- Ach dieser Ort dünkte mich mein väterliches Haus ! und ich glaubte wiederkehren zu dürfen , wann ich wollte ! Hör ' auf Margarethe ! - rief er nun schnell - Was du darfst , kann Niemand besser wissen , als du selbst . - Stephani hat den Auftrag , dein Bildniß zu machen . Geh ' , und melde ihm , daß er eile . Mit diesen Worten wandt ' er sich wieder zu dem grossen Tische mit Schriften , und ich mußte nun gehen ; ergriff aber doch noch schnell genug , ehe er es hindern konnte , seine Hand , und drückte sie fest an meine Lippen . Dann aber eilt ' ich fort , ohne mich umzusehen . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Alles , was ich denke und empfinde , ist ein Lobgesang ; denn Herr Stephani ist ganz wieder hergestellt . Als Rosamundens Bild fertig war , verfiel er wieder in eine so tiefe Schwermuth , daß wir Alle in die grösseste Angst geriethen . Unglücklicherweise vergaß ich auch ganz darüber , was mir der Fürst wegen meines Bildes aufgetragen hatte , und nur zufällig erinnerte ich mich einmal gegen die Frau Präsidentin daran . Sie verlangte , ich solle es Herrn Stephani augenblicklich sagen . Aber , herzliebste Mutter ! das war mir unmöglich , und so sprach die Frau Präsidentin selbst mit ihm darüber . Herr Stephani fragte : ob ich noch wohl den Anzug besitze , in welchem ich zuerst ins Haus gekommen sey ? denn der Fürst wolle mich in einem ländlichen Kleide dargestellt haben . Aber der Anzug war verschenkt . Hierauf zog er eine farbige Zeichnung unter seinen Papieren hervor , und sagte : dies sey ein unbekanntes Mädchen , welches er einmal auf einem Spaziergange gezeichnet , dessen Gesicht er aber nicht gesehen , und ihm deswegen Rosamundens Züge gegeben habe . Mein Gott , das ist ja Gretchen ! - rief nun die Frau Präsidentin - dieses Mieder trug sie gewöhnlich , wenn sie in ihres Oheims Garten arbeitete . Es ist ihr Wuchs ! ihre Stellung ! Gerade so trägt sie den Korb . O es ist Gretchen ! Herrn Stephani ' s Freude darüber war ausserordentlich , und er versicherte , daß er das Bild ganz so entwerfen werde . Keine Spur von Krankheit mehr an ihm zu erblicken . Der Fürst hat die Zeichnung auch gesehen , ist aber nicht so dadurch erheitert worden . Herzliebste Mutter ! es ist doch eine grosse Wohlthat Gottes um eine schöne Kunst , und der Mensch , welcher sie übt , scheint eine allmächtige und immer wieder sich erneuernde Kraft gegen alle Erdennoth zu bekommen . Wer sollte nicht glauben der Fürst müsse in seiner grossen Bestimmung mehr Seelenerhebendes , als Herr Stephani in seiner Kunst finden ? - Aber dem ist nicht so , das seh ' ich tagtäglich , und kann keine andere Ursache finden , als : daß die schwere Regierungskunst auf der Erde festhält ; statt , daß die schöne Kunst über die Erde erhebt . Ach , möchte das Gemälde lange nicht fertig , und dann gleich wieder etwas Erheiterndes für Herrn Stephani gefunden werden ! Ich sagte das der Frau Präsidentin , und sie erzählte mir : der Fürst werde einen Sommerpallast in der Nähe des Klosters erbauen lassen , und Herr Stephani verschiedene grosse Deckengemälde in demselben auftragen . Gott sey gelobt ! O herzliebste Mutter ! ein heiteres Leben wird wieder beginnen , und es wird sich noch Alles zu einem schönen Wohlklange vereinigen . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Der Bau des Klosters4 wird eifrig betrieben , der Fürst hat es reichlich beschenkt , und die Aebtissin aus seiner eigenen Familie ernannt . Drei Frauen und ein Mädchen haben sich schon gemeldet ; Alle durch Leiden unerhörter Art vom Schicksale bezeichnet . Ich , herzliebste Mutter ! bin die einzige Glückliche , und darum erscheint mir auch wohl Alles ganz anders . Wo die Andern nur beifällig lächeln , da juble ich . Die Vögel , die Blumen , die Thäler und die Höhen scheinen mir zu antworten , und mein Gang dünkt mich nur ein seliges Schweben durch diese paradiesischen Gefilde . Ich habe schon mein Kleid , herzliebste Mutter ! ich trage es schon ! Darf schon helfen , wo ich will ! O , wie matt war die Vorstellung dieses glückseligen Lebens ! Wie ganz anders ist die Wirklichkeit ! Wie viele Herzen , die sich trennen wollten , in Liebe vereinigt ! Wie viele Thränen getrocknet ! Wird sie nicht zu uns kommen , herzliebste Mutter ? Arbeiten sollen nicht auf sie warten ; aber pflegen wollen wir ihr Alter , zu einem Himmel wollen wir es machen . Der eine Flügel des Gebäudes ist schon ganz vollendet . Komme sie , meine theure , geliebte Mutter ! O , komme sie doch ! Diese Zeilen waren das Letzte , welches von Margarethens Briefwechsel aufbewahrt wurde . Ihre Mutter langte wirklich kurz darauf an , sah ihre geliebte Tochter einen Engel der Rettung für Tausende werden , und das , was man für Schwärmerei gehalten hatte , sich in die erhabenste Wirklichkeit verklären . Margarethe wurde durch die beseligende Thätigkeit , der sie sich widmete , noch schöner , und verwandelte , ohne es zu ahnen , Stephani ' s , wie des Fürsten leidenschaftliche Liebe , in tiefe Verehrung . Dieser wurde nach einiger Zeit durch mächtige Umstände zu einer Vermälung bewogen . Stephani aber , welcher in der That , wie Rosamunde einst schrieb , das ganze Geschlecht tiefer und leidenschaftlicher , als irgend ein Mann liebte , vermälte sich nie . Er hatte viele Geliebten , oft mehrere zu gleicher Zeit , und versetzte sie , noch kurz vor seinem Tode , in einem grossen Deckengemälde , unter die Götter . Margarethe aber , vom höchsten Lichtglanze umflossen , als Venus Urania über sie Alle . Von ihr gepflegt , starb er , auf einem schmerzhaften Krankenlager , in ihren Armen , und in der Blüte seines Lebens . Leidenschaftliche Liebe für die Kunst , wie für die Weiber , grub sein frühzeitiges Grab . Mehrere Jahre darauf starb auch der Fürst , ebenfalls in Margarethens Armen , und von ihr bis zum letzten Augenblicke verpflegt . Sie weinte lange . Aber Franz5 , Stephani ' s geliebtester Schüler , behauptete : sie habe bei des Fürsten Tode nur Stephani ' s Tod zum zweitenmale gefühlt ; auch sey damals eine gänzliche Veränderung in ihrem Wesen sichtbar geworden . Doch blieb sie länger schön , als Sterbliche es bleiben , und brachte ihr himmlisches Leben , mit dem Gebrauche aller Sinne , bis zum höchsten menschlichen Alter . Nur von Einer Schwäche wurde dieses ausserordentliche Alter begleitet . Sie vermochte nicht mehr den Anblick verzerrter , noch weniger durch das Laster entstellter Menschen zu ertragen , und verfiel , wiewohl eine Feindin aller Pracht , beim Anblick des Schmutzes und der Unordnung in Schwermuth . Man war daher gegen das Ende ihres Lebens bemüht , nur schöne Gegenstände um sie zu versammeln , und die höchste Sauberkeit in ihrer Nähe zu erhalten . Sie wurde sichtbar dadurch erheitert , und ihren Freunden , ohne Zweifel , mehrere Jahre erhalten . Endlich fiel sie in einen anhaltenden , nur durch kurzes Erwachen unterbrochenen Schlummer , und die Aerzte verkündigten ihr Ende . Nun wurde ihr Bett mit Kindern jedes Alters umringt , die sie entweder selbst , oder deren Aeltern sie dem Tode , dem Hasse , oder dem Elende entrissen hatte . Sie erwachte noch einmal , erblickte die Kinder , und verschied mit einem Lächeln , welches ihren himmlischen Zügen eingedrückt blieb . Ihr Grab liegt auf einem Hügel , und die Sage geht , daß Gemüthskranke dort geheilet werden . Ob die reine Bergluft hierzu beitrage - wag ' ich nicht zu entscheiden . Fußnoten 1 Es war Gretchen . 2 Gretchen . 3 Gretchen war eine Protestantin und in Deutschland geboren . 4 Es war nie ein eigentliches Kloster , sondern bestand , bis zu Ende der Regierung Gustavs von Medizis , unter dem Namen einer wohlthätigen Anstalt . 5 Er war es , der diese Papiere sammelte .