betrat er jetzt französischen Boden . Sitte und Nothwendigkeit hatten nach grade genauere Schranken gezogen . Eine jede Thätigkeit fand ihre eigene Sphäre . Betriebsamkeit und tüchtiges Wesen suchten überall wieder zu schaffen , zu erneuern . War indeß das Leben in seinen Grundbestimmungen , auf die Weise , hier wie überall , dasselbe geblieben , so war die Form desselben dennoch so ganz anders geworden , daß er sich nicht darin zu finden wußte , und grade durch die gesetzliche Feststellung des Neuen am meisten erschreckt ward . So lange noch alles in der allgemeinen Crisis begriffen , und ein jeder mir in die Gährung hineingezogen war , konnte das zerrissene Gefühl nicht zum eigentlichen Bewußtsein gelangen , doch jetzt , wo sich der Tumult arbeitender Kräfte gelegt , und wirklich etwas gestaltet hatte , prallte das Auge scheu vor dem Fremden , Ungewohnten , zurück . Der Marquis empfand den Stoß in der Fortentwickelung der Zeit , allein er konnte sich nicht besinnen , auf welchem Punkte er selbst stehe ! Um nichts besser ging es ihm beim Wiederfinden seines alten Besitzthumes , in welchem man kaum noch die Spur menschlichen Wohnsitzes erkannte . Das mächtige Schloß war völlig in sich zusammengestürzt , und die gewaltigen Massen übereinanderliegender Steine schienen Frieden mit der Gegenwart geschlossen zu haben , die wohl nicht mehr an ihnen rühren mochte . Eine grüne Moosdecke hatte sich schon über das dunkle Gemäuer ausgelegt , von der Terrasse herauf wanden sich Wein- und Epheuranken an einzelne Pfeilerstümpfe hinan , die Bäume , welche es von der Wallseite schützten , waren abgehauen , nichts von allem war sich gleich geblieben , als die prachtvolle Rhone , die , wie die Natur , an der verwüstenden Zeit , in stiller Nothwendigkeit vorüberging . Nirgend mochte menschlicher Sinn hier an an heimathliches Ansiedeln , an friedlichen Lebensverkehr denken . Das Einzige , was sich noch in bewohnlichen Stand setzen ließ , war ein ehmals moderner Garten-Pavillon , dessen Außenwände ziemlich unverfehrt geblieben , und von dem nur die Bedachung und das Innere der Gemächer zerstört waren . Alle umfassende Pläne des Marquis , alle seine Hoffnungen und Wünsche schrumpften demnach , bei genauerer Besichtigung des Vorgefundenen , auf die Wiederherstellung dieses einen , armen Restes ehemaliger Herrlichkeit , zusammen ! Zwar konnte er nicht sogleich einen Plan aufgeben , in welchem er seit langer Zeit lebte . Er hatte immer gehofft , das Alte wieder zu erneuern , und sich in mitten des königlichen Gebäudes gleichsam als Zauberer betrachtet , welcher die Bande zwischen Vor- und Mitwelt versöhnend zusammenhalte . Jetzt lag der tiefe Grund freilich verschüttet , aber er hoffte , die Zeit , die so Großes verschuldet , werde auch nach und nach seinen Wünschen begütigend entgegen kommen . Kaum hatte er sich indeß an die neue Arbeit gewagt , Pläne entworfen , Arbeiter angestellt , und selbst sein aufmerksames Auge darauf gerichtet , als er an dem Fortgange des Ganzen das lebhafteste Interesse nahm . Er hatte nie etwas Aeußeres erschaffen , ihm ward die Ringmauer des neuen Gehöftes eine Art magischer Kreis , in welchem er mit unglaublicher Schnelligkeit wirkte ! Es war noch so vieles zu thun , so vieles aus der widrigen Verwilderung herauszureißen ! Und zu dem behaglichen Gefühl , auf dem Boden seiner Väter zu schalten und walten , gesellte sich bald die zuversichtliche Hoffnung , welche Mariens Briefe ihm nunmehr mittheilten , da deren Zustand nicht länger zu verbergen war , und sie , ihrer Entbindung nahe , eine große Sehnsucht nach dem Ort ihrer Bestimmung hegte . Die Familie hatte einen Theil des kurzen Winters in Besançon verlebt , und traf nun zu Anfang des Märzes bei dem Marquis ein , den sie in ganz fremder Umgebung fanden . Vom alten Schloß sah man hier nichts . Das erneuete Gebäude lag zwischen heitern Pflanzungen , welche , noch ziemlich jung , der Raubsucht zu geringer Ausbeute dienend , unangetastet geblieben waren , und jetzt einen leicht gewundenen Pfad beschatteten , der sich an dem flacher werdenden Ufern des Stromes hinwand . Der Süden schickt seine Frühlingsblüthen früh . Das Gras duftete hier schon von tausend würzigen Kräutern , die Bäume sahen nach und nach aus ihren Blüthenaugen hervor , alles schien sich zu Empfang und Freude zu schmücken . Der Köhler , welcher überall rüstig Hand anlegte , und sich , als alter Waldbewohner , auf Bäume und Pflanzungen verstand , hatte manches zu Verschönung der neuen Anlagen beigetragen . Man mußte sich in der kleinen Schöpfung behaglich , recht häuslich wohl fühlen . Die Baronin war wie im Himmel . Sie hörte , sah und empfand in allem ihr Frankreich wieder . Sie störte weder das Neue , noch vermißte sie das Alte ! Alles war , wie es sein mußte , sein konnte , sie hatte nichts daran auszusetzen . Sie mochte alle Menschen glücklich denken ! Marie trug sie auf den Händen . Um alles hätte sie Adalbert herzaubern , ihr ihn wiedergeben , Antonien beruhigen , schadlos halten mögen ! Sie hoffte deshalb manches in dem zärtlichen Ungestüm ihres Herzens , was sie sich selbst nicht anzugeben wußte , da auch wirklich kein eigentlicher Ausweg zu finden , kein Trost bei dem gänzlichen Mangel an Nachricht über Adalbert zu ertheilen war . Marie behielt indeß Muth , und die stille Ergebung , welche es ihr allein möglich machte , Antoniens zerreißenden Schmerz zu ertragen , der diese befiel , so oft sie Marien ansichtig ward . Die arme Marie zog sich dann bescheiden und sanft zurück , und weinte oft im Stillen über den unbegreiflichen Widerspruch der Natur , welcher der Einen das zur Pein werden lasse , was das einzige und höchste Glück der Andern sei . Sie fragte auch wohl ihre Freunde , wie sich die immer wachsende Verwirrung lösen , wie alles enden solle , und diese wußten sie dann freilich einzig auf Gott zurückzuführen , der einmal alles so zugelassen habe , und es nach seinem Willen fügen werde . Der Marquis aber war weder so gelassen , noch in dem Unvermeidlichen gefaßt . Ihn verließ zu Anfang der alte Glaube , als sei er zur Wiederauffindung der magischen Kräfte seines Stammes ausersehen , auch keinesweges . Nur hatte er , wie immer , durch seine Zeit getrieben , einen neuen Weg einschlagen , und indem er sich in die Außenwelt wagte , rührte diese auf eigene Weise an sein Inneres . Er ward unruhig über das Vergangene , es irrte und störte ihn , besonders der Anblick des alten Schlosses , das er auch mit einer Art von Scheu vermied . Er wandte sich nun mit großer Heftigkeit in die Zukunft , und strebte ängstlich , das langsame Wenden des Zeitmomentes zu überfliegen . Alles sollte schon da , alles zum Empfang des Kindes , das aus seinem Blute ausgegangen war , bereit , und er im Stande sein , dieses in seinen Geheimnissen auferziehend , zur Blüthe einer neuen Weltherrlichkeit zu bilden . Doch erschreckte ihn unter solchen Vorstellungen oft plötzlich Antoniens gespenstisches Erscheinen . Sie schlich wie ein Spuk an dem Schloßgemäuer hin , und sah verwirrend aus dem alten Leben herauf . Dem Marquis war zuweilen , als sei mit ihrer Geburt der Natur Gewalt angethan , und das längst Verschollene freventlich ans Licht gerissen worden . Er gedachte dabei der Stunde ihrer Geburt , des damaligen Aufruhrs seiner Sinne , der Marquise , ihrer Leiden ; Mariens herannahende Niederkunft mischte sich beengend unter diese Bilder , er fühlte sich plötzlich in Erinnerung und Erwarten zerrissen , in keinem Zeitpunkt seines Lebens behaglich froh . Die verarbeiteten Kräfte erschöpften sich endlich in dem steten Kampfe ; er verfiel in eine Abspannung , welche , von einem abzehrenden Fieber begleitet , Alle , und besonders den Arzt , für sein Leben bange machte . Um diese Zeit ward Marie sehr leicht und glücklich von einem Knaben entbunden . Am nemlichen Tage erhielt der Herzog die bestimmte Nachricht , daß Adalbert bei der Armee in Savoyen fechte , und ihnen folglich nahe sei . Doch wollte er , im Augenblick des eben eröffneten Feldzuges , sein Gemüth nicht durch eine Nachricht erschüttern , von der es nicht wohl voraus zu sehen war , wie sie ihn treffen werde . Er begnügte sich daher , ihm zu schreiben , daß sie alle nach Frankreich zurückgekehrt seien , und er selbst vor der Hand noch auf den Gütern des Marquis bei diesem lebe . Zugleich bat er ihn dringend , sobald als möglich etwas Näheres von sich hören zu lassen , und sowohl ihm , als seiner Familie , über seine gegenwärtige Lage Auskunft zu geben . Antonie gerieth durch die Nähe des Geliebten , wie durch des Kindes Geburt , in den allerentsetzlichsten Zustand . Ihr Abscheu gegen die neue Wohnung trieb sie jetzt noch rastloser im Freien umher . Stundenlang lag sie wimmernd auf dem alten Gestein , und breitete ihre Arme über die Rhone hinaus , dem armen Vertriebenen entgegen . Wie ausgestoßen von aller Welt brachen sich ihre Klagen an den zusammengestürzten Mauern . Der Strom rauschte ernst dazwischen , und schien ihr aus der Tiefe Antwort zu bringen . Oft lockte sie sein wogendes Bett , doch fühlte sie sich starr und wie eisern in den Gliedern , sobald sie sich dem Wasser zu sehr nahete . Sie hatte ähnliche Wirkungen schon früher , Zeitenweise , verspürt , es ging ihr fast auf ähnliche Weise damit , wie mit dem Berühren der Metalle , vorzüglich bei hellem Sonnenschein . Doch wie auch der Fluß selbst aus der Ferne auf sie wirkte , sie konnte von ihrem Lieblingssitz auf der hohen Terasse nicht lassen , ob sie es gleich zum öftern durch verstärkten Herzkrämpfe und die peinlichste Angst büßen mußte . Hier war sie allein , hier trat ihr Adalbert nahe , hier war er ihr eigen , daheim war alles ungestaltet , das Leben , ihr Herz , zerrissen ! Vielleicht stockte das arme Herz einmal auf immer in dieser seligen Abgeschiedenheit ! Siebenzehntes Kapitel Es war Ende Mai , drei Wochen nach der Schlacht bei Lodi , daß Marie ihren Knaben taufen , und ihn nach ihrem Vater nennen ließ . Der Marquis war so schwach , daß er das Bett nicht mehr verließ , und die heilige Handlung vor diesem verrichtet werden mußte . Antonie hatte sich nur mit Mühe während derselben im Zimmer erhalten , sie stürzte verstört hinaus , und warf sich athemlos auf die Schloßterrasse nieder . Gott hatte das Kind in seine Liebesarme aufgenommen ! Die Versöhnungsworte waren über dasselbe ausgesprochen , es war geheiliget , ihr Recht auf Adalbert vernichtet , der Natur geheimnißvolles Walten blieb ein unentworrenes Räthsel . Sie starrte finster in sich hinein , sie konnte nicht beten , nicht weinen ! Die Sonne neigte sich bereits , und warf ihre Strahlen scheidend über den Strom , als mehrere flache Fahrzeuge , von jungen Weibern geführt , mit Wäsche beladen , an das Ufer stießen . Die Schifferinnen befestigten ihre Kähne , traten mit den weißen , nackten Füßen , auf einzelne freiliegende Steine des Walles , und flink und munter spülten sie das Linnen in dem klaren Wasser . Das Klatschen der Wäsche schien den Takt zu ihren Liedchen zu schlagen , die sie frohen Muthes , mit schönen , hellen Stimmen sangen . Diese Töne , welche aus dem Wasser heraufzusteigen schienen , lockten zuerst Thränen aus Antoniens Augen . Ihr gränzenloses Elend , wie das ganze , verfehlte Streben ihres krankhaften Daseins , fiel mit solcher Gewalt auf sie nieder , daß sich ihre Sinne verwirrten , und sie kaum noch wußte , wo sie sei , und was in ihr vorgehe . Fast war die Sonne hinunter , weiße Nebelkreise stiegen über die Wiesen , jenseit des Stromes herauf ; bald dampfte das Wasser in dichten Wolkenwirbeln , der Abendvogel zog schwirrend vorüber , die Stimmen dort unten klangen noch . Jetzt sangen sie das Lied von einer Zauberkönigin , die einem armen , schönen Kinde den Buhlen entführt , ihn in Liebesnetze verstrickt , durch böse Kunst an sich gekettet hält , bis diese sich verzweifelnd in die Wellen stürzt , und jeden Abend den Treulosen aus flüsterndem Rohrgesäusel an sich ruft . Die Stimmen schweigen plötzlich , denn eben jetzt rauscht es zitternd durch die schwankenden Rohrhalme . Antonie fährt schreiend in die Höhe , die Weiber , vom Lande stoßend , sahen sie , wie sie mit drohender Geberde aus dem wüsten Gemäuer heraufblickte , und verhüllten Gesichtes gleiten sie pfeilschnell die Rhone hinunter . Antonie bleibt regungslos , wie verzückt , stehn , das Herz stockt ihr in der Brust , sie kann kaum noch athmen , das Blut scheint in den Adern zu kochen , sie greift krampfhaft umher , in der Angst faßt sie den Dolch , und stößt ihn langsam , langsam , sich an dem Stahle kühlend , in die kranke Brust hinein . Ihre Augen waren noch nicht geschlossen , als , nicht weit von ihr , zwei Männer in der abendlichen Dämmerung auf dem Gestein niedersaßen . Antonie richtete sich in die Höhe : Adalbert ! rief sie schwach , er schwankte , von dem Andern geführt , zu ihren Füßen . Das Wasser rauschte , wie an jenem Abend , neben ihnen , der Mond warf , wie damals , seinen verklärenden Schein auf Antonien , sie sagte stark , mit aufwärts gewandtem Auge : ich gebe Dich frei , Adalbert ! dann sank sie , auf immer verstummend , an die Trümmer ihres Stammhauses nieder . Achtzehntes Kapitel Der Marquis hatte sich indeß ungewöhnlich gegen Abend erholt , er saß aufgerichtet im Bett , Marie auf einem Fußbänkchen neben ihm , das Kind lag in blendend weißen Tüchern auf ihrem Schooß , seine großen Augen schon hell nach dem Lichte wendend , durch das offne Fenster strichen angenehme Luftzüge , die nahen Pappeln und Linden schütteten ihren Blüthenduft in das Zimmer , Marie tändelte leise mit dem Knaben , der Marquis sah lächelnd auf beide , und redete viel und heiter mit der Baronin und dem Herzoge , welche ihren Platz zu den Füßen des Bettes genommen hatten , der Arzt reichte ihm von Zeit zu Zeit einige Tropfen mit Wein vermischt , und bezeigte sich überall sehr aufmerksam . Nicht lange , so schlief der Kranke erschöpft ein . Da klopfte es an der Thür , sie ging auf , und es traten zwei Männer in Uniform herein . Auf das Geräusch schreckte der Marquis in die Höhe . Das Erste was ihm in die Augen fiel , war jene Gestalt , welche ihm bei Schloß Clairval in den Weg trat , er fuhr heftig auf , laß mich ! schrie er , rühr mich nicht an ! der kranke Bürger Villeroi geht zu den Barmherzigen im Himmel ! Ich transportire Verwundete , erwiederte jener ruhig , wie zum Rapport , der brave Camerad hat bei Lodi was weggekriegt , er kann den Säbel leider Gottes nicht mehr führen , die rechte Hand ist ihm entzwei geschossen , er soll sich bei den Seinigen ausheilen . Ich will mich ausheilen , sagte Adalbert leise mit abgewandtem Gesicht . Seine Stimme rief dem Marquis den jungen , schlanken Chasseur-Offizier in diesem Augenblick zuerst wieder zurück . Mein guter Engel ! rief er betroffen , Du , Adalbert ! Marie lag schon längst auf ihren Knieen , das Kind mit aufgehobenen Händen Adalbert entgegen haltend , dieser schwankte zu ihr hin , er kniete ebenfalls vor dem Kinde , beide Eltern spiegelten sich in dessen hellen Augen , ihre Thränen mischten sich auf den zarten Händchen , die damit zu spielen schienen . Dieser Thau wusch alle fremde Bilder aus Adalberts Seele , rein und heilig , drückte er Frau und Kind an sein Herz , das er Marien auf immer wiedergegeben fühlte . Alle waren wie neu geboren , der Herzog segnete erst jetzt mit freier Brust die Verbindung seines Sohnes ein , Marie schwamm in Freudenthränen , sie war wieder ein seliges Kind geworden , sie schmiegte sich zärtlich und liebkosend an Vater und Freunde , als der finstere Kriegsmann einige Schritte vortrat , und mit seiner barschen Stimme sagte , ich wollte nur melden , daß draußen bei dem alten Mauerwerk ein Frauenzimmer in ihrem Blute liegt , die hineingeschafft werden muß . Todesbote ! rief der Marquis entsetzt , der Herzog und der Arzt stürtzten zum Zimmer hinaus , Adalbert sah bleich zur Erde . Ist sonst noch etwas hier zu thun ? fragte dessen wilder Camerad , Adalbert winkte verneinend mit der Hand , und jener verließ sie ungesäumt . Todesbote ! wiederholte der Marquis , sich in seine Decken verhüllend . Adalbert , sagte die Baronin , trinke jetzt beherzt die letzten Tropfen aus Deinem Leidensbecher . Es ist Thorheit , wenn man denkt , das Gewaltsame könne mild enden ! Ein Ausrenken oder Verzerren der schönen Naturverhältnisse kann nur durch einen Stoß oder Schlag in seine Ordnung zurückspringen . Der Schlag ist erfolgt . Sieh nun auf die heitere Ordnung des Lebens ! Adalbert drückte bejahend ihre Hand . Jetzt kam der Arzt zurück . Wie ist sie gestorben ? fragte der Marquis . Nach dem starken Anschwellen der Blutadern zu urtheilen , entgegnete jener , hat sie in der Angst des gewaltsamen Krampfes , wie schon öfter , Kühlung vom Stahle erwartet , und sich den Dolch bewußtlos in die Brust gestoßen . Der Marquis faltete schweigend die Hände . Alle blieben lange stumm . Darauf foderte er , fast bittend , man solle ihm sein unglücklich Kind noch einmal zeigen . Antonie lag sauber , in jenem weißem Gewande mit hohem abwärtsstehendem Kragen , auf einem Ruhebett im Nebenzimmer , der Arzt öffnete die Thür dahin in dem Augenblick , als Giannina und Alexis ihr eine Krone von dunklen Malven auf das Haupt setzten . Ihr Gesicht , weiß wie Marmor , schien ruhig , der Körper lag grade , die Hände gefaltet auf der Brust . Der Marquis ließ sich in die Höhe richten und sah freundlich zu ihr hin . Er verbot , die Thür wieder zu schließen , bat Alle , die Nacht bei ihm zu bleiben , und verlangte selbst den Korb des kleinen Renaud dicht an sein Bett gerückt zu sehen . So blieben alle versammelt ; zwischen dem Tode , dem aufblühenden und hinscheidenden Leben , her und hin gehend . Gegen Mitternacht sagte der Marquis : es ist alles Gegenwart in der Liebe ! ich lebe jetzt alle schöne Augenblicke aufs neue mit der Marquise ! es ist alles wieder da , ganz da ! Es ist schön mit dem zugleich ! aber der Mensch erträgt es nicht , er ist zu schwach ! deshalb kann er auch die Vergangenheit niemals durch die That zur Gegenwart machen ! es geht niemals , niemals ! Er seufzte tief ; ward unruhig , und schien etwas zu verlangen . Marie legte ihm schweigend ein Cruzifix auf die Brust . Er griff mit beiden Händen danach , befühlte es lange , und rief dann freudig , das ist die Figur der Welt ! Der Erlöser - der Schlüssel des großen Buches - mein Gott ! stammelte er gebrochen , Du bist die Liebe , - in Dir - ist ewige - Gegenwart . Sein Kopf sank auf die Brust , die Lippen berührten das Kreuz , der Athem flog leicht zum letztenmale darüber hin . Der Arzt drückte ihm schweigend die schönen , starren Augen zu . Dann sagte er bewegt : so hat er denn ein Wunder erlebt , das einzige und ewige , die Fortentwickelung der Zeit ! - Nach wenigen Tagen wurden Vater und Tochter neben dem alten Schlosse an den Ufern der Rhone beigesetzt . Marie schuf hier einen neuen Blumensitz , und Antonie lebte ohne Zauberei still und friedlich in Adalberts Seele , dem ein freundlich-heiteres Dasein an Mariens Liebe und seines Kindes Leben aufging . Die alten Wunder waren von der Erde verschwunden , aber die Liebe schuf täglich neue . Die Magie ihres Familienstammes blühete in Marien auf so eigene reizende Weise wieder auf , daß sie ihres Gatten Herz in stets unauflöslichern Banden an sich zog . Die Baronin und Giannina verließen sie niemals , doch den Herzog trieb die erwachte Liebe zum Vaterlande noch in mach neues Kriegsunternehmen . Auch Alexis ward in der Folge Soldat , während sein Vater das Grab seines alten Freundes hütete .